Das Problem der Homosexualität - Alfred Adler - E-Book

Das Problem der Homosexualität E-Book

Alfred Adler

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Beschreibung

Alfred Adlers Das Problem der Homosexualität ist ein wegweisendes Werk in der psychologischen Auseinandersetzung mit sexueller Orientierung. Geschrieben zu einer Zeit, als Homosexualität stark stigmatisiert war, stellt das Buch einen bedeutenden Beitrag zur humanistischen Psychologie und der Individualpsychologie dar. Adler betrachtet Homosexualität nicht als Krankheit, sondern als Ausdruck individueller Lebensumstände und psychosozialer Faktoren. Er bricht mit den damals vorherrschenden pathologischen Auffassungen und betont, dass der Mensch in seinem sozialen Kontext verstanden werden muss. Durch seine differenzierte Sicht auf das Thema eröffnet Adler einen Raum für Akzeptanz und einen integrativen Ansatz in der Therapie. Das Buch ist von besonderer Bedeutung, weil es zu einer Zeit veröffentlicht wurde, in der Homosexuelle gesellschaftlicher Ausgrenzung und strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt waren. Es legte den Grundstein für eine entpathologisierende Sicht auf Homosexualität und trug langfristig zur Akzeptanz und besseren psychologischen Unterstützung Betroffener bei.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alfred Adler

Das Problem der Homosexualität

Erotisches Training und erotischer Rückzug
 
e-artnow, 2024 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Das Problem der Homosexualität
I. Die Perversion als sexueller Ausdruck der Lebenslinie
II. Spezieller Teil und Kasuistik
III. Zusammenfassende und Schlußbetrachtungen
Andere Perversionen
1. Sadismus und Masochismus
2. Fetischismus
3. Exhibitionismus
4. Sodomie,
5. Nekrophilie
Sexualneurasthenie
Pubertätserscheinungen
Psychische Einstellung der Frau zum Sexualleben
Psychosexuelle Haltung des Mannes

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Seit mehr als zehn Jahren ist meine, im Jahre 1917 im Verlage Ernst Reinhardt in München erschienene Studie »Das Problem der Homosexualität« vergriffen. Die seither eingetretene gewaltige Entwicklung der individualpsychologischen Bewegung, aber auch das von anderen Seiten immer wieder bekundete große Interesse drängen seit längerer Zeit auf eine Neuausgabe. Der vorliegende Band enthält nun außer der erwähnten Studie, in der ich bloß einige Ergänzungen vorgenommen habe, noch eine Reihe von Arbeiten von mir, die sich ebenfalls mit der Frage der Homosexualität befassen und in meine, seither erschienenen Werke nicht aufgenommen worden sind; ferner eine Anzahl von Arbeiten, die, in engem Zusammenhang mit dem Problem der Homosexualität, das Gebiet der sonstigen sexuellen Perversionen, sowie der psychosexuellen Einstellung des Menschen überhaupt, und die Frage des erotischen Trainings und des erotischen Rückzuges behandeln. Diese Arbeiten wurden im Laufe der Jahre teils in der »Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie« (Verlag S. Hirzel, Leipzig), teils im »Handbuch der normalen und pathologischen Physiologie«, in den »Verhandlungen des I. internationalen Kongresses für Sexualforschung«, ferner in meinem Buche »Problems of Neurosis« (Kegan Paul, London und Greenberg Publ., New York) veröffentlicht.

Noch stärker als in der ersten Auflage, wird der Leser in diesem Bande die Bedeutung des Trainings im Rahmen des Lebensstils hervorgehoben finden. An meinen Anschauungen über Homosexualität und sexuelle Perversionen Änderungen vorzunehmen fand ich nicht notwendig; die Forschungen und Erfahrungen der Individualpsychologie bestätigen restlos meine Erkenntnis, daß die Homosexualität ein Training des entmutigten Menschen seit seiner Kindheit darstellt, um auf dem Wege der Ausschließung von Möglichkeiten einer Niederlage, im Falle der Homosexualität also auf dem Wege der Ausschaltung des anderen Geschlechtes, der normalen Lösung der Liebesfrage auszuweichen. Gestützt auf die reichen Erfahrungen der seit der ersten Auflage meiner Arbeit verstrichenen 13 Jahre, sehe ich in der Frage der Beseitigung der Homosexualität auch heute eine Frage der Erziehung der Kinder zu einem wissenschaftlichen Verständnis des Sinnes des Lebens.

Wien, Juni 1930. Alfred Adler.

Das Problem der Homosexualität

Inhaltsverzeichnis

I. Die Perversion als sexueller Ausdruck der Lebenslinie

Inhaltsverzeichnis

Wie ein Gespenst, ein Schreckpopanz erhebt sich die Frage der Homosexualität in der Gesellschaft. Aller Verdammnis zum Trotz scheint die Zahl der Perversen in Zunahme begriffen zu sein. Der religiöse, der richterliche Bannfluch zeigen sich von geringem Einfluß. Die Homosexualität greift in den ländlichen Bezirken und in den großen Städten in gleicher Weise um sich. Kinder, Erwachsene, Greise, Männer wie Frauen sind des Übels gleicherweise teilhaft. Es beschäftigt den Pädagogen, den Soziologen, den Nervenarzt und den Juristen. Alle Kampfmittel sind ununterbrochen in Anwendung, ohne ein nennenswertes Resultat zu ergeben. Die härtesten Strafen, die mildeste Beurteilung, versöhnliche Haltung, Verschweigung zuletzt, – alle Versuche bleiben ohne Einfluß auf die Verbreitung dieser Anomalie.

Auch die Fürsprecher fehlen nicht. Und die vielen Standpunkte, ein unübersehbares Heer von Theorien und Anschauungen, legen Zeugnis ab von dem bedeutenden Eindruck der einen Tatsache, daß große Kreise der Bevölkerung ihrer Geschlechtsrolle untreu sind und andere, wenn auch längst begangene Wege gehen. Eine Rückschlagerscheinung? Ein Atavismus? Gute Tierbeobachter heben hervor, daß nur domestizierte Tiere homosexuelle Angriffe durchführen oder zulassen. Letzteres hat Pfungst bei einem dominierenden Affenmenschen beobachtet, den er, um die Probe darauf zu machen, verprügelte.

Auch die Lehre von der Degeneration fördert kein brauchbares Ergebnis zutage. Denn die einzig wichtige Frage können ihre mit dieser Schablone forschenden Autoren nicht lösen. Weder sie noch etwa Hirschfeld, Fließ, Freud usw. können darüber Auskunft geben, wer von den Degenerierten in die Bahn der Homosexualität gerät? Wer von den vielen oder wenigen, die andersgeschlechtliche Keimstoffe gleichzeitig in sich tragen, gelangt zur Homosexualität? Krafft-Ebings »Konstitutionelle Disposition« und deren Fortsetzung: Freuds »Sexuelle Konstitution« sind nichts mehr als theoretische Postulate eines voreingenommenen Systems. »Fixierende Erlebnisse« aber, die der Sexualrichtung des Kindes angeblich den Weg zeigen, – wie sie von Binet, Janet, Schrenck-Notzing, Bloch, Moll u. a. als maßgebend hervorgehoben werden, – zeigen immer wieder auf die bereits vorhandene Perversionsneigung hin, wie ja gegnerische Theoretiker und die Kranken selbst die Anamnese mit den Worten beginnen lassen: »Schon in der frühen Kindheit zeigten sich bei folgendem Erlebnis die Spuren der angeborenen Perversion – – –«.

Unsere Hochachtung vor den oben berührten Forschungen wird aber keineswegs gemindert, wenn wir nunmehr behaupten, daß die bisherigen Erkenntnisse vom Wesen der Perversion unfertig sind und deshalb nicht zulassen, einen festen Standpunkt gegenüber der sozialen Bedeutung der Perversion zu begründen. Und in der Tat findet man sowohl bei den Bekämpfern als auch bei den Fürsprechern der Homosexualität genügend geschulte Köpfe und genug kluge Argumente. Dieses unfertige Erkenntnisstadium aber zu übersehen schiene uns ein grober Fehler. Als weitgehende Vorarbeiten und als wertvolle Materialiensammlung werden die Arbeiten Krafft-Ebings, Molls, Hirschfelds, Blochs und anderer stets ihren Rang behaupten, wenngleich sie nicht einmal imstande waren, die öffentliche Meinung oder gar die Gesetzgebung zu beeinflussen 1.

Dies ist nun aber ein wichtiger Gesichtspunkt in der Lehre von der Perversion, wie die öffentliche Meinung sich zu ihr stellt. Es läßt sich nämlich mit Sicherheit behaupten, daß keine Theorie je imstande sein wird, die Gesellschaft oder die gesellschaftliche Moral zugunsten der Homosexualität zu beeinflussen. Das größte Zugeständnis, das zu erreichen wäre, bliebe das eine: Verschleierung und Nichtintervention. Soweit ist auch gelegentlich der Hüter des Gesetzes gegangen, und die vielen niedergeschlagenen Prozesse, die bei der Polizei hinterlegten, niemals verfolgten Listen der Homosexuellen zeugen von der milderen Praxis. Die Schranken der Gesellschaft aber gegen die Gleichberechtigung der Perversion bleiben unerschüttert gegenüber jeder Theorie, denn sie bauen sich auf aus den nötigen Sicherungen und gesellschaftlich erwachsenden Abneigungen der normal Empfindenden. Daß es sich bei diesen Sicherungen in der Hauptsache um gesellschaftlich notwendige handelt, – nebstbei um den Schein der Überlegenheit über den Perversen –, ist leicht einzusehen, muß aber hervorgehoben werden, daß sich einer leicht zu der Anschauung versteigen könnte, eine Ablehnung der Homosexualität verrate den Kampf gegen die eigene homosexuelle Neigung. In der Tat wurde auf diesem Wege versucht, die Zahl der Homosexuellen noch um die zu vermehren, die einen gegensätzlichen Standpunkt zur Duldung der Perversion einnehmen.

Ebensowenig stichhaltig erscheint das Urteil homosexueller Kreise, sobald sie sich bemühen, der Perversion eine Daseinsberechtigung, oft sogar eine besonders hohe Geltung zuzusprechen. Am ehesten dürften sich noch jene Beurteiler hören lassen, die auf das Aussterben der Homosexuellen infolge ihrer Perversion hinweisen. Aber die Annahme einer angeborenen Qualität, – die wir zu den Fabeln rechnen –, und die Nachweise etwaiger Heredität, die scheinbar beglaubigt ist, beeinträchtigen das Gewicht dieser Argumentation, insoferne bei Mischfällen der heterosexuelle Einschlag die Beseitigung der Homosexualität durch natürliche Auslese hindern würde.

Auch der Hinweis auf den griechischen Eros, dessen Verträglichkeit mit einer hohen Kultur, ist durchaus nicht auf die Gegenwart glatt zu übertragen. Soweit wir Einblick gewinnen konnten, scheint die griechische Knabenliebe in einer Zeit aufgekommen zu sein, in der das Weib an Geltung und Einfluß rasch gewonnen hatte. Der Spott eines Aristophanes über das Frauenparlament und über die Knabenliebe gehören wohl zusammen. In einer Zeit steigender Frauenemanzipation, die das weibliche Selbstbewußtsein hob, wurde naturgemäß der Mann leichter zum Zweifel an seine Vorzugsstellung gedrängt. Aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus erscheint ihm die Eroberung der Frau als ein gewagtes Unternehmen. Der menschliche Geist hat in solchen Fällen eine Anzahl von Kunstgriffen bereit, um die Fiktion der Sicherheit und der Überlegenheit herzustellen. Er entwertet oder er idealisiert, er erhöht das Objekt und rückt die Entscheidung in die Ferne. Die männlich-protestierende Antwort des Mannes auf das wachsende Selbstbewußtsein der Frau drängt in erster Linie zur Herabsetzung des Wertes der Frau. Diese Entwertung liegt in der griechischen Knabenliebe und ihren seelischen Äußerungen – gegen die Frau gerichtet, – deutlich zutage. Eine Verstärkung gewann diese gleichgeschlechtliche Richtung, da sie dem erwachsenen Manne gestattet, sich – in Griechenland! – als Mentor, als Beschützer und als geistigen Förderer des Epheben aufzuspielen. So konnten die männlichen Privilegien wenigstens dem Knaben gegenüber ungehindert weiter fortbestehen. Die Furcht vor der Frau2, durch ihre Geltungsbestrebungen angefacht, zwang den Mann zu stärkeren Vorbereitungen im Sinne seiner Expansionstendenz und zu wesentlichen, vorsichtigen Ausbiegungen. War die Knabenliebe für den Mann ein Versuch, zwischen sich und die Frau eine größere Distanz zu legen, so war sie – sozial gefaßt – für den Jüngling eine Vorbereitung zur heterosexuellen Liebe und zur Kameradschaftlichkeit, die allerdings für unser Urteil von der richtigen Linie in ähnlicher Weise abweicht wie etwa die Masturbation. Sicherlich kamen die meisten der Epheben wieder auf die Linie der Heterosexualität.

Die Homosexualität unserer Zeit zeigt wohl die gleichen psychischen Grundursachen und entpuppt sich demnach als eine Erscheinung, die sich auf der Flucht vor der Frau nahezu von selbst ergibt. Gegenüber dem griechischen Eros aber fehlen heute die regulierenden Schranken. Das griechische Volk war ein einheitlicherer Körper als je vielleicht ein anderes Staatengebilde. Die griechische Staatsidee übergipfelte alle anderen Bestrebungen im Volke so sehr, daß auch Ausschreitungen und Mißgriffe, wie sie sich in der Schwierigkeit der Entwicklung bemerkbar machten, durch sie wieder zugunsten der Gemeinschaft gelenkt wurden. So wandelte sich die volksschädigende Strömung der Homosexualität durch die Macht der Gemeinschaftsidee fast in eine erzieherische, volksfördernde Richtung. Daß diese versöhnenden Lichtseiten der modernen Homosexualität fehlen und fehlen müssen, dürfte kaum bezweifelt werden. Bestenfalls artet ein derartiges Verhältnis in unzweckmäßige Protektion aus; oder der Jüngling macht sich zum Quälgeist und Tyrannen des älteren Freundes. Oder die Gleichaltrigen verzehren sich in Eifersüchteleien und lächerlichem Zank. Um kurz zu sein: Die griechische Knabenliebe fand eine Zeit voll von gegenseitigem Wohlwollen der Bürger untereinander, und der Gemeinsinn förderte aus ihr zutage, was sie an Werten geben konnte; die Homosexualität unserer Tage erweist sich als unfruchtbares und unlösbares Notprodukt, das den schwach entwickelten Gemeinsinn weiter schädigt. Wir haben früher schon auf die Homosexualität als Ergebnis psychologischer Faktoren hingewiesen. Sie teilt mit diesen eine viel zu wenig gewürdigte Eigenschaft: Sie ist an sich vieldeutig, und kann in ihrer Bedeutung nur zeitlich und individuell erfaßt werden.

*   *   *

Das Gemeinsame an den Erscheinungen jeder sexuellen Perversion (Homosexualität, Sadismus, Masochismus, Masturbation, Fetischismus usw.) läßt sich nach den Ergebnissen der Individualpsychologie 3 in folgenden Punkten zusammenfassen:

I. Jede Perversion ist der Ausdruck einer vergrößerten seelischen Distanz zwischen Mann und Frau.

II. Sie deutet gleichzeitig eine mehr oder weniger tiefgehende Revolte gegen die Einfügung in die normale Geschlechtsrolle an und äußert sich als ein planmäßiger aber unbewußter Kunstgriff zur Erhöhung des eigenen gesunkenen Persönlichkeitsgefühls.

III. Niemals fehlt dabei die Tendenz der Entwertung des normal zu erwartenden Partners, so daß bei genauem Einblick die Züge der Gehässigkeit und des Kampfes gegen diesen als wesentlich für die Haltung des Perversen hervortreten.

IV. Perversionsneigungen der Männer erweisen sich als kompensatorische Bestrebungen, die zur Behebung eines Gefühls der Minderwertigkeit gegenüber der überschätzten Macht der Frau eingeleitet und erprobt wurden. Perversionen der Frauen sind in gleicher Weise kompensatorische Versuche, das Gefühl der weiblichen Minderwertigkeit gegenüber dem als stärker empfundenen Manne wettzumachen.

V. Die Perversion erwächst regelmäßig aus einem Seelenleben, das durchwegs Züge verstärkter Überempfindlichkeit, überstiegenen Ehrgeizes und Trotzes aufweist. Mängel tieferer Kameradschaftlichkeit, gegenseitigen Wohlwollens, der Gemeinschaftsbestrebungen treten stärker hervor, als man gemeiniglich erwartet. Egozentrische Regungen, Mißtrauen und Herrschsucht prävalieren. Die Neigung »mitzuspielen«, sowohl Männern als Frauen gegenüber ist gering. Infolgedessen finden wir auch starke Begrenzung des gesellschaftlichen Interesses.

*   *   *

Wer so wie der Arzt in der Lage ist, die Schwingungen des gesellschaftlichen Organismus mitzuempfinden, kann sich der Tatsache nicht verschließen, daß die Beziehungen der Geschlechter durch mancherlei Schwierigkeiten erheblich beeinträchtigt sind. In der Statistik kommt diese Erschwerung in der Verspätung der Eheschließung, in der sinkenden Zahl der Ehen, in der steigenden der Ehescheidungen und in der Beschränkung der Kinderzahl zum Ausdruck. Die Klagen über diesen Sachverhalt sind bekannt. Ebenso eine Anzahl von Ursachen, die sich bei den Untersuchungen ergeben. Alle diesbezüglichen Erörterungen leiden an demselben Fehler, daß sie eine, Endursache, in der Regel die erschwerte Lebensführung, anschuldigen.

Wir vermögen es nicht, die Wichtigkeit dieses Umstandes zu übersehen. Aber es taucht, wie immer, sobald sich die Individualpsychologie einer Frage bemächtigt, die therapeutisch und generell wichtigere Frage auf: Welche Individuen sind es denn, die von derart allgemeinen Schwierigkeiten mit Sicherheit erdrückt werden? Sind es nicht gerade jene Personen, die kraft ihres übervorsichtigen, zweifelnden Charakters, im Mangel ihres Selbstvertrauens an ihrer Aktivität und an ihrer Lebensbereitschaft Schaden gelitten haben? Unter den ersten, die bereit sind, bei irgendeiner auftauchenden Schwierigkeit das Spiel aufzugeben, zu desertieren, sind immer jene Individuen, die von der Kindheit her ein Minderwertigkeitsgefühl in sich tragen. Denn sie haben den Glauben an sich verloren und bleiben bis auf weiteres die » nervös disponierten Menschen«.

Man wird an dieser Anschauung zweierlei aussetzen: 1. daß jeder Mensch Akte der Vorsicht ausübt und – braucht; 2. daß man oft unter den Nervösen, – d. h. für uns auch: unter den Homosexuellen – ein großes Selbstgefühl findet. Aber der erste Einwand beruhigt mich über den Umstand, daß das Ergebnis unserer Untersuchung nicht bei den Haaren herbeigezogen ist, sondern einer allgemein menschlichen Haltung entspricht, die im Falle der Nervosität bloß starrer, einseitiger, prinzipieller und übertrieben eingenommen wird. Der zweite Einwand stützt sich auf eine mangelhafte Einsicht in das Wesen der Neurose, nimmt den Schein und die Folge für das ursprüngliche Wesen und verkennt einen der Kernpunkte der nervösen Dynamik: den Heroismus des Schwächegefühls.

Unser Ausflug ins Soziale beabsichtigt nachzuweisen, daß die Distanz der Geschlechter derzeit eine Neigung zum Wachsen zeigt. Wir fügen nichts neues hinzu, wenn wir betonen, daß diese Erscheinung auch im Leben des Einzelnen, vor allem des nervös Disponierten, hervortritt, ja daß hier die einzelnen Summanden jener Massenerscheinung vor uns liegen.

Der nervös Disponierte, der vor jeder Veränderung seiner Situation die von mir hervorgehobene zögernde Attitüde aufweist, kann eine geradlinige Aktivität nicht einmal in gleichbleibenden Zeitläufen und Zuständen bewahren. Jede Erschwerung, sei sie scheinbar oder reell, ruft in ihm neue Angst, neues Zögern, neue Versuche zu Umwegen hervor. Und psychologisch gefaßt, ist es kaum als ein Unterschied anzusehen, ob der Neurotiker, vor ein Heirats- oder Liebesproblem gestellt, mit Hinweisen auf die Schwierigkeit des Erwerbs, auf die Verantwortung bezüglich der Nachkommenschaft, auf die Untauglichkeit des anderen Geschlechts, auf seine eigene Minderwertigkeit antwortet, ob er die Konstruktion eines Krankheitsbeweises, einer Hysterie, einer Zwangsneurose, einer Phobie, einer Impotenz, einer Zwangsmasturbation, einer Psychose oder einer Perversion zwischen sich und den Partner schiebt. – Da er nach seinem unbewußten Lebensplan die Liebe und die Ehe nur bedingungsweise oder garnicht anstreben kann, da er individuell vorbereitete Umwege arrangieren muss, obliegt ihm die Aufgabe, die Distanz herzustellen, die ihn vor der gefürchteten Entscheidung sichert. Wie der mit Höhenschwindel behaftete Wanderer, wie der Wasserscheue muß er den Rest, die Distanz schaffen, die ihn vor der vermeintlichen Niederlage behütet. Sowie sich der Nervöse dem gesellschaftlich durchschnittlichen, von ihm aber schon längst verworfenen Ziele nähert, schlägt ein Minderwertigkeitsgefühl durch und erzwingt ein Arrangement, aus dem sich ein Halt, ein Rückzug oder eine Umgehung ergeben. 4

Daraus geht hervor, daß die neurotische Disposition in schwierigen Zeitlagen und Situationen die große Zahl derer schafft, die nicht »mitspielen« wollen, sondern an Umwegen arbeiten, um ihr ehrgeiziges Persönlichkeitsideal zu retten. Auf diesem Umwege, der sich in einer seelisch gleichbleibenden Distanz um das normale, aber gefürchtete Ziel herumbewegt, ergibt sich die unbewußte, eben darum aber unkorrigierbare Nötigung, das Arrangement fertigzustellen, das erst die Distanz sichert. Umweg aber und Arrangement bedeuten für unser Thema den sichernden Aufbau der Perversion, die aufgerichtet wird, um die Distanz vom geschlechtlichen Partner zu fixieren.

So wird die Homosexualität ganz wie die Psychoneurose zu einem Mittel des Abnormalen.

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