Das Post Mortem Phänomen - Peter M. Sauer - E-Book

Das Post Mortem Phänomen E-Book

Peter M. Sauer

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Beschreibung

Philipp ist anders, und das schon seit seiner Zeugung... Man sieht es ihm nicht an, doch er kann spüren, wenn der Tod sich nähert. Es quält ihn, denn er weiß nicht, was mit ihm geschieht und er kann nichts dagegen tun. Chris, sein Onkel und der Arzt, der für die künstliche Befruchtung verantwortlich war, könnte ihn aufklären, doch er schweigt. Prof. Kerrington, sein Mentor beim Studium in den USA, interessiert sich sehr für den jungen Mann, doch er hat seine eigenen Motive. Schließlich kommt es, wie es kommen musste: Eine Katastrophe ereignet sich. Ein Thriller, der an die Grenzbereiche ärztlicher Kunst und des medizinischen Ethos vorstößt.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Das Post Mortem Phänomen (E-Book Version) published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © Peter M. Sauer Titelbild: © Sabrina Gonstalla / pixelio.de Satz: Samuel Schwarzkopf

Peter M. Sauer

Das Post Mortem Phänomen

„Wir sind ein einziges Mal geboren. Zweimal geboren zu werden ist nicht möglich. Eine ganze Ewigkeit hindurch werden wir nicht mehr sein dürfen. Und du schiebst das was Freude macht auf, obwohl du noch nicht einmal Herr über das Morgen bist? Über dem Aufschieben schwindet das Leben dahin, und so mancher von uns stirbt, ohne sich jemals Muße und Freude gegönnt zu haben.“

1

Bonn, 08.11.1986

Im Schatten des neuen Stadthauses liegt inmitten der Stadt der ehrwürdige Alte Bonner Friedhof. Er ist von einer schlichten hohen Mauer umgeben und ein Ort der Stille.

Eine große Trauergemeinde hatte sich an diesem Tag hinter dem schmiedeeisernen, weit geöffneten Eingangstor versammelt und wartete schweigend auf den Sarg.

Als der Leichenwagen schließlich vorgefahren war, setzte sich der Trauerzug langsam in Bewegung und folgte ihm still in den Friedhof hinein. Es war ein grauer, diesiger Spätherbsttag. Das zur Seite gefegte Laub auf den Wegen war braun und nass, und es roch ein wenig nach Fäulnis. Allerheiligen war bereits vorbei, auf den Gräbern welkte der Blumenschmuck, und nur noch hier und da flackerte ein rotes Kerzenlicht.

Der im Jahre 1715 angelegte Alte Friedhof war in Bonn etwas ganz Besonderes. Der Trauerzug kam jetzt auf seinem langen Weg zum offenen Grab an den Ruhestätten und Grabmälern vieler berühmter Bürger der Stadt vorbei. Neben bedeutenden Professoren wie Ernst Moritz Arndt, Karl Simrock oder F.W. Argelander hatten hier viele weitere bedeutende Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe gefunden, so zum Beispiel Robert und Clara Schumann, Mathilde Wesendonck, die Muse und Geliebte Richard Wagners und Maria Magdalena Keverich, die Mutter Beethovens. Seit 1883 war dieser Friedhof für Neubeerdigungen geschlossen; eine Ausnahme gab es lediglich für Ehrenbürger der Stadt und Nachfahren von hier Bestatteten, die ihre Grabstelle weiter nutzen durften.

Da Carolin Baltin aus einer alten Bonner Familie stammte, besaß sie hier ein eigenes Familiengrab, das nun die letzte Ruhestätte ihres verstorbenen Mannes Dr. Hans Baltin werden sollte. Er war ein begabter, mehrfach ausgezeichneter und erfolgreicher Physiker am hiesigen Max-Planck-Institut gewesen, dem eine glänzende Karriere prognostiziert worden war.

Vor vier Tagen war er, ganz in der Nähe von Bonn, auf dem Rückweg von einem Kongress in Straßburg wegen eines Staus in einen schweren Unfall verwickelt worden. Baltin war mit seinem Wagen bei dichtem Nebel und hoher Geschwindigkeit auf einen liegen gebliebenen LKW aufgefahren und unter ihn geschoben worden. Er hatte schwerste Kopf- und Brustverletzungen erlitten und war trotz aller Rettungsversuche später im Krankenhaus verstorben. Seine Frau Carolin stand immer noch unter einem schweren Schock, der Körper und Seele so sehr schwächte, dass sie nicht an der Beerdigung teilnehmen konnte, sondern in ärztlicher Obhut bleiben musste.

Dr. Chris Bergers, der Schwager des Verstorbenen und einzige Bruder von Carolin Baltin, der ein enges Verhältnis zu seiner Schwester und ihrem Mann hatte, hielt eine kurze und eindrucksvolle Grabrede. Sowohl seine Frau und er wie auch die Baltins waren kinderlos geblieben. Das hatte sie über ihre verwandtschaftliche Beziehung hinaus besonders verbunden.

Der Sarg wurde von vier schwarz gekleideten städtischen Bediensteten getragen. Der Priester, ein alter Schulfreund von Carolin, zelebrierte die Gebete sichtlich betroffen und warf als Symbol für die irdische Vergänglichkeit mit einer kleinen Schaufel etwas Erde hinab auf den Sarg. Nach dem Segen kondolierte er den Angehörigen. Obwohl er sich vorgenommen hatte, diese Beerdigung genau wie alle anderen mit der nötigen Andacht und einer distanzierten priesterlichen Anteilnahme durchzuführen, konnte er seine tiefe Ergriffenheit nicht verbergen, denn er hatte mit dem Verstorben oft zusammengesessen und über den Glauben gestritten. Hans Baltin war als Physiker ein überzeugter Atheist gewesen und hatte keinen Schöpfer der Natur akzeptiert. Da er aber auch streng katholisch erzogen worden war, tat er sich trotz allem schwer damit, sich endgültig von der Kirche zu lösen, zumal seine geliebte Frau Carolin gläubig war und ihren kirchlichen Verpflichtungen ernsthaft nachging. Unbeirrt hatte Hans Baltin jede höhere Intelligenz oder Instanz abgelehnt und konsequent rein materialistisch gedacht. Carolin zuliebe hatte er jedoch in begrenztem Umfang an kirchlichen Veranstaltungen und Festen teilgenommen und dabei durchaus heimlich einen gewissen inneren Frieden gefunden, der ihn an seine Jugendzeit erinnerte. Diese Zwiespältigkeit hatte er nie auflösen wollen, sie gehörte einfach zu ihm, und gerade aus diesem Grunde war für einen Priester ein Gespräch mit ihm immer eine große Herausforderung gewesen. Aber nun lag Hans hier im Sarg und es gab keine Möglichkeit der Aussprache mehr.

Als der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, standen die Eltern und zwei Schwestern von Hans Baltin mit ihren Ehemännern und deren Kindern in der ersten Reihe. Carolins Mutter Tina war von ihrem Sohn Chris in einem Rollstuhl zum offenen Grab ihres Schwiegersohnes gefahren worden. Auch an ihr waren die schmerzerfüllten Tage seit dem verhängnisvollen Unfall nicht ohne Spuren vorüber gegangen. Sie war herzkrank und es fiel ihr sichtlich schwer, die Rosen als letztes Geleit in die Grube zu werfen. Nach ihr stellte sich Chris noch einmal an den Rand des Grabes und verharrte eine Zeit lang schweigend mit ehrfurchtsvoll gebeugtem Kopf. Er trug sein dichtes, leicht ergrautes Haar, das ihm nur mäßig geordnet bis zum Kragen reichte, länger, und der Herbstwind blies ihm die Strähnen ins Gesicht, was ihn aber offenbar nicht störte. Sein gutmütiges, breites Gesicht war von Falten durchzogen, und mit seiner leicht gedrungenen Statur und dem auffallend kurzen Hals wirkte er trotz des langen, schwarzen Mantels beinahe wie ein Pykniker. Ernst schaute er auf den Sarg hinunter. Seine Lippen formten leise den letzten, bewegenden Gruß seiner Schwester Carolin an ihren Ehemann, den sie ihm aufgetragen hatte. Als Chris fertig gesprochen hatte, hob er seinen Kopf und schaute noch einmal zum Himmel empor. Alles war still. Er tat einen tiefen Atemzug, dann folgten gemurmelte Worte, die offensichtlich nicht für die Umstehenden bestimmt waren. Es hörte sich an wie „… von Dir … weiterleben … versprochen.“ Nach einem tiefen Seufzer drehte er sich um, ging zu seiner Mutter und schob sie mit dem Rollstuhl auf den Weg zurück.

Eine große Anzahl von Kränzen und Gebinden säumten in einem weiten Bogen die Grabstätte und eine nicht enden wollende Schlange von Verwandten, Freunden, Kollegen und Bekannten kondolierten den Angehörigen. Der Sarg selbst war äußerst schlicht gewesen; eine helle Eiche-Truhe mit einer Palmenzeichnung. Als einzigen Schmuck hatte Carolin einen großen Strauß aus roten und weißen Rosen mit zwei weißen Schleifen, auf denen „We’ll meet again – don’t know where – don’t know when!“ und „In Liebe Deine Carolin“ stand, auf dem Deckel befestigen lassen. Diesen Satz hatte sie vor kurzem im Geschichtsunterricht verwendet – sie war Lehrerin für Englisch und Geschichte. Thema war die Rolle Englands im Zweiten Weltkrieg gewesen. Dieses Lied hatten damals die in den Krieg ziehenden Soldaten zusammen mit ihren Freundinnen und Familien gesungen. Die Textzeile besaß noch eine Fortsetzung: „… but I know we’ll meet again some sunny day ...“ Carolin hatte sogar eine CD mit einer beeindruckenden Songversion davon gekauft und sie ihrem Mann vorgespielt. Er fand diese hoffnungsvolle letzte Zeile zwar sinnlos, aber die Melodie hatte ihm gut gefallen. Und nun war er selbst fortgegangen. Die Hoffnung war mit ihm gestorben, denn es würde für sie beide auf Erden keinen „sunny day“ mehr geben. Das wusste Carolin. Und doch spendete ihr der Text Trost, denn sie war überzeugte Katholikin, die an die Auferstehung und ein Wiedersehen nach dem Tode glaubte.

2

Nach den aufregenden Begebenheiten um und wegen der Beerdigung erholte sich Carolin nur schleppend. Ihr ging es immer noch nicht besonders gut und ihr Bruder, Dr. Chris Bergers, kümmerte sich rührend um sie. Er war deutlich älter als sie und pflegte ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Schwester. Seine eigene Ehe war nach fünf Jahren kinderlos geschieden worden, unter anderem auch deshalb, weil seine Frau keine Kinder wollte, was ihm bis jetzt wie ein Stein auf dem Herzen lag. Da die Baltins bisher ebenfalls kinderlos geblieben waren, obwohl sie sich Kinder gewünscht hatten, war diese Gemeinsamkeit ein weiteres verbindendes Element ihrer familiären, engen Beziehung gewesen.

Chris war Chirurg am Städtischen Florentius Krankenhaus. Da aber aus seiner eigenen Geschichte heraus auch ein großes Interesse am Fachgebiet der Zeugungshilfe entstanden war, engagierte er sich zusätzlich in der privaten Fertilisationsklinik „Infant“ in Bad Godesberg. Er war nicht nur ein geschickter Chirurg, sondern auch versiert in der Durchführung komplizierter Techniken im Bereich der künstlichen Befruchtung, was er als angenehme Ergänzung zu seiner Tätigkeit im OP empfand. Dort endete seine schwierige Arbeit zwar meist lebenserhaltend, aber manchmal auch nicht. Der Tod war immer latent gegenwärtig. Aber hier bei „Infant“ konnte er die schwerwiegende Belastung im OP durch die Euphorie der Lebensspende ausgleichen. Diese Tatsache half ihm sehr.

Einige Wochen nach dem Begräbnis war Carolin zu aller Überraschung schwanger. In der Zeit nach der Bestattung hatte sie sich gehen lassen. Ihr schönes blondes, schulterlanges Haar war fettig, der stets sorgsam gezogene Scheitel war verschwunden und die auffälligen Halsketten fehlten. Überhaupt schien Schmuck seine Bedeutung verloren zu haben, und ihre ebenmäßige Figur wirkte durch Verspannungen jetzt eher gebeugt. Seitdem sie jedoch wusste, dass sie schwanger war, sah sie wieder ganz lebendig aus. Voller Stolz erzählte sie allen, dass sie ihr Glück nicht fassen könne, weil sie und Hans offensichtlich kurz vor dessen Tod dieses Kind gezeugt hätten. Sie war außer sich vor Freude. Bei den Freunden allerdings standen eher Verwunderung und Skepsis im Vordergrund, weil sie Carolin wegen ihrer derzeitigen geschwächten körperlichen und seelischen Verfassung eine Schwangerschaft kaum zutrauten. Aber das legte sich nach einiger Zeit, und ihr Umfeld reagierte zunehmend begeistert, weil Carolin so glücklich war. Alle gönnten ihr diesen Lichtstrahl in ihrem Leben. Sie empfand das Kind als ein Geschenk von Hans.

Die Schwangerschaft verlief unter strenger persönlicher Be-treuung von Chris komplikationslos und Carolin gebar am 05. August 1987 einen Sohn. Die Wahl des Namens war ihr schwer gefallen. Für Hans konnte sie sich nicht entscheiden, da sie befürchtete, dass sie jedes Mal, wenn sie ihren Sohn beim Namen nennen würde, in Erinnerungen versunken bliebe, abgesehen davon, dass sie ihn noch nie schön gefunden hatte. Ihr Sohn sollte ihr Leben mit einem neuen, eigenen Namen bereichern. Sie nannte ihn Philipp, weil sie mit Hans zuletzt einen wunderschönen Urlaub auf den Philippinen verbracht hatte und ihr verstorbener, geliebter Vater ebenfalls Philipp geheißen hatte.

3

Mai 2007

Sue und Mary genossen an jedem Donnerstag ihren gemeinsamen Einkaufstag in der Shopping Mall von Oklahoma City. Diese Verabredung, die sie schon vor Jahren getroffen hatten, war ihnen heilig, denn sie verbrachten den ganzen Tag in diversen Einkaufszentren, verstauten die erstandenen Waren in ihren Pickups auf dem hauseigenen Parkplatz und freuten sich auf den anschließenden genussvollen gemeinsamen Ausklang. Sue hielt schon seit Wochen eine strenge Diät, was dazu führte, dass sie sich heute mit einem großen Salatteller begnügen wollte, während die immer noch schlanke Mary sich ein großes Steak leistete. Den Kaffee wollten sie im Freien genießen, denn die trockene Luft in den klimatisierten Cafés verhinderte ihrer Meinung nach den vollen Kaffeegenuss. Ein Hinweisschild im Einkaufscenter empfahl den Besuch eines großen Dachgartens mit bunten Sonnenschirmen und Palmenbäumen. Es gab frisch gepresste Obstsäfte, italienischen Kaffee und französisches Gebäck. Neben der Aufzugstür suchten sie sich in den Auslagen eines großen Kiosks die aktuellen Boulevard-Zeitschriften mit dem üblichen Klatsch aus und fuhren in den dritten Stock. Der Dachgarten war wirklich schön, ein grünes Paradies, das einen herrlichen Ausblick auf die Stadt bot.

Um diese Zeit war es den meisten Gästen hier oben zu heiß, sodass jetzt, am frühen Nachmittag, noch viele Tische frei waren. Nur in der letzten Reihe lag eine schlafende junge Frau im Liegestuhl. Die Bedienung kam nur gelegentlich vorbei und es dauerte eine gewisse Zeit, bis die beiden Frauen ihren ersehnten Kaffee vor sich hatten. Trotz der angeregten Unterhaltung warf Sue immer wieder unwillkürlich einen Blick auf die Schlafende im Liegestuhl. Die Sonne war mittlerweile weiter nach Westen gewandert und das Mädchen lag jetzt im prallen Sonnenschein. Dennoch bewegte sie sich nicht. Als auch die Bedienung ihnen auf ihre Nachfrage hin bestätigte, dass die Frau sich in der letzten halben Stunde nicht gerührt habe, beschlossen alle drei nachzuschauen. Die junge Frau sah sehr blass aus, ihr Mund war leicht geöffnet und ihre aschfahle Gesichtsfarbe wirkte beängstigend ungesund. Als Sue sie ansprach, erfolgte keine Reaktion. Deshalb berührte sie die Schlafende an der Schulter, während sie weiter auf sie einsprach und – weil diese immer noch nicht reagierte – nun heftig an deren Armen rüttelte. In diesem Moment rutschte der Körper der jungen Frau unkoordiniert aus dem Liegestuhl auf den harten Boden. Auch jetzt bewegte sie sich nicht. Auf dem Sitz war ein großer, nasser Fleck zu sehen. Die drei Frauen erschraken und begannen wie auf Kommando zu schreien. Das Mädchen war offensichtlich tot.

Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den eingetretenen Tod feststellen. Da es keine Anzeichen für eine Fremdeinwirkung gab, bestellte er umgehend den Leichenwagen. Weil aber am Kopf der Toten, um den gesamten Haaransatz herum, eine nicht erklärliche kreisförmige, bläuliche Verfärbung zu erkennen war, bestand die Möglichkeit eines unnatürlichen Todes, und der Arzt benachrichtigte die Polizei. Diese befragte Sue und Mary, ob ihnen sonst noch etwas aufgefallen sei und ebenso die Bedienung. Diese erinnerte sich nur, dass am frühen Nachmittag an diesem Tisch ein junges Paar gesessen hatte, das sich angeregt unterhalten und ab und zu umarmt hatte. Ob das die junge Frau aus dem Liegestuhl gewesen war, konnte sie allerdings nicht mit Sicherheit sagen.

4

Carolin ließ sich vom Unterricht freistellen und widmete sich mit Hingabe der Erziehung ihres Sohnes. Das Kind war von Anfang an ein wenig kränklich, machte aber gute Fortschritte. Nach zwei Jahren lernte sie bei einem Geburtstagsfest ihrer Freundin einen interessanten Mann kennen; Martin Kargen, einen Rechtsanwalt aus Bonn, der beim Büffet eher zufällig an ihrer Seite gestanden hatte, und mit dem sie ungezwungen ins Gespräch kam. Er war elegant gekleidet, nicht sehr groß und wirkte sehr sportlich. Sie genoss seine Eloquenz und war erstaunt, dass er sich später am Abend auch noch als passabler Pianist entpuppte, der die Anwesenden mit seinen Improvisationen am Klavier unterhielt. Es war wunderbar mit anzuhören, wie spielerisch ihm die schwierigen Übergänge zwischen den verschiedensten Melodien und Rhythmen, zwischen Klassik und moderner Musik gelangen. Carolin war beeindruckt. Kargen war intelligent, schlagfertig und lustig und zudem geschieden. So kam es, dass die beiden bald eine leidenschaftliche Liebesbeziehung begannen, die im Jahre 1990 mit einer großen Hochzeit besiegelt wurde.

Martin, den alle nur Mäc nannten, passte gut zu Carolin, lediglich mit Philipp gab es ein paar Probleme. Das Kind lehnte ihn offensichtlich ab. Martin tat sein Bestes und schenkte dem Kind all seine Sympathie und, wenn es der Beruf zuließ, auch seine Freizeit. Allmählich besserte sich ihr Verhältnis und die beiden konnten sogar miteinander lachen. Als Carolin schließlich erneut schwanger war, teilten sie Philipp behutsam mit, dass seine Mutter bald ein weiteres Baby bekommen würde. Das fand er, wie alle Kinder, vor der Geburt lustig. Die kleine Melanie kam am 13. März 1991 zur Welt, und von nun an waren sie zu viert.

5

Nach einer schwierigen Zeit lernte Philipp allmählich mit der Anwesenheit seiner neuen kleinen Schwester zurechtzukommen. Zwischen ihnen herrschte keine geschwisterliche Liebe, ihr Miteinander beruhte eher auf Toleranz, aber sie spielten miteinander, soweit dies bei einem Altersunterschied von mehr als drei Jahren möglich war.

Mit Philipps Einschulung im Sommer 2003 änderte sich sein Leben. Er wollte jetzt vor allem selbstständig sein, lehnte fremde Hilfe bei den Schulaufgaben ab und wollte alles alleine machen. Carolin ließ ihn gewähren, beschloss aber, dem Jungen als Ausgleich die Welt der Musik zu erschließen und meldete ihn zum Klavierunterricht an. Aber genau wie seinem Vater fehlte auch ihm jegliches Talent für ein Instrument und schon bald musste Carolin einsehen, dass dies keinen Zweck hatte. Andere Versuche, wie der Mitgliedschaft in einer Theatergruppe oder dem örtlichen Fußballverein scheiterten an Philipps Unfähigkeit, mit anderen unverkrampft und offen kommunizieren zu können. Er war sehr verschlossen und ging, wo und wann immer er konnte, Streitigkeiten aus dem Wege. Er besaß ein sanftes Wesen und blieb ein guter, aufgeweckter Schüler. Es gab keine Probleme, sodass Philipp die Grundschule mit der nötigen Empfehlung zum Gymnasium abschloss. Carolin entschied sich für ein naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium, welches außerdem nur einen Steinwurf von ihrem Haus entfernt lag. Die Veranlagung des Vaters zur Naturwissenschaft schien auch in Philipp zu stecken, wie sie glaubte.

In den kommenden Jahren kam Philipp manchmal unverhofft nach Hause, weil ihn starke Kopfschmerzen quälten. Bei diesen Gelegenheiten war er meistens nach dem Unterricht mit Freunden in der Fußgängerzone herumspaziert, wo ihn plötzlich beklemmende Hitzewallungen und Herzklopfen überwältigten. Carolin sorgte sich natürlich um ihren Sohn und veranlasste eine gründliche ärztliche Untersuchung, die aber zu keinem Ergebnis führte. Angeblich war Philipp kerngesund. Immer dann, wenn ihn die Attacken von neuem überfielen, ging er nun zum Alten Friedhof ans Grab seines Vaters und redete mit ihm. Das beruhigte ihn.

Eines Tages, als Philipp wieder einmal vom Friedhof nach Hause kam, weil er heute unter einer besonders schweren Attacke zu leiden hatte und überdies die ganze Zeit an seinen besten Freund Andreas denken musste, überbrachte ihm am Abend seine Mutter Carolin die schreckliche Nachricht, dass Andreas am Mittag auf dem Rückweg von der Schule überfahren worden war. Ein Lastwagen hatte ihn beim Abbiegen übersehen. Andreas war sofort tot gewesen. Während sie noch darüber sprachen, erinnerten sie sich daran, dass Philipp am Morgen seltsam aggressiv und verstört gewesen war.

„Siehst du Mama, als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich gewusst, dass etwas Schlimmes passiert. Und ich musste dabei an Andreas denken. Ich hab das gespürt. Ich hätte dir das sagen müssen. Dann hätten wir ihn noch warnen können.“ Philipp war vollkommen durcheinander.

„Kind, das war doch bestimmt nur so eine komische Ahnung, die wir alle schon mal haben. Das geht mir manchmal genauso. Aber erst, wenn wirklich etwas passiert, denkt man: Das habe ich doch geahnt.“

„Nein, Mama, ich habe das wirklich gewusst! Das ist etwas ganz anderes, als du sagst, ganz schlimm. Ich hätte Andreas anrufen müssen. Ich bin schuld, dass er jetzt tot ist.“

„Philipp, nein, natürlich bist du nicht schuld! Andreas hätte besser aufpassen müssen. Es war seine Entscheidung, über die Kreuzung zu fahren. Er war eben im falschen Moment an der falschen Stelle. Komm, jetzt verscheuchen wir die schlechten Gedanken und du gehst ins Bett. Ich komme gleich zu dir und wir kuscheln noch ein bisschen, O.K.?“

Andreas war wie Philipp ohne seinen leiblichen Vater groß geworden, hatte ähnliche Vorlieben wie er, und beide waren so etwas wie Brüder. Sie besuchten zwar verschiedene Jahrgangsstufen, pflegten aber eine enge Freundschaft. Nachdem Philipp sich wieder etwas beruhigt hatte, ging er in sein Zimmer. Als er am nächsten Morgen allerdings völlig entspannt zum Frühstück erschien, so tat, als ob mit Andreas überhaupt nichts passiert wäre und ganz normal zur Schule ging, konnte Carolin sich nur wundern. Die Zeit verging, und sie vergaßen dieses Unglück oder besser gesagt, sie redeten nicht mehr darüber.

Philipp litt nach wie vor unter den Schmerzattacken und oft überfiel ihn dabei große Angst. Das passierte an vielen Orten: im Bus, auf dem Marktplatz, in größeren Menschenansammlungen. Da er keine Erklärung dafür fand, begann er sich irgendwann damit abzufinden.

Mit seinem Stiefvater Mäc konnte er nicht reden, weil er ihn mittlerweile verachtete. Sein Großkotzgetue, die Prahlerei über seine glänzenden Prozesserfolge, das viele Geld, sowie dessen Hang zum Alkohol mochte er nicht. Philipp fand Alkohol furchtbar. Und seine Schwester Melanie ärgerte ihn nur. Manchmal legte sie ihm sogar eine tote Maus ins Bett, worüber er entsetzlich wütend werden konnte.

6

Immer wieder fragte Philipp nach seinem Vater, denn er fühlte sich ihm sehr nahe, obwohl er ihn nie kennengelernt hatte. Carolin hatte ihm bisher nur vorsichtig von dessen Unfalltod erzählt. Sie wollte warten, bis sie sich stark genug fühlte, ihm Genaueres von den Geschehnissen dieses Tages mitzuteilen. Irgendwann war Philipp dann der merkwürdige Abstand zwischen dem Todestag seines Vaters und seinem eigenen Geburtstermin aufgefallen. Das waren exakt neun Monate. Wie konnte das sein? Sofort stellte er seine Mutter zur Rede. Carolin zögerte erst, konnte aber dann den bohrenden Fragen nicht mehr ausweichen.

„Weißt du, Philipp, dein Vater und ich haben uns so sehr ein Kind gewünscht, ganz lange schon. Aber manchmal klappt das nicht so einfach, und bei uns war das so.“

„Warum hast du denn dann nicht einfach bei Onkel Chris gefragt? Der hilft doch solchen Leuten immer. Eine Pille oder so, und dann geht das.“

„Nein, so einfach funktioniert das nicht. Der Arzt muss erst mal gründlich untersuchen, woran das liegt. Dann kann er vielleicht helfen.“

„Und? Was hattest du oder der Papa?“

„Eigentlich nichts. Onkel Chris konnte uns aber viele gute Ratschläge geben. Weißt du, dein Papa und ich hatten damals viel Stress. Ich in der Schule mit meinen Kollegen, Papa im Institut mit seinen Forschungsarbeiten, dazu kam unser Hausbau und so weiter. Papa war zu einem Kongress in Straßburg eingeladen, und ich habe ihn für ein paar Tage begleitet. Das war sehr schön und wir hatten ziemlich viel Zeit füreinander. Du weißt was ich damit meine! Ich bin ganz sicher, dass du dort entstanden bist.“

„Wie kann man das wissen?“

„Na ja. Du weißt doch, dass Eltern sich zusammentun müssen, damit ein Kind gezeugt werden kann. Genau das haben wir in Straßburg getan.“

„Und dann ist Papa gestorben.“

„Ja, leider. Ganz kurz danach. Aber eine Frau weiß, wenn sie schwanger wird, wer der Vater ihres Kindes ist.“

„Ich war also schon in deinem Bauch, als Papa starb. Ehrlich? Und genau neun Monate später bin ich dann herausgekrochen? Das ist aber komisch.“

Carolin musste sich zusammenreißen, denn Philipps Skepsis ging ihr zu Herzen. Sie beugte sich zu ihm hinunter und schaute ihm in die Augen.

„Philipp, du kannst ganz sicher sein, dass du unser leibliches Kind bist, von mir und deinem Vater Hans. Das schwöre ich dir! Das musst du für immer wissen. Versprochen?“

Philipp sah, dass seiner Mutter die Tränen über die Wangen liefen und nickte. Er glaubte ihr und akzeptierte sein ungewöhnliches Schicksal.

7

Mit Onkel Chris konnte er jederzeit ganz offen reden. Die beiden verstanden sich gut. Chris war sein Taufpate und hatte ihn immer sehr fürsorglich begleitet. Über seine Angstanfälle konnte Philipp nur mit ihm sprechen, weil er ihm vertraute und sein Onkel außerdem Arzt war. Aber eine richtige Erklärung dafür hatte Chris auch nie gehabt. Sämtliche Befunde und Werte aus den bisherigen Untersuchungen lagen ihm vor, und er besprach sie mit den behandelnden Kollegen. Außer einem leicht erhöhten Bluteisenwert war alles normal. Niemand konnte bislang eine befriedigende Erklärung für Philipps Zustand geben. Chris kam schließlich zu der Ansicht, dass Philipp einfach eine ganz besondere Persönlichkeit sei, die auf ihre Mitmenschen sehr sensibel reagiere.

Ihm war allerdings sehr wohl aufgefallen, dass Philipp anders war. Seine oftmals düstere Stimmungslage, die Verschlossenheit, seine so häufigen Grabbesuche beim Vater, seine dauernden Fragen nach Sterben und Tod, aber auch nach seiner Herkunft fand er seltsam. In Wirklichkeit hatte Chris damals bei der Zeugung im Institut nachgeholfen. Aber darüber konnte er seinem Patensohn nichts sagen, außerdem konnte das nicht der Grund für Philipps Probleme sein. Chris hoffte inständig, dass das alles mit der Pubertät verschwinden werde und der Junge ganz normal würde.

April 2007

Liebste Ann, ich schäme mich so. Was mir gestern passiert ist, hätte nie geschehen dürfen. Ich hatte das nicht geplant und es niemals für möglich gehalten, dass ich zu solch einem Verhalten fähig sein könnte. Bitte verzeihe mir. Ich weiß es und Du weißt es auch, dass ich manchmal gegen meinen Willen seltsam bin, aber das hat mit unbegreiflichen Ereignissen aus meiner Vergangenheit zu tun, die ihre bizarren Spuren in meinem Verhalten hinterlassen haben. Mir ist klar, dass so was für Außenstehende manchmal irritierend ist, und dass sie mich deshalb auch ablehnen können. Dieser Zustand hat aber noch nie dazu geführt, dass ich aggressiv wurde. Im Gegenteil: ich konnte den Menschen, denen ich mich dann so nahe fühlte, fast immer meine Hilfe anbieten. Warum ich gestern so egoistisch war und meine Begierde ganz ohne Rücksicht auf Dich durchsetzen wollte, ist mir selbst vollkommen unklar. Das Mysteriöse daran ist, dass ich einem inneren Zwang gefolgt bin, der meinen tatsächlichen Vorstellungen und Prinzipien völlig zuwider lief. Ich war nicht in der Lage, der Situation mit einem kühlen Kopf zu begegnen, sie zu beeinflussen oder sogar zu stoppen. Ich wollte Dich nicht verletzen und will das auch jetzt nicht. Bitte sieh es mir nach und gib mir eine Chance, es wieder gutzumachen. Ich warte auf eine Antwort von Dir. Vielleicht kann Deine Liebe einen Weg finden, mir zu verzeihen, das würde mir mehr helfen als jede Therapie. In Liebe

8

Philipps Großmutter Tina Bergers hatte nach dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren das große Haus am Venusberg verkauft und war damals zu Carolin und Hans in eine kleine Einliegerwohnung im Gartentrakt gezogen. Dort hatte sie sich behaglich eingerichtet und stand nach der Geburt der Enkelkinder trotz ihrer gelegentlichen Herzprobleme immer als Babysitterin zur Verfügung und vertrat die Eltern gern in mancherlei Hinsicht. Das bereitete ihr immer sehr viel Freude und die Enkelkinder liebten ihre selbstbewusste Gelassenheit und großherzige Toleranz, wenn es mal Probleme gab. Seit einem halben Jahr hatten Oma Tinas Herzbeschwerden jedoch stark zugenommen, und sie war nicht mehr belastbar. Sofort nach ihrem Einzug hatten Carolin und Hans damals einen separaten Durchgang über den Keller direkt in Omas Bungalow brechen lassen, um eine problemlose Verbindung der beiden Häuser zu schaffen, und so konnte jetzt auch Philipp jederzeit zu ihr gehen.

Als er eines Abends wieder zur Oma ging, um mit ihr Rommee zu spielen, fand er sie schwer atmend und mit blassem Gesicht auf ihrem Sofa vor. Sie wirkte sogar etwas verwirrt. Solche Herzattacken hatte Philipp bei ihr schon oft erlebt. Aber heute erschien ihm die Situation vollkommen anders. Er spürte wieder dieses seltsame Herzklopfen, noch schwach, aber er verstand es als unverkennbare Warnung. Philipp rannte zurück ins Haus und rief seine Mutter. Carolin war gerade dabei, die letzte Klassenarbeit zu korrigieren und schlug vor, dass er seiner Oma ein Glas Wasser und ihre üblichen Herztropfen geben sollte. Das war schon des Öfteren vorgekommen, und die Großmutter hatte sich bisher immer wieder schnell erholt. Philipp wurde böse und warf seiner Mutter vor, die Situation nicht ernst genug zu nehmen, der Oma gehe es wirklich sehr schlecht. Carolin entschied schließlich seufzend, ihm in die Wohnung ihrer Mutter zu folgen.

Als sie Oma Tina sah, schien ihr jetzt nichts anders zu sein als sonst, wenn ihre Mutter einen Anfall hatte. Deshalb tat sie das, was sie immer tat und um was sie Philipp gebeten hatte. Sie zählte die bereit liegenden Herztropfen ab und gab sie ihrer Mutter. Philipp begann energisch zu protestieren. Er schrie sie an und tobte: „Die Oma stirbt, glaube mir. Ich spüre das! Tu doch was. Hol einen Arzt!“

Oma Tina zog ihn zu sich heran und streichelte ihm über die Wange. Sie waren heiß und stark gerötet.

„Das ist lieb von dir, mein Junge, aber lass uns mal abwarten. Gleich wirken die Medikamente, und mir geht es dann wieder besser. Ich werde schon nicht daran sterben.“

„Doch Oma, bitte. Hört doch auf mich. Mama, ich will, dass du einen Arzt rufst, bitte! Wenn du das nicht tust, dann gehe ich selber zum Telefon und rufe die Frau Dr. Basch an.“

„Philipp, das wirst du jetzt nicht tun. Ich bin es immer noch, die bestimmt, wann es soweit ist.“

Carolin blieb bei ihrer Meinung. Tatsächlich legten sich die Schmerzen bei Oma Tina etwas, und sie schlief ein. Philipp ließ das aber nicht gelten. Er forderte immer wieder energisch Hilfe für seine Oma und drohte seiner Mutter erneut verzweifelt damit, die Ärztin selbst anzurufen.

Als Oma Tinas Atemzüge plötzlich bedrohlich langsamer und schwerer wurden, ließ Carolin sich schließlich überreden und rief die Hausärztin Frau Dr. Basch an. Noch bevor diese eintraf, begann Oma Tinas Körper sich aufzubäumen, und sie rang nach Luft. Erst hustete sie so stark, dass sie fast erstickte, dann ging das Husten in ein qualvolles Röcheln über. Philipp warf sich auf die geliebte Oma und hielt ihren zitternden Körper fest, so gut er konnte. Carolin erkannte nun ebenfalls den Ernst der Lage und versuchte zu helfen. Aber jede Hilfe kam zu spät, und für Tochter und Enkel war es grausam, hilflos mit ansehen zu müssen, wie die tapfere alte Dame ihr Leben unter Schmerzen aushauchte. Sie starb in den Armen ihrer Tochter, ihre kalten, nassen Hände fest in die von Philipp gepresst.

Frau Dr. Basch konnte nur noch den Tod der Großmutter feststellen und kondolierte. Philipp sprang auf und schrie:

„Du bist schuld, Mama. Du wolltest mir nicht glauben, dabei habe ich dir immer wieder gesagt, dass die Oma stirbt. Hättest du früher Hilfe geholt, wäre sie noch am Leben.“

Philipp war nicht zu beruhigen, er schrie und weinte und weißer Schaum bildete sich vor seinem Mund.

„Ihr seid alle Mörder, denn ihr habt einfach nichts getan. Ihr habt die Oma umgebracht.“

Die Ärztin versuchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, dass seine Oma auch mit ihrer Hilfe oder der eines Notarztes ganz sicher heute Abend gestorben wäre.

„Sie war alt und ihr Herz war so schwach geworden, dass auch kleinste Anfälle zum sofortigen Tod führen mussten. Dies ist halt eben so geschehen und niemand trägt Schuld an diesem Tod. Ihr habt alle über so lange Zeit alles richtig gemacht, glaub mir. Deine Oma hat nun ihren Frieden gefunden und darüber dürft ihr zwar trauern, aber ihr solltet ihr diesen Frieden auch gönnen. Sie hat nun keine Schmerzen mehr, und vielleicht ist sie jetzt schon auf ihrem Weg ins Licht.“ Carolin bedankte sich bei Frau Dr. Basch, entschuldigte sich für Philipps Anschuldigungen und führte sie hinaus.

„Beruhigen Sie Ihren Sohn! Es wühlt Kinder enorm auf, wenn sie so etwas miterleben. Philipp scheint da besonders sensibel zu sein. Sie kennen Ihr Kind am besten, das klappt schon. Und glauben Sie mir, bei Kindern geht das oft sehr schnell und sie können mühelos wieder neu durchstarten.“

„Bei Philipp bin ich mir da nicht so sicher. Aber trotzdem vielen Dank.“

Philipp saß, gefangen in seiner Not, im Lehnstuhl seiner Oma und schaute sie unentwegt an. Sie lag friedlich in ihrem Bett und auf ihren Gesichtszügen zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab.

„Philipp, niemand kann den vorbestimmten Tod erahnen oder verhindern.“

„Ich schon, Mama. Und ich habe es dir auch gesagt. In mir gibt es etwas, dass es mich spüren lässt. Glaub mir doch einfach.“

„Oma hat ihren Lebenskreis beendet und sie ist sicherlich niemandem böse. Auch dir nicht, obwohl du es offensichtlich gefühlt hast. Sie hat gewusst, dass es zu Ende ging und sie hat es zugelassen, auch wenn es für uns schrecklich war. Komm, wir setzen uns nebeneinander.“

Sie begann zu beten. Er kannte dieses monotone Rosenkranzgebet mit dem sich wiederholenden „Gegrüßet seist du, Maria“. Es kehrte Ruhe ein und Philipp konnte sich fangen. Später, als Mäc und Melanie dazu gekommen waren und alle voller tiefer Trauer schweigend im Raum verharrten, verließ Philipp den seltsam stillen Raum und zog sich in sein Zimmer zurück.

9

Dieser Abend blieb dem Jungen in beklemmender Erinnerung. Nach der Beerdigung wurde er zunehmend introvertierter und wortkarger. Er erledigte zu Hause und in der Schule nur das Notwendigste und zog sich mehr und mehr in sein Zimmer zurück. Philipp versuchte, die Nähe von Menschen zu meiden, wann immer es ging. Die seltsamen Attacken blieben. Er hasste sie, konnte sich aber nicht dagegen wehren. Immer, wenn sie auftraten, spürte er, wie ein unheimlicher Druck von seinem Körper Besitz ergriff, der sich so weit steigerte, dass er das Gefühl hatte, sein Kopf drohe zu platzen. Hinzu kamen körperliche Veränderungen wie Herzklopfen, Kältegefühl und Zittern. Ein salziger, eisenartiger Geschmack legte sich auf seine Zunge, ein beißender Geruch stieg ihm zuerst in die Nase, dann in den Hals und er bekam eine starke Erektion. Das alles war ihm zuwider und besonders wegen des erektionsbedingten Anschwellens der Hose äußerst peinlich. Er wusste, dass dieser Ablauf immer dann auftrat, wenn er sich in der Nähe von alten oder kranken Menschen befand oder während seiner Besuche bei Onkel Chris im Krankenhaus.

Anlässlich einer Weihnachts-Benefizveranstaltung seiner Schule im benachbarten Altersheim litt er mehrmals unter so starken Beschwerden, dass er hinausrennen musste, um sich zu befreien. Philipp war das unheimlich, so etwas konnte nicht normal sein. Er kam sich krank und verrückt vor. Nur zwei Menschen hatte er sich anvertraut: seiner Mutter und Onkel Chris. Seine Mutter reagierte einfach nur hilflos. Da Philipp bei ihr das Gefühl hatte, dass ihre Sprachlosigkeit eher einer verzweifelten Verschwiegenheit glich, fragte er nicht weiter. Onkel Chris bot ihm eine erneute gründliche, internistische Untersuchung an, aber Philipp lehnte das ab, worauf sein Onkel nicht weiter drängte. Chris schien kein Interesse daran zu haben, Philipps Phänomen anders als mit Tabletten, die er ihm für den Fall des Anfalls verschrieben hatte, auf den Grund zu gehen. Die kleinen Pillen hatten dem Jungen aber so gut wie nicht geholfen.

In Wahrheit jedoch machte Chris sich größte Sorgen um sein Patenkind. Er hatte Carolin vor einiger Zeit zu einem Spaziergang am Rheinufer eingeladen, um mit ihr darüber zu reden. Dabei hatten sie beide über ihre völlige Hilflosigkeit im Hinblick auf Philipps Verhalten geklagt. Als Carolin den Verdacht einer eventuellen Epilepsie-Erkrankung äußerte, wies Chris dies klar zurück.

„Der Junge hat noch nie einen typischen Anfall gehabt und bleibt immer klar im Kopf.“

„Aber er hat doch immer kurz vorher diese typische Aura, dieses unbestimmte Vorgefühl, wie kann man das erklären?“

„Es gibt zwar kindliche Formen der Epilepsie, die aber in der Pubertät ausheilen. Da spielen jedoch immer krampfartige Anfälle vor allem im Schlaf eine Rolle oder es fallen Sprechstörungen auf oder man ist wenigstens kurzzeitig bewusstlos. Nein, das hat Philipp nie gehabt und in der Familie gibt es auch niemanden mit einer solchen Erkrankung.“

„Vielleicht gab es eine Schädigung bei der Geburt?“

„Auch das kann ich ausschließen, denn ich war dabei. Da muss etwas anderes dahinter stecken. Vielleicht könnte die Erklärung doch in der künstlichen Befruchtung liegen.“

Er dachte an die sogenannte „intrauterine Insemination“, die er damals bei Carolin vorgenommen hatte. Diese direkte Befruchtung von Samen und Eizelle in der Gebärmutter war heimlich kurz nach dem Unfall von Hans durchgeführt worden. Chris machte sich Vorwürfe, dass er damals vielleicht einen entscheidenden Fehler begangen haben könnte.

„Hatte der Samen möglicherweise doch einen Schaden? Es ist damals alles so schnell gegangen. Dagegen spricht, dass sowohl die Schwangerschaft wie auch Philipps Kindheit und Jugend bis jetzt ganz normal verlaufen sind, bis auf diese Attacken eben. Der Junge ist gesund und aufgeweckt.“

„Bisher ja. Vielleicht merkt man das erst später“, gab Carolin zu bedenken.

„Aber derartige Spätfolgen hat, soweit ich weiß, noch nie jemand mit einer solchen Befruchtung in Verbindung gebracht.“

Sie verabredeten beide, vorerst nichts zu unternehmen. Es bestand ja auch die Möglichkeit, dass die Attacken mit der Pubertät zusammenhingen, dann brauchten sie nur abzuwarten, bis alles sich zum Guten wenden würde. Auf keinen Fall sollte Philipp vorerst etwas von der ungewöhnlichen Befruchtung erfahren.

10

Philipp war zwar ein hervorragender Schüler, der die besten Noten nach Hause brachte, war aber in seiner Klasse nicht integriert. Er hatte keine Freunde und er galt als Eigenbrötler, der oft seltsamen, morbiden Gedanken nachhing. Der Junge war sehr sensibel, machte sich aber auf ironische Art und Weise gern über seine Mitschüler lustig. Die Lehrer hielten ihn für einen hochintelligenten, tiefsinnigen, aber auch meist unzugänglichen Schüler. Mit 15, 16 Jahren begannen bei ihm jedoch, wie bei vielen anderen auch, die Noten zu sinken.

Das alte Argelander-Gymnasium in der Bonner Südstadt war naturwissenschaftlich orientiert, was Carolin sehr gefallen hatte. Da sie glaubte, dass ihr Sohn die Talente seines Vaters geerbt hatte, erschien ihr die Wahl dieser Schule logisch. Friedrich Wilhelm Argelander war einer der großen Gelehrten Bonns gewesen. Er hatte als erster Wissenschaftler die komplette Durchmusterung des Sternenhimmels vorgenommen. Carolin kannte an diesem Gymnasium außerdem einige Lehrer, insbesondere den jetzigen Klassenlehrer von Philipp, Herrn Brackmann, mit dem sie einen Teil ihrer Referendarzeit an einer anderen Schule verbracht hatte. Brackmann war dafür bekannt, dass er seine Schülerinnen und Schüler außerordentlich genau beobachtete, war sehr beliebt und galt als anspruchsvoller, gerechter und vor allem als überaus menschlicher Lehrer. Er war unverheiratet und engagierte sich besonders für seine Klasse und die Schule.

Manchmal, wenn persönliche Probleme eines Schülers einer intensiveren Besprechung bedurften, lud er ihn zu sich nach Hause ein. Es gab Kaffee oder Kakao und Kuchen und wenn Brackmann im Laufe des Gespräches den Eindruck gewonnen hatte, dass jetzt wieder alles im Lot war, pflegte er dem Schüler auf die Schulter zu klopfen und in jovial-väterlichen Ton zu sagen: „Und denk dran, du bist nicht nur zum Vergnügen hier!“

Das „hier“ war universell gemeint: Hier und jetzt, immer und in der Schule, im Leben und auf der ganzen Welt. Nach diesem Ritterschlag, der immer auch eine Absolution war, durften die Jungen und Mädchen wieder nach Hause gehen,