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Die Tote ist perfekt geschminkt und gekleidet, als hätte sie ein Rendezvous. Erst die Autopsie enthüllt, dass man Yang Fenfang ausgeweidet hat wie ein Tier. Die kunstvoll inszenierte Tat reißt Kommissar Lu Fei aus der öden Routine, die seit der Strafversetzung in die nordchinesische Provinz sein Leben bestimmt. Aus Peking kommen alsbald linientreue Kollegen, die rasch einen Schuldigen finden. Lu Fei bezweifelt allerdings, dass der Richtige verhaftet wurde. Er ermittelt weiter und stößt auf eine ganze Serie von bizarren Frauenmorden – doch damit ruft er mächtige Gegner auf den Plan …
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2022
Buch
Die tote junge Frau ist geschminkt und gekleidet wie für ein Rendezvous. Erst bei der Autopsie stellt sich heraus, dass Yang Fenfangs innere Organe entfernt wurden. Der bizarre Mord reißt Kommissar Lu Fei aus der öden Routine, die seit der Strafversetzung in die nordchinesische Provinz sein Leben bestimmt. Aus Peking treffen alsbald linientreue Kollegen in dem verschneiten Ort ein, und ein Schuldiger scheint rasch gefunden. Doch Lu Fei bezweifelt, dass der einfältige Mann, den man verhaftet hat, wirklich hinter der Tat steckt. Seine Ermittlungen führen in die Kreise korrupter Beamter und Parteifunktionäre mit gefährlichem Doppelleben. Dabei kommt er einer ganzen Serie von Frauenmorden auf die Spur, die immer mysteriöser erscheinen. Doch während Lu Fei noch im Dunkeln tappt, hat der Täter ihn längst im Visier. Denn er weiß, wie er Lu Fei am empfindlichsten treffen kann …
Autor
Brian Klingborg hat in Harvard Ostasienkunde studiert und viele Jahre in Asien gelebt und gearbeitet. Heute lebt er in New York, ist im Verlagswesen beschäftigt und widmet sich weiterhin seinen Leidenschaften: dem Schreiben und der asiatischen Kultur.
Brian Klingborg
Der erste Fall für Kommissar Lu Fei
Thriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Thief of Souls« bei Minotaur Books, an imprint of St. Martin’s Publishing Group, New York.
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2022
Copyright © der Originalausgabe 2021 by Brian Klingborg
All rights reserved.
Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 302161 Hannover, vermittelt.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2022
by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, nach einer Gestaltung der Headline Publishing Group
Umschlagmotiv: shutterstock/Xiaojiao Wang, shutterstock/freedomnaruk, shutterstock/EhimeOrenge, Arcangel/Ilona Wellmann
Redaktion: Alexander Groß
KS · Herstellung: ik
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-28460-2V001
www.goldmann-verlag.de
Für Lanchi. Ohne dich gäbe es dieses Buch nicht.
Abgesehen von anderen Eigenschaften, zeichnet sich das 600-Millionen Volk der Chinesen durch eine Besonderheit aus: Es ist arm und ein unbeschriebenes Blatt. Was wie ein Nachteil erscheint, ist in Wahrheit ein Vorteil. Aus Armut erwächst der Wunsch nach Veränderungen, nach Taten, nach Revolution. Auf einem unbeschriebenen Blatt lassen sich neue und schöne Schriftzeichen setzen, neue und schöne Bilder malen.
Worte des Vorsitzenden Mao
An dem Abend, als die Frauenleiche gefunden wird, ausgehöhlt wie ein Birkenrindenkanu, sitzt Kommissar Lu Fei in der Bar Zum Roten Lotus. Er ist fest entschlossen, sich gepflegt zu betrinken.
Der Jahreszeit angemessen ist das Getränk seiner Wahl ein Reiswein aus Shaoxing, der in einem roten Tonkrug serviert und aus einem Reisschälchen getrunken wird. Draußen sind es minus sechs Grad, und Shaoxing-Wein wird für seine blutreinigende und das Qi wärmende Wirkung gerühmt.
Neben den gesundheitlichen Vorteilen schätzt Lu seinen einzigartigen Geschmack. Süßsauer, bitter und würzig, alles gleichzeitig. Eine passende Metapher für das Leben.
Aus den billigen Lautsprecherboxen der Bar tönen die wehmütigen Klänge einer chinesischen Laute. Die Melodie zupft an den ausgefransten Rändern von Lus Seele. Er schließt die Augen und sieht in seiner Fantasie den Mond, der sich auf der kräuselnden Oberfläche des Westsees spiegelt. Rosa Pfingstrosen, die sich im Sommerwind wiegen. Eine nackte Frau, deren Haut im Kerzenschein goldbronzen schimmert.
»Yi! Er! San!« Vier Männer, Anfang zwanzig, sitzen zusammen an einem anderen Tisch. Es sind die einzigen Gäste außer ihm. Er kennt sie vom Sehen, nicht aber ihre Namen. Sie reden laut und gestikulieren wild bei ihrem traditionellen Trinkspiel. Es kommt darauf an, wie viele Finger der Gegner auf drei hochhält. »Trink!«, befiehlt einer der Männer. Der Verlierer trinkt. Die Gesichter der vier glühen rot.
Lu seufzt. Heute Abend wird es in der Bar Zum Roten Lotus nicht friedlich zugehen, nicht mit diesen jungen Leuten, die Maotai-Schnaps in sich hineinkippen und eine Packung Zhongnanhai nach der anderen rauchen. Wenn er zu denen gehören würde, die gerne den Ordnungshüter herauskehren, würde er ihnen zu verstehen gegeben, dass sie sich ein bisschen zügeln sollten, doch es ist Samstagabend, und sie haben jedes Recht dazu, etwas Dampf abzulassen.
Außerdem – Yanyan braucht das Geschäft.
Kaum denkt er an sie, kommt sie auch schon mit einem leicht vorwurfsvollen Blick und einem Schälchen gekochter Erdnüsse an seinen Tisch.
»Jedes Wochenende das Gleiche.« Sie setzt sich und schiebt ihm das Schälchen zu. »Sie trinken allein vor sich hin, bis Sie nicht mehr geradeaus gucken können.«
Lu schnipst sich eine Nuss in den Mund. »Ich bin ohne Freund, daher trink ich allein. Ich heb meinen Wein und proste dem Mond zu. Der Mond, mein Schatten und ich, zusammen sind wir zu dritt.«
Yanyan nimmt sich ebenfalls eine Nuss. »Von wem ist das? Li Bai?«
»Stimmt. Wie schön, dass unsere Beziehung vorteilhaft für uns beide ist. Sie stellen die Getränke, ich liefere die Poesie.«
»Sie kommen dabei besser weg.«
»Gewiss. Aber eigentlich muss ich nicht allein mit dem Mond und meinem Schatten trinken. Holen Sie sich einen Becher.«
»Ich kann nicht. Ich arbeite.«
»Nennen Sie es von mir aus Gästebetreuung, wenn Sie das beruhigt.«
»He! Schöne Frau!« Einer der Männer an dem anderen Tisch winkt mit einer Zigarette zwischen den Fingern. »Wir brauchen mehr Bier.«
Müde lächelnd steht Yanyan auf, um die Getränke zu holen. Lu wirft dem jungen Mann einen unheilvollen Blick zu und schenkt sich Wein nach. Er beobachtet Yanyan dabei, wie sie vier Flaschen Harbin Premium aus dem Kühlregal nimmt.
Yanyan ist groß. Sie hat lange Beine, dichtes schwarzes Haar, eine hohe Stirn und große, ausdrucksstarke Augen. Volle Lippen und Wangen, die stets rosig gefärbt sind – als hätte die Kälte sie geküsst.
Lu hat sich nie nach ihrem Alter erkundigt, aber er schätzt sie auf Mitte dreißig, einige Jahre jünger als er. Er weiß, dass sie Witwe ist. Ihr Mann ist vor einigen Jahren an irgendeiner Krankheit gestorben; ihr blieb nur, die Bar Zum Roten Lotus allein weiterzuführen. Es ist eine winzige Bar, lediglich vier Tische, Getränke und kleine Speisen, nichts Besonderes. An den meisten Abenden kann man die Kunden an einer Hand abzählen. Kein leicht verdientes Geld. Doch für ein Mädchen vom Land, so wie Yanyan, ist es besser als Feldarbeit oder irgendeine andere niedere Tätigkeit.
Insgeheim ist Lu in sie verknallt, ebenso, vermutet er, die vier in ihr Trinkspiel vertieften Männer.
Und ein beträchtlicher Teil der männlichen Bevölkerung der Gemeinde Rabental.
Yanyan bringt die Flaschen an den Tisch. Einer der Männer zupft sie am Ärmel und bittet sie, sich zu ihnen zu setzen. Sie erteilt ihm eine Absage, so wie Lu. Alle vier schicken ihr begehrliche Blicke hinterher.
Lu findet das ärgerlich, aber verständlich. Auch seine Blicke auf sie sind begehrlich, er kann nicht anders.
Sein Handy klingelt. Es ist das paichusuo – die lokale Dienststelle des Amtes für Öffentliche Sicherheit.
In der Volksrepublik China entspricht das Amt für Öffentliche Sicherheit der Polizeibehörde in westlichen Ländern, mit Dienststellen auf der Ebene der Provinzen, der Bezirke, der Kreise und der Gemeinden. Die Mitarbeiter des Amtes für Öffentliche Sicherheit sind verantwortlich für Verbrechensbekämpfung und Ermittlungen, Verkehr und Brandschutz, die öffentliche Sicherheit, das Meldewesen und die Überwachung von Ausländern und Gästen.
Das Personal der Dienststelle in Rabental, einer circa siebzig Kilometer von Harbin entfernt liegenden, überschaubaren Gemeinde, besteht aus einem Polizeichef, seinem Stellvertreter – Lus offizielle Stellung –, einem Polizeiobermeister und einigen Polizeimeistern.
Lu hat heute Abend keinen Dienst. Warum also ruft das Amt für Öffentliche Sicherheit ihn an?
»Lu Fei«, meldet er sich.
»Kommissar!« Lu erkennt die Stimme am anderen Ende sofort. Polizeimeister Huang, einundzwanzig, leicht erregbar und strohdumm.
»Was gibt’s, Huang? Heute ist mein freier Abend.«
»Ich weiß, Kommissar. Aber es ist etwas passiert. Ein … ein …«
»Sagen Sie es ruhig«, fordert Lu ihn auf.
»Ein Mord«, flüstert Huang.
Lu richtet sich ein wenig auf. »Warum flüstern Sie?«
»Ich weiß auch nicht.«
»Haben Sie den Chef angerufen?«
Lu spricht von Polizeichef Liang, seinen unmittelbaren Vorgesetzten.
»Er ist nicht ans Telefon gegangen«, sagt Huang.
Lu sieht auf die Uhr. Kurz nach neun. Ein bisschen früh für den Chef, doch nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass er schon betrunken ist.
»Wo?«
»Wo ist er nicht ans Telefon gegangen?«, fragt Huang.
»Nein. Wo ist der …« Er merkt plötzlich, dass die Männer an dem anderen Tisch die Ohren spitzen. »… Ort des Geschehens?«
»Oh. Bei den Yangs zu Hause, in der Kangjian-Gasse.«
Am Stadtrand also. Lu ist vertraut mit der Gegend, kennt aber keine Yangs, die dort wohnen. »Hat man schon einen Tatverdächtigen festgenommen?«
»Noch keine Tatverdächtigen.«
»Okay. Ich bin gerade in der Bar Zum Roten Lotus. Schicken Sie mir jemanden, der mich abholt.« Er legt auf.
Die jungen Männer sehen ihn an. »Was ist los?«, fragt einer. »Was Aufregendes passiert?«
»Nein«, sagt Lu. Weiter äußert er sich nicht, trinkt den letzten Schluck Wein, überlegt, ob er sich doch noch ein Glas gönnen soll, entscheidet sich dann aber dagegen. Er legt Geld auf den Tisch und stöpselt den Tonkrug zu. »Heben Sie mir den Krug gut auf, Schwester Yan, bis ich mal wieder Zeit habe, seine Bekanntschaft zu erneuern.«
»Alles klar, Kommissar.«
Lu schlüpft in seinen Mantel und stülpt sich die Mütze über den Kopf. Er geht zum Eingang der Bar und zieht sich, während er wartet, noch Handschuhe an. Als der Streifenwagen eintrifft, winkt er Yanyan kurz zu und bricht auf in die Kälte.
In dem Streifenwagen sitzen vier Polizeibeamte. Es ist kein großes Auto. Aber das Amt für Öffentliche Sicherheit verfügt nur über zwei Streifenwagen sowie diverse Motorroller, Fahrräder und einen Mannschaftswagen, in dem es immer nach gekochtem Kohl riecht, niemand weiß, warum.
Am Steuer sitzt Polizeiobermeister Bing. Bing ist Anfang fünfzig, klein, gedrungen und zäh wie ein Panzernashorn. Lu mag ihn sehr und respektiert ihn.
Auf der Rückbank drängen sich die Polizeimeister Sun, Li, Wang und Wang. Natürlich gibt es zwei Wangs. Wang ist der zweithäufigste Familienname in China.
Polizeimeisterin Sun ist Mitte zwanzig, aufgeweckt und kompetent. Bei ihrem staatlichen Examen hat sie gut genug abgeschnitten, um eine Spitzenuniversität in der Provinz Heilongjiang zu besuchen. Es ist Lu ein Rätsel, warum sie sich für den Dienst im Amt für Öffentliche Sicherheit entschieden hat. Hätte sie Finanzbuchhaltung oder Betriebswirtschaft gelernt, wäre sie einigermaßen wohlhabend geworden. So ist sie zu einem Leben mit hohem Risiko und geringem Lohn verdammt, in einem Beruf, der von Männern dominiert wird, die anzügliche Witze reißen und sich zwanghaft am Sack kraulen.
Polizeimeister Li ist dreißig, hager wie ein Knochenmann und schweigsam; er redet nur, wenn er aufgefordert wird. Sein Spitzname lautet Li Yaba – der stumme Li.
Der Rufname von Wang Nummer eins ist Ming, aber da er ein paar Kilo Übergewicht hat, sagen die meisten Leute Wang Pang Zi zu ihm, der dicke Wang. Es kränkt ihn nicht, im Gegenteil, in der Volksrepublik ist der Spitzname liebevoll gemeint.
Wang Nummer zwei heißt mit Vornamen Guangrong. Er gehört zu denen, die aus einem tief sitzenden Gefühl der Unsicherheit Polizist geworden sind und die glauben, eine Uniform würde ihnen die Anerkennung und den Respekt verleihen, wonach sie sich verzweifelt sehnen.
Nach über tausend Jahren der Korruption, des Amtsmissbrauchs und der Inkompetenz betrachtet der Durchschnittschinese die Strafverfolgungsbehörden leider als eine Art Fallgrube. Eine Gefahr, die sich weitgehend vermeiden lässt – wer allerdings so unvorsichtig ist hineinzufallen ist geliefert.
Selbst für einen Mann aus dem Norden, der mit Getreide, Hammel- und Schweinefleisch aufgezogen wurde, ist Wang Guangrong mit eins fünfundachtzig Körpergröße und dreiundachtzig Kilo sehr groß und schwer. Folglich wird er allgemein nur der große Wang genannt.
»Sind Sie betrunken?«, begrüßt Polizeiobermeister Bing Kommissar Lu, als der sich auf dem Beifahrersitz niederlässt.
»Wenn einem Wein gereicht wird, sollte man singen«, zitiert Lu. »Denn wer weiß, wie lange man lebt.«
»Heißt das ja?«
»Ich bin nüchtern. Sozusagen.«
»Tut mir leid, dass ich Sie an Ihrem freien Abend stören muss. Wir haben versucht, den Chef zu erreichen, aber Sie wissen ja, wie das läuft.«
»Kein Problem. Es ist meine Pflicht.«
Während der Fahrt zur Kangjian-Gasse bringt Bing Kommissar Lu auf den neuesten Stand.
»Die Nachbarin, Frau Chen, berichtet, der Hund der Yangs habe seit gestern Abend ununterbrochen gebellt. Schließlich sei sie aufgestanden und rübergegangen, um sich zu beschweren, und habe den Hund vor Kälte zitternd im Garten vorgefunden. Sie habe an die Tür geklopft, und als keiner öffnete, sei sie ins Haus gegangen. Das Opfer lag im Badezimmer.«
»Was wissen wir über sie? Das Opfer.«
Sun beugt sich vor und liest ihre Notizen ab. »Frau Yang Fenfang. Dreiundzwanzig. Alleinstehend. Höherer Schulabschluss. Geboren und aufgewachsen in der Kangjian-Gasse. Seit dreißig Jahren wohnhaft in Harbin. Vater vor acht Jahren gestorben, ihre Mutter erst kürzlich. Genauer gesagt, vor einer Woche. Keine Vorstrafen.«
Lu nickt. Schon geistern in seinem Kopf mögliche Motive und Verdächtige herum, doch vorerst ignoriert er solche Gedanken; er möchte den Tatort lieber unvoreingenommen inspizieren.
Die Kangjian-Gasse ist eine der letzten Wohnstraßen, bevor das Gebiet der Gemeinde Rabental ausgedehnten, von Agrokonzernen gepachteten Getreidefeldern weicht. Die Häuser hier sind alt und marode, mit recht großen Gärten, in denen die Bewohner Gemüse anbauen und manchmal ein paar Schweine oder Hühner halten.
Der andere Streifenwagen der Polizeiwache parkt mit laufendem Motor vor dem Grundstück der Yangs, am Steuer sitzt rauchend Polizeimeister Chu. Wie der große Wang ist auch Chu ein bulliger Typ. Lu hat sich angewöhnt, ihn mit »John Wayne« anzureden, nach dem stämmigen amerikanischen Schauspieler, der in Westernfilmen immer den toughen Helden gespielt hat. Chu mag seinen Spitznamen nicht, aber da Lu sein Vorgesetzter ist, kann er nicht viel dagegen tun.
Polizeiobermeister Bing hält an, und alle steigen aus. Lus Blick wandert über die Reihe der Telefonmasten, die entlang der Straße aufgestellt wurden. Die Volksrepublik verfolgt den ehrgeizigen Plan, das ganze Land mit einem dichten Netz aus Überwachungskameras zu überziehen. Größere Städte wie Peking oder Shanghai sind bereits zu hundert Prozent abgedeckt. In der Gemeinde Rabental steht diese Technik nur im Zentrum der Stadt zur Verfügung.
Während Lu gemischte Gefühle wegen des Programms zur totalen Überwachung hat, muss er doch einräumen, dass es seine Arbeit erleichtern würde, wenn vor Ort ein, zwei Kameras die Ereignisse eingefangen hätten, die sich hier kürzlich zugetragen haben.
Er braucht eine Minute, um sich zu orientieren, dann erteilt er Befehle. Er postiert Sun am Eingang zum Garten. Schickt John Wayne Chu und den dicken Wang los, um die Nachbarn in Richtung Osten, den großen Wang und den stummen Li, um die Nachbarn Richtung Westen abzuklappern. Er öffnet den Kofferraum des Streifenwagens, entnimmt einer Schachtel zwei Paar Latexhandschuhe und reicht eins an Polizeiobermeister Bing weiter.
Sie gehen durch den Garten zum Hauseingang. Lu bedeutet Bing, darauf zu achten, wo er hintritt. Der Boden ist mit vereistem Schneematsch bedeckt, und Lu will vermeiden, dass sie unabsichtlich auf mögliche Spuren des Täters treten.
Die Haustür ist mit einem weißen Tuch verhängt, Zeichen für einen Todesfall in der Familie.
Zwei Todesfälle, wie Lu insgeheim richtigstellt.
Lu öffnet die Haustür, und sie treten ein. Drinnen ist es fast so kalt wie draußen. Traditionelle Häuser im Norden Chinas, so wie dieses, haben keine Zentralheizung, sie werden durch den kang beheizt, ein gemauertes Podest, das als Bett und Sitzgelegenheit dient und unter dem sich eine Feuerstelle befindet. Heute jedoch wurde im Haus der Yangs noch nicht angeheizt.
Trotz der Kälte steigt Lu sofort der Leichengeruch in die Nase, ein Gestank, der an rohes Schweinefleisch erinnert. Polizeiobermeister Bing zieht sich eine Stoffmaske über Mund und Nase.
»Haben Sie mir auch eine mitgebracht?«, fragt Lu.
»Wir wechseln uns ab.«
Sie stehen in einem kleinen Flur. Rechts ein Wohnzimmer, links ein Schlafzimmer. Geradeaus, wie ein offener Mund, die Küche.
Lu und Bing nehmen eine erste Durchsuchung vor.
Im Wohnzimmer fällt Lu zunächst der kang ins Auge, auf dem sich Steppdecken und Kissen häufen, dann ein großer Schrank, zwei Holzstühle, ein Ständer, über dem eine zerschlissene Steppdecke hängt, ein Heizgerät und, als Aufheller der eintönig verputzten Wand, ein Neujahrsvers auf rotem Papier und ein Werbekalender von Abundant Harvest Industries, dem größten Agrokonzern von Rabental.
Der Schrank scheint ein antikes Stück zu sein, die rissige schwarze Lackschicht blättert ab. Der untere Teil besteht aus einem geschlossenen Kasten, der mit Perlmuttintarsien besetzt und mit Blumen und Schmetterlingen bemalt ist. Der obere Teil ist ein Regal, in das man ein Schwarz-Weiß-Porträt einer Dame mittleren Alters gestellt hat, dazu ihre Ahnentafel, eine Schale für Räucherstäbchen und ein paar Speisen und Getränke als Opfergaben. Lu beugt sich vor, um die Ahnentafel zu entziffern, auf der der Name Yang Hong eingraviert ist, der Name der kürzlich verstorbenen Mutter von Yang Fenfang, wie Lu vermutet.
Hinter dem Regal befinden sich verschieden große Nischen, gefüllt mit Nippes, Schnitzfigürchen, einer Cloisonné-Urne, einer Porzellanvase, einem pfirsichförmigen Lackkästchen und noch mehr solcher Dinge.
Das Schlafzimmer ist aufgeräumt, aber vollgestellt, ein Bett, ein billiger Schminktisch, der Spiegel, mit einem roten Tuch verhängt, eine Kommode, ein Falt-Kleiderschrank mit Reißverschluss, ein Bodenventilator, ein weiteres Heizgerät und andere Einrichtungsgegenstände.
Auf dem Weg durch den Flur zur Küche passieren Lu und Bing die nur angelehnte Tür zum Badezimmer. Stillschweigend einigen sie sich darauf, nicht hineinzuschauen.
Noch nicht.
Die Küche ist groß und dient nicht nur zur Zubereitung von Speisen, sondern auch als allgemeiner Lagerraum und Esszimmer. Die Wand über dem alten Holzofen ist rußgeschwärzt von den Tausenden Mahlzeiten, die hier gekocht wurden. In Wandschränken stapelt sich Geschirr, in den Regalen darüber drängen sich Kochzutaten, Blechdosen mit Gebäck und anderes. Auf dem Boden stehen Reissäcke und Wasserkanister. Lu sieht ein paar moderne Haushaltsgeräte auf der Küchentheke, einen Reiskocher, eine Fritteuse und einen elektrischen Wasserkessel. Das Zentrum des Raums bildet der Esstisch. An einer Wand lehnt ein Elektroroller, auf dem Boden darunter steht ein mit Schafsfell bespanntes Hundekörbchen. Es herrscht ein organisiertes Chaos.
Polizeiobermeister Bing versucht, die Tür zum Hinterhof zu öffnen. »Abgeschlossen.«
Sie kehren zurück ins Wohnzimmer und starten eine zweite, gründlichere Durchsuchung, schauen unter die Möbel und suchen nach Flecken oder auffälligen Stellen auf dem Boden und an den Wänden. Kampfspuren sind nicht zu erkennen. Kein Blut, kein Dreck. Doch einige Gegenstände in dem Schrank scheinen leicht verschoben zu sein, als wären sie durcheinandergeraten oder umgestoßen und anschließend wieder hingestellt worden.
»Der Tatverdächtige und das Opfer haben miteinander gerungen und sind dabei gegen den Schrank gestoßen«, mutmaßt Polizeiobermeister Bing.
»Könnte sein.«
Sie gehen ins Schlafzimmer. Lu öffnet den Reißverschluss des faltbaren Kleiderschranks. Er findet zwei verschiedene Ausstattungen vor, dunkle Arbeitskleidung und schicke Outfits. Erstere gehörte wohl der verstorbenen Mutter, Letztere der verstorbenen Tochter.
»Wie ist Mutter Yang ums Leben gekommen?«, fragt Lu.
»Keine Ahnung. Aber es muss eine natürliche Ursache gewesen sein, sonst gäbe es einen Schadensbericht. Wieso? Glauben Sie, dass die beiden Todesfälle zusammenhängen?«
»Erinnern Sie mich später daran, den Totenschein zu überprüfen.«
Während Polizeiobermeister Bing in den Schubladen der Kommode stöbert, inspiziert Lu den Schminktisch. Er nimmt das Tuch vor dem Spiegel ab und findet im Rahmen eingeklemmt einen Fotostreifen aus einem Fotoautomaten, auf dem eine junge Frau in verschiedenen Posen zu sehen ist. Schwer zu sagen, ob die Frau schön ist oder nicht, denn die Fotos sind entstellt von Weichzeichnern und Verzierungen – eine Katzennase, Schnurrhaare, künstlich vergrößerte Augen. Das muss Yang Fenfang sein, denkt Lu.
Auf dem Schminktisch ein Sammelsurium von Kosmetikartikeln, eine Haarbürste, zwei Handys, ein neues und ein älteres Modell, und ein Schmuckkästchen. Lo öffnet es und findet darin Ohrringe, Halsketten und Fingerringe. Einige könnten wertvoll sein, doch Lu hat für so etwas kein Auge.
Er nimmt das neue Handy. Es ist aufgeladen, ein Passwort ist erforderlich. Der Bildschirmschoner zeigt ein weiteres Foto von Yang Fenfang, ebenfalls weichgezeichnet. Das andere Handy ist tot.
Unter dem Schminktisch, auf dem Boden, liegt eine Handtasche. Lu hebt sie auf, sucht darin nach einem Portemonnaie, findet tatsächlich eins und entnimmt ihm Yang Fenfangs Ausweis. Er zeigt ihn Bing.
»Sie sieht aus wie Fan Bingbing«, lautet Bings Einschätzung.
»Wirklich?« Lu hält den Ausweis gegen die Deckenlampe und betrachtet ihn genauer.
Fan Bingbing ist nicht nur wegen ihrer Schönheit und als bestbezahlte Schauspielerin der chinesischen Filmindustrie berühmt, sondern auch, weil sie nach dem staatlicherseits erhobenen Vorwurf der Steuerhinterziehung aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwand. Gerüchte machten die Runde, sie stünde unter Hausarrest oder sei in die Vereinigten Staaten geflohen. Als sie zehn Monate später wieder auftauchte, brachte sie eine für chinesische Verhältnisse typische Entschuldigung vor. »Ich habe das Land enttäuscht, das mich ernährt hat. Ich habe die Gesellschaft enttäuscht, die mir vertraut hat. Ich habe die Fans enttäuscht, die mich geliebt haben. Ich bitte alle um Entschuldigung.«
Lu muss bei dem Gedanken lachen. Noch vor nicht mal zehn Jahren waren Produktionen aus Hollywood die unangefochtene Nummer eins. Heute ist die am schnellsten wachsende Filmindustrie der Welt in China, mit einem Jahresumsatz und Zuschauerzahlen, die Vergleichbares in Nordamerika weit übertreffen.
Doch eine Industrie von Weltrang bringt auch Probleme mit sich, wie die Volksrepublik China tagtäglich erfahren muss.
Während Lu keinerlei Ähnlichkeit mit Fang Bingbing erkennen kann, muss er doch zugeben, dass Yang Fenfang eine attraktive Frau ist – besser gesagt, war. Ihren Ausweis steckt er ein.
Polizeiobermeister Bing findet in der Kommode ordentlich gefaltete und eingemottete Kleidung, Papiere und Rezepte sowie Schmuck und persönliche Gegenstände, wahrscheinlich Eigentum von Mutter Yang. Und ihren Ausweis, den er Lu übergibt. Lu ist erstaunt, wie jung sie auf dem Passbild aussieht, aber dann wird ihm klar, dass Yang Fenfang ja erst zweiundzwanzig Jahre alt war, ihre Mutter also zum Zeitpunkt ihres Todes wahrscheinlich noch in den Vierzigern.
»Schwer zu sagen, ob etwas fehlt«, stellt Bing fest. »Sollen wir weitersuchen?«
»Eigentlich sollten wir mal … Sie wissen schon.«
Bing deutet mit dem Kopf zur Tür. »Nach Ihnen, Chef.«
Lu holt im Flur noch einmal tief Luft, hält den Atem an und stößt die Badezimmertür auf.
Es ist ein kleiner, spartanischer Raum mit einer Stehtoilette, einem niedrigen Wasserbassin, das aus einem Gummischlauch gespeist wird, und einem Waschbecken mit einem Spiegel darüber. Die Wände sind aus Beton.
Yang Fenfangs Leiche liegt auf dem Boden. Sie trägt ein gelbes Seidenkleid. Das Haar ist zu einem strammen Knoten zusammengebunden, das Gesicht geschminkt. Make-up, Lippenstift, Lidschatten.
Sie sieht tatsächlich wie eine Porzellanpuppe aus, bis hin zu den kalten toten Augen.
Die weiße durchscheinende Haut kontrastiert mit den grellen roten Striemen am Hals und an den Handgelenken.
Lu betritt das Badezimmer nicht. Er sieht sich nur den Boden an, die Wände und die Decke, sucht nach Spuren. Nichts.
»Als hätte sie sich für ein Rendezvous zurechtgemacht«, bemerkt Polizeiobermeister Bing.
»Sagen Sie es nicht«, ermahnt ihn Lu.
»Was?«
»Ein Rendezvous mit dem Tod.«
»So etwas würde ich niemals sagen«, beteuert Bing. »Solche Witze können nur einer krankhaften Fantasie entspringen.«
Schuldig im Sinne der Anklage, denkt Lu. »Genug gesehen?«
»Mehr als genug.«
»Gut. Gehen wir.«
Lu und Polizeiobermeister Bing befragen die Nachbarin Frau Chen, die mit ihrer ältlichen Mutter, einem erwachsenen Sohn, der Schwiegertochter und einem Enkel zusammenwohnt. Die gesamte Familie hat sich für die Befragung eingefunden. Lu schlägt vor, den Enkel solange ins Schlafzimmer oder die Küche zu bringen, vergeblich.
Frau Chens Schwiegertochter serviert ihnen Tee. Ihr Sohn raucht nervös. Ihre Mutter sieht fern, auf einem großen Bildschirm, bei voller Lautstärke. Der Enkel rennt wie ein Derwisch auf Speed im Zimmer umher.
Yang Fenfangs Hund kauert unter dem Tisch. Im Allgemeinen mag Lu Hunde, doch dieser ist außergewöhnlich hässlich. Klein, Schweineschnauze, Rattenschwanz, paillettenbesetztes Halsband. Ein Stadtköter durch und durch.
Frau Chen ist eine altmodische Person um die sechzig. Lu fragt sie, wo ihr Mann sei.
»Arbeiten, in der Stadt«, antwortet sie. Sie erzählt Lu, was er bereits weiß. Dass der Hund fast den ganzen Freitagabend gebellt habe, heute tagsüber und heute Abend ebenfalls, sodass sie es schließlich nicht mehr ausgehalten habe und rübergegangen sei, um sich zu beschweren.
»Yang Fenfang hat den Hund abgöttisch geliebt«, sagt sie. »Er hat besseres Essen gekriegt als viele Menschen. Gekläfft hat er schon immer viel, aber es sah ihr überhaupt nicht ähnlich, sich nicht wenigstens ein bisschen um das kleine Biest zu kümmern.« Sie berichtet weiter, wie sie erst den Hund draußen in der Kälte zitternd gefunden habe, dann die Leiche von Frau Yang, und verdrückt wirkungsvoll ein paar Tränen. Wie aufs Stichwort fängt der Hund an, den Enkel anzubellen. Der Enkel schreit wie eine Schleiereule. Der Fernseher dröhnt unbeeindruckt.
»Haben Sie in letzter Zeit hier Fremde beobachtet?«, fragt Lu.
»Nein. Aber meistens bin ich gegen neun Uhr im Bett. Ich würde es gar nicht mitbekommen, wenn sich nachts hier Fremde herumtreiben würden.«
»Haben Sie eine Idee, wer das Yang Fenfang angetan haben könnte?«
Frau Chen schnäuzt sich und schüttelt den Kopf.
»Was können Sie mir über sie sagen?«
»Sie war nicht gerade klug, aber hübsch. Nach der Schule hat sie sich in der Stadt Arbeit gesucht. So ist sie, die junge Generation, keiner will mehr auf dem Land leben. Sich sein Brot ehrlich verdienen. Die Hände schmutzig machen. Sie glauben, wenn sie nach Harbin gehen, regnet es ihnen Reiskörner und Goldmünzen in die Taschen.« Sie wirft ihrem Sohn einen Seitenblick zu. Er zupft sich an der Nase und hält sich die Zigarette wie zur Abwehr vors Gesicht.
»Was für eine Arbeit?«, fragt Polizeiobermeister Bing. Er macht sich Notizen in seiner akkuraten Handschrift.
»Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Wenn sie hier ihre Mutter besucht hat, was so gut wie nie vorkam, trug sie Kleider bis hier und Blusen bis da.« Sie zeigt mit der Hand den Bereich zwischen Schritt und Bauchnabel an. »Dick aufgetragene Schminke im Gesicht. Und High Heels! Welcher vernünftige Mensch würde in unserem kleinen Viertel High Heels tragen?«
Lu lehnt es ab, sich darüber Gedanken zu machen. »Aber vor Kurzem ist sie doch wieder ganz nach Hause gezogen?«
»Ja, vor ein paar Monaten. Als Schwester Yangs Zustand schlimmer wurde.«
»Was hatte Frau Yang für eine Krankheit?«
Frau Chen zuckt mit den Schultern. »Das weiß niemand. Die Ärzte schon gar nicht. Es ist besser, ein paar Räucherkerzen im Tempel anzuzünden, als ins Krankenhaus zu gehen.«
»Ich bin geneigt zuzustimmen, Frau Chen«, sagt Lu. »Yang Fenfang ist also zurückgekehrt, um ihre Mutter zu versorgen.«
»Ja. Und vor einer Woche ist Schwester Yang gestorben. Ich wundere mich … ich habe mich gewundert, dass Fenfang noch da war. Ich hätte gedacht, dass sie wieder abreist, sobald ihre Mutter unter der Erde ist.«
»Vielleicht hielt sie sich an die gebotene Trauerzeit.«
Frau Chen betupft sich die Augen. »Sie hätte sich besser um ihre Mutter kümmern sollen, als sie noch lebte, statt danach allein im leeren Haus herumzusitzen.«
Fran Chens Meinung über das Opfer erscheint Lu als wenig nachsichtig. Yang Fenfang hatte sich in Harbin offenbar eine neue Existenz aufgebaut, die ihr einen Lebensstandard ermöglichte, den sie in einer Gemeinde wie Rabental niemals hätte erreichen können. Trotzdem war sie, als ihre Mutter erkrankte, umgehend zurückgekehrt, wie es sich für eine Tochter gehört.
»Solange deine Eltern noch leben, folge den Regeln und sorge für sie«, zitiert Lu. »Wenn sie tot sind, folge den Regeln und bestatte sie.«
»Wie bitte?«, sagt Frau Chen.
»Meister Kong.«
»Oh.« Frau Chen tut Konfuzius, den größten Philosophen, den China in den über viertausend Jahren seiner Zivilisation hervorgebracht hat, mit einer gleichgültigen Handbewegung ab.
Lu dringt darauf, die Befragung zu beenden. Enkel, Hund und Fernseher haben sich verschworen, ihm Kopfschmerzen zu bereiten. »Wissen Sie, ob Yang Fenfang einen Freund hatte?«
»Also, ich weiß wirklich nicht, was sie in Harbin getrieben hat. Vielleicht hatte sie viele Freunde.«
»Ich meine hier, zu Hause.«
»Oh. Auf der Schule hatte sie einen. Mit Nachnamen Zhang. Der wohnte drüben in der Yongzheng-Straße. Persönlich kenne ich die Familie nicht, ich weiß nur, dass Schwester Yang erzählt hat, er sei immer wie ein Schoßhündchen hinter Fenfang hergelaufen.«
»Vielen Dank, Frau Chen. Sie haben uns sehr geholfen. Wir kommen sicher noch mal mit mehr Fragen wieder, aber vorerst genügt uns das. Es tut mir sehr leid, dass Sie heute Abend so einen Schock erleiden mussten.«
Die Bemerkung löst einen neuerlichen Weinkrampf aus. Lu und Bing machen sich schleunigst davon.
Draußen massiert Lu sich die Schläfen. »Gut, dass ich keine Waffe trage, sonst hätte ich noch um mich geschossen.«
»Haben Sie den Sohn beobachtet? Er hat rumgezappelt, als hätte er heiße Kastanien im Hintern.«
»Eine plastische Beschreibung, Polizeiobermeister Bing. Aber ja, ich stimme zu, er schien mir sehr nervös zu sein. Vielleicht lag es an unseren Uniformen. Jedenfalls bin ich neugierig auf den Freund, von dem Frau Chen sprach.«
»Polizeimeister Huang soll mal das hukou durchforsten, ob wir ihn ausfindig machen können.«
Das hukou ist ein obligatorisches Registrierungssystem, das sämtliche Einwohner je nach Geburtsort in die Kategorie städtisch oder ländlich einordnet und alle Geburten, Todesfälle, Hochzeiten, Scheidungen und Wohnungswechsel verzeichnet. »Die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten und dem Aufbau des Sozialismus zu dienen«, lautet sein offizieller Zweck, in der Praxis ist es ein Instrument der Kontrolle über die riesige Bevölkerung Chinas.
Auf dem Rückweg zum Haus der Yangs ruft Bing Polizeimeister Huang an und beauftragt ihn, nach einem Herrn Zhang zu suchen, circa 23, wohnhaft in der Yongzheng-Straße.
Nach dem Chaos im Haushalt der Chens genießt Lu das sanfte Knirschen seiner Schritte auf dem gefrorenen Boden und den Geruch von brennendem Holz in der eisigen Luft. Die Straße ist still und ruhig, die Fenster der meisten Häuser sind dunkel, von dem gelegentlichen mattblau schimmernden Flackern eines Fernsehers abgesehen. Hier oben im Norden heißt es: Der frühe Vogel fängt den Wurm.
Lu betrachtet den Hinweis auf den Freund als eine brauchbare Spur. Mehr als die Hälfte aller Morde auf dem Land sind das Ergebnis einer gescheiterten Liebesaffäre. Vielleicht hatte Yang Fenfang nach ihrem Umzug nach Harbin mit dem Jungen Schluss gemacht. Es wäre nichts Ungewöhnliches. Ein Mädchen vom Land geht in die große Stadt, und plötzlich erscheint ihr der Liebhaber zu Hause hinterwäldlerisch verglichen mit den weltgewandteren und betuchteren Männern, die sie nun kennenlernt.
Mittlerweile sind die jungen Polizisten, die man losgeschickt hatte, um die Straße abzuklappern, zurück und sitzen rauchend in einem der Streifenwagen, bei geschlossenen Fenstern und laufendem Motor, zum Schutz gegen die bittere Kälte. Lu fragt, ob die anderen Nachbarn irgendwas gesehen oder gehört haben.
Nein.
Lu weist den stummen Li und den großen Wang an, das Haus zu observieren. »Holen Sie das Absperrband aus dem Kofferraum, und sperren Sie den Vorgarten und den hinteren Garten ab.«
»Wie lange sollen wir hierbleiben?«, will der große Wang wissen.
»Bis auf Weiteres.«
»Und das heißt?«
»Genau das, was ich sage.«
»Lassen Sie uns einen der Streifenwagen hier?«
»Nein.«
»Sollen wir uns den Arsch abfrieren?«
»Machen Sie kein Drama daraus, Polizeimeister Wang. Sie können sich in dem Wohnzimmer aufhalten. Aber passen Sie auf, dass Sie nichts berühren. Und betreten Sie auf gar keinen Fall das Badezimmer. Pinkeln Sie draußen. Und trampeln Sie nicht in dem hinteren Garten herum. Der Täter hat vielleicht Fußabdrücke oder andere Spuren hinterlassen.« Lu wendet sich ab, dreht sich dann aber noch einmal um. »Ach ja, und halten Sie Augen und Ohren offen, falls sich hier jemand Fremdes herumtreibt«, sagt er. »Wie heißt es doch so schön: Der Mörder kehrt immer an den Tatort zurück.«
Der stumme Li schluckt hörbar. Die erste stimmliche Äußerung, die Lu seit über einer Woche von ihm vernommen hat.
Lu schickt John Wayne Chu und den dicken Wang in einem der Streifenwagen nach Hause. »Halten Sie Ihre Handys griffbereit. Sie haben Notfalldienst, falls heute Abend noch etwas passiert.«
»Ich habe eigentlich ein freies Wochenende«, brummt Chu.
»Da sind wir schon zu zweit.«
Polizeiobermeister Bing beendet sein Telefongespräch mit Huang. »Es gibt nur eine Familie in der Yongzheng-Straße mit einem Zhang, der das passende Alter hat.«
»Und wie heißt der Junge mit vollem Namen?«
»Zhang Zhaoxing.«
»Vorstrafen?«
»Keine.«
»Na gut, dann besuchen wir ihn doch gleich mal.«
Lu, Polizeiobermeister Bing und Polizeimeisterin Sun setzen sich in den zweiten Streifenwagen und fahren zur Yongzheng-Straße.
Zhang wohnt in einem heruntergekommenen Haus, das auf einem kleinen, von einer Backsteinmauer umgebenen Grundstück steht. Lu sucht nach Überwachungskameras auf den Telefonmasten vor dem Haus, aber wie erwartet, gibt es keine.
»Gehen Sie doch schon mal zum Hintereingang«, wendet er sich an Bing.
Polizeiobermeister Bing nickt und taucht wortlos in der Dunkelheit unter. Lu geht durch die Gartenpforte und bedeutet Polizeimeisterin Sun, ihm zu folgen.
Der Vorgarten ist ungepflegt und vollgestellt. Ein abgeblühter Harbin-Birnbaum ragt aus der Erde wie eine Knochenhand aus einem Grab. Der Boden ist übersät mit Haufen alter Backsteine, kaputten landwirtschaftlichen Geräten, leeren Futtersäcken, Resten von verdorbenem Gemüse und Scherben von Pflanzentöpfen. An der Hauswand lehnt ein selbstgezimmerter Schuppen, der den Gesetzen der Physik zu trotzen scheint. Lu vernimmt leises Hühnergackern aus dem Inneren.
Das Haus ist sehr alt, Backsteinwände, Wachspapierfenster und ein von dicken Holzpfosten gestütztes Dach aus Ziegeln und Leisten.
Schwaches Licht, flackernd und pulsierend, sickert durch die Fenster. Lu wartet kurz ab, gibt Polizeiobermeister Bing Zeit, seinen Posten zu beziehen. Dann streckt er eine Hand zu Sun aus. »Geben Sie mir Ihren Schlagstock.« Sie tut wie geheißen. »Warten Sie draußen, bis ich Sie rufe«, sagt er.
»Ich bin nicht zartbesaitet, Kommissar«, protestiert Sun. »Fühlen Sie sich bitte nicht verpflichtet, mich zu beschützen.«
Lu stutzt und lässt sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Es ist zwar außerordentlich schwierig, in der Volksrepublik an Schusswaffen zu kommen – selbst Lu trägt in seiner Funktion als Polizeibeamter nicht routinemäßig eine Waffe –, doch diverse Küchenmesser und Hackbeile finden sich in jedem chinesischen Haushalt. Die meisten Familien auf dem Land haben außerdem Zugang zu vielen, potenziell tödlichen landwirtschaftlichen Geräten wie Macheten, Sicheln und Ähnlichem.
Wer weiß, was sie im Haus der Zhangs erwartet? Ein axtschwingender Verrückter?
Doch wie sagte schon der Vorsitzende Mao: Frauen tragen die Hälfte des Himmels.
»Gut«, sagt Lu. »Aber da ich den Schlagstock habe, bleiben Sie lieber hinter mir.«
Lu hält es nicht für nötig zu klopfen. Privateigentum ist in der Volksrepublik kein klar umrissenes Konzept. Lu öffnet die Tür und ruft: »Amt für Öffentliche Sicherheit!«
Er findet sich in einem schmutzstarrenden Raum mit rissigen Gipswänden, Kachelboden und freiliegenden Deckenbalken wieder. An eine Wand ist ein riesiger kang gebaut, der Platz für eine vierköpfige Familie bietet. In dem Ofen darunter muss ein Feuer brennen, denn es herrscht eine stickige Hitze. Dem kang gegenüber steht ein Fernseher.
Der Fernseher läuft, aber er ist auf stumm geschaltet. Gezeigt wird ein uralter Klassiker: Der Osten ist rot. Ein Gesangs- und Tanz-Spektakel von 1960, eine Mischung aus Peking-Oper und amerikanischem Musical – West Side Story oder vielleicht doch eher Oklahoma! –, gepaart mit einer gehörigen Portion maoistischer Propaganda.
Der Film erreicht gerade seinen Höhepunkt: Zahllose rotbäckige Landarbeiterinnen, Proletarier und Angehörige der Volksbefreiungsarmee hüpfen vor einem gigantischen, über dem Eingangstor zur Verbotenen Stadt hängenden Porträt des Vorsitzenden Mao herum.
Als Schüler musste Lu diesen Film mehrmals im Unterricht zur politischen und moralischen Bildung über sich ergehen lassen. Er war ein Dauerläufer in Wartezimmern von Ärzten und in Foyers von Ämtern und Behörden, überall dort, wo ideologisch unverfängliche Unterhaltung gefragt war. An öffentlichen Feiertagen lief er manchmal im Vorprogramm zu den Trickfilmen, die Lu viel lieber sah, Black Cat Detective oder The Gourd Brothers.
Die Folge war, dass Lu den roten Osten nicht mehr sehen kann.
»Kommissar!« Sun zeigt auf den kang.
Ein Mann liegt auf dem Ofenbett. Lu war er im ersten Moment gar nicht aufgefallen, da er unter einem Haufen Decken begraben ist, und der Mann hatte auf Lus Eindringen auch in keiner Weise reagiert.
Lu tritt näher.
Der Mann ist um die siebzig, die Augen sind halb geschlossen. Das Geschehen auf dem Fernsehschirm spiegelt sich in den winzigen, zwischen seinen faltigen und hängenden Augenlidern sichtbaren Streifen der Hornhaut.
»Ta ma de«, entfährt es Lu. Wörtlich übersetzt bedeutet es »seine Mutter«, in diesem Zusammenhang jedoch: »O Scheiße!«
Lus erster Gedanke ist, dass es sich bei dem Mann um Zhang Zhaoxings Vater handelt und Zhang auch ihn getötet hat, nicht nur das Yang-Mädchen. Er erschaudert. Tote Dinge sind unrein. Tote Dinge bringen Unglück.
Lu weiß, dass es unlogisch ist. Er hat Biologie studiert, der Tod ist lediglich das Ende der körperlichen Funktionen. Wie sein taoistischer Lieblingsphilosoph, Meister Zhuangzi, einst sagte: »Leben und Tod sind wie Tag und Nacht. Tod und Leben haben die gleiche Wurzel, wie Zwillinge.«
So einfach ist das. Der Tod ist Teil der Natur.
Doch trotz seiner durch und durch modernen Bildung – rückt erst der siebte Monat des Mondkalenders näher, wenn sich nach der Überlieferung die Tore des Himmels und der Hölle öffnen und die Geister auf der Erde wandeln dürfen, kann sich Lu des Verdachts nicht erwehren, dass unsichtbare Wesen durch die Nacht streifen und Jagd auf Opfergaben machen, auf Reis und Räucherstäbchen.
E gui. Hungrige Geister. Jene unglücklichen Seelen, die ohne Nachfahren gestorben sind, welche sie im Jenseits versorgen.
Plötzlich stößt der Mann ein starkes Husten aus. Lu erschrickt.
»Cao!«, murmelt er.
Also doch nicht tot. Anscheinend schläft der alte Knacker bloß mit offenen Augen.
Lu erblickt eine Türöffnung, die zum hinteren Teil des Hauses führt und mit einer halb verschlissenen Decke verhängt ist. Mit dem Schlagstock schiebt er die Decke vorsichtig beiseite. Er schlüpft hindurch, in die Küche.
Lu sieht einen altertümlichen Holzofen, daneben ein Bambusregal, gefüllt mit diversen Speiseölen und Gewürzen sowie einer bunten Mischung aus Schüsseln, Tellern und Küchenutensilien. Ein kleiner Tisch und drei Schemel bilden die Mitte des Raums. Geradeaus befindet sich die Tür, die zum hinteren Garten führt. An die Wand gerückt, steht eine Pritsche.
Ein junger Mann liegt seitlich darauf und schaut auf etwas hinunter.
Lu bedeutet Sun, sich still zu verhalten, als sie nach ihm den Raum betritt.
»Zhang Zhaoxing«, sagt Lu.
Zhang, falls er es denn ist, reagiert nicht.
»Er hat Ohrhörer«, bemerkt Sun.
Lu beugt sich über Zhang und tippt ihm mit dem Stock auf die Schulter. Zhang wendet sich um, sieht Lu, seine Augen weiten sich vor Entsetzen, und er springt von der Pritsche auf. Das Handy fliegt ihm aus der Hand.
»Immer mit der Ruhe!«, sagt Lu und streckt eine Hand aus. »Amt für Öffentliche Sicherheit. Sind Sie Zhang Zhaoxing?«
Zhang starrt Lu völlig verschreckt an.
»Sind Sie Zhang Zhaoxing?«, wiederholt Lu seine Frage.
»Was?«
»Ich suche eine Person namens Zhang Zhaoxing. Sind Sie das?«
»Wer sind Sie?«
»Kommissar Lu. Amt für Öffentliche Sicherheit.«
»Ich habe nichts getan.«
»Sie sind also Zhang Zhaoxing?«
»Ja.«
»Haben Sie eine Waffe?«
»Was?«
»Ob Sie eine Waffe haben?«
Zhangs Augen flackern wild.
»Haben Sie eine Waffe?«, fragt Lu erneut. »Ein Messer?«
»Ich … Nein.«
»Runter auf die Knie.«
Zhang rührt sich nicht.
»Auf die Knie!«
Zhang sinkt zu Boden, seine Gelenke knacken.
»Öffnen Sie Polizeiobermeister Bing die Tür«, sagt Lu.
Polizeimeisterin Sun tut wie geheißen, und Bing tritt ein, den Schlagstock griffbereit.
»Durchsuchen Sie ihn, bitte«, sagt Lu.
Polizeiobermeister Bing steckt den Schlagstock in seinen Gürtel und filzt Zhang.
»Sehen Sie im Bett nach, Polizeimeisterin Sun«, sagt Lu.
Sun fährt mit den Händen über die Decken, das Kissen und die dünne Matratze.
Weder Bing noch Sun finden irgendetwas Verwertbares.
Lu weist mit dem Stock auf die Pritsche. »Setzen Sie sich.«
Zhang greift nach dem Handy.
»Liegen lassen!«, sagt Lu.
Zhang lässt sich widerstrebend auf der Pritsche nieder. Er bibbert wie ein nasser, unterkühlter Hund. Polizeimeisterin Sun hebt das Handy auf und übergibt es Lu.
»Ich habe nichts getan«, sagt Zhang.
Lu mustert ihn von oben bis unten. Zhang ist groß für einen Chinesen vom Land. Nicht so hochgewachsen, aber vielleicht kräftiger als der große Wang. Er trägt kurzes Haar, kein Profischnitt, weswegen sich große kahle Stellen auf seinem Kopf finden, da, wo der Rasierapparat eine Politik der verbrannten Erde hinterlassen hat. Das Gesicht ist rund, die Nase breit, die Lippen sind dick. Aknepickel verstreut auf den Wangen und am Kinn. Augen schlammfarben.
Es ist das Gesicht eines Ochsen. Tumb. Leer.
»Wer ist das in dem anderen Zimmer?«, fragt Lu. »Der ältere Mann.«
»Mein Großvater.«
»Ist alles in Ordnung mit ihm?«
»Wieso nicht?«
»Als wir hereinkamen, hat er sich nicht gerührt oder etwas gesagt. Ist er krank?«
»Nein«, sagt Zhang. »Nur alt. Und taub.«
»Wo sind Ihre Mutter und Ihr Vater?«
»Weg.«
»Wohin?«
Zhang sieht Lu fragend an. »Tot.«
»Beide?«
»Ja.«
»Wie sind sie gestorben?«
»Sie waren krank.«
»Beide gleichzeitig?«
»Nein.«
»Also wann, Zhang Zhaoxing?«
»Meine Mutter, als ich ein Kind war. Mein Vater, als ich zur Oberschule ging.«
»Woran sind sie erkrankt?«
Zhang zuckt mit den Achseln.
»Wo ist Ihr Ausweis?«, fragt Lu.
»Da.« Zhang deutet auf den runden Tisch. Lu sieht den Ausweis, eine leere Flasche Zitronenlimonade, ein paar zerknüllte Yuan-Scheine, einen Schlüsselbund. Lu nimmt sich den Ausweis, betrachtet das Foto. Es ist Zhang, auf jeden Fall. Er steckt den Ausweis ein.
»Also nur noch Sie und Ihr Großvater?«, fragt Lu.
»Ja.«
»Sie sind nicht verheiratet?«
»Noch nicht.«
»Was heißt das?«
Zhang zuckt erneut mit den Achseln.
»Ich habe Sie was gefragt. Was heißt das – noch nicht?«
Zhang hält sich die Hand vor den Mund, als wollte er ein Grinsen unterdrücken.
»Antworten Sie mir.«
»Ich habe eine Freundin«, sagt Zhang.
»Was für eine Freundin?«
»Kann ich nicht sagen.«
»Warum nicht?«
Zhang zuckt zum dritten Mal mit den Achseln.
Lu fragt sich, ob Zhang absichtlich ausweichend reagiert oder ob er an einer Art mao bing leidet, einem geistigen Defekt.
»Ich bin vom Amt für Öffentliche Sicherheit«, sagt Lu. »Sie müssen meine Fragen beantworten.«
»Sie hat mir gesagt, dass ich es niemandem erzählen soll.«
»Ich habe keine Lust auf Spielchen. Antworten Sie mir, oder ich nehme Sie mit auf die Wache und sage dem Polizeimeister, er soll Ihnen ein paar Zehennägel ausreißen.«
Zhangs Augen weiten sich erschrocken. »Ihr Name ist Fenfen.«
»Und ihr vollständiger Name?«
»Yang Fenfang.«
Lu und Polizeiobermeister Bing wechseln einen Blick.
»Wann haben Sie diese Yang Fenfang das letzte Mal gesehen?«, fragt Lu.
»Ich weiß es nicht mehr.«
»Ich muss es aber wissen. Also wann?«
»Auf der Trauerfeier.«
»Welcher Trauerfeier?«
»Für ihre Mutter.«
»Wann war die?«
»Vor einer Woche.«
»Wo?«
»Was wo?«
»Ta ma de«, sagt Lu. »Wo fand die Trauerfeier statt?«
»In dem Begräbnisinstitut. Außerhalb der Stadt. Es gibt nur dieses eine.«
»Wann waren Sie das letzte Mal bei den Yangs?«
»Ich weiß es nicht. Kann ich mein Handy wiederhaben?«
»Nein. Wie lange ist es her, dass Sie im Haus der Yangs waren?«
»Ich kann mich nicht erinnern.« Zhang steckt einen Finger ins Ohr.
»Einen Monat? Ein Jahr?«
»Vielleicht … vielleicht ein paar Monate.«
»Wo arbeiten Sie, Zhaoxing?«
»In der Schweinefleischfabrik.«
»Und was machen Sie da?«
»Ich arbeite an der Zerlegungsstation.«
»Was ist das?«
»Da wird das Fleisch für die Verpackung in verschiedene Teile zerlegt.«
»Beschreiben Sie genau, was Ihre Aufgabe ist.«
»Warum?«, fragt Zhang.
Polizeiobermeister Bing beugt sich vor und schlägt Zhang auf den Kopf. »Beantworten Sie einfach nur die Fragen des Kommissars!«
»Das wird nicht nötig sein, Polizeiobermeister Bing.«
»Ja, Kommissar. Entschuldigung.«
»Durchsuchen Sie doch schon mal das Zimmer nebenan. Aber stören Sie den alten Herrn Zhang nicht, wenn es geht.«
Geduckt schlüpft Polizeiobermeister Bing durch die mit einem Vorhang verhängte Türöffnung.
Lu zieht sich einen Stuhl vom Tisch heran und setzt sich. »Erzählen Sie von Ihrer Arbeit.«
Zhang reibt sich achselzuckend die Stirn. »Die Schweine rollen über das Förderband heran. Wir schneiden sie in Stücke. Schulter, Hachse, Fuß, Lende, Rippen. Danach werden sie verpackt.«
»Seit wann arbeiten Sie dort?«
»Seit der Oberschule. Zuerst habe ich den Schweinemist weggeräumt. Dann bin ich zu der Station aufgerückt, wo das Blut ausgelassen wird. An der Zerlegungsstation bin ich erst seit acht Monaten.«
»Blut auslassen?«
»Ja.«
»Erklären Sie mir das.«
Zhang verdreht die Augen. »Wenn die Schweine betäubt sind, schneiden wir ihnen die Kehle durch und lassen sie ausbluten.«
»Benutzen Sie dafür ein Messer?«
»Was sollen wir sonst benutzen?«
»Beantworten Sie die Frage«, brummt Lu.
»Ja. Wir benutzen dafür ein Messer.«
»Haben Sie Freitag dieser Woche auch gearbeitet?«
»Ich arbeite jeden Freitag, außer am Neujahrsfest.«
»Was haben Sie letzten Freitag nach der Arbeit gemacht?«
»Ich bin nach Hause gegangen.«
»Und was dann?«
»Nichts dann. Das war’s.«
»Sie sind nicht noch mal aus dem Haus gegangen?«
»Wo sollte ich hin?«
»Ihre Freundin besuchen, zum Beispiel.«
Zhang zuckt mit den Schultern, seine unvermeidliche Reaktion auf alles.
»Ja oder nein, Zhang Zhaoxing?«
»Nein, ich bin einfach nur nach Hause gegangen.«
»Schlafen Sie hier? In der Küche?«
»Ja«, antwortet Zhang. »Mein Großvater schnarcht. Und manchmal nässt er sich ein.«
»Und er ist taub, haben Sie gesagt?«
»Er versteht nicht das Geringste.«
Wenn das stimmte, konnte Zhang durch den Hintereingang kommen und gehen, ohne dass sein Großvater es merkte. »Wir müssen uns mal ein bisschen umsehen. Sie bleiben schön hier auf dem Bett sitzen. Stehen Sie nicht auf. Verstanden?«
»Ich habe nichts getan.«
»Bleiben Sie einfach sitzen.« Lu gibt Polizeimeisterin Sun den Schlagstock zurück. »Hauen Sie ihm eine rein, wenn er nicht brav ist.«
Lu geht in das vordere Zimmer. Polizeiobermeister Bing hat bei der Durchsuchung nichts gefunden. Großvater Zhang schläft immer noch tief und fest.
»Schauen wir uns mal auf dem Grundstück um«, sagt Lu.
»Ist es nicht zu gefährlich, Polizeimeisterin Sun mit ihm allein zu lassen?«, fragt Bing.
»Wir sollten sie nicht anders behandeln als irgendeinen unserer männlichen Kollegen.«
»Von denen würde ich den meisten auch nicht zutrauen, sie mit ihm allein zu lassen.«
»Stimmt. Aber ich glaube, der Junge ist harmlos.«
»Es sind die Harmlosen, vor denen man sich hüten muss. Irgendwann schlagen sie zu.«
»Sie haben heute Abend einen Höhenflug, Polizeiobermeister Bing. Ich glaube, Kollegin Sun wird schon mit Zhang fertig. Kommen Sie.«
Sie inspizieren den Garten, betreten dann den selbstgezimmerten Anbau. Es ist ein Hühnerstall, aber hier stehen auch einige Gartengeräte, ein Fahrrad und diverses Gerümpel. Am Dachsparren hängt ein weißer Plastik-Overall.
Lu borgt sich Bings Taschenlampe und untersucht den Overall gründlich. An den Druckknöpfen und Manschetten, den Stellen, die schwierig zu reinigen sind, finden sich kleine Verfärbungen und Flecken, die möglicherweise auf Blut hindeuten.
»Würden Sie bitte einen Beutel aus dem Auto holen und diesen Overall einpacken?«, sagt Lu. »Aber ziehen Sie sich Handschuhe an.«
»Ja. Was sollen wir mit dem Jungen machen?«
»Das weiß ich noch nicht.«
Lu geht zurück in die Küche. Zhang sitzt friedlich auf der Pritsche.
»Probleme?«, erkundigt sich Lu.
»Keine, Kommissar.«
»Wir haben einen Overall in dem Schuppen gefunden, in dem Sie die Hühner halten«, wendet sich Lu an Zhang.
»Der gehört mir nicht.«
»Nein?«
»Nein.«
»Das heißt also … dass jemand sich hineingeschlichen und einen Overall dort aufgehängt hat?«
»Ich weiß nicht.«
Lu blickt verstohlen auf die Uhr. Es wird schon spät. Er setzt sich auf einen der Schemel und sieht sich Zhangs Handy an. »Wie lautet Ihr Passwort?«
»Warum?«
»Damit ich an das Handy kann. Was denken Sie denn?«
»Dürfen Sie das überhaupt?«
»Machen Sie mir keine Probleme.«
»Aber …«
»Passwort. Sofort.«
Zhang widersetzt sich. Sie starren sich an. Zhang gibt nach. Er nennt Lu das Passwort. Der Schirm öffnet sich und zeigt die Seite einer Webcam. Schöne Frauen flirten mit Kunden, und manchmal, gegen Zahlung von Digitalgeld, entledigen sie sich eines Kleidungsstücks.
Lu sieht Zhang an. Zhang richtet den Blick zu Boden. Schweißperlen treten auf seine picklige Oberlippe.
Lu überprüft rasch Zhangs Anruferliste. Sie enthält keinerlei Anrufe, weder ausgehende noch ankommende. Entweder hat Zhang sie gelöscht, oder er hat keine Freunde, mit denen er korrespondiert. Beides erscheint durchaus möglich. Lu öffnet Zhangs Kamera-App.
Er ist schockiert, Dutzende Fotos nackter Frauen zu entdecken, mit gespreizten Beinen, die ihren Intimbereich vor der Kamera präsentieren. Die Fotos sind von hoher Qualität, retuschiert, professionell. Lu vermutet, dass sie aus dem Internet heruntergeladen wurden.
Pornografie ist in China verboten, doch geschäftstüchtige User haben diverse Möglichkeiten entdeckt, die Restriktionen zu umgehen. Auf Online-Foren oder Gaming-Plattformen werden Videos und Fotos geteilt. Sehr beliebt sind auch Live-Streaming-Apps. Junge Frauen, sogenannte »anchors«, filmen sich bei Alltagsbeschäftigungen, beim Essen, während sie sich die Fingernägel lackieren, Make-up auftragen, beim Kleiderwechsel – aber sie performen auch speziell für Zuschauer, die sie mit virtueller Währung bezahlen.
Lu sieht diese Technologie zwiespältig. Pornografie ist frauenfeindlich, ausbeuterisch und unethisch, sie verträgt sich nicht mit sozialistischen Werten. Doch in einem Land, in dem die Männer gegenüber den Frauen mit 34 Millionen in der Überzahl sind und wo es für einen ungebildeten, unterbezahlten und sozial unbeholfenen Jungen vom Land wie Zhang nahezu unmöglich ist, eine passende Partnerin zu finden, sind solche Mittel nicht unbedingt schlecht, schon um die Last der Einsamkeit zu lindern und ein bisschen angestaute Spannung abzulassen.
Lieber Pornografie als Alkohol und Gewalt.
Aber so denkt vielleicht nur der Polizist in ihm.
Außer den Nacktbildern sind auf dem Handy noch Fotos von einer jungen Frau in einer Umgebung, die wie die Kangjian-Gasse aussieht. Die Fotos sind nicht von guter Qualität. Lu vermutet, dass Zhang sie mit dem digitalen Zoom der Handykamera aufgenommen hat.
Aber es besteht kein Zweifel: Die Frau ist Yang Fenfang.
Das bedeutet zweierlei. Erstens: Zhang hat heimlich Schnappschüsse von Yang gemacht. Zweitens: Selbst wenn es zutrifft, dass er seit mehreren Monaten nicht mehr im Haus der Yangs war, muss er sich kürzlich doch in der Kangjian-Gasse aufgehalten haben.
Plötzlich springt Zhang vom Bett auf, schubst Sun energisch beiseite, die gegen eine Wand fliegt, und stößt Lu von seinem Hocker. Ehe Lu auf die Beine kommt, hat Zhang die Hintertür aufgerissen und stürzt hinaus in die Nacht.
Zhang läuft schnell für einen großen Mann. Lu verfolgt ihn fünfzig Meter weit bis auf ein Feld mit Winterweizen. Zhang trägt nur Strümpfe und einen schlabbrigen Trainingsanzug, ihm ist kalt, und er macht schnell schlapp. Er wird langsamer, stolpert und fällt in eine Furche. Dort entdeckt Lu ihn, bibbernd und zusammengerollt.
Als Polizeimeisterin Sun und Polizeiobermeister Bing dazukommen, helfen die drei Zhang auf die Beine und bringen ihn zurück ins Haus. Leise heulend torkelt er willenlos mit.
Sie verfrachten ihn auf den Rücksitz des Streifenwagens und wecken seinen Großvater, um ihm mitzuteilen, dass sie Zhang auf die Wache bringen. Der alte Mann scheint nicht ganz zu begreifen.
»Vielleicht ist er dement«, flüstert Bing seinem Vorgesetzten ins Ohr.
»Liegt in der Familie«, entgegnet Lu und bedauert die Bemerkung umgehend.
Zhang wird verhaftet, erkennungsdienstlich behandelt und in eine Arrestzelle gesperrt. Lu ist gesetzlich dazu verpflichtet, Zhang darüber in Kenntnis zu setzen, dass Yang Fenfang ermordet wurde und er ein Tatverdächtiger ist.
Zhang bricht in Tränen aus. »Fenfen? Tot?«
»Beruhigen Sie sich, Zhaoxing«, sagt Lu. »Sollen wir jemanden für Sie anrufen? Vielleicht jemanden, der bei Ihrem Großvater bleiben könnte?«
Es dauert eine ganze Weile, bis Zhang sich so weit gefasst hat, dass er Lu den Namen einer Verwandten nennen kann. Lu schickt Polizeimeisterin Sun los, um sie anzurufen.
Lu reicht Zhang eine Packung Papiertaschentücher. »Wischen Sie sich den Rotz vom Gesicht, Zhang.«
Zhang putzt sich die Nase, einige durchnässte Papierfetzen bleiben um die Nasenlöcher herum kleben. »Ich war’s nicht, ich schwöre.«
»Dann haben Sie nichts zu befürchten.«
»Aber was passiert denn jetzt mit mir?«
»Sie bleiben inhaftiert, solange die Ermittlungen laufen. Später haben Sie die Gelegenheit, einen Richter zu sprechen. Möchten Sie mir jetzt schon etwas sagen?«
»Ich war’s nicht!«, jammert Zhang.
Kommissar Lu lässt Zhang heulend in seiner Zelle zurück und meldet sich kurz bei Polizeimeister Huang. Außer dem Fund der Leiche von Yang Fenfang gab es keine besonderen Vorkommnisse. Lu füllt seine Thermosflasche in der Kantine mit heißem Wasser auf und macht sich im Büro eine Tasse Instantkaffee. Dann sucht er sich Yang Fenfangs biografische Daten heraus. Geburtsdatum, Familienstand (ledig), Kinder (keine), Bildung (Oberschule), Vorstrafen (keine). Das Haus in der Kangjian-Gasse ist weiterhin als ihre offizielle Wohnadresse eingetragen.
Sie ist angestellt bei Hei Mao, »Schwarze Katze«, also in einer Bar, wie Lu vermutet. Eine Arbeit, die keine besonderen Qualifikationen erfordert, außer einem hübschen Gesicht und einem geselligen Wesen. Lu notiert sich die Adresse der Bar in seinem Handy. Er sieht sich noch einmal die Informationen über Zhang Zhaoxing an. Auch hier nichts Auffälliges. Oberschule. Arbeitsplatz. Das Haus in der Yongzheng-Straße. Keine Vorstrafen.
Zur Sicherheit startet er einen Suchlauf nach der Mutter Yang. Auch hier keine Vorstrafen. Todesursache Leberversagen. Kein offensichtlicher Zusammenhang mit dem Mord an ihrer Tochter.
Lu lässt sich mit dem Hauptsitz des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit in Peking verbinden. Als die telefonische Vermittlung sich meldet, nennt er seinen Namen, seinen Rang und seine Ausweisnummer und bittet, mit dem Kriminalamt verbunden zu werden. Der Telefonist stellt ihn zum diensthabenden Beamten durch. Lu schildert die Situation. Der Beamte sagt, es werde jemand zurückrufen.
Dreißig Minuten vergehen. Lu überlegt, ob er nach Hause gehen soll, da klingelt das Telefon.
»Ich hätte gerne Kommissar Lu gesprochen«, sagt eine männliche Stimme.
»Am Apparat.«
»Hauptkommissar Song. Stellvertretender Leiter des Kriminalamts.«
»Danke für den Rückruf.«
»Wie ich höre, gibt es bei Ihnen einen Mordfall.«
»Ja.« Lu bringt ihn auf den neuesten Stand.
»In Ordnung«, sagt Song. »Und Sie haben einen Verdächtigen, den Sie offiziell noch nicht vernommen haben, richtig?«
»Offiziell noch nicht, nein.«
»Haben Sie die Nachbarn befragt?«
»Von denen hat keiner etwas bemerkt.«
»Haben Sie irgendwelche Kameraaufnahmen aus der Umgebung?«
»Leider nicht, nein.«
»In Ordnung. Ich werde ein Team zusammenstellen, und morgen früh fliegen wir los. Wir werden wahrscheinlich gegen Mittag da sein. Unternehmen Sie nichts bis dahin. Verhören Sie den Verdächtigen nicht weiter. Durchsuchen Sie nicht das Haus. Versiegeln Sie es, und warten Sie ab. Ich will nicht, dass Ihre Leute Beweise gefährden.«
Lu versteht den Hinweis, doch ihm missfällt Songs Ton. »Ja, Herr Hauptkommissar.«
Song beendet abrupt das Gespräch, ohne sich zu verabschieden. Lu starrt eine Weile auf den Hörer, bestürzt über Songs Unhöflichkeit, und legt ihn dann zurück auf die Gabel.
Zwei Minuten später klingelt Lus Handy. Es ist Polizeichef Liang.
»Hallo, Chef.«
»Was ist das für eine Mordgeschichte bei Ihnen?«, lallt Liang. Im Hintergrund ist laute Musik zu hören. Lu sieht seinen Chef vor sich, wie er in einer schummrigen Karaoke-Bar, in der einen Hand ein Mikrofon, in der anderen ein Glas Johnnie Walker, traurige Countrysongs mit seinen Saufkumpanen singt. Neben ihm vielleicht ein etwas pummeliges Animiermädchen, dessen Hand auf seinem Schenkel ruht.
»Eine junge Frau in der Kangjian-Gasse. Yang Fenfang.«
»Kenne ich nicht. Aus was für Familienverhältnissen kommt sie?«
Mit der Frage nach den Verhältnissen meint der Polizeichef, ob die Familie Verbindungen in die lokale Wirtschaft oder Politik hat.
»Normalbürger. Mutter und Vater sind verstorben. Die Mutter sogar erst kürzlich.«
»Gibt es schon Tatverdächtige?«
»Wir haben einen Verdächtigen, aber es ist fraglich, ob er es war.«
»Haben Sie Richter Lin und Parteisekretär Mao informiert?«
Lin und Mao sind die höchsten Staatsbeamten in der Gemeinde Rabental.
»Noch nicht. Ich sah keinen Grund, sie an einem Samstagabend zu stören. Wir können sie gleich morgen früh anrufen. Aber ich habe das Kriminalamt kontaktiert. Morgen soll ein Ermittlerteam eintreffen.«
»Warum haben Sie das gemacht?«
»Weil wir nicht die Mittel und das nötige Fachwissen für so einen Fall haben, Chef.«
»Das sind arrogante Scheißkerle. Die werden uns herumkommandieren wie kleine Kaiser.«
»Wir brauchen ihre Hilfe. Meinen Sie nicht?«
Polizeichef Liang rülpst ins Telefon. »Wahrscheinlich war es irgendein notgeiler Bauer, der die junge Frau auf der Straße getroffen hat und ihr nach Hause gefolgt ist.«
Lus Instinkt sagt ihm, dass es kein liebestoller Bauer war. »Wir werden sehen, Chef. Einen schönen Abend noch.«
»Der Abend ist gelaufen.« Liang legt auf.
