9,99 €
2021 stirbt ein Mann beim Sturz vom Aquädukt bei Fontaine-de-Vaucluse. Der Tote gibt Commissaire Luc Vidal von der Police nationale und der Gerichtsmedizinerin Chloé Nikolaou Rätsel auf. Wer war er? Warum starb er? Wer könnte aus welchem Grund für seinen Tod verantwortlich sein? In den Mittelpunkt der Ermittlungen gerät sehr schnell der Student Xavier Leroy, der einen Aushilfsjob bei diesem Mann angenommen hatte. Luc Vidal und seinem Team bleiben nur etwas mehr als zwei Wochen, um vor dem Trubel des Festival d’Avignon die Stadt und das Departement Vaucluse wieder zu sicheren Orten zu machen. Als bekannt wird, dass der Verstorbene ein starkes Interesse an dem Theaterstück Warten auf Godot hatte, erhält das Dorf Roussillon eine besondere Bedeutung für den Fall. In dem Stück erinnert die Figur Wladimir an die Weinlese in diesem Ort in der Vaucluse: «Da leuchtet doch alles so rot!» Auf seiner Flucht vor der Polizei und einem unbekannten Verfolger, denkt auch Xavier über die Bedeutung des Satzes nach. Um das Rätsel zu lösen, überqueren er und seine Freundin Marie mit Mountainbikes auf versteckten Pfaden die wilde Bergwelt des Plateau de Vaucluse. Ein mörderisches Unterfangen, das sie an ihre Grenzen führt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Innentitel
Über das Buch
Erster Teil: Das Aquädukt
Kapitel 1: Der Fluss
Kapitel 2: Der Koch
Kapitel 3: Der Verdacht
Kapitel 4: Das Verhängnis
Zweiter Teil: Inside a killer’s mind
Kapitel 5: Das Versteck
Kapitel 6: Die Flucht
Dritter Teil: Das Rot der Vaucluse
Kapitel 7: Der Cabanon
Kapitel 8: Der Steinbruch
Anhang
Landschaften und Ereignisse
Erfindung und Wirklichkeit
Über den Autor
Impressum
Tom Burger
DAS ROT DER VAUCLUSE
ÜBER DAS BUCH
2021 stirbt ein Mann beim Sturz vom Aquädukt bei Fontaine-de-Vaucluse. Der Tote gibt Commissaire Luc Vidal von der Police nationale und der Gerichtsmedizinerin Chloé Nikolaou Rätsel auf. Wer war er? Warum starb er? Wer könnte aus welchem Grund für seinen Tod verantwortlich sein? In den Mittelpunkt der Ermittlungen gerät sehr schnell der Student Xavier Leroy, der einen Aushilfsjob bei diesem Mann angenommen hatte.
Luc Vidal und seinem Team bleiben nur etwas mehr als zwei Wochen, um vor dem Trubel des Festival d’Avignon die Stadt und das Departement Vaucluse wieder zu sicheren Orten zu machen. Als bekannt wird, dass der Verstorbene ein starkes Interesse an dem Theaterstück Warten auf Godot hatte, erhält das Dorf Roussillon eine besondere Bedeutung für den Fall. In dem Stück erinnert die Figur Wladimir an die Weinlese in diesem Ort in der Vaucluse: «Da leuchtet doch alles so rot!»
Auf seiner Flucht vor der Polizei und einem unbekannten Verfolger, denkt auch Xavier über die Bedeutung des Satzes nach. Um das Rätsel zu lösen, überqueren er und seine Freundin Marie mit Mountainbikes auf versteckten Pfaden die wilde Bergwelt des Plateau de Vaucluse. Ein mörderisches Unterfangen, das sie an ihre Grenzen führt.
Anmerkung
Diese Geschichte und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten und Namensgleichheiten mit toten oder lebenden Personen oder realen Ereignissen wären rein zufällig.
ERSTER TEIL: DAS AQUÄDUKT
Kapitel 1: Der Fluss
1 _ Dienstag, 22.06.21
Am Ufer lagen Kanus aneinandergereiht. Daneben ragte ein Ponton aus brüchigem Beton in die Sorgue. Die graue Fläche wurde von Scheinwerfern erhellt, deren Licht die im nachtdunklem Wasser tanzenden Algen smaragdgrün aufleuchten ließ.
Zwischen ausladenden Baumkronen war blauschwarzer Himmel mit einem Meer winziger Lichtpunkte darin zu sehen. Vom Fluss drangen Lockrufe der Zikaden und Frösche und von einer Staustufe das Tosen herabstürzenden Wassers in die Nacht.
Es könnte eine provenzalische Idylle und die perfekte Mittsommernacht sein, dachte Commissaire Luc Vidal. Hätten nicht zwei Jugendliche die bleiche Hand eines Menschen im Algendickicht entdeckt.
Er war um zwei Uhr von der Zentrale geweckt und dorthin beordert worden. Am Ufer erwartete ihn eine Frau. Sie trug türkisfarbene Schutzkleidung, war etwa einen Meter sechzig groß, hatte schwarze Pupillen und mandelförmige Augen. «Chloé Nikolaou. Einwandererkind, griechischer Großvater und seit drei Wochen neue Gerichtsmedizinerin», sagte sie, als sie einen Handschuh auszog, um ihn zu begrüßen. «Willkommen im Urlaubsparadies.» Sie gab ihm einen leichten Klapps auf den Unterarm, zog den Handschuh wieder über, ging zu dem Toten, den Beamte der Police municipale bereits aus dem Fluss auf die Anlegestelle gezogen hatten und hob die Abdeckplane hoch. «Nichts für empfindsame Gemüter!», bemerkte sie lakonisch und beobachtete dabei Luc Vidals Gesicht.
Der blickte auf einen zerschmetterten Körper, mit graubraunem schulterlangem Haar, verdrehten, von Algen und Ästen umkränzten Gliedmaßen und Fragmenten dessen, was einmal ein menschliches Gesicht gewesen war. Der Tote war etwas füllig, mittelgroß und von unbestimmbarem Alter.
«Er wird dahinten runtergestürzt sein.» Ihre Hand zeigte in eine unbestimmte Richtung flussaufwärts. «Das Aquädukt. Fast dreißig Meter Höhe. Vielleicht war es Selbstmord. Vielleicht aber auch Mord. Danach hat es ihn bis hierhergetrieben und die Teenager haben ihn beim Knutschen entdeckt. Viele seiner Verletzungen resultieren vermutlich aus der Zeit im Fluss. Ich schätze, zwei Tage.»
Von dem, was von ihm noch erkennbar sei, gleiche er der Beschreibung nach einem derzeit Vermissten. Sie würde den Toten jetzt nach Nîmes in die Unité Médico-Judiciaire, das Gerichtsmedizinische Institut überführen lassen, wenn vonseiten der Police nationale nichts dagegenspreche. Hier vor Ort könne sie nichts weiter tun. Chloé Nikolaou sah Luc Vidal fragend an. Der nickt zustimmend, verabschiedete sich und ließ sich dann von einem der örtlichen Polizisten zum Aquädukt fahren.
«Es war immer da. Eine Konstante in meinem Leben. Wie der Fluss und die Quelle. Ich bin mit und auf dem Aquädukt groß geworden.» Sous-brigadier Léon Roussel war mit Luc Vidal die kurze Strecke flussaufwärts gefahren und hatte knapp einen Kilometer von der Fundstelle des Toten entfernt das Polizeifahrzeug neben einem der Pfeiler geparkt. «Wir müssen hier hoch. Es ist steil und unwegsam. Aber das war schon der Pfad, den wir als Kinder genommen haben. Streng verboten natürlich …». Er zeigte auf eine ausgetretene Spur, die im Wald hinauf zum Canal de Carpentras führte. «Was glauben Sie, was wir da oben finden können, Monsieur le Commissaire?»
«Erkenntnis!»
Roussel hatte den Commissaire schnell hinter sich zurückgelassen. Vidal kämpfte mit den Widrigkeiten des Geländes, einem steilen Anstieg auf kaum Halt bietendem Sandboden, der zudem von Wurzeln durchsetzt war, die sich im Dunkel der Nacht als Stolperfallen erwiesen. Ein schwaches Geräusch ließ schließlich fließendes Wasser erahnen und wenige Schritte weiter stand er auf ebenem Grund. Links verlor sich das Geräusch unter den Pinien. Er blieb stehen und atmete den Duft der Bäume ein. Knapp einen Meter vor sich konnte er, schwärzer als die umgebende Dunkelheit, die Rinne des Kanals erkennen.
Roussel war bereits auf das Aquädukt hinausgetreten und wartete etwa auf der Mitte des Bauwerks. «Von hier muss der Mann gestürzt sein, an dieser Stelle befinden wir uns direkt über dem Fluss», erklärte er Vidal, lehnte sich gegen das Geländer und bewegte wiegend seinen Oberkörper. «So ganz einfach hinunterzufallen ist schwierig, glaube ich. Selbst bei Sturmböen. Dann wird das zwar sehr ungemütlich hier oben und man kann schon Panik bekommen. Trotzdem kippt man nicht einfach hier rüber.» Er zerrte mit beiden Händen an der metallenen Griffleiste, um zu dokumentieren, dass das Geländer solider war, als es auf den ersten Blick wirkte.
«Wie häufig ist hier schon jemand hinabgestürzt?», fragte Vidal und sah nachdenklich in die Dunkelheit hinab. Vereinzelt bewegten sich Gruppen von Schaulustigen unter dem Aquädukt hindurch zur immer noch hell angestrahlten Fundstelle des Toten am Ufer. Er konnte glimmende Zigaretten erkennen, die wie Glühwürmchen über eine nächtliche, von der Polizei gesperrte Landstraße schwirrten.
«Unfreiwillig, glaube ich, noch niemand. Die Zahl der Selbstmörder kenne ich nicht.»
Nach einer Weile des Schweigens fragte Vidal: «Wie würden Sie von hier in den Tod springen? Mit den Füßen voran und mit Blick auf die Berge des Luberon oder mit einem Kopfsprung, so wie im Schwimmbad?»
«Mit den Füßen voran … oder liegend … Ja, ich glaube, liegend, mit dem Rücken voran. Man muss über das Geländer klettern und lässt sich dann irgendwann los. Mit dem Kopf voran oder mit dem Blick nach unten zu springen, trauen sich wahrscheinlich nur die wenigsten. Man sieht das Ende auf sich zurasen und ahnt den Schmerz und den Tod, der auf einen wartet.»
«Gut kombiniert, Sous-brigadier! Es gibt Studien dazu. Streng genommen lässt sich sogar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anhand der Leiche bestimmen, ob es ein Unfall oder ein Selbstmord war. Oder ob es etwa ein Mord gewesen sein könnte. Allerdings müsste man dazu den Toten so auffinden, wie er nach dem Sturz am Boden liegt, was bei unserem nicht der Fall ist.»
2 _
Chloé Nikolaou würde einige Stunden am Seziertisch benötigen, bevor sie mögliche neue Erkenntnisse über den Toten präsentieren könnte. Zudem hatte sie die halbe Nacht mit der An- und Abfahrt sowie der ersten Untersuchung am Fundort der Leiche verbracht und würde ihren Arbeitstag vermutlich erst nach einigen Stunden Schlaf beginnen. Luc Vidal sah auf die Uhr. Es war inzwischen kurz nach sechs, vor über drei Stunden hatte ihn das Telefon zwei Tage vor seinem Urlaubende aus dem Schlaf gerissen, er war müde und frustriert. Er hatte bei Sue geschlafen, und die Nacht hätte in ein Erwachen mit einer berauschenden Melange von Schläfrigkeit und Lüsternheit münden können. Vielleicht nach vielen Jahren einmal wieder mit Sex noch vor dem Aufstehen mit ihr. Danach durch die Vorhänge blinzelnd den aufziehenden Tag betrachten und später im Bett frühstücken.
Stattdessen stand er wieder am grell von Scheinwerfern ausgeleuchtetem Ufer der Sorgue. Kleine Gruppen lokaler Polizeieinheiten suchten weiter nach Objekten, die eine Identifizierung des bislang unbekannten Toten ermöglichen könnten. Am Morgen würden noch Taucher den Grund des Flusses an der Staustufe absuchen. Es gab keinen stichhaltigen Grund, sich in den nächsten Stunden weiter mit diesem Fall zu befassen. Vidal entschied, nach Colombier in seine Wohnung zurückfahren, die er in einer Remise im alten Weingut seiner früheren Freundin, der Künstlerin Sue Addington, bewohnte.
Es war sieben, als er sich wieder ins Bett legte. Um acht klingelte das Telefon. «Ich habe da was entdeckt. Sie sollten kommen!», sagte die Gerichtsmedizinerin. Vidal blieb reglos im Bett liegen, in langen Zügen atmend. Dann öffnete er die Augen und starrte minutenlang unschlüssig die Decke an.
Das für Avignon zuständige Gerichtsmedizinische Institut war an der Universität von Nîmes angesiedelt, gut fünfundvierzig Kilometer vom Commissariat central in Avignon entfernt. Luc Vidal musste einen PCR-Test nachweisen und seine persönlichen Daten angeben. Polizeiarbeit in Coronazeit.
«Schlafen Sie nie?», fragte er.
«Doch. Aber es gibt einen Fall.» Chloé Nikolaou wirkte müde. Ihre Lider bedeckten die mandelförmigen Augen deutlich weiter, als er es in der Nacht registriert hatte. Da war es der schnelle Blick des professionellen Beobachters gewesen, der Merkmale, Gesichtsausdruck und insbesondere den Blick seiner Gegenüber erfasste. Jetzt screente er sie erneut, mit größerer Neugier und versonnen. Sie hatte eine sonnengebräunte Haut, welliges schwarzes Haar, schmale Schultern. Ein filigranes Wesen, mit einer, wie er in Anbetracht ihres Berufes vermutete, robusten Persönlichkeit.
Sie holte ihn zurück in die Realität. «Von der Körpergröße, der Statur, dem Gewicht und dem Alter, wie es aus der Akte hervorgeht, könnte es tatsächlich der Vermisste aus Avignon sein.» Sie hatte im Sektionssaal abrupt die Abdeckung von der Leiche gezogen. «Die Beschreibung der Haarlänge passt ebenfalls. Rein optisch lässt sich sonst allerdings keine Aussage treffen. Wir haben es mit einer fast vollständigen Zertrümmerung des Schädels zu tun. Die Kopfschwarte ist zerrissen, Teile des Gehirns sind herausgeschleudert worden … ein wahrhaftiges Schlachtfeld. Das ist grundsätzlich nur durch die Einwirkung enormer Kräfte möglich. Also zum Beispiel bei einem Sturz aus großer Höhe oder einem Zusammenstoß mit einem schnell fahrenden Fahrzeug. Im letzteren Fall wäre der Körper aber abgeprallt und würde diverse weitere Verletzungsmuster aufweisen. Auch am Unterkörper … Becken, Beine … Dem ist aber nicht so.»
Sie betrachtete Luc Vidal, der den zertrümmerten Toten ansah und sichtbar bemüht war, gelassen zu wirken. Sie ahnte, dass dies nicht der Fall war. «Was interessant sein könnte, sind Einschlüsse in der Haut an der Auftreffstelle. Da dort alles zerfetzt ist, konnten wir bislang nicht viel entdecken. Aber hier», sie zog ein Stück aus einer Schale am Kopfende des Seziertisches, «gibt es kleine Punkte, die ein gewisses Muster aufweisen. Es ist schwer zu sagen, woher dieses resultiert, aber ich habe feine mineralische Rückstände darin entdeckt. Sobald wir die analysiert haben, wissen wir zumindest mehr über die Beschaffenheit des Aufschlagsorts. Ob es ein Felsen im Fluss sein könnte, eine Landfläche einer bestimmten Struktur und Mineralität oder etwas anderes. Dann könnten Sie herausfinden, wo dieser Aufschlagort liegt. Vielleicht hat jemand den Körper post mortem in den Fluss geschafft, was bei einem Unfall oder Selbstmord ungewöhnlich wäre. Allerdings kann erst die Obduktion zeigen, ob der Mann noch lebte oder bereits tot war, bevor er in Kontakt mit dem Wasser kam. Dafür benötigen wir aber noch die gerichtliche Anordnung.» Sie lächelte.
«Nicht schlecht für die wenigen Stunden Nachtarbeit!» Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie erstaunt an. Die Gerichtsmedizinerin legte nach. Mehrere Minuten lang folgten Beschreibungen zu Details der Verletzungen, die sie bereits identifiziert hatte und deren mögliche Ursachen – wie der Körper gefallen sowie anhand der Verletzungen zu urteilen, aufgeprallt sein musste und mit welcher Wahrscheinlichkeit ein solcher Fall auf zum Beispiel Unfall, Selbstmord oder Fremdeinwirkung schließen ließe. Und alles in allem könne sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass der Mann beim Sturz von dem Aquädukt bewusstlos gewesen war. Sie verlieh jedem Detail in ihrem Vortrag eine besondere Bedeutung.
«Das war jetzt viel dramaturgische Tiefe», bemerkte Luc Vidal. «Lieben Sie Ihren Beruf?»
«Na klar. Er ist spannend. Außerdem vermutlich der einzige, wo es niemanden stört, wenn ich morgens nach Knoblauch, zu vielen Zigaretten und vielleicht noch dem Wein der vorhergehenden Nacht rieche. Meinen Kunden hier ist alles egal. Das passt.»
3 _
Der Schreibtisch im Commissariat central war aufgeräumter, als er es vor Lucs Urlaub gewesen war. «Ich habe in den drei Wochen Ordnung geschafft», bemerkte Nicolas Gauthier. «Ist es für dich gut, wieder hier zu sein?»
«Teils, teils. Man kann sich an Urlaub gewöhnen.» Eine Weile betrachtete der Commissaire schweigend die Ordnung auf dem Schreibtisch, die gewohnte Umgebung, die Kollegen, sog den vertrauten Duft der Räume ein und klopfte schließlich unvermittelt mit zwei Fingern auf den Tisch. «Welche Informationen gibt es zu dem Vermissten?»
Nicolas Gauthier griff nach einem dünnen Aktendeckel und reichte ihn seinem Partner. «Da du eigentlich noch im Urlaub bist, habe ich dir ausgedruckt, was wir wissen.»
Der Vermisste war von einem Xavier Leroy gemeldet worden. Student. Theaterwissenschaft. Auf der Suche nach einem Job. Den hatte er dann über den Aushang an der Uni entdeckt. Assistent eines Journalisten. Eine begehrte Tätigkeit während des Festival d’Avignon: drei Wochen lang Theater pur. Recherche zu Stücken, Ensembles, Schauspielern, Regisseuren, zu VIPs, die nach Avignon kommen würden, zu diesjährigen Besonderheiten im Rahmen des Festivals und zu bislang nicht veröffentlichten Informationen. Er sollte eine Wochenpauschale und Auslagen bezahlt bekommen. Ein lukrativer Job bei einem Mann, der sich ihm als Jean Richard vorgestellt hatte. Sie hatten einen Vertrag geschlossen. Eine Seite. Wenige vage Absichtserklärungen und Aufgabenbeschreibungen, Richards Adresse in Genf und die von Xavier. Handschriftlich eingesetzt. Kein Datum. Vierhundert Euro Anzahlung in bar. Beide hatten für den nächsten Tag ein weiteres Treffen vereinbart, zu dem Richard jedoch nicht erschien. Nach einem weiteren Tag und vergeblichen Anrufen hatte Xavier sich an die Police nationale gewandt.
«Die Adresse in Genf?», fragte Luc über den Rand der Aktenmappe blickend.
«Nichts!»
«Jean Richard?»
«Nicht beim Festival akkreditiert, nicht in Genf gemeldet!»
«Seine Telefonnummer?»
«Prepaid-Karte aus dem Supermarkt … Weiter kommen wir nicht. Es gibt einen Vermissten und einen unbekannten Toten, aber noch keinen Fall. Also bislang auch keine DNA-Analyse, keine Überprüfung von Fingerabdrücken, keine Nachfragen bei Interpol.»
«Und Xavier?»
«Wurde informiert, dass du ihn möglicherweise anrufst.»
Nicolas hatte begonnen, mit einem Bleistift zu spielen, den er zwischen den Fingern drehte. Luc beobachtete ihn dabei. «Also was? Immer wenn du mit dem Bleistift spielst, ist was im Busch …»
Der legte den Stift beiseite, stand auf und schloss die Tür. «Das Theaterfestival steht an. Dann verschwindet ein vermeintlicher Journalist, der vorgibt, darüber berichten zu wollen. Wenige Tage später wird ein unbekannter Toter unterhalb des Aquädukts bei Fontaine-de-Vauclusegefunden. Das wirft Fragen auf. Der Chef möchte, wie er sagt, proaktiv vorgehen. Du kennst ihn. Bloß keine Überraschungen. Keine politischen Konsequenzen. Du mögest den Fall, der noch keiner ist, vorausschauend sondieren. Wenn das für dich an deinem letzten Urlaubstag möglich wäre. Er würde sich freuen. Er will vorbereitet sein. Du wärest also wieder im Dienst, ohne eigentlich im Dienst zu sein.»
Noch stand ihm dieser Tag Urlaub zu. Keine Pflichten. Dienst nach Laune, nicht nach Plan. Ermittlungen aus dem Liegestuhl. Shorts anstelle von Anzug oder Uniform. Luc fand es verlockend.
Von Sue war eine Nachricht gekommen: «Muss nach Paris, wirf bitte einen Blick auf den Garten». Plötzlich sehnte er sich nach Colombier, nach der Ruhe und der Abgeschiedenheit in dem Ort. Nach dem ehemaligen Weingut, in dem Sue ihm eine Remise vermietete. Provenzalisches Landleben. Ein Kontrastprogramm zur Hektik im Commissariat central, zum Zweckbau des Hôtel de Police am Boulevard Saint-Roch.
Dreißig Minuten später hatte er den Sehnsuchtsort erreicht. Der blassblaue Himmel kündigte einen Wetterwechsel an. Hoch über dem Mont Ventoux zeichneten Kondensstreifen ein bizarres Bild. Sie verschwammen mit Wolkenschlieren, die langsam das Blau überzogen. In der Nacht könnte es Regen geben. Vielleicht.
Luc ließ den Aktendeckel mit den dürftigen Informationen im alten Citroën DS liegen, zog die Schuhe aus und ging barfuß mit der Gießkanne bewaffnet über die sonnengewärmten Kieswege. Eigentlich besaß er kein Gärtnergeschick. Und eigentlich war Gartenarbeit nicht seine Welt. Aber andererseits genoss er die Duftfülle und Farbenpracht: Rosensträucher mit karmesinroten und safrangelben Blüten, Rankrosen mit flamingofarbenen Blüten, die sich in Kaskaden von ockergelben Bruchsteinen herab ergossen, violett leuchtender Lavendel,zartblaue Malven, immer wieder üppig blühender Oleander und über alle Mauervorsprünge rankende Bougainvilleen. Sue ließ dieses Erlebnis in jedem Frühjahr mit Hingabe und Geschick aus kahlen Büschen und winterkargen Beeten entstehen. Zumindest bis zum offiziellen Dienstbeginn würde er sie unterstützen. Aus Eigennutz!
Xavier Leroy blieb auch beim dritten Versuch telefonisch unerreichbar und Vidal hinterließ ihm als Nachricht, dass man sich in Avignon treffen könne. Ganz entspannt in einem Café. Er schlug den frühen Nachmittag vor. Vielleicht direkt morgen. Xavier möge sich bitte kurz dazu melden. Später kam noch ein Anruf von Chloé Nikolaou. Sieschließeeinen Unfall aus, sagte sie. Kein versehentlicher Sturz vom Aquädukt und kein Autounfall. Es bleibe Mord oder Selbstmord.
«Ein konkreter Mordverdacht?»
«Noch nicht. Bis morgen werde ich einen vorläufigen Bericht fertig haben. Vielleicht gibt es interessante Aspekte. Sie könnten ja noch einmal bei mir vorbeischauen. Wir plaudern etwas und schauen dabei ein wenig auf und in den Körper unseres Kunden hier. Kommen Sie so gegen elf. Dann können wir danach eine Kleinigkeit essen gehen. Ich kenne ein Bistro hier in der Gegend. Wäre das für Sie in Ordnung, Monsieur le Commissaire?»
«Oui, bien sûr!»
4 _ Mittwoch, 23.06.21
Zweiunddreißig Stunden hatte der Körper eines unbekannten Toten bereits in der Kühlzelle und auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin in Nîmes gelegen, als Chloé Nikolaou Luc Vidal erneut zu «unserem Kunden» führte. Sie hatte auf den weiterhin inoffiziell ermittelnden Commissaire vor dem Institut gewartet. «Zigarettenpause gemacht?», fragte er, als sie gemeinsam durch die Gänge der Unité Médico-Judiciaire gingen.
«Ich bin tatsächlich nur Gelegenheitsraucherin. Sehr sporadisch. Wenn jemand weiß, was das mit dem menschlichen Körper macht, dann ich. Bei mir liegt immer ein guter Anteil von Nikotin-Junkies auf dem Tisch. Und es sieht nicht schön aus, was man da nach dem Öffnen so alles sieht.» Sie zog die Leiche aus der Kühlzelle und den Reißverschluss des Leichensacks auf. «Jedenfalls haben wir hier unseren Kunden.»
Vidal betrachtet das ypsilonförmige Schnittmuster auf dem Körper. Brust- und Bauchraum waren geöffnet worden. Weitere Schnitte waren im Kopf und Beckenbereich erfolgt.
«Wir mussten gründlich vorgehen. Alles ansehen und analysieren. Weichteile, Organe, Knochenbrüche. Einige Laborergebnisse von toxikologisch relevanten Blutwerten stehen noch aus.»
«Und …?»
«Schwierig! Bei einem Sturz aus großer Höhe ist nicht alles so klar zu interpretieren. Zudem hat der Körper lange Zeit im Wasser gelegen und ist dabei durch die Strömung immer wieder gegen Hindernisse geprallt. Das hat weitere Verletzungen hervorgerufen. Wir haben Holzsplitter entdeckt, die nur aus dem Flussbereich stammen können. Die Sorgue fließt schnell, insbesondere an der Staustufe. Und das Wasser ist nicht sonderlich tief. In der Konsequenz lässt sich nicht eindeutig sagen, ob wir aus den Verletzungen auf Fremdeinwirkungen vor dem Sturz schließen können. Außer hier.» Sie zeigte auf dunkle Verfärbungen an der Innenseite des linken Oberarms und neben dem rechten Fußknöchel. «Die könnten von einem kräftigen Zupacken herrühren. Hämatome, die möglicherweise durch Finger verursacht worden sind. Als der Körper über die Brüstung gestoßen oder geworfen wurde.»
«Das ist alles? Keine weiteren Indizien für Mord?»
«Keine wirklich belastbaren. Der Aufprall erfolgte mit dem Kopf voran. Bei Suiziden schlägt der Körper meist mit dem Rücken auf. Ansonsten haben wir das typische Verletzungsmuster für einen Sturz aus fast dreißig Meter Höhe. Dabei schlägt ein Körper mit gut neunzig Stundenkilometern auf und wird massiv zertrümmert. Die geringe Wassertiefe wird den Aufprall auf einem steinigen Flussbett nur partiell gebremst haben.»
«Also kein Aufschlagsort außerhalb des Flusses?»
«Unwahrscheinlich. Es wären in diesem Fall vermutlich alle Organe und Gefäße betroffen und die äußeren Verletzungen noch gravierender. Zudem hätte es einen Rückschlag durch den Aufprall gegeben. Das heißt, der Körper wäre wie ein Ball wieder hochgeflogen und erneut aufgeschlagen. Aber dafür haben wir keine Anhaltspunkte gefunden.»
Sie sah Vidal einen Augenblick lang schweigend an, dann zog sie den Reißverschluss am Leichensack wieder zu. «Und nun zu Ihrer noch nicht gestellten Frage nach dem Todeszeitpunkt: Den können wir nur sehr vage beantworten. Die Körpertemperatur ist in diesem Fall kein Faktor. Das Wasser der Sorgue ist sehr kalt. Das hat den normalen Prozess der Körperauskühlung stark beeinflusst. Wir können also diesen Indikator nicht zur Bestimmung heranziehen. Dafür ist die Veränderung der Haut ein Indiz dafür, dass sich der Körper bereits geraume Zeit im Wasser befunden hat, bevor die Leiche entdeckt wurde, womit zumindest die Fundnacht als Todeszeitpunkt nicht infrage kommt. Ich gehe davon aus, dass der Tod zwei bis maximal drei Tage vor dem Auffinden der Leiche eingetreten ist.»
«Das trifft dann etwa mit dem Datum zusammen, an dem ein Xavier Leroy einen Jean Richard als vermisst gemeldet hat. Samstag. Eigentlich kann das kein Zufall sein.»
«Wie sieht dieser Leroy das?»
«Ich treffe ihn später kurz in Avignon und werde ihn fragen.»
Beim Mittagessen im Bistro erzählte Chloé von ihrer Familie. Von der Kindheit in einem Arbeiterhaushalt mit Migrationshintergrund. «Wo war das?», fragte Luc.
Sie zeigte über den Tisch hinweg nach Süden. «Camargue. In einem winzigen Ort zwischen Salzseen, schwarzen Stieren, weißen Pferden, pinkfarbenen Flamingos und Trilliarden von Mücken.»
Er sah sie fragend an.
«Ein belgischer Chemiekonzern hat dort in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein Werk errichtet. Produkte aus dem Salinensalz. Da nach den Kriegen die Männer fehlten, die in den Schützengräben dem deutschen Großmachtstreben zum Opfer gefallen waren, hat man griechische Arbeiter angeheuert. So kamen meine Großeltern hierher. Und da alle irgendwo wohnen mussten, hat der Konzern mitten in der Camargue eine ganz typisch belgische Arbeitersiedlung errichtet. Das ist echt kurios.»
«Und da ist die kleine Chloé großgeworden und hat ihre Leidenschaft für Leichen entdeckt?»
«Die Erkenntnis, dass Tote umgänglicher sind als Lebende, kam später.»
Sie grinsten sich beide über die Vorspeisen hinweg an.
«Und das führte zur Pathologie?» Luc hatte die Arme angewinkelt, sein Kinn auf die Fäuste gestützt und beobachtete Chloés Mimik beim Sprechen.
«Nach einigen weiteren Versuchen, es mit Lebenden aufzunehmen, ja. Das mag an meiner Persönlichkeit liegen. Vermutlich würde man die als schwierig bezeichnen.»
«Was zeichnet die aus?»
«Mangel an Höflichkeit. Direktheit. Eigensinn. Arroganz. Ungeduld.»
«Klingt doch vielversprechend. Für eine Pathologin perfekt.» Sie grinsten sich erneut an.
«Und nun zu Luc Vidal. Was hat Sie zur Polizei gebracht? Der sichere Arbeitsplatz? Das Bedürfnis, der Menschheit zu helfen? Auf der Seite der Guten zu sein?»
«Es war viel simpler. Ich konnte mir nach meinem Jurastudium nicht gut vorstellen, als Anwalt zu arbeiten. Ich war nicht der Typ dafür. Und die Vorstellung, womöglich als Strafverteidiger denen beizustehen, die ich nicht mochte, schien mir unerträglich. Das war so im Großen und Ganzen die Überlegung. Hätte mir auch zum Abschluss meiner Schulzeit einfallen können. Ist es aber nicht. Ich habe mich dann bei der Police nationale beworben und man hat mich angenommen. Das war es. Der Rest hat sich von allein ergeben.»
«Höre ich Resignation?»
«Nicht mehr, als sie sich in jedem anderen Job ebenfalls eingestellt hätte. Man wird Teil eines Systems. Das System bewegt dich, nicht umgekehrt. Ich werde die Welt nicht verbessern, ich kann sie nur für wenige Augenblicke etwas sicherer machen. Aber zurück zur Salinenstadt. Was ist zwischenzeitlich passiert? Lebt ihre Familie noch dort?»
Chloé widmete sich mit der Gabel dem weiteren Gang ihrer Tagesmenüs, brach ein kleines Stück Doradenfilet ab, schob es in den Mund und schüttelte kauend energisch den Kopf. «Nein! Meine Mutter ist nach dem Tod meines Vaters nach Marseille zu ihrer Schwester gezogen. Das Haus gehört uns aber noch. Ich fahre gelegentlich am Wochenende dorthin. Kitesurfen, Radfahren, am Strand joggen.»
«Klingt gut.»
«Ist gut. Außerdem gibt es in der Gegend deutlich besseren Fisch als diesen, der ein bedauerliches Ende als wenig ambitioniert zubereiteter Bestandteil eines plat du jour gefunden hat.»
«Das mit dem Fisch klingt noch besser.»
«Ist besser. Fangfrisch und exzellent zubereitet.»
«In Ihrer Küche?»
«Im Restaurant.»
«Ließe sich bei Gelegenheit daran teilhaben?»
Sie schob ihren Teller beiseite, faltete die Serviette und legte diese auf das nur halb verzehrte Fischfilet. Dann lächelte sie kurz. «Man wird sehen!»
Kapitel 2: Der Koch
5 _
«Bohnensuppe?»
«Bohnensuppe! Mit pistou! Du scheinst nicht begeistert zu sein.» Anselm Bernhard hatte einen geflochtenen Einkaufskorb auf die Steinplatte der Kochinsel gehoben und zwischen sich und den Kommissar gestellt. «Das ist sehr provenzalisch!», ergänzte er und vollzog mit beiden Armen eine Geste, die alles um sie herum an der Suppe beteiligte.
Luc Vidal hob prüfend den Korb an, dann schüttelte er den Kopf. «Unerwartet!», sagte er schließlich.
Sie hatten irgendwann einen Kochabend eingeführt. Ein gelegentliches Männermeeting. Kochbuchautor und Kommissar. Es waren Abende, die nachmittags begannen, bis in die Nacht reichten, unzählige geleerte Weinflaschen hinterließen, in Anselms Küche einen professionellen Rahmen und oft genug den Zuspruch zahlreicher Freunde der beiden fanden.
«Wir machen das, was du immer machst. Suchen, analysieren, kombinieren, entdecken. Heute entdecken wir das Einfache. Das, was mit etwas Ambition aus lokalen, frischen und naturbelassenen Zutaten in einem Blechtopf über der offenen Flamme gekocht werden könnte. Was aus dem eigenen Garten mit einfachsten Mitteln, aber mit Sorgfalt zu köstlichen Gerichten veredelt werden kann. Es geht um Wertschätzung und um Aromen, um vermeintlich simple Zutaten wie Bohnen! Es geht um das Sehen, das Fühlen, das Riechen und dann, ganz zum Schluss, um das Schmecken. Genuss aus einer einfachen Zubereitung von dem zu gewinnen, was jederzeit zur Hand ist.»
Er klopfte mit den Fingerspitzen auf den Korb, den Luc Vidal wieder zwischen sie gestellt hatte. «Hier. Alles heute Morgen gekauft. Frisch vom Markt und bis auf den Gruyère ausschließlich Bio von Bauern in der Region. Die erste Ernte des Jahres.» Er hob händeweise Hülsen rot gesprenkelter Borlotti-, weißer, grüner und Stangen-Bohnen, Tomaten, Kartoffeln, Knoblauch, einen duftenden Strauß Basilikum und ein großes Stück harten, bröckeligen französischen Gruyèrekäse aus dem Korb, breitete die Zutaten voneinander getrennt vor sich aus und stellte noch eine unscheinbare Flasche mit abgefülltem Olivenöl seiner eigenen Bäume dazu. «Knoblauch, Basilikum, Käse und Olivenöl für den Pistou. Der Rest für die Suppe.»
«Soupe au pistou. Es erinnert mich an meine Großmutter. Sie hat Hörnchennudeln und scharfe Wurst dazu genommen. Das entfällt bei uns?»
«Das wird auch ohne Wurst und Nudeln lecker, das ist gesund, das gibt deinen Muskeln und deinem Hirn viel Eiweiß und erspart dir mit sehr vielen Ballaststoffen unnötige Kalorien. Kann vielleicht nicht schaden!»
«Danke. Habe ich heute schon mal gehört. Etwas netter. Ich würde mit gutem Appetit essen …».
«Vermutlich treffend beobachtet. Von wem …?»
«Chloé Nikolaou. Maria Falcones Nachfolgerin in der Gerichtsmedizin.»
«Was führte euch zusammen? Du bist nicht im Dienst.»
«Mein Drang, zu plaudern. Bei einem plat du jour.» Luc Vidal griff eine Handvoll der marmorierten Bohnenhülsen und begann, die rot gesprenkelten Keime herauszubrechen. «Kommen wir zum Thema zurück: Die Bohnensuppe. Wer soll solche Mengen essen?»
«Wir werden zu dritt sein.» Anselm Bernhard schnitt die grünen Bohnen in kurze Stücke und hob dann den Kopf. «Frag mich!»
«Also gut. Wer?»
«Sie heißt Anaïs und ist nett! Ansprechend! Fast in unserem Alter! Sie malt hübsche Aquarelle. Küchenszenen. Teller, Töpfe, Gemüse und Hände, die Speisen zubereiten. Ich habe diese Bilder in einem Laden im Ort entdeckt. Touristen kaufen so etwas. Als Erinnerung an die Provence. Vielleicht malt sie für mich. Illustrationen für Kochbücher. Das wäre tatsächlich mal was Neues. Du bekommst sowohl Anaïs als auch die Aquarelle als Erster zu sehen.»
6 _ Donnerstag, 24.06.21
Der Abend war lang geworden. Mit kalt servierter soupe au pistou in Anselms Garten. Mit Weitblick. Auf Olivenbäume und dahinter den Mont Ventoux. Dazu Chardonnay. Anaïs hatte vom Landleben erzählt. Vom Kindsein im Hochtal von Sault. Vom Malen. Von Tagträumen, die sie mit Tusche und Bleistift verewigt hatte.
Luc Vidal kam nachts nach Colombier zurück. Im Licht seiner Taschenlampe rollte er den Gartenschlauch aus, versorgte die Pflanzen mit Wasser, saß anschließend lange auf den Stufen zu seiner Remise und lauschte den Paarungslauten von Zikaden und Fröschen. Millionenfach auf- und abschwellendes Zirpen und durchdringendes Quaken. Der langsame Ausklang des Urlaubs. Er hatte sich daran gewöhnt.
Morgens fuhr er nach Avignon. Aus Gefälligkeit. Noch nicht wieder offiziell. Aber es war der schleichende Beginn der Routine. Ein pain aux raisins aus der Boulangerie, ein Kaffee aus dem Automaten im Commissariat central, der Platz am vertrauten Schreibtisch, die Berichte der Kollegen über vielfältige Facetten von Kriminalität.
«Wir haben den DNA-Abgleich genehmigt bekommen. Die Spuren auf Xaviers Vertrag mit der des Toten vom Aquädukt, den er uns bei seiner Vermisstenanzeige hiergelassen hat. Es ist jener mysteriöse Jean Richard! Chloé Nikolaou tendiert dazu, dass es Mord war.» Nicolas Gauthier schob Luc einen Ausdruck des Laborberichts über den Tisch.
«Und Xavier?» Luc lehnte sich im Bürostuhl zurück und zog den pain aux raisins aus der Tüte. «Ein unbekannter vermeintlicher Journalist, also eigentlich ein Niemand, und ein Student. Man kennt sich nicht. Man hat nicht einmal eine konkrete Vorstellung von dem, was man voneinander will. Aber der Niemand zahlt vierhundert Euro. Als Vorschuss. Einfach so.» Er biss ein Stück von der Rosinenschnecke ab, kaute gelangweilt und schluckte die zu Brei zerkleinerte Teigmasse mit einem Schluck Automatenkaffee hinunter. «Das ist im besten Fall ungewöhnlich!»
«Außer, der Niemand hatte da einen Plan, von dem der Student zunächst nichts ahnte …»
«… der da hätte sein können …?»
«… sagen wir mal: konkreter!»
«Dergestalt konkreter, dass Niemand ein Ziel verfolgt hat, bei dem Student eine Rolle spielen sollte … was bedeuten könnte, dass Niemand Student bereits kannte oder zumindest wusste, dass der in seinen Plan passt.»
«Oder aber, dass Niemand bei seiner Personalsuche zufällig mit Student genau die richtige Person fand, die er für seinen Plan gesucht hatte?»
«In etwa so!»
«Was könnte eine richtige Person ausmachen?»
«Sie wäre jung und attraktiv …?»
«Vermutlich!»
«Und sie würde Theaterwissenschaft studieren …? Das wäre zumindest passend für die Festivalzeit. Bleibt die Frage des Zwecks.» Vidal schob den letzten Bissen des pain aux raisins in den Mund und warf die zerknüllte Tüte in den Papierkorb. «Zum Festival kommen Schauspieler in die Stadt. Es kommen theaterbegeisterte Touristen, viele von ihnen gutsituiert, älter. Dazu Journalisten aus ganz Europa, Prominenz … Und Xavier ist jung, ein attraktiver Mann, intelligent, hat fachliche Expertise.»
«Alle sind hier fremd. Sie könnten Begleitung gebrauchen … Dienstleistungen … manche vielleicht Drogen … oder Sex.»
«Genau das! Und wenn Xavier selbst noch nicht auf die Idee gekommen war, sich zu vermarkten, ist Richard es vielleicht … Xavier wäre ein perfekter Escortboy. Das dürfte lukrativ sein. Und vielleicht war es das bereits … Potenzielle Kundinnen oder Kunden mögen schon im Vorfeld des Festivals hier abgestiegen sein … in der Stadt oder im Umfeld des Aquädukts.»
«Und dann läuft eine Nacht nicht wie geplant. Xavier vereinbart ein Treffen mit Richard auf dem Aquädukt … ungesehen, ungehört … Und dort eskaliert die Situation.»
«So ungefähr. Wäre zumindest eine Handlungsoption. Etwas glamourös im Setting, aber nicht unwahrscheinlich. Wir sollten uns vor Ort einmal umsehen.» Luc ging zu einem grauen, unansehnlichen Büroschrank. Zwischen Detailkarten der Region fand er schließlich die,auf der das Aquädukt dargestellt war.
Er faltete die Karte auf dem Tisch auseinander und beugte sich darüber. «Das Tal beginnt mit der Quelle der Sorgue etwas außerhalb von Fontaine-de-Vaucluse. Darum herum ist ausschließlich Landschaft. Fast senkrecht aufsteigende Berge, schroffe Täler, kein einziges Haus, kein weiterführender Fahrweg. Zwei Kilometer flussabwärts dann der Ort, der dem Aquädukt den Namen gegeben hatte: Galas. Über das Aquädukt fließt der Canal de Carpentras. Entlang der Sorgue führt eine Straße in das Tal hinein und auf der anderen Seite des Flusses wieder heraus. Ringverkehr. Damit sind alle Möglichkeiten erschöpft. Nach einem weiteren Kilometer überquert eine Straße den Fluss und verbindet diesen Ringverkehr. Das ist die Stelle, an der Richards Leiche angespült wurde. Richard hatte also nicht viele Möglichkeiten, zu dem Punkt zu gelangen, von wo er in die Tiefe stürzte.»
Luc tippte mit dem Finger auf die Karte. «Wir müssen klettern. Und wandern. Also los. Suchen wir nach einer Spur. Vielleicht bekommen wir eine Idee, warum man sich dort nachts trifft. Oder zumindest eine Inspiration.»
Es war früher Vormittag, als Luc an der Sorgue den Wagen anhielt. «Hier wurde Richard angespült, knapp einen Kilometer vom Aquädukt. Ein Wunder, dass die Leiche nicht bereits vorher entdeckt wurde.» Sie fuhren weiter bis zu dem Pfeiler, den Sous-brigadier Roussel angesteuert hatte, und stiegen den gleichen Pfad hinauf. Bei Tageslicht konnte er nun die metallene Barriere am Zugang zum Aquädukt in Augenschein nehmen, die Radfahrern das Passieren erschweren sollte. Ein offensichtlich vergebliches Unterfangen, wie er an der Gruppe von Radlern erkennen konnte, die vor ihnen das Hindernis überwanden und auf dem schmalen Steinpfad zwischen Kanal und Abgrund in schwindelerregender Höhe sorglos auf die Räder stiegen und losfuhren.
«Vom Ausblick her heiter. Keine Stelle des Grauens!» Nicolas sah auf die Postkartenidylle hinunter, die sich vor ihnen ausbreitete. Zwei Flussarme in einem scharf eingeschnittenen Tal, dazwischen eine Insel. Eine Stromschnelle mit Lichtreflexen. Algen. Intensiv grün. Im seichten Wasser am Rande der Staustufe Dutzende Kanus einer nahen Verleihstation. Von grellgrün zu grellorange changierend. Beidseitig steile Aufstiege zum Plateau de Vaucluse. Pinienbewuchs.
Luc bog den Oberkörper über das Geländer. «Wie weit müsste ich mich wohl vorbeugen, bis es kritisch wird?»
«Sehr weit!»
«Muss schwierig sein, achtzig Kilo auf die andere Seite zu bekommen.»
«Xavier Leroy hätte das schaffen können. Groß, fit, muskulös, jung, beweglich. Reaktionsschnell. Richard packen, hochwuchten, fallen lassen. Ohne Kampf, bei dem beide vermutlich in den Kanal gefallen und nicht wieder herausgekommen, sondern ersoffen wären.»
Luc hatte sich an den Rand des Kanals gehockt und betrachtete die Betonrinne. Schnell fließendes Wasser. Undurchsichtig. Dunkel. Der Himmel spiegelte sich darin. «Zwei, die sich hier nachts begegnen. Einer stirbt. Der andere verschwindet. Wo kamen sie her? Wo ging der Verbleibende hin?»
«Du links, ich rechts?» Nicolas zeigte auf die sich gegenüberliegenden Waldstücke, in die das Aquädukt mündete.
«Okay. Ein Kilometer. Nicht mehr. Danach treffen wir uns wieder. Dort, wo wir hochgestiegen sind.»
Sie hatten die Wege schlecht eingeschätzt. Unebene Böden. Baumwurzeln und Gesteinsbrocken. Wenig Schatten. Aber wieder Idylle. Rosmarin, Fenchel, Goldregen und Clematis an einem Ufer, am anderen der Pfad. Nur breiter als auf dem Aquädukt. Radfahrer und Fußgänger kamen Vidal entgegen. Nach fünfzehn Minuten erreichte er verschwitzt eine Landstraße. Abseits davon der Gebäudekomplex einer Schule. Davor ein Parkplatz, der in der Nacht ein idealer und versteckter Abstellort für ein Fahrzeug gewesen wäre.
Nicolas Gauthier wartete bereits, als Luc Vidal zurück zum Aquädukt kam. Er berichtete von einem Waldweg, den er entdeckt hatte und der von der Ringstraße hinauf zum Kanal führte. Ebenfalls eine ideale Ausgangsposition. «Die Location ist nicht schlecht gewählt für einen diskreten, nächtlichen Mord», sagte er.
«Man muss sich nur erst einmal dort treffen …!»
7 _
Es war ein Scheißtag! Und das von Anfang an! Zuerst der Aufreißer auf der Titelseite von La Provence in der Auslage am Kiosk. Ganz oben auf dem Stapel. «Leiche unter Galas-Aquädukt! War es Mord?» Xavier Leroy hatte der Atem gestockt. Immerhin, sein Name wurde nicht erwähnt. Später der Anruf der Police nationale. Er möge ins Commissariat central kommen. Und nein, das gehe nicht irgendwann, das müsse schon sofort sein. Commissaire Vidal habe ihm doch bereits gestern gesagt, dass er zur Verfügung stehen müsse.
Zwei Stunden lang verhörten ihn Vidal und Gauthier. Nur ein Gespräch, sagte Vidal. Lächerlich! Sie verdächtigten ihn. Er fühlte sich elend. Sie fragten nach seiner Freizeit. Ob er Krafttraining mache. Was er wann wo gemacht habe in den letzten zwei Wochen. Und immer wieder das Thema Richard. Er musste alles noch einmal beschreiben, wie er es Vidal bereits am Vortag beschrieben hatte. Und sie bohrten nach. Die gleichen Themen. Geänderte Fragestellungen.
Was Richard bewogen habe, ihm den Job zu geben? Was der über seine beabsichtigte journalistische Arbeit im Rahmen des Theaterfestivals gesagt hätte. Ob er ihm nicht vorher schon einmal begegnet sei. Was er an dem Tag gemacht habe, an dem Richard vermutlich gestorben sei? Ob Richard einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort in Avignon gegeben habe, auf ein Hotel, eine Ferienwohnung, Bekannte? Ob Xavier den Mann nicht doch noch einmal in Avignon gesehen habe? Vielleicht zufällig?
Er verplapperte sich. Erwähnte die Bierbar hinter der Markthalle. Richard und einen anderen Mann. Danach gingen die Fragen erst richtig los. Ob er dort mit Richard verabredet gewesen sei? Ob sie miteinander gesprochen hätten, was es mit dem anderen Mann auf sich habe? Xavier fügte sich in sein Schicksal und erzählte.
Dass er mit Richard am Nachmittag verabredet gewesen sei. Im Petit Jardinam Cours Jean Jaurès. Dass er sich vorher in der Uni-Bibliothek noch mit Tschechows Der Kirschgarten beschäftigt habe, dem Auftaktstück des Festivals, und er Richard damit beeindrucken wollte. Auch mit seinen Kenntnissen über Isabelle Huppert als Theaterschauspielerin, die darin die Hauptrolle spielen würde. Dass er dann noch Zeit gehabt habe, im Bioladen hinter der Markthalle Zutaten für sein morgendliches Müsli zu kaufen und ihm dabei Richard und der andere Mann aufgefallen seien. Ein großer, breitschultriger Mensch, den er auf Mitte sechzig schätzte, mit kahlem Schädel und einem müden Gesicht, tief zerfurchter Stirn, prägend großen Ohren und einem gleichermaßen traurig wie entschlossen wirkenden Blick, aus dem ihn zwischen hängenden Lidern und Tränensäcken unvermittelt zwei braune Pupillen reglos fixiert hätten. Es sei etwas beängstigend gewesen.
Sie boten ihm Espresso an. Schmeckte scheußlich. Danach kam der Durst. Wasser ginge leider aktuell nicht, sagte man ihm. Es würden Gläser und Becher fehlen. Sie ließen ihn allein. Gefühlt eine Ewigkeit, in der er die Wände anstarrte, überlegte, einfach aufzustehen und zu gehen. Er befürchtete aber, nicht weit zu kommen und sich in einer noch misslicheren Situation wiederzufinden.
Gauthier öffnete kurz die Tür. Sie kämen gleich wieder, sagte der. Nur noch ein paar Minuten. Es dauerte dann erneut ewig. Sie kamen zurück und Vidal setzte sich vor ihm auf die Tischkante. «Du lebst in einer Wohngemeinschaft im Viertel Place Pie. Das Zimmer wird nicht billig sein …».
«Dreihundertfünfzig!»
«Dreihundertfünfzig … und der Lebensunterhalt ... Müsli aus dem Bioladen. Das kostet. Und die Freundin will mal eingeladen werden … Oder ist sie es, die eure Beziehung finanziert? Na egal. Immerhin, vierhundert Euro pro Woche über die Festivalwochen. Das ist viel Geld. Eigentlich kaum denkbar nur für ein wenig Recherche und Telefonannahme. Was gehörte noch zu dem Job? Sex mit Richard?»
Xavier schüttelte den Kopf. «Ich dachte eine Zeitlang, dass er das wollte …»
«Aber?»
«Nichts.»
«Und andere? Hat er dich gefragt, ob du dich mit anderen treffen könntest? Als Begleiter … in Restaurants, ins Theater, in ein Hotelbett?»
«Ich sollte mich mit Leuten treffen. Mit denen reden. Über Theater und so.»
«Kein Sex? Du bist ein attraktiver Mann. Jung. Fit. Eine Nummer mehr oder weniger spielt doch eigentlich keine Rolle in deinem Alter. Das machen augenscheinlich viele. Wenn man mal die Kombi Escort und Avignon bei Google eingibt, ist das Angebot beeindruckend, das sich auf dem Bildschirm zeigt. Es scheint, dass nicht wenige in der Stadt auch für Geld … sagen wir mal … begleiten.»
Xavier starrte ihn an, sagte aber nichts. Seine Kehle brannte von dem Espresso und der schlechte Geschmack klebte am Gaumen.
«Noch nie von Escortservices gehört? Von deinen Kommilitonen? Oder den Kommilitoninnen? Von deiner Freundin?»
«Gehört schon. Na klar. Einige kennen da Geschichten.»
«Geschichten! Von reichen älteren Männern … von reichen älteren Frauen … die alle die vielen leichtbekleideten schönen jungen Körper in den warmen Sommernächten sehen. Die Sehnsüchte haben. Und die doch eigentlich ganz nette Typen sind. Und die in tollen Appartements oder supertollen Hotels wohnen … Warst du da mal in so einem Hotel? Hast du da mal eine Nacht verbracht? Vielleicht die, in der Jean Richard gestorben ist?»
Zu allem Überfluss baten sie ihn zum Schluss, an der Erstellung einer Phantomzeichnung von Richard mitzuwirken, dessen zertrümmerter Schädel keine fotografische Darstellung ermöglichte. Als Xavier das Commissariat central verließ, fühlte er sich nicht nur elend. Ihm war zum Kotzen zumute. Ausgemergelt. Todmüde. Ein Gespräch mit Marie täte gut. Aber die war unerreichbar. Zumindest für den Moment. Vielleicht könnten sie später miteinander sprechen. Er würde ihr alles erzählen. Alles.
Jetzt sah er aber nur den Mann. Den, der mit Richard vor der Bar gesessen hatte. Das Gesicht mit den traurigen Augen. Und der hier vor dem Kommissariat in einem grauen Toyota an ihm vorbeifuhr. Ihn betrachtete. Ganz konzentriert. Als habe er ihn erwartet. Oder gesucht.
8 _
Anaïs und Anselm hatten Seezungen gehäutet. Das Schwanzende in heißes Wasser getaucht, dieses mit einer und mit der anderen Hand den durch das heiße Wasser angelösten Zipfel Haut gehalten. Dann gezogen.
Es sehe barbarisch aus, sagte sie. Ja, konstatierte Anselm, tue es immer. Bei jedem toten Tier, dem man die Haut abzieht. Kein Akt für Vegetarier oder empfindsame Gemüter. Aber für Köche ein Muss. Jedenfalls dort, wo tierische Produkte zum Repertoire gehörten.
Und darum gehe es ihm. Häutung. Als Kunstwerk dargestellt. Ästhetisch und in Aquarell. Umsetzungsorientiert. Als Vorlage zum praktischen Handeln. Wenn das gelänge, könnten sie mit dem gemeinsamen Kochbuch beginnen. Es wäre ein Novum in der Küchenliteratur.
Danach hatten sie die Seezungen gegart, mit Zitronenbutter und frittierten Kapern bereichert und im Stehen an der Kochinsel gegessen. Ein Arbeitsessen in der Küchenwerkstatt.
«Seit wann lebst du eigentlich hier?» Anaïs fingerte die letzten weißen Fasern des Fischs von den Gräten und schob sie in den Mund.
«Dauerhaft gut zehn Jahre. Davor temporär. Mal Hamburg, mal Provence. Dazwischen Paris. Da sitzt mein Verlag.»
«Und hier entstehen deine Bücher?»
«Ideen dazu. Es gibt ein Team in Hamburg.»
«Ein Kochkonzern!»
«Ein Projekt.»
«Und jetzt mit Aquarellen?»
«Die gefallen mir eben. Vielleicht erweitern wir das Themenspektrum von der Fischhäutung zum Gemüseanbau. Landarbeit, wie du es vom Saulter Hochtal kennst.»
«Ist nicht spannend. Dinkel, Lavendel und Gemüse für den Eigenbedarf. Keine Geheimnisse. Das reizvolle ist die Landschaft. Die wird für deine Aquarelle der Hintergrund werden. Häuten von Seezunge vor Lavendel.»
«Das ist doch mal eine Perspektive», sagte Anselm, zog zwei Stehhocker zu ihrer Seite der Kochinsel, holte eine neue Flasche Chardonnay aus dem Kühlschrank und füllte die Gläser.
9 _
Xavier sah nur kurz auf den Mann. Warum blickte der so traurig? Dann verschwand der Toyota im Verkehrsgewühl. Weiter zur Rhône hin könnte er wenden und in wenigen Minuten erneut am Commissariat central vorbeikommen. Nur in anderer Fahrtrichtung. Xavier sprang auf sein Rad und fuhr los. Den Boulevard Saint-Roch entlang bis zum Bahnhof. An der Porte Saint-Charles wechselte er die Straßenseite und tauchte in das Labyrinth der Altstadt ein. Jetzt bot die Stadtmauer Schutz. Im Studentenviertel Place Pie angekommen, war er jedem Verfolger überlegen. Hier gab es befreundete Wohngemeinschaften, in denen er Unterschlupf finden konnte, Höfe und Gärten, die nur Eingeweihten zugänglich waren und unzählige kleine Geschäfte, deren Inhaber er ebenso kannte wie die Hinterausgänge davon. Heimvorteil!
Zehn Minuten später schloss er die Tür der Wohngemeinschaft hinter sich und atmete durch. Die Wohnung war verwaist. Ein Zimmer hatten sie einem amerikanischen Studenten untervermietet, der für eine Summer School nach Avignon gekommen war. «Hey Tim, howyoudoin?», murmelte er im Vorbeigehen in das Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten. Anschließend rief er Marie über WhatsApp an. Einen kurzen Augenblick lang wollte er sich am Telefon bei ihr anlehnen. Ruhe finden. Zuversicht schöpfen. Alles geriet aus den Fugen. Nein. Alles war bereits aus den Fugen geraten. Zuerst der Job und die Aussicht auf viel Geld. Dann Richards eindeutige Angebote und die Aussicht auf noch mehr Geld und dessen Tod, die Polizei und nun der fremde Mann. Mit Maries Unterstützung würde es ihm vielleicht gelingen, Ordnung in seinem Kopf zu schaffen. Vielleicht hätte sie Erklärungen, die es ihm ermöglichten, die Ereignisse besser zu verstehen.
Marie war doch keine Hilfe für ihn. «Du wirst paranoid!», sagte sie lachend nach seiner Schilderung und zog das Smartphone dicht vors Gesicht, sodass der Schwall kurzer roter Haare verschwand und er nur noch ihre Augen und Nase sehen konnte. «Ein Mann mit traurigem Blick fährt an dir vorbei und du denkst, dass der dich verfolgt. Geh mal als Frau über die Straße, da kannst du Blicke erleben, die dir wirklich Angst und Bange machen.»
«Richard ist ermordet worden!»
«Richard ist nach Avignon gekommen, um mit Theaterleuten zu sprechen. Er wird sich vielleicht mit Dutzenden von ihnen getroffen haben. Und nur weil du den einen mit ihm gesehen hast, muss das nicht sein Mörder sein. Zudem ist es nicht so schwierig, in Avignon jemand zweimal zu begegnen. Die Altstadt ist sehr überschaubar. Und der Mord hat vermutlich überhaupt nichts mit dem Festival zu tun.»
«Sondern?
«Mein Gott, es gibt genug Gründe. Eifersucht zum Beispiel. Vielleicht hat er auch einen Mafioso beklaut oder wollte ein Geheimnis über einen Despoten ausplaudern. Eine schlechte Kritik über ein Theaterstück als Motiv anzunehmen, ist wohl eher etwas weit hergeholt. Erzähle mir lieber noch mehr von deinem Verhör. Das ist doch spannend. Wie Kino. Nur dass du live dabei warst!»
«Sehr komisch!»
«Na komm! Sie haben dich nicht gleich eingesperrt.» Auf dem Display konnte Xavier jetzt einen Straßenzug erkennen, Reklame von Geschäften, Straßenlaternen. Marie hatte wild die Hand mit dem Gerät bewegt, dann tauchte ihr Gesicht wieder auf. «Also, der Commissaire hat gemeint, du hättest für Richard als Escortboy gearbeitet. Hast du das?» Wieder lachte sie.
«Sei nicht albern! Du nimmst mich nicht ernst.» Einen Moment lang überlegte er, an dieser Stelle eine Generalbeichte abzulegen, aber Marie nahm ihm den Mut dazu.
«Du bist eine Mimose. So furchtbar empfindlich plötzlich. So kenne ich dich gar nicht. Aber jetzt mal Klartext, wenn du glaubst, dass der Mann mit dem traurigen Blick etwas mit dem Mord zu tun hat, dann sag das der Polizei. Da sollen die sich drum kümmern … Und ich muss jetzt gleich mal hier hinein.» Sie zeigte ihm mit der Handykamera den Eingangsbereich eines Supermarkts. «Also, mach’s gut und schick mir ’ne Nachricht, wenn sich was Neues ergeben hat. Ich bin Samstag wieder zurück und wir reden ausführlich.» Sie gab ihm einen Kuss in die Kamera und beendete das Gespräch.
Er legte das Smartphone beiseite und sah Flyer zum Theaterfestival in der Hoffnung durch, dort einen Hinweis auf den kahlköpfigen Mann mit dem traurigen Blick zu finden. Es war ein vergeblicher Versuch und so öffnete er schließlich die Website des Festivals, um zu den dort genannten Namen von Akteuren Fotos auf anderen Internetseiten zu finden. Der Mann mit dem traurigen Blick war nicht dabei. Wenn dessen Anwesenheit in Avignon mit dem Festival im Zusammenhang stand, dann war er keiner der Schauspieler oder Regisseure, sondern vielleicht ebenfalls Journalist. Und vielleicht hatte Richard in dem Gespräch vor der Bar davon erzählt, dass er einen Assistenten engagiert hätte. Einen, der für ihn recherchieren und der Telefonanrufe entgegennehmen würde.
Es war später Nachmittag, als Tim in sein Zimmer kam. Er gehe jetzt in ein Café oder eine Bar, ob er mitkomme. Und ja, das hätte er fast vergessen, da hätte ihn am Vormittag vor der Haustür ein Mann gefragt, ob ein Xavier Leroy hier wohnen würde.
«Und, was hast du ihm gesagt?»
«I don’t speak French! Dann habe ich die Tür hinter mir zugemacht. War mir irgendwie unangenehm der Typ. Er hat mir noch etwas auf Englisch hinterhergerufen, das habe ich aber nicht mehr verstanden.»
«Wie sah er aus? Groß, kahlköpfig, trauriger Blick?»
Tim überlegte einen Moment. «Groß ja. Glatze nein. Aber jetzt, wo du das fragst, erinnere ich, dass der eine Mütze trug. Baskenmütze nennt man die hier, glaube ich. So ein flaches Ding mit einem Zipfel oben. Er hatte sie etwas schräg ins Gesicht gezogen, sodass ich seine Augen nicht wirklich gut sehen konnte. Also, ich weiß nicht, ob der traurig geguckt hat. Mich hat er an einen Cop erinnert. Ich dachte, er sei ein Polizeischnüffler oder so etwas Ähnliches, der dich beim Kaufen von Dope erwischt hat.»
10 _
Es war später Nachmittag, als Luc Chloé Nikolaou anrief. «Wir haben Richards Konfektionsgröße, seine Klamottenmarken, seine Haarfarbe. Aber wir haben kein Bild. Kein Foto, das ihn zeigt, wie er mal war. Wie andere ihn identifizieren könnten. Das wäre jetzt wichtig!» Er machte eine Pause und wartete auf ihre Antwort.
«Schwierig!», sagte sie schließlich. «Da ist nicht viel übrig von einem Gesicht.»
Er hörte, wie sie die Tastatur ihres Computers bediente. Ein leises, unrhythmisches Klacken, mit kurzen Pausen zwischendurch, in denen sie über das nachzudenken schien, was sie eingeben wollte.
«Wir haben Bruchstücke des Schädels. Ich sehe das hier gerade in der Liste. Von denen müssten dreidimensionale Scans angefertigt und virtuell zusammengesetzt werden. Manches fehlt. Liegt vielleicht noch in der Sorgue. Kann man aber über Spiegelungen der anderen Schädelhälfte rekonstruieren.»
«Dauert wie lange?»
«Tage. Je nachdem vielleicht sogar Wochen. Monate. Die Arbeit von forensischen Anthropologen.»
«Kann man die Bruchstücke nicht einfach zusammenkleben?»
Es folgte eine Pause, in der er ein leises Stöhnen hörte. «Vidal … Im Prinzip ja! Aber, nein! Das ist eine menschliche Leiche. Kein Baukasten.»
«Was ist mit geschickt aufgenommenen Fotos vom erhaltenen Rest?»
«Des zertrümmerten Schädels?»
«Von dem, was vorhanden ist.»
«Wir haben Fotos. Taugen nur nicht für die Öffentlichkeit. Aber unser Kunde liegt noch auf Eis. Zumindest so lange, bis die Genehmigung zur Beisetzung folgt. Kommen Sie her und wir machen ein weiteres Shooting. «
«In einer Stunde bin ich da!»
Chloé Nikolaou hatte eine kleine Studioausrüstung aufgebaut. Kamera, Stativ, Blitzanlage. «Also, das ist nicht ganz korrekt, was wir hier machen.» Sie zog den Toten aus der Kühlzelle und öffnete den Leichensack. Luc Vidal kannte die Prozedur. Wieder wurde ihm übel, aber er riss sich zusammen. «Meine Leute haben ihn nach der Obduktion wieder zusammengesetzt. Die haben das gut gemacht, finde ich. Bestattungswürdiger Zustand. Das verlangt der Gesetzgeber. Angehörigen sollte man den Anblick aber ersparen.» Sie griff nach einem metallenen Stift, betrachtete das Schädelfragment und suchte unter Zuhilfenahme des Stifts geeignete Blickrichtungen. «Es kommt alles auf die richtige Perspektive an.»
Luc sah wortlos zu. Chloé führte den Stift aus der Hocke als Verlängerung ihres rechten Auges an ein verbliebenes Stück Wangenknochen. «Hier, leicht von unten aufgenommen, bekommt man eine Vorstellung vom Profil. Allerdings ohne eine Nase.» Sie stellte sich hinter den Toten und beugte langsam den Kopf mit dem Stift vor dem Auge. «Ein Foto, so, leicht von oben, bis zu dem Rest der Augenbraue, könnte einen Eindruck der Stirn vermitteln. Allerdings nicht in der Totalen. Da fehlt uns alles.» Sie begutachtete ein weiteres Mal das, was von Richards Kopf übriggeblieben war. «Die Haare. Man könnte Varianten einer Frisur darstellen. Mal offen, lässig um die Schultern fliegend oder als Zopf mit einem Gummiband. Aber das ist für dein Phantombild vermutlich Geschmackssache. Von mir aus können wir das jetzt fotografieren. Was meinst du?»
Sie hatte so unvermittelt ins Du gewechselt, dass Luc einen Augenblick zögerte. «Klar. Du bist die Fachfrau!»
Nach zwanzig Minuten hatten sie begrenzt brauchbare Details der Kopfregionen. «Impulse für unseren Zeichner im Kommissariat», sagte Luc, «Xaviers Erinnerungen waren wenig geeignet. Er konnte oder wollte keine wirklich hilfreichen Angaben machen».
«Kommen dann die Medien ins Spiel?»
«Die Medien. Und wir als Team. Mit dem Ausdruck in der Hand von Haustür zu Haustür. Gastronomie, Leihwagenvermieter, Bahnhofsschalter, Flughafen …».
«Bislang gar nichts? Kein Verdächtiger? Keine Hinweise, Verdachtsmomente, Fundstücke …?»
«Verdächtig bleibt Xavier. Er ist der Einzige, von dem wir durch seine eigene Aussage wissen, dass er Kontakt zu dem Opfer hatte. Zudem wäre er körperlich zu der Tat in der Lage gewesen. Nur gibt es keine Beweise und kein belastbares Motiv. Er hat uns aber einen Hinweis auf einen anderen Mann gegeben, der sich mit Richard getroffen haben soll. Das kann aber auch eine erfundene Geschichte sein. Ein Ablenkungsmanöver. Ein weiterer Hinweis kam von einem Hundehalter. Beim Gassigehen hat er nachts einen Twingo beobachtet, der aus einem Waldweg vom Kanal hinunter zur Uferstraße fuhr. Nur eine Person im Fahrzeug. Vermutlich männlich. Das war’s. Eine finstere, stern- und mondlose Nacht – und eine rein zufällige Beobachtung.»
Kapitel 3: Der Verdacht
11 _
Luc Vidal blickte zufrieden auf das Bild. Es war eine solide Arbeit des Polizeizeichners. Seit zwanzig Jahren gehörte Baptiste Morel zum Team und gemeinsam hatten sie bis neun Uhr abends daran gefeilt. Jetzt hatte Jean Richard ein Gesicht. Oval, fleischig, schmaler Mund, kleine Augen, ohne ausgeprägte Konturen. Ein Allerweltsgesicht, das schulterlange, glatt herabhängende Haare umkränzten. Chloé Nikolaou hatte sein Alter auf Mitte fünfzig taxiert.
Morel hatte vormittags mit der Frage «Eckiges Kinn oder Eierkopf?» begonnen, sich dann bei Xavier nach immer weiteren Details erkundigt, und mit Bleistift und Radiergummi schließlich aus dessen Erinnerungen ein Gesicht entwickelt. Es war die Annäherung an einen Menschen, ein noch sehr allgemeines, unpräzises Bild, das erst am Nachmittag mit dem Computer auf der anatomischen Grundlage der Fotos konkreter gestaltet werden konnte.
«Ich habe ihn vor mir! Jean Richard sieht mich an!», schrieb Luc an Nicolas und Chloé, die prompt zurückschrieb «Will ich sehen!».
Freitagmorgen würde nach dem Jour fixe im Morddezernat die Pressemeldung mit dem Phantombild an die Medien gehen. Sie würden sehr allgemein formulieren. Von einem unbekannten Toten sprechen, der am vergangenen Montag in der Sourge gefunden worden und der möglicherweise vom Aquädukt gestürzt war. Auch eine Fremdeinwirkung könne man nicht ausschließen. Die Bevölkerung, und vor allem Menschen, die mit dem Festival zu tun hätten, würden um Mithilfe gebeten. Über das Wochenende könnte das Bild an Caféhaustischen, in Restaurants, auf Bouleplätzen und in der Theaterszene herumgereicht werden und mit etwas Glück gäbe es Montag bereits einige Zeugen, die konkrete Angaben zur Person des Toten machen konnten. Der erste offizielle Tag der Ermittlung war gut verlaufen.
Um kurz vor zehn Uhr abends stand Luc Vidal an der Bar des Chez Maude in Colombier und bekam von Jean-Michel sein obligates Glas Feierabend-Weißwein und eine Gitanes Maïs. Wenige Minuten später schob Sue ihren Arm unter seinen. «Ich bin am Nachmittag aus Paris zurückgekommen und habe eben deinen Wagen gehört. Was macht dein Toter?»
«Der hat seit einer Stunde ein Gesicht. Morgen wird die Welt ihn zu sehen bekommen. Und bei dir? Wie war Paris?»
«Anstrengende Galeristen. Anstrengende Journalisten. Ein charmanter Filmemacher.»
«Sehr charmant?»
«Ziemlich. Vielleicht kommt er uns einmal besuchen.»
«Uns?»
«Du gehörst zur Familie.» Sie neigte kurz ihren Kopf an seine Schulter. Dann bestellte sie ein Bier.
«Was für Filme dreht der Filmemacher?»
«Dokumentationen über Künstler. Schriftsteller, Schauspieler, Maler.»
«Also auch über dich!»
«Das wäre eine interessante Idee!» Sie trank einen Schluck und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. «Aber nun zu dir. Der Tote, hat er inzwischen einen Namen?»
«Inzwischen wissen wir, dass es der in Avignon vermisste Mann ist, der sich Jean Richard genannt hat. Warum fragst du?»
«Ich habe im TGV von Paris hierher etwas Zeit gehabt und über das nachgedacht, was du mir am Telefon erzählt hast. Wer geht nachts auf ein Aquädukt und begeht Selbstmord oder wer sucht sich dort ein Mordopfer? Das wäre in beiden Fällen mehr eine Inszenierung. Theater. Ein bizarres und schauriges Stück. Außerhalb des Festivals und doch eng damit verbunden.»
«Aber wer könnte der Regisseur sein? Und wer hat das Stück geschrieben? Und was soll dem schaudernden Publikum damit gesagt werden?»
«Haben Theaterstücke immer eine Aussage?»
«Ich weiß nicht …».
«Ich glaube, in diesem Fall nicht. Es scheint mir ein Spiel um des Spieles wegen zu sein.»
«Wer spielt?»
«Wenn ich das wüsste, hättet ihr bei einem Mord zwar den Täter, aber ihr würdet vergeblich nach einem Motiv suchen. Bei einem Selbstmord erübrigt sich die Suche nach einem Täter und das Motiv wäre das Spiel als solches.»
«Bei dem ein Mensch sich selbst tötet?»
«Im Fall meiner Annahme, ja. Ich schließe Affekt, aber auch Verzweiflung aus. Wenn dieser Mann, dieser Richard, von wo immer zum Aquädukt fährt oder sich fahren lässt, einen ziemlich beschwerlichen Aufstieg zum Kanal und dann einen Fußmarsch bis zur Mitte des Bauwerks auf sich nimmt, entscheidet er sich wohl kaum spontan zum Sprung. Nein, wäre er gesprungen, dann um sich damit zu inszenieren. Schaut her, ich springe. Eine Inszenierung, die ihm in seiner Imagination als so einzigartig vorgekommen ist, dass ihm dies als Applaus für sein Handeln genügt hat.»
«Und ein Mörder?»
«Da bin ich bin etwas unschlüssig. Ein geplanter Mord hätte sehr viel unproblematischer und vermutlich sicherer durchgeführt werden können. Es gibt unzählige einsame Flecken hier, die man trotzdem gut erreichen kann. Der Täter besorgt sich irgendwo heimlich eine Waffe, oder er nimmt einen Knüppel, mit dem er sein Opfer zunächst handlungsunfähig macht und es anschließend erwürgt oder erschlägt. Das wäre gegangen.
Das nächtliche Aquädukt ist hingegen ein sehr spezieller Ort. Um dort zu morden, muss man dem Opfer einen guten Grund für das Treffen nennen. Einen, den das Opfer versteht, akzeptiert, vielleicht sogar gutheißt. Und dann … Vollzug! Ein klassischer Schachzug von Bösewichten in Theaterstücken. Macbeth hat das so gemacht, als er König Duncan auf seinem Schloss empfängt und ihn dort tötet, und man könnte vermutlich seitenweise solcher Theatermorde mit vorausgehenden Verabredungen zusammenschreiben.»
«Aber bei Macbeth gab es nach meinem Wissen drei Hexen im Hintergrund und eine Gattin, die ihn anstachelt. Bedeutet das, unser Mörder hat ebenfalls nicht als Einzeltäter gehandelt?»
«Das könnte sich so herausstellen!»
«Und die Verbindung zum Festival? Wo liegt die deiner Meinung nach?»
Sue schob ihr geleertes Bierglas über den Tresen und gab Jean-Michel mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie ein weiteres Bier wollte. «Vielfältig», antwortete sie nach kurzem Nachdenken. «In der bühnenmäßigen Inszenierung als solches. Und ganz klassisch vielleicht Neid, Enttäuschung, Wut, Frustration, Rache … Irgendwer hat eine Anerkennung verweigert … Irgendwer wurde durch irgendeine Handlung geschädigt. Da gibt es für meine Begriffe viele Möglichkeiten. Es könnte zum Beispiel eine aus dem Lot geratene Selbstwahrnehmung dahinterstecken … eine Rolle, die nicht abgelegt, sondern zur fixen Idee geworden ist.»
«Und worauf fußt deine Erkenntnis?»
«Beobachtung meiner Umwelt. Keine Empirie. Keine Wissenschaft. Nur der Mensch Sue Addington, und jetzt ist Schluss damit. Die korrekte Motivsuche überlasse ich euren Profilern.» Sie trank das Glas Bier leer, wischte sich erneut den Mund ab und klopfte Luc auf die Schulter. «Viel Erfolg morgen, Monsieur le Commissaire. Ich gehe jetzt schlafen.»
12 _ Freitag, 25.06.21
Der Urlaub war Vergangenheit; Lucs Perspektive, vom Liegestuhl aus ermitteln zu können, war obsolet und der unerklärliche Tod eines Unbekannten zum Mordfall geworden. Er würde im gewohnten Team mit Nicolas Gauthier als Partner und seinem vertrauten Kollegen, Capitaine de police Claude Bataille, daran arbeiten. Zudem hatte der Chef ihnen die Lieutenants Léon Guerin, der oft hart und manchmal zu hart gegen Verdächtige vorging, und Giulia Simon zur Seite gestellt, die sich manchmal für schlauer hielt als alle zusammen. Eine Musterschülerin mit Prädikatsabschluss und klarer Führungsambition. Sie war in die Rolle der Internet-affinen Charlotte Marchal geschlüpft, die als junge Mutter die Polizeiarbeit nur stundenweise ausfüllte. Auch bei diesem Fall.
Der Start zur Teamarbeit verschob sich im morgendlichen Stau von Carpentras nach Avignon hinein. In drei Urlaubswochen hatte er diesen Sachstand aus seinem Bewusstsein verdrängt. Irgendwann würde die Stadt den Verkehrskollaps erleiden.
Beim Jour fixe erörterten sie die Frage, warum der Tote den Namen Jean Richard gewählt haben mochte. Ein Allerweltsname. Tausendfach zu finden. Vielleicht ein Grund für das mögliche Pseudonym. «Neben der Identität des Toten fehlen uns ein stichhaltiges Motiv, ein Täter, Beweise. Es gibt also viel zu tun. Wir starten mit der Pressemeldung und Befragungen im Umfeld. Vielleicht erkennt jemand den Toten auf dem rekonstruierten Bild und vielleicht erinnert jemand Xavier auf dem Foto, das der auf Instagram gepostet hatte. Die Befragungen in Hotels und Ressorts übernimmt Giulia. Léon übernimmt die Theaterszene: Veranstalter und alle Theater sowohl des In- als auch des Off-Festivals. Xavier hat ausgesagt, dass Richard ihm möglicherweise den Job wegen seiner theaterwissenschaftlichen Kenntnisse gegeben haben könnte. Vielleicht gibt es einen Bezug. Gauthier und ich nehmen uns ein weiteres Mal Xavier vor und schauen uns seine Wohngemeinschaft genauer an. Zwischendurch schließen wir uns kurz. Allons-y, auf geht’s Leute.»
Es war Avignon Back Street. Zwei- bis dreigeschossige alte Häuser abseits der Touristenpfade. Heruntergekommene Gebäude an einer einspurigen Straße ohne nennenswerten Gehweg. Die Fenster in den Erdgeschosswohnungen waren durchgängig vergittert. Fensterläden, von denen die Farbe blätterte, unverputzte Fassaden, in denen Schäden acht- und lieblos mit Mörtel ausgebessert und auf denen Strom- und Telefonleitungen nach pragmatischen Gesichtspunkten von Haus zu Haus, von Etage zu Etage angebracht worden waren.
Vidal und Gauthier öffneten sich selbst die Haustür mit einem Universalschlüssel, zwängten sich an Fahrrädern und Kinderwagen vorbei in die zweite Etage und standen schließlich vor einer Tür, die mehrmals mit Brachialgewalt geöffnet worden zu sein schien. Es gab eine Klingel, die rasselnd irgendwo im Inneren der Wohnung erklang und der sie durch eindringliches Schlagen gegen die Tür und mit lautem «Polizei!» Nachdruck verliehen.
