Das Obstgut - Barbara Herrmann - E-Book

Das Obstgut E-Book

Barbara Herrmann

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Beschreibung

Mitte der 60er Jahre heiratet Gerhard Glotz, der größte Obstbauer im Bühlertal, die achtzehnjährige Jutta. Anstatt aber eine stolze Bäuerin sein zu dürfen, wartet auf sie ein mühsames und hartes Leben. Ihr Ehemann tyrannisiert seine Familie und seine Landarbeiter mit seiner unbeugsamen Härte. Sein ältester Sohn Tobias verlässt als junger Mann nach einem heftigen Streit und der Uneinsichtigkeit des Vaters das Gut. Den jüngsten Sohn Klaus, den Gerhard ohnehin nicht leiden kann, weil er das Klavier der Landwirtschaft vorzieht, verjagt er erbarmungslos. Auch die Bäuerin lässt Gerhard einfach im Stich, als diese schwer erkrankt. Eine Familie zwischen dem Schwarzwald und dem Bodensee, die trotz vieler Turbulenzen einen Weg zwischen Tradition und Moderne suchen und finden muss. Die Obstgut-Saga Band 1

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Das Buch

Mitte der 60er Jahre heiratet Gerhard Glotz, der größte Obstbauer im Bühlertal, die achtzehnjährige Jutta. Anstatt aber eine stolze Bäuerin sein zu dürfen, wartet auf sie ein mühsames und hartes Leben.

Ihr Ehemann tyrannisiert seine Familie und seine Landarbeiter mit seiner unbeugsamen Härte. Sein ältester Sohn Tobias verlässt als junger Mann nach einem heftigen Streit und der Uneinsichtigkeit des Vaters das Gut.

Den jüngsten Sohn Klaus, den Gerhard ohnehin nicht leiden kann, weil er das Klavier der Landwirtschaft vorzieht, verjagt er erbarmungslos. Auch die Bäuerin lässt Gerhard einfach im Stich, als diese schwer erkrankt.

Eine Familie zwischen dem Schwarzwald und dem Bodensee, die trotz vieler Turbulenzen einen Weg zwischen Tradition und Moderne suchen und finden muss. Die Obstgut-Saga Band 1

Die Autorin

Barbara Herrmann ist in Karlsruhe geboren und in Kraichtal-Oberöwisheim aufgewachsen. Ihre Liebe zu Büchern und zum Schreiben begleitete sie während ihres ganzen Berufslebens als Kauffrau. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand sind mehrere Bücher (Romane, Reiseberichte, humorvolles Mundart-Wörterbuch) von ihr erschienen. Heute lebt die Mutter zweier Söhne mit ihrer Familie in Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Prolog

Wenn die Sonne über dem Bühlertal aufgeht und der Nordschwarzwald bis ins Rheintal leuchtet, nehmen die Obstbäume und Weinreben alle wärmenden Strahlen auf, sodass wunderbare Früchte wachsen, die mittlerweile in der ganzen Welt bekannt sind.

Davon profitiert Familie Glotz seit mehreren Generationen. Eine Familie die auf ihrem inzwischen stolzen Obstgut, mit Kirschen, Äpfeln, Erdbeeren und Zwetschgen ihre reiche Ernte einfährt.

Das wissen auch die Eltern von Jutta, der Kleinbauer Fritz und seine Hermine. Sie haben vier Kinder, wobei Jutta die Jüngste ist. Die beiden Jungs haben das Dorf zum Ende der 50er Jahre verlassen, weil sie keine Zukunft sahen, und ihre älteste Tochter hat im Nachbardorf einen einfachen Bauer geheiratet, der sie nun mehr schlecht, als recht versorgte.

Für sein Nesthäkchen Jutta aber wollte Fritz einen Großbauern, der ihr den Himmel auf Erden versprechen konnte.

Und so fasste er den Mut und sprach im Dorfgasthof den Großbauern Edwin Glotz an, der mit seinem Sohn Gerhard das Obstgut führt.

„Edwin, kann ich dich kurz sprechen?“, fragte er, als der Bauer an ihm vorbei in Richtung Stammtisch ging. Dabei strich er aufgeregt mit der Hand über den blank gescheuerten Tisch.

„Was gibt’s?“, wollte dieser wissen und war eigentlich mit seinen Augen schon am Stammtisch, bei seinesgleichen.

„Möchtest du dich nicht kurz setzen?“ Fritz kam sich komisch und klein vor, weil er am Tisch saß und der Großbauer auch noch in ganzer Körpergröße furchteinflößend vor ihm stand.

Widerwillig setzte sich Edwin, nahm die Mütze vom Kopf und sah sich nach der Wirtin um.

„Bring mir ein Viertele“, rief er quer durch den ganzen Gastraum.

Mit arrogantem Blick schaute er auf Fritz, ungeduldig abwartend, was der wohl von ihm wollte.

„Dein Gerhard ist doch schon eine ganze Weile im heiratsfähigen Alter, oder nicht.“

„Ja und?“ Edwin nahm einen Schluck aus seinem Glas, das die Wirtin gerade hingestellt hatte.

„Na ja, er muss doch jetzt schon Mitte dreißig sein und du brauchst doch irgendwann in naher Zukunft einen Erben.“

„Der wird schon noch eine Frau finden, die eine stolze Bäuerin werden will.“ Edwin schickte sich an, sich zu erheben.

„Warte“, rief Fritz. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich eine junge, kräftige Tochter habe, die alles gelernt hat, was man können muss, und ich denke, sie wird die beste und schönste Bäuerin weit und breit.“

Er hielt kurz an, damit Edwin das Gesagte aufnehmen konnte.

„Nächste Woche ist das alljährliche Zwetschgenfest, das wäre ein Grund, die beiden einander vorzustellen. Schau dir meine Jutta an, sie gefällt dir ganz bestimmt.“

Edwin schüttelte den Kopf und strich sich über den Bart. „Warum soll der reiche Obstbauer das arme Mädchen eines Kleinbauern heiraten?“

Fritz war verlegen, damit hatte er aber gerechnet.

„Weil sie eine Jungfrau ist, die in ihrer Bescheidenheit nie einen Mann wegen des Geldes auswählen würde und sie ist folgsam. Ich habe mir Gedanken um ihre Zukunft gemacht und nicht sie und ich würde sie gerne versorgt wissen, weil es hier nicht viele junge Männer gibt, die in Frage kommen. Die meisten sind ja weggezogen in die Städte.“

„Gut Fritz, ich schau sie mir an und wenn ich denke, dass es was werden könnte, dann sprechen wir uns.“

Am Tag des Zwetschgenfestes zogen sie sich alle festlich an und pilgerten zum Festzelt, wo bereits gefeiert und gelacht wurde.

Fritz saß neben seiner Hermine, Jutta neben ihrer Schwester und ihrem Mann.

„Hermine, ich habe mit dem Erwin Glotz gesprochen und ihn auf die Idee gebracht, dass er und sein Gerhard die Jutta als Bäuerin in Betracht ziehen könnten.“

Sein Gesicht war emotionslos und seine Frau starrte ihn mit offenstehendem Mund an.

„Willst du die Jutta auch verkuppeln? Hast du nicht genug angerichtet mit dem da drüben auf der anderen Tischseite?“ Dabei nickte sie energisch zu ihrem Schwiegersohn. Blanke Wut stand in ihrem Gesicht. Ihre Wangen begannen fleckig zu werden, die Augen waren weit aufgerissen.

„Schau dir unsere älteste Tochter an, sie ist ein Frack, sie ist seit zwei Jahren mit einem Säufer und einem Nichtsnutz verheiratet. Eine Frau, die einen Mann und ihre Schwiegereltern alleine versorgen muss und das auf einer Scholle, die keine Erträge abwirft.“

Hermine ballte die Fäuste.

„Beruhige dich doch, Frau. Gerade deswegen habe ich dieses Mal darauf geachtet, dass es ein richtiger Bauer ist.“

Fritz strich ihr verschämt, fast hilflos über dem Arm, was man ja in der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht macht.

Ihre Augen schossen Blitze und schauten ihn wütend an.

„Das ist ein arrogantes Arschloch, dieser Gerhard. Der hatte noch nie eine Frau zum Schmusen abbekommen, und ist viel zu alt für unser Kind. Und dann, wir leben doch nicht mehr im letzten Jahrhundert, wo die Ehen mit Geld zwischen den Eltern verabredet werden“, keifte sie.

„Hör auf“, zischte er zurück.

„Hör jetzt endlich auf! Ich sage hier, was gemacht wird. Ich bin der Chef im Haus! Wir verabreden nichts, wir helfen nur mit dem Verstand etwas nach. Wenn es klappt, werden wir sie überzeugen und dann wird sie die Bäuerin des größten Obstbauern im Bühlertal. Eine reiche und mächtige Frau.“

1

„Klaus! Zum Kuckuck noch mal, wo steckst du?“, tönte es energisch, laut und wütend durch das Haus.

Der junge Mann hielt sich sofort die Ohren zu, weil die Stimme des Vaters wie immer unerbittlich klang. Er konnte sie nicht mehr hören, diese schreckliche Stimme, die nur so vor Kraft strotzte, die tief und markig war. Sie duldete keinen Widerspruch. Immer der gleiche dunkle Ton. Er würde nie verstehen, warum diese Stimme so intensiv durch das ganze Haus dröhnen konnte, obwohl sich sein Vater draußen auf dem Hof aufhielt.

Er hatte sich erst vor wenigen Minuten an sein Klavier gesetzt, weil er ein paar Noten in sein Notenblatt eintragen wollte, damit er sie bis zum Feierabend nicht vergaß und weil er unglaublich müde war. Für ihn waren die Wochentage, die reinste Tortur. Sie waren angefüllt mit einer Arbeit, die er zutiefst hasste.

„Was ist denn nun schon wieder“, flüsterte er mit einem Seufzer der Verzweiflung, der ihm laut über die Lippen kam. Er ahnte natürlich, dass ihn sein Vater suchte, weil er sich erlaubt hatte, auf sein Zimmer zu gehen. Müde erhob er sich und ging mit schleppenden Schritten die Treppe hinunter. Er musste antworten und hören, was der Vater ihm zu sagen hatte. Nur so konnte er einem größeren Streit aus dem Weg gehen. Eigentlich sehnte er sich nur nach einer kurzen Pause, weil er den ganzen Vormittag hart gearbeitet hatte und sowieso gleich das Mittagessen anstand. Ihn jetzt noch zu rufen, empfand er als Schikane. Seine Mutter würde ohnehin gleich zum Essen bitten.

„Ich bin doch da, was willst du von mir, Vater?“, fragte er ängstlich.

Sein Vater, der mächtige Obstbauer Gerhard Glotz, war ein böser, verbitterter Mann, der seine Familie und seine Landarbeiter mit harter Hand führte. Alle zuckten zusammen, wenn er rief, wenn seine laute, grollende Stimme plötzlich lospolterte. Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er im Hof und wartete auf seinen Sohn, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging.

„Hast du schon wieder in deinem Zimmer gehockt und mit dem Taktstock gespielt?“, schrie er mit hochrotem Kopf, lief dabei mit zwei Schritten auf seinen Sohn zu und schlug ihm mit der flachen Hand mitten ins Gesicht. Dieser fing durch die Härte des Schlages an zu wanken und hatte zu kämpfen, dass er nicht zu Boden stürzte, und sich einer noch größeren Peinlichkeit vor allen Arbeitern aussetzte. Mit viel Mühe blieb er stehen und rieb sich die Wange.

Natürlich erwartete Gerhard keine Antwort von Klaus. Er wusste auch so, dass er recht hatte, und fuhr fort: „Du bist und bleibst ein Waschlappen und begreifst einfach nicht, dass harte Arbeit zum täglichen Leben gehört! Du denkst, du kannst mit deiner merkwürdigen Musik Geld verdienen. Aber das wird bei dir nicht gehen. Du bist nicht mehr als ein einfacher Klimper-Hannes. Du bringst es niemals zu etwas!“

Klaus zuckte unter den harten Anschuldigungen seines Vaters zusammen und senkte verschämt den Blick. Er hatte dem nichts entgegenzusetzen. Möglicherweise hatte der Vater ja recht. Woher sollte er wissen, ob ihm seine große Liebe zur Musik, irgendwann ermöglichen würde, damit sein Geld zu verdienen. Er hatte keine Ausbildung, die Aussicht, eine Musikschule besuchen zu können, war so weit weg wie der Eiffelturm. Wahrscheinlich lag deshalb der Vater ja gar nicht so falsch. Er selbst hatte ja auch immer wieder seine Zweifel. Niemand hatte ihm jemals gesagt, ob er Talent hatte, ob er gut spielte, ob es sich lohnte, weiterzumachen. Er hatte nur sein Gefühl, und dieses Gefühl sagte ihm jeden Tag, dass er spielen musste. Es war wie ein Zwang, wie eine Sucht, diese Liebe zur Musik.

„Scher dich in die Obstpresse, dort wird jede Hand gebraucht!“, schrie Gerhard. Mit dem ausgestreckten Arm und blitzenden Augen zeigte er die Richtung an, die Klaus, ohne Widerrede einzuschlagen hatte. „Mach schon, setz endlich deine Beine in Bewegung und tu was!“

Behäbig und mit hängenden Schultern machte sich Klaus auf den Weg. Er biss sich auf die Lippe, weil er wusste, dass es sinnlos war, dem Vater zu widersprechen. Nur seine Mutter, da fragte er sich, warum sie ihm nicht beistand, ihn nicht beschützte. Natürlich konnte sie auch nicht viel machen, das war ihm klar, denn auch sie spürte in regelmäßigen Abständen die Schläge. Aber sie war doch seine Mutter und wenn solche Situationen sind und sie sich nicht traute, dann könnte sie ja abends zu ihm kommen und wenigstens durch eine kleine Umarmung zeigen, dass sie hinter ihm stand. Aber nichts geschah und dabei sehnte er sich schon seit Kindertagen nach ein bisschen Liebe, ein bisschen Zuneigung. Warum sind die alle so zu mir, fragte er sich immer wieder. Mutter, Vater und auch sein Bruder haben ihn nie in ihr Herz geschlossen.

In der Obstpresse stellte er sich traurig neben die anderen Arbeiter. Sie nahmen Saftflaschen vom Band und stellten sie in Kisten, die anschließend in den Keller gefahren wurden. Während er sich der monotonen Arbeit hingab, dachte er an das Musikstück, an dem er gerade arbeitete. Seit Jahren träumte er davon, irgendwann doch noch eine Musikschule besuchen zu können, denn er wusste, dass eine qualifizierte Ausbildung die Basis für seinen Traum war. Nur mit seinen bescheidenen Bemühungen sein Ziel erreichen zu können, das ging nicht.

Er war mit sich selbst unzufrieden und ärgerte sich über seine Feigheit, seine Mutlosigkeit, sich gegen den Vater aufzulehnen. Vor vier Jahren hatte er den Absprung verpasst, nachdem ihm sein Bruder vorgemacht hatte, wie man das bewerkstelligen kann. Aber er selbst zögerte zu lange, hatte sich lieber in seinem Selbstmitleid gesuhlt und war unzufrieden. Mit dieser Unzufriedenheit schwand auch das letzte bisschen Selbstvertrauen, das er sich in seinem Körper bewahrt hatte und damit blieb alles so, wie es immer war.

Inzwischen hatte Gerhard die Küche betreten, wo seine Frau Jutta, damit beschäftigt war, das Mittagessen zu kochen. Der Schweiß lief ihr über die Stirn, weil die großen, sprudelnden Töpfe und der riesige alte Holzherd eine ungeheure Hitze ausstrahlten. Sie hatte schon oft diesen Zustand verflucht, eigentlich tat sie das fast täglich, und trotzdem war ihr Mann nicht dazu zu bewegen, einen neuen, modernen Herd zu kaufen.

Im Sommer, wenn draußen die Sonne vom Himmel brannte und das Obst geerntet werden musste, hatten sie bis zu dreißig Helfer am Tisch sitzen. Diese Situation belastete sie extrem, denn sie verlangte ihr alle Energie ab und brachte sie täglich an den Rand ihrer körperlichen Kräfte. Es war nur noch eine einzige Plage, doch sie hatte keine Wahl.

Jutta strich sich mit der Hand über die Stirn, um die Schweißtropfen wegzuwischen. Ihr vom Wind und Wetter gegerbtes Gesicht war krebsrot und die schon leicht ergrauten Haare klebten ihr am Kopf, als wäre sie soeben aus einem Schwimmbecken gestiegen. Sie war ein Meter siebzig groß und mehr als nur korpulent. Im Laufe der Jahre hatte sie gewaltigen Kummerspeck angesetzt. Pfund um Pfund hatte sich auf ihre Hüften gelegt und die verschiedenen Körperreifen gebildet, die sie als junge Frau schon gehasst hatte und die sie eigentlich nie hatte haben wollen. Aber es war ihr inzwischen völlig egal. Gerhard interessierte sich nicht mehr für sie. Von einer richtigen Beziehung zwischen Mann und Frau konnte man schon lange nicht mehr reden, wenn es diese überhaupt schon einmal zwischen ihr und Gerhard gegeben hatte. Er hatte noch nicht einmal die einfachsten Höflichkeitsregeln gelernt, was ihr aber erst nach der Hochzeit so richtig bewusst geworden war.

Vorher hatte sie in ihm nur den stolzen Bauern mit seinem Gut gesehen, und sie war dem Druck und dem Zuspruch ihrer Eltern gefolgt, die ihr eingeredet hatten, dass Gerhard, der viele Jahre älter war als sie selbst, eine gute Partie war und sie für ihr ganzes Leben ausgesorgt haben würde. Doch im Nachhinein hatte sie sich nicht erst einmal gefragt, ob es richtig war, dem Drängen der Eltern nachzugeben.

Dabei hatte Jutta damals mit ihren zarten achtzehn Jahren den Sommerfrischler Hans kennengelernt, der mit seinen Eltern die Ferien im Bühlertal verbrachte. Seine Familie hatte sich das Blockhaus am Waldrand gekauft, um sich im Sommer von der Hektik der Stadt zu erholen. Jutta war dem jungen Mann damals zufällig im Dorfladen begegnet. Sie war am Regal mit ihm zusammengestoßen, weil der Durchgang so eng war, und sie konnte sich an seinen blauen Augen und dem blonden Haarschopf nicht sattsehen.

Auch Hans starrte sie an, fand aber zum Glück seine Sprache gleich wieder: „Entschuldige, habe ich dir wehgetan?“, fragte er, und Jutta glaubte, ein leises Lispeln gehört zu haben.

„Noi, s′isch nix“, antwortete sie und lief so rot an wie eine Tomate in der strahlenden Mittagssonne.

Hans musste lächeln, er hatte ehrlich gesagt nicht viel verstanden und es störte ihn auch nicht.

Nun wurde auch Jutta bewusst, dass sie aus Gewohnheit in den breiten Dialekt verfallen war und sich überhaupt keine Mühe gegeben hatte, vernünftig zu reden.

„Darf ich dich zu einem Spaziergang einladen?“, wollte Hans spontan von ihr wissen, als sie gemeinsam den Laden verließen und auf die Straße traten.

Jutta wurde verlegen, sie sollte sich ja in Kürze verloben, und es schickte sich nicht, mit einem anderen Mann spazieren zu gehen. Andererseits war das Angebot so verlockend, dass sie es schon gerne angenommen hätte. In Sekundenschnelle rasten ihr die Gedanken durch den Kopf und klopften das dafür und das dagegen ab. Was war denn schon dabei, sie tat ja nichts Unanständiges. Doch sie wusste, dass das Risiko groß war, gesehen zu werden, und dass sich ihr Bräutigam brüskiert fühlen könnte. Dennoch verabredete sie sich mit Hans für den Nachmittag hinter dem Blockhaus seiner Eltern, sie konnte einfach nicht anders.

Sie machten einen ausgedehnten Spaziergang durch die Felder und wanderten lange Zeit am Waldrand entlang. Dabei unterhielten sie sich angeregt und Jutta lauschte seinen spannenden Erzählungen. So viele bunte Erlebnisse aus der Stadt, die sie sich nicht hatte vorstellen können und die sie immer wieder zum Lachen brachten. Hans sah in ihr glückliches Gesicht und in ihre strahlenden, funkelnden Rehaugen. Dabei hätte er sie am liebsten umarmt, aber er wollte sie nicht erschrecken.

Ihre haselnussbraunen Haare, hatte sie zu zwei dicken Zöpfen geflochten und in einem Kranz um den Kopf gesteckt. Gerne hätte er gesehen, wie es war, wenn sie die Haare offen trug. Sie war ein zartes Persönchen, das man einfach mögen musste.

„Und was machst du so?“ Sie hatte bisher kein Wort über sich gesprochen. Er wollte mehr wissen, obwohl, so ganz viel hatte er auch nicht ausgeplaudert.

„Ich wohne noch bei meinen Eltern und war auf der Hauswirtschaftsschule“. Sie stockte und plötzlich verschwand das Lächeln, die Augen blickten in die Ferne und ihre Stimme wurde leise und traurig.

„Ich werde bald einen Obstbauern heiraten.“ Sie setzte sich aufrecht hin und holte tief Luft.

„Meine Eltern meinen, dass es so richtig ist und der Bauer ein guter Mann sei.“

„Ich muss nach Hause“, sagte sie auch schon aus heiterem Himmel, mitten in die traurige Stimmung hinein.

„Ja“, antwortete Hans verständnisvoll. Ganz sacht zog er sie an sich und küsste sie zart auf die Wange.

Er wusste, dass es ein Abschied war. Sie hatte ihm ja zuvor erklärt, dass sie heiraten würde, und er spürte, dass es aussichtslos war, sie umzustimmen. Es war bei ihm Liebe auf den ersten Blick, doch das zarte Pflänzchen wurde im Keim erstickt. Jutta lief traurig nach Hause und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte auch sie das Gefühl der Liebe entdeckt. Sie spürte das Kribbeln, die Schmetterlinge und die Sehnsucht, und dies nur wenige Minuten nach ihrem wortlosen Abschied.

Dieser eine Nachmittag hatte sie bis ins Innerste aufgewühlt. Wie sollte sie ihren Verlobten heiraten, sich ihm hingeben, Kinder gebären und eine liebende Ehefrau sein, wenn sie jetzt innerhalb kürzester Zeit wusste, dass sie ihn niemals würde richtig lieben können?

Konnte sie zu ihrer Mutter gehen, mit ihr sprechen, ihr das Herz ausschütten? Nein, sie wusste, dass das der Vater verhindern würde.

Und dann kam die Hochzeit. Jutta hatte das Hochzeitskleid von ihrer Schwiegermutter an, das von der Schneiderin geändert und angepasst wurde. Es gefiel ihr überhaupt nicht, passte nicht zu ihr und ihre Haut fühlte sich nicht wohl, wenn sie diesen kratzigen Stoff spürte. Aber es gab kein Entrinnen, denn alle Frauen, die Bäuerin auf dem Hof wurden, haben bisher dieses Kleid tragen müssen.

Der Tag der Hochzeit war ein verregneter Tag und zwischendurch schüttete es sogar, denn der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Der Himmel weint, dachte Jutta melancholisch, als sie aus dem Arm ihres Vaters auf ihren Bräutigam zuschritt und als sie in sich hineinhörte, war da nichts, kein Gefühl, kein Herzklopfen, gar nichts. Sie hätte noch nicht einmal weinen können, wenn sie es denn gewollt hätte.

Wie sie die Zeremonie überstand, das wusste sie später nicht mehr zu sagen. Was sich aber nach der Hochzeitsfeier abspielte, das wusste sie, würde sie nie mehr in ihrem Leben vergessen.

Das Hochzeitsfest fand im Dorfgasthof statt. Die Eltern ihres Ehemanns hatten im Saal des Gasthauses groß auffahren lassen. Es waren mehr als einhundert Gäste geladen, einschließlich der ganzen Honorigkeit des Dorfes. Die festliche Tafel war in Form eines Hufeisens aufgestellt. Es gab eine Hochzeitssuppe, mit Markklößchen als Einlage, dann verschiedene Braten, reichlich Soße, riesige Platten mit verschiedenen Gemüsesorten, wie Möhren, Erbsen, Bohnen und in der Mitte thronte ein Blumenkohl, dazu Spätzle, Kartoffeln, Kopfsalat und als Nachtisch einen Schokoladenpudding. Traditionell eben, so wie man es kannte und nicht ein Jota anders.

Nach dem Essen folgte der Tanz des Brautpaares, dabei griff Gerhard, so erinnerte sich Jutta, ziemlich derb zu. Mit seiner linken Hand griff er nach ihrer rechten und drückte ihre Finger so stark, dass es gleich wehtat. Mit dem rechten Arm umschlang er ihre Hüfte und seine Hand wanderte langsam zu ihrem Hintern. Der Druck verstärkte sich, obwohl sie einen Wiener Walzer tanzten. Mit seinem nach Alkohol riechenden Atem und seinen feuchten Lippen berührte er kurz ihre Wange. Jutta fand das abstoßend. Ihr graute vor dieser Hochzeitsnacht.

Diese Nacht würde sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen. Sie hatte sich alleine in das ungewohnte Ehebett gelegt. Das Wissen, dass es irgendein Bettgestell, Matratzen, Federbetten und Bezüge aus Gerhards Familie waren, und nicht ein neues von ihr ausgesuchtes Schlafzimmer, bedrückte sie sehr. Aber aufgrund dessen, dass sie alleine und der Tag sehr lang gewesen war, schlief sie relativ schnell ein. Bis es polterte und sie aus dem Schlaf hochschreckte. Dabei fuhr sie in die Höhe und saß mit klopfendem Herzen senkrecht im Bett. Ihr Ehemann torkelte ins Zimmer, schlug die Tür hinter sich zu, zog sich mühselig aus und zog ihr die Decke vom Körper. Jutta wollte herausspringen, aber seine Hände griffen wie Schraubstöcke zu. Der Gestank von Alkohol schlug ihr entgegen und sein verzerrtes Gesicht, das seine sexuelle Gier widerspiegelte, lähmte sie. Die pure Angst trieb ihr die Tränen in die Augen, während er ihr in Windeseile zeigte, wie ekelhaft die sogenannte Liebe sein konnte, ganz besonders beim ersten Mal. Wie sollte sie das ein Leben lang aushalten, fragte sie sich oft in dieser Nacht. Und wie konnte sie ihm wenigstens etwas Sympathie entgegenbringen, jetzt, wo sie seine Ehefrau und an ihn gekettet war, bis, dass der Tod sie scheidet?

Als er fertig war, rollte er sich von ihr herunter und schlief sofort ein, während sie sich ihr Nachthemd nach unten schob, die beiden Knie hochzog, sich zur Seite legte, den Oberkörper mit den Armen umschlang und sich zusammenrollte, sich ganz klein machte.

Dann erst liefen ihr leise die Tränen über die Wangen. Eine achtzehnjährige junge Frau, die keine Ahnung von Sexualität und männlicher Erregung hatte, die bisher behütet in der Familie lebte, war nun ausgeliefert der Brutalität des Mannes, der eigentlich ihr zärtlicher Ehemann sein sollte. Stattdessen nahm er sie brutal, schnell und rücksichtslos in seinem Rausch. Sie hatte das Gefühl vergewaltigt worden zu sein. Ihr leises Weinen, das ihre Seele nicht mehr erreichte, dauerte die ganze Nacht.

Von diesem Tage an funktionierte sie nur, stemmte den harten Alltag und ließ die Tiraden ihres Mannes und ihrer Schwiegereltern schweigend über sich ergehen. Es war der einzige Weg für sie, weiterleben zu können, denn nach einigen Wochen spürte sie die Veränderungen in ihrem Körper und sie war sich sicher, dass in dieser Hochzeitsnacht ein Kind gezeugt wurde, weil Gerhard sie für einige Zeit danach nicht wieder angefasst hatte.

Diese Tatsache, dass ihre Eltern, auch die Gesellschaft, ledige oder geschiedene Mütter nicht akzeptierten, machten es ihr unmöglich ins Elternhaus zurückzukehren. Und ja, sie hatte es geahnt. Sie hatte diese Nacht niemals in ihrem bisherigen Leben vergessen.

2

Nur zu gern kehrte Jutta aus ihren unangenehmen Tagträumen zurück. Sie hatte eine blaue Wickelschürze mit Blümchen an und darüber eine weitere Küchenschürze gebunden. Ihre dicken, wulstigen Beine steckten ohne Strümpfe in Holzlatschen. Ihren verklebten Haaren sah man an, dass sie schon lange nicht mehr vernünftig geschnitten worden waren. Jutta hatte sie einfach nach hinten gekämmt und mit einem Gummiband zusammengehalten. Ihre stattlich ausladende Figur ließ sie heftig atmen, und sie sah an solchen Tagen abgearbeitet und mindestens zehn Jahre älter aus. So fühlte sie sich dann auch.

Dabei war sie erst Mitte vierzig und müsste durch die viele körperliche Arbeit rank und schlank sein. An ihr Aussehen und an ihre Haare wollte sie gar nicht denken. Sie legte schon lange keinen Wert mehr auf Attraktivität, Fraulichkeit und all das, was eine Frau hübsch aussehen lässt, weil sie in ihrem Innersten verhindern wollte, dass Gerhard sie so anziehend findet, dass er mehr und öfter sein Verlangen zeigte, als er es tat, wenn sie eher unscheinbar aussah. Obwohl, er war mittlerweile knapp über sechzig Jahre alt und in Sachen Sexualität auch ruhiger geworden, um nicht zu sagen, dass er jeglichen körperlichen Kontakt eingestellt hatte, was ihr natürlich sehr entgegenkam. Sie lebte seit vielen, vielen Jahren in einem Wunschtraum und das musste genügen, denn das Schicksal hat ihr eine Aufgabe zugeteilt, die sie bis zu ihrem oder Gerhards Ende übernehmen musste. Bis dass der Tod uns scheidet, wiederholte sie gedanklich und Mantra artig seit über zwei Jahrzehnten. Jutta hatte ihn kommen gehört.

„Warum schreist du denn schon wieder auf dem Hof herum?“, fragte sie Gerhard und würdigte ihn keines Blickes, sondern rührte ohne Unterbrechung weiter in ihren Töpfen.

„Kannst du denn keinen normalen Ton anschlagen? Musst du immer so schreien?“

„Dein lieber Sohn hatte sich gemütlich in seinem Zimmer vergraben, während drüben in der Obstpresse die Arbeit auf ihn wartete“, polterte Gerhard. Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich auf die Eckbank fallen.

„Er ist und bleibt ein verrückter Möchtegern-Musiker, ein unmöglicher Träumer, ein Nichtsnutz eben. Es ist grässlich mit ihm!“

Er öffnete die Flasche, setzte sie an den Mund und ließ in aller Ruhe den Gerstensaft in sich hineinlaufen.

Jutta antwortete mit keiner Silbe. Ihr gefiel das auch nicht, aber alles Schimpfen machte keinen Sinn. Klaus war von Anfang an ein schmächtiges und zartes Kind gewesen, seine Finger waren lang und dünn und anscheinend nicht dazu gemacht, schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Er war inzwischen zweiundzwanzig Jahre alt, schlank, schmal, blass, mit blonden Haaren, die er wild um sich wachsen ließ. Seine Augen leuchteten stahlblau, und seine Gesichtszüge waren so fein wie die einer Frau.

Jutta schüttelte den Kopf. Keiner aus ihren beiden Familien, die alle Obstbauern und Bauern gewesen waren, hatte etwas mit Musik am Hut, schon gar nichts mit Opern. Sie wusste, dass Klaus der Leidtragende war, und sie versuchte, die Ungerechtigkeiten seines Vaters zaghaft auszugleichen, was ihr aber zusehends weniger gelang.

Ganz anders hatte sich da Tobias, ihr Erstgeborener, entwickelt. Er war stark und hart im Nehmen. Schon als Kind war er jeden Tag mit seinem Vater auf den Obstplantagen gewesen, hatte mit acht Jahren schon den Traktor gefahren und war lieber auf die Felder gegangen, anstatt Fußball zu spielen. Meine Güte, sie sah ihn vor sich, ihren Tobias, diesen kleinen stämmigen Kerl mit seinen wachen, glänzenden Augen. Wissbegierig war er, sog alles in sich auf, was mit der Natur und den Bäumen zu tun hatte. Er hatte doch tatsächlich als kleiner Knirps schon Zwergbäume geschnitten wie ein Alter, ging es ihr spontan durch den Kopf. Dabei hatte er genau gewusst, wie viele Augen er beim Schnitt stehenlassen musste, damit die Ernte im nächsten Jahr wieder großartig werden würde. So ein kleines, feines Kerlchen, und je älter er wurde, desto fleißiger wurde er. Ja, bis er vor vier Jahren als zwanzigjähriger junger Mann nach einem Streit mit seinem Vater Hals über Kopf den Hof verlassen hatte.

Natürlich war das ein Schock für Jutta gewesen. Wehmütig dachte sie an ihren Ältesten. Jedes Wort, jede Silbe, ja die ganze Situation hatte sich tief in ihrem Gedächtnis eingegraben, so tief, als ob es gerade erst gestern gewesen wäre. Es war ein Montag vor ungefähr vier Jahren, als Vater und Sohn, zwei gleich starke Hitzköpfe und Sturköpfe, aneinandergeraten waren. Tobias war vom Feld zurückgekommen, hatte sich vor der Tür die dreckigen Schuhe ausgezogen und war in Strümpfen in die Küche gekommen. Während er sich ein Glas Limonade eingoss, blickte er zu seinem Vater, der am Küchentisch saß und mit seinem Auftragsbuch beschäftigt war. Tobias setzte sich zu ihm und schwieg zunächst für ein paar Minuten.

„Vater, wir müssen reden“, begann Tobias schließlich das Gespräch. Er sah seinen Vater fragend an und wartete darauf, dass dieser sein Auftragsbuch zur Seite schob, um sich mit ihm zu unterhalten. Doch Gerhard rührte sich nicht und blickte noch nicht einmal zu Tobias auf, sondern blätterte seelenruhig durch die Seiten.

Langsam, aber sicher wurde Tobias wütend, seine Zornesader, die er übrigens an derselben Stelle wie sein Vater hatte, schwoll an. Gut für Jutta zu sehen, pochte sie an seiner linken Schläfe auf und ab. Schließlich begann er auch, mit den Füßen zu scharren und mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Tisch zu trommeln.

„Nimmst du mich überhaupt ernst, oder warum lässt du mich hier sitzen wie einen Hanswurst?“, fragte er seinen Vater und versuchte, ruhig zu bleiben.

Nach einem kurzen Zögern sah Gerhard von seinem Buch auf: „Es gibt nichts Wichtigeres als das Auftragsbuch, das solltest du eigentlich wissen. Du warst doch in den Plantagen, da kann ja nichts sein, was ich nicht schon weiß. Ich habe meine Augen überall, das ist doch bekannt.“

Er war gerade dabei, sich wieder in sein Buch zu vertiefen, als Tobias aufsprang.

„Überall hast du deine Augen, nur nicht da, wo sie gebraucht werden. Hast du schon mal die Bäume angeschaut mit deinen Augen, die angeblich überall sind?“

Tobias stand auf der anderen Tischseite seinem Vater gegenüber, krebsrot im Gesicht, mit hervorstechenden Augen und wirren Haaren.

Wie der Vater so der Sohn, dachte Jutta. Und in diesem Fall wie der Sohn so auch der Vater. Denn Gerhard stellte sich wie ein Gockel auf und starrte in das Gesicht seines Sohnes: „Was fällt dir eigentlich ein, du Rotznase?“, rief er aufgebracht.

„Du begreifst gar nichts, Vater! Die Bäume sind bald nicht mehr ertragreich, sie brauchen eine andere Behandlung, und wir hätten schon längst neue Sorten züchten müssen!“

„Blödsinn, unsere Ernte ist sehr gut. Wir haben seit Jahrzehnten immer die besten Sorten, und ich sehe keine Veranlassung, das zu ändern. Du immer mit deinem modernen Zeug!“

„Aber nicht mehr bei unseren Zwetschgen, der „Blauen Königin“, rief er. Das wichtigste was wir haben, sind nun mal unsere Zwetschgen. Sie müssen dunkelblau und gleichmäßig groß sein und sie müssen ihren ureigenen Geschmack haben.“

Tobis drehte sich weg, um ihn dann wieder anzuschauen.

„Das alles ist nicht mehr gegeben. Ich habe heute mehrfach gekostet, der Saft hat mir kein Glücksgefühl mehr gegeben und wenn das so ist, dann schmeckt auch der Zwetschenbrand nicht mehr so, wie es sein muss.“

Tobias hielt sich an der Tischkante fest.

„Warum bist du nur so stur, Vater? Merkst du denn nicht, dass wenig bestellt wird, dass wir keine Großkunden mehr bekommen, dass es insgesamt immer weniger wird?“

„Ja, und? Wir haben genug Kunden. Die großen brauchen wir nicht, die sind mir ohnehin längst zuwider mit ihrem Preisdiktat. Außerdem können wir das Obst verarbeiten. Saft und Schnaps wird immer gekauft.“

Gerhard hatte gar nicht richtig zugehört, wie Tobias an der Antwort erkennen konnte.

„Aber du musst doch sehen, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Die Genossenschaft nimmt uns auch nichts mehr ab.“

„Weshalb sollten die uns nichts mehr abnehmen? Die Genossenschaft ist auf den größten Obstbauern im Tal angewiesen, sie würde uns nie fallen lassen.“

Tobias schüttelte den Kopf. „Das glaubst aber auch nur du, Vater. Die Genossenschaft kommt nicht mehr, weil unser Obst insgesamt zu klein ist. Du kannst nicht alles in deine Flaschen füllen. Die Industrie produziert Säfte und Schnäpse viel billiger als wir. Und erlesener sind sie auch.“

Nun hatte Gerhard genug, er wollte nichts mehr hören und glaubte das alles nicht, was ihm Tobias vorwarf. Obwohl er es als Hirngespinst eines jugendlichen Heißsporns wertete, fühlte er sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Er duldete nun einmal keine Widerrede und schon gar keine Belehrungen.

Gerhard pumpte sich Luft in die Lunge, die Augen traten hervor, seine Stirn legte sich in Falten und das Gesicht wurde von einer dunklen Röte überzogen. Mit den Händen stütze er sich an der Tischkante ab und raste von der Eckbank hoch. Mit nur einem Schritt stand er neben seinem Sohn.

„Hier wird nur gemacht, was ich sage!“, schrie er. „Hast du mich verstanden? Ich bin der Bauer!“

Tobias wollte aber nicht zurückrudern. Für ihn stand zu viel auf dem Spiel, nicht weniger als der Hof seiner Vorfahren, auf den er immer stolz gewesen war und um den er sich sorgte. Er konnte und wollte nicht zulassen, dass sein Vater sich gegen Veränderungen und Anpassungen sperrte.

Zwar zitterten ihm die Knie, und sein Herz bummerte vor Angst, aber wenn er jetzt nicht standhaft blieb, dann brauchte er es nie wieder versuchen.

„Vater, die Lage ist ernst, das Obst an den Bäumen ist mickrig, verschrumpelt und voller brauner Flecken. Bitte höre auf mich. Gemeinsam schaffen wir das. Ich habe mich schon erkundigt, wie wir schneiden müssen und woher wir neue Bäume bekommen könnten.“

Gerhard, der sich mittlerweile wieder hingesetzt hatte, raste noch einmal von der Eckbank hoch und schrie: „Was fällt dir ein? Was willst du eigentlich? Das ist doch alles nichts, was du da vorhast, nur modernes Gehabe, das zu nichts führt. Unsere Eltern haben gewusst, wie man das macht, und sie hatten recht. Hier wird nichts geändert, ist das klar?“

Gerhard stand vor seinem Sohn wie ein aufgeblasener Pfau, mit seiner ganzen Körperlichkeit und seiner unbeugsamen Härte und ließ noch nicht einmal eine ganz normale Diskussion zu.

Blitzschnell überlegte Tobias, ob er wieder einmal nachgeben sollte. Nein, entschied er zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten, jetzt musste er stur sein und seinen Vater zu einem Gespräch zwingen.

„Du ruinierst unsere Heimat und unsere Existenz, und deshalb sage ich dir, dass du dich ändern musst. Tust du das nicht, dann suche ich mir eine andere Arbeit.“ Tobias wusste, dass er ihn damit reizte. Hopp oder Topp, nun hatte er keine andere Wahl. Innerlich stöhnte Tobias und hoffte, dass sein Vater nicht alles kaputtmachen würde, was sie verband.

„Was, du drohst deinem Vater? Du willst mich erpressen?“

Gerhards Zorn kannte nun keine Grenzen mehr, sein Arm fuhr zurück, und dann krachte seine Hand mitten ins Gesicht seines Sohnes, der völlig überrascht war und zur Seite taumelte. Seine Nase fing an zu bluten und als Tobias das spürte, fasste er in die Hosentasche und zog ein Taschentuch heraus, mit dem er sich das Blut abwischte.

„Nur über meine Leiche, das sage ich dir. Hau ab, verschwinde, ich will dich hier nicht mehr sehen. Ab heute bist du nicht mehr mein Sohn. Geh mir aus den Augen!“

Gerhard ließ sich auf die Eckbank fallen und stützte den Kopf in die Hände.

Tobias hingegen war für einen Moment sprachlos, nein, eigentlich setzte für einen Augenblick sein Herz aus und hörte auf zu schlagen. Sein Vater hatte ihn gerade verstoßen, ihn von seinem geliebten Hof verjagt. Nie in seinem Leben hätte er gedacht, dass er zu so etwas fähig wäre. Ausgerechnet sein Vater, der ihn von Kindesbeinen an mitgenommen hatte, ihm die Obstplantagen nähergebracht, seine Liebe zum Obstbau entfacht und gefördert hatte. Er nahm ihm jetzt seine Heimat.

Seine Mutter stand neben dem Herd und hatte die Hände vor Schreck über ihre Wangen gelegt. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie wusste, dass ihr Sohn jetzt gehen und sie alleine lassen würde. Nur mit Mühe konnte sie für einen Moment ein lautes Schluchzen verhindern, dann aber brachen bei ihr alle Dämme. Gerhard stand auf, lief zu ihr hin und zog sie an den Haaren durch die Küche.

„Höre auf zu flennen, du Schlampe. Du hast ihn verzogen und nicht hingeschaut und dein anderer Bankert, der faulenzt auf meine Kosten, schrie er.“

Während Jutta versuchte, mit ihm Schritt zu halten, damit er ihr die Haare nicht ausriss und es noch mehr schmerzte, als es eh schon tat, ließ er sie plötzlich los, schupste sie so stark, dass sie stolperte und neben den Tisch stürzte, dann trat er ihr mit den Schuhen auf den Oberkörper und trat mehrmals gegen ihren Rücken.

Jutta bekam keine Luft mehr, ihr Körper schmerzte unendlich, der Rücken brannte. Sie blieb zunächst liegen, bis der Schmerz und der Schwindel nachließen. Dann zog sie sich langsam an der Herdstange hoch, strich sich über die Schürze und arbeitete mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Sie wusste, dass sie jetzt die Küche nicht verlassen durfte, denn dann würde er erneut auf sie einschlagen.

Tobias hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Küche verlassen, ging auf sein Zimmer, kam nach einer Weile mit einem Koffer wieder herunter und verließ wortlos das Haus. Die Gewalt gegen seine Mutter hatte er nicht mehr mitbekommen.