Das Schicksal der Paladine 3: Gestrandet - Jörg Benne - E-Book
Beschreibung

Die rätselhaften Auristen sind Tristans einzige Hoffnung, das verschollene Amulett der Nekromanten zu finden. Wenn es Mardra in die Hände fällt, ist Tristan endgültig in Nuareth gestrandet und der Nekromant würde zu einer Bedrohung für ganz Nuareth werden. Doch schon die Reise zu den Auristen wird für Tristan, Martin und ihre Gefährten zu einem gefährlichen Abenteuer. Derweil will Tristans Vater Darius seinem Sohn zu Hilfe kommen, indem er Nuareth über das Amulett der Nekromanten betritt. Dabei unterschätzt er jedoch die dunkle Macht, die dem Amulett innewohnt und ihn mehr und mehr in ihren Bann zieht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:400


Inhalt

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Nachwort

Jörg BenneDas Schicksalder PaladineBand 3Gestrandet

Der Autor:

Jörg Benne wurde 1975 in Bottrop geboren, studierte Informatik und arbeitete mehrere Jahre als Softwareentwickler. Heute betreibt er ein Onlinemagazin und betreut seine beiden Kinder. Er lebt mit seiner Familie im Rheinland.

Schon in der Grundschule begann er, Geschichten zu verfassen, und wandte sich in der Jugend dann der Fantasy zu.

Roman

Prometheus Verlag, Duisburg

Überarbeitete Neuausgabe Veröffentlicht durch den Prometheus Verlag Christian Loewenthal & Marcel Hill GbR Duisburg, 2016 www.prometheusverlag.de Copright © der deutschsprachigen Ausgabe Prometheus Verlag Christian Loewenthal & Marcel Hill GbR Text © Jörg Benne Titelbild: Melanie Philippi Umschlaggestaltung: Jörn Aust Karte: Christoph Clasen Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN (EPUB): 978-3-944713-27-4 ISBN (MOBI): 978-3-944713-28-1 ISBN (Print): 978-3-944713-29-8

1

Ungefähr zu der Zeit, als Tristan nach dem ersten Treffen mit Banian in der Ruinenstadt der Nurasi in seinem Zelt lag, fuhr Darius im Büro von Paladine Limited aus seinem unfreiwilligen Schlaf hoch. Das Telefon klingelte, die Sonne schien hell ins Büro. Darius’ Augen huschten zur Uhr: Viertel nach zehn. »Ach du Scheiße«, murmelte er, als ihm klar wurde, wie lange er geschlafen hatte und dass in Nuareth schon wieder zwei Tage vorüber waren, weil die Zeit dort so viel schneller verging als hier.

Doch erst beim vierten Klingeln überwand er seinen Schock so weit, dass er zum Hörer griff. »Ja?«

»Wo bleibt ihr?«, fragte seine Frau Katharina ohne Umschweife. »Was ist mit Tristan?«

Eine Frage, auf die Darius gern selbst eine Antwort gehabt hätte. Genauso wie auf die Frage, wieso das Portal sich nicht öffnete. Ob es jetzt vielleicht wieder ging? Am liebsten hätte er es sofort ausprobiert, aber vorher musste er seine Frau irgendwie beruhigen.

»Darius? Bist du noch dran?«

»Ich – ähm, ja, entschuldige. Ich bin nur etwas müde.« Er räusperte sich. Was er nun brauchte, war eine überzeugende Lüge, die Katharina beruhigte und ihm Zeit verschaffte. Allerdings war Darius schon immer ein miserabler Lügner gewesen. »Mit Tristan ist alles in Ordnung, ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt, dass Svenja aufgewacht und auf dem Weg der Besserung ist. Er … hat neue Freunde gefunden in Nuareth und wollte sich noch von ihnen verabschieden. Ich muss auch noch mal hin.«

»Freunde?«, echote Katharina und er hörte deutlich die Skepsis in ihrer Stimme. Zum Glück konnte sie in diesem Moment sein Gesicht nicht sehen. Er schwieg lieber, statt sich weiter in Lügen zu verstricken, die Tristan womöglich in ein schlechtes Licht rückten.

Katharina seufzte. »Verstehe. Svenja möchte euch aber gern sehen. Sie ist jetzt wach und mit dem Sprechen klappt es auch schon besser.«

Darius verzog den Mund, sein schlechtes Gewissen regte sich. Seine Frau, von der er quasi getrennt lebte, zu belügen, war eine Sache. Aber Svenja, die gerade erst aus dem Koma erwacht war, das war etwas ganz anderes. »Das freut mich. Sag ihr liebe Grüße und dass wir so bald wie möglich kommen. Es ist alles in Ordnung, wirklich. Aber ich muss jetzt Schluss machen. Bis später.«

Er legte hastig auf und eilte zur Abstellkammer. Voller Hoffnung schmierte er einen Tropfen Blut auf das Amulett – und seufzte enttäuscht, als sich außer der einsetzenden Vibration erneut nichts tat. Er konnte sich das nicht erklären und der Gedanke, dass das Gegenstück auf der anderen Seite zerstört worden sein könnte, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Dazu spürte er auch wieder die Erschöpfung, die der Schlaf nur zum Teil hatte kurieren können. Was sollte er bloß tun?

Da fiel ihm die Suche wieder ein, die er vor dem Einschlafen am PC gestartet hatte. Er lief zurück in sein Büro und erweckte den Bildschirm mit einer kurzen Bewegung der Maus zum Leben. Die Suche in den Aufzeichnungen der Paladine hatte rund ein Dutzend Treffer geliefert. Ganz oben war ein Dokument gelistet, das sich offenbar nur mit den Amuletten befasste. Darius überflog die weiteren Treffer, aber da sich keines konkret auf Probleme mit dem Portlet bezog, öffnete er das oberste.

Es war eine längere Ausarbeitung voller Fakten um das Portlet, seine Geschichte, die Bedeutung der einzelnen eingravierten Runen. Ein Paladin, der im realen Leben Doktor der Physik war, hatte sich an wissenschaftlichen Erklärungen der Funktionsweise versucht. Aber auch hier beschäftigte sich keines der Kapitel mit Problemen, und als Darius eine Suche nach dem Wort »Problem« startete, fand er lediglich die Schwierigkeiten, auf die der Physiker bei seinen Erklärungsversuchen gestoßen war.

Darius probierte es mit weiteren Begriffen – ohne Erfolg. Sein letzter Versuch führte ihn jedoch zu einem Kapitel mit der Überschrift »Das Amulett der Nekromanten« und dort zu dem Absatz:

Das Portal ließ sich öffnen, wir wagten aber nicht hindurchzugehen. Um sicherzustellen, dass nicht noch einmal jemand als Nekromant nach Nuareth gelangt, haben wir beschlossen, das Amulett in unserem Bankschließfach zu verwahren.

Darius stutzte. Dass die Paladine das auf der Erde befindliche Gegenstück zum Amulett der Nekromanten gefunden hatten, war ihm neu. Er scrollte zum Ende des Kapitels. Es stammte von Johann und war 1972 verfasst worden.

Darius rieb sich nachdenklich die Schläfen. Konnte er über das Amulett der Nekromanten nach Nuareth gelangen? Falls ja, was würde mit ihm geschehen, wenn er dort die Male der Nekromanten bekam? Vor allem aber war die Frage, wo in Nuareth er herauskommen würde. Vermutlich irgendwo auf dem Kontinent, von wo er unter Umständen Wochen brauchen würde, um zur Insel Nasgareth und damit zu Tristan zu gelangen. Nein, das durfte nur die letzte aller Möglichkeiten sein, vorher musste er alle anderen geprüft haben. Er seufzte. Aber welche anderen Möglichkeiten überhaupt?

Ratlos starrte er eine Weile auf den Monitor. Sollte er nun Stunden damit verbringen, nach anderen Wegen zu suchen, nur um am Ende doch das Portlet der Nekromanten zu benutzen? Bis dahin war womöglich schon wieder ein Tag in Nuareth verstrichen.

Bevor er weiter über das Nekromantenamulett nachdachte, musste er allerdings zunächst herausfinden, wo genau Johann es deponiert hatte. Darius erinnerte sich dunkel, dass Johann im Namen von Paladine Limited ein Bankschließfach gemietet hatte, konnte sich aber nicht an Details erinnern. Also ließ er alle Dokumente nach dem Begriff »Bankschließfach« durchsuchen.

Die Suche präsentierte ihm genau ein Ergebnis. Hastig klickte er darauf und es erschien eine Dialogbox, die ein Passwort verlangte. Nach kurzem Überlegen fiel ihm das Passwort wieder ein, das ihm Johann vor einigen Jahren genannt hatte, als er ihm die Führung der Paladine übertrug.

Das Dokument öffnete sich. Es enthielt Aufstellungen über die Finanzen von Paladine Limited, über die finanziellen Ansprüche der einzelnen Paladine, Konten, Aktiendepots – und Informationen zu dem Bankschließfach. Es befand sich bei einer Privatbank in Hamburg, Johanns Heimatstadt. Darius notierte sich die Anschrift der Bank, die Schließfachnummer und das Kennwort, das er benötigen würde, um Zugang zum Schließfach zu bekommen.

Noch einmal zögerte er kurz, doch er sah keine andere Möglichkeit, es fiel ihm schlicht nicht ein, wo er noch hätte ansetzen sollen. Im Internet fand er heraus, dass mindestens jede Stunde ein ICE von Berlin nach Hamburg fuhr und die Fahrt nur knapp zwei Stunden dauerte. So konnte er noch am Nachmittag in der Bank und vielleicht schon in der Nacht wieder hier sein. Er buchte ein Ticket mit der firmeneigenen Kreditkarte und rief sich per Telefon ein Taxi, das ihn zum Bahnhof bringen sollte.

Beinahe hatte er den PC schon ausgeschaltet, als ihm einfiel, dass er eine Nachricht für Tristan hinterlassen sollte, nur für den Fall, dass sein Sohn beim Öffnen des Portals mehr Erfolg hatte. Hastig tippte er ein paar Zeilen und klebte einen Zettel mit einem Pfeil an die Tür, damit Tristan den angelassenen PC auch bemerkte.

Er war schon auf dem Weg zur Bürotür, als ihm auffiel, dass er noch immer in Unterhose herumlief. Als er in die Kleiderkammer stürmte, klingelte es bereits. Das musste das Taxi sein. Hastig griff er sich eine Hose aus seinem Spind, zog sie an, dachte im letzten Moment an seine Brieftasche und die Firmen-Kreditkarte und stopfte sie sich zusammen mit seinen Notizen und den Tickets in die Hosentasche. Im Hinauseilen angelte er sich noch ein Jackett von der Garderobe und eilte aus dem Büro.

* * *

Darius erwischte den Zug mit Ach und Krach und ließ sich außer Atem in den erstbesten Sitz fallen. Eine Weile hing er seinen Gedanken nach, während er die am Fenster vorbeisausende Landschaft betrachtete, schließlich döste er ein.

Er schrak auf, als das Handy seines Sitznachbarn klingelte. Automatisch griff auch Darius in die Innentasche seines Jacketts – und stellte entsetzt fest, dass er in der Eile sein Mobiltelefon im Umkleideraum hatte liegen lassen. Mühsam unterdrückte er einen lauten Fluch. Aber vermutlich würde Tristan ja ohnehin nicht versuchen, ihn zu erreichen, tröstete er sich. Und im Grunde war er ganz froh, dass ihn seine Frau nicht anrufen konnte.

Am Hamburger Hauptbahnhof holte Darius Bargeld an einem Automaten und bestieg ein Taxi. Die Fahrt zur Bank dauerte länger als erwartet. Erst gegen 15 Uhr hielt das Taxi vor einem prachtvollen, trutzigen Bau aus Marmor, in dem das Bankhaus untergebracht war. Darius zahlte und stieg aus.

Der Pförtner am Eingang musterte ihn mit skeptischem Blick. Darius sah an sich herab und bemerkte, dass seine Kleidung ziemlich derangiert war. Die Hose war total zerknittert, das Jackett hatte einen Kaffeefleck und darunter trug er ein altmodisches Hemd, das eigentlich für Nuareth gedacht war. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, aber er konnte es nun nicht ändern. Immerhin ließ der Pförtner ihn dennoch passieren, nachdem Darius seinen Wunsch vorgebracht hatte, und rief einen Kundenberater, der ihn zu den Schließfächern geleiten sollte.

Darius wippte ungeduldig mit den Füßen und sprang sofort auf, als ein Mann im Nadelstreifenanzug auf den Wartebereich zukam. Für einen kurzen Moment huschte ein missbilligender Ausdruck über das Gesicht des Mannes, dann lächelte er aber und trat mit ausgestreckter Hand auf Darius zu. »Drewesen ist mein Name, guten Tag. Wir kennen uns noch nicht, Herr …?«

»Von Niehus. Darius von Niehus.«

Drewesen sah auf eine Karteikarte, die er unauffällig in der Hand hielt. »Ja, Sie sind uns als Verfügungsberechtigter für Ihre Firma benannt worden. Herr Marbach ist verhindert?«

Es dauerte einen Augenblick, bis Darius aufging, dass Drewesen von Johann sprach. »Er ist auf Geschäftsreise«, erwiderte er. Das war ja nicht vollkommen gelogen und kam ihm daher leicht über die Lippen.

»Verstehe. Sie möchten also das Schließfach öffnen?«

Darius verlor allmählich die Geduld, zwang sich aber zur Ruhe. Am Eingang war ein vierschrötiger Wachmann aufgetaucht. Wenn Darius sich nun ungebührlich verhielt, würde man ihn sicher vor die Tür setzen. »Richtig, ja«, erwiderte er knapp.

Drewesen musterte ihn noch einmal von oben bis unten, zuckte dann jedoch die Schultern und bedeutete Darius, ihm zu folgen. Wenig später waren sie im vierten Untergeschoss. Nachdem Darius seinen Personalausweis vorgezeigt und das Kennwort für das Schließfach an einem Terminal eingegeben hatte, holte der Bankangestellte die metallene Schublade, die den Inhalt des Bankschließfaches beherbergte. Drewesen trug sie ächzend zu einem kleinen Raum.

Darius wartete, bis der Bankangestellte die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann öffnete er voller Anspannung den Deckel der Lade. Sie enthielt nicht viel, dennoch machte Darius große Augen. An einer Seite waren mehrere Goldbarren aufgestapelt, wohl die Notreserve für die Firma. Ansonsten enthielt die Lade nur eine schmucklose Holzschatulle, sonst nichts. Darius schluckte und nahm die Schatulle zur Hand. Wenn das Amulett nicht darin war, dann … Er klappte sie auf und stöhnte. Die Schatulle enthielt nur einen Schlüssel und einen Briefumschlag.

Enttäuscht öffnete er den Umschlag und zog einige Seiten bedrucktes Papier heraus. Er wollte sie nur hastig überfliegen, in der vagen Hoffnung, dass sie vielleicht einen Hinweis enthielten.

Nachdem er die ersten Zeilen quergelesen hatte, ließ er sich entsetzt auf den bereitstehenden Stuhl fallen und begann die erschütternde Lektüre noch einmal von vorn.

Wenn jemand außer mir diese Lade öffnet, muss etwas Furchtbares vorgefallen sein. Wahrscheinlich ist der Orden ernsthaft bedroht und ich selbst bin vermutlich nicht mehr am Leben. Einer der Gründe könnte Mardra sein, der Nekromant, den ich befreit habe. Das war rückblickend natürlich ein großer Fehler, aber damals erschien es mir richtig.

Man mag mir Selbstherrlichkeit und Egoismus vorwerfen, denn es sieht sicher so aus, als habe ich den Nekromanten nur befreit, um den Paladinen wieder ihre alte Bedeutung zu geben. Ich will gar nicht leugnen, dass die Nichtachtung, vor allem der Menschen Nasgareths, mir meine Entscheidung erleichtert hat. Doch in erster Linie ging es mir um den Zusammenhalt unseres Ordens.

Immer weniger von uns kamen nach Nuareth und blieben immer kürzer dort. Manchmal waren gerade noch vier oder fünf von uns gleichzeitig da. Es brauchte daher eine Aufgabe für uns alle und die einzige, die mir einfiel, war Mardra.

Also befreite ich ihn, erwartend, dass er wenige Tage oder Wochen nach seinem Entkommen losschlagen würde. Nun, einige Jahre später, hat sich immer noch nichts getan. Vermutlich ist er mittlerweile einfach gestorben, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er im Verborgenen Pläne schmiedet. Im schlimmsten Fall sucht er auf dem Kontinent nach dem Amulett der Nekromanten.

Glücklicherweise haben wir das Gegenstück zum Nekromantenamulett hier auf der Erde gefunden. Es gab lange Streit darüber, was damit zu geschehen habe. Einige Paladine wollten es zerstören, andere es lieber verwahren, als Notausgang sozusagen, falls ein Feind einmal unser Amulett zerstören würde. Als Kompromiss einigten wir Paladine uns damals darauf, es in diesem Bankschließfach zu hinterlegen. Doch wie Du, werter Leser, mittlerweile erkannt haben wirst, ist es nicht mehr hier. Ich habe es ohne das Wissen der anderen Paladine in den Keller meines Hauses gebracht, denn ein Notausgang, der in einem Bankschließfach endet, hilft niemandem. Die Adresse findest Du am Ende dieses Briefes, der Schlüssel ist in der Schatulle.

Sollte Mardra nun wirklich auf der Suche nach dem Nekromantenamulett sein, bietet das Gegenstück in meinem Haus uns die einmalige Gelegenheit, ihm zuvorzukommen. Du, werter Leser, kannst damit nach Nuareth gelangen, dort das Gegenstück zerstören und damit die Gefahr, dass Mardra es bekommt, ein für alle Mal bannen. Ohne das Amulett ist er den Paladinen nicht gewachsen, früher oder später werdet ihr ihn aufspüren und vernichten.

Doch hüte dich, wenn Du das Amulett benutzt. Was auch immer die Gnome daran verändert haben, es ist verderbt. Die drei Menschen, die mit diesem Amulett nach Nuareth gelangten, konnten furchtbare Zauber wirken und wurden zunehmend skrupellos und machthungrig. Zwar zeigt auch das Amulett der Paladine gewisse Nebenwirkungen, wenn man es bei sich trägt, insbesondere was die Skrupellosigkeit angeht, bei den Nekromanten traten diese aber auch auf, obwohl das Amulett weit entfernt war. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was mit demjenigen geschieht, der das Nekromantenamulett längere Zeit mit sich führt. Deshalb zögere nicht, zerstöre es sofort, selbst wenn es für Dich dann keinen unmittelbaren Weg zurück mehr gibt.

Ich bereue, dass ich Mardra freigelassen habe und Du Dich deshalb nun in Gefahr begeben musst. Mögen die Götter Nuareths verhüten, dass ich ernsthaftes Unheil angerichtet habe.

Johann Marbach im Februar 2005

Darius ließ sich gegen die Stuhllehne sinken und sah ungläubig auf den Brief. Er brauchte eine Weile, um diese Enthüllungen zu verkraften. Dass Johann Mardra befreit hatte, war schon schwer genug zu verdauen, aber dass er Darius und die Paladine damals ohne Vorwarnung in ihr Verderben hatte reiten lassen, konnte Darius nicht fassen. Selbst wenn Johann diesen Brief nach Nuareth-Zeitrechnung vor fast dreißig Jahren geschrieben und daher wohl wirklich geglaubt hatte, Mardra sei tot, war das ein unentschuldbarer Verrat, der Dutzende Paladine und Knappen das Leben gekostet hatte. Darius zerknüllte das Papier mit den Händen und schwor sich, Johann dafür zur Rechenschaft zu ziehen.

Doch er hatte jetzt keine Zeit, sich aufzuregen, Tristan brauchte vielleicht dringend seine Hilfe. Darius musste sofort zu Johanns Haus und das Amulett holen. Immerhin erwies es sich nun, dass die Entscheidung, das Amulett als Notausgang aufzuheben, weise gewesen war. Hastig entknüllte er den Brief, riss das untere Ende mit der Adresse ab und legte den Rest zurück in die Lade, aus der er noch den Schlüssel nahm.

Er rief nach dem Bankangestellten, ließ sich ein Taxi bestellen und fuhr damit zu der Adresse, die in dem Brief gestanden hatte. Darius hoffte, dass ihn dort nicht noch eine weitere unliebsame Überraschung erwartete.

* * *

Johanns Haus war eine alte Villa in einem noblen Viertel von Hamburg. Offensichtlich wurde jemand bezahlt, um das Haus zu pflegen, denn der Rasen davor war frisch gemäht. Darius bat den Taxifahrer zu warten, eilte durch den Vorgarten zur Haustür und schloss sie mit zitternden Händen auf. Er ließ sie offen stehen, sah sich flüchtig um und nahm dann die Treppe nach unten.

Im Keller sah offenbar niemand nach dem Rechten, hier war die Luft muffig und eine dicke Staubschicht bedeckte den Boden. Als Darius das Licht mit einem der altmodischen Drehschalter anknipste, enthüllte es einen großen Raum mit weiß verputzen Wänden, an denen hier und da der Schimmel blühte. Auf Regalen stapelten sich Kartons und Kisten. Darius stöhnte, da er befürchtete, sie alle nach dem Amulett durchsuchen zu müssen.

Dann aber kamen ihm Johanns Worte in den Sinn. Ein Notausgang, der in einer Umzugskiste endete, war sicher auch nicht das, was Johann sich vorgestellt hatte. Wo würde man jemanden herauskommen lassen, der durch das Amulett trat – vor allem wenn man sich nicht sicher sein konnte, dass es vielleicht Mardra oder ein anderer Nekromant war? Sein Blick fiel auf eine Tür. Sie war verschlossen, doch neben der Tür war ein Haken befestigt, an dem ein Schlüssel hing. Damit ließ sie sich öffnen.

Dahinter lag ein kleiner Raum mit einer Matratze auf dem Boden, einem Tisch und einem Stuhl, dazu gab es ein Waschbecken. Auf dem Tisch stand ein altmodisches Telefon, neben dem ein Zettel mit einigen Telefonnummern lag. Darius musste anerkennen, dass Johann an alles gedacht hatte. Wer auch immer einmal unerwartet hier angekommen wäre, hätte mit dem Telefon Hilfe rufen und sich befreien lassen können.

Das Amulett selbst fand er auf dem Boden liegend. Auf den ersten Blick sah es genauso aus wie jenes, das er im Büro benutzt hatte. Darius hob es auf und erwog für einen Moment, es gleich hier und jetzt zu benutzen. Doch er hatte keine Waffe bei sich und seine Kleidung war unpassend. Sosehr die Zeit auch drängte, er musste zunächst zurück ins Büro.

Er machte sich nicht die Mühe, wieder abzuschließen, und hastete zurück zum Taxi.

* * *

Es war kurz nach Mitternacht, als Darius endlich wieder ins Büro von Paladine Limited stürzte. Als Erstes eilte er in die Kammer und versuchte erneut, das Portal mit dem Amulett der Paladine zu öffnen. Diesmal vibrierte es nicht einmal. Darius starrte es eine Weile ratlos an und überlegte, was das nun wieder bedeuten mochte. Auch wenn er sich das vorher kaum hatte vorstellen können, wuchs seine Besorgnis noch weiter.

Die Worte in Johanns Brief gingen ihm durch den Kopf, insbesondere der eindringliche Appell, das Nekromantenamulett sofort zu zerstören. Aber wenn das Amulett der Paladine nicht mehr funktionierte, konnte Darius das nicht tun, er würde also vielleicht Wochen unter dem verderbten Einfluss des Nekromantenamuletts stehen. Das machte ihm Angst, doch er hatte schlicht keine Wahl. Das Amulett der Nekromanten war der einzige sichere Rückweg für Tristan und ihn.

Schon im Flur schlüpfte er aus dem Jackett und ließ es achtlos auf den Boden fallen. In der Waffenkammer streifte er die Hose ab, stieg in eine Lederhose, warf sich ein Kettenhemd über, griff zu einem Gurt mit Wurfdolchen und gürtete danach die Scheide mit seinem Schwert um.

Was war noch zu tun? Er hatte keine Ahnung, wohin ihn das Amulett führen würde, musste aber den schnellsten Weg nach Nasgareth finden. Also eilte er in den angrenzenden Raum, wo die Karte von Nasgareth an der Wand hing. Darunter war ein Regal mit breiten Schubladen, die einige Pergamentrollen enthielten. Darius suchte, bis er eine fand, die grob den ganzen Kontinent zeigte. Das musste genügen, um sich vor Ort ungefähr ein Bild zu machen, wo er sich befand.

Nun galt es noch, für alle Fälle die Nachricht an Tristan auf den neuesten Stand zu bringen. Er eilte ins Büro und bemerkte erst jetzt Tristans Nachricht am Türrahmen. Darius fiel ein Stein vom Herzen, er lachte befreit auf. Sein Sohn war also doch zurückgekommen, vermutlich war er jetzt im Krankenhaus. Darius seufzte erleichtert und ging zum PC, um sich die Nachricht anzusehen, auf die ihn der Klebezettel am Türrahmen hingewiesen hatte.

Hallo Papa!

Leider hattest du dein Handy vergessen, ich bin jetzt wieder in Nasgareth. Wir haben die Wolfsfrauen aus der Hand der Nekromanten befreit und wollen mit ihnen nach Dulbrin ziehen. Die Stadt wird von einer großen Armee der Adepten belagert, aber wenn wir ihnen zeigen, dass ihre Frauen nun frei sind, werden die Wolfsmenschen vielleicht gegen die Nekromanten kämpfen. Das ist zumindest unsere Hoffnung.

Das Amulett war in ein Runentuch gehüllt, daher konntest du nicht zu uns kommen. Jetzt geht es wieder. Bitte komm so schnell wie möglich, wir brauchen deine Hilfe.

Tristan

»Ich bin so ein Vollidiot!«, schimpfte Darius laut, nachdem er zu Ende gelesen hatte. Wie hatte er nur das Handy vergessen können? Hätte er es dabeigehabt, hätte er Tristan verbieten können, noch einmal nach Nasgareth zurückzukehren und sich in die Schlacht mit den Schergen der Nekromanten zu stürzen. Er raufte sich die Haare und Verzweiflung kam in ihm auf. War Tristan in der Schlacht gefallen und das Amulett dabei zerstört worden? Diese Vorstellung drohte ihm jede Kraft zu rauben und er rang um Beherrschung.

Er mahnte sich selbst, sich zusammenzureißen. Vielleicht war ja nur das Amulett zerstört oder beschädigt und Tristan verletzt oder in Gefangenschaft. Darius brauchte Gewissheit.

Er dachte an Svenja und Katharina. Auch sie würden Gewissheit haben wollen, wenn er nicht zurückkehrte. Also ergänzte er Tristans Nachricht hastig um einige Sätze, die alles Nötige erklären sollten, dann stürmte er aus dem Büro.

In der Abstellkammer angelangt, versuchte er es noch ein letztes Mal mit dem Amulett der Paladine. Da sich wieder nichts tat, griff er zu dem der Nekromanten. Nachdem er sein Blut darauf verteilt hatte, setzte die vertraute Vibration ein und er legte es auf den Boden. Eine tintenschwarze Säule erhob sich, die nicht erkennen ließ, was auf der anderen Seite lag. Vermutlich herrschte dort undurchdringliche Finsternis.

Darius hielt inne. Wahrscheinlich lag das Portal der Nekromanten noch immer in einer dunklen Höhle, so wie Mardra und die anderen es damals zurückgelassen hatten. Auf keinen Fall wollte Darius die Nekromantenmale benutzen, um einen Lichtzauber zu wirken – wenn das überhaupt möglich war.

Er wandte sich also ab und durchsuchte die Räume nach irgendetwas, das er als Fackel benutzen konnte. Er fand sogar etwas Besseres, eine kleine Taschenlampe. Mit ihr in der Hand öffnete er die dunkle Pforte noch einmal. Als sich der Durchgang vor ihm auftat, holte er tief Luft und trat hindurch in die Finsternis.

Auf der anderen Seite erwartete ihn abgestandene, feuchte Luft – und unbändige Kraft. Alle Erschöpfung fiel augenblicklich von Darius ab und einen Moment lang genoss er das Gefühl, besann sich dann jedoch. Wer wusste schon, was ihn hier erwartete? Er knipste die Taschenlampe an und ließ den Lichtkegel voller Anspannung kreisen, doch er enthüllte kein Leben. Stattdessen fiel das Licht auf die aufwendig verzierten Wände einer großen Höhle. Darius stand auf einer Art Sockel, auf den man das Amulett gelegt hatte. Er stieg herunter und betrachtete es. Schon streckte er die freie Hand aus, um es an sich zu nehmen, als ihm die Worte aus Johanns Brief wieder einfielen: Ich mag mir gar nicht vorstellen, was mit demjenigen geschieht, der das Nekromantenamulett längere Zeit mit sich führt. Darius ließ die Hand sinken. Er wollte es lieber auch nicht herausfinden, die Nekromantenmale zu bekommen, war schon schlimm genug. Er würde sich den Weg zur Oberfläche eben einprägen und dann mit Tristan hierher zurückkehren, das erschien ihm sicherer.

Also wandte er sich ab und leuchtete die Höhle weiter aus. Die Decke wurde von mächtigen Säulen getragen und ragte gut vier Meter hoch auf. Auch hier waren überall Verzierungen. Darius mutmaßte, dass er in einem Thronsaal oder etwas Ähnlichem stand. Doch er war nicht hier, um die Handwerkskunst der Gnome zu bewundern, rief er sich ins Gedächtnis.

Die Taschenlampe enthüllte ihm drei Ausgänge und Darius inspizierte sie nacheinander. Das Ergebnis war ernüchternd. Sie alle führten in Tunnel, die mehr oder weniger eben zu verlaufen schienen, und da Darius die Runenzeichen über den Ausgängen nichts sagten, blieb ihm keine andere Wahl, als sich auf gut Glück für einen der Tunnel zu entscheiden.

Er jubilierte innerlich, als dieser Tunnel nach einigen Metern anzusteigen begann, recht steil sogar. Es schien so, als habe er instinktiv den richtigen Weg gewählt. Voller Elan begann Darius den Aufstieg, dank der zurückgekehrten Kräfte fiel es ihm leicht. Nach einer Weile begann sein Herz jedoch, stärker zu klopfen, sein Atem wurde schwerer und er bekam Seitenstechen. Mit jedem Schritt wurde es schlimmer, seine Waden begannen sogar zu schmerzen, als habe er eine lange Wanderung gemacht.

Wie war das möglich? Das Amulett war doch nicht weit entfernt und die Felswände sollten keine Rolle spielen, in der Unterwelt Nasgareths hatte er doch auch seine Kräfte behalten. Er versuchte nach einer Pause, den Anstieg fortzusetzen, wenige Schritte später sah er aber ein, dass es zwecklos war. Aus irgendeinem Grund reichte die Wirkung des Amulettes nicht weit und erschöpft, wie er nach den Strapazen der letzten Tage war, würde er nur langsam vorankommen. Zu langsam, um Tristan rechtzeitig zu Hilfe zu kommen?

Er seufzte. Es gab nur einen Weg: Er musste das Amulett mit sich nehmen, welche Risiken das auch immer barg. Jedes Zaudern kostete nur Zeit, die er nicht hatte.

Entschlossen drehte er sich um und tatsächlich ging es ihm schon einige Minuten später besser. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel auf dem Weg immer wieder auf glitzernde Gesteinsschichten, die sich wie Flöze durch den Fels zogen und die er in der Unterwelt Nasgareths nie gesehen hatte. Ob sie vielleicht die Kräfte des Amulettes abschirmten?

Zurück im Saal trat Darius an den Sockel mit dem Amulett. Einen Moment zögerte er, dann griff er zu. Beinahe erwartete er, dass das Böse in diesem Moment in ihn fahren würde, doch es geschah nichts, er fühlte sich nur noch ein wenig stärker, beinahe unbesiegbar.

2

Tristan begutachtete das Schiff skeptisch. Die Trizia wiegte sich in den sanften Wellen des Hafens von Dulbrin und ächzte und knarrte dabei wenig vertrauenerweckend. Das letzte Mal war er auf dem irdischen Mittelmeer an Bord eines Schiffes gewesen, einer nicht sonderlich seriös aussehenden Fähre. Die Überfahrt zu einer griechischen Insel hatte nur ein paar Stunden gedauert, aber Tristan hatte sie in übelkeiterregender Erinnerung. Er wusste noch genau, wie er sich unter Deck bei zunehmendem Seegang die ganze Zeit Sorgen gemacht hatte, dass das Schiff kentern würde, während er gegen das Erbrechen ankämpfte.

Die Aussicht, mehrere Tage und Nächte auf der Trizia zu verbringen, war für ihn daher alles andere als verlockend. Zwar war der Zweimaster augenscheinlich gut in Schuss – soweit Tristan das überhaupt beurteilen konnte –, aber er war eben aus Holz und die Bordwände erschreckend niedrig. Beim Gedanken, wie das Schiff in der Dünung rollen würde, beschlich Tristan schon jetzt ein flaues Gefühl.

»Ein sehr schönes Schiff«, befand Katmar anerkennend.

»Ja, nicht wahr?« Halus, Kapitän der Trizia, lächelte stolz. Er war der Prototyp eines Seemannes, mit wallendem, schwarzem Vollbart, Pfeife im Mundwinkel und tätowierten, muskulösen Oberarmen. »Und wir haben großzügig ausgelegte Kabinen für Euch sechs. Wenn das Wetter mitspielt, wird es eine angenehme Überfahrt werden.«

»Wie lange wird die Passage nach Uruzed denn dauern?«, fragte Martin.

»Der Wind steht leider ungünstig, sieben oder acht Tage, wenn er nicht zu unseren Gunsten dreht.« Eine ganze Woche auf See, Tristan musste ein Stöhnen unterdrücken. »Habt Ihr sonst noch Fragen?«, erkundigte sich der Kapitän. Da niemand eine Frage stellte, fuhr er fort: »Dann seid bitte heute Abend an Bord. Wir laufen noch vor Morgengrauen aus.« Mit einem Nicken verabschiedete er sich und erklomm über einen schmalen Steg das Deck.

»Lasst uns den Frauen Bescheid sagen«, brummte Martin und die drei wandten sich von der Trizia ab.

»Wieso sind wir nur zu sechst?«, fragte Tristan. »Wer kommt denn nicht mit?«

»Lord Noldan«, erwiderte Martin. »Die Vanamiri verlassen Nasgareth nicht, hat er mir erklärt. Davon abgesehen, wird er ohnehin bei seinem Volk gebraucht.«

Tristan war ein wenig enttäuscht. Nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten, hatte der Vanamir ihm das verschwiegen – doch irgendwie passte es auch in das Bild, das er sich von diesem Volk gemacht hatte.

Im Hafen von Dulbrin herrschte geschäftiges Treiben. Zwei Tage waren seit der Schlacht vor den Toren der Stadt vergangen. Der Sieg über die Armee der Nekromanten war ausgiebig gefeiert worden. Mittlerweile machten sich die Soldaten vom Kontinent, die als Verstärkung eingeschifft worden waren, auf den Rückweg. Gleichzeitig trafen Handelsschiffe ein, die Baumaterial brachten, um die Beschädigungen in der Stadt zu reparieren. Außerdem wurden Lebensmittel geliefert, denn die Vorräte waren während der Belagerung knapp geworden. Auch die Trizia gehörte zu diesen Schiffen und sollte heute auslaufen, um eine weitere Ladung aus Uruzed zu holen.

Auch wenn Tristan die zwei Tage viel zu kurz erschienen, um sich von dem Erlebten zu erholen, mussten sie diese Gelegenheit nutzen. Jeder Tag, den sie hier in Dulbrin verbrachten, verschaffte Mardra einen Vorsprung auf der Suche nach dem Amulett der Nekromanten. Sie mussten so schnell wie möglich zu diesen Auristen, um herauszufinden, wo es sich befand.

Ihr Weg führte Tristan, Martin und Katmar vorbei an der Ruine des Magierturms. Dulbrin war seit jeher ein Zentrum für das Studium der Zauberkünste und der Turm der Akademie ein imposantes Wahrzeichen der Stadt gewesen. Hier hatten die mächtigsten Magier den Schild um die Stadt beschworen, mit dem sie lange der Übermacht der Wolfsmenschen und Oger hatten widerstehen können – bis ein untoter Paladin den Turm mit einem gewaltigen Blitzzauber zerstört hatte. Nun ragten nur noch der Sockel und die unteren zehn Meter des Gebäudes als gezacktes Mahnmal in die Luft, der Platz davor war noch immer mit Trümmern übersät.

Die Gefährten liefen weiter durch enge Gassen, in denen scheinbar schon wieder der Alltag Einzug gehalten hatte und die Bewohner ihrem Tagwerk nachgingen. Doch in ruhigeren Ecken hörten sie hier und da noch das Klagen jener, die die Gefallenen der Schlacht betrauerten.

All das wegen Johanns Verrat. Tristan konnte immer noch nicht recht glauben, dass der greise Anführer der Paladine selbst Mardra befreit und damit diesen Krieg mitsamt dem Leid und der Zerstörung heraufbeschworen hatte. Das Warum war ihm vor allem nach wie vor ein Rätsel, und auch wenn man nicht schlecht über Tote reden sollte, verwünschte er Johann im Stillen, während sie weiter durch die Stadt gingen.

Der Fürst von Nasgareth hatte darauf bestanden, dass die »heldenhaften Paladine« – wie er Martin und Tristan nannte – und ihre Gefährten im fürstlichen Palais im Westteil Dulbrins untergebracht wurden. Es war nur ein recht kleiner Bau, verglichen mit dem Palast von Nephara, wo Fürst Sildar normalerweise Hof hielt – und das auch in Zukunft wieder zu tun gedachte. Boten waren bereits ausgesandt, um die Schäden in der Hauptstadt zu begutachten und Bericht zu erstatten.

Die Wachen am Eingang zum Palais kannten die drei Helden natürlich und verbeugten sich ehrerbietig, als sie den Hof betraten. Hier hatte der Fürst ein Zeltlager für all jene errichten lassen, die während der Belagerung ihr Obdach verloren hatten. Tristan war froh, dass die meisten der Zeltbewohner gerade im Bankettsaal waren, wo sie von der fürstlichen Küche bewirtet wurden. So konnten die drei relativ unbemerkt ins Palais gelangen und entgingen den Lobpreisungen und überschwänglichen Dankesbezeugungen, die Tristan mittlerweile zuwider waren. Wenn die Menschen wüssten, dass der Anführer der Paladine an allem die Schuld trug, würden sie Tristan wohl anders behandeln. Deshalb hatten sie Johanns Rolle wohlweislich für sich behalten.

So oder so, Tristan fühlte sich nicht wie ein Held. Da das Amulett nun zerbrochen war, war er zum Teil und Martin sogar gänzlich seiner Kräfte beraubt. Sie waren nicht einmal mehr Paladine. Und selbst mit ihren besonderen Kräften hatten sie weder die Flucht von Mardra noch den Mord an Vinjala verhindern können. Der Gedanke an den Tod des Mädchens schnürte ihm die Kehle zu und er wischte sich über die Augen.

Das Trio stieg das prunkvolle Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock, wo die Gästezimmer lagen. Hier hatte der Fürst ihnen eine Zimmerflucht bereitstellen lassen, die wohl normalerweise den Königen vom Festland vorbehalten war. Im Salon trafen sie nur Shurma an, die auf einem Sofa ruhte und sich aufsetzte, als die drei Gefährten eintraten.

»Und, wie ist das Schiff?«, fragte sie neugierig.

»Sieht gut aus«, erwiderte Katmar. »Sieben oder acht Tage soll die Überfahrt dauern.«

Shurma winkte Martin heran und er setzte sich. Sie schmiegte sich an seinen Arm, was Martin geschehen ließ, ohne aber die Zärtlichkeiten zu erwidern. Tristan wusste nicht recht, wie es um die beiden stand, wagte jedoch auch nicht, seinen Freund darauf anzusprechen. Martin war in den letzten Tagen oft launisch gewesen. Der sonst für ihn so typische Humor blitzte seit der Schlacht nur noch selten auf.

»Wo sind die anderen?«, fragte Katmar.

»Lord Noldan ist beim Fürsten, der uns übrigens auch noch einmal sehen will. Tiana ist draußen bei Vinjalas Grab und Lissann ist mit ihr gegangen, um sich von ihrer Katze zu verabschieden.«

Die Nurasi hatte das Tier am Stadtrand zurückgelassen, aber vorerst nicht fortgeschickt, solange noch nicht feststand, wie es weitergehen würde.

Tristan nahm auf einem weich gepolsterten Hocker Platz.

»Wann müssen wir zum Fürsten?«, fragte er lustlos.

»Er hat darum gebeten, dass wir alle kommen, sobald wir wieder vollzählig sind«, antwortete Shurma.

Tristan stöhnte. Er ahnte, dass auch dieser Empfang wieder in Lobpreisungen enden würde. Trotz all der Annehmlichkeiten des Palastes war er beinahe froh, dass sie bald in See stechen und all das hinter sich lassen würden. In Uruzed waren Paladine so gut wie unbekannt, dort würde ihm wohl niemand besondere Beachtung schenken.

Bei dem Gedanken schob er die Ärmel seines frischen Hemdes hoch und besah sich die Male, die ihm nach der Zerstörung des Amulettes noch geblieben waren. Das größte Stärkemal war nicht mehr darunter, und als er die Zauber rekapitulierte, die er beherrscht hatte, fiel ihm auf, dass auch die Male für den Blitz- und den Eiszauber verschwunden waren. War er in dieser Verfassung überhaupt noch ein Gegner für Mardra? Oder war dem Nekromanten gar noch weniger Macht geblieben? Und wie fühlte sich wohl Martin, der ohne das Amulett nur noch ein ganz normaler Mensch war?

* * *

Martin hatte Rückenschmerzen und zu seinem Leidwesen fand der Empfang beim Fürsten im Stehen statt. Bereits in seinem früheren Leben hatte er oft Probleme mit dem Rücken gehabt, schon als Jugendlicher. Nun, da das Amulett zerstört war, waren die Schmerzen so schlimm wie schon lange nicht mehr, selbst wenn er sich nicht besonders anstrengte. Er versuchte, sie so weit wie möglich zu verdrängen, genau wie den Gedanken daran, was er nun war.

Unmittelbar nach der Schlacht, als er sich vor Entkräftung kaum noch auf den Beinen hatte halten können, war er sich wertlos und ohne seine Kräfte beinahe fehl am Platz vorgekommen. Aber seitdem er sich erholt hatte, zwang er sich, solch düstere Gedanken von sich zu schieben. Er fühlte sich nach wie vor für Tristan verantwortlich, und wenn es eine Möglichkeit gab, dem Jungen die Rückkehr nach Hause doch noch zu ermöglichen, wollte er alles dafür tun. Trotz allem war er schließlich immer noch ein erfahrener Kämpfer.

Eine Berührung an der Hand riss ihn aus seinen Grübeleien. Shurma, die neben ihm stand, hatte seine Hand ergriffen, und als er kurz zu ihr hinübersah, schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln. Martin lächelte zaghaft zurück. Über seine Gefühle zu ihr war er sich nicht so recht im Klaren. Vor der Schlacht von Dulbrin hatte er ihr erklärt, dass er keine Beziehung wollte, vor allem wegen seines verlangsamten Alterns. Auch wenn es nun schon viele Jahre her war, dass er seine Frau Lyriel hatte welken und sterben sehen, wollte er so etwas nie wieder erleben, gleichwohl er etwas für Shurma empfand.

Nun, da das Amulett zerstört war, glaubte sie offenbar, dass sein Entschluss nicht mehr galt. Martin musste zugeben, dass er beinahe hoffte, nun normal zu altern und so seine Bedenken gegen eine Beziehung beiseiteschieben zu können. Doch genau wusste er nicht, ob auch das Altern mit dem Amulett zusammenhing, daher zögerte er noch, seinen Gefühlen nachzugeben.

»Und so bleibt mir nur, Euch für den weiteren Verlauf Eurer Reise alles Gute zu wünschen und Euch diese Bulle zu überreichen«, beendete der Fürst seine Rede und schritt auf Martin zu. In der Hand hielt er eine Schriftrolle, die von einem Wachssiegel zusammengehalten wurde.

Mit einer Verbeugung nahm Martin sie entgegen.

»Solltet Ihr die Unterstützung des Schahs von Kezir benötigen, so zeigt ihm diese Bulle«, erklärte der Fürst. Danach legte er jedem von ihnen nacheinander mit einer theatralischen Geste die Hand auf die Schulter. »Wenn Ihr vor Eurer Abreise noch etwas braucht, so lasst es mich wissen. Mögen die Götter mit Euch sein«, endete er.

Applaus brandete unter den versammelten Würdenträgern auf, danach endete der Empfang.

* * *

Abends machten sie sich wie verabredet auf den Weg zum Schiff. Jeder von ihnen trug einen neuen Rucksack aus dem Fundus der fürstlichen Armee, nur Noldan lief ohne Gepäck hinter ihnen her.

Auch jetzt noch herrschte reger Betrieb im Hafen. Eben legte ein großes Transportschiff ab, auf dessen Deck Dutzende Soldaten zusammengepfercht waren. Kaum war der Landeplatz frei, steuerte ein anderer Segler darauf zu. Taue wurden geworfen und einige kräftige Männer zogen das Schiff die letzten Meter an den Kai.

An der Trizia angekommen, blieb die Gruppe um Tristan stehen. Hier waren die Matrosen ebenso beschäftigt, trugen Vorräte an Bord und verstauten die Ladung. Während sie den Seeleuten bei der Arbeit zusahen, entstand ein unbehagliches Schweigen. Alle wussten, dass nun der Zeitpunkt für den Abschied von Lord Noldan gekommen war, aber keiner wollte der Erste sein, der dem Vanamir Lebewohl sagte, und er selbst machte auch keine Anstalten.

Schließlich war es Martin, der seinen Rucksack absetzte und den Anfang machte. »Ihr werdet hierbleiben, nicht wahr?«, sagte er hölzern, obwohl alle wussten, dass es so war.

Noldan nickte auf die ruckartige Weise der Vanamiri. »Wir verlassen Nasgareth niemals. Es tut mir leid, ich würde Euch gern weiter zur Seite stehen. Stattdessen werde ich zu meinem Volk zurückkehren.«

Auch wenn der Vanamir gewohnt stoisch wirkte, hatte Tristan den Eindruck, dass Noldan wirklich gern mitgekommen wäre. »Warum verlassen die Vanamiri die Insel nie?«, fragte er deshalb offen.

Noldan sah durch die enge Schlucht, die die Einfahrt zum Hafen bildete, aufs Meer hinaus. »Es ist ein uraltes Gesetz meines Volkes. Demnach haben unsere Vorfahren, die Vanari, die Welt zwischen ihren Nachkommen aufgeteilt. Wir, die Vanamiri, bekamen Nasgareth. Unsere Verwandten, die Vanajur, den Kontinent. Sie dürfen niemals einen Fuß auf unsere Insel setzen und wir niemals den Kontinent betreten. So wollten die Vanari in ihrer Weisheit verhindern, dass es jemals zu einem Krieg unter ihren Kindern kam. Nur durch die Augen meines Del-Sari habe ich den Kontinent gesehen – und Evran, die Heimat der Vanajur.« Beim letzten Satz klang Wehmut aus seiner Stimme.

Kurz breitete sich das unbehagliche Schweigen wieder aus, Martin durchbrach es aber mit einem beherzten: »Lebt wohl.« Das wünschten nacheinander alle dem Vanamir und gingen dann an Bord der Trizia, bis nur noch Tristan und Noldan am Kai standen.

»Es war mir eine Ehre, an Eurer Seite zu kämpfen, junger Paladin«, sagte Noldan feierlich.

Tristan senkte den Blick. »Ich wünschte, ich hätte die Nekromanten nicht in die Stadt Eures Volkes geführt. Es tut mir leid, dass so viele von euch sterben mussten, und das alles nur deswegen, weil Meister Johann …« Er brach ab.

»Ihr tragt nicht die Verantwortung für Johanns Tun. Und bedenkt immer: Es waren unsere Amulette, die nicht nur euch Paladine, sondern auch den Nekromanten den Weg nach Nuareth ebneten. Mein Volk selbst hat also dieses Schicksal heraufbeschworen – und es beschämt mich, dass nun Ihr das Unheil ausmerzen sollt, das mein Volk nach Nuareth gebracht hat.«

Tristan war dankbar für diese Worte und nahm seinen Mut zusammen, um Noldan die Frage zu stellen, die ihn schon lange beschäftigte. Wenn er jetzt keine Antwort darauf erhielt, dann vielleicht nie mehr. »Warum habt ihr das Amulett, das die Nekromanten benutzten, überhaupt geschaffen? Ich meine, wieso habt ihr es mit solchen Zaubern versehen, dass sie Untote beschwören können?«

Noldan antwortete nicht sofort, sondern sah wieder aufs Meer hinaus. »Das waren nicht wir. Mein Volk schuf gleiche Amulette und brachte sie an verschiedenen Stellen in Eure Welt. Aber ein Amulett wurde von den Gnomen bei einem Überfall geraubt. Wir wissen bis heute nicht, was sie daran verändert haben, um den Nekromanten ihre Kräfte zu verleihen.«

»Also ist es vielleicht in einem Gnomen-Bergwerk auf dem Kontinent?«, fragte Tristan.

Noldan hob die Hände. »Wir wissen es nicht. Die Ankunft der Nekromanten und das, was sie euch Paladinen berichtet haben, ist alles, was uns über den Verbleib des Amuletts bekannt ist.«

Tristan seufzte. Für einen Moment hatte er auf einen konkreten Hinweis gehofft.

Noldan legte ihm die Hand auf die Schulter. »Mögen die Schwingen der Vanari über Euch wachen, junger Paladin. Lebt wohl.«

»Lebt wohl«, erwiderte Tristan leise, nahm seinen Rucksack und ging über den schwankenden Steg an Bord. An der Reling dreht er sich um, ließ die zum Abschiedsgruß erhobene Hand aber wieder sinken. Noldan war bereits auf dem Weg in die Stadt und sah nicht mehr zu ihm zurück.

* * *

Ein Matrose führte die sechs Passagiere unter Deck zu einem schmalen Gang, wo man ihnen drei Kabinen frei gehalten hatte. Shurma schob Martin in die erste, Tiana und Lissann nahmen die nächste. Tristan ging zögernd hinter Katmar in die letzte Kabine.

Der Kapitän hatte nicht zu viel versprochen, die Kabine machte einen gemütlichen Eindruck. Sie lag am Heck des Schiffes und hatte ein schmales Fenster, es gab ein Etagenbett mit weichen Matratzen, einen Tisch mit zwei Stühlen und sogar einen Schrank. Das ganze Mobiliar bestand aus dunkel gebeiztem Holz und verströmte einen angenehmen Geruch. Unter dem Bett lugte das Netz einer Hängematte hervor, für die an der Decke metallene Ösen angebracht waren.

Tristan warf seinen Rucksack in den Schrank, legte seinen Waffengurt ab und kletterte in das obere Bett. Das leichte Schaukeln des Schiffes machte ihm nichts aus und so döste er eine Weile vor sich hin, während Katmar gedankenverloren seine Waffen polierte.

Tristan fuhr auf, als über ihnen an Deck laut »Leinen los!« gebrüllt wurde. Da er sonst nichts zu tun wusste und Katmar nicht sonderlich gesprächig war, beschloss Tristan, an Deck zu gehen und das Ablegen zu beobachten.

Oben angekommen, trat er an die Heckreling, wo er, seinem Gefühl nach, am wenigsten im Weg stand. Hier traf er auch Martin, der mit finsterer Miene auf den Kai blickte, von dem sich die Trizia allmählich entfernte.

»Legt euch in die Riemen, Männer«, brüllte jemand über das Deck. Als Tristan sich vorbeugte, sah er, dass einige Matrosen lange Ruder benutzten, um das Schiff aus dem engen Hafenbecken zu manövrieren, das im bleichen Licht der Monde glitzerte. Einige brennende Laternen auf hölzernen Bojen markierten Gefahrenpunkte und erleichterten dem Steuermann seine Arbeit. Eine leichte Brise wehte das Tal hinab und ließ die noch gerefften Segel ein wenig flattern.

Tristan blickte zurück zur Stadt. Wie ein Mahnmal stach die Ruine des Magierturms zwischen den Häusern hervor, die meisten Gebäude waren dunkel, alles schlief noch. Dahinter stieg das Tal steil an, hinauf zu der Ebene, auf der sie vor drei Tagen noch gekämpft hatten. Links und rechts des Schiffes ragten die Klippen Dutzende Meter in den Himmel und schoben sich immer enger zusammen. Die Ausfahrt aus der Bucht, in der Dulbrin lag, war gerade breit genug, dass zwei Schiffe nebeneinander passten.

Der Kapitän befahl, das Vorsegel zu hissen, und durch den Wind nahm die Trizia etwas mehr Fahrt auf. Dennoch schob sie sich gemächlich durch die Enge. Als die Felswände wieder zurückzuweichen begannen, wurden die Ruder eingezogen, weitere Seeleute erklommen die Masten und Segel um Segel entfaltete sich im Wind.

Sie fuhren geradewegs aus der Enge heraus und behielten ihren Kurs eine Weile bei. Das offene Meer war unruhiger als das Wasser in der Bucht und die Trizia begann, sich in den Wellen zu wiegen. Der Anblick, der sich Tristan bot, war zu faszinierend, als dass das aufkommende flaue Gefühl ihn hätte verderben können. Im Osten ging gerade die Sonne auf und beschien die steilen, glänzenden Klippen, die sich meilenweit nach Osten und Westen dahinzogen. Die Gischt der Wellen, die sich an den Felsen brachen, zerstob zu kleinen Regenbögen.

Nachdem sie etwa eine Meile zwischen sich und den Eingang zur Bucht gebracht hatten, ließ der Kapitän die Trizia in einem sanften Bogen auf Nordostkurs schwenken. Die Segel fingen den Wind somit noch besser ein und das Schiff gewann deutlich an Geschwindigkeit.

Martin hatte während der ganzen Zeit nur verdrossen vor sich hin gestarrt. Nun endlich seufzte er und drehte sich zu Tristan. »Ist in eurer Kabine auch noch eine Hängematte?«, fragte er.

Tristan war zunächst zu überrascht, um zu antworten. »Äh … ja«, brachte er schließlich hervor.

»Schön«, brummte Martin. »Ich werde dann bei euch einziehen, wenn es recht ist.«

»Klar, wenn Shurma das so will.« Tristan hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, doch die unbedachten Worte waren ihm einfach über die Lippen geschlüpft.

Martin zuckte nur die Schultern. »Ich will es so«, grummelte er und wandte sich wieder der Reling zu.

»Schön, nicht wahr?«, merkte Tristan an und deutete auf die Steilküste.

»Hmhm«, brummte Martin nur teilnahmslos.

»Hast du Nasgareth schon einmal verlassen?«, bemühte Tristan sich weiter, das Thema zu wechseln.

»Nein«, erwiderte Martin einsilbig. »Und jetzt habe ich Hunger.« Damit ließ er Tristan stehen und ging unter Deck.

* * *

Der erste Tag verlief noch recht angenehm. Das Meer war ruhig, das Schiff rollte nur leicht und Tristan hatte seine Seekrankheit im Griff. Außerdem gab es viel zu sehen. Seltsame Fische folgten der Trizia manchmal und Flugwesen, die Tristan kaum zu beschreiben vermochte, kreisten eine Weile um den Mast. Im Navigationsraum studierte Tristan eine Karte von Nuareth und versuchte, sich die wesentlichen Dinge einzuprägen. Wer wusste schon, wohin ihre weitere Reise sie noch führen würde?

Am zweiten Tag begann er sich zu langweilen. Als dann nachmittags der Wind auffrischte und die Wellen deutlich höher wurden, verfluchte sich Tristan dafür, sich kurz zuvor noch gewünscht zu haben, dass etwas geschah. Nun war es vorbei mit der Gemütlichkeit und er musste sich mehr als einmal über die schwankende Reling beugen, um sich zu übergeben.

Der Sturm nahm sogar noch an Stärke zu, düstere Wolken zogen auf und verdunkelten den Tag. Als die Wellen immer höher wurden, beorderte der Kapitän seine Passagiere unter Deck. Was folgte, empfand Tristan als eine der schlimmsten Nächte seines Lebens. Das Schiff wurde von den meterhohen Brechern emporgehoben oder tauchte in wilder Fahrt in Wellentäler. Das Heulen des Windes war allgegenwärtig, dazu knarrte das Holz furchterregend unter der Belastung, als ob es jeden Moment nachgeben würde. Tristan glaubte, die ganze Nacht durchwachen zu müssen, gefangen zwischen Übelkeit und Angstzuständen. Irgendwann schlief er trotzdem ein.

Am nächsten Morgen fuhr Tristan aus dem Schlaf, als jemand an Deck »Schiff in Sicht!« brüllte. Erleichtert registrierte er, dass der Sturm vorbei war und die Trizia wieder ruhiger dahinglitt. Durch das Fenster fiel mattes Licht, es war noch immer bewölkt. Für einen Moment war Tristan versucht, sich einfach wieder in die Kissen sinken zu lassen und weiterzuschlafen. Aber die Luft in der Kabine war so stickig und Katmar schnarchte so laut, dass es Tristan schließlich doch an Deck trieb.

Die Sonne stand noch niedrig, dennoch war die Mannschaft schon emsig bei der Arbeit. Eines der Großsegel lag ausgebreitet an Deck und wurde geflickt. Zum Mast aufblickend, sah Tristan dort ein weiteres in Fetzen hängen. Der Sturm war also nicht nur seinem Magen schlecht bekommen.