Das schwarze Buch - Jane Stanton Hitchcock - E-Book

Das schwarze Buch E-Book

Jane Stanton Hitchcock

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Beschreibung

Zwischen den Zeilen lauert der Tod: Der fesselnde Vatikan-Thriller »Das schwarze Buch« von Jane Stanton Hitchcock jetzt als eBook bei dotbooks. Ein Sammler seltener Bücher wird ermordet in seiner New Yorker Wohnung aufgefunden. Der Tatort ähnelt einem Schlachtfeld, die Privatbibliothek des Toten wurde regelrecht auseinandergerissen – und doch fehlt lediglich ein schmaler Band aus dem 15. Jahrhundert: Legenden zufolge wurde er vom Teufel selbst geschrieben. Die Polizei steht vor einem Rätsel und Beatrice O’Connell, die Tochter des Toten, macht sich auf die Suche nach dem Mörder: Wer wäre bereit für so ein unscheinbares Buch über Leichen zu gehen? Doch als Beatrice beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, stößt sie auf einen düsteren Geheimbund, dessen Einfluss vom Vatikan bis nach New York reicht – und der vor keinem Mittel zurückschreckt, um das Geheimnis zu entschlüsseln, das dem Buch angeblich immer noch innewohnt … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der packende Vatikan-Thriller »Das schwarze Buch« von Jane Stanton Hitchcock. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 753

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Über dieses Buch:

Ein Sammler seltener Bücher wird ermordet in seiner New Yorker Wohnung aufgefunden. Der Tatort ähnelt einem Schlachtfeld, die Privatbibliothek des Toten wurde regelrecht auseinandergerissen – und doch fehlt lediglich ein schmaler Band aus dem 15. Jahrhundert: Legenden zufolge wurde er vom Teufel selbst geschrieben. Die Polizei steht vor einem Rätsel und Beatrice O’Connell, die Tochter des Toten, macht sich auf die Suche nach dem Mörder: Wer wäre bereit für so ein unscheinbares Buch über Leichen zu gehen? Doch als Beatrice beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, stößt sie auf einen düsteren Geheimbund, dessen Einfluss vom Vatikan bis nach New York reicht – und der vor keinem Mittel zurückschreckt, um das Geheimnis zu entschlüsseln, das dem Buch angeblich immer noch innewohnt …

Über die Autorin:

Jane Stanton Hitchcock, in New York geboren und aufgewachsen, ist erfolgreiche Autorin von Bühnenstücken, Filmproduktionen und preisgekrönten Romanen. Neben dem Schreiben ist das Pokerspiel ihre große Leidenschaft: Jane Stanton Hitchcock nimmt regelmäßig an der World Poker Tour sowie den World Series of Poker teil.

Bei dotbooks erscheinen ihre mörderisch guten High-Society-Romane »Park Avenue Killings« und »Park Avenue Murders« sowie ihr psychologischer Spannungsroman »Deine Schuld wird nie vergeben«.

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eBook-Neuausgabe Januar 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1994 unter dem Originaltitel »The Witches' Hammer« bei Dutton, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1997 unter dem Titel »Hexenhammer« bei Goldmann.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1994 by Jane Stanton Hitchcock

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1997 Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Fotos von Shutterstock.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96655-167-0

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Jane Stanton Hitchcock

Das schwarze Buch

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Christa Seibicke

dotbooks.

Denn wo viel Weisheit ist, da istviel Grämens; und wer viel lernt,der muß viel leiden.

Prediger Salomo 1,18

Der Malleus Maleficarum, zu deutsch »Hexenhammer«, erschien 1487 als kasuistischer Kommentar zur »Hexenbulle« Papst Innozenz' VIII. Dieses »Handbuch der Hexenjäger« galt der katholischen wie der protestantischen Christenheit zweieinhalb Jahrhunderte lang als maßgebliches Gesetzbuch in den unvorstellbar grausamen Inquisitionsprozessen gegen vermeintliche Hexen und Zauberer. Die Ausschnitte, die in diesem Roman zitiert werden, beziehen sich auf folgende dtv-Ausgabe: Sprenger, Jakob / Institoris, Heinrich: Der Hexenhammer. (Malleus Maleficarum). 1985. 800 S. (dtv klassik 2162).

Kapitel 1

Wer John O'Connell kannte, für den war es keine Überraschung, daß er seinem einzigen Kind den Namen einer literarischen Gestalt gab. Er taufte seine Tochter Beatrice, nach Dantes Muse und seiner Führerin in der Göttlichen Komödie. O'Connell war Chirurg, doch seine eigentliche Liebe galt der schöngeistigen Literatur, ja, Bücher waren die Leidenschaft, die sein Leben prägte. Seine Bibliothek seltener Bücher und Manuskripte war in einschlägigen Kreisen wohlbekannt, und das zu Recht, denn im Lauf der Jahre hatte er mit Hilfe versierter Ratgeber und nicht zuletzt dank des eigenen untrüglichen Instinktes sein »Weisheitsgärtlein«, wie er es scherzhaft nannte, so gewissenhaft kultiviert, daß es zu einer erstklassigen, wenn auch etwas eklektischen Sammlung gediehen war. Schon zu Beginn seiner Laufbahn, als das Familienbudget durch manchen Ankauf noch empfindlich belastet wurde, konnte Dr. O'Connell nicht widerstehen, wenn eine bibliophile Ausgabe oder ein kostbares Autograph es ihm angetan hatte. Und im Gegensatz zu anderen Sammlern, die ihre Trouvaillen irgendwann wieder verkaufen oder sie gegen noch seltenere und kostbarere eintauschen, gab John O'Connell keins der Bücher, die er einmal erworben hatte, je wieder her. Denn für ihn war ein Buch gleichbedeutend mit einem Freund, den er, einmal gewonnen, ein Leben lang um sich haben wollte.

Maßgeblich beteiligt am Aufbau der O'Connellschen Sammlung war ein renommierter italienischer Buchhändler und Antiquar namens Giuseppe Antonelli, der ihm über die Jahre ein paar ganz außerordentliche Kostbarkeiten zugeführt hatte, darunter ein von Del Cherico illuminiertes Stundenbuch, eine auf Pergament gedruckte Inkunabel von Plinius' Naturalis historia aus der Werkstatt von Nicolas Jenson und eine vollständige, illustrierte Ausgabe der Divina Commedia, erschienen im Jahre 1804 im Verlag des Meisterdruckers Giambattista Bodoni.

John O'Connell hatte Giuseppe Antonelli 1954 in Rom kennengelernt. Gern erinnerte sich der Doktor des Tages, an dem er auf der Via Monserrato in der Auslage eines winzigen Buchladens eine seltene Ausgabe von Plutarchs Parallelbiographien entdeckt hatte. Er ging hinein, kaufte das Buch und geriet unversehens in eine längere Diskussion mit dem Ladeninhaber, der ein ausgezeichnetes, nur mit einem leicht italienischen Akzent gefärbtes Englisch sprach.

»Giuseppe und ich, wir haben auf Anhieb den Bibliomanen im anderen erkannt«, pflegte O'Connell später zu sagen. »Wir wußten beide gleich, daß wir eine verwandte Seele vor uns hatten.«

In den folgenden Jahren entwickelte sich zwischen den beiden Männern eine Beziehung, die weit über das Verhältnis zwischen Händler und Kunde hinausging. Es verband sie eine echte Freundschaft, die auf ihrer gemeinsamen Liebe und Wertschätzung für seltene Bücher fußte. Und wann immer Signor Antonelli nach New York kam, besuchte er Dr. O'Connell in seinem Stadthaus am Beekman Place, einer ruhigen Wohngegend fernab dem Trubel der City. Das vierstöckige Haus mit Blick auf den East River gehörte zu einem Ensemble von stilgleichen Bauten aus der Jahrhundertwende, alle aus rotem Sandstein und anmutig von Bäumen gesäumt. Manchmal brachte Antonelli ein Bücherpaket mit, von dem er glaubte, es könne für den Doktor interessant sein. Und umgekehrt hatte O'Connell jedesmal seine Freude daran, Antonelli seine jüngsten Erwerbungen zu präsentieren. Gelegentlich wurde auch noch ein Kustos vom Fach oder ein anderer Büchernarr eingeladen, mit den beiden Herren zu speisen. Dann saß man anschließend bei Brandy und Zigarren in der Bibliothek und tauschte oft bis lange nach Mitternacht Geschichten über kostbare Bücher und ihre Sammler aus.

Giuseppe Antonelli war klein und drahtig. Seine kantigen Wangenknochen und die vorspringende Nase verliehen ihm ein markantes Profil, dessen Wirkung durch sein auffallend gepflegtes Äußeres noch unterstrichen wurde. Er hatte wache schwarze Augen, die stets vor Neugier blitzten und unermüdlich auf der Suche waren nach einem Gegenstand oder einer Person, die sie mit ihrem Forscherblick ausloten konnten. John O'Connell dagegen war groß und stämmig, ein Mann mit ausgeprägten Gesichtszügen und sanften, hellblauen Augen unter einer weißen Löwenmähne. Sein offenes Lächeln und die sympathisch saloppe Erscheinung minderten keineswegs den Eindruck von Stärke und Intelligenz, den er ausstrahlte.

Signor Antonelli kannte man nur im weißgestärkten Hemd, Nadelstreifenanzug im englischen Stil und auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen. Sein Stolz galt außerdem einem extravaganten Spazierstock, der einen Habichtskopf mit langem Schnabel und Rubinaugen als Griff hatte. Der stets elegant gekleidete Antonelli war das genaue Gegenteil von Dr. O'Connell, dem seine Kleider, egal, ob Gesellschafts- oder Freizeitanzug, nie richtig zu passen schienen.

Auch in ihrer Art hätten die beiden Männer kaum unterschiedlicher sein können. Während der Italiener immer eine etwas förmlich steife Überlegenheit zur Schau trug, war der amerikanische Doktor jovial, kontaktfreudig und von natürlicher Herzlichkeit gegen jedermann. Indes hatten beide etwas latent Unnahbares, das sich vermutlich aus ihrer geradezu manischen Bücherleidenschaft erklärte, denn das Lesen ist nun einmal eine zurückgezogene, geradezu einsame Beschäftigung.

In späteren Jahren, als Signor Antonelli das Geschäft nach und nach aufgab, wurden auch seine Besuche in den Staaten seltener. Doch er und der Doktor korrespondierten weiterhin eifrig miteinander. Als Junggeselle widmete Antonelli sich jetzt ganz seinen Studien und der Gesellschaft einiger weniger enger Freunde, während sich Dr. O'Connell als Privatmann endlich seiner Familie widmen konnte, was er auch sehr genoß, bis seine Frau Elizabeth nach siebenunddreißigjähriger Ehe plötzlich einer unheilbaren Krankheit erlag. Nach ihrem Tode, zwei Jahre vor Beginn dieser Geschichte, schickte Signor Antonelli seinem Freund zum Gedenken einen Inkunabelnband mit lateinischen Meditationen über das Leben Jesu. Und obwohl der Doktor von den angeblichen Tröstungen des Glaubens nie viel gehalten hatte, wußte er diese Geste doch zu schätzen.

Seit dem Tod seiner Frau litt John O'Connell häufig unter Depressionen. Weder seine Arbeit noch seine Bibliothek konnten ihm ersetzen, was er mit ihr verloren hatte. Auch seine Tochter Beatrice litt. Ihr Kummer wurde noch verstärkt durch das Scheitern ihrer Ehe, die im Jahr zuvor geschieden worden war. Außerdem fühlte sie sich beruflich in einer Sackgasse. Wie es unter ähnlichen Umständen oft der Fall ist, schlossen Vater und Tochter sich in ihrer Trauer enger zusammen. Beatrice gab schließlich sogar ihre Wohnung auf und zog wieder ins Elternhaus. Und auch wenn sie und der Doktor sich einig waren, daß es sich dabei nur um eine vorübergehende Regelung handele, schienen beide doch recht zufrieden damit, denn keiner machte Anstalten, etwas daran zu ändern.

Eines Tages teilte John O'Connell seiner Tochter mit, daß Signor Antonelli nach vier Jahren zum erstenmal wieder nach New York kommen werde. Und als der Tag des Besuches näher rückte, konnte Beatrice beobachten, wie ihr Vater seinen alten Freund mit täglich wachsender Ungeduld erwartete, woraus sie schloß, daß auch ein Buch im Spiel sein müsse, denn so gespannt und hektisch hatte sie ihn nicht mehr erlebt, seit er damals, vor über fünfzehn Jahren, bei einem Ramschverkauf unweit von Boston ein Exemplar des ebenso seltenen wie kostbaren Bay Psalm Book entdeckt hatte, eines der frühesten Beispiele kolonialer Buchdruckkunst.

Dr. O'Connell tat oft geheimnisvoll, wenn es um die Bücher ging, die er erwarb oder deren Ankauf er erwog, ganz besonders dann, wenn das Objekt eine etwas undurchsichtige Herkunft hatte. Seine verstorbene Frau hatte schon bald nach der Hochzeit gelernt, seinen Sammlergeist nicht mit Fragen zu stören, und sie hatte ihre Tochter im gleichen Sinne erzogen. Wenn John O'Connell von einer seiner Stimmungen gepackt wurde, zog er sich nach der Arbeit in die Bibliothek zurück, wo er sich oft stundenlang einigelte, ohne sich auf Frau und Tochter zu besinnen. Während solcher Phasen hatte Elizabeth O'Connell, eine Frau mit trockenem Humor, stets gescherzt, daß ihr Mann »sich mit seinen Geliebten vergnüge«, die freilich zu ihrem Glück meistens schon »etliche hundert Jahre alt« seien.

Ein paar Tage vor Signor Antonellis Eintreffen begann Dr. O'Connell spürbar mehr Zeit allein in seinem Lieblingszimmer zu verbringen. Er verlangte ein zeitiges Abendessen, gönnte sich keine Muße beim abschließenden Kaffee und hörte hinterher auch nicht mehr klassische Musik oder diskutierte mit Beatrice über die Tagesereignisse, wie es sonst seine Gewohnheit war. Statt dessen stand er nach Tisch abrupt mit einer hastigen Entschuldigung auf und zog sich für den Rest des Abends in seine Bibliothek zurück. Wenn Beatrice wissen wollte, warum er auf einmal Heimlichkeiten vor ihr habe, bekam sie nur ausweichende Antworten. Und sie war klug genug, nicht weiter in ihn zu dringen. Das Alter und die jüngst erlittenen Kümmernisse hatten tiefe Schatten über das Gemüt ihres Vaters geworfen, und sie fand, es sei das beste, seine gegenwärtige Stimmung einfach zu tolerieren. Beatrice, die selbst von Natur aus unabhängig war und zum Einzelgängertum neigte, kümmerte sich still um ihre eigene Arbeit – Lesen, Schreiben und Recherchieren – und vertraute darauf, daß er ihr früher oder später schon erzählen würde, was ihn so beschäftigte.

Endlich kam der Tag, für den Antonelli seinen Besuch angekündigt hatte. Beatrice spürte, wie freudig erregt ihr Vater war, als pünktlich um halb acht Uhr abends die Klingel ertönte und Signor Antonelli, elegant wie eh und je und immer noch den Spazierstock mit dem Habichtskopf schwingend, zur Haustür hereinkam.

»Giuseppe, willkommen!« rief John O'Connell und schüttelte dem hageren alten Herrn herzlich die Hand.

»Mein lieber John, wie schön Sie wiederzusehen! E cara Beatrice«, setzte er mit einem gekünstelten Lächeln hinzu, denn eigentlich erkannte er die Tochter seines alten Freundes kaum wieder.

Beatrice hatte sich seit ihrer letzten Begegnung wirklich sehr verändert. Signor Antonelli erinnerte sich an ein überaus hübsches und lebhaftes Mädchen mit üppigem Haar, strahlendem Teint und einem herzlichen, gewinnenden Lächeln. Jetzt dagegen wirkte sie düster und verhärmt, wie eine vertrocknete Frucht. Sie hatte abgenommen. Ihre Haut wirkte fahl. Ihr dichtes dunkles Haar war straff zurückgekämmt und zu einem schlichten Knoten frisiert. Die geschmeidige Figur verbarg sich unter strengen schwarzen Kleidern. Beim Gehen zog sie die Schultern ein und hielt den Kopf gesenkt, als wollte sie sich vor der Welt verstecken. Dabei waren es weder Alter noch Krankheit, was sie drückte, sondern vielmehr ein eklatanter Mangel an Energie und Selbstvertrauen. Schüchterne Antworten, ein mattes Lächeln und die dumpfe Gereiztheit, mit der sie auf alles Unvorhergesehene reagierte, verrieten die enttäuschte Frau – eine Frau, der das Leben übel mitgespielt hatte.

»Hier entlang, bitte«, sagte Beatrice und führte die beiden Männer nach oben.

»Ach, Giuseppe, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf Ihren Besuch gefreut habe«, sagte Dr. O'Connell. »Übrigens haben Sie sich kein bißchen verändert, alter Freund.«

»Und Sie auch nicht, John.«

»Ach nein? Ich fühl' mich aber in letzter Zeit schon recht alt. Wir nehmen doch einen Drink vor dem Essen, wie?« meinte der Doktor und klopfte seinem Besucher freundschaftlich auf die Schulter, während sie zusammen die Treppe hinaufgingen.

Im Wohnzimmer machte Beatrice für ihren Vater und Signor Antonelli je einen Scotch zurecht und wählte für sich ein Glas Weißwein. Sie saß still dabei und hörte auch nur mit halbem Ohr zu, als die beiden Männer jetzt freundlich miteinander plauderten. Beatrice interessierte sich mehr für den Wein und dessen betäubende Wirkung auf ihre Nerven. Und bald waren ihre Gedanken gar nicht mehr bei dem Gespräch. Flüchtig überlegte sie, ob Signor Antonelli wohl je eine leidenschaftliche Beziehung zu irgendeinem Menschen gehabt hatte. Eine Frage, die sie sich allerdings bei Männern immer stellte.

Signor Antonelli lamentierte, wie sehr New York sich seit seinem letzten Besuch zum Schlechten verändert habe. Sein Stammhotel hatte eine neue Geschäftsleitung, und da diese Leute ihn nicht kannten, gaben sie sich auch keine Mühe, ihm die bevorzugte Behandlung zukommen zu lassen, an die er gewöhnt war. Dr. O'Connell seinerseits beklagte die Feindseligkeiten, die überall in der Welt eskalierten, und streifte die politische Lage im In- und Ausland. Die vier Jahre der Trennung schmolzen indes rasch dahin, und das Gespräch wandte sich bald persönlichen Themen zu.

»John«, sagte Antonelli, »bitte lassen Sie mich Ihnen noch einmal beteuern, wie sehr mir Elizabeths Tod nahegegangen ist. Sie war ein wunderbarer Mensch, sehr simpatica. Und ich erinnere mich mit großer Herzlichkeit an sie.«

»Das ist sehr lieb von Ihnen, Giuseppe. Ach ja, das Leben ist schon furchtbar einsam ohne sie. Aber Gott sei Dank habe ich ja Beatrice.« Hier lächelte O'Connell seiner Tochter zu. »Sie wohnt wieder für ein Weilchen bei mir. Hat sogar ihr Apartment aufgegeben, um ihrem alten Herrn Gesellschaft zu leisten, nicht wahr, Schatz?«

Beatrice blickte zerstreut auf.

»Ich erzähle Giuseppe gerade, daß du wieder hergezogen bist, um dich um deinen alten Vater zu kümmern.«

»Aha, dann leben Sie also jetzt hier, Sie und Ihr Gatte?« fragte Signor Antonelli.

»Nein, ich bin geschieden«, stammelte Beatrice.

»Ach!« Signor Antonelli setzte eine mitfühlende Miene auf. »Nein, das tut mir aber leid. Ich habe zwar Ihren Gatten nie kennengelernt, aber auf dem kleinen Hochzeitsfoto, das Ihre Frau Mama mir liebenswürdigerweise damals geschickt hat, machte er einen so stattlichen Eindruck.«

Beatrice dachte zurück an die Hochzeitsfeier im kleinen Kreis, die vor fünf Jahren in ebendiesem Zimmer stattgefunden hatte. Noch heute erschien ihr dieser Tag als der glücklichste ihres Lebens. Doch dann war sie in Gedanken rasch bei dem Scherbenhaufen angelangt, der von ihrer Ehe übriggeblieben war.

»Es war wohl das beste so – glaube ich.« Bei diesen Worten fingerte sie verlegen an ihrer Uhr herum und drehte sie unaufhörlich am Handgelenk hin und her. »Na ja, und als Mutter starb, war ich ohnehin gerade auf Wohnungssuche, und Daddy schien so einsam hier in dem großen Haus, daß ich mir dachte, ach, warum soll ich nicht für eine Weile zu ihm ziehen, wenigstens solange, bis die Dinge wieder ins Lot kommen?«

»Tja, sie ist wie die bewußte Tochter, die zum Essen kam. Ich krieg sie einfach nicht wieder los!« scherzte der Doktor.

»Ich konnte dich doch nicht gut ganz allein hier herumgeistern lassen«, rief Beatrice protestierend.

»Nein, nein, sie ist ein ganz rührendes Kind. Meine Beatrice ist hier, weil sie weiß, daß ich sie brauche.«

»Ach ja, im Alter sind Kinder einem gewiß ein großer Trost.« Signor Antonelli lächelte Beatrice wehmütig an. »Ich bedaure zwar nicht, nie geheiratet zu haben. Aber daß ich keine Kinder habe, das reut mich.«

»Aber jetzt erzählen Sie, Giuseppe! Was treiben Sie immer? Genießen Sie den Ruhestand?«

»Nun, Sie wissen ja, wie das ist, John. In meinem Beruf setzt man sich nie wirklich zur Ruhe. Meinen Laden habe ich zwar verkauft, das ist wahr. Aber für ein paar ganz besondere Kunden – zu denen ich natürlich auch Sie zähle, lieber Freund – da mache ich auf privater Basis auch weiterhin Geschäfte. Und um es gleich frei heraus zu sagen: Ich bin schon sehr gespannt darauf, dieses geheimnisvolle Buch zu sehen, von dem Sie mir geschrieben haben.« Er prostete dem Doktor zu.

»Beatrice habe ich bis jetzt noch gar nichts davon erzählt.«

»Na, dann muß es sich ja in der Tat beinahe um ein Staatsgeheimnis handeln!« rief Antonelli mit gespielter Bestürzung.

»Ach, Sie kennen doch Daddy. Mit seinen Büchern ist er manchmal schon sehr eigen. Aber ich bin daran gewöhnt.« Beatrice stand auf und goß sich noch ein Glas Wein ein.

»Ja, ja, in den letzten paar Tagen war ich schon recht zerstreut, nicht Bea? Aber sie hat zum Glück Verständnis dafür.«

O'Connell blinzelte seiner Tochter liebevoll zu. Und just in dem Augenblick schlug die Uhr auf dem Kaminsims acht.

»So, nun wollen wir aber zu Tisch gehen«, sagte der Doktor und stellte entschlossen sein Glas beiseite. »Ich werde Ihnen die ganze Geschichte beim Essen erzählen.«

Beatrice nahm noch einen Schluck Wein. Dann folgten sie und Signor Antonelli dem Doktor hinunter ins Speisezimmer, wo der runde Tisch vor dem Erkerfenster mit Blick auf den winzigen Garten schon fürs Abendessen gedeckt war. Die beiden Männer bedienten sich am kalten Büfett auf dem Sideboard, während Beatrice die Kerzen anzündete.

»Sie müssen unsere legere Haushaltsführung entschuldigen, lieber Freund«, sagte O'Connell, der Antonelli eben ein Glas Rotwein einschenkte. »Aber nach Liz' Tod habe ich die Köchin entlassen, und seither muß man bei uns eben mit dem vorliebnehmen, was gerade da ist.«

»Aber es schmeckt ganz vorzüglich!« beteuerte Antonelli und schob sich noch eine Gabel vitello tonnato in den Mund. »Wer hat denn das zubereitet?«

»Meine Wenigkeit.« Beatrice setzte sich mit einem gefüllten Teller zu den beiden Herren an den Tisch.

»Kompliment! Sie sind eine ausgezeichnete Köchin. Ich schwärme für diese leichtere Küche am Abend.«

Beatrice freute sich über das Lob. Sie kochte gern, nur kam es selten vor, daß ihrem Vater die Finessen ihrer Küche auffielen.

»Ich muß sagen, in so einem Haus lebt es sich doch sehr viel angenehmer als in einem Apartment. Was einem gewöhnlich in der Großstadt fehlt, ist Platz, Bewegungsfreiraum.« Antonelli blickte seufzend hinaus in den ummauerten Garten, über den sich langsam die Dunkelheit senkte. »Ach, es ist so behaglich und erholsam hier – man möchte kaum glauben, daß man in New York ist.«

»Ja, ja, nur das Haus ist jetzt eigentlich viel zu groß für mich, selbst mit Bea zusammen. Aber wegen der Bibliothek kann ich es natürlich nicht aufgeben.«

»Nicht nur wegen der Bibliothek, Daddy. Schließlich hast du hier doch auch all deine Erinnerungen. Du hast neulich selbst gesagt: Mutter ist immer noch präsent, in diesen Räumen.«

»Da hast du recht. Ja, Liz hat sehr an diesem Haus gehangen. Und es wäre sicher grauenvoll, gewissermaßen all die Lebensjahre, die hier eingenistet sind, verpacken und fortschaffen zu müssen. Ich weiß nicht, wie du das anstellen willst, Bea, wenn dein alter Herr ins Gras beißt.«

»Daddy, bitte!« rief Beatrice gequält. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht so reden.«

»Ich vermache Beatrice die Bibliothek«, fuhr Dr. O'Connell fort. »Es ist ihre Entscheidung, was damit geschieht.«

»Gewiß werden Sie verstehen, Signor Antonelli, daß ich dieses Thema nicht mag«, sagte Beatrice. »Aber Sie können sicher sein, daß die Bibliothek meines Vaters erhalten bleibt. Ich denke, sie wird eines Tages an eine Universität gehen oder an eine öffentliche Bücherei – selbstverständlich unter Vaters Namen, damit die Welt erfährt, was für ein phantastischer Sammler er ist.«

»Ah, aber zumindest einen Titel wirst du doch für dich behalten, stimmt's?« meinte O'Connell schmunzelnd.

»Und darf ich fragen, welchen?« erkundigte sich Signor Antonelli.

»Natürlich, es handelt sich um eine der Inkunabeln, die Sie mir verkauft haben, lieber Freund. Und den Roman de la Rose. Der hat es ihr immer schon angetan, nicht wahr, Bea?«

Beatrice nickte.

»Ah, das Meisterwerk mittelalterlichen Minnegesangs«, versetzte Antonelli. »Ja, das ist eine sehr gute Wahl.« Und als er Beatrice jetzt näher in Augenschein nahm, gewahrte er zum erstenmal einen tief romantischen Zug an der hübschen, aber so verzagt wirkenden jungen Frau.

»Aber hören Sie, John«, fuhr Antonelli fort, »wann erzählen Sie uns denn nun endlich von diesem geheimnisvollen Buch, das Sie jüngst erworben haben?«

»Ja, Daddy! Ich bin auch schon ganz gespannt zu hören, was es damit auf sich hat.«

Dr. O'Connell beugte sich vor und räusperte sich. Ernst und gesammelt faltete er die Hände. Beatrice schenkte allen Wein nach. Sie und Signor Antonelli lehnten sich in Erwartung der Geschichte bequem zurück.

»Es ist jetzt etwa ein Jahr her«, begann O'Connell, »da operierte ich einen Patienten, der aus Oklahoma City an mich überwiesen worden war. Die Operation verlief erfolgreich, und der Patient kehrte nach einiger Zeit in seine Heimatstadt zurück. Ich dachte eigentlich schon gar nicht mehr an ihn, bis letzten Monat plötzlich ein Päckchen mit folgendem Begleitbrief eintraf.« Hier zog er ein Blatt Papier aus der Brusttasche, faltete es auseinander und las laut vor:

»›Sehr geehrter Dr. O'Connell, ich wußte bis heute nicht, wie ich Ihnen angemessen für alles danken könnte, was Sie für mich getan haben. Ich habe das Gefühl, daß der furchtbare Krebs, dank Ihrer Hilfe, endgültig besiegt ist, und ich stehe auf ewig in Ihrer Schuld. Von einem Ihrer Kollegen in der Klinik hörte ich seinerzeit, daß Sie eine richtig berühmte Büchersammlung besitzen. Nun, anbei finden Sie einen Band, der Ihnen hoffentlich Freude machen wird. Mir ist dieses Buch während des Krieges in die Hände gefallen, und ich habe es all die Jahre als Souvenir an jene ebenso schreckliche wie wunderbare Soldatenzeit aufgehoben.

Ich kann zwar nicht beurteilen, ob das Werk für einen Sammler viel wert ist, aber für mich zumindest besitzt es einen kolossalen Gefühlswert, denn es repräsentiert einen Abschnitt meines Lebens, in dem ich glauben durfte, Gott und meinem Land gute Dienste zu leisten. Und ich wüßte niemanden, dem ich es lieber überlassen würde als Ihnen, verehrter Dr. O'Connell, weiß ich doch, daß es in Ihren tüchtigen, begnadeten Händen ebensogut aufgehoben sein wird wie ich damals. Gott segne Sie ...‹ Na, und so weiter und so weiter.«

John O'Connell ließ das Blatt sinken und sah lange schweigend darauf nieder, wohl um der Erregung Herr zu werden, die sich seiner während des Lesens bemächtigt hatte. In seinen Augen schimmerten Tränen, als er den Brief endlich sorgsam wieder zusammenfaltete und in seine Jackettasche schob. Beatrice beugte sich über den Tisch und tätschelte ihm liebevoll die Hand.

»Ganz rührender Gedanke von diesem Patienten«, sagte Signor Antonelli.

»Ja, ja, es ist ein reizender Brief, und der Mann war mir wohl aufrichtig dankbar.« O'Connell nahm einen Schluck Wein. »Mit dem Buch hat es allerdings eine eigene Bewandtnis.«

»Was wollen Sie denn damit sagen, John?«

Der Doktor wirkte jetzt ziemlich aufgeregt. »Sie werden schon sehen, lieber Freund«, sagte er nur. »Sie werden schon sehen.«

»Aber Daddy, was um Himmels willen ist denn los mit diesem Buch?«

»Das ist es ja! Ich weiß es selber nicht so genau.«

Antonelli spielte nervös mit den Ecken seines leinenen Platzdeckchens. »Vielleicht, daß ich mich damit auskenne«, bot er indirekt seine Hilfe an.

»Genau deshalb habe ich Ihnen ja geschrieben, Giuseppe. Wenn irgend jemand weiß, was es mit diesem Buch auf sich hat, dann Sie!«

»Aber bitte, bitte – dürfen wir es uns zuerst einmal ansehen?« fragte Antonelli beschwichtigend.

»Gewiß, warum nicht? Bringen wir es doch gleich hinter uns.« Und damit warf O'Connell seine Serviette hin und erhob sich. »Also, gehen wir nach oben.«

Der immer auf Etikette bedachte Antonelli faltete seine Serviette erst tadellos zusammen, bevor er seinem Gastgeber folgte. Beatrice, die ihre Neugier kaum noch zügeln konnte, beschloß, den beiden gleich zu folgen und das Kaffeekochen auf später zu verschieben. Im Obergeschoß angekommen, öffnete der Doktor die massive Mahagoniflügeltür zur Bibliothek. Dahinter befand sich ein doppelstöckiger Raum, dessen Wände vom Fußboden bis zur Decke von alten Folianten und Manuskripten bedeckt waren. O'Connell knipste einen Schalter an, und eine Reihe altmodischer Messingleuchten, die ringsum an den Bücherregalen montiert waren, flammten auf.

Signor Antonelli blickte sich um, holte tief Luft und nahm den Geruch alten Leders so genußvoll auf, als wäre es frische Landluft. Erfreut stellte er fest, daß sich in dem Raum so gut wie nichts verändert hatte. Die beiden großen Fenster, die zum Garten hinausgingen, waren wie immer mit schweren, dunkelgrünen Damastvorhängen verhüllt, die fest zugezogen waren, um jeden Lichtstrahl auszusperren. Und auch die antiken Möbelstücke standen alle noch so, wie er sie in Erinnerung hatte, nämlich sorgsam von den Wänden abgerückt, damit man jederzeit ungehinderten Zugang zu allen Büchern hatte. Er bewunderte wieder einmal die alte Tiffany-Lampe auf dem Schreibtisch des Doktors, von deren kuppelförmigem Buntglasschirm grazile azurblaue und smaragdgrüne Blätter herabzuschweben schienen. Die hohen hölzernen Bibliotheksleitern, die sich über Schienen an den riesigen Regalen entlangschieben ließen, erinnerten den alten Herrn ebenso flüchtig wie unangenehm an die leichte Arthritis in seinen Knien. Und dann erspähte er doch eine Neuerwerbung – einen schräggestellten Zeichentisch, auf dem ein Nachdruck von Samuel Johnsons richtungsweisendem zweibändigen Wörterbuch, dem Dictionary of the Englisch Language, prangte.

O'Connell überprüfte gewohnheitsmäßig den Thermostat an der Wand und vergewisserte sich, daß der Raum die richtige Temperatur hatte. Dann schloß er die oberste Schublade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr ein in schwarzes Leder gebundenes Buch, das etwa fünfzehn Zentimeter lang, zehn Zentimeter breit und knapp vier Zentimeter dick war.

»Das ist es!« Mit diesen Worten warf er das schmucklose Bändchen praktisch auf die Schreibtischplatte hin, als könne er es gar nicht schnell genug aus den Fingern bekommen.

Signor Antonelli und Beatrice traten näher, um das Buch in Augenschein zu nehmen. Der Händler langte in die Brusttasche, zog eine Brille heraus, setzte sie auf und nahm den Band in die Hand, um ihn näher zu untersuchen. Er schnupperte daran, drehte und wendete ihn nach allen Seiten und fuhr dann mit den Fingern behutsam über Einband und Kanten. Die Ecken waren bräunlich verfärbt, ganz so, als seien sie angesengt worden. Endlich legte Antonelli das Buch wieder auf den Schreibtisch und schlug es vorsichtig, ja, mit einer gewissen Feierlichkeit auf. Das Vorsatzblatt war mit einem kurzen lateinischen Text bedruckt, eng gesetzt in schwarzen gotischen Lettern, von denen sich in prächtigem Scharlachrot gehaltene Majuskeln abhoben.

»›Videmus nunc per speculum in aenigmatetunc autem facie ad faciem‹«

Der Händler hatte den Zweizeiler zwar laut vorgelesen, aber wohl doch mehr für sich als für seine beiden Zuhörer.

»Und was heißt das?« fragte Beatrice.

»Es ist ein Bibelzitat«, antwortete Antonelli bedächtig. »Genauer gesagt ein Zitat aus dem Ersten Korintherbrief. Übersetzt lautet es: ›Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.‹«

Beatrice und ihr Vater beobachteten Signor Antonelli, indes der das kleine Buch eingehend untersuchte. Und während der alte Händler die vergilbten Blätter Seite um Seite überflog, trat ein erregtes Flattern in seine Augen. Von Zeit zu Zeit stieß er einen unterdrückten Freudenruf aus, und seine Miene spiegelte einige Male so etwas wie Erkennen oder Entsetzen – Beatrice wußte den Ausdruck nicht recht zu deuten. Über dem Mittelteil hielt er eine Weile inne, dann blätterte er weiter, bis er bei der letzten Seite angelangt war. Endlich klappte er das Buch zu und blickte auf.

»Na und?« fragte O'Connell gespannt.

»Bitte, setzen wir uns erst einmal«, erwiderte Antonelli ausweichend.

Dr. O'Connell setzte sich hinter seinen Schreibtisch, indes Signor Antonelli und Beatrice zwei Stühle herbeiholten und ihm gegenüber Platz nahmen. Beatrice griff nach dem Buch und begann darin zu blättern, während Antonelli langsam und bedächtig seinen Vortrag begann.

»Also, was Sie da in Ihrem Besitz haben, mein lieber John, ist ein Grimoire.«

»Aha.« Der Doktor nickte.

»Und was, bitte, ist ein Grimoire?« fragte Beatrice.

»Ganz einfach, meine Liebe, so nennt man in der Fachsprache ein Zauberbuch, insbesondere eines mit Texten zur Schwarzen Magie«, antwortete Antonelli.

»Ich hatte mir schon so was gedacht«, sagte Dr. O'Connell. »Nur wäre es, nach den eingestreuten Zeichnungen zu urteilen, auch möglich gewesen, daß ich mir da was Pornographisches eingehandelt habe.«

Antonelli schmunzelte. »Ah, aber das ist häufig ein und dasselbe, mein lieber Freund. Der Text ist französisch«, fuhr er fort. »Auf Pergament gedruckt. Erscheinungsjahr 1670. Der Autor stellt sich selbst als ›Papst Honorius III.‹ vor. Aber die Angabe ist garantiert falsch. Das hier hat kein Papst geschrieben. Der Illustrator wird überhaupt nicht namentlich genannt. Tja, ich würde sagen, das Buch ist irgendwann im achtzehnten Jahrhundert neu gebunden worden. Der Text wird von einer Reihe veranschaulichender Holzschnitte begleitet. Die eigentliche Titelseite fehlt, oder vielmehr, wir haben hier lediglich das Erscheinungsjahr in römischen Ziffern und den Ort: ›Zu Rom‹ – eine ziemlich humorige Bestimmung für ein Werk dieser Machart, nicht wahr? Besonders interessant scheint mir das vorangestellte Paulus-Zitat, über das wir eben schon kurz sprachen. Da hat sich der Autor einen kleinen Scherz erlaubt, indem er den Leser glauben macht, er werde ein religiöses Traktat beginnen, obwohl er sich in Wahrheit mit Schwarzer Magie beschäftigen wird.«

Während Dr. O'Connell und Signor Antonelli sich in die Diskussion über das ominöse Buch vertieften, tauchte Beatrice staunend in das Werk ein. Seite für Seite enthüllte es die makabersten Details, denn in den engzeiligen, französischen Text waren überall okkulte Zeichen eingestreut sowie eine Reihe schauriger Holzschnitte, die den Liebesakt in bizarren Varianten darstellten oder furchterregende, übernatürliche Ereignisse und dämonisierte Mensch- und Tiergestalten zeigten. Ein besonders abstoßender Bildzyklus im Mittelteil des Buches erzählte einen grauenerregenden Reigen von Tod und Auferstehung.

Die erste Vignette zeigte einen Mann und eine Frau, die auf einer Waldlichtung kopulieren. Dann ist die Frau plötzlich verschwunden, und der Mann wird von einem Priester getötet, der ihm Kopf, Herz und Leistengegend mit einem Schwert durchbohrt, dessen Griff ein umgedrehtes Kreuz ist. Der Leichnam wird sodann von Löwen angefallen, die die abgerissenen Gliedmaßen in ein Labyrinth schleppen und in seiner Mitte vergraben. Unterdessen verwest das Fleisch des Toten, fault und fällt ab, bis schließlich nur noch das nackte Gerippe übrig ist. Der Vollmond steigt hinter den Bäumen empor, und in seinem unheimlich kalten Licht erscheint ein Hexenmeister, der ein dickes Buch in Händen hält. Er malt einen Kreis auf die Erde, den er mit Kreuzen, den zwölf Tierkreiszeichen und sieben okkulten Symbolen markiert.

Nun tritt der Zauberer in diesen Kreis hinein, schlägt das Buch auf und beginnt offenbar, daraus zu zitieren. Bald darauf erscheint die Frau wieder und versucht den Hexenmeister zu verführen, was ihr freilich nicht gelingt, denn im Schutze seines Zauberkreises ist er gegen all ihre Annäherungsversuche gefeit. Sie aber, durch ihre Ohnmacht in Wut gebracht, verwandelt sich in einen Sukkubus, einen weiblichen Buhlteufel mit feurigen Augen, Vampirzähnen im bluttriefenden Maule und zuckendem Schwanz. Diese abscheuliche Kreatur versucht wiederum, sich auf den Hexenmeister zu stürzen, doch der bleibt durch seinen Zauberkreis geschützt. Unbeirrt fährt er mit seinen Beschwörungen fort. Und der Sukkubus, der endlich einsehen muß, daß er dem Zauberer nichts anhaben kann, verschwindet wieder. Unterdessen sind die Knochen des Toten alle wieder beisammen, und sein Skelett erhebt sich aus dem Mittelpunkt des Labyrinths. Der Hexenmeister hält in lobpreisender Geste das Buch zum Himmel, während sich das Skelett in die Lüfte erhebt und dem Mond zufliegt.

Beim Betrachten der Holzschnitte verspürte Beatrice auf einmal ein seltsames Ziehen im Bauch. Wie gebannt starrte sie auf den Sukkubus mit seinen blutigen Fängen, den wild rollenden Augen und der lüsternen Zunge, auf die entblößten Brüste und die von einem imaginären Wind zerzauste Haarmähne. Unwillkürlich beschlich sie der Gedanke, daß dieses gräßliche Wesen mit seiner abstoßend lüsternen Gier, das schon der Künstler mit so offenkundigem Ekel dargestellt hatte, eigentlich genau den Aspekt des Weiblichen symbolisierte, den die Männer am meisten fürchteten. Und so scheußlich die geile Kreatur auch war – Beatrice gestand sich verstört, daß sie eine merkwürdige Verwandtschaft mit ihr fühlte.

Dr. O'Connells Blick wanderte forschend über das Gesicht seiner Tochter. »Na, was hältst du davon, Bea?«

»Primitiv, aber es hat was«, antwortete sie bemüht sachlich.

»Diese Holzschnittserie dokumentiert das Abgründigste an Schwarzer Magie, das sich vorstellen läßt – die Nekromantie oder Totenbeschwörung«, erklärte Antonelli.

»Und wer sind die Opfer, die armen Toten, Signor Antonelli? Männer?« fragte Beatrice in spöttischem Unterton.

»Ich verstehe nicht – was wollen Sie damit sagen, meine Liebe?« fragte der Alte zurück.

»Ganz einfach. Bei dem Bild, das er uns von einem weiblichen Teufel präsentiert, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Künstler eine Heidenangst vor Frauen gehabt haben muß.«

»Aber liebes Kind, so ein Sukkubus steht doch nicht allein und ausschließlich für das Bild der Frau! Nein, nein, der Sukkubus, das ist die Versinnbildlichung des Bösen schlechthin.«

»Schon, aber man fragt sich doch immerhin: Warum wird hier das Böse als Frau personifiziert?«

»Nun, es entspricht der Metaphorik des Mittelalters, dem dieser Bilderzyklus ja entstammt, das ist alles.«

»Mag sein.« Beatrice zuckte mit den Achseln.

Antonelli sah sie lange sinnend an. Beatrice senkte schließlich als erste die Augen, schloß den Grimoire und legte ihn auf den Schreibtisch zurück. Dr. O'Connell griff danach, betrachtete das Buch mißbilligend und schalt darauf ein, als hätte er ein lebendes Gegenüber vor sich.

»Wir werden ein Regal ganz für dich allein suchen, hörst du? Damit du mir meine guten Freunde nicht verderben kannst! Sagen Sie, Giuseppe«, fuhr er an seinen Freund gewandt fort, »sind Ihnen schon viele von diesen Zauberbüchern untergekommen?«

»Einige schon, ja. Ich habe einen Kunden, der sich für derlei Kuriosa interessiert, und gelegentlich gelang es mir, ein einschlägiges Werk für ihn aufzutreiben. Aber diese Bücher sind wirklich sehr rar, erst recht welche in so ausgezeichnetem Zustand wie das hier, das durch seine Illustrationen obendrein noch eine besonders amüsante Note bekommt.«

»Amüsant?« Beatrice hob pikiert die Brauen.

»Ja, meine Liebe, gar so ernst darf man diese Art Literatur freilich nicht nehmen. Der Grimoire ist ein Zeugnis der mittelalterlichen Geisteskultur, und die war bekanntlich sehr stark von Aberglauben durchsetzt. Die Menschen damals glaubten noch, die Erde wäre eine Scheibe, und sie fürchteten, daß der, welcher zu hart an den Tellerrand geriet, in höllische Untiefen hinabstürzen würde.«

»Und wie steht es mit der Inquisition?« fragte sie angriffslustig. »Die werden Sie doch hoffentlich nicht auch als amüsant bezeichnen!«

»Aber das war doch in erster Linie Politik, meine Liebe – der reale Niederschlag des Malleus Maleficarum.«

»Ach ja!« Dr. O'Connell nickte wissend.

»Malleus ... wie?« fragte Beatrice verständnislos.

»Malleus Maleficarum, meine Liebe, das bedeutet ›Hexenhammer‹«, erklärte Signor Antonelli. »Und dahinter verbirgt sich ein Kompendium, das an der Schwelle zur Neuzeit in Deutschland erschien, verfaßt von zwei Fanatikern – Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Das Wichtige an diesem Machwerk ist, daß es die Hexerei zur Häresie erhob und endgültig als Teufelswerk brandmarkte, statt sie als Verirrungen einiger weniger fehlgeleiteter armer Menschen abzutun. Darüber hinaus bieten die beiden Autoren strenge Richtlinien dafür, wie sogenannte Hexen aufgespürt und überführt werden sollen, bis hin zur Prozeßführung.«

Wieder nickte John O'Connell bestätigend.

»Also davon hatte ich noch nie gehört«, sagte Beatrice.

»Ach, es ist ja auch nur eine Fußnote in der Geschichte, meine Liebe. Wirklich interessant ist dieses Handbuch der Hexenjäger vor allem als Kommentar zur bekannten Hexenbulle von Papst Innozenz VIII. Indem er sich dazu von zwei fanatischen Dominikanern ein regelrechtes Gesetzbuch verfassen ließ, hat der Vatikan seine Macht über die katholische Christenheit natürlich aufs Raffinierteste gestärkt.«

»Ach, und wie?« erkundigte Beatrice, deren Interesse für das Thema jetzt ernsthaft erwacht war.

»Nun, man hatte jetzt einen klar definierten Feind in der Alltagswelt, den es dingfest zu machen galt. Und da die Inquisition laut ›Hexenhammer‹ weder ein Anklageverfahren, noch eine Verteidigung des Verdächtigen erforderte, lag alle Macht in Händen der geistlichen Richter. Wie ich schon sagte: Das Ganze war reine Politik.«

»Ja, das war eine schmachvolle Epoche in der Menschheitsgeschichte.« Dr. O'Connell zündete sich nachdenklich eine Pfeife an.

»Natürlich kommt uns Heutigen das alles ziemlich aberwitzig vor«, fuhr Signor Antonelli fort. »Allein schon der Gedanke, daß so etwas wie Hexen mitten unter uns leben könnten – veritable Werkzeuge des Teufels, nein, das können wir uns wohl nicht mehr vorstellen. Aber damals brauchte ein armes altes Weiblein bloß zum Kräutersammeln in den Wald zu gehen – schon dichtete man ihr an, sie tue dies für einen ruchlosen Zweck. Oder wenn ein Mann die Potenz verlor, dann hatte seine Frau ihn mit einem Zauber belegt, weil sie nämlich in Wahrheit ein Sukkubus war. Aber wie gesagt, für uns sind das heute nur noch Schauermärchen, nicht wahr?« Kopfschüttelnd nahm Antonelli das Buch vom Tisch und betrachtete es abermals eingehend. »Wissen Sie, was mir gerade einfällt, John?« fragte er nach einer kleinen Pause. »Also dieser Kunde, von dem ich vorhin sprach – der mit dem Faible für Kuriosa –, dem würde dieser kleine Irrläufer bestimmt gefallen. Darf ich einmal vorfühlen bei ihm und anfragen, ob er vielleicht interessiert wäre, Ihnen den Grimoire abzukaufen? Wenn ja, dann garantiere ich Ihnen einen guten Preis.«

Beatrice meinte hinter dem scheinbar so beiläufigen Vorschlag des alten Antiquars eine gewisse Dringlichkeit zu spüren. Ja, sie hatte den Eindruck, daß er an diesem ›Kuriosum‹ weit mehr interessiert war, als er zugeben wollte.

»Das ist gewiß gut gemeint, Giuseppe«, versetzte der Doktor. »Aber Sie kennen ja meine Devise: Ein Buch, das sich einmal in meine Bibliothek verirrt hat, das bleibt auch dort.«

»Ja, natürlich, John, ich verstehe vollkommen. Ich dachte bloß ... also da Sie dieses Exemplar ja eigentlich gar nicht willentlich erworben haben, es Ihnen vielmehr gewissermaßen zufällig ins Haus geschneit ist, und weil Sie außerdem auch keine rechte Freude daran zu haben scheinen, also ...«

»Ah, aber geschenkte Bücher halte ich ganz besonders in Ehren, lieber Freund!« unterbrach ihn O'Connell. »Dafür habe ich sogar ein besonderes Eckchen reserviert.« Und an Beatrice gewandt fuhr er schmunzelnd fort: »Ich besitze zum Beispiel immer noch den Nancy-Drew-Abenteuerroman, den du mir vor vielen Jahren mal zum Geburtstag geschenkt hast.«

»Aber Dad! Wann sollte ich dir denn ein Kinderbuch zum Geburtstag geschenkt haben?«

»Oh, ich glaube, du warst damals so neun oder zehn.« Und in jenem liebevollen Ton, in dem Eltern gern Geschichten über ihre Kinder erzählen, wenn diese dabei sind, fuhr er, an Signor Antonelli gewandt, fort: »Auf der beiliegenden Karte stand, sie hoffe, das Buch würde mir gefallen – und in einem Postskriptum fragte sie an, ob sie es sich ausborgen dürfe, wenn ich damit durch sei.«

Antonelli lächelte höflich, schien aber mit seinen Gedanken ganz woanders.

»Ich schenke Bea übrigens jede Weihnachten und zu jedem Geburtstag ein Buch, nicht wahr, Bea? Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann – ein Buch.«

Beatrice nickte und vergegenwärtigte sich all die großen Werke der Weltliteratur, die sie im Lauf der Jahre von ihrem Vater bekommen hatte und die sie gewissenhaft in dem Bücherschrank aufbewahrte, der eine ganze Längswand ihres Schlafzimmers einnahm. Dabei lag der Wert dieser Bücher ausschließlich in ihrem Inhalt; all die großen Klassiker hatte ihr der Vater geschenkt, Werke, die man wieder und wieder lesen konnte: Homer und Dante; Chaucer, Shakespeare und Blake; George Eliot, Jane Austen und Dickens; Balzac, Flaubert und Proust; Tolstoi, Dostojewski und Tschechow; Emerson, Thoreau, Melville, Hawthorne und Mark Twain. Und natürlich sammelte sie neben der hohen Literatur auch weiterhin ihre geliebten Kriminalautoren, angefangen von Poe und Wilkie Collins über Conan Doyle bis hin zu Agatha Christie, P. D. James und Elmore Leonard.

Signor Antonelli rutschte so nervös auf seinem Stuhl herum, daß Beatrice unsanft aus ihren Gedanken aufgeschreckt wurde. Er fing ihren erstaunten Blick auf, als er sich jetzt zögernd erhob.

»Es tut mir wirklich leid«, stammelte er, »aber Sie müssen mich nun bitte entschuldigen. Der Zeitunterschied, wissen Sie ... nach meiner inneren Uhr ist es schon furchtbar spät. Werden Sie mir also vergeben, wenn ich mich jetzt verabschiede?«

»Aber Giuseppe, wollen Sie denn nicht wenigstens noch auf ein Täßchen Kaffee bleiben?« rief Dr. O'Connell. »Wie unaufmerksam von mir, daß ich Ihnen nicht längst welchen angeboten habe. Aber ich war so gespannt darauf, Ihnen den Grimoire zu zeigen, verstehen Sie?«

»Nein, nein, nein, wenn sich hier jemand entschuldigen muß, dann ich! Und ich habe mich wirklich riesig gefreut, Sie beide endlich einmal wiederzusehen. Ja, und das Buch ist natürlich hochinteressant – ein kleines Juwel sozusagen.«

Beatrice und ihr Vater begleiteten Antonelli hinunter in die Diele. Als er seinen Stock mit dem Habichtsknauf aus dem Schirmständer neben der Haustür nahm, sagte Beatrice lächelnd: »Ich kann mich noch erinnern, wie ich als kleines Mädchen damit gespielt habe.«

»Ach ja, damals war er für mich nur ein modisches Accessoire, das meiner Eitelkeit schmeichelte«, versetzte der alte Herr seufzend. »Aber heute brauche ich ihn.« Und damit lehnte er sich übertrieben schwer auf den eleganten Stock.

»Sagen Sie, wie ist denn eigentlich Ihr weiteres Programm für New York, Giuseppe?«

»Tja, im Kopf habe ich das nicht – aber wenn's recht ist, rufe ich Sie morgen an, John, und sage Ihnen Bescheid. Vor meinem Abflug werden wir uns auf jeden Fall noch einmal sehen.«

»Und wann wird das sein? Ich meine, wann müssen Sie zurück?«

»Das kann ich noch nicht genau sagen. Es hängt von ein paar Terminen ab, die ich schon von Rom aus vereinbart habe. Jedenfalls war es ganz reizend, Sie beide wiederzusehen! Mille grazie für den zauberhaften Abend und für Ihr superbes Essen, liebe Beatrice.«

»Ich werde morgen den ganzen Tag zu Hause sein.« O'Connell öffnete seinem Freund die Tür. »Und ich freue mich jetzt schon auf Ihren Anruf.«

»Ich melde mich gleich am Vormittag, John, sobald ich meinen Zeitplan überblicke.«

»Schön, Giuseppe, ich richte mich da ganz nach Ihnen.«

»Also dann, buona sera. A domani.«

Und damit trat Signor Antonelli in die Nacht hinaus.

»Und nehmen Sie sich in acht, Giuseppe!« rief O'Connell ihm noch nach. »Dieses Viertel ist auch nicht mehr so sicher wie früher!«

»Nur keine Angst, ich passe schon auf mich auf!« rief der alte Herr zurück.

Als das Klappern des Spazierstocks auf dem Gehsteig verhallte, schloß Dr. O'Connell die Haustür.

»Ich bin sicher, er hat uns irgendwas verschwiegen«, sagte Beatrice, kaum, daß sie wieder im Wohnzimmer waren.

»Ach, meinst du? Was denn zum Beispiel?«

»Tja, wenn ich das wüßte! Aber hast du nicht auch bemerkt, wie er dein altes Zauberbuch schier mit den Augen verschlungen hat? Und dann konnte er auf einmal nicht schnell genug fortkommen.«

»Ach, Kind, er war müde, das ist alles. Du weißt doch, wie das ist mit dem Jet-lag, der überfällt einen eben ganz plötzlich. Ansonsten siehst du bestimmt Gespenster, denn Giuseppe ist immer offen und ehrlich zu mir gewesen.«

»Trotzdem – du solltest auf mich hören, Daddy.«

Dr. O'Connell schmunzelte still vor sich hin. »Wie wär's, wenn du uns jetzt einen Kaffee kochst? Ich geh inzwischen schon mal rauf in die Bibliothek.«

Beatrice verschwand in der Küche, wo sie sich für Espresso entschied, wohl wissend, daß ihr Vater den genauso gern trank wie sie. Als alles fertig war, richtete sie ein Tablett und trug es hinauf in die Bibliothek.

»Giuseppe ist alt geworden, findest du nicht auch?« meinte der Doktor, als Beatrice ihm seine Tasse reichte. »Ich hab ihm zwar gerade das Gegenteil beteuert, aber die Schmeicheleien zu diesem Thema kommen einem heute ja leider schon wie von selbst über die Lippen. Ja, und was das Buch angeht, so bin ich jedenfalls froh, daß ich endlich definitiv Bescheid weiß. Eigentlich widerlich, so ein Grimoire, nicht? Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus allerdings hochinteressant.«

»Ich bitte dich, gib ihn Signor Antonelli nicht, Dad.«

»Aber du kennst mich doch, Bea. Ich trenne mich nicht von meinen Freunden – auch nicht von denen, die ein bißchen anrüchig sind.«

»Ich wüßte zu gern, was es mit diesem Buch auf sich hat«, sagte Beatrice, die aufgestanden war und nachdenklich den Grimoire betrachtete, der noch auf dem Schreibtisch lag.

O'Connell schenkte sich einen zweiten Espresso ein.

»Ach, was soll es schon damit auf sich haben – natürlich wird es einiges wert sein, und Giuseppe hat sich ein gutes Geschäft ausgerechnet. Der Händler steckt ihm halt im Blut, das ist alles.«

»Nein, nein. Da ist noch etwas anderes im Spiel.«

»So? Und an was denkst du?«

»Ich weiß auch nicht, aber ich hab da so ein Gefühl ...« Beatrice fuhr mit dem Finger über den schwarzen Ledereinband, in den, farblos und dezent, die Tierkreiszeichen und andere okkulte Symbole eingestanzt waren.

»Giuseppe ist ein ehrlicher Kerl. Und mich würde er schon gar nicht begaunern. Du darfst nicht vergessen, daß wir uns bereits kannten, als du noch nicht mal auf der Welt warst, mein Schatz.«

»Trotzdem, ich glaube, er wird versuchen, dir das Buch abzuluchsen, Dad.«

O'Connell winkte nur lässig ab. »Aber wo denkst du hin! Er kennt meine Einstellung zu meinen Büchern und respektiert sie. Dabei will ich gar nicht bestreiten, daß er ab und an mal versucht hat, mir ein besonders kostbares Buch wieder abzuschwatzen. Im Lauf der Jahre hat er mir schließlich manches Kleinod vermittelt, für das es immer wieder glühende Interessenten gab. Aber Giuseppe weiß, daß bei mir ein Nein auch nein bedeutet. Und er hat mich noch nie bedrängt.«

»Diesmal wird er's tun, wetten, daß? Ich bin sicher, daß er dich gleich morgen wieder drauf anspricht.«

»Schön, ich halte dagegen.«

»Wieviel? Hundert Dollar?«

»Zehn«, konterte der Doktor. »Ich bin nicht so reich wie du.«

»Na schön, dann also zehn Dollar, aber« – Beatrice hob mahnend den Zeigefinger – »ich wette, Antonelli ruft dich morgen an und macht dir ein Wahnsinnsangebot für das vermaledeite Buch.«

Dr. O'Connell schüttelte sichtlich amüsiert den Kopf.

»Du solltest das nicht so auf die leichte Schulter nehmen, Daddy. Ich hab ein ganz ungutes Gefühl, was den alten Fuchs angeht. Und mit dem Buch hat es irgendwas auf sich, das er uns verschweigt. Ich weiß es einfach. Oder sagen wir, ich spür's.«

»Komm her und setz dich zu mir, Sherlock Holmes.« O'Connell klopfte einladend auf den Sofaplatz neben sich.

Beatrice gehorchte und kuschelte sich an ihn. Ihrem Vater gelang es bisweilen immer noch, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie wäre ein kleines Mädchen.

»Schon von Kind auf hattest du eine Schwäche für Kriminalgeschichten und für alles Geheimnisvolle«, sagte O'Connell und fuhr seiner Tochter liebevoll übers Haar.

»Ach ja? Na, dann hab ich mich vermutlich frühzeitig aufs Leben vorbereitet.«

»Ist dir das Leben denn ein Geheimnis, Bea?«

»Na, und ob! Ich kann mich anstrengen soviel ich will, ich kriege einfach nicht raus, was zum Kuckuck ich hier eigentlich soll.«

»Ich hoffe nur, daß du nicht auf etwas wartest, das nie eintreten wird.«

»Ich weiß – wie Emma Bovary, die ewig nach jenem Segel am Horizont Ausschau hielt. Oder wie John Marcher mit seiner Jagd im Dschungel. Und manchmal fühle ich mich auch so, Daddy, ehrlich. Als ob ich auf etwas warten würde – oder auch auf jemanden, der meinem Leben eine Form gibt und mir einfach mal klarmacht, worin der Sinn des Ganzen eigentlich liegt. Weißt du, was ich meine?«

»Ich denke schon, ja. Aber ich hatte in der Beziehung großes Glück, weißt du? Ich hatte das, was man hochtrabend eine Berufung nennt. Ich habe von klein auf gewußt, daß ich Arzt werden wollte, und dieser Wunsch, dieses Ziel hat mein Leben geformt.«

»Ich wollte, ich hätte so eine Berufung«, sagte Beatrice traurig. »Ich möchte endlich wissen, was ich mit meinem Leben anfangen will.«

»Wie steht's denn mit deinem Roman? Oder hast du die Arbeit daran etwa aufgegeben?«

»Tja, ich fange was an und höre wieder damit auf. Ich kann anscheinend nichts zu Ende bringen.«

»Nun, du hast immerhin deine Forschungsaufträge. Und deine Recherchen werden überall hoch gelobt.«

»Das ist doch bloß Zulieferarbeit für andere«, sagte sie wegwerfend. »Es hat mit Schreiben zu tun, aber ich schreibe nicht selbst. Nein, das ist letztlich bloß ein bezahlter Job.«

»Aber all deine Autoren schreiben offenbar gute Bücher und heimsen Preise ein, die sich zumindest auch auf deine Arbeit stützen, mein Schatz.«

Beatrice war im Verlagswesen auf ein kaum bekanntes Gebiet spezialisiert, nämlich auf die Forschung historischen und soziologischen Hintergrundmaterials für Schriftsteller, die ihre Recherchen nicht selber durchführen konnten. Sie verdiente gut dabei, denn Kräfte mit ihrer akademischen Bildung und Fachkompetenz waren sehr gefragt. Und Beatrice war auch stolz auf die Forschungsarbeiten, die sie für etliche Bestseller-Autoren geleistet hatte, von denen immerhin zwei mit dem National Book Award und einer sogar mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden waren.

Aber bei ihren Recherchen war sie stets der Illusion aufgesessen, firm und beschlagen zu sein und überall mitreden zu können, ohne ihre eigene schriftstellerische Begabung je wirklich unter Beweis stellen zu müssen. Sie lieferte nur die Munition für diejenigen, die sich mutig an die Front wagten und es riskierten, von den Kritikern verrissen zu werden. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, hielt ihr Vater ihr des öfteren vor, um sie zu ermutigen und anzuspornen, sich endlich selbständig zu machen, aktiver am Leben teilzunehmen und beispielsweise auch einmal selber ein Buch zu schreiben.

»Ich hab mir überlegt«, sagte Beatrice, »daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich an die Uni zurückginge und mein Lehramtsexamen machen würde.«

»Ach, wirklich? Scheint mir eine gute Idee zu sein.«

»Findest du? Ich weiß nicht.« Sie seufzte. »Ich treibe so plan- und ziellos dahin, von einem Fehlschlag zum anderen. Ich kann anscheinend nichts bis zum Ende durchziehen.«

»Aber was heißt denn hier ›Fehlschlag‹ – du bist doch zum Glück noch nie wirklich gescheitert.«

»O doch, und wie! Ich hab meine Ehe vermurkst, meinen Beruf ...«

»Na, das würde ich noch nicht Fehl-, sondern eher Rückschläge nennen –, und so was ist menschlich, dafür brauchst du dich wirklich nicht zu schämen.«

»Entschuldige Daddy, aber du hast leicht reden. Du kannst schließlich auf eine glanzvolle Karriere und eine glückliche Ehe zurückblicken. Du hast ein wirklich erfülltes Leben.«

»Ja, weißt du, man kriegt eine andere Einstellung zum Leben, wenn man tagein, tagaus mit dem Tod konfrontiert ist. Ich habe bemerkt, daß die Gesichter der Sterbenden oft schon binnen weniger Minuten kaum noch wiederzuerkennen sind, einfach weil der Lebensfunke erloschen ist. Und in dem Moment, siehst du, im Angesicht des Todes, da erscheint alles ganz klar und einfach: Ein Geist, oder meinetwegen eine Seele bewohnt für eine gewisse, begrenzte Zeit einen Körper, und wenn die Zeit abgelaufen ist, dann zieht sie weiter. So gesehen hat das Dasein keinen Plan, keine Gestalt oder Form, Bea. Nein, das Leben ist eigentlich nur eine Sache des Augenblicks.«

Beatrice und ihr Vater versanken in Schweigen. Doch während sie über seine letzten Worte nachdachte, wanderten ihre Gedanken unversehens zurück zu dem Grimoire, genauer gesagt zu den Holzschnitten von jenem abscheulichen Sukkubus.

»Es gibt aber Augenblicke«, sagte sie unvermittelt, »die einfach zu gefährlich sind, zu riskant für unsereinen.«

Dr. O'Connell sah seine Tochter fast erschrocken an. »Wie meinst du das, Kind?«

»Ich weiß selbst nicht genau. Bloß – als ich mir vorhin den Grimoire angeschaut hab, da dachte ich ...« Sie stockte.

»Ja?«

»Ach, ich weiß auch nicht, es war wohl nur so ein dummer Einfall.« Beatrice versuchte krampfhaft, ihren Vater abzulenken, denn ihr war plötzlich klargeworden, daß sie mit ihm unmöglich über das sprechen konnte, was ihr beim Betrachten der Holzschnitte wirklich durch den Kopf gegangen war. »Sag, Daddy, was meinst du – ob ich am Ende meinen Augenblick verpasse?«

»Tja, darauf kann ich dir auch keine Antwort geben. Aber du kommst mir schon bisweilen sehr verschlossen, ja, fast unglücklich vor. Und so schön es für mich ist, dich um mich zu haben – ich finde, du solltest mehr mit Menschen deines Alters zusammenkommen und dich amüsieren.«

»Aber ich hab doch Freunde.«

»Ja, aber du gehst kaum noch mit ihnen aus. Das ist selbst mir aufgefallen.«

»Kann sein. Ich kann offenbar im Leben einfach nicht richtig Tritt fassen. Es ist, als wäre da ein unsichtbarer Schild zwischen ihm und mir. Und weißt du, wenn ich ehrlich bin, muß ich dir gestehen, daß ich auch gar keine echten Gefühle mehr aufbringen kann.«

»Ach, meine kleine Beatrice.« Zärtlich betonte der Doktor ihren Namen nach italienischer Manier. »Ich wünschte von ganzem Herzen, du wärest glücklicher.«

Beatrice hob die Schultern. »Glücklich – was heißt das eigentlich?«

»Es ist traurig, wenn du das nicht weißt, mein Kind. Ich mache mir Sorgen, was aus dir werden soll, wenn ich einmal nicht mehr bin.«

Sie zuckte zusammen. »Ich hab dich doch erst vorhin wieder gebeten, nicht so zu reden.«

»Aber ich denke nun mal oft darüber nach, besonders jetzt, seit du geschieden bist. Übrigens, hast du in letzter Zeit was von Stephen gehört?«

Schon den Namen ihres Exmannes zu hören, tat Beatrice weh. Sie beugte sich vor und klappte die Zigarettendose auf, die auf dem niederen Couchtisch stand. Sie war leer.

»Dad, was hast du denn mit den ganzen Zigaretten gemacht?«

»Soll das heißen, du rauchst wieder?«

»Nein – nur ab und zu mal eine.«

»Denkst du immer noch so viel an ihn?«

»Hm, ich glaube schon, ja.« Sie stand auf und lief wie ein eingesperrter Gepard im Zimmer hin und her. »Aber es ist hoffnungslos. Du weißt selbst, wie er ist. Er kann allem widerstehen – außer einer Frau.«

»So sind die Männer.«

Sie blieb abrupt stehen und funkelte ihn zornig an. »Nicht alle Männer, Dad.«

»Zeig mir einen, der anders ist, und ich verleih ihm 'nen Orden.«

»Du bist bestimmt nie so gewesen«, sagte Beatrice mit Überzeugung.

»Nun komm mal wieder her und setz dich. Dein Herumgerenne macht mich ganz nervös.«

»Ich muß dir was gestehen«, sagte sie, auf ihren Platz zurückkehrend. »Als es wirklich schlimm stand mit Stephen und mir, da hab ich immer an dich und Mom gedacht und daran, was für eine wunderbare Ehe ihr geführt habt. Es ist schwer zu erklären, aber es war diese Gewißheit, daß es auch gute Ehen gibt, die mir den Mut gab, Schluß zu machen und auf etwas Besseres zu vertrauen.«

»Weißt du, Bea«, versetzte der Doktor langsam, »in keiner Ehe gibt es die immerwährende Harmonie. Zwischendurch muß man immer wieder gegen Stürme ankämpfen.«

»Ach, das weiß ich selber!« rief sie ungeduldig. »Nur kommt es vermutlich auf die Art von Stürmen an. Manche sind einfach zu heftig, als daß man sie heil überstehen könnte.«

»Nein, nein, wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann können sie alles überstehen. Aber die Liebe muß größer sein als bloß die Summe ihrer Teile, sonst hat sie auf die Dauer keine Chance.«

»Ach, Daddy, du weißt ja nicht mal die Hälfte von dem, was zwischen mir und Stephen vorgefallen ist.«

»Nein, sicher nicht. Und es geht mich auch nichts an. Aber ich weiß, was zwischen Mann und Frau passiert oder passieren kann. Ich sage dir, da hat jedes Verhältnis seine Höhen und Tiefen. Das liegt in der menschlichen Natur.«

»Mag sein, aber du hast Mutter jedenfalls nie so betrogen wie Stephen mich. Ich konnte ihm das einfach nicht verzeihen. Es ging nicht, ehrlich. Ach was, ich mag nicht mehr drüber reden.« Sie seufzte. Ich bin es sogar leid, daran zu denken. Es ist aus und vorbei. Basta.«

O'Connell war traurig über den kummervollen Ton seiner Tochter. Und er fühlte sich mitschuldig, er hatte sogar das Gefühl, sie irgendwie im Stich gelassen zu haben, ohne daß er wußte, wie und wann.

»Männer sind nun mal eitel, Bea. Und manche von uns sind ein bißchen zu anfällig für Schmeicheleien und Komplimente. Ihr Frauen seid überhaupt stärker gegen Versuchungen gefeit, denke ich.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß du Mom je so was angetan hättest wie Stephen mir«, beharrte sie trotzig.

»Ich hätte sie gewiß nie verlassen, das ist richtig. Nicht mal für eine sogenannte Probezeit. Aber du darfst keine so hohen Erwartungen in die Menschen setzen, Bea. Dem sind sie nicht gewachsen. Und wenn du im tiefsten Herzen nicht versöhnlich gestimmt bist und verzeihen kannst, wirst du am Ende immer wieder enttäuscht werden.«

»Also ich würde lieber für den Rest meines Lebens allein bleiben, als mich mit einem Mann abzufinden, der mir untreu ist.«

»Auch, wenn er es bereut und sich nichts sehnlicher wünschen würde, als zu dir zurückzukommen?«

»Stephen hat's bereut, und zurück wollte er auch. Aber ich glaube nicht, daß man über so was je hinwegkommt«, sagte Bea. »Ich hab's jedenfalls nicht geschafft.«

John O'Connell sah seine Tochter forschend an. Zu ihrem Charakter gehörte eine Reihe von Gegensätzen, die ihm zunehmend Sorge machten, je älter sie wurde. Einerseits war Beatrice stolz und stark, andererseits konnte sie aber auch sehr scheu und überaus empfindlich sein. Es war rührend, wie sie ihn verehrte und wie sehr sie die Ehe ihrer Eltern idealisierte, gewiß, nur für sie selbst war eine solch schwärmerische Haltung ganz und gar nicht gut. Und als er jetzt auch noch sah, wie sie sich heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, beschloß er, sich ihr zum erstenmal im Leben wirklich rückhaltlos anzuvertrauen.

»Bea, Liebes«, begann er, »du hast eben ganz richtig gesagt, daß ich vieles über dich und Stephen nicht weiß. Aber siehst du, genauso gibt es auch eine Menge, was du über deine Mutter und mich nie erfahren hast.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Ach, vieles, glaub mir. Und ich habe Angst, du könntest dich dein Leben lang an Idealmaßstäbe klammern, die ...« Er brachte den Satz nicht zu Ende.

»Die was, Daddy?«

»Ach, nichts. Ich wollte bloß sagen, deine Mutter ... also sie verstand mich. Und ich sie auch. Wir haben uns sehr geliebt, aber was fast noch wichtiger ist: Wir waren Freunde.«

»Auch Freunde betrügen sich nicht.«

Dr. O'Connell rutschte verlegen auf seinem Sitz hin und her und rückte unwillkürlich etwas von seiner Tochter weg. »Tja, weißt du, betrügen ist ein großes Wort – es kommt ganz drauf an, was du darunter verstehst.«

»Na, du bist Mom doch nie untreu gewesen, nicht?«

Der Doktor senkte den Blick.

»Daddy!« drängte Beatrice. »Warst du es?«

»Äh ... war ich was?«

»Warst du Mom untreu!«

Immer noch mied er ihren Blick. »Ich denke, ich hab auch so meine Fehler gemacht«, sagte er schließlich ausweichend.

Beatrice starrte ihren Vater ungläubig an. Sie traute ihren Ohren nicht. »Soll das heißen, du hast Mom betrogen?«

Plötzlich sah er sie mit fast flehender Miene an, sagte aber noch immer kein Wort.

»Du hast sie also tatsächlich betrogen?« wiederholte Beatrice, immer noch fassungslos.

»Betrogen ist wohl nicht das richtige Wort dafür. Ich habe deine Mutter aufrichtig geliebt. Aber ein, zwei Fehltritte kann ich nicht leugnen. Ich denke dabei ganz besonders an einen.«

Beatrice spürte, wie sich ihr Herz zusammenkrampfte. »Was willst du damit sagen?«

»Daß ich mich einmal ernsthaft in jemand anders verliebt habe.«

»In wen?«

»Eine Schwester in der Klinik.«

»Und die hast du geliebt?«

»Jedenfalls hab ich's mir eingebildet. Aber nach einer Weile ging es vorüber, und Liz ... deine Mutter hatte Verständnis.«

Beatrice wußte nicht, was sie sagen sollte.

»Deine Mutter hat mich akzeptiert, Bea«, fuhr er, seiner Tochter unverwandt in die Augen blickend, fort. »Sie hat mich so akzeptiert, wie ich bin, nicht bloß so, wie sie mich gern gehabt hätte.«

Beatrice erhob sich kopfschüttelnd. Sie konnte einfach nicht glauben, was ihr Vater ihr da eben erzählt hatte. Ihr war, als hätte sie all die Jahre eine Lüge verherrlicht. Der Gedanke war unerträglich. Dr. O'Connell hielt gespannt den Atem an, denn er wußte sehr wohl, daß sich hier ein Wendepunkt im Verhältnis zu seiner Tochter anbahnte.

»Wie war sie denn?« fragte Beatrice schließlich leise.