Das schwarze Medaillon - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Alice Thorne wird wegen des Mordes an ihrem Hausfreund zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Keiner glaubt an die Schuld der engelhaften Frau – aber die Beweise sind erdrückend. Zurück bleiben ihr Mann Richard Thorne und die junge Myra Lane, die bald eine tiefe Liebe verbindet. Noch wehrt sich Myra gegen ihr Gefühl, Richard gegen eine Scheidung von der unglücklichen Alice, da schlägt wie ein Blitz die Nachricht ein: Alice wird begnadigt! Und als kurz nach ihrer Heimkehr ein zweiter Mord geschieht, ist sich alle Welt einig: Die Schuldige heißt Myra Lane! (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:310


Mignon G. Eberhart

Das schwarze Medaillon

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Renate Hertenstein

FISCHER Digital

Inhalt

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel

1. Kapitel

Es war immer noch das Haus der anderen Frau. Nichts hatte sich geändert; es war gar nicht möglich, daß sich etwas änderte. Es war, als habe Alices Persönlichkeit, ihre Schönheit, ihre Anmut und ihr niemals irrender Geschmack das Haus mit allem, was darin war, verzaubert.

Besonders die Bibliothek mit den von ihrer Hand geordneten Möbeln, den Vorhängen und Teppichen beschwor ihr Bild herauf, fast ebenso zwingend wie ihr Schlafzimmer oben, mit den großen Fenstern zur Bucht und dem darin haftenden Fliederduft. Myra hatte den Raum eines Tages ganz zufällig betreten, ohne eine Ahnung zu haben, daß es Alices Schlafzimmer war. Auf der Suche nach einem losen Fensterladen, der, vom Wind bewegt, in unregelmäßigen Abständen gegen die Mauer schlug, hatte sie sich plötzlich in dem hellen Raum befunden und beim Anblick der glitzernden Parfumflakons und der zusammengelegten rosa Decke auf dem mit Satin überzogenen Diwan sich nicht des Gefühls erwehren können, als sei Alice in der Nähe und würde gleich zu ihr sprechen. Myra war schnell aus dem Raum geflüchtet.

Die Verbindungstüre zu Richards Zimmer war verschlossen. In schweigendem Übereinkommen galt Alices Schlafzimmer als Gästezimmer, obwohl Gäste im Hause selten geworden waren.

Die Bibliothek mit den hohen Balkontüren zum Garten war Alices Lieblingsraum gewesen. Die blaugraue Täfelung zwischen den eingebauten Bücherregalen, die bauchige Tonvase für die Narzissen und die sattroten Samtpolster des Fauteuils, in dem Myra saß, hatte Alice gewählt. An der Wand neben dem Samtfauteuil stand ein großer antiker Sekretär aus schimmerndem Mahagoni. Hinter der Glasscheibe eines der Fächer stand ein kleiner Kupido aus Capo di Monte, halbschräg, genau so, wie Alice ihn hingestellt hatte. Sein Blick fiel auf Myra. ‚Er weiß um ein Geheimnis, das er nicht preisgeben will‘, dachte sie unwillkürlich.

Er wußte wirklich um ein Geheimnis. Bedrückend schlich sich die argwöhnische Frage in Myras Gedanken, was der kleine Kupido wohl auszusagen haben würde, könnte er sprechen.

Das Feuer im Kamin knisterte. Die Louis-XVI-Uhr auf dem Kaminsims tickte heiter und unbeschwert, als sei das Verrinnen der Zeit unwesentlich und falle nicht im geringsten ins Gewicht. Dabei war es doch das letzte Mal, daß Myra hier saß. Nie mehr würde sie auf Richard warten. Es war noch zu früh für seine Heimkehr. Zum Glück, so konnte sie sich in Ruhe wiederholen, wie sie ihm gegenüber ihren Entschluß begründen wollte.

Zum Glück auch, weil sie in Muße nochmals die Ruhe des Raumes auf sich einwirken lassen konnte, um sich später daran erinnern zu können. Langsam ließ sie ihren Blick über Wände und Möbel schweifen. Sie wollte nichts vergessen, kein Detail. Konnte sie überhaupt irgend etwas vergessen, was mit diesem Haus und insbesondere mit diesem Raum zusammenhing?

Es würde schwer sein, mit Miß Cornelia zu sprechen und hundertmal schwerer natürlich noch, mit Richard zu reden.

Myra erhob sich, trat geistesabwesend zu der bauchigen Tonvase und ordnete nervös die Narzissen anders an. Ein verstohlener Blick traf die vergoldete Uhr auf dem Kamin.

Vier Uhr. Vor fünf kam Richard sicher nicht heim, nicht einmal falls er heute ausnahmsweise früh der Stadt den Rücken kehren konnte.

Eine Narzisse fiel zu Boden. Myra bückte sich, um sie aufzuheben, und hörte plötzlich Stimmen auf der Terrasse. Sie richtete sich gerade wieder auf, als sich Miß Cornelias Rollstuhl zwischen den Balkontüren hereinschob und dahinter Miß Cornelia selbst auftauchte, ihre zartgliedrige, altersdünne und von Adern durchzogene Hand haltsuchend an die Rückenlehne geklammert. Barton stieß den Stuhl vor sich her. Myra eilte schnell zu Hilfe und öffnete die Türen ganz.

«Mylady bestand darauf, spazierenzugehen, Miß Myra», erhob der Butler zurückhaltend Anklage. Offensichtlich hatte er mit seinem Atem zu kämpfen, um der dreifachen Aufgabe, Miß Cornelia zu stützen, den Rollstuhl zu schieben und gleichzeitig zu reden, gerecht zu werden. «Den ganzen Weg vom Garten herein legte Mylady zu Fuß zurück», fuhr er vorwurfsvoll fort.

«Ach, die paar Schritte», wehrte Miß Cornelia ab und nahm Myras Arm. Ihre hellen Augen blitzten vergnügt. Die im Gegensatz zu ihrem schlohweißen Haar noch immer dunklen Augenbrauen in gespielter Entrüstung hochgezogen, meinte sie zu dem angegrauten Butler gewandt: «In vorgeschrittenem Alter sollte man im Essen Mäßigung üben, Barton.»

Bartons Atem war mittlerweile wieder regelmäßig geworden. Würdevoll die Anspielung auf seinen respektablen Umfang überhörend, fragte er: «Wünschen Mylady sich jetzt in den ersten Stock hinaufzubegeben?»

«Nein, Barton, ich möchte ein Weilchen hier bleiben. Nehmen Sie den Rollstuhl ruhig weg. Mr. Richard kann mich später zusammen mit Ihnen hinauftragen.»

«Wie Sie wünschen, Mylady.» Sich mit einem gemessenen Rundblick vergewissernd, daß alles in Ordnung war, strich der Butler die prall ausgefüllte Weste zurecht und machte sich dann daran, den Stuhl Miß Cornelias hinauszurollen.

«Barton ist ein Original», sagte Miß Cornelia lächelnd und kuschelte sich behaglich in Richards tiefen Ohrensessel vor dem Kamin.

Miß Cornelia, die während fünfzig ihrer siebzig Lebensjahre Lady Carmichael geheißen hatte, aber im ganzen Haus nach wie vor Miß Cornelia genannt wurde, wovon nur Barton aus eigener Machtvollkommenheit manchmal eine Ausnahme machte, war trotz ihres Alters noch eine schöne und vor allem sehr gepflegte Frau. Sie war zierlich und klein und vom Alter schon etwas gebeugt, aber das weiße Haar wurde Tag für Tag kunstvoll frisiert; die runzlige Haut war rosig und zart geblieben, und ihre sorgfältig manikürten Fingernägel ließ sich Miß Cornelia dunkelrot lackieren, als könne sie damit dem Alter ein Schnippchen schlagen. Die großen grauen Augen blickten klar und lebhaft und manchmal fast zu aufmerksam in die Welt. Miß Cornelia war früher eine anerkannte Schönheit gewesen, und etwas von ihrer früheren Eitelkeit hatte sich erhalten. Anmut und Charme der Frauen ihrer Generation gingen noch heute von ihr aus, aber dazu gesellten sich gesunder Humor, viel Verständnis für ihre Mitmenschen, Großzügigkeit und vor allem liebevolle Anhänglichkeit. Die alte Dame trug ein beigefarbenes Wollkostüm, dessen Schnitt zwar einen erstklassigen Schneider verriet, dem aber doch anzusehen war, daß es den Krieg hatte überstehen müssen, und dazu eine weiße, am Hals gebundene Seidenbluse. In ihren Ohrläppchen steckten Perlen und an den Fingern Saphire.

«Zwei Jahre ist’s jetzt her, daß ich mir den Hüftknochen gebrochen habe, und noch immer kann ich nicht richtig gehen», klagte sie ärgerlich.

«Aber es ist doch schon viel besser», beschwichtigte Myra sie. «Es braucht eben seine Zeit.»

Miß Cornelia machte ein unzufriedenes Gesicht. «Ich habe nicht mehr gar soviel Zeit zu verwarten», erwiderte sie. Mit einem Seufzer lehnte sie sich wieder im Sessel zurück und langte nach ihrem goldenen Zigarettenetui.

«Möchtest du eine Zigarette?»

«Nein, danke.» Myra reichte der alten Dame Feuer.

«Ist Richard schon da?» fuhr Miß Cornelia fort.

«Nein.»

«Na, es ist ja eigentlich auch noch zu früh. Kommt Tim übers Wochenende her?»

«Keine Ahnung. Ich rief gestern bei ihm im Büro an, aber seine Sekretärin sagte, er sei den ganzen Tag abwesend.»

«Wahrscheinlich eine Geschäftsreise.»

«Vermutlich. Die Sekretärin ging nicht näher darauf ein. Heute abend will ich’s nochmals bei ihm daheim versuchen.» Myra nahm einen Aschenbecher und stellte ihn auf die Lehne von Miß Cornelias Sessel. Dann machte sie sich wieder an den Narzissen zu schaffen. ‚Jetzt wäre der gegebene Augenblick, um mit der Sprache herauszurücken‘, dachte sie. Tims Name war ein guter Vorwand, um einzuhaken. Aber sie brachte den Mut nicht auf, den Anfang zu machen. Mit langsamen Bewegungen nahm sie einen nach dem anderen der dünnen grünen Stengel heraus und steckte sie wieder in die Vase. Es war schrecklich schwer! Viel schwerer, als sie sich vorgestellt hatte.

Sie würde vermutlich wieder nicht geredet haben, hätte nicht Miß Cornelia das Thema angeschlagen. «Was ist los mit dir, Myra?» fragte sie. «Du hast doch etwas auf dem Herzen, Kind.»

Der Stengel in Myras Händen verfing sich in den länglichen Blättern eines andern.

«Schon seit Tagen bedrückt dich etwas, Es ist mir nicht entgangen. Wo brennt’s denn? Handelt sich’s um Tim?»

Es war nicht leicht, einen Menschen zu belügen, Miß Cornelia aber mit einer Lüge abzuspeisen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Myra wandte sich langsam der alten Dame zu, doch auch jetzt kam kein Wort von allem, was ihr auf der Zunge brannte, über ihre Lippen. Miß Cornelia sog in langen Zügen den Zigarettenrauch ein und musterte das Mädchen mit ahnungsvollen Blicken. «Ich glaube, du machst dir unnötig Sorgen, liebes Kind. Tim eignet sich ausgezeichnet zum Architekten. Das gründliche Studium fehlt ihm, das stimmt, aber dieses Manko wird durch seine schnelle Auffassungsgabe wieder wettgemacht. Mir ist zwar auch schon aufgefallen, daß er in letzter Zeit bedrückt herumläuft und den Kopf hängen läßt. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Aber das sind nur die Nachwehen des Krieges. Paß auf, in kurzer Zeit ist er wieder der alte.»

Von den gelben Blütenkelchen in der bauchigen Vase stieg ein durchdringend süßer Duft in Myras Nase.

«Du neigst dazu, alles, was Tim betrifft, zu schwer zu nehmen», fuhr die alte Dame fort. «So weit brauchtest du dein Verantwortungsgefühl für den jüngeren Bruder nicht zu treiben.» Sie hielt einen Augenblick nachdenklich inne. «Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich seinerzeit recht daran getan habe, Tim und dich auseinanderzureißen. Damals erschien es mir das einzig Vernünftige. Tim mußte schließlich in eine Schule, und ich hielt es für besser, ihn in eine amerikanische Schule zu schicken. Darum ließ ich ihn drüben und nahm dich mit mir zurück nach London. Wie hätte ich ahnen sollen, daß der Krieg uns so lange trennen würde!»

Die ernste Sorge, die aus den Worten der alten Dame klang, rührte Myra und löste endlich ihre Zunge.

«Du hast recht gehandelt, Tante Cornelia», rief sie herzlich. «Weder Tim noch ich können dir jemals danken, was du uns Gutes erwiesen hast. Du warst wie eine Mutter zu uns beiden, wie die beste Mutter der Welt …»

«Na, sag lieber Großmutter», wandte Miß Cornelia lächelnd ein.

«Du hast Tim ins Internat geschickt, du hast mich mit dir heimgenommen, du hast alles für mich getan …»

«Umgekehrt, Myra, du hast alles für mich getan», wehrte die alte Dame ab.

Das war echt Tante Cornelia! Myra lächelte unter Tränen. «Wir waren ja noch Kinder, ich knapp sechzehn Jahre und Tim erst elf. Wir schulden dir –»

«Jetzt aber ein für allemal Schluß mit dem Unsinn», fiel Miß Cornelia ihr ins Wort. «Wenn eine alternde Frau, die keine eigenen Kinder hat, nicht die Gelegenheit beim Schopf packt, die verwaisten Kinder ihrer besten Freundin in ihre Obhut zu nehmen, bringt sie sich selbst um die größte Freude ihres nutzlosen Lebens. Ich habe an deiner Großmutter gehangen, von ganzem Herzen, und ebenso nahe stand mir deine Mutter. Ich hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben können als sie. Und du gleichst ihr ungemein, Myra, das hab’ ich dir schon oft genug versichert. Also ist es Wortverschwendung, zwischen uns von Dankschulden und solchen Dingen zu reden. Du hast für mich weit mehr getan, als ich jemals für dich tun könnte, Kind. Ich bin eine alte Frau und überdies ein halber Krüppel seit dem Hüftbruch. Du bist unentbehrlich für mich; überhaupt seit … überhaupt in den letzten zwei Jahren.» Sie schaltete wieder eine Pause ein und führte nachdenklich die elfenbeinerne Zigarettenspitze an den Mund. «Wir haben allerhand miteinander durchgemacht. Den Krieg, meinen Unfall und …» In ruhiger Bewegung senkte sich die ringgeschmückte Hand mit der Zigarettenspitze. «… und die Ereignisse hier im Haus. Es war nicht immer leicht, aber wir sind davongekommen. Tim ist aus dem Krieg heimgekehrt, mit heilen Knochen, und hat eine Stellung. Das Haus in London fiel einem Bombenangriff zum Opfer, aber es war sowieso zu groß, um gemütlich zu sein. Der Verlust hat mir nicht viel Kopfzerbrechen bereitet. Und in diesem Haus herrscht seit unserer Ankunft im letzten Herbst zum Glück wieder eine Atmosphäre der Ruhe und Ausgeglichenheit. Das Unbehagen, der Druck ist daraus gewichen. Es ist, als hätten sich die alten Mauern von einer schweren Krankheit erholt. Jawohl, das Haus hat sich erholt, das ist der richtige Ausdruck. Es war krank, so wie Menschen krank sind.» Ein Schatten senkte sich über das runzlige Gesicht.

«Das ist dein Verdienst, Tante Cornelia. Ich hab’ wenig dazu tun können, daß hier wieder Ruhe und Ausgeglichenheit eingekehrt sind.»

Miß Cornelia richtete sich ein wenig auf. «So – und jetzt reden wir von etwas anderem. Schluß mit allen Dankbezeugungen von dir oder Tim.»

Myra zögerte einen Moment. Unsicher meinte sie dann: «Aber gerade über Tim wollte ich gern mit dir reden, Tante Cornelia.»

«Über Tim? Wieso?»

«Du hast nun jahrelang soviel für uns getan – entschuldige, ich muß es nochmals erwähnen – daß es jetzt, da Tim endlich eine Stelle hat und Geld verdient, nur recht und billig ist –»

«Hast du etwa die Absicht, mich schonend darauf vorzubereiten, daß du mich verlassen willst?» fragte Miß Cornelia argwöhnisch.

«Ja», entgegnete Myra leise, verlegen mit den Blumen spielend.

Eine lange Pause entstand. Das Holz knisterte im Kamin. Es war, als hielte das Zimmer – Alices Zimmer in Alices Haus – den Atem an.

«Laß endlich die Blumen in Ruhe, Myra, du wirfst sie noch alle zu Boden», sagte Miß Cornelia nach einem Weilchen. «Schau mich an, Kind.»

Erleichtert, weil sie endlich den Mut gefunden hatte zu sagen, was nun einmal gesagt werden mußte, entfernte sich Myra von der Vase und trat ein paar Schritte auf Miß Cornelia zu.

«Es handelt sich doch nicht darum, daß du unbedingt von mir weg willst, oder irre ich mich?» forschte die alte Dame.

«Nein!»

«Das dachte ich mir. Ich kenne dich, Kind, ich kenne dich, glaube ich, besser, als du dich selbst kennst.» Ihr Blick verlor sich draußen in der Landschaft. Wie aus Elfenbein gemeißelt, hob sich ihr feines altes Profil von den mattblauen Wänden der Bibliothek ab. Ruhig, aber bestimmt fuhr sie fort: «Ich kann Richard nicht im Stich lassen. Darum entschloß ich mich damals, nach Amerika zurückzukehren. Richards wegen. Das wirst du ja längst geahnt haben. Du kamst mit mir, in dieses Haus, in dieses Zimmer, das wieder freundlich wurde durch deine Anwesenheit. Wann gedenkst du, uns zu verlassen, Kind?»

«So bald wie möglich, Tante Cornelia.»

Miß Cornelia sah gedankenverloren ins Feuer. Sie nickte langsam. «Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. Das Alter macht nicht unbedingt weise, nur geduldig und verständnisvoll. Du bist mir ans Herz gewachsen, Myra, aber wenn es dich drängt, von uns fortzugehen, dann mußt du diesem Drang folgen.»

Was ahnte Tante Cornelia? Was wußte sie von den wahren Beweggründen, schoß es Myra durch den Kopf. Daß ihr Leben bisher glücklich und zufrieden verlaufen war, hatte sie einzig und allein der Tante zu verdanken. Jetzt weiter im Hause zu bleiben, wäre einem Verrat an der Güte und Liebe der alten Dame gleichgekommen.

«Komm her zu mir, Kind», sagte Tante Cornelia sanft. Und Myra folgte dem Ruf, kniete neben dem Sessel nieder und kuschelte sich anlehnungsbedürftig an die Knie der Älteren.

Die alte Dame streichelte zärtlich über Myras Haar. «Ich habe genug in meinem Leben gesehen, um zu wissen, daß es keine gültigen Gesetze für die Beziehungen der Menschen untereinander gibt», sagte sie nachdenklich. «Sie sind ewigem Wechsel unterworfen, und nur, daß sie nie aufhören zu bestehen, ist Gesetz. Das Leben ist vielfältig, Kind. Du verstehst jetzt vielleicht nicht ganz, was ich damit sagen will. Aber es wird der Tag kommen, da du es verstehst. Mach dir keine Gedanken darüber, nur eines versprich mir: vergiß nie, daß ich dich von Herzen liebhabe. Ich kenne dich von klein auf, ich kenne dich mit allen Regungen deiner Seele. Und ich bin stolz auf dich, Myra.»

Von der Türe her war diskretes Räuspern zu vernehmen. «Was gibt’s, Barton?» fragte Miß Cornelia, ohne sich nach dem Butler umzuwenden. «Ist Mr. Richard heimgekommen?»

«Nein, Mylady, Miß Wilkinson ist da.»

«Oh! Na schön, führen Sie sie hierher.»

Barton zog sich lautlos zurück, und Miß Cornelia gab Myra einen aufmunternden Klaps auf die Wange. Ihr gemacht heiterer Ton verbarg nur schlecht ihre Rührung. «Die gute Mildred Wilkinson hat ein besonderes Talent, immer dann auf der Bildfläche zu erscheinen, wenn man sie nicht brauchen kann. Aber eines muß man ihr lassen. Sie ist eine anhängliche Seele. Anhänglich trotz allem, was geschehen ist. Und jetzt mach kein solch trauriges Gesicht, Kind. Es findet sich immer im Leben ein Ausweg, auch aus der verfahrensten Situation. Hebe die beiden Narzissen dort vom Boden auf und steck sie in die Vase. Wenn Mildred deine verweinten Augen sieht, beschäftigt das nur ihre Phantasie. Sie ist ein einsames, unglückliches Geschöpf trotz ihrem vielen Geld. Seit ihres Vaters Tod lebt sie mutterseelenallein in dem alten Gemäuer und beschäftigt sich mit nichts anderem als ihren eingebildeten Krankheiten und dem Tun und Lassen ihrer Nachbarn. Ein trauriges Leben!»

Aus der Halle waren Bartons gemessene Schritte, untermalt vom regelmäßigen Klappern der Absätze Mildreds auf dem Parkett, zu vernehmen. Myra richtete sich hastig auf, drückte einen zärtlichen Kuß auf Miß Cornelias Wange und rettete sich dann erneut zu den Narzissen. Hoffentlich verschwand Mildred, bevor Richard heimkam!

Der Gast erschien auf der Schwelle. «Guten Tag, meine liebe Lady Carmichael.»

«Kommen Sie herein, Mildred. Nett von Ihnen, uns zu besuchen.»

«Ich bringe Ihnen die ersten Maiglöckchen. Wie ich die zarten kleinen Farbflecken auf der Wiese entdeckte, war mein erster Gedanke: die mußt du Lady Carmichael bringen. Ich habe sie selbst gepflückt.»

«Wie nett! Vielen Dank, meine Liebe.»

«Ich weiß doch, daß Sie seit Ihrem Unfall so gut wie ganz darauf verzichten müssen, sich an der Natur zu erfreuen. Sie Arme kommen um den Genuß, den Frühling zu bewundern. Darum pflückte ich Ihnen die Blümchen.»

«Ich komme zwar eben von einem Spaziergang im Garten zurück», entgegnete Miß Cornelia trocken, «aber es war trotzdem sehr aufmerksam von Ihnen.»

«Sind sie nicht süß?» fragte Mildred überschwenglich.

«Wunderhübsch», bestätigte die alte Dame gemessen. «Sei so gut, Myra, und stell sie in eine Vase.»

«Oh, Myra, ich hab’ dich gar nicht gesehen», rief Mildred Wilkinson. Myra wandte sich nach ihr um.

«Macht nichts. Guten Tag, Mildred. Wie geht’s?»

Trotz ihrer ausgewählten Kleidung und ihrer Vorliebe für gute Sachen wirkte Mildred Wilkinson mit ihrer großen, doch etwas gebeugten Gestalt nie elegant. Die länglichen, von Sommersprossen übersäten Hände voller Maiglöckchen, stand sie neben Miß Cornelias Stuhl. Sie mochte Mitte dreißig sein. Allerdings hätten auch ihre nächsten Freunde darüber keine genaue Auskunft geben können. Daran, daß niemand über ihr Alter Bescheid wußte, war nur zum Teil Mildreds Eitelkeit schuld, obwohl sie von den Hilfsmitteln der modernen Kosmetik ausgiebig Gebrauch machte. Die Wilkinsons waren stets sehr reich gewesen und hatten in allem, was ihre privaten Angelegenheiten betraf, eisernes Schweigen bewahrt. Nur in einem Punkt machte Mildred bei dieser Familieneigenschaft eine Ausnahme: über ihre Krankheit sprach sie gern und viel. Sie als hypochondrisch zu bezeichnen, wäre zu weit gegangen, aber da keinerlei andere Interessen ihre Zeit beanspruchten, widmete sie sich hingebungsvoll den verschiedenen Pülverchen und Pillen, die ihr der Arzt für ihre kleinen Leiden verschrieb. Mildred Wilkinson mußte einem im Grunde leid tun. An und für sich weder schön noch reizvoll, hatte sie seit ihren Internatsjahren abgeschlossen von der Welt und den Menschen mit ihrem schrulligen, halsstarrigen, unumgänglichen und über die Maßen reichen Vater zusammengelebt. Und nach Nelson Wilkinsons Tod hatte Mildred es nicht fertiggebracht, den Zwang jahrelanger Gewohnheit abzuschütteln, und war im alten eintönigen Trab weitergezottelt.

«Nicht sehr gut», erwiderte sie jetzt auf Myras Frage. «Mein Kopf schmerzt wieder, und ich kann seit Nächten nicht mehr schlafen.» Sie seufzte und fuhr dann etwas lebhafter fort: «Der gute Dr. Haven predigt mir tagtäglich, ich soll viel Spaziergänge machen, mich mehr bewegen und unter Leute gehen. Damit ist’s bei mir nicht getan. Haven sollte aufhören zu praktizieren, mit seiner Weisheit ist’s nicht mehr weit her. Aber Vater legte seine Hand für ihn ins Feuer. Da sind die Blumen, Myra.»

«Setzen Sie sich, Mildred», sagte Miß Cornelia. «Sind Sie zu Fuß hergekommen?»

«Lieber Himmel, nein! Dazu fühle ich mich viel zu elend.» Sie ließ sich in den dunkelroten Samtsessel fallen und überflog den Raum mit einem unzufriedenen Blick. «Daß Ihr immer dieses Zimmer benützt!» meinte sie mit leichtem Vorwurf in der Stimme.

Miß Cornelias Lippen preßten sich aufeinander. Aber sie hatte sich gleich wieder in der Gewalt und erwiderte obenhin: «Natürlich. Warum sollten wir es nicht benützen?»

Die Frage war überflüssig. Sie wußte genau, worauf Mildred anspielte. Und Mildred dachte auch nicht daran, auf das Thema einzugehen. Die verschwommenen Augen in dem blassen Gesicht mit den harten Zügen um den Mund und den farblos blonden Haaren wichen dem Blick der alten Dame nicht aus. «Erzählen Sie, liebe Lady Carmichael, wie geht es Ihnen? Wie geht es Richard? Und wie geht es –» Sie räusperte sich, bevor sie zu Ende sprach. «Wie geht es Alice?»

2. Kapitel

Als sei der Name ein geheimes Stichwort, schien plötzlich Alice selbst in der Bibliothek zu sein. Zart und bezaubernd, wie die Maiglöckchen, stieg ihr Bild vor den Anwesenden auf.

Die Blumen verschafften Myra einen Vorwand, sich zu flüchten. Im Hinausgehen hörte sie, wie Mildred ihre Frage nach Alice wiederholte.

Im allgemeinen respektierten die Besucher die stillschweigende Abmachung, Alice nicht zu erwähnen. Allerdings fanden in letzter Zeit nur wenig Fremde den Weg ins Haus. Mildred hatte sich in Situationen, in denen weniger gute Freunde lieber vermieden hätten, in Kontakt mit dem Unglückshaus zu bleiben, als treue Seele erwiesen. Alice und Mildred waren eng befreundet gewesen; trotz des Altersunterschiedes – Mildred war älter als Alice – hatten sie gemeinsam die Schule besucht und seit ihrer Jugend aneinandergehangen. Nach Alices Heirat waren sie sogar Nachbarn geworden. Nichts natürlicher für Mildred, als Fragen zu stellen. Man konnte es ihr wirklich nicht verübeln.

Die große Halle war leer. Myra durchquerte sie und begab sich durch das prachtvolle Eßzimmer mit den dunklen Gemälden, den kostbaren Spiegeln und dem funkelnden Kronleuchter in den kleinen Raum neben das Anrichtezimmer, wo Alice stets ihre Blumen in Vasen zu ordnen gepflegt hatte.

Der graue verchromte Ausguß spiegelte matt das einfallende Licht wider; die Vasen standen reihenweise in Regalen. Myra wählte eine niedrige, zartgrüne Kugelvase für die Maiglöckchen, deren dünne Stengel ungleich lang und lieblos abgerupft waren, als sei es Mildred nur darauf angekommen, so schnell wie möglich einen Strauß zusammenzupflücken.

Myra seufzte. Tante Cornelia wußte nun Bescheid. Der erste Schritt war getan. Jetzt hieß es mit Tim reden. Sie mußte ihm mundgerecht machen, daß es viel besser sein würde, wenn sie sich eine kleine Wohnung suchten, wo sie kochen und seine Sachen in Ordnung halten konnte. Das Leben zu zweit würde ihn kaum mehr kosten, als er jetzt für sich allein brauchte. Tim liebte die Schwester in seiner kauzigen, unberechenbaren Art. Er begriff vielleicht nicht ganz, was sie zu ihrem plötzlichen Entschluß trieb, aber das würde ihn nicht hindern, sich mit dem Wechsel einverstanden zu erklären. Auf jeden Fall wollte Myra sich eine Stellung suchen.

In Gedanken versunken stand sie da. Als sie sich endlich aufraffte, hätte sie nicht sagen können, wie lange sie in dem kleinen Raum vor sich hingeträumt hatte. Als sie schließlich die Vase mit den Maiglöckchen aufnahm und, sich innerlich auf Mildreds unangenehme Fragen und ihre Klatschereien vorbereitend, den Rückweg zur Bibliothek antrat, hatte sich der Besuch bereits verzogen.

Doch Richard war heimgekommen.

Die Hände in die Hosentaschen vergraben, stand er vor dem Kamin und unterhielt sich mit Tante Cornelia. Beide sahen auf, als Myra eintrat.

«Tag, Myra», begrüßte Richard sie.

Er war von mittlerer Größe aber kräftiger Statur und ähnelte äußerlich nicht im geringsten seiner zarten Tante. Aber er hatte ihren offenen Blick und ihre unverblümte, aufrichtige Art, die Dinge beim rechten Namen zu nennen.

«Mildred hat sich schon verabschiedet», erklärte Miß Cornelia. «Sie hätte nur ein paar Minuten Zeit, behauptete sie. Sie ersticke in Arbeit. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was für eine Arbeit das sein soll. Der Armen wäre wohler zumute, wenn sie wirklich Arbeit hätte. Sehr hübsch sehen die Blumen in dieser Vase aus, Myra.»

Zum letztenmal! zum letztenmal! ging es Myra durch den Kopf. Und insgeheim hoffte sie, Tante Cornelia möge entgegen aller Gewohnheit zum Essen unten bleiben und so ihr Alleinsein mit Richard verhindern.

Als sie die Kugelvase auf ein niedriges Tischchen stellte, trat Barton mit einem Tablett ein, auf dem Eis, Gläser, Whisky und Sodawasser standen. Er setzte das Tablett auf dem kleinen Tisch neben dem roten Samtsessel ab. «Sonst noch etwas, Sir?»

«Danke, Barton. Das ist alles.»

«Ich möchte mich jetzt lieber zurückziehen», meinte Miß Cornelia. «Barton –»

Der Butler und Richard verschränkten ihre Arme und boten der alten Dame den improvisierten Sitz an. Auf Myra gestützt, ließ sie sich hineingleiten. «Wenn Tim telephoniert, Myra, dann sag ihm, ich bestehe darauf, daß er herkommt.» Sie lächelte und zwinkerte dem jungen Mädchen verschmitzt zu. «Ich bin in dem Alter, wo ich auf keinen Verehrer verzichten kann.»

«Geht’s so?» fragte Richard, auf das schmale alte Gesicht dicht an seiner Schulter hinunterblickend. «Sitzt du bequem?»

«Wunderbar.» Tante Cornelia winkte Myra zu und ließ sich dann von den beiden Männern, die sich behutsam vorwärtsbewegten, hinaustragen.

Myra ging langsam zu den hohen Balkonfenstern und sah versonnen hinaus. Die glasklare Fernsicht des Frühlingnachmittags wich der Dämmerung.

Vielleicht war es gescheiter, mit Richard gar nicht zu reden. Aber diese Überlegung war müßig. Als Richard gleich darauf zurückkam, verriet seine erste Frage, daß er im Bilde war.

«Was soll das heißen, Myra, daß du uns verlassen willst?»

Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schaute sofort wieder weg. Aber es war seltsam. Auch wenn sie ihn nicht ansah, wenn sie sich zwang, ihre Gedanken auf etwas anderes zu konzentrieren, stand sein Bild lebhaft vor ihren Augen; seine herben männlichen Züge und der Ausdruck ungläubigen Staunens in seinen hellen Augen. Die Kehle zog sich ihr zusammen. Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Hand zum Hals.

«Das kann doch nicht dein Ernst sein», fuhr Richard verhalten fort. «Tante Cornelia braucht dich, Myra. Und dieses Haus ist ihr und dein Heim.»

Das war nicht wahr. Es war Alices Heim. Steif und verkrampft bewegte sich Myra auf den Tisch neben dem roten Samtsessel zu und beschäftigte sich mit dem von Barton gebrachten Tablett.

«Du hast mich sehr herzlich aufgenommen», sagte sie mit flackernder Stimme.

Richard machte eine ungeduldig abweisende Bewegung. «Mein Gott, wie kannst du so reden! Du weißt ganz genau, was es für mich bedeutete, Tante Cornelia und dich hier zu haben. Sie ist wie ein Bannerträger, der der ganzen Division Widerstandskraft verleiht. Und du bist genau so.»

Viel, viel schwerer, als sie es sich vorgestellt hatte, war es! Mit gepreßter Stimme stieß sie hervor: «Ich liebe Tante Cornelia von ganzem Herzen, Richard. Das brauch’ ich dir ja nicht erst zu erzählen.»

«Aber warum denn jetzt um Gottes willen –» Er hielt unvermittelt inne, sah einen Augenblick wie gebannt ins Leere und schickte sich dann an, Whisky einzuschenken. Er drückte ihr ein Glas in die Hand. «Laß uns in Ruhe darüber reden, Myra, ja? Ich kann es nicht fassen, daß – aber setz dich doch bitte.»

Und Myra setzte sich in den roten Sessel, in dem sie so viele vergangene Abende gesessen hatte. Sich mit einer Hand nervös durchs Haar fahrend, ließ Richard sich in seinen Lehnstuhl ihr gegenüber fallen.

«Warum willst du denn weg, Myra? Warum?» fragte er gequält.

Die Wahrheit brannte Myra auf der Zunge. ‚Weil ich vor ein paar Tagen entdeckt habe, daß ich dich liebe, und weil du Alices Mann bist!‘ Aber sie hütete sich, ihr Geheimnis preiszugeben.

«Tante Cornelia geht es in letzter Zeit viel besser», sagte sie statt dessen. «Ich will mit Tim zusammenziehen.»

Richards Gesicht war von der hohen Rückenlehne seines Sessels beschattet, doch selbst in dem ungewissen Licht entging Myra der flüchtige Blick nicht, den Richard ihr zuwarf, bevor er sich wieder dem Feuer zuwandte.

Im Haus – Alices Haus – herrschte Ruhe. Tante Cornelia saß nun vermutlich oben in dem großen, gemütlichen Eckzimmer, das sie schon in ihrer Jugend bewohnt hatte, ein Glas Sherry vor sich und den Radioapparat in Reichweite. Irgendwo in den rückwärts gelegenen Räumen waren die Dienstboten am Werk. Emsig, leise und rücksichtsvoll, von Alice angeleitet und erzogen. Und nicht lange, so würde mit gemessenen Schritten Barton auf der Schwelle erscheinen, sich mit einem Blick auf das Tablett vergewissern, ob neues Eis gebraucht werde, dann die roten Vorhänge zuziehen und frisches Holz auf die knisternde Glut im Kamin legen.

Es wurde Myra weh ums Herz. Wie schnell der Mensch sich doch an seine Umgebung gewöhnte! Ein paar Monate genügten, ein Haus liebzugewinnen. Ein Haus – und einen Mann! Wie begann eigentlich die Liebe? Wie und wann? Überraschte sie einen plötzlich, unversehens, wie eine brausende Flut, die über einem zusammenschlug? Oder war es eher so, als ob viele kleine Quellen hervorsprudelten und miteinander zu einem Fluß verschmolzen, dessen Wucht man nicht mehr widerstehen konnte, wurde man sich über seine gefährliche Kraft endlich klar?

Myra konnte genau sagen, wann sie sich ihrer Liebe zum erstenmal bewußt geworden war. Es war kein spannungsgeladener, dramatischer Augenblick gewesen, im Gegenteil, eher ein nüchterner und in diesem Zusammenhang alberner Moment. Beim Zähneputzen war es gewesen. Sie hatte ihre Zähne mit der Bürste bearbeitet und überlegt, wieso wohl ein sich äußerlich durch nichts von einem andern unterscheidender Tag solch besonderes Gepräge haben konnte. Freude, Glück, lockender Zauber und geheimnisvolle Erregung lagen in der Luft.

So war’s am Weihnachtsmorgen, als ich noch ein Kind war, hatte sie gedacht, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel überfiel sie die Erkenntnis: ich liebe Richard!

Zwischen zwei Bürstenstrichen war sie sich dessen bewußt geworden. Sie hielt in der Bewegung inne, starrte ihr Spiegelbild an und nahm geistesabwesend den Eindruck auf, daß sie mit den von der Dusche her noch hochgesteckten schwarzen Locken, der um die Lippen verschmierten Zahnpaste und dem um die Schultern geschlungenen Badetuch wie die Karikatur einer griechischen Statue wirkte. Sie sah dieses Bild im Spiegel, während sie dachte: es kann nicht wahr sein; es darf nicht wahr sein!

Aber es war nun einmal wahr.

Und wenn es keinen Anfang gegeben hatte, so mußte doch ein Ende sein.

Richard hatte für eine Weile geschwiegen. Nun unterbrach er die Stille. «Du lächelst», stellte er freundlich fest.

‚Ich lächle?‘ dachte Myra. ‚Worüber? Über mich? Lache ich mich aus?‘ «Willst du noch ein Glas?» fragte sie ausweichend.

«Nein, danke. Oder doch, ja.» Er erhob sich, trat neben sie und bereitete sich das Getränk selbst. Wieder herrschte Schweigen, bis er mit dem gefüllten Glas in der Hand zu seinem Sessel zurückging, und, ohne Myra anzusehen, sagte: «Bitte bleib!»

Die Bitte kam unerwartet. Verwirrt und darum ablehnender als sie es meinte, entfuhr es ihr: «Nein, ich kann nicht bleiben.»

«Warum nicht?»

«Ich hab’ es dir schon erklärt. Tim braucht mich, und Tante Cornelia hat mehr für mich getan, als ich ihr jemals vergelten kann.»

Richard zögerte mit der Antwort. «Die Gründe, die du anführst, überzeugen mich nicht», meinte er leise. «Tante Cornelia liebt dich. Sie braucht dich, und ich –», er hielt inne und blickte mit gerunzelten Brauen in sein Glas.

Myra klopfte das Herz bis zum Hals hinauf. Was hatte er sagen wollen? Doch Richard vollendete den begonnenen Satz nicht. «Natürlich will sich Tante Cornelia nicht gegen deinen Entschluß stemmen. Wenn du gern auf eigenen Füßen stehen willst, so wird sie dir niemals Steine in den Weg legen. Das hat sie mir eben selbst versichert.»

«Sie hat alles für mich getan, was sie nur tun konnte, Richard.» Myra lehnte sich beschwörend vor. «Ich weiß es, sie war die Güte selbst, und wenn ich sie jetzt verlasse, dann findest du das. vielleicht undankbar. Aber ich –». Diesmal war sie es, die nicht zu Ende sprach. Was hatte sie sagen wollen? Richard ihren wahren Beweggrund nennen? Es gab Gründe, zumindest einen, über den sie nicht reden konnte.

«Zwischen Tante Cornelia und dir ist das Wort Dankbarkeit nicht am Platz. Sie war zu dir stets wie eine Mutter, aber du warst für sie auch eine abgöttisch geliebte Tochter. Doch wenn du wirklich meinst, Tim braucht dich, dann mußt du selbstverständlich zu ihm ziehen. Wann beabsichtigst du, uns zu verlassen?»

Damit war der kurze Kampf schon vorüber.

Die widersprechendsten Gefühle stritten in Myras Brust. War es voreilig von ihr gewesen, einen solch einschneidenden Entschluß zu fassen? Es war nichts mehr zu ändern. Der Stein war ins Rollen gebracht.

«Morgen, Richard», antwortete sie leise.

«Morgen schon? Warum so Hals über Kopf? Steckt Tim etwa in Schwierigkeiten?»

«Nein, nein, durchaus nicht.»

«Er kam mir bei seinem letzten Besuch so zerfahren vor. Ein bißchen aus dem Gleichgewicht gebracht. Er wird doch keine Sorgen haben, oder doch? Ich meine mit Geld oder …»

«Das glaube ich nicht, Richard. Er hätte mir bestimmt sein Herz ausgeschüttet, wenn etwas nicht im Lot mit ihm wäre.» Myra überlegte einen Augenblick. Sie hatte über ihren eigenen Problemen ganz den Bruder vergessen, dem man schließlich behilflich sein mußte, sich im Zivilleben wieder zurechtzufinden Tim hatte, als er das letzte Wochenende bei ihnen verbrachte, einen unruhigen Eindruck gemacht. Seit er aus China zurückgekehrt war, schien er nicht mehr der alte zu sein. «Es wird nichts auf sich haben», meinte sie nachdenklich. «Tante Cornelia fand ihn irgendwie verbittert. Aber ich glaube nicht, daß etwas Ernstes dahintersteckt. Mir hätte er sich bestimmt anvertraut. Es werden die Nachwehen des überstandenen Krieges sein. Seine Stellung befriedigt ihn sehr. Er bemüht sich, dir alle Ehre zu machen, weil du sie ihm verschafft hast.»

«Um Tim braucht man sich keine Sorgen zu machen, Myra. Der geht seinen Weg. Tim ist aus gutem Holz geschnitzt.»

Sie warf Richard einen dankbaren Blick zu und sah, wie der zuversichtliche Ausdruck seines Gesichtes unter einem bekümmerten Schatten verschwand. Natürlich, der Name Tims hatte eine Erinnerung in ihm ausgelöst. Während Tims letztem Urlaub, bevor er in den Fernen Osten abkommandiert wurde, war es geschehen. Timothy Lane war Zeuge des Vorfalls gewesen.

Um Richard von den bedrückenden Erinnerungen abzulenken, sagte sie hastig: «Ich bin ja nicht aus der Welt. In dreiundvierzig Minuten kann man von New York hier sein. Wenn du mich brauchst …» Sie hielt erschrocken inne. Ihre eigene Auslegung der Bemerkung war ihr peinlich. Hastig verbesserte sie sich: «Wenn ihr mich braucht, bin ich doch innerhalb einer Stunde da. Ich werde sowieso oft kommen, um Tante Cornelia zu besuchen.»

«Mich doch hoffentlich auch», bemerkte Richard.

Myra antwortete nicht. Wieder senkte sich Schweigen über den Raum. Die beiden Menschen hingen ihren Gedanken nach.

«Ist es das Haus, Myra, das dich vertreibt? Ist es – dieses Zimmer? fragte Richard endlich.

Myra hatte gerade an Alice gedacht. Nun richtete sie sich erschrocken auf. «Nein, Richard, das ist es nicht, wirklich nicht.»

«Tante Cornelia und du, ihr seid schon so lange hier, daß ich nie in Erwägung zog, es könne euch etwas ausmachen. Obwohl – es wäre ja verständlich, daß sich jemand nie mehr darüber wegsetzen kann.»

Unwillkürlich schweiften beider Blicke zu dem kleinen Kupido aus Capo di Monte-Porzellan. Was hatte der Kupido gesehen? Was wußte er? Was verschwieg er? Und was war wohl damals an seine Ohren gedrungen? Denn auch darüber breitete sich undurchdringliches Dunkel. Niemals war nur das geringste davon herausgefunden worden.

Nie, in keinem der vergangenen Monate, hatte Richard dieses Thema ihr gegenüber angeschlagen.

«Das Haus ist prachtvoll und dieses Zimmer auch», versicherte Myra nachdrücklich.

Wieder war ihr, als werfe Richard ihr im Schutz des Zwielichts einen verstohlenen Blick zu. Die zarten Schleier der Aprildämmerung verschwammen im Raum. Richards Gestalt hob sich in scharfen Umrissen vom flackernden Schimmer des Kaminfeuers ab. «Ich liebe das Haus», gestand er mit verhaltener Stimme. «Von klein auf wußte ich, daß es einst mir gehören würde. Ich hatte ja keinen Bruder. Und wie ich dazu erzogen wurde, die Verantwortung im Geschäft zu übernehmen, so wurde ich auch dazu erzogen, eines Tages die Verantwortung für dieses Haus zu übernehmen. Es ist ein wenig weitläufig, das stimmt. In der heutigen Zeit würde es keinem Menschen einfallen, ein solch riesiges Haus zu bauen, aber wenn ich bedenke, aus welcher Epoche es stammt, so bin ich noch zufrieden. Es hätte schlimmer sein können, viel schlimmer. Aber ganz gleich, ob es praktisch ist oder nicht, ob es moderner sein könnte, als es ist, es ist mein Heim. Das ist ausschlaggebend.»

Er nahm nachdenklich sein Glas auf und trank langsam, bevor er fortfuhr. «Meine Urgroßeltern haben hier schon gelebt. Über diese Treppe dort kam vor fünfzig Jahren Tante Cornelia an ihrem Hochzeitstag. Sie trug das Brautkleid ihrer Mutter. Ein Traum aus weißer Seide mit zartrosa Stickerei. Mein Vater muß damals ungefähr zehn Jahre gewesen sein. Er war gerade vom Internat auf Urlaub zu Hause. Der viele Wein, die festliche Stimmung und der Trubel im Haus hatten ihm ein bißchen den Kopf verdreht. Er hat mir oft geschildert, mit welcher Bewunderung er Cornelia anhimmelte, weil sie mit ihrem Mann und ihrem neuen Titel so weit fortgehen sollte. Als mein Vater das nächstemal den Urlaub daheim verbrachte, lernte er meine Mutter kennen. Es war Weihnachten; draußen schneite es, und sie kam, angetan mit einer weißen Pelzkappe, zur Türe herein. Die Wintersterne hätten in ihren Augen geglitzert, erzählte er mir.» Wieder schwieg Richard einen Augenblick. «Er war ein feiner Mann, mein Vater. Auf seine Art nicht sehr zugänglich, auch kein Mann vieler Worte, schnell von Entschluß und eisern, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Äußerlich manchmal etwas abweisend, doch innerlich zuverlässig und gutherzig. Großzügig, aber eigensinnig.»

«Wie du», warf Myra lächelnd ein.