Das Rattenschiff - Gero Frabo - E-Book

Das Rattenschiff E-Book

Gero Frabo

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Beschreibung

Louis wird Zeuge, wie ein Kleinflugzeug im Wald zerschellt. Einer der vier Insassen überlebt gerade so lange, um zu erzählen, dass der Absturz ein Anschlag war, mit dem Ziel, ihn daran zu hindern, seinen Koffer mit brisanten Akten an eine Journalistin zu übergeben. Der Welt droht eine gewaltige Katastrophe, doch was konkret, hat der Tote mit ins Grab genommen. Louis, ein autarker Eigenbrötler und die selbstbewusste Reporterin Sarah Morgenstern, geraten schnell ins Visier der Attentäter. Das Rätsel des Abgestürzten zu lösen, ist ihre einzige Chance.

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das Rattenschiff

Impressum

© NIBE Verlag © Gero Bernard

August 2018

Deutsche Erstausgabe

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Created by NIBE Verlag

Covergestaltung: Tom Jay

Coverbild-Quellen:

© Andrey_Kuzman / Shutterstock.com

© Gehrke / Shutterstock.com

Printed in Germany

ISBN:  978-3-947002-71-9

NIBE Verlag

Brassertstraße 22

52477 Alsdorf

Telefon: 02404/5969857

www.nibe-verlag.de

eMail: [email protected]

Das Rattenschiff

Gero Bernard

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Eventuelle

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

Das Rattenschiff

Worauf hatte er sich da nur wieder eingelassen. Aber das Mädel an der Stange war eine Cola für zwanzig Euro wert gewesen.

Die Zeit seines Sohnes als Feldwebel ging zu Ende. Vier Soldaten, die Ausstand feierten. Für die Fete hatte sein Ältester einen Chauffeur gebraucht. Zuerst nach Enschede, zum Tabledance, Vorglühen in der Muschibude, wie sie es nannten. Bei den Jungs floss natürlich reichlich Alkohol. Danach hatte Louis die vier nach Nordhorn gefahren, zur Ranch, wie sie den Stützpunkt nannten.

Louis ließ das Fenster ein Stück herunter, der Geruch seiner eben abgelieferten Ladung hing zäh im Wagen. Es roch nach Bier und Schweiß mit einem Hauch Aftershave, ein bisschen wie in einem heruntergekommenen Puff. Flüchtig glitt sein Blick über die helle Lederausstattung. Er war nicht pingelig, aber eine Rücksitzbank mit Bierflecken musste nun wirklich nicht sein.

Acht Jahre Armeezeit lagen hinter seinem Großen. Plötzlich rebellierte etwas in ihm gegen die Vorstellung, dass Oliver bald Vater wurde. Und er damit Großvater. Opi Louis. Mit sechsundvierzig. Sabine war achtzehn und er zwanzig gewesen, als Oliver kam. Früh übt sich … in der sozialistischen Provinz gab es nicht viel, was sich abends anstellen ließ. Also wurde die Bettdecke auf den Rücken genommen. Natürlich mit Folgen, natürlichen Folgen.

Da können wir uns auch trauen lassen.So oder ähnlich hatte sein Antrag geklungen. Wegen des Ehekredits make by Honecker wurde flott geheiratet. Fünftausend Ostmark, das entsprach einem Jahreslohn. Für den Fall der Fälle war Scheidung problemlos, Hindernisse wie Ehegattenunterhalt gab es nicht, Emanzipation bedeutet für die Ostfrau vor allem, für sich selbst verantwortlich zu sein. Was die Eheanbahnungsspritze so lukrativ machte, waren die Bumsraten, wie man sie nannte. Eintausend Mark wurden beim ersten, eins-fünf beim zweiten Kind erlassen, beim Dritten den Rest und es gab sogar alles wieder heraus, was schon abgestottert war.

Aber was macht es schon, welche Gründe bei der Zeugung eine Rolle spielen. Entweder werden Kinder geliebt, oder nicht. Nur das zählt. Louis liebte seine drei Kinder. Wie immer wurde er etwas melancholisch beim Gedanken an die zwanzig Jahre Familienleben. Vorbei, seit die Kinder aus dem Haus waren und Sabine endlich das Leben genießen wollte, wie sie es nannte. Endlich. Zwanzig Jahre davor und das Genießen danach, es versetzte Louis noch immer einen Stich.

„In zweihundert Metern biegen sie links ab.“

„Ja, Kathi“, antwortete Louis gewohnheitsmäßig seinem Navi. Er hatte diese Stimme gewählt, weil die Ansage unter dem Namen Kathi angeboten wurde. So hieß seine Tochter. Eigentlich Katharina, aber kaum jemand nannte sie so.

Er bog auf die Brücke über den Ems-Vechte Kanal und fuhr in die Dunkelheit des Waldes. Er zappte sich durch die Radiosender.

WDR 2. Rolf Hoppe war Studiogast. Manchmal wurde Louis mit ihm verglichen, was auch nicht ganz falsch sein mochte, eine gewisse Ähnlichkeit von Typus ließ sich nicht von der Hand weisen. Die gleiche kräftige Statur, einsachtzig, Louis hätte glatt als Sohn des Schauspielers durchgehen können. Rundes, markantes Gesicht, hohe Stirn, besonders glichen sich ihre grau-grün-blauen Augen mit Lachfältchen und wirren, nicht zu dichten Brauen. Allerdings hatte er weder Glatze noch Hoppes früheren Rotbart, sein Haar war braun. Louis mochte den Schauspieler. Sich selbst fand er dagegen durchschnittlich. Daran hatten auch seine ansehnlichen Eroberungen in der Jugend nichts geändert.

„… 1963 bin ich zur DEFA“, kam es aus dem Radio.

„Kennen Sie noch einen Song aus dieser Zeit?“

Louis konnte förmlich sehen, wie Hoppe grinste.

„Fernweh hatten wir doch alle in der DDR. Japan zur Kirschenblütenzeit, davon haben damals viele geträumt. Jacqueline Boyer“, Hoppe schnalzte mit der Zunge, „Mitsou Mitsou Mitsou, mein ganzes Glück bist du.“

Sein Gesang konnte sich hören lassen. Natürlich spielten sie das Lied.

Im Prinzip hörte Louis nie Schlager, doch aus einem unerfindlichen Grund kannte er zig Texte. „… Laternen in den Bäumen, die laden ein zum Träumen“, sang er mit.

Wie aufs Stichwort tauchten Lichtpunkte in der Ferne unter den Bäumen auf. Sie gehörten zum Flugplatz Klausheide, eine Landebahn für kleine Maschinen.

Louis musste pinkeln. Er hielt unter den letzten Bäumen und stieg aus. Keine Seele weit und breit, trotzdem trat er an einen Baum. Leises Brummen kündigte das Nahen eines Flugzeugs an. Es kam schnell näher, eine kleine Maschine, sie flog schon ziemlich niedrig. Plötzlich hörte es sich an wie Eisgang auf dem Fluss, es knirschte und knackte laut. Dann sah es so aus, als ob ein großes Teilstück des Fliegers abfiel. Das einzige noch blinkende Positionslicht sackte ab. Alles ging rasend schnell. Ungläubig verfolgte Louis das Schauspiel, bis die Bäume die Sicht versperrten. In dem Moment, als ihm bewusstwurde, was da geschah, krachte es aus der Richtung, in die das Flugzeug verschwunden war. Obwohl die Geräusche nicht allzu laut waren, zog er unwillkürlich den Kopf ein. Es klang beinahe so, als ob jemand in der Ferne Bäume fällen würde. Louis starrte in die Richtung, erwartete einen Feuerball. Aber nichts geschah, kein Aufblitzen, keine Detonation, keine Flammen.

Es blieb gespenstisch ruhig. Er blickte zum Flugplatz. Aber da rührte sich nichts. Wieso rückten keine Rettungsfahrzeuge aus? Vielleicht hatten sie nichts bemerkt, möglich war es, sein Standort lag mindestens einen Kilometer näher an der Unglücksstelle. Er wartete ungeduldig, aber als es weiterhin ruhig blieb, konnte er nicht länger untätig bleiben. Zuerst wollte er zum Flughafen fahren, aber die Zufahrt lag ziemlich weit von ihm entfernt an der Hauptstraße zwischen Nordhorn und Lingen. Er musste selbst für Hilfe sorgen. Flüchtig dachte Louis an sein altmodisches Blackberry-Handy. Aber es lag, wie so oft, zu Hause. Im Grunde macht das nicht viel, vermutete er, die Insassen werden sowieso alle tot sein. Trotzdem wollte er wenigstens nachsehen. Ins Auto springen und es auf einen Wirtschaftsweg steuern, der in etwa zum Absturzort führte, war eins. Der Asphalt war in Ordnung, Louis gab Gas. Es war doch weiter, als es den Anschein hatte. Vielleicht zwei oder drei Kilometer und eine gefühlte Unendlichkeit weiter sah er seitlich im Wald einen Feuerschein und bremste scharf. Wie von einer gewaltigen Sense gemäht, zerteilte eine Schneise geköpfter junger Bäume den Wald und lenkte Louis´ Blicke auf die wenigen Flammen. Es hatte den ganzen Nachmittag geregnet und das Feuer fand im nassen Wald keine Nahrung.

Aus den Augenwinkeln glaubte er, im Seitenspiegel eine Bewegung zu bemerken. Louis starrte in den Spiegel, da war es wieder, etwas bewegte sich am Straßenrand. Er setzte zurück und hielt hinter der Stelle. Im Kegel des Scheinwerfers zeichnete sich ein Körper ab, er lag hinter einem flachen Graben. Louis riss die Tür auf, sprang aus dem Auto und rannte hin. Es war ein Mann.

Der Verletzte lag auf der Seite und hing noch mit dem Gurt im Sitz, so wie es ihn aus dem Flugzeug geschleudert haben musste. Mit einem halb erstickten Stöhnen versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen.

Das Wrack mochte hundert Meter entfernt sein, mindestens. Ungläubig fragte sich Louis, wie der Mann das überlebt haben konnte. Er kauerte sich zu dem Verletzten, dessen rechtes Bein knickte ab und der Oberkörper war unnatürlich verdreht. Louis zögerte, den Gurt zu lösen. Aber der Mann atmete schwer. Das Gurtschloss ließ sich leicht öffnen. Unweigerlich bewegte das den Verletzten, er stöhne furchtbar.

„Bewegen Sie sich nicht“, sprach Louis ihn an. „Gleich kommt Hilfe.“

Aber seine Worte wirkten alles andere als beruhigend auf den Mann. Trotz der Verletzungen wollte er sich hochstemmen.

„Keine Polizei!“, brachte er mühsam hervor, dann sackte er wieder zusammen.

Kein Wunder, dachte Louis flüchtig, mit diesen Ärmchen. Der Verunglückte war ein unscheinbares, dünnes Kerlchen, wahrscheinlich keine eins siebzig groß, selbst wenn sich das in seiner gekrümmten Lage schlecht abschätzen ließ.

„Keine Polizei, bitte“, wimmerte er ein paar Mal mit ersterbender Stimme.

Louis kam der Gedanke, dass der Fremde etwas mit der Ursache des Absturzes zu tun haben könnte. Andererseits war das Blödsinn, hatte er doch selbst in der Maschine gesessen, sicher war das nur ein Schock und er redete wirres Zeug.

Der Mann versuchte, seinen Arm unter dem Sitz vorzuziehen. Vorsichtig half er ihm und nahm den Sitz zur Seite. Darunter kam ein Aktenkoffer zum Vorschein, der mit einer Kette am Handgelenk befestigt werden konnte. Louis öffnete den Verschluss an der Kette und zog den Koffer zu sich. Trotz offensichtlich furchtbarer Schmerzen fasste der Mann nach dem Griff und beruhigte sich erst, als er ihn packen konnte. Er legte sogar den Kopf darauf. Sicher tat es ihm gut, Rücken und Nacken zu entlasten.

Unschlüssig wich Louis eine Armlänge zurück. Vielleicht befand sich etwas Schlimmes im Koffer, Rauschgift, oder Waffen. Plötzlich machte die Angst vor den Bullen Sinn.

„Keine Polizei“, bat der Mann schon wieder.“

„Ich kann Sie doch nicht so liegen lassen. Wer weiß, wie schwer Sie durch den Absturz verletzt wurden!“

„Das war kein Absturz!“ Die Erregung schien dem Fremden neue Energie zu verleihen. „Da war etwas am Flugzeug. Eiskaltes Gas kam aus der Verkleidung, ein Nebel, flüssiger Stickstoff vielleicht, direkt neben mir, dann brach eine Tragfläche ab. Ein riesiges Loch … mein Sitz riss sich los. Oh mein Gott, die anderen drei …“

Sein Kopf sackte wieder auf den Koffer, es sah danach aus, als ob der Mann bewusstlos wurde. Aber der rappelte sich plötzlich wieder auf. „Der Absturz … wegen mir! Keine Polizei. Dann finden sie mich. Die versuchen es wieder. Die bringen mich um.“ Stöhnend drückte er sich hoch. „Schaffen Sie mich weg, ich flehe Sie an.“

So ein Blödsinn! Louis hätte sich am liebsten an die Stirn getippt. Da erst wurde ihm richtig bewusst, was der Abgestürzte gesagt hatte. Drei andere. Es gab vielleicht noch Überlebende. Womöglich hingen sie bewusstlos in den Flammen und verbrannten bei lebendigem Leibe.

Louis lief in die Schneise. Er kam langsamer voran, als ihm lieb war. Die Trümmer der kleinen Maschine lagen nicht so weit verstreut, wie er vermutet hatte. Die meisten Bäume waren noch zu jung gewesen, um den Flieger aufhalten zu können. Erst etwas tiefer im Wald hatte eine Gruppe großer Fichten dem Flug ein Ende gesetzt. Der Rumpf steckte wie ein gewaltiger Speer zwischen den Stämmen. Die Kabine war an der Seite aufgerissen, wo früher einmal die Tragfläche gesessen haben mochte, gähnte ein riesiges Loch. Die Glaskanzel fehlte, der Flügel war nirgends zu sehen. Das Licht der wenigen Flammen reichte, Louis sah die drei angegurteten Männer in den Trümmern des Flugzeugs. Sie waren offensichtlich nicht mehr am Leben. Regelrecht riechen ließ sich der Tod, salzig und nach Eisen, das viele Blut überall.Trotzdem ging er näher und vergewisserte sich. Sie sahen übel aus. Splitter und Äste hatten sie getroffen. In einem der drei steckte ein großes Stück Blech und hatte ihn an der Gürtellinie fast durchtrennt.

Übelkeit stieg in Louis hoch. Mühsam unterdrückte er das Würgen im Hals. Hastig wandte er sich ab und spie den zusammengelaufenen Speichel aus, hier war nichts mehr zu machen. Wie gehetzt rannte er los. Er stürzte über Ranken, raffte sich wieder auf und fiel noch einmal. Zuletzt wäre er beinahe noch auf den Fremden getreten.

Sie sind tot, alle tot, hämmerte es in seinem Kopf. Wer macht so etwas? Obwohl es sehr unwahrscheinlich klang, das Gerede des Abgestürzten über die Tragfläche stimmte vielleicht doch, keiner der jungen Bäume konnte sie abgerissen haben und sie lag auch nicht in der Nähe der Absturzstelle.

Der Überlebende ruhte noch immer mit dem Kopf auf dem Koffer, seine Augen fragend aufgerissen, sie waren sehr dunkel, im Scheinwerferlicht wirkten sie fast schwarz.

Louis brachte keinen Ton heraus.

Der Mann verstand ihn wohl auch so, er versuchte etwas zu sagen, doch es gelang ihm nur ein schmerzverzerrtes Grinsen. Aber er gab nicht auf. „Der Absturz … nur wegen mir“, wiederholte er. „Ausgerechnet ich habe überlebt.“

Das brachte ihn wohl wieder auf seinen unsinnigen Wunsch. „Bringen Sie mich weg! Ich flehe Sie an.“

„Ruhig, bleiben Sie ruhig. Ein Krankenwagen wird gleich da sein.“ Das war gelogen, denn er hatte ja keinen Notruf gesendet. Die Geschichte des Halbtoten kam ihm immer unsinniger vor. „Wovor haben Sie Angst? Was haben Sie da im Koffer?“ Er behielt die Hände des Mannes im Blick, nicht dass der noch eine Pistole ziehen würde.

„Nichts, da ist nichts drin. Mein Name ist Dr. Volker Hansen, ich bin Geologe. Bitte, bringen Sie mich weg.“

Dr. Hansen war ein Allerweltsname. Der konnte viel erzählen, Louis blieb skeptisch. Der ominöse Dr. schien zu begreifen, dass er nichts erreichte.

„In meinem Koffer sind nur Unterlagen. Brisante Unterlagen. Sehr brisante. Die Polizei kann mich nicht schützen. Nicht … vor denen!“ Mühsam wies er mit dem Kopf in Richtung der abgestürzten Maschine. „Die schrecken vor nichts zurück.“

Unter Stöhnen griff er nach Louis´ Hosenbein und krallte sich mit der Kraft der Verzweiflung fest. „Bitte! Helfen Sie mir! 666! Schauen Sie in den Koffer.“ Dann sackte er bewusstlos zusammen.

Er braucht einen Arzt, dachte Louis, schnell. Bestürzt fiel ihm ein, dass keiner kommen würde. Scheiß Handy. Er schwor sich, es nie wieder zu vergessen. Er musste den Verletzten zum Arzt bringen. Unsicher schaute er auf den abgeknickten Oberschenkel. Eigentlich fehlte da eine Schiene, nicht dass die Knochensplitter noch eine Arterie verletzten, wenn er ihn bewegte. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Vorbeugend zerrte er den Gürtel aus der Hose des Fremden und schnürte das Bein ab. Der Hänfling wog nicht viel, trotzdem bereitet es Louis Mühe, den schlaffen Körper auf die Rückbank zu bugsieren.

„Mist“, stieß er hervor, als er im Lichtkegel an sich hinunterschaute. Überall Dreck und Blut. Gerade hatte er sich noch Sorgen wegen der Jungs und den hellen Sitzen gemacht. Er saß schon im Auto, als sein Blick auf den Koffer fiel. Erst wollte er ihn einfach liegen lassen, doch dann besann er sich eines Besseren. Vielleicht hatte das alles tatsächlich etwas mit dem geheimnisvollen Inhalt zu tun. Plötzlich war er sich dessen sicher und holte das Teil. Ungläubig schaute er auf die Zeitanzeige in der Armatur. Nur wenige Minuten waren vergangen, zehn oder fünfzehn vielleicht, sie kamen ihm wie Stunden vor. Er gab richtig Gas. Bald bog er auf die B 213.

*

Gleich darauf tauchten die ersten Rettungsfahrzeuge auf. Louis fuhr rechts ran und hielt. Hinter ihm stöhnte es. Dr. Hansen war wohl vom Geheul der Martinshörner erwacht. Stöhnend ließ er sich gleich wieder zurücksinken.

„Ich hab sie zu spät bemerkt, sonst hätte ich einen angehalten“, entschuldigte sich Louis. „Tut mir leid für den Pfusch, ich konnte Ihr Bein nur abbinden.“

„Sind Sie Arzt? Was für ein glücklicher Zufall!“

„Nein, ich kenne mich nur etwas in Erster Hilfe aus.“ Er spielte kurz mit dem Gedanken, zu wenden und Hansen den Rettungskräften zu übergeben. Aber die Klinik Nordhorn lag keine zwei Kilometer von seinem Standort, direkt an seiner Straße. „Keine Bange, wir sind gleich da.“ Er fuhr wieder los.

„Nein, kein Arzt“, erregte sich Dr. Hansen schon wieder.

Louis spürte, wie kalte Wut in ihm hochkochte. Er trat noch mehr aufs Gaspedal. Der Motor dröhnte auf, Louis wurde in den Sitz gepresst.

Es stöhnte hinter ihm. „Halten Sie an, bitte.“

Louis bremste ziemlich ruppig ab. Für einen Augenblick war er nicht wenig geneigt, den unmöglichen Kerl am Straßenrand zurückzulassen.

„Könnten Sie… Oh, wie unhöflich von mir. Gestatten, Volker Hansen, Dr. Hansen.“ Er schien vergessen zu haben, dass er sich bereits vorgestellt hatte.

Derselbe Name wie vor der Ohnmacht, scheint zu stimmen, und seine verrückten Ansichten über den Absturz schien er immer noch zu haben. An der irren Geschichte des Fremden konnte doch etwas dran sein.

Hansen berührte ihn am Arm, Louis zuckte unwillkürlich weg. „Ich muss Sie bitten, zum Flughafen zurückzufahren. Bitte! Ich bezahle Ihnen alles. In Klausheide werde ich erwartet.“

„Da wird es von Polizisten nur so wimmeln“, gab Louis gereizt zurück. „Aber wie Sie wollen!“ Er wendete. So oder so würde er bald die Sorge um den Verrückten loswerden.

„Sie wird im Restaurant warten. Ich kann ja nicht aussteigen. Könnten Sie in die Gaststätte gehen …“

„Wer wartet denn auf Sie?“ Louis´ Neugier war geweckt.

„Oh ja, natürlich, Frau Morgenstern, Sarah Morgenstern, eine alte Freundin von mir.“

Alte Freundin klang unverfänglich. Der Gedanke beruhigte ihn etwas. Schweigend fuhr Louis die Straße entlang. Er sah Blaulicht im Rückspiegel. Lang genug hatte es ja gedauert. Ein Konvoi Feuerwehrfahrzeuge, er ließ sie passieren. Sie jagten an der Zufahrt zum Flugfeld vorbei und bogen in die Straße, die zur Brücke über den Ems-Vechte Kanal führte. Hansen schwieg, nur schien er wegen des Blaulichtes noch tiefer in den Sitz gerutscht zu sein.

Auf dem Parkplatz am Eingang des Flughafens standen weder Feuerwehr noch Polizei. Weit hinter dem Flugfeld flackerte das Blaulicht im Wald. Der Parkplatz war fast verwaist, nur wenige PKW standen unmittelbar vor einer kleinen Gaststätte. Er hielt daneben und drehte sich zu Hansen um. „Woran erkenn ich denn die Morgenstern …?“ Aber Hansen rührte sich nicht mehr. Louis starrte in offene, tote Augen.

*

Er blieb einfach sitzen. Für einen Augenblick schien jemand seine Festplatte im Kopf gelöscht zu haben.

Verzögert setzte das Denken wieder ein. Der Anschlag. Der Tote im Auto. Dessen Angst vor der Polizei. Und wenn nun doch Kokain oder Waffen im Spiel waren? Der Koffer lag auf dem Beifahrersitz. Zahlenschlösser, das Mistding ließ sich nicht öffnen. „So eine Scheiße!“, zischte er. „Warte, warte, was hatte Hansen gesagt … Schauen Sie in den Koffer. 666!“

6-6-6, er stellte die Zahlen ein und feixte grimmig, „Teufel auch.“ Die Schlösser schnappten auf. Louis durchwühlte hastig den Inhalt. Aber Hansen schien nicht gelogen zu haben, nur Papiere. Er überflog ein paar Zeilen, das Wort Golfstrom fiel ihm auf. Es ging wohl tatsächlich um Geologenzeugs.

Das brachte ihn auch nicht weiter. Halb enttäuscht, halb erleichtert, klappte Louis den Koffer wieder zu. Er dachte an die panische Angst Hansens, stärker als jeder Schmerz. Louis dämmerte, dass er einen schweren Fehler begangen hatte. Egal, woher Hansens Angst rühren mochte, er steckte nun mitten drin in dem Schlamassel. Vor allem und jedem hatte Hansen panische Angst gehabt, sogar vor den Ärzten. Nein, nicht vor allen, die alte Freundin, Sarah Morgenstern. Sie wusste bestimmt, was es mit dem Toten und dem ominösen Koffer auf sich hatte. Hoffentlich gehörte eins der parkenden Autos ihr.

Louis fuhr ans Ende des Parkplatzes und stellte seinen Wagen mit der brisanten Fracht soweit vom Licht weg, wie es ging. Er stieg aus und hastete zur Gaststätte. Es sah ziemlich verlassen aus, nur am Tresen brannte Licht. Louis erkannte durch die Scheibe eine Frau, die sich mit der Bedienung zu unterhalten schien. Er wollte gerade die paar Stufen zur Tür hinaufsteigen, als sich die Frau zum Gehen wandte.

Umso besser! Louis wartete.

Alte Freundin! Von wegen, schoss ihm durch den Kopf, als sie heraustrat. Gut dreißig vielleicht, sportliche Figur, hübsch, sehr hübsch sogar. Ihr Haar trug sie seitlich zu einem groben Zopf gebändigt. In der Nacht mochte Louis nicht entscheiden, welche Farbe es hatte. Dunkel auf jeden Fall. Jeans, taillierter Blaser, vermutlich gedecktes Grau oder Hellblau, so genau ließ sich das im schlechten Licht nicht sagen, mäßig hohe Schuhe, auf jeden Fall keine Sportslippers, ihr Dress passte in jedes gehobene Büro.

„Frau Morgenstern?“

Unschlüssig blieb die Frau stehen. Sie warf einen hastigen Blick zurück zur Tür.

„Sarah Morgenstern?“ Diesmal wurde er etwas lauter.

„Ja?“ Sie legte ihre Hand auf die Türklinke.

„Gut, dass ich Sie antreffe. Ich komme von Dr. Hansen.“

„Aber das ist doch unmöglich! Er saß in dem Flugzeug … Wer sind Sie überhaupt?“

„Sie haben recht, Dr. Hansen saß in dem Flugzeug.“

„Aber das ist in den Wald gestürzt … Mein Gott, sollten die Passagiere überlebt haben? Wo ist Volker? Im Krankenhaus? Wie geht es ihm, kann ich ihn sprechen?“

Louis bracht es nicht fertig, ihr die Wahrheit zu sagen. „Bitte, Frau Morgenstern, kommen Sie mit, ich habe ihn verletzt aufgefunden, er ist bei mir im Auto.“

Plötzlich ließ die Frau jede Vorsicht außer Acht und kam eilig die Treppe herunter. „Wo gefunden? Die Hilfskräfte sind doch eben erst angekommen. Haben sie den Absturz gesehen?“ Erst in der Mitte des Parkplatzes hielt sie an und schaute sich suchend um. „Ist es der da?“ Sie wies auf Louis´ Auto.

„Ja.“ Louis glaubte nicht, dass sie ihm in die dunkle Ecke folgen würde. Aber er täuschte sich.

Die getönten Scheiben ließen nichts vom Innenraum erkennen.

„Erschrecken sie nicht“, er öffnete die Tür. Die Frau wich zwei Schritte zurück. „Volker. Ach Volker.“ Mehr brachte sie nicht heraus. Unendlich langsam wich sie zurück, wahrscheinlich merkte sie es nicht einmal.

Kein Wunder, der Tote sah zum Fürchten aus. Unnatürlich gekrümmt und halb von der Rückbank gerutscht, das abgeknickte Bein, vor allem aber das blutleere, erstarrte Gesicht. Am schlimmsten waren die toten Augen, halb verdreht und offen.

„Warten sie doch!“, Louis wurde hektisch, weil sie sich immer weiter entfernte. Sie durfte ihn nicht mit dem Toten zurücklassen. „Ich bin zufällig unweit der Stelle vorbeigefahren, wo das Flugzeug abgestürzt ist. Hansen lag da und lebte noch. Er hat mir Ihren Namen genannt.“

„Sie hätten den Notarzt rufen müssen!“

Nie hätte Louis gedacht, dass sich Kreischen flüstern ließ.

Sie wich langsam noch weiter zurück und zog ihr Handy aus der Tasche.

„Nicht, Frau Morgenstern!“ Er bekam Panik, sprang vor und packte ihr Handgelenk. „Er hat mich beschworen, ja angefleht, keine Polizei zu holen.“

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden. „Ich schreie, wenn Sie mich nicht sofort loslassen.“

Louis ließ ihren Arm fahren. „Sie können ja gleich anrufen. Hören Sie doch erst einmal zu. Ich war mit ihm schon kurz vor dem Krankenhaus in Nordhorn. Aber er wollte unbedingt zu Ihnen. Nur deswegen habe ich Hansen nicht zum Arzt gebracht. Sie müssen mir glauben, dass mich keine Schuld an seinem Tod trifft. Sie müssen mir helfen und aussagen, dass er wirklich in dem Flugzeug war. Sie müssen mit mir zur Polizei kommen.“ Erwartungsvoll blickte Louis in ihre Augen. Was für Augen, was für ein Gesicht!

„Nein!“ Die Antwort war nur geflüstert, ließ aber keinen Zweifel zu. „Nein“, wiederholte sie, lauter nun, „ich lass mich da nicht hineinziehen!“ Sie drehte sich um und rannte über den Platz.

Louis stand da, wie vom Donner gerührt. Kalte Wut stieg in ihm hoch. „Bleib stehen!“ Mehr zu schreien wagte er nicht. Aber sie lief nur noch schneller. Da sprang er ins Auto und gab Gas. Sie brachte sich neben ihrem Golf in Sicherheit. Mit quietschenden Bremsen hielt er direkt hinter ihrem Wagen und blockierte den Weg.

Die Frau war derart aufgeregt, sie bekam nicht einmal die Tür auf. Dann fiel ihr sogar der Schlüssel hinunter.

Sie durfte nicht abhauen! Er sprang aus dem Wagen und bückte sich nach dem Schlüssel.

„Ich schrei um Hilfe“, rief sie, „lassen Sie mich!“

Plötzlich wurde Louis das Unmögliche der Situation bewusst und er wich zwei Schritte zurück. „Entschuldigen Sie das Du von eben, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“

Die unpassende Höflichkeitsfloskel brachte sie wohl derart aus dem Konzept, dass sie zu schreien vergaß.

„Übrigens, wenn Sie schreien wollen, tun Sie das ruhig.“ Er lächelte unbeholfen, „umso schneller ist die Polizei hier. Ich hätte sie ja selbst gerufen, hab aber kein Handy dabei. Dann können Sie denen gleich erklären, weshalb Sie sich mit Hansen treffen wollten.“

Etwas Gehetztes kam in ihren Blick, er hatte ins Schwarze getroffen.

Der Barkeeper, offenbar vom Lärm angelockt, kam heraus. Sie ob die Hand und winkte abwehrend. „Alles in Ordnung. Und Dankeschön. Es ist nur mein Mann, der ist wieder mal eifersüchtig.“

Eine blödere Ausrede war ihr wohl nicht eingefallen. Louis taxierte ihre Figur. Meine Frau, der Gedanke hatte etwas.

„Entschuldigung“, flüsterte sie und riss ihn aus seinem Kopfkino, „für einen Augenblick habe ich Panik bekommen. Sie müssen verstehen, der schreckliche Tote, nachts allein mit Ihnen auf dem Parkplatz, ich kenne Sie nicht … Dr. Hansen wollte mich hier treffen, ich bin Reporterin bei der Münsterschen Zeitung. Volker ist einem brisanten Geheimnis auf die Spur gekommen. Zumindest hat er das am Telefon gesagt. Und er hat mich gewarnt.“

„Brisante Unterlagen, davon hat er gesprochen.“

„Unterlagen?“

„Er hat einen Aktenkoffer dabei.“ Louis öffnete die Beifahrertür und wies auf den Koffer.

„Hat er gesagt, um was es geht?“

„Geologenzeugs. Ich hab es gesehen. Aber es scheint gereicht zu haben, dass sie ihn dafür umgebracht haben.“

„Umgebracht?“ Die Frau wurde noch um einige Grade bleicher. Fast wie der Tote sah sie aus. „Ich versteh nicht.“

„Das Flugzeug, der Absturz, Hansen meinte, dass es ein Anschlag war.“

„Ein Anschlag?“

„Mit flüssigem Stickstoff. Zumindest meinte das Hansen.“

„Stickstoff? Und so etwas geht?“

Louis hob skeptisch die Schultern. „Na ja, bei sehr niedrigen Temperaturen wird Metall spröde wie Glas.“

„Glauben Sie, dass es so gewesen sein könnte?“

Er zuckte wieder mit den Schultern. „Der Flügel war an der Unglücksstelle nirgends zu sehen, der muss vorher abgebrochen sein.“

„Er hat mich eindringlich gewarnt“, sagte sie mit kaum vernehmbarer Stimme, „jetzt versteh ich.“ Ihr Blick wanderte zum Koffer. „Dass sie deswegen Menschen umbringen …“

„Jedenfalls hatte der Tote Heidenangst und sich daran geklammert. Als ich ihn gefunden hab, war der Koffer an sein Handgelenk gekettet, er muss ihm also unheimlich wichtig gewesen sein.“

„Wer auch immer dafür verantwortlich ist, weiß womöglich, dass Volker sich hier mit mir treffen wollte.“ Sie stützte sich mit der Hand auf dem Auto ab. „Ich sollte darauf achten, dass mir ja niemand folgt, das hat mir Volker mehrmals eingetrichtert.“ Sie verstummte mit aufgerissenen Augen und machte einige hastige Atemzüge. „Ich bitte Sie inständig, warten Sie noch mit der Polizei.“

Ach, auf einmal, dachte Louis. Aber dann tat sie ihm leid.

„Vielleicht ist es für uns beide besser zu wissen, was es mit diesen Unterlagen auf sich hat“, versuchte sie, ihn ins Boot zu holen. „Wir sollten uns beide fürchten.“

Sie hatte recht. „Am besten, wir verschwinden erst einmal von hier“, schlug er vor.

„Oh ja, schnell weg.“ Sie nickte eifrig. „Wohnen Sie in der Nähe? Können wir überhaupt zu Ihnen nach Hause?“

„Fahren Sie mir nach.“ Erst an der Fahrertür merkte er, dass ihr Schlüssel noch in seiner Hand war. „Ihr Schlüssel!“

Sie fing ihn geschickt auf.

„Ach ja“, wandte er sich noch einmal zu ihr, „schalten Sie Ihr Smartphone aus, es kann geortet werden.“

Sie schaute ihn skeptisch an.

„Ganz aus“, meinte er noch einmal nachdrücklich, „sonst können wir uns gleich der Polizei stellen.“ Dr. Hansen fiel ihm ein, bestimmt hatte der auch so ein Ding. Er öffnete den Fond und begann die Taschen des Toten zu durchsuchen. Er fand ein iPad in der Jacke. Es war abgeschaltet. Sicher vom Flug. Er steckte es wieder zurück.

Die Morgenstern stand immer noch unentschlossen da.

„Sie müssen mir schon vertrauen“, versuchte Louis ruhig zu bleiben, obwohl er langsam nervös wurde. „Wir sind aufeinander angewiesen, ich habe die Leiche im Auto und Sie die Verfolger Hansens auf den Fersen.“

Endlich nickte sie und drückte auf den Knopf, bis ihr Handy aus war.

„Ich bin übrigens Louis, Louis Hebron“, rief er im Einsteigen und knallte die Tür zu.

*

Sarah war nicht wohl bei dem Gedanken, doch sie folgte seinem Auto. In Lohne ging es auf den Friesenstich, Richtung Oberhausen. Vorläufig war es für sie kein Umweg, ein Stück musste sie sowieso die A31 nehmen, da sie nach Münster wollte. Woher der Kerl da vorn stammen mochte? Sie wusste nichts von ihm. Nur ST für Steinfurt auf dem Kennzeichen. Und dass er Louis hieß, falls es stimmte. Den Nachnamen hatte sie nicht mehr verstanden. Kein üblicher Vorname für die Gegend. Auf jeden Fall hörte sich das nicht nach Bauernhof an. Verrückterweise erleichterte sie der Gedanke, sie hatte nicht viel übrig für den Furchenadel, zu provinziell für ihren Geschmack, sie war ein Stadtmensch mit Leib und Seele. Plötzlich kam sie sich ertappt vor. Nur wobei, war ihr nicht klar.

An der Abfahrt Ochtrup verließen sie die A 31. Aber er folgte nicht dem Wegweiser zum Ort, sondern fuhr in eine Nebenstraße. Bundeswehrdepot, las sie auf einem Schild. Sie bogen noch einige Male ab. Die Straßen wurden immer schmaler. Hier find ich nie wieder heraus, dachte sie. Zum Glück gibt’s Technik.Ihr Blick strich zur Ablage, in der das Samsung lag. Das tote Display machte sie nervös. Dass der Wagen vor ihr auf eine buschgesäumte Schotterpiste bog, trug auch nicht gerade zur Beruhigung bei. Für einen Moment war sie versucht zu wenden. Aber dann verriegelte sie nur die Türen. Gleich darauf hielt er. Ein großes Bauernanwesen zeichnete sich im Scheinwerferlicht ab. Wasser glitzerte, es zog sich seitlich um das Gebäude. Ein typisch Münsterländer Gräftenhof. Die Brücke über den Wassergraben mündete in das schwarze Loch eines offenen Torhauses.

Er stieg aus und kam heran. Sie ließ die Scheibe herunter, aber nur ein Stück.

Sein Blick wanderte vom schmalen Scheibenspalt zu ihren Augen. „Versteh schon, Sie haben Angst. Das ist in Ordnung. Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen mein angeschaltetes Handy hole? Von mir wissen die ja noch nichts, wer auch immer hinter Ihnen her sein mag.“

„Danke, das ist gut“, brachte sie heraus. Sie fühlte sich ertappt und zugleich erleichtert.

„Warten Sie hier, ist sowieso besser, und steigen Sie ja nicht aus. Sie werden schon sehen.“ Er ließ das Auto mit dem toten Hansen stehen und lief über die Brücke. Die Dunkelheit der Durchfahrt verschluckte ihn.

Sarah verstand überhaupt nichts mehr, vor allem nicht, was sie gleich sehen sollte. Nervös schaute sie sich um. Der Platz vor der Brücke war breit und befestigt. Sie setzte zurück. Für alle Fälle, um abhauen zu können.

Die Wartezeit zog sich. Mit der kühlen Nachtluft wehte Furcht herein. Da fiel ihr etwas ein. Hastig kramte sie in der Handtasche. Sie fand die alte Pfefferspraykartusche und schüttelte sie heftig, es klang noch ziemlich voll. Ob das Zeug noch gut war? Sarah öffnete die Tür einen Spalt und probierte. Es zischte kurz. Der scharfe Geruch stieg herein. Sogar diese winzige Menge löste ein Kribbeln in ihren Augen aus. Sie zog ein Tempo hervor und hielt es sich verärgert vor die Nase.Ängstliche Ziege. Sie steckte das Spray in die Tasche ihres Blazers. Gleich werden mir eine stramme Landfrau und ein halbes Dutzend Blagen entgegenkommen, allesamt in Gummistiefel.

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte eine Taschenlampe in der Durchfahrt auf. Etwas Großes wurde vom Lichtkegel gestreift. Ein Pony, vielleicht ein Schaf, auf jeden Fall ein Tier.

„Bleiben Sie ja im Auto“, hörte sie Louis rufen.

Lautlos wie ein Schatten kam das Tier herausgelaufen. Es war ein Hund. Sarah hatte noch nie so ein Riesenvieh gesehen. Kein Hund, dachte sie, das ist ein Monstrum. Dann war es heran. Die Nase erschien am Spalt der Scheibe. Das halbe Ross musste sich noch nicht einmal großartig hochrecken. Deutlich hörbar wurde die Luft eingesogen. Unwillkürlich wich Sarah zurück, von dem fast unwiderstehlichen Verlangen erfüllt, das Reizgas hervorzukramen.

„Keine Angst, der…“

„Will nur spielen!“, fiel sie ihm ins Wort und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Hoffentlich hatte er es nicht gesehen.

Louis war heran und hielt das Monstrum am Halsband fest. „Spielen? Na sicher doch.“ Er ließ das Viech wieder etwas näher an die Scheibe.

„Schon klar. Aber bitte nicht mit meinem Bein zwischen den Reißzähnen.“

„Quatsch“, er lachte kurz auf, „kennenlernen. Bambam will sie nur kennenlernen.“

„Wie heißt der?“ Sarah glaubte, sich verhört zu haben.

„Bambam. Eigentlich Etzel. Aber so ein Hirtenhund wirkt respektabel genug, da braucht er nicht noch den Namen eines Blutsäufers.“

Unschlüssig schaute Sarah abwechselnd von einem zum anderen. Das Tier glotzte fast in gleicher Höhe zurück. Im Grunde sah er ganz knuffig aus mit seinem hellen Fell, wie ein Polarwolf. Sie liebte Wölfe, über ihrem Bett hing eine große Fototapete mit Wolfsmotiv.

„Sie können ruhig aussteigen, ich halt ihn fest. Lassen Sie ihn einfach ein paar Sekunden schnüffeln, dann ist es gut.“

Ich bin doch nicht lebensmüde, dachte sie. Mit einem prüfenden Blick versuchte sie abzuschätzen, ob der Mann den Hund halten konnte. Louis hatte nichts Athletisches, normale Größe, stämmig, solider Nacken, großer Kopf. Es war mehr ein Gefühl, als die Wirkung seines Aussehens, aber Sarah erahnte die verhaltene Kraft in diesem Mann. Und auch, dass sie ihm nichts entgegensetzen konnte, sollte er sich als böswillig erweisen. Aber sein Blick war offen und sein rundes Gesicht wirkte vertrauenerweckend. Wohl oder übel musste sie diesem Louis folgen und mit ihm reden, um das Geheimnis um Volkers Tod zu lüften. „Können Sie Bambam nicht wegsperren?“

Sofort verschwand das warme Lächeln aus seinen Augenwinkeln und machte ernster Sorge Platz. „Wer weiß, wofür es gut ist, wenn er Sie kennt und zur Not beschützen kann.“ Er wich ein Stück zurück und machte Platz vor der Fahrertür. „Der Hund muss frei herumlaufen.“

Seine Worte jagten ihr einen Schauder über den Rücken. Louis schien damit zu rechnen, dass sie bis hierher verfolgt werden könnten. Wahrscheinlich hatte er recht. Sie nickte und entriegelte die Autotür. Sarah war nicht feige und im Grunde mochte sie Hunde. Vielleicht nicht gerade solche Riesenviecher. Halb entschlossen drückte sie die Tür auf und stieg aus.

„Bleiben Sie einfach ruhig stehen und nicht anfassen.“ Louis führte den Hund näher. „Alles gut, Bambam“, redete er auf ihn ein, „sie ist lieb.“

Der Hund stupste sie genau in den Schritt. Das war ja so klar, dachte Sarah und erstarrte. Bambam schnüffelte ungeniert an ihrer heikelsten Stelle. Nur gut, dass es dunkel war, sie spürte das Blut in ihre Wangen schießen. Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie wieder eingestiegen.

„Bambam, also weißt du!“, schimpfte er auch noch zu allem Überfluss mit dem Hund.

Auf die schlichte Idee, den unmöglichen Köter wegzuziehen, kam er wohl nicht. Sie konnte sein inneres Grinsen förmlich wittern, am liebsten hätte sie ihm eine gescheuert, beiden. Aber ihre Hand war ihr lieber.

„Halten Sie einfach die Handflächen hin.“

Sarah war froh, etwas vor die Hundenase schieben zu können. Dann war es überstanden.

„Rein mit dir.“ Er ließ Bambam los.

Tatsächlich trollte sich das Monster und verschwand in der Durchfahrt.

„Hier, mein altes Handy.“ Er reichte es ihr.

Mist! Ein Blackberry, hoffentlich kam sie damit klar. Trotzdem fühlte sie sich wohler.

„Fahren Sie Ihr Auto nach mir in den Hof“, schlug er vor und stieg in seinen Wagen. „Am besten rechts um die Ecke, wenn Sie das Torhaus passiert haben, da steht er nicht im Weg.“

Alles in ihr widerstrebte dem Gedanken, ihm in den dunklen Rachen zu folgen. Aber er hatte recht, es war besser, sie verschwand erst einmal von der Bildfläche. Also fuhr sie ihm nach.

Wenn es einen Ort auf der Welt gab, bestens geeignet sich zu verbergen, dann vermutlich hier. Der Wassergraben, das dunkle Torhaus, ein geschlossenes Quadrat von Gebäuden, der Hund, sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, in eine Burg zu kommen. Als sie das Licht ausschaltete, sah sie fast nichts mehr. Es war eine bewölkte, mondlose Nacht, dazu stand in der Mitte noch ein riesiger Baum und machte die Dunkelheit vollkommen. Hinter ihr quietsche das Tor und vertiefte die Empfindung, an einem verwunschenen Ort gelandet zu sein.

Gleich darauf wurde es hell. Eine dreiarmige altmodische Straßenlaterne leuchtete auf. Sie stand neben dem Baum und spendete genug Licht, dass auch die Wände ringsum noch etwas abbekamen. Das Monster war seinem Herrn in das Torhaus gefolgt. Sarah traute sich auszusteigen. Dunkle Klinker, Fachwerkbalken, typisch Münsterland. Alles super in Schuss, musste sie anerkennend feststellen, soweit sie das in der Nacht erkennen konnte.

„Willkommen auf dem Walahof in der Brechte.“

Walahof, sie hatte das unbestimmte Gefühl, diesen Namen schon gehört zu haben, wusste aber nicht, wo sie ihn hinstecken sollte. „Schön haben sie es hier“, holperte sie eine Antwort zurecht. „Schön einsam.“

Angesichts der Bedrohung hörte sich das sehr beruhigend an, doch es bedeutete auch, dass niemand sie je wiederfinden würde, wenn sie hier verschwand. Sie steckte die Hand in die Tasche des Blazers und fummelte nach dem Druckknopf des Reizgases.

Er nahm wortlos den Koffer des Toten aus seinem Wagen und winkte sie mit einer Kopfbewegung Richtung Haustür.

„Walahof, sie heißen Wala? Ich hab vorhin ihren Namen nicht verstanden.“

„Hebron, Louis Hebron. Nur das Anwesen wird Walahof genannt. Der Name ist älter, als die ehemaligen Besitzer.“ Louis zückte den Schlüssel zum Haus und öffnete. „Hereinspaziert, wenn´s kein Schneider ist“, sagte er ziemlich laut und schaltete das Licht an. Es machte nicht den Eindruck, als ob jemand im Hause wäre.

Bambam wollte sich vorbeischieben. „So nicht, junger Mann“, Louis hielt ihn zurück. „Du bleibst im Hof und schiebst Wache.“ Der Hund verzog sich.

An allen Wänden des großen Treppenhauses hingen Geweihe. „Heißt der Bambam, weil er all diese Bambis gefressen hat?“, überspielte Sarah ihr Unbehagen.

Er nahm ihr den Blazer ab und hängte ihn an eine dieser unmöglichen Trophäen. „Die gehörten zum Inventar, als ich den Hof gekauft habe.“

„So etwas muss ihnen wohl gefallen, sonst würden sie nicht mehr da hängen.“ Sarah mochte weder Jäger noch Waffennarren, und derartige Trophäen ließen sie nur an die abgeschlachteten Kreaturen denken. „Geben Sie es zu, ein paar davon haben Sie selbst abgeknallt.“

„Die Schrumpfköpfe und Skalps habe ich in einer Vitrine.“ Er klang ziemlich spitz. Es gefiel ihm offensichtlich nicht, wie sie darüber dachte, aber das konnte er ruhig wissen.

Er zog den Flügel einer Schiebetür heftig auf und trat hastig hindurch. Sie knallte an den Anschlag in der Wand und lief wieder ein Stück zurück. Beinahe wäre Sarah dagegen gestoßen, als sie ihm folgen wollte. Als das Licht anging, konnte sie seinen abweisenden Blick erkennen.

Er wies auf einen riesigen, abgesteppten Ledersessel. „Nehmen Sie doch Platz.“ Es war höflich, klang aber mürrisch.

Sarah fröstelte. Aber ihr war nicht klar, ob es an der Kühle im Raum lag, oder an der eisigen Stille, die in der Luft hing. Vielleicht dachte er ganz ähnlich über die Jagd wie sie und fühlte sich zu Unrecht angegriffen. Sie kam sich ziemlich mies vor und blieb unschlüssig stehen. „Tut mir leid, ich habe nun mal Mitleid mit den Tieren des Waldes.“

„Nun setzen Sie sich schon“, es klang etwas freundlicher. „Die Nächte im Mai sind noch kalt, ich kümmere mich um das Feuer.“ Er ging kurz hinaus und kam mit einem Stück Grillanzünder und einigen Spänen zurück. Bald knisterte es hinter der großen Glasscheibe des Kaminofens. Er setzte sich ihr gegenüber an die andere Seite des Couchtisches. Auf dem schwarzen Holz lag der helle Alukoffer. Es schien etwas Bedrohliches von ihm auszugehen. Sie zögerten beide. Louis sprang unerwartet auf. „Wasser? Oder ein Glas Wein vielleicht?“

Sie hatte am Flughafen etwas getrunken und kaum Durst. Aber Hunger. „Etwas trinken, na gut, doch könnten wir etwas zu essen bestellen? Eine Pizza vielleicht. Ich habe einen Mordshunger, bin seit heute Vormittag nicht dazu gekommen.“

Er schaute sie sprachlos an.

Eine selbstbewusste Frau passt wohl nicht zu den Gepflogenheiten eines Landeis, dachte sie und schämte sich sofort wieder ihrer schäbigen Aufwallungen. Warum denke ich nur so garstig von ihm? So kenn ich mich gar nicht. Etwas an diesem Kerl reizte sie. Dabei hatte er sich bis jetzt ganz passabel benommen. Bis auf die Szene mit dem Hund.

„Bevor hier eine Pizza ankommt, sind wir verhungert“ sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Wenn um diese Zeit überhaupt noch eine zu bekommen ist. Ein paar belegte Brote vielleicht? Mögen Sie Schinken?“

Sarah zögerte keine Sekunde. Dazu war sie auch viel zu geradlinig. „Gern. Darf ich Ihnen helfen?“

„Bleiben Sie lieber beim Kaminfeuer, in der Küche ist es kalt. Es ist ja niemand im Hause.“

Schön einsam, so hatte er das also gemeint. Sarah wunderte sich, dass dieser Umstand kaum noch Besorgnis auslöste. Sie trat an die Regalwand. Die Schränke machten nur auf den ersten Blick einen schlichten Eindruck. Nussbaum, alles massiv, garantiert Maßeinbau vom Tischler. Etliche Reihen DVDs und Blue-Rays sprangen ihr ins Auge. Umso weniger Bücher. Sie überflog die wenigen Buchrücken, Meyers Neues Lexikon und ein paar goldverbrämte Prachtbände aus dem Antiquariat. Ein paar Nachschlagewerke Marke DDR ließen es Klick bei ihr machen, ihr wurde sein leichter Dialekt bewusst, vielleicht Dresden. Hebron war womöglich ein Name aus Sachsen. Keines der Bücher machte den Eindruck, je zur Hand genommen zu werden.

Sie hörte das Klappen der Tür und fühlte sich ertappt. Aber dann wurde ihr klar, dass er wahrscheinlich noch stolz war, weil sie vor seinen Protzfolianten stand. Der kräftige Duft nach Schinken und Käse wehte herüber und drängte alles andere in den Hintergrund. Ihr Magen schlug sofort Purzelbäume.

„Den Schinken hab ich selbst geschossen“, gab er ihr die Spitze mit den Trophäen zurück.

Sarah fühlte sich angegriffen und überlegte einen Moment, ob sie ablehnen sollte. Aber die Brote sahen zu appetitlich aus, sogar mit ein paar Scheibchen Gurke garniert. Sie machte sich nichts daraus, zwischen zwei Happen zu reden. „Der Käse ist lecker, sehr würzig, den kenne ich gar nicht.“

„Ist ein Münsterländer, fragen Sie mich nicht, wie der genau heißt“, er entkorkte eine Flasche Rosé und goss ein. „Die Bäuerin im Bentlager Biohofladen weiß schon, welchen ich immer nehme.“

Mit gelindem Bedauern sah sie, dass er sich eines der Brote nahm. Zum Glück ließ er es dabei bewenden und schob ihr den Teller näher. Scheinbar aß er nur aus Höflichkeit etwas mit. Ihre Gedanken richteten sich wieder auf den Koffer.

„Was haben Sie denn da gemacht, nachts im Wald?“ Sie schaute ihm forschend in die Augen. Soviel Menschenkenntnis traute sie sich zu, eine Lüge sofort zu erkennen.

„Ich kam vom Übungsplatz der Luftwaffe“, sagte er, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

„Sie sind vom Militär?“ Sarah wurde misstrauisch.

Aber er schüttelte heftig den Kopf. „I wo, ich hab meinen Sohn hingebracht. Der feiert heut seinen Ausstand nach acht Jahren Bund.“

Ein Sohn von knapp dreißig, überschlug sie im Stillen sein Alter und wunderte sich, wie fünfzig sah er nicht aus.

„Blanker Zufall, dass ich den Absturz gesehen habe. Na ja, und wie Sie schon bemerkt haben dürften, mein Handy lag hier zu Hause. Also bin ich zur Unglücksstelle gefahren. Die anderen drei waren tot. Hansen hatte es wohl samt Sitz aus der Maschine geschleudert, das muss ihm das Leben gerettet haben. Den Rest wissen Sie.“

„Das mit dem Stickstoff will mir nicht in den Kopf. Gehen wir davon aus, dass es sich tatsächlich um einen Anschlag handelte, warum haben die Volker nicht einfach gefangen oder umgebracht?“

„Wahrscheinlich sollte es wie ein Unfall aussehen. Stickstoff hinterlässt keine Spuren.“

„So ein Absturz wird doch untersucht, die werden herausbekommen, warum das Metall gebrochen ist.“

Louis zog skeptisch die Stirne kraus. „Das wird sich nicht sehr von Materialermüdung unterscheiden. Doch selbst wenn, Gas hat trotzdem einen unschätzbaren Vorteil …“

„Es ist weg.“ Sarah verstand sofort, worauf er hinauswollte. „Wie eine Gewehrkugel aus Eis.“ Sie wusste nicht mehr, wo sie das gelesen hatte. „Die schmilzt und niemand kann sie einer Waffe zuordnen.“ Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als ihr bewusst wurde, was das bedeutete. „Da sind Spezialisten am Werk gewesen.“ Sarah schob den Teller mit dem Anstandsbrot entschlossen von sich. „Wir müssen unbedingt wissen, was Volker entdeckt hat.“

Äußerst behutsam drehte er den Koffer mit den Schlössern zu sich, geradezu so, als ob jeden Moment eine Bombe hochgehen könnte. „Das ist doch albern“, sagte er leise, entriegelte und klappte den Deckel entschlossen hoch. „Wie gesagt, ich habe im Auto hineingesehen, es sind nur Papiere drin.“

Sarah kam es widersinnig vor, dass Dr. Hansen den Koffer mit einer Kette befestigt, aber das Zahlenschloss nicht gesichert haben sollte. „Der Koffer ließ sich öffnen?“

„Nicht ohne Geheimzahl, er hat mir den Code genannt. Ich war misstrauisch, weil er auf keinen Fall zur Polizei wollte. Ich dachte, da ist Rauschgift drin, oder Waffen.“

Aber so leicht ließen sich ihre Zweifel nicht aus dem Weg räumen. „Was ist es denn für eine Zahl?“

Scheinbar war er etwas genervt, klappte zu, verstellte die Kombination und schob ihr den Koffer hin. „Da, probieren Sie es selber, sonst glauben sie mir sowieso nicht, dass die Schlösser funktionieren.“

Ungerührt betätigte sie die Schnapper, nichts tat sich. Sie wollte ihm zeigen, dass auch dies noch längst kein Beweis war, womöglich hatte Louis im Ausweis nachgesehen und einfach Hansens Geburtstag probiert. 17. Juni, Volkers Datum ließ sich leicht merken. Dann variierte sie mit dem Jahr. Nichts davon klappte. Sie war froh darüber, es war ein Indiz für seine Aufrichtigkeit. „Wie ist denn nun die Zahl?“

„Hab ich vergessen. Soll ich die Flex holen?“ Aber es klang ein wenig zu hämisch, als dass sie ihm geglaubt hätte.

„Kommen Sie schon, ich habe genug Vertrauen bewiesen, schließlich sind wir beide hier allein.“ Sie streckte ihm die Hand über den Tisch. „Frieden?“

Er hielt ihre Hand ein klein wenig zu lang. „Frieden!“ Dann blitzten seine Augen schelmisch auf. „Zum Teufel.“ Er lachte. „Die Zahl ist 666.“

„So viel Mutterwitz hätte ich Volker gar nicht zugetraut.“ Sie machten sich beide über den Inhalt her, nur Papiere, ein paar Computerausdrucke über Meeresforschung und ähnliche Sachen. Ganz unten lag ein gebundener Text von Dr. Hansen. Der Golfstrom unter klimatisch wechselnden Bedingungen. Die Studie war leicht verständlich und übersichtlich gearbeitet. Es ging um Meeresströmungen und gewaltige Unterschiede an transportierten Energiemengen im Wechsel von Warm- und Eiszeit. Der Golfstrom war demnach stark genug, auch in Phasen der Erdabkühlung große Teile der norwegischen Küste lange Zeit eisfrei zu halten. Gleichzeitig sorgte er durch steigende Verdunstung für Niederschlag und beschleunigte damit die Gletscherbildung im Landesinneren und wirkte somit als Katalysator der Eiszeit.

Das schien alles zu sein. Der Koffer war leer.

Sie sahen sich an.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dafür mordet“, sagte Sarah leise.

Louis schien ebenso unschlüssig zu sein. Er nahm noch einmal die Studie zur Hand und blätterte darin herum.

„Da, sehen Sie mal“, er hielt ihr eine Karte hin und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle, die mit rotem Edding markiert war. „Spitzbergen.“

Darunter war ein Satellitenbild. Sarah musste das Heft ganz nah an die Augen halten, bevor sie die Schrift darauf erkennen konnte. „Longyearbyen … Svalbard Lufthavn.“ Das Edding-Kreuz war etwas südwestlich der Landebahn. „Das ist diese Arche für Nutzpflanzensamen.“

„Stimmt, vor einigen Jahren war das ein großes Thema. Alle dachten, das hat etwas mit dem Mayakalender zu tun, mit dem Weltuntergang.“

Sarahs Blick huschte zu seiner DVD-Sammlung. Garantiert jede Menge Actionfilme.

Er bemerkte es wohl, stand auf, holte, ohne groß zu suchen, ein Blue-Ray und reichte sie ihr.

Deep Impact, Sarah kannte den Film.

„Die haben diesen Speicher angelegt, falls es zu so einer Katastrophe kommen sollte. Ein Meteoriteneinschlag.“

Stand der Erde vielleicht so ein Einschlag bevor? Louis schien es anzunehmen, hatte er ihr doch die CD gegeben. War das die brisante Nachricht von Hansen? Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus. „Immerhin, eine Erklärung wäre es“, Sarah schaute versonnen auf das Filmcover. Dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Das ist nicht seine Art, Volker hätte das aufgeschrieben. Ich kenn ihn schon viele Jahre, seit der Studienzeit. Er war immer fürchterlich zerstreut, regelrecht verloren ohne irgendeine Notiz. Da muss noch etwas im Koffer sein.“

Sie nahm sich den leeren Koffer noch einmal vor und strich mit den Fingern sorgfältig am Verkleidungsstoff entlang. „Hier! Da ist etwas! Fühl mal, eine kleine Kante.“ Vor Aufregung war sie ins Du verfallen.

Louis fühlte.

Verblüfft verfolgte sie seine kräftigen Finger und staunte über die Sanftheit. Sie erschrak etwas, als er plötzlich den Zeigefinger unter den Stoff schob und ihn mit einem Ruck herausriss. Die Kofferauskleidung war mit einem Doppelklebeband befestigt gewesen. Ein Kuvert kam zum Vorschein. Es stand wohl etwas darauf, er las stumm.

Sie konnte die Spannung kaum noch ertragen und sprang auf. „Was steht …“

Aber da reichte er ihr den Umschlag schon herüber. „Für Sie.“

Sarah Morgenstern, stand darauf, mit dickem Filzstift geschrieben.

Sie zögerte einen Augenblick und hatte das Empfinden, als ob sie die Büchse der Pandora öffnen würde. Aber das war ja Unsinn. Das Couvert war nicht einmal zugeklebt. Wozu auch. Sie holte tief Luft und schaute hinein. Ein einziges Blatt kam zum Vorschein, kariert, gelocht, unachtsam abgerissen von einem Ringblock, etwas des perforierten Streifens hing noch daran. Sie faltete den Bogen ganz vorsichtig auseinander. Es war die steile, etwas unordentliche Handschrift von Volker, sehr groß und in Druckbuchstaben geschrieben.

Arche

20. Mai !!!

Dr. Magnus Strassener, Oslo

Prof. Stephan Kromsky, Krakow

Prof. Betty Harms, Charlotte

Dipl. Ing. Klaus Herdeke, Münster

Miguel Rompina, Helena

Gerd Weinschneider, MdB, Hannover

Uns bleiben noch acht Tage.

Louis war aufgestanden und auf ihre Seite des Tisches gekommen. Sie zog das Blatt an ihre Brust. Für eine Sekunde hatte sie das Verlangen, ihn anzufahren, weil er über ihre Schulter schaute, in einen Brief, der an sie adressiert war. Doch dann legte sie ihn hastig auf den Tisch. „Uns bleiben noch acht Tage“, sagte sie, „wofür auch immer.“

Drückende Stille breitete sich aus, sogar die Flammen hinter der Kaminscheibe waren zu hören. Sarah fand als Erste die Sprache wieder. „In acht Tagen also. Glauben sie auch, was ich denke?“

Louis nickte. „Es geht um etwas, das mit der Arche im Zusammenhang steht.“

„Um etwas, weshalb sie gebraucht wird.“ Wieder Stille.

„Aber was sollen die Namen?“

„Vielleicht sind das Freunde von Hansen, die Bescheid wissen“, mutmaßte Louis.

„Es ist müßig, Vermutungen anzustellen. Bleiben wir bei dem, was wahrscheinlich ist, vor allem die Arche, und seine Studie. Die Arche steht für eine Katastrophe, seine Forschung für Klima oder Meer. Vermutlich geht es um eine Eiszeit, oder Supertornados, so etwas.“ Verrückt, nun zählte sie selbst Szenarien aus Katastrophenfilmen auf. „Nun wundert mich nichts mehr“, fuhr sie fort, „die würden jeden ermorden, der das an die Öffentlichkeit bringen will. Der arme Volker wollte es versuchen, über mich, über die Presse.“ Das Bild ihres alten Mitkommilitonen brach über sie herein, draußen auf der Rückbank, unnatürlich verdreht und blutverschmiert. Volker war tot, ermordet. Sie wehrte sich dagegen, aber die Vorstellung, jetzt vielleicht neben ihm im Wald zu liegen, wenn sie bei ihm gewesen wäre, ließ sie erschaudern.

Vielleicht war das nicht einmal das schlimmste Schicksal, das ihr drohte, ihrer Mutter, den Freunden, Kollegen. Über allen Menschen schien ein Damoklesschwert zu schweben. Plötzlich lösten sich die Anspannung und der Schock, Tränen stürzten aus ihren Augen, sie versuchte, das Schluchzen zu verhindern, doch es gelang nicht ganz.

„Na, na, nicht weinen“, hörte sie Louis sagen. Er stand noch immer hinter ihr.

Sie spürte, wie sich seine Hand auf ihre Schulter legte, sanft drückte, ein paar Mal sachte klopfte. Sie wich ihm aus, auch wenn es sich gut anfühlte, in diesem Moment nicht allein zu sein. Sie sprang auf und trat aus dem allzu beengenden Raum zwischen Sessel und Tisch.

Er wich langsam einige Schritte zurück und senkte den Arm. „Setzen Sie sich doch wieder.“ Er klang verlegen.

Fassungslos fühlte Sarah, dass die paar Schritte Abstand ein Gefühl der Verlassenheit heraufbeschworen.

Er machte einen leichten Bogen um sie und ging langsam zu seiner Seite des Tisches. Es wirkte linkisch.

Es tat ihr leid, ihn wegen einer harmlosen Geste vor den Kopf gestoßen zu haben. Krampfhaft überlegte sie, wie sie es wiedergutmachen könnte, ohne schlafende Hunde zu wecken. Bei beiden nicht. Zum Glück kam ihr ein rettender Gedanke. „Sarah“, sagte sie schlicht und streckte ihm ihre Hand hin. „Mir ist das Du sowieso schon herausgerutscht, bleiben wir dabei.“

Für einen Augenblick schaute er ungläubig auf ihre Hand, dann ergriff er sie. „Gerne. Louis.“

Sein Griff balancierte genau an der Grenze zwischen kräftig und erträglich. Sie mochte Kerle nicht, die meinten, ihre Männlichkeit zeigen zu müssen, indem sie die Hand einer Frau wie Nudelteig durchkneteten. Schlaffis konnte sie allerdings auch nicht ausstehen. Soweit ging das in Ordnung. Wenn er nur schneller wieder losgelassen hätte.

„Und Dankeschön“, sagte er mit einem kurzen Aufblitzen der Augen, „dass sie … Pardon – du, so viel Vertrauen zeigst.“ Er schüttelte einmal kräftig ihre Hand, ließ los und setzte sich. „Soll ich noch einmal einschenken?“ Ihr Glas war leer.

„Lieber nicht, wir sollten einen kühlen Kopf bewahren.“ Sarah ärgerte sich, weil die Zweideutigkeit ihr die Röte ins Gesicht trieb. „Deshalb!“ Sie schlug etwas zu heftig mit der Handfläche auf das Blatt von Hansen. „Vielleicht sind unsere Annahmen falsch. Wir haben ja noch nicht einmal unsere Gedanken ausgetauscht.“

„Das stimmt“, gab er zu. „Was haben wir also? Den doppelten Hinweis Dr. Hansens auf die Samen-Arche in Norwegen und eine weltumspannende Katastrophe als allgemein bekannten Grund für ihren Bau. Dann seine mündliche Andeutung eines brisanten Geheimnisses, in das womöglich Leute eingeweiht sind, die auf der Liste stehen. So brisant, dass er dafür umgebracht wurde. Und das Datum –“

Zu jedem Punkt nickte Sarah. „Der Kalte Krieg ist vorbei, Atombomben schließe ich aus. Es wird also um ein natürliches Ereignis gehen. Vulkanausbrüche, Erdbeben, nichts dergleichen dürfte mit einem präzisen Datum vorherzusagen sein. Ich habe vorhin an einen Meteoriteneinschlag gedacht, das könnte passen, zumindest lässt er sich genau datieren.“ Aber alles immer wieder zu hinterfragen, war als Journalistin längst zu ihrer zweiten Natur geworden. „Oder könnten die Hinweise: Uns bleiben noch acht Tage, 20. Mai, Arche, etwas anderes bedeuten?“

„Zumindest spricht vieles dafür. Auch mir hat sich sofort der Gedanke an einen Impact aufgedrängt.“

„Deep Impakt, wie im Film. Ich habe ihn gesehen. Aber da ist es glimpflich abgegangen. Sie haben das Teil schon Jahre vorher entdeckt.“

„Ein Happy End?“ Er winkte ab. Erinnerst du dich an den Einschlag 2013 in Sibirien?“

„Vor ein paar Jahren … ja, dunkel.“

Der kam aus Richtung der Sonne und niemand hat ihn kommen sehen, erst als er in die Atmosphäre eintrat.“

„Da hat es ein paar Verletzte gegeben und zerbrochene Fensterscheiben, wenn ich mich recht erinnere.“

„Deswegen würde niemand Hansen umbringen.“

Stimmt, dachte sie. „Doch selbst ein Riese, wie der in Armageddon, wurde aufgehalten.“

„Nur im Film geht es immer gut aus. Aber das Leben ist nicht so. Denk an die Saurier.“

„Das wäre ja …“ Sarah verschlug es die Sprache.

„Das Ende“, ergänzte Louis leise.

„Wie groß war der Dino-Killer eigentlich? Weißt du das?“

Louis nickte. „Dreißig Kilometer Durchmesser, mindestens zweitausend Kubikkilometer Gestein und Eis.“

„Das klingt viel.“

„Zehn Mount Everest in einem Batzen. Aber ich denke eher nicht, dass es ein derartiger Riesenbrocken sein wird. Den hätten Astronomen tatsächlich längst entdeckt.“

Sarah atmete auf. „Also kein Global-Killer. Schlimm genug für die Menschen an der Einschlagstelle oder den Küsten, wenn er ins Meer stürzt. Aber in acht Tagen können die Küsten evakuiert werden.“

„Genau das ist es, was mir große Sorgen bereitet. Keine Regierung würde etwas verheimlichen, auf das sie sich halbwegs vorbereiten kann. Ich denke eher, dass die Größe des Asteroiden ein Zwischending ist. Zu klein, um leicht entdeckt zu werden, aber groß genug für eine globale Katastrophe.“

„Also das ergibt für mich keinen Sinn. Entweder fegt der Einschlag alles weg oder es gibt Kontinente, die nicht so schlimm betroffen sind.“

„Mir fällt da etwas ein“, sagte er und stand auf, „warte ´ne Sekunde.“ Er drückte auf verschiedenen Fernbedienungen herum.

Eine große Reflektorleinwand senkte sich von der Decke ab.

„Vor vierzehn Tagen kam eine Reportage über Yellowstone und den Hot Spot darunter. Ich hab den Bericht aufgenommen.“ Er zappte sich durch die Menüführung. „Hast du das zufällig gesehen?“

„Nein. Aber was haben Supervulkane mit unserem Problem zu tun?“

„Es geht mir nicht um den eigentlichen Ausbruch … ah, da ist er ja … es geht um die Folgen. Die sind durchaus vergleichbar.“

Im Groben kannte Sarah die Thematik. Die Reportage von Robert Smith war betont sachlich. Der Yellowstone ist ein Calderenvulkan und wird regelmäßig aktiv, der letzte Ausbruch liegt 610.000 Jahre zurück. Hunderte Kilometer im Umkreis werden verbrannt und ganz Nordamerika unter einer dicken Schicht Asche begraben. So ein Ausbruch ist zwanzigmal stärker als der Tambora 1815, bei dessen Explosion die Asche bis in siebzig Kilometer Höhe geschleudert wurde. Sie verdunkelte damals die Sonne und löste eine weltweite Hungersnot aus. 1816 folgte ein Jahr ohne Sommer mit Julifrost in den Kornanbaugebieten der Welt.

Louis drückte die Pausentaste. „Schau dir bitte genau an, was jetzt kommt, darauf wollte ich hinaus.“

Ein anderer Vulkanologe erläuterte seine Forschungsergebnisse rund um den Toba-See auf Sumatra.

…Der See ist die Caldera eines Supervulkans, entstanden vor 72.000 Jahren. Die riesigen Schwefel- und Aschemengen in der Atmosphäre senkten die weltweite Durchschnittstemperatur um fünfzehn bis zwanzig Grad Celsius. Das bedeutete für Zentraleuropa Winter mit minus fünfzig Grad und Sommer ohne Plusgrade. Der Toba verursachte für Jahre Frost am Äquator und löste eine neue Eiszeit aus. Alle Tropenwälder starben ab, und die Menschheit wurde fast vollständig ausgerottet, nur wenige Tausend überlebten das Inferno.

Der Bericht war zu Ende. Sarah fühlte nichts. Sie starrte gebannt auf den Abspann. Ihr Hirn wartete auf das Grauen, das sie überkommen müsste, aber da war nur ein eigenartig taubes Gefühl, unpersönlich, als ob die Seele den Schrecken aussperren wollte. Sie fuhr zusammen, als Louis abschaltete und die Leinwand hochfuhr.

„Im Grunde die gleichen Auswirkungen“, betonte er noch einmal. „Deshalb habe ich dir den Beitrag gezeigt.“

„Du hast recht. Ein begrenzter Impakt kann das Gleiche anrichten. Er würde vielleicht nur einen Kontinent direkt betreffen, aber gewaltige Staubmassen in die Atmosphäre jagen. Die verdunkeln den Himmel, Kälte und Lichtmangel würden fast jedes Wachstum zum Erliegen bringen. Tiere, Menschen, alles was den direkten Einschlag überlebt, müsste verhungern.“

Das Entsetzen flutete nun doch ihre Seele.

Er kam, kauerte sich neben den Sessel und legte die Hand auf ihren Unterarm. „Ich denke, es werden einige schaffen. Es gibt Lager mit Vorräten, und es wird bestimmt Pläne geben, sie zu besetzen und zu verteidigen.“

In diesem Moment hätte sie am liebsten seine Arme um sich gespürt, etwas, worin sie sich verkriechen konnte.

„Sehr wahrscheinlich, dass die Regierungen mit so einer Katastrophe rechnen. Zumindest können wir uns nun an einer Hand abzählen, warum Hansen sterben musste. Das können sie nicht verbreiten. So makaber es klingt, dafür werden zu viele überleben, egal, wo der Asteroid einschlägt. Zu viele für zu wenig Nahrung.“

Etwas in Sarah wehrte sich gegen die Annahme, dass alle da oben nur daran denken würden, den eigenen Arsch zu retten. „Nehmen wir an, sie haben einen Plan, zum Beispiel den Asteroiden mit Atomraketen zu zerstören, und nehmen wir an, sie rechnen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass es gelingt. Die Verbreitung dieser Nachricht würde trotzdem zu einer weltweiten Panik, zu Mord und Totschlag, zu Plünderungen in unvorstellbaren Ausmaßen führen. Deshalb können sie es nicht veröffentlichen.“

„Das denke ich nicht. Bis zum 20. Mai können sie ihn nicht ablenken, der Brocken ist zu nah. Und zerstören …“ Er schien zu grübeln. „Angenommen, das Teil misst zwei Kilometer im Durchmesser, also etwa so groß wie der Watzmann. Da können sie sämtliche Atombomben der Welt draufschießen und es passiert so gut wie nichts, weil die Explosionen nur die Oberfläche betreffen. Wahrscheinlich würde das noch zusätzlich zu atomarer Verstrahlung führen, die dann mit dem Einschlag die Erde verseuchen würde. Glaub mir, das haben die längst durchgerechnet und es läuft immer auf dasselbe hinaus.“

„Du meinst …“

Er nickte bedeutsam. „Die können nichts tun.“

Sarah sprang auf. „Umso schlimmer ist die Sauerei, dass sie den Menschen jede Möglichkeit rauben, sich so gut sie können darauf vorzubereiten, ihnen helfen …“

„Ach Sarah“, unterbrach er sie, „die Bonzen werden es schwer genug haben, ausreichend Reserven für sich und die Soldaten anzulegen. Es kotzt mich an, dass ausgerechnet diese korrupten Diebe und Verbrecher überleben sollen, während Milliarden Menschen um das letzte Brot…“ Louis verstummte abrupt. Er stand auf und wanderte hektisch durch das Zimmer. Plötzlich blieb er dicht vor ihr stehen, einen harten Zug um den Mund. „Ich kann es verstehen. Ich sollte vielleicht auch zuerst an meine Leute, meinen Keller denken.“ Sein Blick ging zur Tür, dann schaute er sie wieder an.

Sarah ahnte, was in ihm vorging. Er dachte garantiert, dass die Nachricht diesen Raum nicht verlassen durfte. Schauder liefen ihr über den Rücken, denn dieser Gedanke galt ihr.

„Ich habe Kinder.“ Es klang wie eine Drohung. „Wenn niemand etwas weiß, dann kann ich meinen Keller füllen, wenn alle es wissen, reicht es für keinen. Acht Tage, da lässt sich viel schaffen. Heranschaffen.“