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Ein drastisches Sparprogramm zwingt das Softwarehaus Curafox bei zähen Verkaufsverhandlungen zu massiven Zugeständnissen. Schließlich gelingt es, einen Referenzkunden für ihr neues KI-Produkt zum autonomen Fahren zu finden. Doch der Kunde InfoLogis verfolgt mit dem Einführungsprojekt APTIL seine eigenen Ziele und zwingt die beiden Projektleiter auf einen feindschaftlichen Konfrontationskurs. Die aggressive Lage schaukelt sich hoch und die Nerven des Projektmanagers Zven Bergmann halten dem nicht stand. Er fordert Rache für die erlittenen Demütigungen und Intrigen. Das tragische Gezerre um Macht und Geld beginnt und die menschlichen Defizite kommen bis zu einem tragischen Ereignis zum Vorschein. Das KI-Projekt APTIL stürzt alle ins Verderben. Und sie sind alle schuldig. Die Gier wird ihnen zum Verhängnis. Dagegen ist sogar die leidenschaftliche Liebe machtlos. Die Dramatik um das KI-Projekt APTIL baut sich sukzessive auf und endet im Desaster. Ein aktueller und spannender Wirtschaftsthriller aus der IT-Welt.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Das Softwarehaus Curafox hatte bisher mit seinen Kunden immer gut zusammengearbeitet. Aber dann musste mit InfoLogis das verhängnisvolle KI-Projekt APTIL gestartet werden.
Eigentlich bestand das Projekt nur aus einem Vertrag in Papierform. Dafür sollte Software - ein immaterielles Gut - geliefert werden. APTIL war ein Projekt der künstlichen Intelligenz und an sich wertfrei, neutral und unparteiisch. Aber die beteiligten Firmen und Personen hatten bei diesem Geschäft ihre eigenen Vorstellungen, Ideen, Hoffnungen und Ansprüche an das Projekt. Der auf allen Seiten erzeugte enorme Druck lieferte hohes Konfliktpotential. Diese nicht kontrollierbare Gemengelage von unterschiedlichen Erwartungen projizierten sie auf nur eine Person. Die Nerven des Projektmanagers Zven Bergmann hielten dem nicht stand. Er konnte nicht alle Forderungen erfüllen. Er forderte Rache für die erlittenen Demütigungen und Intrigen. Das tragische Gezerre um Macht und Geld begann und die menschlichen Defizite kamen bis zu einem tragischen Ereignis zum Vorschein.
APTIL stand unter keinem guten Stern und riss alle mit. APTIL hatte alle herausgefordert, aber alle hatten in Fairness und Umgang versagt. Die Schuld war ein Kollektiv.
Dr. rer. nat. Matthias Hallmann (Jahrgang 1959) hat Informatik und BWL studiert und 1988 in Informatik promoviert. Er hat in vielen Führungspositionen in der Softwareindustrie gearbeitet. Die Arbeit in den Branchen der Telekommunikation und der Automobilindustrie hat ihn in den letzten 25 Jahren geprägt. Neben der Softwaretechnik interessierte ihn immer auch der soziologische Hintergrund der Zusammenarbeit im Projektteam. Viele internationale Vorhaben und Projekte hat er in diversen Rollen begleitet und diverse Fachartikel und Fachbücher geschrieben. DAS PROJEKT ist sein Debutroman. Er wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt.
Widmung
Gewidmet allen IT-Experten, die ständig die Erwartungshaltung anderer managen müssen.
Passt auf euch auf.
Dieses Buch ist ein Werk der Phantasie. Es liegt nicht in der Absicht des Autors, wahre Begebenheiten oder die wirklichen Verhaltensweisen bestimmter Personen oder Personengruppen zu beschreiben.
Prolog
Kapitel 1. Der Abnahmetest
Kapitel 2. Das Programm
HardBeat
– 2 Jahre zuvor
Kapitel 3. Das Angebot
Kapitel 4. Die Meetings
Kapitel 5. Das Jubiläum
Kapitel 6. Projekt-Befindlichkeiten
Kapitel 7. Der Labortest
Kapitel 8. Das große Ziel
Kapitel 9. Der Projektnachlauf
Kapitel 10. Das Projektende
Epilog
Danksagung
Nun bin ich wieder draußen. Zwischendurch war ich ein Nichts, jetzt bin ich ein Etwas. Kennst Du mich noch? Ich hatte mehr als genug Zeit nachzudenken. Lange konnte ich keinen Gedanken festhalten und hatte Probleme alles so richtig zu sortieren. Sie haben mich immer wieder verfolgt und ruhiggestellt. Aber nun geht es wieder und ich bin ins Leben zurückgekommen. Was für ein Glück.
Die Geschichte habe ich aus meinen Erinnerungen aufgeschrieben und es ist nun ein Roman und kein Geständnis, sonst kämen sie wieder. Das will ich nicht. Sie haben ja alle meine Berichte gelesen. Offenbar glauben sie mir immer noch nicht. Ich musste daher unter einem Pseudonym schreiben. Aber so, oder so ähnlich hat es sich zugetragen. Erkennt ihr euch wieder? Ich habe alles verloren, trotzdem bereue ich es nicht.
Ich tue euch nichts. Ich will nur leben.
Z.B
Niklas von Haasen ging noch einmal zur Herrentoilette. Hier im Gebäude war alles sachlich spartanisch eingerichtet. Der Büroteil war der großen Lagerhalle seitwärts angegliedert und es entsprach modernem Industriestandard. Er nahm Seife aus dem Spender, wusch sich die Hände und schaute in den Spiegel. Er fühlte sich extrem gut. Alles war angerichtet.
„Das Projekt hat Zähne gezeigt. Nun will der Tiger geritten werden“, sagte er laut zu sich selbst und prüfte dabei seine Frisur und den Sitz des Hemdkragens. Seine Zähne blitzten werbemäßig strahlend weiß. Er nahm seine randlose Brille ab und prüfte die Sauberkeit der Gläser, indem er sie gegen das Neonlicht hielt. Eine alte Angewohnheit, die er schon selber nicht mehr bemerkte. Der prüfende Blick hatte eher den Zweck der Konzentration, als eine Verunreinigung zu erkennen. Dann zupfte er noch einen Fussel von seinem Hemd, strich sich über die leicht gegelten Haare und faltete kurz die Hände, die er gedreht und weitgedehnt vom Körper hielt, dass die Knöchel seiner schlanken Finger knackten. Dabei spürte er in der Magengegend ein angenehmes Gefühl der Vorfreude. Er betrat kurz die kleine Kaffeeküche und wählte am Vollautomaten einen Espresso aus. Die Maschine pfiff und presste gequält das Getränk in die kleine Tasse. Die Party kann beginnen.
Pünktlich um neun Uhr trat er aus dem höhergelegenen Büro auf eine Gitterrostplattform in die gleichmäßig ausgeleuchtete Hochregal-Lagerhalle von InfoLogis, einem großen europäischen Logistikkonzern mit starkem Expansionsdrang.
Die Büros befanden sich seitlich auf der ersten Etage innerhalb der Halle und hatten große Glasscheiben, sodass eine Kontrolle der Halle mit einem Blick möglich war. Von der Büroetage führte eine Gitterrosttreppe von einem offenen Podest hinunter. Die Halle war so groß wie zwei Fußballfelder, mindestens dreißig Meter hoch und die Regale reihten sich dicht an dicht bis zur Decke.
Von Haasen stand noch kurz auf dem offenen Podest und sog die Luft ein. Mit einer Miene, wie ein Feldherr schaute er ins Rund. Er mochte diese Geruchsmixtur aus Stahl, Öl und Pappe nicht. Aber dieses Projekt hatte ihn nun mal hierhin verschlagen. Er war sichtlich stolz, dass alles für den großen Abnahmetest vorbereitet war. Es sollte endlich der lang ersehnte große Tag für ihn werden. Als verantwortlicher Projektleiter von InfoLogis stand er hier im Mittelpunkt und heute könnte er genüsslich seine Dienstleister herumkommandieren. So machte es ihm richtig Spaß. Heute würde er nicht nur einen entscheidenden Karriereschritt bei InfoLogis schaffen, sondern auch sein privates Investmentkonto würde einen Freudensprung vollbringen. Es war sein privates Abenteuer. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – noch acht Stunden, schmunzelte er. Der Gedanke an diese beiden kommenden Ereignisse versetzten ihn in beste Stimmung. „Out or Up“ predigte sein Chef immer. Dies war die Management-Philosophie von InfoLogis. Er stand nun auf der Gewinnerseite. UP.
Das Projektfinale der letzten zwei schwierigen Jahre, sollte sein Triumph werden. Zunächst würde er ein bisschen Show machen und dann…? Dann würde er zum Punkt kommen. Punkt und Linie, das war sein Motto. Fokus und Umsetzung, das forderte er von seinen Dienstleistern, obwohl er selber nicht immer danach lebte.
von Haasen war groß gewachsen, sportlich schlank und immer modisch gekleidet. Die entsprechenden Accessoires einer Mühle Glashütte Uhr und der randlosen Silhouette Brille trug er gerne, aber gelassen. Auf etwas Luxus legte er großen Wert.
Ein eloquenter Frauentyp, der sich gut verkaufen konnte. Mit Anfang dreißig durfte er vor zwei Jahren bei InfoLogis endlich ein sehr wichtiges, - nein DAS wichtigste Innovationsprojekt übernehmen. Dieses Softwareprojekt APTIL hatte ihn allerdings in dieser Zeit schon viele Nerven gekostet. Und Schuld hatte diese unfähige Softwarefirma Curafox, mit ihren sogenannten Experten.
Warum haben wir uns überhaupt vor fast zwei Jahren für Curafox entschieden? Na gut, der Preis stimmte damals. Und Curafox war bei den Vertragsverhandlungen so entgegenkommend. Aber das Projekt APTIL dauert nun schon doppelt so lange, als damals geplant, zog er gedanklich eine kurze Bilanz. Die Projektkosten waren wegen des großen Projektverzugs, auch bei InfoLogis ungeplant angestiegen. Das Schlimmste war, dass sein Management auch ihn dafür verantwortlich machte. Er habe den Dienstleister nicht richtig gesteuert, ihm zu viele Freiheiten gelassen und nicht das Maximum herausrausgeholt. Heute wollte er allen zeigen, wer hier versagt hat. Er ließ es nicht zu, dass APTIL oder Curafox ihn in Misskredit brachten. Was einen guten Manager ausmacht, ist die Fähigkeit, andere zu ungewöhnlichen Leistungen zu veranlassen, dozierte er immer bei InfoLogis gegenüber seinen Kollegen. Und die Firma Curafox hatte er sich nun zurechtgelegt.
„Guten Morgen meine Damen meine Herren“ begrüßte er das gesamte Projektteam von Curafox und InfoLogis, die sich in der innovativen Hochregal-Lagerhalle eingefunden hatten und in einem großen Kreis zusammenstanden. Er spürte und genoss seine Macht, als er die Gitterrosttreppe langsam hinunterstieg.
„Dann lassen sie uns mal loslegen. Ich hoffe, wir können heute das ganze System endlich abnehmen und sind am Abend mit dem Wesentlichen durch. Das wird sicherlich auch in ihrem Interesse sein Herr Mohring – oder?“ Dabei schritt er auf den Angesprochenen zu und gab ihm einen festen Händedruck, nicht ohne diesen mit einem intensiven Blick herauszufordern.
Stefan Mohring war seit ca. einem Jahr der verantwortliche Projektmanager von Curafox. Er hatte nicht ganz freiwillig diese Rolle übernommen, aber die Situation hatte es damals erzwungen. Natürlich musste er einige liebgewonnenen Freizeitaktivitäten hintenanstellen. Er hatte sich damit aber arrangiert.
„Guten Tag Herr von Haasen“ begrüßte er sein Gegenüber freundlich und fast unterwürfig. Von Haasens Händedruck hatte es in sich. „Ja, es kann losgehen. Wir haben in den letzten Wochen hart gearbeitet und diverse kleine Fehler in der Software behoben. Wir sind nun bereit. Der Gabelstapler sollte jetzt in der Halle autonom fahren und mit allen Hindernissen zurechtkommen. Die Vernetzung über den Datenaustausch zu ihren Softwaresystemen ist umfangreich. Die Performance passt nun auch. Sie kennen ja die ganzen Tests, Bildmuster und deren Dokumentation. Viele komplizierte Prozesse und Testfälle sind von InfoLogis beigesteuert worden. Also, in welcher Reihenfolge wollen sie beginnen?“ Mohring hatte die Hände hinter seinem Rücken gefaltet, als erwarte er jeden Moment den soldatischen Befehl „Stillgestanden“.
Von Haasen hörte gar nicht genau hin. Er kannte aus den vielen, vielen Projektsitzungen die ganzen Entschuldigungen und Erörterungen und Verweise auf Verträge, Protokolle und bei InfoLogis angemahnten Beistellungen. Er hatte immer wieder betont, dass er nicht permanent die Probleme geschildert, sondern die Lösung präsentiert bekommen wolle. Er konnte Curafox ja nicht vorwerfen, dass ihr Produkt ROSE-Co schlecht sei. Aber diese inkompetenten Experten brachten ihn immer wieder auf die Palme.
Er schmunzelte, nickte kurz und sah versonnen auf dieses vor ihm stehende Ungetüm von Gabelstapler. Er dachte kurz nach und entschied spontan. „Geben sie mir mal die VR-Brille für den Freitest. Ich werde den Stapler erstmal manuell steuern. Das muss ja auch funktionieren. Ich gehe davon aus, dass meine Projektmitarbeiter unsere Testfälle eh schon abgenommen haben.“
Mohring zeigte sich erstaunt und war eher auf einen anderen Testprozess eingestellt. „Sie kennen sich mit den Gesten über den Datenhandschuh aus? Oder soll ich ihnen noch eine kurze Einführung geben?“
„Danke, ich habe die Anleitung gelesen. Die wichtigsten Befehle habe ich hier auf dem Zettel. Es sollte ja selbsterklärend sein“, erklärte von Haasen herablassend und mit gespielter Ungeduld in der Stimme.
Ein Curafox-Mitarbeiter reichte ihm die Virtual Reality Brille, die von Haasen über seinen Kopf stülpte, nachdem er seine teure randlose Brille abgelegt hatte. Er sah nach ein paar Sekunden die große Lagerhalle mit ihren vielen fünfzehn, zwanzig und bis zu dreißig Meter hohen Regalen, den schmalen Gängen und dem Freigelände draußen als eingespiegeltes Bild im Screen der Brille. Er hob die VR-Brille kurz hoch und setzte sich auf den Gabelstapler. Diese wendigen Hightech Stapler wogen über acht Tonnen und konnten bis zu dreißig Stundenkilometer schnell fahren. Die mächtigen Gabelzinken konnten mühelos über den dreifach ausziehbaren Hub, Paletten von fast zwei Tonnen in den Himmel wuchten. Dabei wurde die grobschlächtige Technik unter stylischen Formen verborgen, die auch Designer Luigi Collani – der Meister des Schwungs – nicht besser hätte entwerfen können. Die riesige Lithium-Ionen-Batterie wog zweieinhalb Tonnen und hatte eine Spannung von tausend Volt. Über einen Spannungswandler wurden diverse Steuergeräte für die Lenkung, Hydraulik und auch für das große digitale Display mit Strom versorgt. Es schien, als wäre es ein Gigant in dieser Halle. Sie kosteten auch so viel, wie ein Auto der Oberklasse.
In Zukunft sollten zwanzig von diesen speziellen Gabelstaplern autonom wie Roboter durch die schmalen Hallenfluchten und auf dem Freigelände fahren und Waren entladen, einlagern, wiederfinden und für den Transport zum Kunden disponieren. Kein Mensch befände sich mehr in der Halle und auf dem Gelände. Dafür stand das Projekt APTIL: autonomous pallet transportation for InfoLogis. APTIL war ein Softwaresystem mit künstlicher Intelligenz, dass alles wie von Geisterhand steuern sollte.
Von Haasen ließ sich durch eine Irisvermessung vom System kurz erkennen und registrieren. Mit dem Finger tippte er sein OK virtuell in den Raum. Zu den dabeistehenden Zuschauern nickt er kurz, verbunden mit einem Daumen-hoch-Zeichen. Der Stapler war mit sieben Rund-Um Kameras und diversen Sensoren ausgestattet, er wusste wo seine Ladestation war und seine Zielvorgaben bekam er über ein betriebsinternes Hochleistungs-WLAN gefunkt. Selbständig lagerte er Waren ein und fand sie wieder. Die Lagerorte der unterschiedlichen Maschinenteile in den diversen dreißig Meter hohen Hochregalen waren abhängig vom Durchsatz, dem Gewicht, der Gefährlichkeit der Güter und der sinnvollen Zusammensetzung von Komponenten geregelt. Zu sogenannten Schnelldrehern gab es kurze Wege. Teile, die statistisch oft zusammen geordert wurden, lagen nah beieinander. Alle Wege fand der Roboter völlig autonom und das Be- und Entladen der LKWs sollte wie von Geisterhand geschehen. Für den Mensch wäre das Lager absolut chaotisch aufgebaut.
Der Stapler erkannte nun, dass er in diesem Fall von einem Fahrer seine Befehle übernehmen sollte. Von Haasen triumphierte auf dem Sitz. Er stülpte einen speziellen Handschuh über seine rechte Hand. Über die Gestensteuerung wurden Befehle vom Handschuh an den Server geschickt, dort interpretiert und als Anweisungen an den Gabelstapler geschickt. Dies geschah ohne Verzögerung in Echtzeit. Wie ein Herrscher, der in eine Schlacht zog, bewegte er einzelne Finger oder auch den rechten Arm. Seine Befehle wurden vom Stapler direkt ausgeführt. Auf der VR-Brille konnte er die Halle erkennen und diverse Informationen über die zu transportierenden Waren wurden eingespiegelt.
Paletteninhalt, Gewicht, Zusammensetzung, Produktionsorte, Lieferant und vieles mehr, konnten optional abgerufen werden. Eigentlich hätte er dies auch vom Büro oder auch von den Malediven aus steuern können. Faszinierende Technik. Mit der VR-Brille sah man ja, was neben, vor, hinter und über dem Stapler vor sich ging. Aber auf dem Stapler sitzend konnte ihn jeder bei seinem Triumpf sehen. Er war sichtlich von der Technik begeistert. Kleinste Gesten wurden von dem Koloss sofort umgesetzt. Und statt dieser klobigen Brille, würde der Mensch in ein paar Jahren Kontaktlinsen mit Mikrokameras tragen. Alles lief erstaunlich gut. Zu gut. Seine kleine Narbe auf der rechten Wange begann zu jucken.
Wie bekomme ich das System nun an seine Grenzen?, überlegte er. Ich will denen doch zeigen, dass sie versagt haben. Am besten bleibt dieser Stapler irgendwo stehen oder findet die Güter nicht mehr wieder.
Schnell ließ er den Zeigefinger vorschnellen. Der Stapler nahm sofort Fahrt auf, erkannte aber ein Hindernis, wich diesem aus und fuhr weiter. Von Haasen bewegte nun seinen Finger nach oben und sofort reagierte der Stapler, bewegte den Hubwagen nach oben, erkannte die richtige Palette, entnahm diese vorsichtig, drehte zurück und entlud alles auf einen bereitgestellten LKW, der draußen im Freigelände stand. Von Haasen war einerseits von diesem Roboter entzückt wie ein kleiner Junge, andererseits enttäuscht, da er einen anderen Plan verfolgte. Er hatte Vorsorge getroffen, dass irgendwann ein kritischer Fehler auftauchen müsste. Dann muss ich halt auf Chrissys Idee der fehlerhaften Datenvernetzung später zurückkommen. Bei dem Gedanken an Chrissy wurde ihm warm ums Herz.
Er ließ den Stapler durch die vielen Lagerschluchten fahren, erhöhte das Tempo, fuhr direkt auf Hindernisse zu und gab immer wieder neue aufzufindende Teile über ein Blinzeln in der VR Brille frei. Die Hubzinken bewegten sich behände schnell nach oben und unten, als wenn sie der übergroße Taktstock eines unsichtbaren Dirigenten wären. Wenn ich hier keinen Fehler finde, dann muss das in der angeschlossenen Dispositionssoftware und den anderen Datenschnittstellen nachgewiesen werden, stellte er fest und ließ den Stapler langsam auf die beobachtenden Projektmitglieder zufahren.
Da steht ja sogar der Bergmann, die Lusche – und winkt. Heute mal nicht so besserwisserisch unterwegs. Will der mir ein Zeichen geben, oder hat er Angst ich fahr ihn über den Haufen? Ganz schön abgenommen hat er. Seine Gedanken sprangen in die Vergangenheit zurück, als Zven Bergmann noch der verantwortliche Projektmanager von Curafox war. Er musste dann das Projekt abgeben.
Bergmanns Frau sah ja gar nicht übel aus. Genau mein Typ. Da komm ich schon auf andere Gedanken. Wie ausgerechnet dieser Bergmann an die gekom ……?
Plötzlich wirbelte der Stapler rum, das Bild in der VR-Brille wurde blass und von Haasen musste sich festhalten um nicht abgeworfen zu werden. Anscheinend interpretierte der Stapler diese Haltung falsch und raste nun auf eine Rampe zu. Von Haasen fing an zu schreien. Er zeigte mit dem Befehlshandschuh nach unten, was den sofortigen Stopp zur Folge haben sollte. Keine Reaktion. Das Ungetüm hatte ihn unter Kontrolle. Erst dachte er noch daran abzuspringen, aber die Geschwindigkeit des Kolosses war zu hoch. Er hatte auch Angst, unter die Reifen des Staplers zu gelangen und überfahren zu werden. Was, wenn ich dann auch noch von den Gabelzinken aufgespießt werde, schoss es ihm durch den Kopf. In Todesangst riss er panisch seine Augen weit auf, und ein Adrenalinschub durchfuhr seinen Körper. Kurz konnte er sehen, wie Stefan Mohring mit einem geschockten Gesichtsausdruck zu einem PC stürmte und heftig auf die Tasten schlug. Der acht Tonnen Gigant war völlig außer Kontrolle, krachte in ein Hochregal und ließ dieses durch die Kraft des enormen Aufpralls einknicken.
von Haasen hörte noch einen lauten spitzen Schrei. Galt der ihm? Ungläubig schaute er zu Chrissy, bevor er von seinem Sitz geschleudert wurde und plötzlich neben den sich rasend schnell drehenden Reifen lag. Schützend hielt er seine Hand vor das Gesicht, während erste Einzelteile aus dem Regal herunterfielen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ein Schmerz durchzuckte seinen Körper, als er sich das Bein verdrehte. Da kam auch schon das riesige Regal mit Wucht auf ihn zu und diverse dort testweise gelagerten Kolben und Motorgestänge fielen auf seinen Brustkorb. Letzte Gedankenfunken blitzten auf. Er spürte schon keinen Schmerz mehr. Sein Körper hatte eine vermeintliche Überlebensstrategie gestartet. Adrenalin und Cortisol wurden ausgeschüttet und er merkte den Stich einer herabfallenden Stange nicht mehr. Nicht mal einen Schrei konnte er von sich geben. Wozu auch? Woher kam das viele Blut? Eine weitere Stange stürzte herab und zermalmte seine Rippen. Er hatte keine Kraft mehr zu schlucken. Ein letzter Gedanke an Chrissy. Es war vorbei. Die mächtige Hubkette des Staplers riss und schnellte wie eine Peitsche durch die Halle, in der ein ohrenbetäubendes Lärminferno dröhnte und traf seinen Kopf. Das Schutzgehäuse der tausend Volt Batterie des Staplers wurde durch eine Pleuelstange durchbohrt. Sie entlud sich durch heftige Blitze. Lichtbögen schweißten die verbogenen Regale teilweise wieder zusammen. Das zerborstene Hochregal stieß noch zwei weitere Regale um. Weitere gelagerte, große Teile stürzten wie in einer Gerölllawine herab. Der Boden bebte. Von Haasens rechte Hand ragte mit dem Befehlshandschuh aus einem Regal heraus und war unverletzt. Die Szene sah gespenstisch, aber trotzig aus. Der Gabelstapler hatte sich in einem Regal festgefahren und verkeilt. Schnell hatte die Batterie eine Temperatur von über hundertundzwanzig Grad erreicht und eine Selbstentzündung folgte. Die einzelnen Zellen blähten sich auf und barsten. Der entstehende Brand entzündete einige Kartons.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war es totenstill. Kein Jammern, kein Schreien. Nur das Zischen des Zersetzungsprozesses der Lithiumverbindung war zu hören. Erste Projektmitglieder von Curafox und InfoLogis lösten sich aus ihrer Schockstarre und stürmten zum Unfallort. Sie sahen die schreckliche Tragödie mit weit aufgerissenen Augen. Von Haasen lag in einer großen Blutlache. Sein Kopf war zerplatzt und Gehirnmasse trat heraus. Sein Oberkörper völlig zerquetscht und der Brustkorb eingedrückt. Die linke Hand und die Beine abnormal verdreht. Es war jedem sofort bewusst, dass von Haasen tot sein musste und keine Erste Hilfe mehr geleistet werden konnte. In den ungläubigen Gesichtern war die reine Panik zu erkennen. Die Münder standen weit auf und die Augen zeigten blankes Entsetzen, wie in einem Horrorfilm. Die totale Verwirrung war jedem anzusehen. Sie alle waren Zeuge eines unvorstellbaren Schreckens geworden. Keiner konnte direkt realisieren, was geschehen war. Keiner konnte schreien.
Nur Zven Bergmann lächelte in sich hinein.
Tilt. Game over. Recht so!
*****
Stefan Mohring riss endlich geistesgegenwärtig einen Feuerlöscher von der Hallenwand, ohne zu wissen, ob er damit die kochende Batterie in den Griff bekommen könnte. Dadurch wurde ein Alarm ausgelöst und eine Sirene begann kurz, laut und schrill zu hupen. Blitze aus mehreren gelben Warnlichtern durchzuckten die Halle wie das Außengelände und verstärkten das Chaos.
Nach rekordverdächtigen fünf Minuten war die Betriebsfeuerwehr und kurz darauf der alarmierte Johanniter Rettungsdienst mit dem Notarzt schon vor Ort. Alle Anwesenden wurden in einen sicheren Bereich geführt. Schnell hatte die Feuerwehr die Hochregal-Lagerhalle abgesperrt und geprüft, ob weitere Regale einstürzen konnten. Das hatten sie schon mehrfach geübt. Jeder Handgriff saß. Mit einem feinen Sprühstrahl kühlten sie die Batterie aus gebührendem Abstand, damit sie über das leitfähige Wasser keinen Stromschlag bekamen. Ein Feuerwehrmann begutachtete, ob gefährliche oder toxische Güter in der Nähe lagerten.
„Wo ist denn das Rettungsdatenblatt für diesen Typ Stapler“, schrie ein Feuerwehrmann mit offenbar höherem Dienstgrad seinen Kollegen zu. Sie schauten sich irritiert an, da sie für diesen Gabelstapler kein Datenblatt finden konnten, auf dem normalerweise alle kritischen Komponenten eines Fahrzeugs genau aufgeführt sind. Ein weiterer Feuerwehrmann näherte sich im Laufschritt mit einer Atemmaske dem Unfallfahrzeug, aus dem freiwerdendes Lithium immer noch mit der Umgebungsfeuchtigkeit eine exotherme Reaktion hervorrief. Er suchte mit dicken Handschuhen nach rot eingefärbten Hochvoltkabeln und der bauseitigen Trennstelle, um den Stapler stromlos zu machen. Als es ihm endlich gelang, gab er den anderen ein Zeichen.
Das ganze InfoLogis Gelände war nun in Blau- und Gelblicht getaucht, bis der Gruppenführer dem Notarzt sein ok zum Betreten der Halle gab. Dieser näherte sich dann dem stark Verletzten und konnte nach kurzen intensiven Untersuchungen auch nur noch den Tod feststellen.
Die parallel benachrichtige Polizei kam mit Blaulicht zum Unfallort und das kriminaltechnische Untersuchungsteam der KTU dokumentierte das vorgefundene Geschehen. Es wurden auf vielen Fotos die Unglückshalle festgehalten und die Zeugen vernommen. Nach einer Stunde traf Moritz Bremer von der Kripo Fulda mit einem Kollegen ein. So einen Fall hatte er auch noch nicht.
Ein Unfall mit einem eigentlich autonom fahrenden Fahrzeug. Warum saß dann überhaupt jemand darauf?, fragte er sich. Gott-sei-Dank gab es ja genügend Zeugen zum Tathergang, die alle das Gleiche bestätigten. Auch die Identifizierung des Toten war kein Problem. Niklas von Haasen, Projektmanager der Firma InfoLogis, fünfunddreißig Jahre, wohnhaft in Hannover, ledig, keine bekannten Vorerkrankungen oder Behinderungen notierte er in sein Notizbuch. Alle Zeugen waren geschockt aber mittlerweile gefasst. Bis auf eine Frau, Christine Zielke, von allen Chrissy genannt, notierte er. Sie war völlig aufgelöst und bekam immer wieder einen Schrei- und Heulkrampf. Sie musste von anderen gestützt werden. Vermutlich hatte sie ein besonderes Verhältnis zum Toten. Eine weitere Vernehmung konnte Bremer mit ihr erst planen, wenn die vom Notarzt verabreichte Beruhigungsspritze nachließ.
Bremer mutmaßte, dass es sich entweder um einen tragischen Unfall oder eine Fahrlässigkeit bei der Einführung eines neuen Produktes handelte. Er hatte mitbekommen, dass es sich hier um die Abnahme eines neuen Softwaresystems auf der Basis von künstlicher Intelligenz handelte.
„Gibt es nicht so etwas wie Produkthaftung?“, rätselte er gegenüber seinem Kollegen Till Hallstein.
„Ja, bestimmt. So etwas habe ich auch noch nicht gesehen.“ Aber mit diesem gesamten technischen Kram, Software und künstlicher Intelligenz kannten sie sich nicht aus. Für Bremer hieß KI nur kriminalistisches Institut oder Kriminalinspektion.
„Warum müssen ausgerechnet wir in so eine Logistikhalle gerufen werden?“, fragte er Hallstein, ohne auf eine Antwort zu hoffen.
Bremer und Hallstein ließen sich von allen Zeugen Namen, Wohnort und ihre Rolle und Verhältnis zum Toten geben und notierten jeweils deren erste kurze Zeugenaussage. Sie wussten, dass dies für weitere Ermittlungen ausschlaggebend sein konnte.
Eigentlich schien der Fall klar zu sein. Ein tragischer Unfall, ohne Tatverdächtigen oder Beschuldigten. Also: kurze Aufnahme, Protokoll schreiben, eventuell ein paar Vernehmungen mit Abgleich der Eindrucksprofile und dann war es das. Gut für die Statistik.
Dr. Albert Gratz rauchte genüsslich einen abendlichen Zigarillo und legte seine schwarze Hornbrille ab. Er versuchte einen zweiten Rauchring durch den ersten zu hauchen, was misslang. Er nahm ein Nosingglas und genehmigte sich zum Zigarillo einen Whisky. Morgens pushen und abends dämpfen, sinnierte er und schaute aus dem fünften Stock des gläsernen Hochhauses auf Rödermark herunter, einer Kleinstadt am Rande des Odenwaldes im Süden von Frankfurt. Hier im ländlich geprägten Speckgürtel, genau am fünfzigsten Breitengrad, ließ es sich gut leben. Die örtliche Politik war mal schwarz grün, dann wieder grün schwarz und spielte sich geschickt die Bälle zu. Alle Politiker versicherten ihm allerdings immer wieder, dass man sehr wohl wüsste, was man an Curafox, dem größten hiesigen Arbeitgeber, habe. Durch die ansässige Berufsakademie hatte Curafox auch immer wieder pfiffige duale Studenten rekrutieren und später einstellen können.
In letzter Zeit favorisierte er mehr die Highlands Single Malt, nachdem er früher eher den rauchigen Geschmack der Whiskys von der Isle of Skye bevorzugt hatte. Mit einer kleinen Pipette tropfte er Wasser in das Nosingglas, um die Fassstärke von achtundvierzig Prozent etwas zu reduzieren und geschmacklich zu verändern. Er hielt das Glas gegen das hereinfallende Abendlicht, nippte und umspülte mit dem bernsteinfarbigen Whisky genussvoll den Gaumen.
Mit seinen zweiundsechzig Jahren wollte er sich langsam zur Ruhe setzen und anscheinend änderte sich mit dem Alter auch der Geschmack. Sein Arzt riet ihm sowieso von seiner ganzen Lebensweise ab. Nicht rauchen, mehr Sport, weniger Stress, kein Alkohol. Als CEO und Gründer der Curafox AG hatte er so einiges erlebt. Seit dreißig Jahren arbeitete er für die Automobilindustrie. Er hatte mit den diversen Kunden, den Herstellern, den Zulieferern und auch den Logistikern immer gut zusammengearbeitet. Die Curafox AG hatte sich einen Namen mit ihren hervorragenden Experten und der adaptierbaren Software gemacht. Er hatte sich damals den Namen Curafox ausgedacht, der „fürsorgender Fuchs“ bedeutete. Fürsorge für den Kunden, für die Umwelt und für die Mitarbeiter. Besonders stark waren sie in den Bereichen SAP, Produktion und Logistik, deren Software überall gebraucht wurden.
Die Software für den KFZ-Werkstattbereich hatte er Gottsei-Dank vor drei Jahren sehr gut verkauft. Mit dem Geld konnte er in das Thema künstliche Intelligenz und Software aus der Cloud einsteigen. Und die Börse hatte dies auch honoriert, seit Curafox im SDAX1 notiert war. Curafox lag nun bei 360 Millionen Euro Umsatz und hatte fast dreitausendzweihundert Mitarbeiter.
Das war doch schonmal was – oder? Aber hochkommen ist Eines. Oben bleiben ein Anderes. Er zog die buschigen Augenbrauen hoch und kräuselte die Stirn.
So ein Unternehmen konnte man nach über hundert Kennzahlen führen. Heutige Controlling-Systeme analysierten alles. Mal schraubte man etwas an der Produktion, dann wieder im Vertrieb. Mal konzentrierte man sich auf Expansion, dann wieder auf die Kosten. Zentrale Entscheidungen wurden wieder durch dezentrale Organisationen abgelöst. Stück für Stück, Schritt für Schritt. So bleiben alle Beteiligten lebendig und aufmerksam. Die Softwarebranche hat im Allgemeinen achtzig Prozent Personalkosten. Es ist und bleibt Peoplebusiness. Und sehr gute Leute sind rar. Er hatte gelernt, dass sehr gute Manager auch sehr gute Mitarbeiter anziehen. Gute Manager locken nur mittelmäßige Mitarbeiter an. Dieses Gesetz galt nicht nur für Manager, sondern auch für gesamte Firmen in der Softewarebranche.
Er schob den Gedanken beiseite und richtete sein Augenmerk auf die vor ihm liegenden Papiere. Die Diagramme und Zahlenreihen zeigten die letzten vorliegenden Kennzahlen des Monatsabschlusses. Und die sahen gerade nicht so umwerfend aus. Im ganzen Jahr verfolgte sie eine Seuche. Kosten, Umsatz, offene Rechnungen, Sales Pipeline: alle Kennzahlen waren nicht im Lot. Wie sollte er darauf reagieren? Es musste nun etwas passieren, ehe es ganz eng wurde. Gratz runzelte die Stirn und atmete schwer ein, als es an der schweren Bürotür kurz klopfte und sein Sohn Benjamin den Kopf hineinstreckte.
„Du bist ja auch noch da?“, stellt Benjamin fest, der meist nur Ben genannt wurde. „Hättest dir ja mal einen halben Tag freinehmen können“, witzelte er.
„Ja, das wäre schön, aber wir haben doch diese Pressekonferenz und den anstehenden Quartalsbericht. Ich muss da selber nochmal Hand anlegen. Irgendwie gefällt mir das nicht. Komm, setz dich mal dazu.“ Gratz nahm den Papierstapel und sein Whiskyglas und ging zum Konferenztisch hinüber. Dort breitete er die wichtigen Papiere vor seinem Sohn aus.
„Warum ist bei gleichem Umsatz der EBIT2 so viel geringer? Die Kosten sind einfach immer noch zu hoch. Die Verwaltungskosten fressen unseren Profit auf. Und dann die immer noch so hohen Investitionen in Indien. Hier, sieh mal! Die müssen jetzt mal ihr Produkt ROSE-Co liefern. Der Logistikmarkt sucht dringend Innovationen im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz. Und wir könnten diese automatische Bildanalyse für Lagerhallen liefern.“
Sein Sohn Ben nickte. Der Kauf der kleinen indischen Firma war ein genialer Schachzug gewesen. Das Produkt ROSE-Co konnte auch in Gabelstaplern oder anderen Robotern verbaut werden und stand für „Roboter sees what you collect“, ein lernendes neuronales Netz. Das Co für Collect sollte später noch für andere weitergehende Einsatzgebiete zum autonomen Fahren oder im Gesundheitswesen ausgetauscht werden. Allerdings war die Softwarequalität zurzeit noch verbesserungswürdig. Aber die kleine indische Firma hielt schon beachtliche achthundertundfünf Patente in diesem Bereich der künstlichen Intelligenz.
Software reift wie Bananen – beim Kunden. Wir sind da bestimmt keine Ausnahme, stellte Ben für sich fest. Mit der Software hatten sie Alleinstellungsmerkmale gegenüber der Konkurrenz, insbesondere in Deutschland. Über eine Virtual Reality Brille konnte ein Mensch steuernd eingreifen. Um die Aufgabe zu meistern, würden die Robotersysteme mit Stereo-Kameras ausgestattet, deren Aufnahmen in Bildanalyse-Applikationen fließen. Im Gegensatz zu autonomen Autos, die im Straßenverkehr bestehen sollen, war es hier nicht notwendig, noch andere Sensoren hinzuzuziehen. Denn in den Lagerhallen herrschte stets eine recht gleichbleibende Beleuchtungssituation, so dass zusätzliche Radar- und Laser-Systeme unnötig wären. Diese Erweiterungen sollten später in einem neuen Release des Produktes ROSE-Co dazukommen.
Benjamin Gratz war als Sohn des CEO für alle operativen Prozesse in der Firma Curafox verantwortlich. Er sollte in naher Zukunft seinen Vater beerben. So war es vorgesehen. Aber dafür mussten die achtunddreißig Prozent der Aktienbesitzer, die bei der Groß-Familie lagen, zustimmen. Diese Konstruktion kam noch aus der Zeit, als Curafox noch nicht börsennotiert war und dringend Geld brauchte. Onkel, Tanten, Vettern und andere gaben Geld gegen Anteile. Eigentlich mussten sie das rückblickend nie bereut haben.
„Da habe ich gute Nachrichten für dich, Papa“ sagte Ben und goss sich auch einen Whisky ein. „Wir haben die Ausschreibung von InfoLogis bearbeitet. War ein ziemlich harter Brocken und wir haben nur noch eine Woche Zeit. Fachlich passt das und wir können fast fünfundsiebzig Prozent der Anforderungen direkt erfüllen. Der Rest muss nachprogrammiert werden und ROSE-Co muss natürlich in die IT-Umgebung von InfoLogis eingepasst werden. Mit der Kalkulation liegen wir inklusive den Gabelstaplerzukäufen bei 19,8 Millionen Euro und einer Marge von achtzehn Prozent,“ erzählte Ben selbstbewusst. „Wir können noch etwas runterkommen, wenn wir unsere Inder mit ins Boot nehmen. Die kommen für drei Monate hierhin und programmieren dann zu Hause. Damit gehen die Durchschnittskosten bei den Stunden auf achtundsiebzig Euro runter. Bei den Zulieferern könnten wir noch etwas rausquetschen. Reisekosten sind allerdings immer noch zu hoch. Ich stell dir das mal zusammen und sende dir auch das Risk-Sheet zu. Bei der Risikoeinschätzung liegen wir bei B2, also im mittleren Bereich. Aber alles machbar.“
Albert Gratz hatte aufmerksam zugehört und war stolz auf seinen Sohn. Bei jedem großen Angebot wurde eine Risikoabwägung durch die Beantwortung von vierzig ausgewählten Fragen durchgeführt. B2 signalisierte auf der Skala A1 bis D4 zwar ein erhöhtes Risiko, aber das könnte man managen. Intern stellte sich ein Team dann immer Fragen wie:
Haben wir so ein Projekt schonmal erfolgreich gemacht?
Brauchen wir externe Zulieferer?
Haben wir das Know-how?
Kennen wir den Kunden?
Ist er solvent?
Gibt es Währungsrisiken? Und so weiter.
„Sehr gut. Wenn wir das gewinnen, dann machen wir ein Fass auf. Ich freue mich jetzt schon auf die Ad-hoc und Pressemeldung. Dann könnte ich mich auch von einigen Aktien trennen.“ Das schien alles in die richtige Richtung zu laufen, obwohl Kunden wie beispielsweise InfoLogis anspruchsvoll und sehr kostensensitiv dachten.
„Ben, warte mal kurz. Noch was und zurück zum Tagesgeschäft“, rief Gratz Senior seinem Sohn zu, der schon aufgestanden war. „Das InfoLogis Angebot kann uns das Problem in einem Jahr lösen, wenn wir ROSE-Co erfolgreich am deutschen Markt platzieren. Das ist zwar sehr wichtig, aber in Q4 bekommen wir ein riesiges Problem mit unseren Kosten. Hast Du mal den letzten Bericht vom Controlling gesehen?“ Gratz zeigt mit seinem Finger auf die diversen vor ihnen liegenden Papiere. „Das ganze Jahr haben wir immer nur gehofft, wir kriegen die Zahlen in den Griff. Aber wir sind zu langsam.“
„Ja, ich bin mal kurz über die Berichte geflogen“, log Ben Gratz, da der Bericht aus dem Controlling erst vor einem Tag verteilt worden war.
„Ben, du musst dich hier engagieren. Starte ein Effizienzsteigerungsprogramm – sofort. Und ziehe alle Register. Kosten runter, reisen nur wenn nötig, keine Plätzchen mehr, alle Verträge – auch Mietverträge - durchchecken und nachverhandeln, Firmenwagen runterkategorisieren, Mobiltelefone nur für Projektleiter, Weihnachtsfeier abspecken und und und ... Wir müssen kreativ werden. Hol dir ein kleines Team dazu. Frau Schulte als Finanzer kann dir helfen. Und auch dieser Neue, ähm irgend so ein ausländischer Name. Na ja. Du machst das schon. Aber bitte asap und mit Volldampf!“
Ben Gratz nickte, war innerlich aber erstaunt. Warum gerade jetzt wieder so eine Aktion? Sie waren das Bündel doch schon mehrmals durchgegangen. Und er hatte mit dem großen Angebot für InfoLogis gerade wirklich anderes zu tun. Dieser Befehlston gefiel ihm nicht.
„Gib dem Programm einen Namen und lade nächste Woche das ganze Managementteam zur Telefonkonferenz ein. Jeder Bereich muss hier direkt beitragen. Der Vertrieb und Lürsens Mannschaft auch. Wir setzen denen einfach Ziele. Die müssen dann gehalten werden oder die Leute sind falsch auf ihrem Posten.“
Gratz hatte sich nun richtig in Rage geredet und saß nach vorne gebeugt auf dem Sessel. Sein Zeigefinger fuchtelte ruckartig umher. Benjamin nickte nur noch. Immer er und immer wieder diese Hauruckaktionen. Und immer wieder rein in die Kartoffel, raus aus den Kartoffeln. Erst wurde der Markt positiv wachsend gesehen und investiert. Dann schwang das Pendel wieder rum und es sollte überall gespart werden. Eine Investition sollte sich auch entwickeln können. So hatte er das im BWL-Studium gelernt. Aber die Software Branche hatte ihre eigenen Gesetze. Und diese war enorm fragil und schnelllebig.
Die Stimmung war nun eingetrübt und angespannt. Was Ben an seinem Vater aber immer mochte: er hatte immer Ziele im Kopf und ging diese mit einer enormen Leidenschaft stringent aber ruhig an. Dabei wurden unterschiedliche Ausgangspunkte und Situationen nicht vermischt.
Und Ben Gratz wäre nicht sein Sohn, wenn er beim InfoLogis-Angebot nicht auch seine alten Beziehungen spielen lassen könnte. Da gab es doch einen, der ihm noch mehr als einen Gefallen schuldete.
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„Guten Morgen meine Damen und Herren. Liebe Kollegen. Vielen Dank, dass sie sich so schnell Zeit nehmen konnten und sich in meine Ad Hoc Telko eingewählt haben“, begrüßte Benjamin Gratz kühl das ganze Management Team am Telefon. Er saß mit Nadja Schulte, aus dem Controlling zusammen in seinem Büro. Sie war sehr kompetent und ihr immerwährender trauriger Blick gab ihrem Gesicht eine spezielle attraktive Erscheinung. Der burschikose Kurzhaarschnitt passte zu ihr und machte sie jünger. Sie arbeitete gerne für den Junior, da sie schon immer ein Auge auf Ben geworfen hatte. Immerhin war Ben noch nicht verheiratet und man sollte doch jede kleinste verbliebene Chance nutzen. Ihre weit aufgeknöpfte Bluse ließ manchmal einen beabsichtigten Busenblitzer zu. Oft hatte sich Ben vergeblich gegen diesen angenehmen Einblick gewehrt, aber heute ließ er sich nicht ablenken und beugte sich zur Freisprechanlage rüber. Er präsentierte die ausdrucksstarken Folien über ein Videokonferenzsystem auf seinem Laptop, die sie innerhalb von einer Woche zusammengestellt hatten.
Die Abteilungen Vertrieb, Entwicklung, Finanzen, Marketing, Controlling, Personal und der Service waren mit ihren Managern und Top Leuten eingewählt und lauschten der Ansprache. Früher hießen sie auch „Gratz´s Märchenstunde“, aber heute übertrug sich sofort eine angespannte Atmosphäre über das Telefon.
„Ich will es heute kurz machen. Sie sehen auf den Folien die wichtigen Kennzahlen für das vierte Quartal.“ Auf der gestarteten Präsentation sahen alle Beteiligten diverse Zahlenreihen, manche in Rot dargestellt und in der rechten oberen Ecke war jeweils ein Bild eines verschwitzten Ruderachter in Aktion zu sehen.
„Die Zahlen zeigen, dass wir in ein großes Problem laufen, wenn wir nicht schnell reagieren. Da unsere Investitionskosten durch die Neuentwicklung von ROSE-Co sehr hoch waren und das Altgeschäft nachlässt, sinkt unsere Marge. Auch im Verhältnis zum Wettbewerb schließen wir schlechter ab. Ich werde zusammen mit meinem Team ein Effizienzsteigerungsprogramm starten. Es wird HardBeat heißen. Sie sehen hier die Ausgangswerte.“
Er zeigte, für jeden sichtbar, mit der Maus auf diverse Balken- und Kuchendiagramme, die er vom Controlling zusammengestellt und selber aufbereitet hatte.
„By the way. Es heißt hard für hart und nicht heart für Herz“, unterstrich er, um keine Diskussion aufkommen zu lassen. „Der Begriff kommt aus dem Rudersport und wir sollten uns als Ruderteam begreifen. Jede Aktion, jeder Zug wird ein harter Schlag werden und bringt uns dem Ziel näher. Wir gehen jetzt in den Sprint-Modus. Jeder sitzt im Boot und spielt im Team mit, einer steuert und gibt Kommandos.“
Es war mucksmäuschenstill in der Telefonkonferenz. Jedem war klar, wer das Kommando hatte.
„Dies wird keine Paddeltour. Alle Bereiche bekommen harte Vorgaben, die zu erreichen sind“, dozierte er weiter. „Sales muss die Winning Quote3 von zehn zu fünf auf zehn zu sieben steigern. Wir verpulvern hier zu hohe Vertriebsaufwände. Unsere Marketingausgaben werden auf Q1 des nächsten Jahres verschoben. Prüft bitte mal, ob wir auf der Messe auch einen kleineren Stand hinkriegen können. Wir im Controlling werden uns bis Ende des Jahres um Financial Engineering kümmern, das heißt Abschreibungen reduzieren und Rückstellungen aufheben. Wir räumen zum Jahresabschluss richtig auf und ihr könnt nichts in euren schwarzen Kassen zurückbehalten. Damit jetzt schon allen klar ist: wir gehen mit dem Wattestäbchen in jede Ecke, das verspreche ich euch. Alle Verträge werden geprüft und nachverhandelt.“ Ben machte eine kurze Pause und ließ das Gesagte wirken. Dann fuhr er mit ein paar rhetorischen Fragen fort. „Wollen wir kämpfen? – Ja, jeder ist beteiligt. Haben wir eine Chance? – Ja, wir packen die Probleme an? Wird sich der Wettbewerb auf uns stürzen? – Nein, wir haben ein gutes Portfolio. Wir müssen, und liebe Kollegen, wir werden unser Jahresergebnis erreichen. Gibt es dazu Fragen oder Anmerkungen?“
Alles blieb still in der Leitung. Man hörte nur anonymes schweres Atmen und hallende Schritte. Ein eingewählter Manager hatte sein Mobiltelefon nicht stumm geschaltet und hielt es wohl zu nah am Mund während er irgendwo schnaufend eine Treppe hochlief. Ein Anfängerfehler, urteilten alle anderen Beteiligten.
„Ok, das ist erfreulich, dass sie die Situation genauso einschätzen. Ist Frank Lürsen auch in der Leitung?“
Lürsen meldete sich in sein Telefon, vergaß aber die Stummschaltung aufzuheben. Als ihn keiner hörte, wurde er von einem Kollegen mit einem ironischen Unterton darauf aufmerksam gemacht.
„Frank, man hört dich nicht.“
Nach einem kurzen Räuspern meldete er sich mit „Ach, sorry ohne Stummschaltung geht es nun besser. – Ja, hallo, hier ist Frank.“ Der nächste Anfängerfehler, dachten die anderen.
„ … Ach hallo Frank. In der Entwicklung muss die Auslastung4 von achtundsiebzig auf fünfundachtzig Prozent steigen, damit wir den COP5 – den cost of production – senken können. Kündige im Service auch direkt Freelancer Verträge oder verhandele sie nach. Deine Leute müssen auch mehr Software Changes in den aktuellen Projekten verkaufen. Zehn Prozent vom Auftragsbestand als zusätzliches Umsatzvolumen sollte ein Target sein. Ab sofort machen alle Sales. Und, ganz wichtig, hol endlich die billigen Inder als Programmierer hierhin.“
Dr. Frank Lürsen war Mitte fünfzig, eher kleinwüchsig mit kräftiger Figur. Zu seinen Geheimratsecken stand er. Als Mathematiker war er uneitel und machte immer den Eindruck einer Dampfwalze, obwohl er privat verträglich und bodenständig war. Er war ein sehr erfahrener Abteilungsleiter und schon seit Jahren bei Curafox. Mit seinen zweihundertfünfzig Projektleitern, Beratern und Entwicklern war er verantwortlich für alle Kundenprojekte. Bekannt und gefürchtet für sein Mikromanagement, folgte er stur jeder Anweisung seines Seniors oder Junior Chefs. Er dokumentierte in sauberer ordentlicher Schrift jedes Gespräch in seiner Kladde, die sein ständiger Begleiter war. Zahlen zu Projekten hatte er stets parat. Selbstoptimierung war sein Steckenpferd und Optimierung verlangte er auch von seinen Mitarbeitern.
„Kein Problem, mach ich. Ich kipp den Projektleitern die Inder auf den Hof. Sie müssen die dann in ihren Projekten einbauen. Dafür bekommen wir die Experten für andere Projekte frei. Den Wissenstransfer bezahlen wir aus dem Projektbudget. Alles klar“, rief Lürsen folgsam in die Leitung, obwohl er wusste, dass es so nicht ging.
Die Projektleiter würden aufschreien, da sie die erfolgreiche Abwicklung ihres Projektes in Frage gestellt sahen. Davon war immerhin deren variables Gehalt abhängig. Die nächsten sechs Monate standen auf Sturm und würden ungemütlich werden.
„Ok, ich will nun alle nicht länger von der Arbeit abhalten. Soweit in Kürze zum internen Vorhaben HardBeat. Und – kein Wort an die Mannschaft. Wir wollen keine Unruhe und gute Leute verlieren. Da vertraue ich auf euer Fingerspitzengefühl. Ich werde mit Nadja Schulze ein Kennzahlensystem als Dashboard mit den Aktivitäten und Vorgaben entwickeln. An den Ampelfarben können sie dann den Erfolgsstand sehen und wöchentlich nachverfolgen. Zunächst steht alles für alle auf Rot! Denkt dran: You can´t control, what you do not measure. Tschau.“
Damit beendete Benjamin Gratz die Telefonkonferenz, legte auf und schloss auf seinem PC den Videokonferenzkanal. Er war mit sich selber zufrieden. Die Nachricht sollte rübergekommen sein. Man muss immer hundertfünfzig Prozent fordern, damit achtzig Prozent umgesetzt werden. Auch achtzig Prozent sollten reichen, urteilte er. Nadja Schulte himmelte ihren Gott schmachtend an.
„Großartig Herr Gratz. Ich kümmere mich um das Nachverfolgen der Aktionen. Sie können sich auf mich verlassen. Wenn sie etwas brauchen melden sie sich bitte direkt.“ Dabei sammelte sie alle Unterlagen zusammen.
