Das Schicksal eines gestohlenen Lebens - Annegret Schulz - E-Book

Das Schicksal eines gestohlenen Lebens E-Book

Annegret Schulz

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Beschreibung

Pauls Lebensgeschichte beginnt im Jahr 1910, als er in schwierigen Zeiten in Mitteldeutschland das Licht der Welt erblickte. Von da an hat es Paul nicht nur mit dem familiären Bauernhof, sondern vor allem mit Regierungen zu tun, denen Macht und Kriegslust wichtiger ist, als der Schutz und das Wohlergehen des Volkes. »Das Schicksal eines gestohlenen Lebens« betrachtet die Erlebnisse von Paul, dessen Familie und von seinen Freunden und Feinden über mehrere Gesellschaftsordnungen hinweg.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Annegret Schulz

DAS SCHICKSAL EINES GESTOHLENEN LEBENS

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2019

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelzeichnung © Konstantin [email protected]

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

Das geschenkte Leben begann im Mai 1910, es war ein niederschlagsreiches Frühjahr. Die Natur erstrahlte im satten Grün. Ein kleines Städtchen irgendwo in Mitteldeutschland lag ruhig und verschlafen eingebettet in der Goldenen Aue. Ihre Einwohner ruhten noch. Es war Sonntagmorgen. Irgendwo bellte ein Hund, ein Hahn krähte dazu und ergänzte das morgendliche Konzert. Mitten durch die Kleinstadt schlängelte sich ein Fluss. Man konnte beinahe den Frühling schmecken. Nur in dem prächtigen Einfamilienhaus ging es gar nicht ruhig zu. Seit Mitternacht hielt eine hübsche junge Frau die alte Hebamme auf trapp. Die schwarze Johanna, so wurde sie nur im Ort genannt, bekam ihr fünftes Kind. Und ihre sonst so strahlend blauen Augen waren mit Tränen gefüllt. Zwischen den Wehen betete Johanna zu Gott, er möge ihr doch noch ein Mädchen schenken.

So kämpften Johanna und die alte Hebamme mit der natürlichsten Sache der Welt, mit der Geburt. Inzwischen war auch der Vater auf den Beinen und versorgte die drei kleinen Söhne. Denn die Älteste, Marta, war schon zwölf Jahre alt und half tüchtig mit im Haushalt. Der Vater war Steinbildhauer von Beruf, Fritz hatte es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht.

Das zweistöckige Backsteinhaus war schuldenfrei. Jedes Kind hatte sein eigenes Bett und war wohl genährt. Gar nicht so selbstverständlich in der wirtschaftlichen schweren Zeit. Der Vater zog die Vorhänge auf, er schaute in den Garten, verträumt blieb sein Blick an den Mandelbäumchen hängen. Der Tau haftete noch an den Blüten. Auch Fritz konnte sich dem Zauber des Frühlings nicht entziehen. Die Fenster des Wohnraumes öffnete Fritz stets zuerst, sie erlaubten einen beruhigenden Blick in den Garten.

Die Frontseite des Hauses zeigte zum Fluss. Und in diesem Jahr führte der sonst so kleine Fluss reichlich Wasser mit sich. Alle Einwohner schauten besorgt auf den Pegelstand.

Ein kräftiger Kinderschrei riss ihn aus seinen Träumen. Marta stürzte in die Wohnstube und rief ganz aufgeregt: „Vater, Vater, ein Junge ist da!“

Die Freude war groß, denn Mutter und Kind waren gesund. Diesen Satz rief die Hebamme durch das Haus. Wie oft mag sie, in ihrer vierzig jährigen Dienstzeit, diese Botschaft schon verkündet haben. Ein neues Leben beginnt und hat sein eigenes Schicksal. Wir schreiben das Jahr 1910, Deutschland gleicht einem Wintermärchen. Das Jahr hatte gerade erst begonnen, es war bitterkalt. Den Menschen im Land ging es nicht so gut. Denn die Wirtschafslage war alles andere als märchenhaft. Kaiser Wilhelm regierte das Volk.

Fritz und Johanna verstanden nicht viel von Politik. Sie waren fromm erzogen worden. In der Kirche wurde gepredigt. „Seid zufrieden mit dem, was ihr habt!“ Und in der Schule wurden sie zum unbedingten Gehorsam erzogen. In dem Sine erzogen sie auch ihre Kinder.

Fritz war Steinbildhauer. Er machte die besten und schönsten Grabsteine. Gestorben wurde auch in Krisenzeiten. Und wer es sich leisten konnte, bestellte einen Stein bei Fritz Schirmer.

Das Nesthäkchen der Familie hatte sich wunderbar entwickelt. Paul hatte die schönen blauen Augen von seiner Mutter geerbt und war längst der Liebling der Familie.

Vater Fritz bekam einen großen Auftrag. Kaiser Wilhelm ließ sich schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. Vater Fritz bekam als erster Steinmetz die gesamte Leitung. Voller Stolz brachte er seiner Frau ein paar Goldstücke mit nach Hause, als Vorauszahlung. Wenn der Schnee restlos weg ist geht es los. Beide saßen in der guten Stube und berieten, was mit den Goldtalern dringend angeschafft werden müsste. Friede, Harmonie und ein bisschen Glück erfüllte die Herzen der jungen Eltern.

Ein Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte den Raum, vermischt mit feinem Tabakrauch. Plötzlich wurde der Friede gestört durch heftiges Klopfen an der Haustür. „Bleib sitzen, Hanne, ich schau mal nach“, sagte Fritz zu seiner Frau. Ein stolzer und fröhlicher Mann verließ die Stube. Völlig apathisch, versteinert wie seine eigenen Statuen kehrte er mit einem Gendarmen zurück.

Hanne wusste sofort, es musste etwas Schreckliches passiert sein. Fritz war nicht mehr fähig seiner Frau eine Erklärung zu geben. Der Gendarm bemühte sich pietätvoll aufzutreten. Er begann mit den Worten: „Eure Marta“, ein tiefes Durchatmen war nicht zu überhören, „eure Marta ist mit ihrem Schlitten gegen einen Baum geprallt.“

„Wo ist sie?“, rief die Mutter dazwischen, gleichzeitig griff sie nach ihrem Mantel, die Tür schon im Blick.

„Setzen sie sich Frau Schirmer“, er versuchte die junge Frau aufzuhalten. „Sie können nichts mehr für ihr Kind tun, der Aufprall war so heftig, dass es schwere Kopfverletzungen gab.“ Der Polizist nahm seine Pickelhaube ab und wischte den Schweiß von der Stirn. Der Vater stand noch immer wie versteinert am Tisch.

Die Mutter glaubte an einen schlechten Spuk, der gleich vorbei sein müsste. Martchen sollte doch in diesem Frühjahr konfirmiert werden, schoss es der Mutter durch den Kopf. Wie konnte das nur geschehen?

Tausend Fragen nach dem Wieso und Warum fanden keine Antwort. Das Schicksal ist grausam und kann erbarmungslos zuschlagen. Nur ganz langsam konnten die Eltern die Nachricht überhaupt wahrnehmen.

Der Gendarm nahm erneut Anlauf, um den Eltern zu schildern, was genau passiert war: „Euer Mädchen ist mit hoher Geschwindigkeit kopfüber gegen einen Baum geprallt, sie war sofort tot.“

Der Gendarm gab den Eltern die Hand, sprach sein Beileid aus, teilte noch mit, dass sich der Leichnam schon in der Friedhofskapelle befinde. Hanna war in den nächsten Tagen nicht mehr ansprechbar. Fritz musste eine Haushälterin einstellen. Die vier Jungs mussten ja versorgt werden.

Fritz stürzte sich in seine Arbeit. Ein wunderschöner Grabstein sollte entstehen. Die Frage: „Was soll mit den Goldstücken angeschafft werden?“, fand nun eine traurige Antwort.

Der Volksmund sagt: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Genau mit diesen Worten wollte Großmutter Hahn ihre Tochter Johanna trösten. Diese hielt sich stundenlang auf dem Friedhof auf. Für alle die sie kannten, war es furchtbar mit anzusehen, wie Johanna litt. Sie wirkte blass, die Augen waren ohne Glanz und sie hatte stark an Gewicht verloren. Nur die vier Jungs hielten sie am Leben. Der kleine Paul legte so gern seinen Kopf in Mamas Schoß. Ungeahnt heiterte er das Gemüt der Mutter etwas auf. Sie strich dem Kleinen über den Kopf und nahm ihn dann ganz fest in ihre Arme

Doch der Schmerz und die kalten Wintertage gingen an Johanna nicht spurlos vorbei. Johanna kränkelte. Noch immer war die Wirtschafterin im Haus. Und das war gut so. Johanna bekam eine schwere Lungenentzündung. Wieder waren es Wochen voller Bangen. Zumindest für ihren Mann und ihre Mutter. Die Buben vermisten ihre Mutter sehr, machten sich aber über den Ernst der Lage keine Gedanken. Dafür waren es eben noch Kinder. Doch Johanna wollte leben. Bei guter mütterlicher Pflege erholte sie sich schnell. Fritz ließ es an nichts Fehlen, er arbeitete wie besessen und gab viel Geld für teure Medizin aus. Endlich schien alles wieder ins Lot zu kommen. Johanna zeigte wieder Interesse am Geschehen. Ihre Mutter war bereits wieder abgereist. Zur Freude der Jungs, denn Großmutter Agnes war eine resolute Person. Außerdem musste sie sich um ihren eigenen Mann kümmern. Großvater Hahn war ein alter Fleischermeister und kippte gern ein Gläschen hinter die Binde. Der Großvater führte noch Hausschlachtungen durch, es kam oft vor, dass Agnes ihren Hannes am Abend mit der Schubkarre abholen musste. Dann setzte es den gesamten Heimweg Schelte. Aber der alte Metzger machte sich nichts daraus, verstand er doch in seinem Rausch nur die Hälfte der Schimpfwörter.

Wieder war es Frühling, wieder blühte das Mandelbäumchen hinter dem Haus. Paul spielte im Garten. Seine Mama hatte ihm erzählt, dass er bald Geburtstag habe. Dieses Ereignis sei etwas Wunderbares und er dürfe sich etwas wünschen. Noch verstand der Kleine nichts von den politischen Unruhen. Zunächst wurde erst einmal gefeiert. Dann durften noch drei glückliche Monate ins Land ziehen, bevor das Unheil seinen Lauf nahm.

Österreich erklärte Serbien den Krieg, weil der Thronfolger Franz Ferdinand von serbischen Extremisten ermordet worden war. Der erste Weltkrieg begann. Vater Fritz arbeitete gerade voller Hingabe an dem Grabstein für Marta, als sein Einberufungsbefehl kam. An den Tag des Abschiedes wollten die Eltern noch nicht denken, ein klein bisschen Zeit verblieb ihnen ja noch.

Sie verlebten die abgezählten Tage voller Liebe und mit viel Spaß. Der Vater scherzte so gern mit seinen Kindern, er konnte so spannende Geschichten erzählen, selbst wenn er dabei angestrengt arbeitete. Zwei kleine Täubchen sollten gerade entstehen, aus feinstem Marmor. Grob waren die Figuren schon gehauen. Auch, dass einmal eine größere und eine kleinere Taube entstehen sollten, war schon zu erkennen. So war es nicht weiter verwunderlich, als ein Sohn fragte: „Papa, werden das Täubchen für unsere Marta?“

„Aber ja“, sagte der Vater zu seinem Sohn. „Unser Martchen liebte doch die Täubchen so sehr.“

Der Vater vertiefte sich wieder in seine Arbeit, die Jungs spielten auf der Wiese „Blinde Kuh“ und Paulchen pflückte für seine Mama ein paar Blümchen, wahllos und viel zu kurze Stiele, aber voller Hingabe.

Seine Mama hatte mit dem Frühjahrsputz begonnen. Die Küchenfenster zeigten zur Straßenseite, sie waren weit geöffnet, denn Johanna seifte die Rahmen ab. Sie schaute ab und zu von ihrer Arbeit auf, wischte sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Schaute auch ab und zu auf den Fluss, der auch dieses Frühjahr wieder gewaltig viel Wasser mit sich führte. Gerade als Johanna ihren Putzlappen wieder nehmen wollte, stockte ihr der Atem. Sie riss ihre Augen auf und konnte deutlich erkennen, in den lehmigen, gelblichen Wassermassen schwamm ein Kind. Keine einzige Sekunde zögerte sie und sprang in den Fluss. Kein Mensch hätte je erklären können, wo diese kleine zierliche Frau, erst von einer Lungenentzündung genesen, die Kraft hernahm. Sie kämpfte wie eine Löwin um ihr Junges. Es gelang ihr das Kind zu packen. Ihre verzweifelten Hilfeschreie wurden gehört. Passanten waren am gemauerten Ufer zusammengelaufen.

Irgendein Mann rief immer wieder: „Am Wehr finden sie halt!“ Inwieweit ein Mensch in einer derart schweren Rettungsaktion zugerufene Ratschläge wahrnimmt, kann niemand so genau sagen. Vielleicht wusste Hanna selbst, dass ein paar Meter Flussabwärts das Stauwehr der Mühle kam. Müllermeister Tölle hatte kurz vor dem Wehr ein stabiles Eisengitter angebracht, um sämtlichen Unrat aufzuhalten, dass sein Mühlrad schädigen könnte. Schutz und Halt gab das Gitter auch Johanna und dem fremden Kind. Hilfe kam nun von allen Seiten.

Der Müllermeister fischte die beiden „Wasserratten“ heraus und ließ seine Braunen anspannen. Er wickelte Johanna und das Kind in Decken und machte sich auf den Weg ins Hospital. Noch wusste niemand, wer das Kind war und woher es kam. Aber es lebte. Im Hause des Steinbildhauers vermisste man schon die Mutter. Die offenen Fenster ließen nichts Gutes ahnen. Vater Fritz suchte vor dem Haus nach Spuren. Eine aufgebrachte Menschenmenge verstärkte seine schlimmen Befürchtungen. Mit gekonntem Blick schätzte Fritz den Abstand zwischen Fenster und Ufer. Selbst wenn Hanne aus dem Fenster gefallen wäre, seine Gedanken hämmerten im Schädel, dann sah und hörte er das Pferdegespann.

Von fremden Leuten erfuhr Fritz, was gesehen war. Der Müller hielt kurz bei Fritz an und rief ihm zu: „Ich bringe die beiden sofort ins Hospital!“ Wieder begannen Tage voller Sorge. Die Großmutter und die Wirtschafterin übernahmen wieder den Haushalt und die Kinderpflege.

Fritz saß im Hospital am Bett seiner Frau. Sie hatte erneut eine Lungenentzündung. Sie konnte sich nicht wieder erholen. Hohe Fieberschübe ließen sie fantasieren. Bis sie in den Armen ihres Mannes starb. Es war ein auseinanderreißen zweier Herzen, die sich liebten und verstanden, die nur ein bisschen glücklich sein wollten. Ein Kind wurde gerettet und vier Jungs hatten keine Mutter mehr. Das kleine Mädchen war längst in der Obhut seiner Eltern und freute sich am Leben. Bei Fritz aber drehte alles im Kopf. Wie sollte es weitergehen. Seine Beine waren schwer wie Blei. Seine Brust drohte zu zerreißen.

Und das Leben ging weiter, was bedeutet schon ein Menschenschicksal, wenn Monarchen Krieg führen. Es blieben gerade mal ein paar Tage zum trauern, dann musste Fritz ins Feld ziehen. Er hatte nicht einmal mehr Zeit für seine Frau einen Grabstein zu hauen. Fritz fühlte sich wie ein japanischer Bonsai, ja nicht aus sich herauswachsen, immer schön klein bleiben und was das Schicksal nicht schafft, den Rest gibt der Krieg. Gerade jetzt hätten ihn die Jungs gebraucht. Und der Stein für Marta war auch noch nicht fertig. So fand das eine Täubchen Platz auf einem schlichten Holzkreuz.

„Nun zieh ich dahin, mit Gottes Segen, und was wird Daheim?“ Fritz konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er ließ sich treiben, der Strom der hundert Soldaten zog ihn mit, hinein in die Wagons und ab die Front.

Zu Hause herrschten die Schwiegermutter und die Wirtschafterin. Das ging nicht lange gut. Zwei Frauen unter einem Dach. Es gab nur Zank und Streit.

Fritz hatte der Wirtschafterin alles anvertraut. Aber auch alles. Das Haus, die Schlüssel, die Kinder und das kleine Vermögen. Rund um, die Generalvollmacht.

Er hatte ja keine andere Wahl. Fritz hatte ihr blind vertrauen müssen, zumal Rosa sich schon einmal als sehr nützlich erwiesen hatte. Aber die beiden Frauen kamen bei aller Liebe nicht miteinander zurecht.

Ein Jahr war vergangen, der Frühling bringt wie eh und je seine zauberhaften Blüten hervor. Die vier Jahreszeiten sind ein Naturgesetz und lassen sich von den Menschen, die sich ihre Gesetze selbst auferlegen, nicht beeindrucken. Frühlingshaft und blumig war es an der Front ganz und gar nicht. Unser Vater Fritz wurde verwundet.

Nach ein paar Wochen Lazarett bekam er Heimaturlaub. Wie ein böser Traum war das letzte Jahr im Kanonenhagel an ihm vorübergezogen. Der Seelenschmerz war etwas verheilt. Viel stärker waren die körperlichen Schmerzen. Endlich zu Hause. Fritz musste vor Freude blind gewesen sein, er bemerkte nicht, wie blass und mager die Jungs waren. Wie ängstlich und verstört sie dreinschauten. Niemals hatten sie zerrissene Kleider tragen müssen. Sollten schon nach dem ersten Kriegsjahr alle Vorräte aufgebraucht sein?

Wahrscheinlich ist sein feines Gefühl, sein Sinn für Ästhetik, dass er als Künstler immer hatte, im Dreck an der Front verloren gegangen.

Er lebte, er war zu Hause, die Buben an seiner Seite, das alles war unbeschreiblich wertvoll. Leider nur für bestimmte Zeit. Es gab wirtschaftliche Dinge zu besprechen. Die Wirtschafterin trat konkret an Fritz heran: „Wie lange bleiben sie, die Bankvollmacht müssen sie mir noch geben, wenn ich weiterhin im Hause bleiben soll, außerdem steht mir noch für ein ganzes Jahr der Lohn zu!“

„Ich wollte sie gerade darum bitten zu bleiben“, antwortet Fritz demütig.

„Dann sollten sie mich heiraten!“, kam eine Antwort, sachlich wie auf dem Pferdemarkt. Es muss dem Mann die Sprache verschlagen haben. Er hatte sie noch nie bei ihrem Vornamen genannt. Mit solchen Gedanken hatte er sich noch nie beschäftigt. „Es wird wohl die beste Lösung sein“, antwortete Fritz wie hypnotisiert.

Noch während des Genesungsurlaubes kam es zu einer Vernunftehe. Fritz fiel es verdammt schwer, seine neue Frau Rosa zu nennen. Seine Hanne würde niemand verdrängen können. Immer wenn er in die blauen Augen von seinem Jüngsten schaute, sah er seine Johanna.

Die wenigen friedlichen Tage waren schnell vorüber. Fritz musste wieder ins Feld rücken. Von nun an hatte Rosa die Macht. Großmutter Agnes bekam Hausverbot. Den Jüngsten durfte sie mitnehmen. Der taugt noch nicht zur Arbeit und außerdem sah er seiner Mutter zu ähnlich.

Paulchen zählte fünf Lenze als er zu seinen Großeltern kam. Liebe, Geborgenheit, Kleidung, Essen und Trinken waren für eine Weile gesichert. Die Großeltern liebten den Jüngsten von ihrer Tochter Johanna von ganzem Herzen. Doch waren ihre Herzen nicht mehr so jung, um für Paulchen ewig da zu sein.

Paul blühte richtig auf an der Seite seines Großvaters. Der Alte nahm ihn mit zur Hausschlachtung. Die Bauern hatten nichts dagegen. Jeder hatte Mitleid mit dem Kleinen und jeder verwöhnte ihn. Paul trabte immer mit, von Früh bis Spät. Spät hieß vor allem, Großmutter kam mit der Schubkarre und holte ihren Mann nach Hause. Weil der Selbstgebrannte den alten Fleischermeister nicht mehr auf den Beinen hielt. Dieses Ritual gab es in den Wintermonaten Tag für Tag, das halbe Dorf lachte schon darüber.

Die Schlachtsaison ging meist im Frühjahr zu Ende Hier und da hatte manch ein Bauer so kurz vor Ostern noch eine Bitte an den alten Metzger Hahn. Zum Beispiel einen Hammel schlachten, von dem der Metzger ein Stück abbekam. Der Großmutter von Paul konnte das nur Recht sein, hatte sie doch in diesem Frühjahr ihren Enkel einzuschulen. Und so ein Lammbraten war eine Delikatesse. Auf dem Schwarzmarkt hatte der Großvater schon ein paar echte Lederschuhe gegen einen Schinken eingetauscht. Auch ein Militärtornister, die Klappe aus echtem Affenfell, war schon besorgt. Paul sollte sich freuen, das lag den Großeltern sehr am Herzen.

Stolz marschierte der kleine Große an der Hand der Großmutter auf dem Weg zum ersten Schultag. Frau Tölle brachte ihre Älteste auch zur Einschulung. Die kleine mollige Else.