Das Rosie-Projekt - Graeme Simsion - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Der Weltbestseller mit Humor und Gefühl: die romantische Komödie ›Das Rosie-Projekt‹ von Graeme Simsion Don Tillman will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das Ehefrau-Projekt: Mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganerin ist. Und dann kommt Rosie. Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin. Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt: Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:380


Graeme Simsion

Das Rosie-Projekt

Roman

Aus dem australischen Englisch von Annette Hahn

FISCHER E-Books

Inhalt

Für Rod und Lynette [...]123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536Danksagung

Für Rod und Lynette

1

Ich denke, ich habe eine Lösung für das Ehefrauproblem gefunden. Wie bei so vielen wissenschaftlichen Durchbrüchen, war diese Lösung im Nachhinein ganz logisch, doch ohne eine Reihe außerplanmäßiger Ereignisse wäre ich wohl nie darauf gekommen.

Alles fing damit an, dass Gene mich drängte, einen Vortrag über das Asperger-Syndrom zu halten, für den eigentlich er zugesagt hatte. Das Timing war äußerst unerfreulich. Zwar ließ sich die Vorbereitung zeitgleich zur Nahrungsaufnahme am Mittag durchführen, aber am besagten Abend hatte ich vierundneunzig Minuten für die Reinigung meines Badezimmers eingeplant. Mir blieben drei Optionen, von denen keine befriedigend war:

Ich könnte das Badezimmer nach dem Vortrag reinigen, was zu weniger Schlaf und folglich einer Minderung meiner mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit führen würde.

Ich könnte die Reinigungsaktion auf den nachfolgenden Dienstag verlegen, was zu einer achttägigen eingeschränkten Sauberkeit des Badezimmers und folglich einer Gefährdung meiner Gesundheit führen würde.

Ich könnte es ablehnen, den Vortrag zu halten, was meine Freundschaft mit Gene negativ beeinträchtigen würde.

Als ich Gene das Dilemma erläuterte, hatte der wie üblich eine weitere Lösung parat.

»Ach, Don. Ich bezahle dir jemanden, der dein Badezimmer putzt.«

Ich erklärte Gene – nicht zum ersten Mal –, dass alle Putzhilfen, möglicherweise mit Ausnahme der ungarischen Frau mit dem Minirock, Fehler machten. Minirockfrau, vormals Genes Putzhilfe, war aufgrund irgendeines Problems mit Gene und Claudia verschwunden.

»Ich gebe dir Evas Handynummer. Du darfst mich nur nicht erwähnen.«

»Was, wenn sie nach dir fragt? Wie soll ich antworten, ohne dich zu erwähnen?«

»Sag einfach, du rufst an, weil sie die einzige Putzhilfe ist, die das ordentlich macht. Und wenn sie nach mir fragt, sag einfach gar nichts.«

Das war ein exzellenter Plan und ein gutes Beispiel dafür, wie Gene zwischenmenschliche Probleme löst. Eva würde sich freuen, dass ihre Kompetenz gewürdigt wird, und ließe sich vielleicht sogar dauerhaft beschäftigen, was mir pro Woche im Durchschnitt dreihundertsechzehn Minuten meines Terminplans einsparen würde.

Genes Vortragsproblem rührte daher, dass sich ihm die Gelegenheit bot, Sex mit einer chilenischen Dozentin zu haben, die in Melbourne an einer Konferenz teilnahm. Gene arbeitet an einem Projekt, mit Frauen so vieler verschiedener Nationalitäten wie möglich zu schlafen. Als Professor der Psychologie interessiert er sich sehr für die sexuelle Anziehung zwischen Menschen, die seiner Meinung nach großenteils genetisch bedingt ist.

Diese Meinung passt zu Genes Fachgebiet Genetik. Achtundsechzig Tage nachdem Gene mich als wissenschaftlichen Mitarbeiter im Institut für Genetik eingestellt hatte, wurde er zum Leiter des Instituts für Psychologie befördert – eine äußerst kontroverse Entscheidung, mit der die Universität ihre führende Rolle in Evolutionspsychologie festigen und ihren Ruf verbessern wollte.

Als wir noch beide im Institut für Genetik arbeiteten, führten wir zahlreiche interessante Gespräche, was sich nach seinem Stellenwechsel fortsetzte. Ich wäre zufrieden gewesen, wenn unsere Beziehung weiterhin allein auf dieser Basis beruht hätte, doch Gene lud mich außerdem zum Essen in sein Haus ein und vollzog weitere Rituale der Annäherung, so dass wir nun in freundschaftlicher Beziehung stehen. Mit seiner Frau Claudia, einer klinischen Psychologin, bin ich ebenfalls befreundet. Was eine Gesamtzahl von zwei Freunden ergibt.

Eine Zeitlang haben Gene und Claudia versucht, mir beim Partnerin-Problem zu helfen. Leider beruhte ihr Ansatz auf dem traditionellen Verabredungsparadigma, das ich bereits aufgegeben hatte, da die Erfolgswahrscheinlichkeit in keinem Verhältnis zu Aufwand und negativen Erfahrungen stand. Ich bin neununddreißig Jahre alt, groß, durchtrainiert und intelligent, mit relativ hohem gesellschaftlichem Status und überdurchschnittlichem Einkommen als Assistenzprofessor. Gemäß den Gesetzen der Logik sollte ich für eine ganze Reihe von Frauen attraktiv sein. Im Reich der Tiere würde ich mich erfolgreich vermehren.

Offenbar jedoch habe ich etwas an mir, das Frauen unattraktiv finden. Schon immer habe ich mich schwergetan, Freundschaften zu schließen, und die Mängel, die diesem Problem zugrunde liegen, scheinen auch meine Bestrebungen hinsichtlich romantischer Beziehungen zu beeinträchtigen. Das »Aprikoseneis-Desaster« ist ein gutes Beispiel.

Claudia hatte mich einer ihrer vielen Freundinnen vorgestellt. Elizabeth war eine hochintelligente Informatikerin mit eingeschränkter Sehleistung, was mittels einer Brille korrigiert worden war. Ich erwähne die Brille, weil Claudia mir ein Foto zeigte und fragte, ob mich die Brille störe. Was für eine Frage! Von einer Psychologin! Bei der Einschätzung von Elizabeths Tauglichkeit als potentieller Partnerin – eine Person, die mir intellektuelle Stimulation bieten soll, mit der ich Freizeitaktivitäten teilen und mich vielleicht sogar fortpflanzen werde – war Claudias erste Sorge, ob mir die Wahl ihrer Brillenfassung zusagt, die vermutlich nicht einmal ihrer eigenen Wahl entsprach, sondern das Ergebnis der Beratung eines Optikers war. In so einer Welt muss ich leben! Dann sagte Claudia noch, als wäre das ein Problem: »Sie hat sehr konkrete Vorstellungen.«

»Beruhen diese auf nachweisbaren Tatsachen?«

»Ich schätze, ja«, erwiderte Claudia.

Perfekt. Damit hätte sie auch mich beschreiben können.

Wir verabredeten uns in einem thailändischen Restaurant. Restaurants sind für gesellschaftlich Unbeholfene reine Minenfelder, und wie immer in solchen Situationen war ich nervös. Wir hatten aber einen außerordentlich guten Start, indem wir beide gleichzeitig, wie verabredet, um Punkt 19:00 Uhr eintrafen. Unpünktlichkeit ist eine immense Zeitverschwendung.

Wir überstanden das Essen, ohne dass ich wegen irgendwelcher gesellschaftlichen Fehler kritisiert wurde. Es ist schwer, ein Gespräch zu führen, während man andauernd überlegen muss, ob man den korrekten Körperteil betrachtet, aber wie von Gene empfohlen, fixierte ich einfach ihre bebrillten Augen. Zwar führte das zu einigen Ungenauigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, doch Elizabeth schien es nicht weiter zu bemerken. Im Gegenteil, wir führten eine hochproduktive Diskussion über Simulationsalgorithmen. Die Frau war äußerst interessant! Ich zog bereits die Möglichkeit einer dauerhaften Beziehung in Betracht.

Dann brachte der Kellner die Dessertkarte, und Elizabeth sagte: »Ich mag keine asiatischen Desserts.«

Dies konnte nur eine unqualifizierte Verallgemeinerung sein, die auf eingeschränkter Datengrundlage beruhte, und vielleicht hätte ich das schon als Warnsignal deuten müssen. Allerdings bot es die Gelegenheit für einen kreativen Vorschlag.

»Wir könnten auf der Straßenseite gegenüber ein Eis kaufen.«

»Gute Idee. Solange sie Aprikoseneis haben.«

Ich kalkulierte, dass ich mich bis zu diesem Zeitpunkt gut gehalten hatte, und stufte die Aprikosenpräferenz nicht als Problem ein. Ich lag falsch. Die Eisdiele bot eine riesige Auswahl an Eissorten, doch die Geschmacksrichtung Aprikose war bereits ausverkauft. Ich bestellte eine Waffel mit Schokolade-Chili und Lakritz für mich und fragte Elizabeth nach ihrer zweitliebsten Sorte.

»Wenn sie kein Aprikoseneis haben, nehme ich nichts.«

Ich konnte es nicht fassen. Im Grunde genommen schmecken alle Eissorten gleich, da die Geschmacksnerven unterkühlt werden. Das gilt besonders für Fruchteissorten. Ich schlug Mango vor.

»Nein, danke, für mich nichts.«

Ich erklärte das Phänomen der Geschmacksnervenunterkühlung im Detail. Ich sagte voraus, dass, wenn ich ein Mango- und ein Pfirsicheis kaufte, sie keinerlei Unterschied schmecken werde. Und dass außerdem beides genauso schmecken werde wie Aprikoseneis.

»Die sind vollkommen verschieden«, widersprach sie. »Wenn Sie Mango nicht von Pfirsich unterscheiden können, ist das Ihr Problem.«

Es bestand eine simple objektive Uneinigkeit, die kurzerhand durch ein Experiment behoben werden könnte. Ich bestellte für jede der beiden Eissorten jeweils eine Miniwaffel. Doch als die Bedienung die Waffeln gefüllt hatte und ich mich umdrehte, um Elizabeth zu bitten, die Augen für das Experiment zu schließen, war sie verschwunden. So viel zu »nachweisbaren Tatsachen«. Und zu »Naturwissenschaftlerin«.

Hinterher empfahl Claudia, ich hätte das Experiment abbrechen sollen, bevor Elizabeth ging. Nun, das war offensichtlich. Aber zu welchem Zeitpunkt? Wo war das Signal? Das sind die Feinheiten, die ich nicht erkennen kann. Ich sehe aber auch nicht ein, warum erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber unklaren Vorstellungen von Eissorten eine Vorbedingung dafür sein soll, eine passende Partnerin zu finden. Mir scheint es vernünftig, anzunehmen, dass es Frauen gibt, bei denen so etwas nicht nötig ist. Unglücklicherweise ist das Verfahren, ebenjene zu finden, unsagbar ineffizient. Das Aprikoseneis-Desaster hat mich einen ganzen Abend meines Lebens gekostet, was nur durch wertvolle Information über Simulationsalgorithmen einigermaßen aufgewogen wurde.

 

Dank der Ausstattung der Cafeteria der medizinischen Bibliothek mit WLAN reichten zwei Mittagspausen aus, um meinen Vortrag über das Asperger-Syndrom zu recherchieren und vorzubereiten, ohne dabei die Nahrungsaufnahme vernachlässigen zu müssen. Ich besaß bislang keine Kenntnis über Autismus-Spektrum-Störungen, da diese außerhalb meines Fachgebiets liegen. Das Thema war faszinierend. Es schien mir sinnvoll, mich auf die genetischen Aspekte des Syndroms zu konzentrieren, die meinem Publikum vermutlich nicht bekannt wären. Die meisten Krankheiten beruhen auf einer Störung in unserer DNA, wobei wir sie in vielen Fällen erst noch entdecken müssen. Meine eigene Arbeit konzentriert sich auf die genetische Disposition für Leberzirrhose. Einen Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich damit, Mäuse betrunken zu machen.

Natürlich wurden in Büchern und Forschungsarbeiten auch die Symptome des Asperger-Syndroms beschrieben, und ich kam zu dem vorläufigen Schluss, dass die meisten davon lediglich Variationen der menschlichen Hirnfunktionen seien, die man unzutreffend als medizinisch auffällig eingestuft hatte, weil sie nicht den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Gesellschaftliche Normen sind dabei jedoch kulturell bedingt und spiegeln nur die gängigsten menschlichen Konfigurationen wider anstatt das gesamte Spektrum. Der Vortrag war für 19:00 Uhr an einer Schule in einem nahe gelegenen Vorort angesetzt. Ich kalkulierte zwölf Minuten für die Fahrt mit dem Fahrrad ein und gab weitere drei Minuten dazu, um meinen Computer hochzufahren und mit dem Projektor zu verbinden.

Planmäßig um 18:57 Uhr traf ich ein – siebenundzwanzig Minuten, nachdem ich Eva, die miniberockte Putzhilfe, in meine Wohnung eingelassen hatte. An der Tür und im vorderen Bereich des Klassenzimmers tummelten sich schätzungsweise fünfundzwanzig Menschen, aber anhand Genes Beschreibung konnte ich Julie, die Veranstalterin, sofort erkennen: »blond mit großen Titten«. Tatsächlich waren ihre Brüste nicht mehr als eineinhalb Standardabweichungen von der ihrem Körpergewicht entsprechenden Normgröße entfernt und mitnichten ein bedeutsames Identifikationsmerkmal. Es war eher eine Frage von Anhebung und Betonung, was auf Julies Kleiderwahl zurückzuführen war, die für einen heißen Januarabend durchaus zweckmäßig erschien.

Vielleicht verbrachte ich zu lange Zeit damit, ihre Identität zu verifizieren, denn sie musterte mich mit seltsamem Blick.

»Sie müssen Julie sein«, sagte ich.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Sehr gut. Eine praktisch veranlagte Person. »Ja, zeigen Sie mir bitte den VGA-Anschluss.«

»Oh«, meinte sie. »Dann sind Sie bestimmt Professor Tillman. Ich bin sehr froh, dass Sie es einrichten konnten.«

Sie wollte mir die Hand geben, doch ich winkte ab. »Der VGA-Anschluss, bitte. Es ist 18:58 Uhr.«

»Entspannen Sie sich«, entgegnete sie. »Wir fangen nie vor Viertel nach sieben an. Möchten Sie einen Kaffee?«

Warum schätzen die Leute die Zeit anderer nur so gering? Nun würden wir wohl den unvermeidlichen Smalltalk führen müssen. Dabei hätte ich zu Hause noch eine Viertelstunde Aikido üben können.

Ich hatte mich zunächst auf Julie und die Leinwand vorn im Raum konzentriert, doch nun stellte ich bei genauerem Hinsehen fest, dass ich neunzehn weitere Personen außer Acht gelassen hatte, die an den Schreibpulten saßen. Es waren Kinder, vornehmlich männlich und vermutlich Opfer des Asperger-Syndroms. Fast die gesamte Literatur beschäftigt sich mit Kindern.

Trotz ihres Gebrechens nutzten sie die Zeit weitaus sinnvoller als ihre Eltern, die ziellos dahinplauderten. Die meisten Kinder – ich schätzte sie auf zwischen acht und dreizehn Jahre – waren mit tragbaren elektronischen Geräten beschäftigt, und ich hoffte, dass sie in ihrem naturwissenschaftlichen Unterricht aufgepasst hatten, da mein Vortrag ausreichende Kenntnisse in Organischer Chemie und der Struktur von DNA voraussetzte.

Ich merkte, dass ich die Kaffee-Anfrage nicht beantwortet hatte.

»Nein.«

Leider hatte Julie aufgrund der verspäteten Antwort ihre Frage bereits vergessen. »Keinen Kaffee«, erklärte ich also. »Ich trinke niemals Kaffee nach 15:48 Uhr. Es würde meinen Schlaf beeinträchtigen. Koffein hat eine Halbwertszeit von drei bis vier Stunden, daher ist es unverantwortlich, nach 19 Uhr noch Kaffee zu servieren – es sei denn, die Leute planen, bis nach Mitternacht wach zu bleiben. Und das würde, wenn sie einer konventionellen Arbeit nachgehen, zu ungenügendem Schlaf führen.« Ich versuchte, die Wartezeit dadurch zu nutzen, dass ich praktische Ratschläge erteilte, doch Julie bevorzugte es anscheinend, Trivialitäten auszutauschen.

»Wie geht es Gene?«, erkundigte sie sich. Dies war offenbar eine Variante zu der am weitesten verbreiteten konventionellen Interaktion »Wie geht es Ihnen?«

»Es geht ihm gut, danke«, antwortete ich, indem ich die konventionelle Antwort in dritter Person wiedergab.

»Oh. Ich dachte, er sei krank.«

»Gene erfreut sich ausgezeichneter Gesundheit, von den sechs Kilogramm Übergewicht einmal abgesehen. Wir sind am Morgen noch zusammen laufen gewesen. Er hat heute Abend eine Verabredung, die er nicht wahrnehmen könnte, wenn er krank wäre.«

Julie wirkte irritiert, und als ich diesen Austausch später noch einmal Revue passieren ließ, ging mir auf, dass Gene ihr gegenüber mit dem Grund seiner Abwesenheit gelogen haben musste. Dies geschah vermutlich in der Absicht, Julie vor dem Gefühl zu bewahren, Gene sei der Vortrag nicht wichtig, und um eine Rechtfertigung für einen weniger angesehenen Ersatzredner zu liefern. Es scheint mir kaum möglich, eine derart komplexe Situation, in der es um Täuschung und Einschätzung der mutmaßlichen emotionalen Reaktion eines anderen Menschen geht, zu analysieren und dann eine eigene plausible Lüge zu entwerfen, während man gleichzeitig ein Gespräch in Gang halten muss. Aber genau das ist es, was die Leute von einem erwarten.

Schließlich baute ich meinen Laptop auf, und wir fingen an – mit achtzehn Minuten Verspätung. Ich müsste meine Sprechgeschwindigkeit um dreiundvierzig Prozent erhöhen, um den Vortrag planmäßig um Punkt 20 Uhr beenden zu können – ein nahezu unmögliches Unterfangen. Folglich würden wir mit Verspätung fertig werden, und mein Zeitplan für den Rest des Abends wäre zerstört.

2

Ich hatte meinen Vortrag Genetische Vorbedingungen für Autismus-Spektrum-Störungen benannt und einige exzellente DNA-Diagramme ausfindig gemacht. Nach nur neun Minuten, in denen ich etwas schneller gesprochen hatte, um die verlorene Zeit aufzuholen, wurde ich von Julie unterbrochen.

»Professor Tillman. Die meisten von uns sind keine Wissenschaftler, deshalb sollten Sie das Thema vielleicht weniger fachspezifisch ausführen.« So etwas nervt ungemein. Die Leute können einem die vermeintlichen Charaktereigenschaften eines Zwillings oder Stiers aufzählen und fünf Tage damit zubringen, ein Cricket-Spiel zu verfolgen, finden aber weder das Interesse noch die Zeit, etwas über die Grundlagen dessen zu erfahren, woraus sie als Menschen bestehen.

Ich setzte meinen Vortrag so fort, wie ich ihn vorbereitet hatte. Es war zu spät, ihn zu ändern, und einige der Zuhörer waren mit Sicherheit gebildet genug, ihn zu verstehen.

Ich hatte recht. Eine männliche Person von etwa zwölf Jahren hob die Hand.

»Sie sagen also, es sei unwahrscheinlich, dass es nur ein einziges Markergen gibt, sondern dass mehrere Gene beteiligt seien, und das Gesamtbild sei abhängig von der speziellen Kombination. Positiv?«

Exakt! »Plus Umweltfaktoren. Die Situation entspricht der bipolaren Störung, bei der …«

Wiederum unterbrach mich Julie. »Also, für uns Nicht-Genies: Ich denke, Professor Tillman will uns daran erinnern, dass das Asperger-Syndrom angeboren ist. Niemand ist schuld an diesem Defekt.«

Ich war entsetzt über den Gebrauch des Wortes »Defekt« mit seiner negativen Konnotation, vor allem durch eine Autoritätsperson. Ich ließ meinen Entschluss fallen, nicht von den genetischen Aspekten abzuweichen. Zweifelsohne hatte die Angelegenheit in meinem Unterbewusstsein geschlummert, und als Folge sprach ich möglicherweise mit erhobener Stimme.

»Defekt! Das Asperger-Syndrom ist kein Defekt! Es ist eine Variante des Möglichen – vielleicht sogar ein erheblicher Vorteil. Das Asperger-Syndrom ist mit hoher Organisations- und Konzentrationsfähigkeit, innovativer Denkweise und rationaler Distanziertheit verbunden.«

Eine Frau im hinteren Teil des Raumes hob die Hand. Ich war noch ganz auf meinen Einwand konzentriert und beging einen minderen gesellschaftlichen Fehler, den ich jedoch sofort korrigierte.

»Die dicke Frau … übergewichtige Frau … dort hinten?«

Sie stutzte kurz, sah sich um und sagte dann: »Rationale Distanziertheit – ist das ein Euphemismus für Mangel an Emotion?«

»Nein, ein Synonym«, erwiderte ich. »Emotionen können erhebliche Probleme verursachen.«

Ich entschied, dass ein Beispiel hilfreich sein könnte, und erzählte eine Geschichte, in der emotionales Verhalten katastrophale Folgen hätte.

»Stellen Sie sich vor«, begann ich, »Sie verstecken sich in einem Keller. Der Feind sucht nach Ihnen und Ihren Freunden. Alle müssen sich absolut ruhig verhalten, doch Ihr Baby fängt an zu schreien.« Ich machte es vor, so wie Gene es tun würde, um die Geschichte anschaulicher zu gestalten. »Wääää!« Ich ließ eine dramatische Pause folgen. »Sie haben eine Waffe.«

Überall wurden Hände gehoben.

Julie sprang auf, während ich fortfuhr: »Mit Schalldämpfer. Die Feinde kommen näher. Sie werden Sie alle töten. Was tun Sie? Das Baby schreit …«

Die Kinder waren ganz wild darauf, ihre Lösung mitzuteilen. Eines rief: »Das Baby erschießen«, und bald darauf schrien sie alle: »Das Baby erschießen, das Baby erschießen.«

Der Junge, der die Frage zur Genetik gestellt hatte, rief: »Die Feinde erschießen«, und ein anderer sagte: »Ihnen auflauern.«

Nun häuften sich die Vorschläge.

»Man kann das Baby als Lockmittel benutzen.«

»Wie viele Waffen haben wir?«

»Wir halten ihm den Mund zu.«

»Wie lange kann es ohne Luft überleben?«

Wie erwartet, kamen alle Ideen von denjenigen, die unter Asperger »litten«. Die Eltern konnten keinerlei konstruktive Vorschläge einbringen; manche versuchten sogar, die Kreativität ihrer Kinder zu unterdrücken.

Ein Junge rief: »Aspis sind geil!« Diese Abkürzung hatte ich in der Literatur schon entdeckt, doch für die anderen Kinder schien sie neu zu sein. Und offenbar gefiel sie ihnen, denn schon bald kletterten sie erst auf die Stühle, dann auf die Pulte, boxten mit den Fäusten in die Luft und riefen »Aspis sind geil!« im Chor. Nach dem, was ich gelesen hatte, leiden Asperger-Kinder in ihrem sozialen Umfeld oft unter mangelndem Selbstbewusstsein. Ihr Erfolg bei der Lösungssuche schien das vorübergehend kuriert zu haben, doch auch hier versagten die Eltern darin, ihnen positives Feedback entgegenzubringen. Im Gegenteil, sie fuhren sie an und versuchten sogar, sie von den Tischen zu ziehen. Anscheinend waren sie mehr an der Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen interessiert als an den Fortschritten ihrer Kinder.

Ich hatte das Gefühl, meine These wirkungsvoll dargelegt zu haben, und auch Julie schien nicht der Meinung, dass wir mit der Genetik fortfahren müssten. Die Eltern dachten möglicherweise darüber nach, was ihre Kinder gelernt hatten, und verließen den Vortrag, ohne weiter mit mir Kontakt zu suchen. Es war 19:43 Uhr. Ein exzellentes Ergebnis.

Während ich meinen Laptop einpackte, brach Julie in Gelächter aus.

»Oh, mein Gott«, sagte sie. »Jetzt brauche ich einen Drink.«

Ich war mir nicht sicher, warum sie diese Information mit jemandem teilen wollte, den sie erst sechsundvierzig Minuten kannte. Ich hatte selbst vor, etwas Alkohol zu konsumieren, wenn ich nach Hause käme, sah aber keinen Grund, Julie darüber in Kenntnis zu setzen.

Sie fuhr fort: »Wissen Sie, wir benutzen dieses Wort nicht. Aspis. Wir wollen nicht, dass sie sich für eine Art Club halten.« Schon wieder eine negative Andeutung von jemandem, der vermutlich dafür bezahlt wurde, zu unterstützen und zu ermutigen.

»Wie Homosexuelle?«, gab ich zurück.

»Touché«, meinte Julie. »Aber hier liegt die Sache anders. Wenn sie sich nicht ändern, werden sie nie echte Freundschaften schließen – sie werden nie eine Partnerschaft eingehen können.« Das war ein vernünftiges Argument. Ein Argument, das ich angesichts meiner eigenen diesbezüglichen Schwierigkeiten gut nachvollziehen konnte. Doch schon wechselte Julie das Thema. »Aber Sie haben angedeutet, dass es Dinge gibt – nützliche Dinge –, die sie besser können als … Nicht-Aspis. Abgesehen davon, Babys zu erschießen.«

»Natürlich.« Ich fragte mich, warum gerade ihr, die sich mit der Ausbildung von Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten beschäftigte, der Wert von und Markt für solche Fähigkeiten nicht bewusst war. »In Dänemark gibt es eine Firma, die Aspis zum Überprüfen von Software einstellt.«

»Das wusste ich nicht«, sagte Julie. »Sie lassen mich das Ganze wirklich in einem neuen Licht sehen.« Einen Moment lang musterte sie mich eingehend. »Haben Sie noch Zeit für einen Drink?« Dann legte sie ihre Hand auf meine Schulter.

Ich zuckte zusammen. Definitiv unangemessener Körperkontakt. Hätte ich so etwas bei einer Studentin gemacht, hätte das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Problem gegeben, vermutlich eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung bei der Dekanin, was Konsequenzen für meine Karriere gehabt hätte. Sie dagegen würde natürlich von niemandem kritisiert werden!

»Leider habe ich noch andere Dinge auf meinem Terminplan.«

»Sind Sie da nicht flexibel?«

»Definitiv nicht.« Nachdem ich die verlorene Zeit erfolgreich wieder aufgeholt hatte, würde ich mein Leben unter keinen Umständen wieder dem Chaos preisgeben.

 

Bevor ich Gene und Claudia kennenlernte, hatte ich zwei andere Freunde. Meine erste Freundin war meine ältere Schwester. Obwohl sie Mathematiklehrerin war, hatte sie wenig Interesse an Fortschritten auf diesem Gebiet. Aber sie wohnte in der Nähe, und wir besuchten einander regelmäßig zweimal pro Woche und manchmal auch ungeplant. Wir aßen zusammen und sprachen über triviale Dinge wie Ereignisse in den Leben unserer Verwandten und soziale Interaktionen mit Kollegen. Einmal pro Monat fuhren wir sonntags nach Shepparton zum Mittagessen mit unseren Eltern und unserem Bruder. Meine Schwester lebte allein, was vermutlich daran lag, dass sie schüchtern und nicht in konventioneller Weise attraktiv war. Infolge von massiver und unentschuldbarer medizinischer Inkompetenz ist sie inzwischen gestorben.

Meine zweite Freundin war Daphne, deren Freundschaft sich zeitlich mit der zu Gene und Claudia überschnitt. Nachdem ihr Mann aufgrund seiner Demenz in ein Pflegeheim eingewiesen worden war, zog Daphne in die Wohnung über mir ein. Wegen schwerer Knieprobleme, die durch ihr Übergewicht noch verstärkt wurden, konnte sie nicht mehr als ein paar Schritte gehen, aber sie war sehr intelligent, und ich fing an, sie regelmäßig zu besuchen. Da sie in ihrer Ehe die traditionelle Hausfrauenrolle eingenommen hatte, besaß sie keinerlei formale Qualifikationen, was ich als extreme Talentvergeudung betrachtete – vor allem, da ihre Nachkommen die von ihr empfangene Zuwendung nicht erwiderten. Daphne interessierte sich sehr für meine Arbeit, und wir entwickelten das Bring-Daphne-Genetik-bei-Projekt, das uns beide faszinierte.

Bald kam sie regelmäßig zu mir zum Abendessen, denn es ist erheblich wirtschaftlicher, eine Mahlzeit für zwei Personen zu kochen als zwei einzelne Mahlzeiten. Jeden Sonntag um 15 Uhr besuchten wir ihren Mann im Pflegeheim, das 7,3 Kilometer entfernt lag. Auf diese Weise konnte ich einen 14,6 Kilometer langen Rollstuhl-Spaziergang mit interessanten Gesprächen über Genetik kombinieren. Während sie mit ihrem Mann redete, dessen Verständnisfähigkeit schwer zu bestimmen, aber definitiv niedrig war, las ich etwas.

Daphne war nach dem Namen der Pflanze benannt worden, die zur Zeit ihrer Geburt, am achtundzwanzigsten August, blühte: Seidelbast, botanisch »Daphne«. Zu jedem Geburtstag hatte ihr Mann ihr Seidelbast geschenkt, was sie als hochromantisch empfunden hatte. Sie klagte, ihr bevorstehender Geburtstag sei der erste seit fünfundsechzig Jahren, an dem dieser symbolische Akt nicht ausgeführt werde. Die Lösung war offensichtlich, und bevor ich sie an ihrem achtundsiebzigsten Geburtstag zum Abendessen in meine Wohnung schob, hatte ich besagte Pflanze in großen Mengen für sie besorgt.

Sofort erkannte sie den Duft und begann zu weinen. Ich dachte schon, ich hätte einen Fehler begangen, doch sie erklärte, es seien Tränen der Freude. Von dem Schokoladenkuchen, den ich für sie gebacken hatte, war sie ebenfalls beeindruckt, aber nicht im selben Maße.

Während des Essens traf sie eine unfassbare Feststellung: »Don, Sie wären bestimmt ein wunderbarer Ehemann.«

Dies stand in derart krassem Gegensatz zu meinen Erfahrungen mit Frauen, die mich abgewiesen hatten, dass ich vorübergehend verblüfft war. Dann legte ich Daphne die Tatsachen dar – die Geschichte meiner Versuche, eine Partnerin zu finden, die mit meiner Annahme als Kind begann, dass ich erwachsen werden und heiraten würde, und die damit endete, dass ich diese Vorstellung aufgab, nachdem immer klarer ersichtlich wurde, dass ich dafür ungeeignet war.

Ihr Argument lautete schlicht: Für jeden gibt es jemanden. Statistisch gesehen, hatte sie damit beinahe recht. Leider war die Wahrscheinlichkeit, dass ich so einen Menschen finden würde, verschwindend gering. Doch es setzte etwas in meinem Gehirn in Gang – wie bei einem mathematischen Problem, von dem wir wissen, dass es eine Lösung haben muss.

Zu ihren nächsten beiden Geburtstagen wiederholten wir das Blumenritual. Das Ergebnis war nicht mehr so dramatisch wie beim ersten Mal, aber ich kaufte ihr auch Geschenke – Bücher über Genetik –, und sie wirkte sehr glücklich. Sie erzählte, ihr Geburtstag sei für sie immer der schönste Tag im Jahr gewesen. Ich wusste, dass diese Einstellung der Geschenke wegen bei Kindern sehr verbreitet war, hätte dies aber nicht bei einer Erwachsenen erwartet.

Dreiundneunzig Tage nach unserem dritten Geburtstagsessen diskutierten wir auf dem Weg zum Pflegeheim einen Fachaufsatz über Genetik, den Daphne am Vortag gelesen hatte, als offensichtlich wurde, dass sie einige signifikante Punkte vergessen hatte. Es war nicht das erste Mal in den vergangenen Wochen, dass sich ihr Gedächtnis fehlerhaft zeigte, und ich ließ unverzüglich eine Überprüfung ihrer kognitiven Fähigkeiten durchführen. Die Diagnose lautete Alzheimer.

Daphnes intellektuelle Fähigkeiten verschlechterten sich zusehends, und bald waren wir nicht mehr in der Lage, uns über Genetik zu unterhalten. Unsere gemeinsamen Essen und die Spaziergänge zum Pflegeheim setzten wir jedoch fort. Daphne sprach nun vorzugsweise über ihre Vergangenheit, insbesondere über ihren Mann und die Familie, und ich erhielt einen allgemeinen Überblick darüber, wie das Eheleben so aussah. Sie beharrte weiterhin darauf, dass ich eine passende Partnerin finden und jenes hohe Maß an Glück erleben könne, das sie in ihrem eigenen Leben erfahren habe. Meine Nachforschungen bestätigten, dass Daphnes Argumente durch wissenschaftliche Nachweise gestützt wurden: Verheiratete Männer sind glücklicher und leben länger.

Eines Tages fragte Daphne: »Wann habe ich wieder Geburtstag?«, und ich erkannte, dass sie ihr Zeitgefühl verloren hatte. Ich beschloss, dass eine Lüge akzeptabel sei, um ihr Glück zu maximieren. Das Problem bestand darin, außerhalb der Jahreszeit Seidelbast aufzutreiben, doch ich hatte unerwartet Glück. Ich hatte von einem Genetiker gehört, der aus wirtschaftlichen Gründen an der Veränderung und Verlängerung von Blütezeiten bei Pflanzen arbeitete. Dieser konnte meine Blumenhändlerin mit Seidelbast versorgen, und ich veranstaltete ein simuliertes Geburtstagsessen. Jedes Mal, wenn Daphne nach ihrem Geburtstag fragte, wiederholte ich dieses Vorgehen.

Schließlich wurde es notwendig, dass Daphne zu ihrem Mann im Pflegeheim kam, und während ihr Gedächtnis immer schlechter wurde, feierten wir ihre Geburtstage immer häufiger, bis ich sie schließlich täglich besuchte. Die Blumenhändlerin gab mir eine spezielle Treuerabattkarte. Ich rechnete aus, dass Daphne ihren zweihundertsiebten Geburtstag gefeiert hatte, als sie aufhörte, mich zu erkennen, und ihren dreihundertneunzehnten, als sie nicht mehr auf den Seidelbast reagierte. Da stellte ich meine Besuche ein.

 

Ich hatte nicht erwartet, noch einmal von Julie zu hören, aber wie üblich erwies sich meine Einschätzung menschlichen Verhaltens als falsch. Zwei Tage nach dem Vortrag klingelte um 15:37 Uhr mein Telefon mit einer unbekannten Nummer im Display. Julie hinterließ die Nachricht, ich solle sie zurückrufen, und ich folgerte, dass ich etwas vergessen haben musste.

Wiederum lag ich falsch. Sie wollte unser Gespräch über das Asperger-Syndrom fortsetzen. Ich freute mich, dass mein Vortrag einen solchen Eindruck auf sie gemacht hatte. Sie schlug ein Treffen zum Mittagessen vor, was keine ideale Umgebung für eine produktive Diskussion darstellt, aber da ich mein Mittagessen für gewöhnlich allein einnehme, wäre es leicht zu terminieren. Ein anderes Problem war dagegen die Hintergrundrecherche.

»An welchem Thema sind Sie speziell interessiert?«

»Ach«, meinte sie, »ich dachte, wir könnten uns einfach ganz allgemein unterhalten … uns ein bisschen kennenlernen.«

Das klang unpräzise. »Ich brauche wenigstens einen pauschalen Hinweis auf den Themenbereich. Was habe ich gesagt, das Ihr spezielles Interesse geweckt hat?«

»Ach … Ich schätze mal, die Sache mit den Computertestern in Dänemark.«

»Sie testen Software. Es sind Computer-Software-Tester.« Darüber würde ich definitiv nachforschen müssen. »Was würden Sie gern wissen?«

»Ich frage mich, wie sie sie finden. Die meisten Erwachsenen mit Asperger-Syndrom wissen gar nicht, dass sie es haben.«

Das war ein guter Punkt. Zufällig ausgewählte Bewerber zu testen wäre ein äußerst ineffektiver Weg, ein Syndrom zu diagnostizieren, das eine geschätzte Häufigkeit von 0,3 Prozent aufweist.

Ich wagte eine Vermutung. »Ich nehme an, sie benutzen als Filter vorher einen Fragebogen.« Ich hatte den Satz noch nicht beendet, als mir im Kopf ein Licht aufging – natürlich nicht wortwörtlich.

Ein Fragebogen! Was für eine naheliegende Lösung! Ein spezielles, wissenschaftlich fundiertes Instrument als das momentan beste Verfahren, um die Zeitverschwenderinnen, die Unorganisierten, die Eiscremewählerischen, die Beschwerdeführerinnen gegen visuelle Belästigung, die Kristallkugelguckerinnen, die Horoskopleserinnen, die Modesüchtigen, die religiösen Fanatikerinnen, die Veganerinnen, die Sportberichtbegeisterten, die Gegnerinnen der Evolutionstheorie, die Raucherinnen, die wissenschaftlich Ungebildeten und die Homöopathinnen auszusortieren und so im Idealfall die perfekte Partnerin oder, realistischer, eine zu bewältigende Auswahl von Kandidatinnen zu bestimmen.

»Don?«, fragte Julie, die immer noch in der Leitung war. »Wann sollen wir uns treffen?«

Die Dinge lagen nun anders, Prioritäten hatten sich verschoben.

»Es ist nicht möglich«, erwiderte ich. »Mein Terminkalender ist voll.«

Ich würde alle verfügbare Zeit für mein neues Projekt benötigen.

Das Projekt Ehefrau.

3

Nach dem Gespräch mit Julie ging ich sofort in Genes Büro im Psychologie-Gebäude, doch er war nicht da. Zum Glück saß die Schöne Helena, seine persönliche Assistentin, die eigentlich die Hinderliche Helena heißen müsste, ebenfalls nicht am Platz, so dass ich Zugang zu Genes Terminkalender hatte. Ich sah, dass er bis um 17:00 Uhr eine Vorlesung hielt und bis zu einem Meeting um 17:30 Uhr frei wäre. Perfekt. Ich würde lediglich die Dauer meiner geplanten Trainingseinheit kürzen müssen. Ich trug mich in den freien Terminspalt ein.

Nach einem verkürzten Training in der Sporthalle (was ich dadurch erreichte, dass ich das Duschen und Umkleiden ausließ), joggte ich zum Hörsaal und wartete vor dem Mitarbeitereingang. Obwohl ich durch die Hitze und das Training stark transpirierte, fühlte ich mich körperlich wie geistig vitalisiert. Sobald meine Armbanduhr 17:00 Uhr zeigte, betrat ich den Hörsaal. Gene stand am Vortragspult des abgedunkelten Saals und hatte offenbar die Zeit vergessen, da er gerade auf eine Frage zur Finanzierung antwortete. Durch mein Eintreten drang ein Lichtstrahl in den Raum, und ich merkte, dass sich die Augen der Zuhörer auf mich richteten, als erwarteten sie, dass ich etwas sage.

»Schluss für heute«, verkündete ich also. »Ich habe einen Termin mit Gene.«

Sofort begannen die Leute aufzustehen, und in der ersten Reihe bemerkte ich die Dekanin mit drei Personen in Geschäftsanzügen. Ich vermutete, dass Letztere als potentielle Geldgeber hier waren und nicht, weil sie ein wissenschaftliches Interesse an der sexuellen Anziehung zwischen Primaten hegten. Gene versucht ständig, Geld für Forschung aufzutreiben, und die Dekanin droht fortwährend, die Institute für Genetik und Psychologie aufgrund unzureichender Finanzierung zu verkleinern. Das ist ein Thema, mit dem ich mich nicht weiter befasse.

Über das allgemeine Geplapper hinweg verkündete Gene: »Ich glaube, mein Kollege Professor Tillman wollte uns signalisieren, dass wir die Finanzierung, die so wichtig für unsere fortlaufende Arbeit ist, zu einem anderen Zeitpunkt besprechen.« Er blickte zur Dekanin und ihrer Begleitung hinüber. »Nochmals vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Arbeit – und natürlich auch der meiner Kolleginnen und Kollegen am Institut für Psychologie.« Es gab Applaus. Wie es aussah, hatte ich genau zur rechten Zeit unterbrochen.

Die Dekanin zog mit ihren Geldgeberfreunden an mir vorbei. »Tut mir leid, dass wir Ihr Meeting aufhalten, Professor Tillman«, raunte sie mir zu. »Ich bin sicher, wir können das Geld auch anderswo auftreiben.« Das war eine gute Nachricht, doch nun bildete sich um Gene bedauerlicherweise eine Menschentraube. Eine Frau mit roten Haaren und diversen metallischen Objekten in den Ohren redete auf ihn ein. Und das recht laut.

»Ich kann nicht glauben, dass Sie eine öffentliche Vorlesung dazu benutzen, Ihre persönlichen Ziele voranzutreiben.«

»Wie gut also, dass Sie gekommen sind. So können Sie von einem Glauben ablassen, an den Sie sich festklammern. Das wäre das erste Mal.«

Es war offensichtlich, dass die Frau eine gewisse Feindseligkeit hegte, obwohl Gene lächelte.

»Selbst wenn Sie recht hätten, was Sie nicht haben – was bedeutet das für die Gesellschaft?«

Genes nächste Äußerung überraschte mich, aber nicht wegen ihrer Zielsetzung, mit der ich vertraut bin, sondern wegen des subtilen Themawechsels. Gene verfügt über zwischenmenschliche Fähigkeiten, die ich niemals besitzen werde.

»Das klingt wie ein Kaffeegesprächsthema. Warum nehmen wir es nicht irgendwann bei einer Tasse Kaffee wieder auf?«

»Bedaure«, erwiderte sie. »Ich habe Forschungsarbeit zu erledigen. Mit wissenschaftlicher Beweisführung – falls Ihnen das etwas sagt.«

Gerade als ich ansetzte, mit Gene zu reden, schob sich eine große blonde Frau dazwischen, und ich wollte keinen Körperkontakt riskieren. Sie sprach mit norwegischem Akzent.

»Professor Barrow?«, wandte sie sich an Gene. »Bei allem Respekt … aber ich denke, Sie vereinfachen die feministische Position zu sehr.«

»Wenn wir das philosophisch vertiefen wollen, schlage ich die Cafeteria vor«, erwiderte Gene. »In fünf Minuten im Barista’s?«

Die Frau nickte und ging Richtung Tür.

Endlich hatten wir Zeit zu reden.

»Was war das für ein Akzent?«, wollte Gene wissen. »Schwedisch?«

»Norwegisch«, erwiderte ich. »Ich dachte, du hättest schon eine Norwegerin.«

Ich erklärte ihm, dass wir verabredet seien, doch Gene hatte jetzt nur noch das Kaffeetrinken mit dieser Frau im Kopf. Die meisten Männchen der Tierwelt sind darauf programmiert, Sex eine höhere Priorität einzuräumen als der Unterstützung eines nicht verwandten Individuums, und bei Gene wirkte sich die zusätzliche Motivation seines Forschungsprojekts aus. Darüber zu streiten, wäre aussichtslos gewesen.

»Trag dich einfach für den nächsten freien Termin in meinem Kalender ein«, sagte er.

Die Schöne Helena hatte offenbar schon Feierabend, so dass ich wiederum selbsttätig auf Genes Terminkalender zugreifen musste. Meinen eigenen Terminplan stellte ich um, damit ich die neue Verabredung wahrnehmen könnte. Von nun an hatte das »Projekt Ehefrau« höchste Priorität.

Am nächsten Tag wartete ich bis exakt 7:30 Uhr, bevor ich an Genes und Claudias Haustür klopfte. Dazu war es nötig gewesen, meinen Dauerlauf über den Markt für die Essenseinkäufe auf 5:45 Uhr vorzuverlegen, was wiederum bedeutete, dass ich am Vorabend früher hatte zu Bett gehen müssen. Auch nachfolgend würden sich noch einige Termine verschieben.

Ich hörte Laute der Überraschung durch die Tür dringen, bevor Genes Tochter sie öffnete. Wie immer freute Eugenie sich, mich zu sehen, und bat darum, dass ich sie auf die Schultern setzen und hüpfend mit ihr bis zur Küche galoppieren möge. Es machte großen Spaß. Mir fiel ein, dass ich Eugenie und ihren Halbbruder Carl ebenfalls zu meinen Freunden zählen könnte, was eine Gesamtzahl von vier ergäbe.

Gene und Claudia saßen beim Frühstück und sagten, sie hätten mich nicht erwartet. Ich riet Gene, seinen Terminkalender online zu stellen – dann hätte er stets den neuesten Stand seiner Termine parat, und mir blieben unangenehme Begegnungen mit der Schönen Helena erspart. Er war nicht begeistert.

Ich hatte das Frühstück ausfallen lassen, also holte ich mir aus dem Kühlschrank einen Joghurt. Mit Zucker! Kein Wunder, dass Gene Übergewicht hatte! Claudia war noch nicht übergewichtig, doch auch bei ihr hatte ich schon eine leichte Gewichtszunahme registriert. Ich wies auf das Problem hin und identifizierte den Joghurt als möglichen Schuldigen.

Claudia erkundigte sich, ob mir der Vortrag über Asperger gefallen habe. Sie stand unter der Annahme, dass Gene den Vortrag gehalten und ich lediglich zugehört hätte. Ich korrigierte ihren Fehler und erwiderte, das Thema sei faszinierend.

»Haben dich die Symptome an jemanden erinnert?«, wollte sie wissen.

Das hatten sie tatsächlich. Es handelte sich um eine fast perfekte Beschreibung von Laszlo Hevesi aus dem Institut für Physik. Ich wollte gerade die berühmte Geschichte von Laszlo im Pyjama erzählen, als Genes sechzehnjähriger Sohn Carl in Schuluniform erschien. Er ging zum Kühlschrank, als wollte er ihn öffnen, drehte sich dann jedoch abrupt um und zielte mit einem kräftigen Schlag auf meinen Kopf. Ich fing den Hieb ab und schob Carl sanft, aber bestimmt zu Boden, damit er merkte, dass ich dieses Manöver mehr durch Hebelwirkung als durch Kraft vollführte. Dieses Spielchen spielen wir jedes Mal, nur hatte er diesmal den Joghurt übersehen, der sich jetzt über unsere Kleidung verteilte.

»Still halten«, befahl Claudia. »Ich hole einen Lappen.«

Ein Lappen würde mein Hemd nicht ordentlich sauber bekommen. Ein Hemd zu waschen bedurfte einer Waschmaschine, Waschmittel, Weichspüler und reichlich Zeit.

»Ich werde mir eins von Gene borgen«, sagte ich und ging in ihr Schlafzimmer.

Als ich in einem unbequem weiten weißen Hemd mit dekorativen Rüschen auf der Vorderseite zurückkehrte, wollte ich endlich das »Ehefrauprojekt« vorstellen, aber Claudia war mit Fürsorgepflichten als Mutter beschäftigt. Die Situation frustrierte mich zunehmend. Ich lud mich für Samstag zum Abendessen ein und bat die beiden, keine weiteren Gesprächsthemen einzuplanen.

Die Verzögerung kam mir tatsächlich gelegen, da ich somit einige Nachforschungen zur Gestaltung von Fragebögen betreiben, eine Liste wünschenswerter Eigenschaften zusammenstellen und einen Entwurf vorbereiten konnte. All dies musste selbstverständlich neben meinen Verpflichtungen als Dozent und Forschungsmitarbeiter sowie einem Termin mit der Dekanin geschehen.

Am Freitagmorgen kam es nämlich zu einer weiteren unangenehmen Begegnung, weil ich einen Studenten wegen akademischen Betrugs hatte melden müssen. Schon zuvor hatte ich Kevin Yu einmal beim Abschreiben erwischt, und dann, beim Korrigieren seiner letzten Hausarbeit, hatte ich einen kompletten Satz aus der Arbeit eines anderen Studenten von vor drei Jahren wiedererkannt.

Nachforschungen ergaben, dass der damalige Student Kevin als privater Tutor Nachhilfe gab und mindestens einen Teil seiner Hausarbeit für ihn geschrieben hatte. Das alles war vor einigen Wochen passiert. Ich hatte die Angelegenheit gemeldet und darauf gewartet, dass der disziplinarische Prozess seinen Lauf nähme. Offenbar war die Sache komplizierter.

»Die Sache mit Kevin ist ein wenig heikel«, erklärte die Dekanin. Wir befanden uns in ihrem managermäßigen Büro, und sie trug ihr managermäßiges Kostüm, bestehend aus dunkelblauem Rock und Blazer, das sie laut Gene mächtiger erscheinen lassen soll. Sie ist klein, schlank und etwa fünfzig Jahre alt, und möglicherweise lässt das Kostüm sie größer erscheinen, aber ich verstehe nicht, warum körperliche Dominanz in einer akademischen Umgebung von Bedeutung sein sollte.

»Das ist Kevins dritter Verstoß, und laut Universitätsregeln müsste er der Hochschule verwiesen werden«, fuhr sie fort.

Die Sachlage schien klar und die notwendige Handlung offensichtlich. Ich versuchte das Heikle zu ergründen, auf das die Dekanin verwiesen hatte. »Sind die Beweise unzureichend? Will er sie juristisch anfechten?«

»Nein, alles ist vollkommen klar. Aber sein erster Verstoß war recht naiv. Er hatte sich Sachen aus dem Internet zusammengesucht und war von der Plagiatssoftware erwischt worden. Damals studierte er im ersten Jahr und sprach nicht besonders gut Englisch. Zudem sind da die kulturellen Unterschiede.«

Von diesem Betrug hatte ich gar nichts gewusst.

»Das zweite Mal hatten Sie ihn gemeldet, weil er etwas aus einer unbedeutenden Arbeit übernommen hatte, die Sie zufälligerweise kannten.«

»Korrekt.«

»Don, kein anderer Dozent ist so … wachsam … wie Sie.«

Es war ungewöhnlich, dass die Dekanin mich für meine Aufmerksamkeit und Hingabe lobte.

»Diese jungen Leute zahlen einen Haufen Geld, damit sie hier studieren dürfen. Wir sind auf ihre Gebühren angewiesen. Natürlich wollen wir nicht, dass sie ungeniert aus dem Internet klauen. Aber wir müssen anerkennen, dass sie Hilfe brauchen, und … Kevin hat nur noch ein Semester. Wir können ihn nach diesen dreieinhalb Jahren nicht ohne Abschluss nach Hause schicken. Das macht keinen guten Eindruck.«

»Was, wenn er Medizinstudent wäre? Was, wenn Sie ins Krankenhaus kämen, und der Arzt, der Sie operiert, hätte bei seinem Examen betrogen?«

»Kevin ist kein Medizinstudent. Und er hat nicht beim Examen betrogen, er hat sich nur etwas Hilfe für eine Hausarbeit geholt.«

Wie es aussah, hatte die Dekanin mich nur deshalb gelobt, um unethisches Verhalten meinerseits zu erreichen. Doch die Lösung für ihr Dilemma war offensichtlich. Wenn sie die Regeln nicht brechen wollte, musste sie die Regeln ändern. Das teilte ich ihr mit.

Ich bin nicht gut darin, Gesichtsausdrücke zu lesen, und der nachfolgende Ausdruck im Gesicht der Dekanin war mir nicht vertraut. »Wir dürfen Abschreiben nicht erlauben.«

»Obwohl wir es tun?«

Nach dem Gespräch war ich verwirrt und verärgert. Ernsthafte Dinge standen auf dem Spiel. Was, wenn unsere Forschung nicht anerkannt würde, weil man uns unzureichenden akademischen Standard nachsagte? Was, wenn ein Genetiklabor eine Person einstellte, deren Qualifikation durch Betrug gewonnen worden war, und diese Person schwerwiegende Fehler machte? Die Dekanin schien eher um vordergründiges Ansehen besorgt als um derart schwerwiegende Sachverhalte.

Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, mein Leben mit der Dekanin zu verbringen. Ein durch und durch schrecklicher Gedanke! Das vorherrschende Problem wäre ihre Sorge ums Ansehen. Mein Fragebogen müsste unnachgiebig alle Frauen herausfiltern, die zu viel Wert auf Äußeres legten.

4

Gene öffnete die Tür mit einem Glas Rotwein in der Hand. Ich stellte mein Fahrrad im Hausflur ab, zog den Rucksack vom Rücken, holte den Ordner zum »Projekt Ehefrau« hervor und überreichte Gene seine Kopie des Fragebogen-Entwurfs. Ich hatte ihn auf sechzehn Doppelseiten gekürzt.

»Entspann dich, Don, wir haben genug Zeit«, sagte er. »Wir werden erst mal zivilisiert essen, und dann kümmern wir uns um den Fragebogen. Wenn du mit Frauen ausgehen willst, brauchst du Übung beim gemeinsamen Essen.«

Da hatte er natürlich recht. Claudia ist eine exzellente Köchin, und Gene besitzt eine umfangreiche Weinsammlung, die nach Region, Jahrgang und Erzeuger sortiert ist. Im »Weinkeller«, der nicht wirklich unter der Erde liegt, zeigte er mir seine neuesten Errungenschaften, und wir suchten eine zweite Flasche aus. Wir aßen zusammen mit Carl und Eugenie, und ich umging den Smalltalk, indem ich mit Eugenie ein Gedächtnisspiel spielte. Dann sah sie meinen Ordner mit dem Titel »Projekt Ehefrau«, den ich gleich nach dem Dessert auf den Tisch legte.

»Willst du heiraten, Don?«, wollte sie wissen.

»Korrekt.«

»Wen?«

Ich wollte gerade anfangen, es zu erklären, da schickte Claudia die Kinder in ihre Zimmer, was eine gute Entscheidung war, da sie nicht die nötige Kompetenz besaßen, um zu dem Gespräch beizutragen.

Ich reichte Gene und Claudia je einen Fragebogen. Gene schenkte uns allen Portwein ein. Ich erklärte, ich hätte den Fragebogen nach optimalen Richtlinien entworfen, einschließlich Multiple-Choice-Verfahren, Likert-Skala, Vergleichsprüfung, Testfragen und indirekte Fragen. Claudia bat um ein Beispiel für Letztere.

»Frage 35: Essen Sie Niere? Die korrekte Antwort lautet (c) gelegentlich. Ein Test, um Ernährungsgewohnheiten festzustellen. Wenn man direkt danach fragt, sagen sie ›Ich esse alles‹, und später stellt man dann fest, dass sie Vegetarier sind.«

Mir ist bewusst, dass es viele Argumente für den Vegetarismus gibt. Da ich selbst jedoch Fleisch esse, dachte ich, es sei passender, wenn meine Partnerin das ebenfalls tut. In diesem frühen Stadium schien es mir logisch, die ideale Situation zu spezifizieren. Falls nötig, könnte ich die Fragebogen später neu anpassen.

Claudia und Gene lasen weiter.

Claudia sagte: »Bei Verabredung tippe ich mal auf (b) ein bisschen zu früh.«

Diese Antwort war ganz offenkundig inkorrekt und zeigte, dass sogar Claudia, die eine gute Freundin ist, als Partnerin absolut ungeeignet wäre.

»Die korrekte Antwort lautet (c) pünktlich«, entgegnete ich. »Gewohnheitsmäßiges Zufrühkommen akkumuliert sich zu einer immensen Zeitverschwendung.«

»Ich würde ein bisschen zu früh durchgehen lassen«, sagte Claudia. »Es könnte sein, dass sie sich anstrengt zu gefallen. Das ist nichts Schlechtes.«

Ein interessanter Punkt. Ich machte mir eine Notiz, dies zu berücksichtigen, wies aber darauf hin, dass (d) ein bisschen zu spät und (e) sehr spät definitiv nicht akzeptabel seien.

»Ich finde, wenn eine Frau sich als brillante Köchin bezeichnet, dann ist sie ziemlich eingebildet«, meinte Claudia. »Frag sie doch einfach, ob sie gerne kocht. Und schreib dazu, dass du das auch gern tust.«

Dies war genau die Art von Kommentar, die ich brauchte – feine Nuancen in der Formulierung, die mir nicht bewusst sind. Mir fiel ein, dass eine Frau, die mir ähnlich ist, diese Feinheiten ebenfalls nicht wahrnehmen würde, aber es war unlogisch zu erwarten, dass meine potentielle Partnerin meinen Mangel an Hintersinn teilte.

»Kein Schmuck, kein Make-up?«, beantwortete Claudia korrekt die zwei Fragen, die durch mein letztes Gespräch mit der Dekanin ausgelöst worden waren.

»Bei Schmuck geht es nicht immer um Außenwirkung«, gab sie zu bedenken. »Wenn du eine Frage in die Richtung brauchst, lass die Schmuck-Frage weg und behalte die mit dem Make-up. Aber frag nur, ob sie sich täglich schminkt.«

»Größe, Gewicht undBMI«, zitierte Gene weiter. »Kannst du das nicht selbst ausrechnen?«

»Das ist der Sinn der Frage«, erwiderte ich. »Zu prüfen, ob sie ein Grundwissen in Arithmetik hat. Ich will keine Partnerin, die nicht rechnen kann.«

»Ich dachte, du würdest gern wissen wollen, wie sie aussieht«, sagte Gene.

»Da ist eine Frage zur Fitness.«

»Ich dachte mehr an Sex«, sagte Gene.

»Zur Abwechslung«, kommentierte Claudia, was eine seltsame Bemerkung war, da Gene ständig über Sex redet. Doch seine Bemerkung war berechtigt.

»Ich werde eine Frage zu HIV und Herpes einfügen.«

»Stopp«, meinte Claudia. »Du bist viel zu wählerisch.«

Ich fing an zu erklären, dass eine unheilbare Geschlechtskrankheit ein deutliches Minus darstellte, aber Claudia unterbrach mich.

»Bei allem.«

Das war eine verständliche Reaktion. Doch meine Strategie bestand darin, die Möglichkeit eines Fehlers Typ 1 zu vermeiden – Zeit für jemanden zu vergeuden, der unpassend war. Leider erhöhte dies das Risiko eines Fehlers Typ 2 – eine passende Person abzulehnen. Letzteres war jedoch ein akzeptables Risiko, da ich es mit einer sehr großen Ausgangsmenge zu tun hatte.

Gene meldete sich zu Wort: »Nichtraucher ist okay. Aber wie lautet die richtige Antwort auf die Frage nach Alkoholkonsum?«

»Null.«

»Moment mal. Du trinkst aber.« Er deutete auf mein Portweinglas, das er kurz zuvor noch aufgefüllt hatte. »Du trinkst sogar ganz ordentlich.«

Ich erklärte, dass ich mir durch das Projekt eine Verbesserung meines eigenen Verhaltens erhoffe.

In dieser Weise fuhren wir fort, und ich erhielt exzellentes Feedback. Der Fragebogen schien mir nun zwar weniger akkurat, aber ich vertraute noch immer darauf, dass er die meisten, wenn nicht alle Frauen aussortieren würde, mit denen ich in der Vergangenheit Probleme gehabt hatte. Aprikoseneisfrau wäre bei mindestens fünf Fragen durchs Raster gefallen.

Mein Plan war, mich auf traditionellen Partnersuchforen anzumelden, dort aber zusätzlich zu den üblichen unzureichenden Informationen zu Größe, Beruf und ob ich Strandspaziergänge mag einen Link zum Fragebogen einzustellen.

Gene und Claudia schlugen vor, ich solle außerdem ein paar richtige Verabredungen treffen, um meine gesellschaftlichen Fähigkeiten zu trainieren. Ich sah ein, dass es sinnvoll wäre, die Fragebögen quasi im Rahmen einer Feldstudie zu validieren, deshalb druckte ich, während ich auf die Online-Antworten wartete, einige Fragebögen aus und begann erneut mit jenem Verabredungsprozedere, das ich für immer ad acta gelegt zu haben dachte.

 

Als Erstes schrieb ich mich für das Programm Tisch für acht