das Notizbuch - Lutz Spilker - E-Book

das Notizbuch E-Book

Lutz Spilker

2,0

Beschreibung

Führen die schriftlichen Erinnerungen eines "alten Kameraden" zur Katastrophe? Unter den alten Sachen, die Kalle zwar erbte, jedoch nie beachtete, entdeckt er durch Zufall ein Notizbuch, in das sein Großvater alle seine Erinnerungen an die Erlebnisse im Kriegsgefangenenlager eingetragen hatte. Dieses Notizbuch befindet sich bereits seit Jahren in Kalles Besitz, doch er wusste nichts davon. Eigentlich zählt er sich zur hartgesottenen Art, doch was er da zu lesen bekommt, verschlägt ihm teilweise die Sprache. Auch gründete der mittlerweile verstorbene Großvater nach seiner Heimkehr eine Firma mit seinem damaligen Kameraden, den er in der Kriegsgefangenschaft kennenlernte und in diesem Notizbuch namentlich nennt. Da Kalle der einzige Erbe ist, müsste die Teilhaberschaft also an ihn gegangen sein. Das ist jedoch nicht der Fall. Kalles Großvater wird nirgendwo als Kompagnon aufgeführt. Sein Name wurde offensichtlich spurlos beseitigt. Es scheint jetzt so, als hätte er nie existiert, denn kein Papier weist seine Beteiligung aus. Kalle schaltet einen Anwalt ein und legt ihm das Notizbuch als Indiz für einen möglichen Betrug vor. Weitere Recherchen ergeben, dass sowohl Kalles Großvater als auch der Kompagnon und frühere Kamerad in demselben Lager untergebracht waren. Auch der bis zum heutigen Zeitpunkt nie eindeutig geklärte Tod des Großvaters wirft ein seltsames Licht auf die gesamte Angelegenheit.

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Ein Kriminalroman

von

Lutz Spilker

DAS NOTIZBUCH KRIMINALROMAN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Softcover ISBN: 978-3-384-13488-2

Ebook ISBN: 978-3-384-13489-9

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Die im Buch verwendeten Grafiken entsprechen den Nutzungsbestimmungen der Creative-Commons-Lizenzen (CC).

Sämtliche Orte, Namen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig, jedoch keinesfalls beabsichtigt.

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, sind ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Autors oder des Verlages untersagt.

Alle Rechte vorbehalten.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die, so singen oder küssen, Mehr als die Tiefgelehrten wissen, Wenn sich die Welt ins freye Leben Und in die Welt wird zurück begeben, Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit werden gatten, Und man in Mährchen und Gedichten Erkennt die wahren Weltgeschichten, Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (* 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt - † 25. März 1801 in Weißenfels), war ein deutscher Schriftsteller der Frühromantik und Philosoph.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1 - Auf und davon

Kapitel 2 - Der Angeber

Kapitel 3 - Neue Perspektiven

Kapitel 4 - Strompiraten

Kapitel 5 - Großvaters Erinnerungen

Kapitel 6 - Die Suche

Kapitel 7 - Das Pünktchen auf dem I

Kapitel 8 - Das Zerwürfnis

Kapitel 9 - Der Einbruch

Kapitel 10 - Für immer Dein

Kapitel 11 - Fragen über Fragen

Kapitel 12 - Tischlein deck dich

Kapitel 13 - Stille Post

Kapitel 14 - Aller Anfang

Kapitel 15 - Harte Bandagen

Kapitel 16 - Klar Schiff

Kapitel 17 - Alles auf Null

Kapitel 18 - Sicher ist sicher

Kapitel 19 - Großreinemachen

Kapitel 20 - Wie du mir

Kapitel 21 - Keine halben Sachen

Kapitel 22 - Wer zuletzt lacht

Kapitel 23 - Ping-Pong

Kapitel 24 - Frauengespräche

Kapitel 25 - Wandertag

Kapitel 26 - Empfang

Kapitel 27 - Rette sich wer kann

Charaktere

Fakten - Begriffe - Abkürzungen

Über den Autor

das Notizbuch

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Urheberrechte

Kapitel 1 - Auf und davon

Über den Autor

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Kapitel 1 - Auf und davon

Es schwelte in ihr und kam einer Mischung aus Verpflichtung und Belastung sehr nahe. Als Helga mit ihrer Schwester telefonierte, wollte sie ihr nicht gleich sagen, dass sie bereits einige Male im Freien übernachtet hatte. Für sie selbst war es nicht nur ungewohnt, sondern ebenso entwürdigend. Sie fühlte sich nicht mehr wie ein vollwertiger Mensch, der einem anderen - auch wenn es sich dabei um die eigene Schwester handelte - gleichwertig gegenübertreten konnte. Es schien ihr so, als besäße sie bereits von vornherein die schlechtere Ausgangsposition. Sie war der Bittsteller und somit auf das Wohlwollen einer anderen Person angewiesen. Sie belegte den zweiten Platz, ohne einen vorausgegangenen Wettkampf bestritten zu haben, und dieses Gefühl zerrte an ihrem Bewusstsein. Dauerhaft würde sie sich nie daran gewöhnen können.

Ihre Wohnung musste sie schon vor einer Weile verlassen, und das Wenige, was ihr blieb, konnte sie mühelos tragen. Ein bisschen Geld, ihr Telefon und ihr Leben waren ihr geblieben. Aber ihre Wohnung bot ihr Schutz. Sie besaß ein Dach über dem Kopf, und es war trocken. Spöttische und verachtende Blicke erreichten sie nicht und setzten sie keiner vermeintlichen Minderwertigkeit aus.

Bereits zu der Zeit, als sie noch Arbeit und Wohnung besaß, rief sie ihre Schwester öfter an und berichtete von ihren Ahnungen. Als Schwarzmalerei tat es ihre Schwester ab. Sie persönlich glaubte die Situation jedoch genauso kommen zu sehen, wie sie letztlich auch eingetroffen war. Ihr Arbeitgeber musste sie wegen drastischer Einsparungen im Personalwesen entlassen und verursachte dadurch eine existenzbedrohende Schräglage in ihrem Leben. Nun stand sie da. Auf der Straße. Der Himmel war ihr Dach oder der Eingang einer Ladenpassage, ein Hausflur oder ein Brückenbogen ebenso. Niemals sollten diese Erfahrungen die Chance erhalten, sich zum Dauerzustand entwickeln zu können. Noch warf sie ihr Lasso in Richtung ihrer Schwester aus und setzte all ihre Hoffnungen darauf.

Gisela war zwar bloß zwei Jahre älter als sie, aber schon immer die große Schwester. Der frühe Tod ihrer Eltern ließ sie zu ihrer Bezugsperson werden. Gisela war ihre Familie. Sie war mit Karl-Heinz verheiratet und führte mit ihm eine kinderlose Ehe, die von Weitem betrachtet glücklich daherkam. Aus der Nähe wiesen diese Partnerschaften jedoch dieselben Schrammen und Macken auf, wie es alle anderen Zweisamkeiten auch taten. All das interessierte Helga nicht. Es ging sie nichts an, obgleich es sich um ihre Schwester handelte.

Gisela stimmte Helgas Anfrage unter Vorbehalt zu. Sie betonte gleich, dass sie ihren Aufenthalt keineswegs als Dauerzustand verstehen würde, sondern lediglich als vorübergehende Lösung, im Sinne eines ausgiebigen Besuchs. Also wäre das Sofa im Wohnzimmer der einzige Platz, den sie ihr anbieten könnte, und um sie vom Bahnhof abzuholen, würde sie noch nicht einmal die Zeit haben, zumal sie das Abendessen für Kalle, wie sie ihren Mann Karl-Heinz nannte, pünktlich auf den Tisch stellen müsste. All das ließ Gisela ihre Schwester am Telefon wissen. Helga nickte. Dass es ihre Schwester gar nicht sehen konnte, wurde ihr in diesem Augenblick gar nicht bewusst, und im Übrigen beschrieb ihre Schwester genau die Art, die ihr von ihrem Schwager bereits bekannt war. Alles musste sich stets wie ein Räderwerk bewegen, sonst reagierte er ungehalten. Jedenfalls war sie zufrieden und bedankte sich bei ihrer Schwester. Allerdings konnte sie ihr nicht einmal sagen, wann sie dort eintreffen würde.

Alleine um Geld für eine Zugfahrt zu sparen, versuchte sich Helga nun per Anhalter fortzubewegen. Sie hatte sich bloß um sich selbst zu kümmern. Sie kramte ihre Sachen zusammen, packte sie in eine Art Rucksack und machte sich auf den Weg. Die Sonne schien zwar nicht hochsommerlich, aber es regnete auch nicht. Helga ging in Richtung der Straße, wo die meisten Autos in die Richtung fuhren, in die sie auch wollte. Irgendein Wagen würde bestimmt anhalten und sie mitnehmen. Wahrscheinlich wären es bloß zwei Stunden Fahrtzeit, und vielleicht würde sie sogar jemand bis ans Ziel bringen. Ihr gesamtes Hab und Gut passte in den großen Rucksack. Ganz langsam wurde ihr bewusst, dass sie ihren gesamten Besitz fast mühelos mit den eigenen Händen tragen konnte. Keine Koffer, keine Kartons und keine Kiste. Nur ein Rucksack. In jedem Einkaufswagen an der Supermarktkasse sah sie schon bedeutend mehr als das, was sie augenblicklich mit sich trug. Sie könnte sich als Globetrotter ausgeben. Niemand sah ihr ihre tatsächliche Situation an, und niemandem wäre sie darüber Rechenschaft schuldig. Vielleicht würde sie sich bloß besser fühlen, wenn sie wirklich zu einer Weltreise unterwegs wäre. Dann besäßen ihre zerzausten Haare und ihr abenteuerlich wirkendes Äußeres ein glaubhaftes Alibi. Eigenartig. Selbst das persönliche Befinden würde aufgrund dieser Attrappe reagieren und ließe sich womöglich damit korrumpieren. „In einem Theater würde dem Zuschauer schließlich nichts anderes vorgeführt“, überlegte sie. Kulissen aus Pappmaschee stellten die Szenerie dar und entführten den Betrachter für einige Zeit in eine andere Welt. Einem Zauber gleich ließ er sich dann entführen, auch wenn sich die Magie als fauler Zauber herausstellte, würde er ihm anstandslos folgen. Bemerkenswert.

Kapitel 2 - Der Angeber

Helga befand sich in einer dieser Situationen, in der sie jede Änderung, die die Lage nicht verschlimmerte, als willkommen betrachtete. Würden ihr jetzt drei Wünsche zur Verfügung stehen, wären sie wahrscheinlich schnell verbraucht.

Mit ihrer Schwester kam sie immer wunderbar aus. In dieser Hinsicht herrschte familiäres Einvernehmen.

Ein paar Sorgen bereitete ihr allerdings die Gegenwart von Karl-Heinz, den sie - wie eigentlich alle anderen auch - Kalle nannte. Mit ihm geriet sie zwar noch nie aneinander, aber einigen seiner Ansichten konnte sie nicht folgen oder brachte kein Verständnis dafür auf. Zumindest wurde ihr ein Dach über dem Kopf angeboten, und sie saß nicht auf der Straße.

Anfangs stand sie dem Verkehr noch zugewandt auf der Stelle, hob brav ihren Daumen, lächelte freundlich, suchte den Blickkontakt zum jeweiligen Fahrer und machte sich ihre Gedanken. Doch ein Wagen nach dem anderen fuhr vorüber. Viele Fahrer schauten ihrer Ansicht nach absichtlich in eine andere Richtung oder beschäftigten sich plötzlich mit irgendetwas im Wageninneren, als sei es ihnen peinlich, keine Anhalterin mitzunehmen.

Ihr Blick war aber nicht nur auf die ihr entgegenkommenden Fahrzeuge gerichtet, sondern automatisch auch auf die Großstadt, die immer ihre Heimat war. Dort befand sich ihr Leben, das sie jetzt verließ. Ihre Wohnung, ihre Freunde, ihre Welt. All das wurde immer kleiner, selbst wenn sie sich nicht bewegte und bloß still am Straßenrand stand.

Aber sie wollte ihrer Vergangenheit nicht sehnsüchtig hinterherweinen, sondern einer neuen Zukunft ins Gesicht schauen. Also bewegte sie sich gemütlichen Schrittes in Fahrtrichtung, schulterte locker ihren Rucksack und streckte den Daumen der linken Hand aus, ohne sich jeweils umzudrehen.

An dieser Stelle war der Verkehr noch ruhig. Dutzende Wagen fuhren an ihr vorbei, und sie hatte das Gefühl, den Fahrern war es recht, dass sie keinen Blickkontakt mit ihnen suchte. Vorher verminderten einige Autos noch ihre Geschwindigkeit, und sie gewann den Eindruck, als schwankte der Fahrer zwischen anhalten oder weiterfahren, doch jetzt rauschte jeder Wagen mit unverminderter Geschwindigkeit an ihr vorbei.

Würde sie ein eigenes Auto besitzen, kämen genau die Probleme auf sie zu, die sie nicht besaß, und das hatte seinen Grund. Im Laufe der Jahre gewöhnte sie sich an das Fahren mit der U-Bahn, und die hielt quasi vor ihrer Haustür. Wahrscheinlich würde sie nie wieder so eine Wohnung finden, denn da fühlte sie sich wohl. Ja, sie erlebte dort die vielleicht schönste Zeit überhaupt. Das Schicksal müsste sich also ordentlich anstrengen, wenn es diese Phase noch einmal übertrumpfen wollte.

Das alte Sofa in ihrem Wohnzimmer stammte, wie der Rest ihres übrigen Mobiliars, aus einem Kaufhaus für gebrauchtes Wohninventar. Wer etwas noch Ansehnliches abzugeben hatte, und sei es ein Klavier, konnte dort anrufen und es abholen lassen. Dann wurde es auf seine Gebrauchsfähigkeit untersucht, gereinigt und angeboten. Viele Leute besorgten sich dort ihre komplette Inneneinrichtung und lebten noch viele Jahre mit diesen Dingen.

Als Helga in diese Wohnung zog, guckte sie sich auch in diesem Geschäft um und richtete sich Stück für Stück gemütlich ein.

Für sie waren die Gegenstände neu, und ihren Freunden erschien es nicht anders. Ständig hatte sie Besuch. Entweder waren es die im selben Haus wohnenden Nachbarn, Arbeitskollegen oder Personen aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis. Dann wurde ein Glas Wein getrunken und sich über alles Mögliche unterhalten, was jedem gerade durch den Kopf ging. Tagesaktuelle Angebote aus dem Supermarkt wurden ebenso zum Thema erhoben, wie die neuesten Frisurentrends oder die Gedanken der antiken Philosophen. Die Pinselstriche weltberühmter Maler standen zur Debatte, und die Nudelrezepte aus der eigenen Küche fanden auch neue Freunde. Irgendjemand war für die Musik zuständig und brachte die Songs zu Gehör, die jeder kannte und mitsingen konnte. Es waren diese weißt du noch - Lieder, die immer an irgendetwas erinnerten.

Einige Meter vor ihr hielt plötzlich ein Auto an. Sie bekam davon gar nichts mit, so sehr war sie in ihre Gedanken vertieft. Sie ging ihres Weges, spreizte ihren Daumen mehr unbewusst ab und war in eine Welt versunken, die nur in ihrem Kopf existierte.

Der Wagen setzte zurück und stand dann direkt neben ihr. Erst jetzt wurde sie auf ihn aufmerksam. Die Scheibe auf der Beifahrerseite senkte sich, und Helga hörte eine Stimme fragen, ob sie einsteigen und mitfahren wolle. Sie bückte sich und schaute einem sehr gepflegten Mann ins Gesicht, dem sie vertrauensvoll zunickte. Aufgrund seiner Handbewegungen öffnete sie die Autotür, klappte die Lehne des Sitzes nach vorne und stellte ihr Gepäck dahinter ab. Anschließend klappte sie den Beifahrersitz wieder zurück, stieg in den Wagen und sagte mit einem Handschlag: „Hallo, ich bin die Helga.“ „Ich heiße Bruno“, erwiderte der Fahrer. Dann konzentrierte er sich auf den Verkehr und fuhr los. Langsam gewann Helgas Orientierung wieder die Oberhand. Sie schaute sich nach allen Seiten um und stellte fest, dass sie nicht nur neben einem äußerst attraktiven Mann saß, sondern auch in einem wirklich eleganten Sportwagen chauffiert wurde. Für sie würde es erheblich imposanter werden, wenn sie ihrer Schwester von einem gut aussehenden Mann in einem schicken Flitzer berichten könnte, als von einem durchschnittlich langweiligen Typ in einem ebenso gewöhnlichen Gefährt. Sie drückte sich wohlig in den Ledersitz und genoss ihr Gefühl von Luxus und Bewunderung.

Bruno bemerkte diese Gesten und Bewegungen neben ihm, denn sie trieben sein inneres Mühlrad an. Nein. Es war wohl kaum die samariterhafte Verpflichtung Hilfe leisten zu wollen, die ihn zum Anhalten bewegte. Dieser Wunsch entsprang wie immer der puren Prahlerei. Das Präsentieren seines Sportwagens verband er mit dem Zurschaustellen seines Wohlstands, der, wie er immer wieder gerne zu Gehör brachte, auf den Grundmauern entstand, die ihm sein Großvater vererbte.

Bruno fuhr routiniert, aber relativ zügig. Die Stille im Wagen drückte auf Helgas Gemüt und sie fühlte sich beinahe schon verpflichtet etwas zu sagen. Keinesfalls wollte sie das Radio in Eigenregie bedienen und da es ausgeschaltet war, sollte es wahrscheinlich genauso sein.

Für eine Weile könnte sie zu ihrer Schwester ziehen, erzählte sie drauflos, weil ihr gesamtes Wohnhaus wegen eines unterirdischen Wasserrohrbruchs abgerissen werden würde. Die ihr und den anderen Mietern zur Verfügung stehenden Alternativen würden ihr jedoch nicht zusagen und somit finge sie sozusagen in einer anderen Stadt ein neues Leben an. Eigentlich - schwindelte sie weiter - trug sie den Gedanken eines Neubeginns schon längere Zeit in sich, doch durch diesen Umstand wurde sie vom Schicksal quasi dazu geschupst. Schwierig wäre es wahrscheinlich bloß, wieder eine Firma zu finden, in der sie sich ebenso wohlfühlen würde, wie in der vorherigen. Da war sie als Büroangestellte tätig gewesen und weinte diesem Job tatsächlich hinterher.

Eigentlich war sie in der Abteilung so etwas, wie das ›Mädchen für alles‹ und den ganzen Tag in der gesamten Firma unterwegs. Vielleicht würde sie nie wieder so eine Beschäftigung finden, denn mit dieser Arbeitsstelle war sie wirklich sehr zufrieden. Natürlich könnte sie woanders viel mehr verdienen, flunkerte sie, aber dafür würde sie auch erheblich mehr leisten müssen und Verantwortung übernehmen. Aber das war noch nie ihr Wunsch gewesen.

Bruno schenkte ihr seine Aufmerksamkeit und nickte ab und zu. Für ihn galten ihre Erzählungen als willkommene Ablenkung zum Einerlei der Fahrt. Er suchte eine Pause in ihren Sätzen, denn eigentlich wollte er ihr etwas erzählen. Nun gestaltete es sich umgekehrt.

Doch dann ergab sich seine Chance und er nutze sie. Ihre unverschuldete Notlage war ihm keineswegs entgangen, doch nun musste er sich ihr gegenüber als Ritter in glänzender Rüstung präsentieren, zu dem sie schließlich aufzublicken hätte.

Er berichtete von seiner Position als Geschäftsführer und davon, mehrfach im Monat diese Strecke zu fahren, zumal er öfter und aus rein beruflichen Gründen in der anderen Stadt zu tun habe.

Helga bemerkte, dass er die Passage, öfter und aus rein beruflichen Gründen in der anderen Stadt zu tun habe ausdrücklich betonte, als wolle er ihr damit seine private Ungebundenheit avancieren. Sie wusste im ersten Moment nicht, ob sie den ihr entgegengebrachten Freimut erwidern sollte oder nicht. Außerdem war ihr keineswegs klar, ob von ihr sogar derartiges erwartet wurde. Jedenfalls war sie ein wenig über die fast schon prostituierende Offenheit des Mannes schockiert. Immerhin kannte sie ihn erst eine überschaubare Weile, doch er sprach mit ihr, als wäre sie eine intime Freundin oder eine langjährige Vertraute. Die an sie herangetragene Unverblümtheit stellte sich für sie als neuerliche Erfahrung dar.

Je weiter sie sich von der Großstadt entfernten, umso ferner erschien Helga ihre eigene Vergangenheit. Sie musste sich überhaupt nicht umdrehen, sie spürte es. Doch je größer der Abstand zur Stadt wurde, desto mehr fühlte sie sich zu ihr hingezogen. Vielleicht war es bloß das Gewohnte, das Bekannte und das Vertraute, welches sie mit diesem Ort verband.

Dort kannte sie die Straßen, die Gebäude und die Lokalitäten. Selbst die Leute aus den Geschäften gehörten zum Inventar ihrer Erinnerung. All diese Eindrücke schwanden zunehmend. Für Helga musste es wie eine Amputation gewesen sein, doch sie verdrängte es unbewusst durch die augenblicklichen Eindrücke.

Damals hätte sie auch bei ihrer Schwester oder zumindest in der Nähe bleiben können, doch sie zog es fort. Sie wollte - wie sie es nannte - was Eigenes machen und etablierte sich darum woanders. Dort fand sie im Nu Anschluss zu einem neuen Bekanntenkreis, ging von vornherein einer geregelten Arbeit nach und bezog kurz darauf eine kleine Wohnung.

Die Zukunft brächte ganz bestimmt neue Perspektiven und stieße neue Horizonte auf. Mit diesen Parolen wuchs sie auf und so brachte man ihr das Kommende bei. Sie musste daran glauben, dennoch ihr gar nicht so zumute war. Sie wäre am liebsten zurückgefahren und hätte ihr altes Leben umarmen wollen. Die stille Hinnahme der Gegebenheiten an ein vermeintlich Unabänderliches, welches lediglich durch die Unterschlagung der eigenen Fähigkeiten passieren konnte, wollte ihr nicht behagen.

Bruno bohrte sich wieder in ihre Aufmerksamkeit. Unablässig tönte er von Vorzügen, Besonderheiten und den Annehmlichkeiten, die er täglich genoss.

Sie versuchte abzuschalten und ihm einfach zuzuhören. Neid erweckte er schon. Sein Leben war plan und poliert. Ihres erschien dagegen uneben und rau. Mit ihm konnte sie nicht konkurrieren. Sie stand mittellos da, wohingegen er sich in Wohlstand wälzte, ein extravagantes Auto fuhr und mit beidem in unverschämter Weise prahlte. Dabei war all das gar nicht auf seinem Mist gewachsen, wie er selbst sagte. Er war bloß der Erbe, der Nutznießer und der Empfänger. Jedenfalls derjenige, der mit dem sprichwörtlich goldenen Löffel im Mund aufgewachsen war. Bereits im Kindesalter wurde ihm klar, dass er all das, was ihn umgab, einmal erben würde. Nichts und niemand stand ihm im Wege. Vielleicht sollte Helga etwas mehr über ihn erfahren, denn sie besaß bisher außer Neid nichts, was ihn identifizieren ließ. Eventuell könnte er ihr auch beruflich von Nutzen sein. Wie war sein Name? Stellte er sich eigentlich bei ihr vor? Wäre es überhaupt üblich, sich gegenseitig vorzustellen, wenn man per Anhalter unterwegs war? Sie war völlig verwirrt und stand sozusagen neben sich. Irgendwann würde er sie absetzen, ihr zuwinken und davonfahren. Dann stünde sie da, sähe den Wagen von hinten, würde vielleicht auch winken und nicht einmal seinen Nachnamen kennen.

Bruno hieß er mit Vornamen, so stellte er sich jedenfalls vor. Mehr wusste sie nicht. Und ob das der Wahrheit entspräche, wusste sie auch nicht. Aber welchen Grund könnte er besitzen, ihr einen falschen Namen zu sagen? Sie müsste ihn mit seinem Namen ansprechen und auf seine Reaktion achten. Wäre ihm der Name nicht geläufig, würde er möglicherweise zögernd reagieren. „Bruno …“, sagte sie so, dass er es nicht überhören konnte. Dabei schaute sie ihn genau an. Er reagierte normal, und in ihr sagte eine Stimme, „das ist tatsächlich sein Name“. „Was habe ich verbrochen?“, fragte er scherzend, weil er außer der Nennung seines Vornamens noch mehr erwartete. „Wie weit ist es noch?“, haspelte sie in ihrer Not. „Hinter der Höhe da drüben müssten die ersten Dächer erscheinen“, sagte er und zeigte in die Richtung. „In schätzungsweise 20 Minuten sind wir also da“, fügte er noch an und lächelte freundlich dabei. „Ja“, holte er aus, „bei gewissen Dingen ist es immer besser, den Herrschaften ins Gesicht gucken zu können, so bequem sich ein Telefonat auch gestalten kann … aber ich sitze den Leuten lieber gegenüber.“ „Und Videokonferenzen, das passiert nicht?“, fragte sie keck. „Aber selbstverständlich“, antwortete er, denn auch das gehörte zu seinem normalen Büroalltag. „Aber die Verhandlungen mit neuen Geschäftspartnern stellen sich als eigenes Universum dar … man hat sich noch nicht beschnuppert und kennt den anderen noch nicht als Mensch … verstehst du … ich darf doch du sagen?!“, sagte er und machte mit den Fingern diese typischen Bewegungen, als würzte er eine Speise nach, wobei er die Finger nicht nach unten, sondern nach oben hielt. „Einem Menschen in natura die Hand zu geben, ist etwas anderes, als ihn am Telefon zu begrüßen … Video hin oder her …“, fügte er noch an. „Aber wir machen das ja alles nicht zum ersten Mal“, sagte er aufgeblasen und klopfte sich dabei selbst auf die Schulter. Helga wusste überhaupt nicht, was sie von ihm halten sollte. Einerseits stellte er sich ihr gegenüber als erfolgreicher Geschäftsmann mit guten Manieren dar, andererseits als ungezogener Hasardeur mit draufgängerischen Ambitionen. Im Grunde genommen mochte sie beide Typen. Jeder besaß auf seine eigene Weise etwas Reizvolles und brachte Helgas innere Lampe zum Leuchten. Zu ihrem Glück vereinten sich beide Charaktere in einer Person, und die saß direkt neben ihr. Entsprechend der Beschilderung verließ Bruno die Autobahn, und kurz darauf erreichten sie die Stadtgrenze. Seine Handbewegungen waren eindeutig und fragten, wohin jetzt. Helga fühlte sich umgehend angesprochen, doch sie musste sich zunächst einmal selbst orientieren, da sie bisher stets mit dem Zug ankam und dann ein Taxi nahm. „Ich glaube, wir müssen an der nächsten Ampel links abbiegen“, sagte sie unsicher. „Du glaubst …?“, fragte Bruno. „Du weißt es also nicht genau?“, kommentierte er. „Bisher traf ich immer mit dem Zug ein und nahm mir für die Strecke in der Stadt ein Taxi … und wenn ich ehrlich bin, habe ich nie auf den Weg geachtet.“ „Hier ist ein Telefon“, sagte Bruno kooperativ und reichte ihr das Gerät. „Ruf dort an, sag, wo du bist, und frag, wie du dorthin kommst. Alles verstanden?“ Und da war sie wieder. Diese latente Überheblichkeit. Diese polierte Fläche, auf die selbst in der Nacht die Sonne zu fallen schien. Gerne hätte sie jetzt ihr eigenes Telefon hervorgekramt und müsste dort bloß auf die Taste für Wahlwiederholung drücken. Aber sie griff nach dem ihr angebotenen, tippte die Nummer ihrer Schwester ein, meldete sich fröhlich und fragte sie nach dem Weg. Gisela nahm das Gespräch verwirrt an. Eine ihr unbekannte Nummer erschien auf dem Display, und noch nie zuvor wurde sie von Helga nach der Strecke gefragt. Sie lotste Bruno an die richtige Adresse, und Gisela blieb wohl noch einen Augenblick so konfus stehen.

Helga war es nicht recht, dass Bruno sie direkt vor der Eingangstüre absetzen könnte. Sie ließ ihn vorher anhalten, bedankte sich in aller Form, nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Zur Hälfte machte er einen verlegenen Eindruck, und zur anderen Hälfte hatte sie das Gefühl, als hätte er es erwartet. Dann stieg sie aus, nahm ihre Sachen von der Rückbank an sich, schlug die Wagentüre zu und winkte dem davonbrausenden Nobelgefährt hinterher.

Kapitel 3 - Neue Perspektiven

Da stand sie nun und blickte in die Straße, die sie bereits kannte. Alles erschien ihr wie immer. Ein paar Hecken, ein paar Büsche und einige robuste Pflanzen änderten ihr Äußeres nur im Wechsel der Jahreszeiten. Ansonsten schien hier die Zeit stillzustehen.

Vielleicht war es bloß diese trügerische Gemütlichkeit, die von diesem Teil der Stadt ausging, denn hinter den biederen Fassaden bewies das Leben oftmals andere Gebaren, wie es die Schlagzeilen der Boulevardpresse erkennen ließ. Helga hatte die Art und Weise der Berichterstattung der „Yellow Press“ schon seit Langem in ihr Herz geschlossen. Wenn sie irgendwelche Geschichten und Geschicht’chen aus dieser Richtung ergattern konnte, entfachte es ihre Begeisterung. Sie war schon einige Male dort und besuchte ihre Schwester, doch noch nie verspürte sie das Gefühl, das sie augenblicklich durchströmte.

Auf Helga wartete ein zweiter Beginn. Vielleicht bot sich die große Chance. Sich etwas Neues zum Anziehen zu kaufen, fühlte sich erstens anders an und war zweitens nicht damit vergleichbar. Es war immer derselbe Körper, der bloß von etwas anderem umhüllt wurde wie eine Verkleidung. Aber jetzt fühlte sich vieles neugierig machend an. Die Luft roch anders und sie bildete sich sogar ein, dass sie anders schmecken würde.

Eigentlich könnte sie mit allem abermals starten, als ließe sich ihr bisheriges Dasein abschalten und, mit dem Ziel, einen anderen Zustand

erreichen zu wollen, wieder einschalten. Vielleicht hätte sie sich von ihren Freunden intensiver verabschieden können. Gleichsam wäre es jedoch einer Demütigung nahegekommen und hätte ihr den Umstand des Abschieds bloß unnötig schwer gemacht. Mit einigen ihrer Leute blieb sie bestimmt telefonisch in Kontakt, und außerdem lagen die Städte gar nicht so weit voneinander entfernt, sodass sich ein Treffen immer arrangieren ließe.

Ja, sie beginnt ein zweites Mal und brachte schon eine Menge Dinge mit. Vieles, was sie als Kind erlernte, musste sie nie wieder lernen. Das war wie eingraviert im Kopf. Dazu summierte sich ihre Art. Sie war umgänglich, anpassungsfähig und wollte nie mit dem Kopf durch die Wand. Früher hatten ihr Vater und ihre Mutter recht, später war es Gisela, der Lehrer, der Pfarrer, ihr Chef oder wer auch immer. Jeder hatte recht oder wollte recht behalten. Helga war nie der Typ gewesen, der darum stritt. Sie ging ihrer Wege, ließ sich nichts zuschulden kommen und erfreute sich ihres Lebens.

Möglicherweise wäre es für sie von Vorteil gewesen, wenn sie Bruno schon früher kennengelernt hätte. Aber wo wäre das möglich gewesen? Sein Freundes- und Bekanntenkreis gestaltete sich bestimmt anders. Seine Interessen wären vielleicht nicht gleichsam ihre, und womöglich war er sogar verheiratet. Sie war alt genug, um zu wissen, dass der Mann ihrer Träume vielleicht auch der Traumprinz einer anderen Frau gewesen sein könnte. Nicht jeder Mann trug unentwegt seinen Ehering. Oftmals wurde auch seitens des Arbeitgebers das Tragen von Schmuck wegen einer berufsbedingten Verletzungsgefahr untersagt. DenRing erneut anzustecken, wurde später vergessen und bei gewissen Anlässen ohnehin gerne unterschlagen. Auch konnte es sein, dass sie nicht den vorteilhaftesten Eindruck hinterließ, als sie keineswegs ladylike und mit geschultertem Rucksack am Straßenrand stand und animierend den Daumen hob.

„Aber er sagte, er sei selbstständig“, fuhr es ihr durch den Kopf. Vielleicht könnte er ihr behilflich sein, sich neu zu etablieren.

Helgas Fantasie kannte keine Grenzen. Während ihr etliche Gedanken durch den Kopf schossen, näherte sie sich immer mehr dem Haus, in dem ihre Schwester mit ihrem Mann wohnte und ihr die nächsten Tage selbst ein Zuhause sein würde.

Sie hatte es sich noch nie richtig angeschaut. Wie alle anderen Häuser in dieser Gegend handelte es sich auch bei diesem um einen Altbau, der bis zum Bürgersteig über einen kleinen Vorgarten verfügte. Die hohen Hecken und Sträucher umgaben die kleine Rasenfläche und setzten sich entlang der ganzen Straße fort. Die Höhe der Fenster ließ hohe Raumdecken erkennen und das Erdgeschoss befand sich im Hochparterre, wie es die Position der Kellerfenster vorgab.

Sie klingelte und das summende Geräusch signalisierte ihr anschließend die unversperrte Haustüre. Sie betrat das Haus, steuerte der Treppe entgegen und ging die Stufen zum ersten Stock empor. Wahrscheinlich wurde das Treppenhaus komplett erneuert, denn zu früheren Zeiten bestanden die Stiegen noch aus Holz. Die Spuren der intensiven Nutzung wurden wohl immer deutlicher und musste dann etwas Anderes her. Das kunstvoll gearbeitete Geländer blieb jedoch erhalten. Die gedrechselten Stäbe verliehen ihm diesen unverwechselbaren Charme.

Gleich rechts die erste Wohnung. Dort stand die Tür auf und ein anderes Licht fiel aus der Wohnung in den Etagenflur. Ihre Schwester erwartete sie dort mit freudigem Blick. Sie nahmen sich in den Arm und herzten sich, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen. Es war diese schwesterliche Verbundenheit und das ganz besondere Verhältnis zueinander, das diese Freude forderte. Kalle sei noch nicht von der Arbeit zurück, ließ Gisela wissen und zog ihre Schwester an der Hand hinter sich her. Sie gingen in die Küche, setzten sich an den Tisch und Gisela schaute ihre Schwester an, als wollte sie sie hypnotisieren.

„Nun erzähl doch mal, was ist los, wie bist du hierhergekommen, sind da all deine Sachen drin?“, fragte sie kunterbunt drauflos, und zeigte erstaunt auf den Rucksack.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll und ja, da sind all meine Sachen drin. Vielleicht sollte ich erst einmal eine Dusche nehmen, denn ich fühle mich danach bestimmt besser“, antwortete Helga.

„Fühl dich auf jeden Fall ganz wie zu Hause … du kennst dich aus“, sagte Gisela, und sah ihre Schwester ins Badezimmer gehen. Sie selbst war mit den Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt und richtete vorsorglich das Sofa im Wohnzimmer her.

Nach einer kurzen Weile traf Helga sichtlich erfrischt in der Küche ein und setzte sich wieder an den Tisch. Gisela kam auch wieder in die Küche und stierte ihre Schwester abermals mit diesem wissbegierigen Blick an.

„Vieles von dem, was sich innerhalb der letzten Zeit ereignet hat, ist noch so frisch, dass ich es bisher selbst nicht so richtig verarbeiten konnte. Als ob eine Lawine über dem Kopf zusammenbricht und du nichts dagegen machen kannst. Job weg, Wohnung weg und nun sitze ich hier und bin dir wirklich sehr dankbar, dass ich hier unterkommen kann“, quälte sich Helga die Worte heraus.

„Für ein paar Tage jedenfalls, denn Kalle mault jetzt schon … irgendwie ist der neuerdings so knurrig …“, steuerte Gisela bei.

„Noch knurriger?“, feixte Helga.

„Komm“, sagte Gisela, „lass es gut sein … da kommt er wohl.“ Das Aufschließen der Wohnungstüre und die Töne aus dem Flur deuteten auf sein Erscheinen hin. Kalle betrat die Küche, setzte sich auf seinen angestammten Platz und wie im Inneren einer Uhr ereigneten sich die Abläufe fast automatisch. Besteck, Teller und ein gekühltes Getränk standen plötzlich und wie von Zauberhand geführt vor ihm. Mit lang ausgestreckten Armen saß er da und schien Helga nicht zu bemerken. Vielleicht war er erschöpft oder er machte es absichtlich so. Er schaute stur auf einen Punkt in der Mitte des Tisches und wartete, bis die Situation mit der Schablone in seinem Kopf die Übereinstimmung erfuhr, die sie jeden Tag erlangte. Er zog seine Arme an sich, griff nach dem Besteck und stocherte sortierend auf dem Teller herum, als würde er die Objekte umordnen. Optisch korrespondierte er kurz mit seiner Frau und ließ sie wissen, dass er zufrieden war.

„Und bei dir …“, richtete er sein Wort an Helga, und drehte seinen Kopf in ihre Richtung, „da scheint sich einiges verändert zu haben.“ Helga nickte deutlich und senkte ihren Blick. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Würde sie nun ausgiebig antworten, wäre ihre Schwester möglicherweise verwirrt, weil sie sich ihr gegenüber recht kurz fasste. Kalle durch unnötiges Geschwätz beim Essen zu stören, war jedoch auch nicht ihr Wunsch. Helga favorisierte den unterwürfigen Blick und das stumme Kopfnicken. Gisela setzte sich mit an den Tisch, klopfte ihrer Schwester mitfühlend auf den Arm und gab ihr das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Anschließen holte sie zwei Tassen und stellte sie auf den Tisch. Eine zu ihrer Schwester und eine zu sich.