Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Das Schweigen der Schweine E-Book

Alexa Rudolph

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E-Book-Beschreibung Das Schweigen der Schweine - Alexa Rudolph

Auf einem Bauernhof im Schwarzwald ereignet sich Besorgniserregendes: Ein Kind wird entführt, einem Schaf fehlt der Kopf, ein Hühnerfuß liegt in der Wäsche und die Bäuerin schließlich tot im Stall. Kommissar Poensgen, der seit einer Hooligan-Attacke im Rollstuhl sitzt, und seine Assistentin Lissy stoßen auf mysteriöse Rituale, liebenswürdige Badener und mehr kriminelle Energie, als sie es sich je hätten träumen lassen. Ein Krimi, wie er schwärzer nicht sein könnte: frech, skurril und ziemlich böse.

Meinungen über das E-Book Das Schweigen der Schweine - Alexa Rudolph

E-Book-Leseprobe Das Schweigen der Schweine - Alexa Rudolph

Alexa Rudolph, geboren und aufgewachsen am Fuße des wildromantischen Wehratals im Schwarzwald, war zwanzig Jahre als freischaffende Malerin tätig. Seit 2006 schreibt und publiziert sie. Sie hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Mann in Freiburg.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/kemai Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Christine Derrer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-138-3 Schwarzwald Krimi Originalausgabe

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Und wenn de amme

Chrützweg stohsch,

und nümme weisch,

wo’s ane goht,

halt still, und frog

di Gwisse z’erst,

’s cha dütsch, Gottlob,

und folg si’m Roth.

Johann Peter Hebel

Prolog

Sie nahm den rückwärtigen Eingang ins Schweinegehege. Die Schweine gerieten in helle Aufregung, als sie Erna hörten. Fünf riesengroße, feiste Säue drängten sich gegenseitig fort, und im Nu war Krieg im Stall. Sie trampelten und fielen übereinander her, grunzten und quiekten, bissen sich in Ohren und Schwänze, stürzten und rollten, immer in der Absicht, die erste Sau am Fresstrog zu sein. Ihre fleischigen, sabbernden Rüssel arbeiteten wie Staubsauger und putzten selbst das winzigste Krümelchen aus der Futterrinne weg, als wollten sie Erna zeigen, dass wirklich nichts mehr da war. Ihre Knopfaugen blitzten trotz Dunkelheit silbergrau und himmelblau, waren umkränzt von farblosen Borsten; sie sahen schrecklich menschlich aus.

Erna wusste, dass etwas passiert war, was jede Dimension ihres Denkens und Fühlens sprengen würde. Sie hatte eine Ahnung und Furcht gehabt, hatte sich wappnen wollen

Ein Montagmorgen im November

»Was isch los, jetz schwätz halt!« Erna holte Luft und stemmte die Arme in ihre rundlichen Hüften. »Verdorinonemool, Ketterer Lutz, wenn’s dumm lauft, git’s Schnee; i schmeck en schon in de Luft, un wenn selle erscht emool liege blibt, isch es z spoot! Weisch jo no, wie s im letschte Johr gloffen isch! D Schiilangläufer, selli Dubel, usgerechnet über unseri Matte hän si welle. Uf de ändere Site vom Berg isch d Loipe gschpurt gsi, aber nai, natürlig bi uns häts duregoh müeße. Du, i sag s der: Nimm endlig selle Wiidezaun ewäg, suscht blibt der dört no ein im Droht dinne hänge. Un wer isch däno schuld, wer? Immer de Buur, wo sini Matte nit ufgruumt hät!«

Lutz hörte sie schimpfen, während ihm so früh am Morgen noch kein Satz über die Lippen wollte, zumal ihm klar war, dass sie recht hatte. Aber musste sie so einen Aufstand machen? Die Kühe standen seit drei Wochen im Stall, und er hatte die Elektrozäune bis jetzt nicht versorgt, sie steckten noch im Feld. Na und? Andere Arbeiten waren eben dringender, er konnte schließlich nicht überall sein. Außerdem, der große Schnee fiel von Jahr zu Jahr später, im letzten Winter war es im Januar gewesen.

Er kippte einen Schluck warme Milch in seinen Kaffee und warf drei Stück Würfelzucker dazu, dass es spritzte. Sie schob ihm das Brot rüber. Ihre versöhnliche Geste kam an, er verzog die Lippen zu einem Lächeln.

Nach dem Frühstück koppelte er den Anhänger an die Zugmaschine und stieg aufs hochrädrige Gefährt. Er startete den Motor des Traktors und rumpelte los. Kerzengerade saß er auf seinem Thron, den Feldweg und die Wiesen im Blick, ebenso das Ackerland rechts und links, das zum Kettererhof gehörte. Er zog die gefütterte Ohrenmütze tiefer und den Reißverschluss seines Anoraks höher.

Erna stand am Stubenfenster hinter der Gardine und sah ihm nach, bis nur noch das nackte, farblose Sträßchen dalag.

Sie seufzte, rieb sich die Augen und straffte ihren Rücken. Knapp eins sechzig maß sie nur, aber das machte nichts, ihr Lutz glich das aus, so riesig wie der war.

Herrje, der Morgen war denkbar kurz, sie musste Wäsche waschen, Schweine, Hühner und Hasen füttern, Mittagessen kochen und Enkelkind Leni versorgen.

Igor, der neu eingestellte Landwirtschaftshelfer auf dem Kettererhof, fuhr derweil mit dem Bus von Breitnau hinunter nach Freiburg in die Notaufnahme der Uniklinik. Er hatte in der Nacht zuvor bei der Geburt eines Kälbchens geholfen und war so unglücklich zwischen Wand und Muttertier geraten, dass ihm beim Hochkommen die Hex’ ins Kreuz gefahren war.

Unter Ernas Füßen vibrierte der Fliesenboden, sogar der Riegel der Badezimmertür klapperte. Der in die Jahre gekommene Waschvollautomat rotierte jetzt im Schleuderprogramm. Bemüht, mittels Zentrifugalkraft das Wasser aus der Wäsche zu schlagen, geriet der Lavamat auf seinen vier Schraubfüßchen in Schwingungen, sodass die Maschine zu tanzen begann. Es gab Tage, da grenzte es an ein Wunder, dass sie nicht umkippte, vor allem, wenn sie deutlich mehr Wäsche als das vorgeschriebene Ladegewicht bewältigen musste. Erna stopfte rein, was reinging.

»Oma, die Waschmaschin’ rennt fort«, rief Leni. Sie hockte unterm Waschbecken versteckt und hatte sich eines der dunkelgrauen Frotteehandtücher vors Gesicht gezogen.

Erna umklammerte die Maschine und schob sie mit Hüfte und Armen zurück an ihren Platz. Allmählich trudelte die Trommel aus, schnaufte ein letztes Mal, schüttelte den Wäscheklumpen kurz und zackig hin und her und hielt abrupt inne. Der Fußboden beruhigte sich, und auch das Türschloss schwieg. Das Kind lachte erleichtert auf, kauerte jedoch weiter unter dem Waschbecken. Es würde sich erst herauswagen, wenn Erna das Bullauge geöffnet hatte, um Stück für Stück die nach Weichspüler duftende Nasswäsche aus dem Bauch der Maschine zu zerren.

Erna hatte auch das warme, karierte Oberhemd in die Wäsche getan, das Lutz nur sonntags trug. Schon Leni wusste, in den Stall durfte Opa Lutz kein geknöpftes Hemd mit Kragen anziehen, nur die ausgeblichenen Baumwollhemden und die grauen Overalls aus dem Raiffeisenlagerhaus, darüber die dunkelblaue, derbe Leinenjacke. Igor kam Tag für Tag in seinem lustigen, bunten Strickpullover daher, der unter seinem grauen Arbeitskittel hervorlugte, an dem der oberste Knopf fehlte.

Als Erna die Waschmaschine geöffnet hatte, krabbelte Leni wie ein Hündchen auf allen vieren aus ihrem Schlupfwinkel.

In der Trommel steckten die extra warmen Unterwäscheteile, gefütterte Sweatshirts, Thermohosen, aufgeraute Schlafanzüge und dicke, lange Socken. Wäschetrennung gab es bei Erna nicht, das hielt nur unnötig auf. Rasch schob sie den Wäschekorb vor die Maschine und versuchte, das erste nasse Stück herauszuziehen. Leni drängelte, jauchzte und streckte sich, um zu helfen. Der verdrehte Ärmel einer Arbeitsjacke fiel ihnen entgegen, und Knöpfe und Kragen kamen zum Vorschein. Noch klemmten der zweite Ärmel und das mit der übrigen Wäsche verknotete Rückenteil in der Waschtrommel fest und blockierten die Öffnung. Erna und Leni zogen mit aller Kraft am feuchten Stoffbatzen, bis er endlich in die Kunststoffschüssel plumpste. Er fühlte sich lauwarm an, roch angenehm und war tiefblau. Etwas Hartes, Fremdes steckte darin. Ein Knöchelchen mit drei dürren Krallen hatte sich in den Falten verheddert. Das Gebilde war bleich, knorpelig und von schrumpeliger Haut überzogen.

Leni blickte fragend zu Erna hoch, die erschrocken zurückgewichen war, dann aber beherzt zugriff. Erna geriet ins Grübeln. Erst vorige Woche hatte sie einige Hühner geschlachtet und die Füße, die nicht gekocht wurden, auf den Misthaufen geworfen. Wieso steckte jetzt eine der Krallen in der Arbeitsjacke?

Erna Ketterer, sechsundfünfzig Jahre alt, war bei Weitem noch keine müde, verbrauchte Frau, obwohl sie immer anpacken musste und sich nie schonte. Energischer und entschlossener als ihre dreißigjährige Schwiegertochter Nadja aus der Stadt war sie allemal. Darum war sie es auch, die Leni fünf Tage die Woche hütete, weil die Kleine nicht in den Kindergarten wollte. Außerdem wuchs in Mamas Bauch ein Geschwisterchen. Auf dem Kettererhof, der mit fünfundvierzig Milchkühen, fünf Schweinen, nicht gezählten Hühnern und Hasen, zwölf Hektar Wald, fünfunddreißig Hektar Weideland und acht Hektar Ackerland genügend Arbeit für alle bereithielt, kam es auf eine Aufgabe mehr oder weniger auch nicht mehr an. Leni war kaum anstrengender als eines der wilden Katzenkinder, die zwischen Silo, Stall und Wohntrakt herumflitzten und, wenn sie sich zu weit vom Hof entfernten, schon mal von einem Fuchs gefressen wurden.

Erna legte die Kralle in der Seifenmulde des Waschbeckens ab. Dann schob sie Leni aus dem Badezimmer und sagte so ruhig, als fände sie jeden Tag einen Hühnerfuß in der Waschmaschine: »Geh, spiel ä bizzele.«

Leni verzog den Mund, rannte schluchzend in die Küche, wo das Puppenhaus auf der Eckbank stand und der Tisch davor schon mit tiefen Tellern für das Mittagessen gedeckt war. Auf dem Herd blubberte eine Fleischbrühe im Topf. Heißer Dampf quoll heraus und ließ den Deckel hüpfen. Blonde Löckchen klebten Leni auf der Stirn, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Mit beiden Händchen drückte sie sich ihren Plüschhund an die Brust und flüsterte ihm ins Ohr: »Du, Wauwi, die Oma hat in der Waschmaschin’ ein Hühnerfüßle g’funden, in dem Opa seiner Jack’.« Noch immer ein wenig schluchzend fuhr sie sich mit den Schlappohren des Hundes über die Backen und durch den hellgrünen Rotz, der unter ihrer Nase klebte.

Erna verriegelte die Badezimmertür. Sie setzte die Brille auf, die sie sonst nur zum Sockenstricken aus dem Etui nahm. Sie knipste das Licht im Spiegelschrank an und beugte sich über die Seifenablage, ging mit der Nase und den Augengläsern ganz nah heran, um sich die Kralle anzuschauen. Sie zog die Stirn kraus, riss Klopapier von der Rolle und wickelte den Hühnerfuß darin ein. Im Schränkchen fand sie ein hohes Wasserglas mit drei struppigen Zahnbürsten, die sie direkt im Mülleimer unter dem Waschbecken entsorgte. Sie drückte das Päckchen ins Glas und stellte es zurück. Wie zufällig strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr und betrachtete sich im Spiegel. Ihre blaugrauen Augen erinnerten sie an ihre Mutter. Nur ihr Mund gefiel ihr nicht. Mit den Fingerkuppen rubbelte sie ihre Lippen rot und zog eine Grimasse.

Nachdem Erna den Wäscheständer auseinandergeklappt hatte, machte sie sich daran, die einzelnen Teile aufzuhängen, befestigte sie mit Holzklammern an den Kunststoffstäben. Anschließend öffnete sie das Fenster. Ein Streifen Sonnenlicht ließ die Hofeinfahrt gleich heller und wärmer ausschauen. Kurz entschlossen schleppte Erna den Ständer vors Haus. Wenn die Sachen auch nicht trocknen würden, die frische Luft konnte nicht schaden. Sie blinzelte in die Helligkeit. Es würde nicht mehr lange dauern, bis Lutz nach Hause käme, und sicher würde er mal wieder einen mordsmäßigen Hunger mitbringen. Lutz war pünktlicher als jeder Glockenschlag dieser Welt.

In der Küche spielte Leni mit dem Puppenhaus, sie war wortkarg und warf zornig die bunt bemalten Möbelchen in die Gegend, dann hob sie sie wieder auf, um sie erneut herumzupfeffern.

Im Flur klingelte das Telefon. Igor gab Bescheid, dass er seit Stunden in der Ambulanz der Orthopädie wartete und dass er heute Nacht, wenn es die Chefin erlaube, bei seinem Bruder in Freiburg bleiben wolle.

»In Ordnung«, brummte Erna ins Telefon. Sie wollte schon wieder auflegen, da fiel ihr doch noch etwas ein: »Igor, bring bitte vom Münstermarkt frische Rindsbratwürste mit. Du weißt, welche, nur die vom Meier.«

Igor nannte sie Chefin. Erna hatte sich daran gewöhnt, auch wenn sie sich unter einer Chefin eine andere Person vorstellte, als sie es war. Aber da war auch die Sache mit ihrer Schwiegertochter, der vor Mist und Viehwirtschaft graute, die immer modisch angezogen war und zur Kosmetikerin ging. Wenn Nadja vorbeikam, um Leni abzuholen oder zu bringen, gefiel es Erna, dass Igor sie mit Chefin anredete. Auch wenn er dabei ein wenig grinste und sie sich einen Moment für ihre ausgebeulte Hose und den billigen Pullover schämte.

Desaster

Auf dem mit Schindeln gedeckten Walmdach des Schwarzwälder Eindachhofs, der quer zum Hang stand und eine Rampe mit Hocheinfahrt und »Ifahrhüsli« hatte, lag ein Hauch Eisschnee. Bis sich um die Mittagszeit die Sonne zeigte, wenn sie überhaupt hervorkam, füllte Nebel die Talsenken und verschluckte das anthrazitfarbene Band der Bundesstraße. Nur die Wipfel der Nadelbäume blieben verschont.

Für den Ketterer Lutz, der nie etwas anderes hatte sein wollen als Bauer, standen jetzt, wie immer um diese Jahreszeit, Wald- und Hofarbeiten auf dem Programm. Tagelang fällte er Bäume, die er verkaufen wollte, sägte und hackte Brennholz oder besserte den schmalen Weg aus, in dem sich Wannen gebildet hatten. War die Waldarbeit geschafft, durfte er auf dem tausend Quadratmeter großen Dach herumklettern, zerdepperte Schindeln ersetzen, anschließend die Milchkammer weißeln, das Tor vom alten Kuhstall ausbessern sowie den Maschendraht, der das Hühnerhaus umzäunte, reparieren.

Nach dem Nachtmahl, wenn es draußen längst still war, die Tiere im Stall versorgt, Erna vor dem Fernsehgerät saß und Sendungen wie »Shopping Queen« oder »Wer wird Millionär?« anschaute, manchmal auch flickte oder bügelte, dann zurrte er im Holzschuppen Reisigbündel zusammen und stapelte sie ordentlich. Einigermaßen unbeholfen konnte er dabei eine Melodie pfeifen, die ihm in Erinnerung geblieben war, von der er aber nicht wusste, woher und wieso. Das Pfeifen tat gut, es machte den Kopf frei. Wenn die Töne versiegten, das Liedchen leiser und hilfloser wurde, fielen ihm prompt weitere Arbeiten ein, die unbedingt noch zu erledigen waren. Zum Beispiel, dass die Räucherkammer noch nicht vorbereitet war, um den neuen Würsten, Schinken, Schäufele und Kinnbäckle Platz zu bieten. Der nächste Schlachttag war längst abgemachte Sache.

Die Haustür knallte zu. Lutz war zurück. Wortlos stapfte er in die Küche.

»Igor bleibt in der Stadt, er hat es allzu arg im Rücken«, rief Erna etwas atemlos.

Lutz nickte.

Während des Mittagessens wurde wenig gesprochen. Nur kurz erzählte Erna, dass sie die Betten frisch bezogen und unters Leintuch die gereinigten Lammfelle gelegt hatte.

Lutz blickte auf, wischte sich mit dem Handrücken über das Kinn. Er löffelte drei Teller Suppe mit viel Fleisch, Nudeln, einem Haufen Lauchgemüse, Sellerie und Möhren. Leni weigerte sich zu essen, erst als Erna ihr ein Honigbrot schmierte, strahlte sie.

Nach dem Essen kochte Erna Kaffee, stellte einen Krug lauwarme Milch auf den Tisch und schnitt die erste Linzertorte an. Schon vor zwei Wochen hatte Erna den Wintervorrat, das waren zwölf Kuchen, fertig gebacken. Jetzt ruhte das duftende Gebäck, eingewickelt in Alufolie, auf einem alten Schrank in der Vorratskammer und wurde mit jedem Tag besser im Geschmack.

Lutz knurrte anerkennend, als er das zweite Stück verdrückte.

Kurz darauf brachte Erna Leni, wie jeden Tag um diese Zeit, in eine Stube hinter der Vorratskammer, wo ein blaues Reisebettchen zwischen einem ausgedienten Computer und einigen Kunststoffkästen mit Geranien, die hier überwinterten, stand.

Es gab Tage, da wehrte sich Leni und wollte keinen Mittagsschlaf halten. »Ich bin doch kein Baby mehr«, sagte sie dann. Heute war sie folgsam und schlüpfte unter die Decke, ihr Händchen legte sich auf Ernas Arm. »War’s recht, Oma, dass i dem Opa nix vom Füßle erzählt hab?«

Erna fuhr ihr über das Haar. »Recht so. Und dem Papa und der Mama erzählst bitte auch nix, gell?«

Leni nickte heftig. »Ist unser Geheimnis.«

»Genau. Und wenn du ausgeschlafen hast, dann gehen wir zum Friseur und von dort aus zum Wehrlehof zu den Schafen vom alten Franzenbauern. Einverstanden?«

Doch Leni schlief bereits, atmete leicht und gleichmäßig.

Erna räumte die Küche auf, steckte Teller und Besteck in die Geschirrspülmaschine. Danach ging sie ins Badezimmer zur Toilette. Die Seife, mit der sie sich anschließend die Hände wusch, war so klein wie ein Zwei-Euro-Stück. Sie schaute nach, ob das Glas mitsamt Inhalt noch im Spiegelschrank stand. Ohne Eile nahm sie einen Lappen und wischte den Spiegel blank. Es gab nichts, was sie noch hätte aufräumen können. Sie fuhr mit dem Kamm durch ihr kurz geschnittenes, neuerdings braun gefärbtes Haar. Sie verließ das Badezimmer und vergewisserte sich, dass die Haustür verriegelt war, weil das Schloss manchmal von allein wieder aufsprang. Schließlich stieg sie die schmale Stiege mit den ausgetretenen Holztritten in das obere Stockwerk hoch.

Die Schwarzwälder Schilduhr von Lutzens Urgroßeltern hing seit über hundert Jahren im Treppenhaus, das Uhrwerk tickte vernehmlich. Dreizehn Uhr. Erna drückte den kalten Eisengriff zur Schlafstube herunter. Lutz lag im Bett, und sie wusste, dass er unter dem Federbett, in das er sich fest eingerollt hatte, splitterfasernackt war.

Lutz, seit dreiunddreißig Jahren ihr Mann und Vater ihrer Söhne, dieser groß gewachsene Kerl mit den breiten, kantigen Schultern, war etwas jünger als sie. Kraftstrotzend und schlank hatte er sich einen Körper bewahrt, den sie still bewunderte. Eigentlich sah man Lutz nicht an, dass er noch nie etwas anderes als Landwirt gewesen war. Modegerechter gekleidet hätte er durchaus auch in einem anderen Job Chancen gehabt. Fußballtrainer zum Beispiel oder Sportmoderator im Fernsehen. Vielleicht auch Direktor einer Käsefabrik.

Erna liebäugelte manchmal mit dieser Vorstellung, wusste aber genau, dass Lutz von ihren romantischen Spinnereien absolut nichts hielt.

Während bei ihr Busen und Bauch allmählich erschlafften und ihr Hinterteil schon immer zu breit gewesen war, ließ Lutz seine Muskeln spielen. Auch seine Haut war straff und gut durchblutet, sogar da, wo sich sein goldblondes Schamhaar kräuselte, war alles in Ordnung.

Sie zog die Vorhänge zu, entkleidete sich und legte sich neben ihren Mann.

Es verging eine Stunde, bis Lutz und Erna aufstanden und sich wieder anzogen. Die Prozedur verlief so rasch und wortlos wie jeden Tag. Lutz stieg in seine Thermo-Jeans und nahm den Daunenanorak vom Haken. Mit energischem Schritt verließ er die Schlafstube, bevor er die Holztreppe abwärts polterte.

Gleich würde er sich mit dem Metzger Waldvogel im Wagensteigtal im Gasthaus Hirschen treffen und über den Ablauf des Schlachttags reden. Willi Waldvogel sollte Auskunft geben, ob er am Wochenende vorbeikommen könnte und ob eventuell auch der Viehdoktor Zeit hätte– ein allerletztes Mal. Im Januar würden die vier anderen schlachtreifen Schweine nach Neustadt zur Großmetzgerei gebracht werden. Bei sich auf dem Hof wollten Lutz und Erna nicht mehr schlachten, sie hatten beschlossen, die Schweinehaltung generell abzuschaffen. Auch darüber musste Lutz mit dem Mann reden, schließlich war man sich ein Leben lang treu verbunden gewesen und mit der Qualität der Würste stets hochzufrieden. Willis altes Hausrezept, das war schon saumäßig gut gewesen.

Lutz schloss die Haustür auf, trat einen Schritt hinaus und stutzte. Er blickte zurück in den Flur, wo Erna, die ihm wie immer etwas später gefolgt war, darauf wartete, dass er ging. Sie nestelte an sich herum, ihre Haare waren zerzaust und die Wangen gerötet.

Er zeigte auf den Wäscheständer und rief: »Erna, schau dir das an.« Das Lächeln, das seinen Mund für einen hauchdünnen Moment umspielt hatte, war nicht mehr.

Das Klappgestell lag auf dem Boden, war in sich zusammengefallen, und sämtliche Kleidungsstücke waren fort. Lediglich die Wäscheklammern steckten noch auf den Stäben. Die Holzdinger sahen aus wie faule Zähne.

Fassungslos starrte Erna auf das Desaster und schlug die Hände vor den Mund.

Lutz zuckte die Schultern, meinte, dass er jetzt keine Zeit mehr habe und unbedingt losmüsse, sonst sei nicht nur die Wäsche, sondern auch der Metzger fort. Noch während er redete, lief er zum Fahrzeugschuppen, stülpte unterwegs den Motorradhelm über, stemmte das Tor hoch und schob seine Honda CB500 heraus. Bevor er startete, rief er ihr zu, sie brauche hinter ihm nicht abzuschließen, er käme in spätestens zwei Stunden zurück.

Laut schimpfend hob Erna den Wäscheständer auf, klappte ihn zusammen und trug ihn ins Badezimmer. Sie nahm sich vor, den Diebstahl umgehend im Rathaus zu melden. Auf dem Weg zum Telefon hörte sie Leni rufen. Sie eilte zu dem verschlafenen und heulenden Kind, das im Bettchen stand. Schnell nahm sie Leni auf den Arm und beruhigte sie.

Doch Leni lachte bereits wieder. »Oma?«, fragte sie zuckersüß. »Oma, gehen wir jetzt gleich zu den Schafen?«

Grüß Gott, ihr Hübschen

Leni wünschte unbedingt ihren neuen Tretroller und mindestens zwei Puppen mitzunehmen, also dauerte der Weg vom Hinterdorf ins Dorf, der eigentlich in zehn bis fünfzehn Minuten zu schaffen war, dreimal so lang.

Erna spürte, dass sie heute ungeduldiger war als sonst. Leni würde das Rollern schon lernen, so dumm stellte sie sich doch gar nicht an, versuchte sie sich zu beruhigen; genau in diesem Moment stürzte Leni und schrie wie am Spieß. Mit dem heulenden Enkelkind, den Puppen auf dem Arm und dem Roller in der Hand, stand Erna kurz darauf vor dem Friseurladen und überlegte, ob es überhaupt sinnvoll war, der völlig aufgelösten Leni die Haare schneiden zu lassen. Ein Drama lag förmlich in der Luft.

Unschlüssig ging sie hinein.

Frau Schmiedle, auf bleistiftdünnen Absätzen, hatte den pink angestrichenen Mini-Salon gleich neben ihrem Wohnzimmer eingerichtet. »Grüß Gott, ihr Hübschen«, rief sie erfreut.

Leni mochte Frau Schmiedle, die mit Vornamen Hannelore hieß, nicht anschauen, und »Grüß Gott« mochte sie schon gar nicht sagen. Also ließ Erna sie zwischen den drei Drehstühlen und dem fahrbaren Waschbecken herumlaufen und setzte sich neben Frau Schmiedle, die eine rosafarbene Kittelschürze trug, auf eine zierliche Polsterbank.

»Trinken wir doch erst mal einen Kaffee zusammen«, sagte Frau Schmiedle und füllte rasch zwei Tassen aus einer Warmhaltekanne.

Erna konnte nicht mehr ablehnen.

»Milch und Zucker?«

»Ja, bitte, danke.«

»Wie geht’s auf dem Kettererhof, alle gesund?«

Erna rührte in ihrer Tasse. Frau Schmiedle roch nach Haarspray und hatte die Fingernägel in dem neuen Nagelstudio in Hinterzarten machen lassen. Allerdings war ein Nagel abgebrochen. Erna sah auf den Finger und musste an die Hühnerkralle zu Hause im Spiegelschrank denken. Erst als Frau Schmiedle freundlich fragte: »He, Erna, bisch lädschig?«, war sie mit ihren Gedanken wieder bei der Sache.

Sie schüttelte den Kopf und sagte rasch: »Alles in Ordnung. Musste nur gerade daran denken, dass der Lutz am Wochenende schlachten will. Ich bin froh, wenn das Theater aufhört. Das schwere Geschirr ausräumen, später abspülen und dann alles wieder zurück in die Schränke. Und die Kocherei erst, das kostet viel Zeit und Kraft. Obwohl, man hat halt die eigene Wurst, das ist schon was wert, wenn man weiß, was drin ist. Bei uns ist immer geschlachtet worden. Aber jetzt, wo wir modernisiert haben, ist auch das anders.«

Frau Schmiedle wollte Kaffee nachschenken, doch Erna winkte ab. »Wenn die Sonne weg ist, wird’s mir mit dem Kind zu kalt, wir wollen auch noch zum alten Franz, hab’s der Kleinen versprochen.«

Also stellte Frau Schmiedle die Tassen ineinander und klackerte geschäftig zum Waschbecken, in dem sie normalerweise ihren Kundinnen die Haare wusch. Mit der Brause die Tassen ausspülend, plapperte sie drauflos: »Herrje, Erna, für eure Kühe habt ihr ja jetzt einen feudalen Laufstall, und erst die automatische Melkanlage, so eine teure Anschaffung aber auch. Siebzigtausend Euro soll so was kosten, hab ich neulich gehört. Und jetzt wird’s Kraftfutter vom Computer berechnet, und andere verrückte Sachen sollen diese supermodernen Maschinen auch können. Gell, Erna, euer spektakulärer Stallanbau hat gewiss auch sein Sümmchen gekostet? Dein Lutz ist doch schließlich nicht mehr der Jüngste, habt ihr euch überlegt, ob sich das alles überhaupt rentiert?«

Erna zog an Lenis Ärmchen, die losheulte, weil sie ihrer Puppe unbedingt weiter Lockenwickel eindrehen wollte und keineswegs beabsichtigte, den Salon schon zu verlassen.

Etwas genervt erzählte Erna, dass die vollautomatische Melkanlage den Lutz endlich unabhängiger machen würde, außerdem sei der Milchertrag deutlich gestiegen. Lutz habe vor, noch einige Kühe zu kaufen und mehr Weideland zu pachten. Das habe er zusammen mit dem Berater von der Schwarzwaldmilch GmbH durchgerechnet. Dann packte sie die widerspenstige Leni so heftig, dass diese abrupt verstummte.

»Du, wir kommen gern ein andermal wieder, wir müssen jetzt vorwärtsmachen«, rief sie.

Frau Schmiedle trocknete die Tassen ab. »Zum Franz wollt ihr?«

Erna seufzte. »Hab’s versprochen. Was man verspricht, muss man halten.«

»Na, dann. Viel Vergnügen. Der Alte hat Ärger am Hals.«

»Wieso?«

»Dem ist ein Schaf gestohlen worden, ein schönes Tier, überall weiß, nur am Kopf braun.«

Das Glöckchen der Eingangstür bimmelte. Eine Kundin kam herein, sah aus wie eine, die im Schwarzwald Ferien machte. Die Frau stopfte ihre Nordic-Walking-Stöcke in den Schirmständer.

Erna war schon halbwegs vor der Tür, da hörte sie, wie Hannelore Schmiedle der Frau einen Kaffee anbot.

Leni zupfte Erna am Hosenbein. »Oma, warum hat die Frau rote Haare wie Pippi Langstrumpf?«

Schweine haben sensible Ohren

Der Franzenbauer lebte schon viele Jahre als Witwer. Der alte Mann stand, wie meistens um diese Uhrzeit, in Gummistiefeln und speckiger Arbeitskappe mitten auf dem Platz vor seinem Hof.

Er sah Erna und Leni näher kommen. Sie waren noch etwa fünfzig Meter von ihm entfernt, er hatte also Zeit genug, die beiden Krähen, die auf dem Dach hockten, zu beobachten und mit schnalzenden Lauten anzulocken. Wie er seinen Hals so aus dem Kragen reckte und das Gesicht ins Licht hielt, hätte jedermann erkennen können, dass da einer stand, der im Greisenalter war, dass er aber in Kürze die neunzig vollmachen würde, also das sah man nicht. So blitzend und aufmerksam waren seine Augen, dass ihnen beinahe nichts entging. Und nachdem er sich im vergangenen Jahr die Zähne hatte richten lassen, weil er endlich mal wieder herzhaft in ein Stück Fleisch hatte beißen wollen, hatte auch sein boshaftes Maul wieder eine ansehnliche Form bekommen, war nicht nur ein dunkles, stinkendes Loch wie bei einem, der längst auf dem Sterbelager lag und dem man vergessen hatte, die Kinnlade hochzubinden.

»Mit neunundachtzig neue Zähne?«, hatte der Zahnarzt gestaunt. »Franz, hast du dir das genau überlegt? Deine Krankenkasse zahlt nicht mehr alles, du musst noch eine ordentliche Summe drauflegen, ich sag’s dir vorher, dass du mir nicht vor Schreck tot umfällst.«

Unter Ächzen und Stöhnen hatte sich der Franzenbauer in den furchtbaren Behandlungsstuhl gequetscht und gemeint: »Schwätz nit, Zahndoktor, für wen soll i mein Geld denn aufhebe? Da isch niemand mehr, der’s brauchen tut.«

Der alte Franz werkelte noch jeden Tag im Haus herum, schälte Kartoffeln, putzte Salat oder fegte die Hofeinfahrt. Die Landwirtschaft, die nur noch mit neun Milchkühen und fünf Schafen betrieben wurde, hatte der Basti übernehmen müssen, der inzwischen aber auch schon über sechzig war und eigentlich gar keine Lust auf Landwirtschaft hatte. Aber Basti war nun mal der einzige Sohn von Franz.

Seit dem Unfall vor beinahe dreißig Jahren, bei dem seine Frau und sein Sohn auf der Straße zwischen St.Märgen und Thurner unverschuldet ums Leben gekommen waren, weil ein Motorradfahrer sie umgefahren hatte, war Basti so allein wie sein Vater, mit dem er unter einem Dach wohnte. Jeder von ihnen lag Nacht für Nacht in seiner Schlafstube in einem monströsen Doppelbett, von dem nur noch eine Seite gebraucht wurde. Die andere Hälfte war abgedeckt und eiskalt. Sogar im Sommer mochte die nicht mehr wärmer werden.

Oberhalb der Unfallstelle erinnerte ein Kruzifix an die Opfer. Basti besaß nicht die Kraft, hinzugehen, niemals. Aber der alte Franz fuhr manchmal mit dem Bus nach St.Märgen und lief auf der Landstraße bis zu dem kleinen Kreuz, das inmitten von dürren, blassen Grashalmen steckte und kaum noch zu finden war. Dort zündete er die Kerze im Laternchen mit dem roten Glas an und betete für seinen Enkel, der den Bauernhof eines Tages hätte übernehmen sollen. Die Stelle mit dem Holzkreuz und dem flackernden Licht war der einzige Ort, an dem der alte Mann seinen Tränen freien Lauf ließ.

Hof, Wald und Land würden eines Tages, wenn er nicht mehr lebte, verkauft werden, und von dem Geld konnte Basti nach Neustadt ins »betreute Wohnen« gehen. Der alte Franz ahnte, dass alles so kommen würde. Wenn er abends im Bett lag und die Augen schloss, nicht um zu schlafen, sondern um bei sich zu sein, dann sah er in die Zukunft, sah, wie ein Stück Vieh nach dem anderen aus dem Stall heraus in den Lastwagen vom Schlachthof geführt wurde. Dann hörte er auch fremde Stimmen reden, die sagten, dass der Wehrlehof in einem Scheiß-Zustand sei, sodass man erst einmal alles neu machen müsse. So, wie es da ausschaue, könne im 21.Jahrhundert kein vernünftiger Mensch moderne Landwirtschaft betreiben. So leben wolle auch keiner mehr. Schwarzwaldbauer wie früher zu sein, das sei allenfalls eine schwärmerische Vorstellung fernab jeder Realität.

Der alte Franz war von Jahr zu Jahr ausfälliger und böser, sein Sohn immer schweigsamer geworden. Als Basti noch tagtäglich zur Arbeit als Straßenwart nach Neustadt gefahren war, hatte er sich hin und wieder mit seinen Arbeitskollegen über das Wetter oder andere Banalitäten unterhalten; nach seiner vorzeitigen Pensionierung war er regelrecht verstummt. Was sollte er auch mit seinem greisen Vater besprechen? Es fiel ihm nichts ein, was er hätte mitteilen können. Neugierig auf die Nörgeleien des Alten war er erst recht nicht.

Aus dem Dorf wagte sich keiner mehr auf den Hof. Nur Erna und Leni besuchten den schroffen Altbauern gelegentlich. Wenn auch nur wegen der Schäfchen und der Kolkraben, die der Franz mittags nach dem Essen im Hof fütterte. Die Vögel flogen ihm bis auf die knochentrockene, schrundige Hand, manchmal sogar auf den Kopf, weshalb er immer eine Kappe aus Leder trug. Einmal hatte ihn ein Vogel wüst gepickt. Das Gesicht blutüberströmt, war der Franz ins Haus getaumelt und hatte schon befürchtet, dass es vorbei war mit dem Sehen. Seither schrumpelte eine Narbe über dem linken Auge. Sein rechtes Auge war größer und runder.

Erna und Leni waren jetzt bei ihm angekommen. Franz deutete auf die Krähen, lachte meckernd. »Seht nur her, meine Freunde haben keinen Navigator nötig, die sind so gescheit, die finden mich auch so. Aber ihr junges Volk, ihr könnt ja gar nix mehr ohne Technik, habt verlernt, mit der Natur zu leben, habt auch keine Erfahrungen mehr, nur noch Monsterzahlen und sinnlose Berechnungen im Hirn, die sowieso keine Sau versteht und mit denen man euch sogar ausspionieren kann. Auch wenn ich ein alter, verblödeter Kerl bin, von dem niemand mehr was hören und sehen will und den ihr längst abgeschrieben habt, aber ich weiß noch Bescheid!«

Er holte Luft und schaute Erna selbstbewusst an. Erna erwiderte seinen Blick so ruhig sie konnte. Und schon schimpfte er weiter: »Auf meinem Hof bin ich mein Leben lang der alleinige Herrscher und Bestimmer gewesen. Nie kam mir einer in die Quere und hat sich eingemischt. Dem hätt ich sonst was gesagt, dem hätt ich die Faust gezeigt.«

Seine Augen waren dunkel wie ein Schwarzwaldgewitter, und die Blitze, die er Erna entgegenschleuderte, trafen sie mitten ins Herz. Sie wollte ihm eigentlich etwas Nettes sagen, aber er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen und stürzte sich weiter in sein Lamento.

»Erna, Bäuerin vom Kettererhof, hör genau zu. Ich, der Franz vom Wehrlehof, ich scheiß auf das ganze Computerzeug. Vom Teufel ist’s! Jetzt müssen schon die armen Viecher vom Herrn Roboter gemolken werden. Hab gehört, auch ihr habt umgestellt. Du kannst deinem Lutz bei Gelegenheit ruhig sagen, dass der Franz, der einstmals sein Taufpate gewesen ist– jaja, tausend Jahr her ist es, dass ich den Schreihals in der Dorfkirche übers Becken gehalten hab–, dass der Wehrle Franz den elenden Fortschritt, der gar kein rechter Fortschritt ist, verflucht.«

Er hatte sich so in Rage geredet, dass er husten musste und einen Schleimflatschen vor Erna ausspuckte. Die Kappe rutschte ihm beinahe vom Kopf. Es war ihm egal. Mit erhobenem Zeigefinger ging er auf Erna zu und keifte: »Gopferdori, verstohsch mi, Erna?«

Noch bevor sie ihm eine Antwort geben konnte, tönte er weiter: »Manipulieren lasst ihr euch und von der Maschine ins Unglück bringen. Werdet schon sehen, die Welt der Bauern wird daran verrecken. Viele von unseren Schwarzwaldhöfen werden sterben. Passt nur auf, auch ihr seid gefährdet. So groß seid ihr nicht. Wisst ihr überhaupt noch, wie man von Hand melken tut, wenn mal der Strom ausfällt? Und wie viel Futter ihr hinzufüttern müsst? Wird doch jetzt alles automatisch berechnet, gell? Sauber! Und wie praktisch. Steht alles im Programm, wird von der Genossenschaft berechnet, sogar das Scheißen und die Gülle sind programmiert. Alles am Vieh wird gewogen und gezählt, von hinten bis vorne. Kontrolle, Kontrolle, von morgens bis abends.«

Jetzt schien er endlich mit seiner Tirade fertig zu sein. Erna starrte ihn ungläubig an. Wie ein Monument stand er da und lauerte, was sie ihm antworten würde. Doch Erna hatte für einen kurzen Augenblick nur einen einzigen Gedanken: dass Lutz eines Tages auch so ein plärrender Esel werden könnte. Anders zwar, weil die Umstände andere sein würden, aber vielleicht würde Lutz sogar noch schlimmer werden. Sie konnte sich das sehr gut vorstellen.

Also riss sie sich zusammen und rief laut und doch freundlich: »Franz, wir wollten nur Grüß Gott sagen und schauen, wie es dir geht. Und die Leni möchte zu den Schafen, wenn’s recht ist.«

Mit einer merkwürdig gleichgültigen Geste Richtung Stall bedeutete er ihnen, dass sie hineingehen sollten. Er selbst schien kein Interesse zu haben, Erna und Leni zu begleiten.

Was denn los sei, wollte Erna wissen, ob er nicht mit ihnen käme? Er schüttelte nur stumm das Haupt, und so liefen sie ohne ihn in den düsteren, stinkenden Stall, wo die Kühe an ihren Plätzen mit kurzen Stricken angebunden standen und bis zu den Hüften hoch verschissen waren.

In der hintersten Ecke, in einem extra Bretterverschlag, dösten vier Schafe. Aus ihrem stupiden Herumliegen erlöst, drängten sie neugierig näher. Leni wusste, wie man das Gatter öffnete, und zog am Eisenriegel. Sofort wurde sie von den kugelrunden, wolligen Tieren begrüßt. Freudig begannen sie, Lenis Hände abzuschlecken; hätte sie sich nicht mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, wäre sie glatt umgefallen. So jubelte und quietschte sie vor Vergnügen. Mit beiden Händchen fuhr sie den Schafen ins dichte Nackenfell und kraulte ihnen die Ohren.

»Oma, Leni will auch ein Schaf haben!«

Plötzlich hörten sie den alten Franz brüllen: »Kein Schaf geb ich her, kein einziges. Geht sofort raus da, macht das Gatter zu, sonst passiert was!«

Erna hätte ihn am liebsten an der Jacke gepackt. Aufgebracht rief sie: »Das Kind tut doch nichts.«

»Raus!«, schrie er.

»Franz, was isch los?«

»Nix da. Lasst mi.«

»Franzenbauer«, bat Erna leise.

Stockend jammerte er, dass man ihm in der Nacht sein schönstes Schaf gestohlen habe, das Junge mit dem braunen Kopf, das erst in diesem Frühjahr auf die Welt gekommen war. Es sei bloß ein Schaf gewesen, aber so ein besonderes Tier habe er noch nie gehabt, es habe jedes Wort verstanden, habe lachen und weinen können. »Das habe ich mir nicht eingebildet, das habe ich selber erlebt.«

»Aber Franz«, murmelte Erna, die sich unwohl fühlte, als sie zwei Tränen sah, die ihm seitlich an der Nase entlangrollten. »Vielleicht war es der Fuchs, du weißt doch, er holt auch bei uns die Hühner und Katzen.«

Er stöhnte auf, drehte sich um und schlurfte aus dem Stall. Als er fast außer Sichtweite war, hörte sie ihn wettern. »Es war kein Fuchs, es war ein Gangster. Wenn ich den erwisch, bring ich ihn um, das sag ich dir. Und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben tu. Das Gewehr hab ich schon bereit. Jetzt geht endlich, kommt nie mehr her. Bei mir ist kein Streichelzoo.«

Erna hielt Leni den Tretroller hin, nahm selbst die Puppen in die Hand und machte sich auf den Heimweg. Leni fiel nicht mehr hin und schien es zu genießen, Erna voraus zu sein, die nach Luft japste. So kamen sie rasch wieder auf das asphaltierte Sträßchen, das vor ihrer Haustür endete, weil sie der letzte Bauernhof vom Hinterdorf waren. Hinter dem Gebäude lag nur noch die Wendeplatte, hauptsächlich für das silberne Milchauto, das jeden zweiten Tag morgens um sechs Uhr die Milch abholte.

Wie immer, wenn Erna auf das Gehöft zulief, spürte sie ein warmes Gefühl in der Brust. So war es von Anfang an gewesen, als sie hierhergezogen war und Lutz das Anwesen von seinem Vater übernommen hatte. Der prächtige Schwarzwaldhof war 1710 erbaut worden und hatte seither seine äußere Form, bis auf den Stallanbau, nicht verändert, wie auf erhaltenen Gemälden und späteren Fotografien zu sehen war. Erna war stolz, dass sie auf diesem stattlichen Hof die Bäuerin war, auch wenn sie das niemals laut äußerte. Lutz hätte es nicht hören wollen.

Einmal hatte er gesagt: »Wenn du davon redest, hört es einer, der dich falsch versteht. Und Leute, die falsch verstehen, können wir gar nicht leiden, kapiert, Erna? Am besten bist du still, denn wer viel sagt, über den wird viel gesprochen. Halt einfach das Maul, das ist immer gut. So haben’s die Ketterers allzeit getan und sind gut damit gefahren. Du weißt, Reden ist Silber und Schweigen… na ja, so eben. Ich sag dir, übers Wetter und die Ernte gibt’s immer was zu erzählen. Das genügt.«

Darum schmückte Erna den Balkon des schwarzbraunen Holzhauses mit dem tiefen Dach und den vielen kleinen Fenstern im Sommer mit Geranien, im Winter mit Tannenreisig und Stechpalmen, und behielt ihre Gefühle für sich.

Sie liebte die abschüssigen, sanft geschwungenen Wiesen, vor allem aber den wilden, ertragreichen Bauerngarten, die Linde vor dem Haus, den schwarzen Löschwasserteich, in dem sich die Wolken spiegelten und Wildenten Station machten.

Ihr gefielen die dunkelgrünen Weideflächen und der ockerfarbene Weg zum Wald, vor allem, wenn dicke weiße Wolken aufkamen, die wie menschliche Gesichter mit Pausbacken aussahen, die auf die Felder herunterschauten. Als habe der liebe Gott dem Land eine Krone aufs Haupt gedrückt, breitete sich ein zum Hof gehörender Nadelwald auf einem Hügel aus. Die schlanken schwarzgrünen Tannen reckten ihre Spitzen in den luftigen Raum.

Die Farbe des Himmels konnte sich von einer Minute auf die andere ändern. Gelbe und violette Wetterwände waren schon heruntergeprasselt, giftgrüne Blitze eingeschlagen, bleigraue Regengüsse vom Sturm vorwärtsgetrieben worden, auch scharfer Eisregen, dichtes Schneetreiben und undurchdringbare Nebelwände gehörten zum Repertoire sowie das gleißende Licht der Gluthitze im Sommer, wenn die Heuernte anstand.

Gedankenversunken näherte sich Erna ihrem Zuhause.

Die Gummirädchen des Kinderrollers knirschten, Leni krähte lauthals ihr Lieblingslied: »Ach, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, ach, du lieber Augustin…«

Erna hatte schon von Weitem gesehen, dass das Tor zur Hocheinfahrt einen gehörigen Spalt breit offen stand.

Ob Lutz zurück war? Oder hatte er am Morgen den Anhänger auf der Tenne abgestellt und nicht richtig zugesperrt? Eigentlich sollte das Holztor verschlossen sein, besonders, wenn alle unterwegs waren.

Sie ging ein paar Schritte in den Heuboden hinein und wurde von duftendem getrocknetem Gras und feierlicher Stille empfangen. Der Anhänger stand voll bepackt auf seinem Platz, Pfähle und Drähte vom Weidezaun waren noch nicht abgeladen.

»Lutz?«, rief sie in die Stille. Sie rief noch einmal, dieses Mal lauter. Antwort bekam sie keine. Nur die Schweine im Stall, der ein Stockwerk tiefer unter der Dachschräge untergebracht war, quiekten und stampften; sie hatten sensible Ohren und hörten Ernas Stimme durch den Bretterboden. Wenn sie kam, dann gab es gewöhnlich etwas zu fressen.

Leni drängelte, dass sie unbedingt Pipi machen müsse.

Erna verriegelte das Tor von außen. Gemeinsam rannten sie um das Gebäude herum zum unteren Hauseingang.

In dem Moment, als Erna, noch ein gutes Stück von der Tür entfernt, den Schlüssel zum Wohnhaus aus ihrem Anorak nestelte, hörte sie einen durchdringenden Schrei. Leni stürzte auf sie zu, umklammerte sie panisch und versteckte ihr Gesicht in Ernas Beinkleidern. Leni war von Kopf bis Fuß erstarrt.

Erna sah ihn und sah ihn nicht. Er lag auf dem Fußabstreifer. Sie schloss die Augen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, ihr Mund schmeckte trocken und faulig. Dem Schafskopf hing die Zunge heraus, und dort, wo man ihn vom Rumpf abgetrennt hatte, lösten sich Fleisch und Knochen. Eine weißliche Masse quoll heraus. Das Fell– braun und blutig. Die Augen– Knöpfe aus Glas.

Franz und sein Schießeisen

Erna und Lutz tunkten Brot in ihren Milchkaffee, Leni löffelte ein Müsli. Radio Regenbogen sendete noch Musik und Werbung, gleich würden die Acht-Uhr-Nachrichten beginnen. Erna versuchte, Lutz anzuschauen, ohne dass er ihren prüfenden Blick spürte. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, beinahe gleichgültig. Er stellte das Radio lauter. Leni pulte einzelne Rosinen aus dem Müsli und legte sie in einer Linie auf den Tisch. Sonst lebhaft plappernd, sprach sie heute kein Wort.

»Schön essen«, bat Erna.

Die Nachrichten begannen, gleichzeitig quietschte die Küchentür. Der Körper des Mannes, der eintrat, füllte fast die Türöffnung aus. Quadratisch wie ein Kasten stand er da, sah sich mit scheuem Blick um.

»Igor, nimm Geschirr und Besteck und setz dich her«, rief Erna ihm zu. »Auf dem Herd stehen Kaffee und Milch. Wenn du Wurst willst, geh an den Kühlschrank, du weißt schon.«

»Still jetzt, die Nachrichten und der Wetterbericht«, raunzte Lutz.

Igors Schritte waren trotz seiner schwerfälligen Statur sehr leise, ganz anders als das Gepolter von Lutz. Er holte die angeräucherte Blutwurst aus dem Eisschrank, goss sich Kaffee aus der Blümchenkanne ein und rückte zu Erna auf die Eckbank.

Während der Nachrichten waren sie nun allesamt still. Der Wetterbericht kündigte zum Wochenende Schneefall bis auf sechshundert Meter an.

Erna triumphierte innerlich, sie hatte es doch gerochen.

»Küche ist sehr gut geheizt«, stellte Igor fest, zog den Pullover aus und legte ihn neben sich. »Na, Prinzessin, heute noch keine Wörter im Mund?«, wandte er sich an Leni.

Leni schwieg, aber ein klitzekleines Lächeln hüpfte über ihr blasses Gesicht.

»Und?«, fragte Erna, »wie geht’s dem Rücken?«

Igor legte zwei zusammengefaltete Blätter Papier auf den Tisch. »Das eine ist Krankmeldung, aber bedeutet nichts, ich arbeite, Rücken wieder gesund.«

»Recht so«, brummte Lutz, nahm sich den zweiten Zettel, ohne den ersten zu beachten, und begann zu lesen. »Oha«, rief er, »das sieht ja ordentlich aus. So viel Milch ist schon fast zu viel!«

Igor bestätigte, dass ihm auch aufgefallen sei, dass sich die Kühe inzwischen an die vollautomatische Melkanlage gewöhnt hätten und einzelne Tiere ganz enorme Leistungen brächten. Nur eine Kuh habe eine zu hohe Anzahl Keime in der Milch gehabt, wie dem Computerausdruck zu entnehmen sei.

»Sie steht jetzt allein. Das Euter ist rot. Die Zitzen hab ich mit Melkfett gefettet, aber besser, wenn Tierarzt kommt, soll bitte schön Antibiotikum bringen. Und noch etwas– bei zwei Kühen bitte schön die Schuhe schneiden«, sagte er beflissen.

»Die Klauen, Igor, die Klauen, nicht die Schuhe«, korrigierte ihn Lutz.

Igor zögerte und suchte nach den richtigen Worten. »Und die Kuh, die Kalb geboren hat, keine Lust auf Futter hat die und will allein sein, bitte schön.«

Lutz nickte. »Der Doktor kommt am Samstag sowieso her. Und der Metzger fürs Schwein auch. Wir schlachten die Gerlinde. Damit die Ketterer Erna nicht wieder Würste vom Freiburger Münstermarkt bestellen muss. Wir machen unser eigenes Zeug.«

»Oh, Lutz, komm schon, was redest du daher, du magst die Bratwürste vom Meier doch auch leiden. Tu bloß nicht so scheinheilig. Ist schließlich mal eine Abwechslung. In Zukunft müssen wir sowieso Fleisch kaufen, wenn das mit der Schlachterei nichts mehr wird.«

Igor biss in ein Stück Blutwurst und meinte, er habe die Tüte mit den Würsten am Abend in den Eisschrank gelegt.

»Gestern Abend? Du warst gestern…?« Erna schaute ihn verblüfft an.

»Ja, bitte schön, mein Bruder hat mir gefahren. Bin aber sofort ins Bett gelegen. Der Krankenhausdoktor ist in mein Rücken gesprungen und hat das Wirbel eingerenkt. Und eine Spritze! Und ein paar Wodka mit Bruder, dann war Igor fixfertig.«

»Igor, hör mal, das heißt, mein Bruder hat ›mich‹ gefahren, nicht ›mir‹ gefahren. Lern das endlich«, rief ihm Lutz zu, während er Schuhe und Socken unterm Kachelofen hervorzog, sich ächzend ankleidete und mitteilte, er müsse in den Wald, um noch einen beim letzten Unwetter im Sommer abgebrochenen Baum umzuhauen. »Bleib du hier und bind ein paar Reisigbündel. Das reicht für heute«, sagte Lutz zu Igor.

Das sei eine sehr gute Idee, freute sich Erna, denn auf diese Weise könne er gleichzeitig auf Leni aufpassen, weil sie dringend fortmüsse.

»Wohin?« Lutz hielt beim Zubinden der Stiefel inne.

»Ins Dorf, einkaufen.«

Er schaute sie scharf an, Erna wich aus und räumte das Frühstücksgeschirr weg.

Leni saß noch immer vor ihrer Müslischüssel und bewegte sich nicht.

»Leni, was ist?«, drängte Erna.

»Will heim zu meiner Mama.«

Igor, der sich gerade seinen Pullover wieder anzog, machte ein geheimnisvolles Gesicht und beugte sich zu Leni. »Vielleicht willst du mit mich kommen, morgen oder übermorgen, zu meine Bruder nach Freiburg?«

Leni schüttelte den Kopf, überlegte und meinte: »Warum?«

»Weil, dort gibt es bitte schön drei junge Hunde. Und ich möcht sagen, dass der Hof von dein Opa und dein Oma ein Wachhund braucht. Vielleicht suchen wir aus, was meinst du?«

Erna glitt die Butterdose aus den Händen.

Lutz rief: »Bin zum Mittagessen zurück.«

Igor nahm Leni auf den Arm, trug sie zur Ofenbank und kleidete sie mit dem gewärmten Anorak, Mütze und Stiefelchen an.

Leni umarmte Igor und flüsterte ihm ins Ohr, sie wolle unbedingt einen ganz riesengroßen schwarzen Hund. »Gell, Igor, der beißt dann alle bösen Leute und auch den Fuchs tot, wenn ich es ihm sag?«

Und Igor flüsterte zurück: »Genau, so eine!«

Igor und Leni gingen Hand in Hand in den Holzschuppen.

Erna holte ihr Fahrrad. Sie hatte sich die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen und musste gegen den Wind strampeln. Heute würde bis nachmittags garantiert kein einziger Sonnenstrahl zum Vorschein kommen, der Himmel gab sich deutlich schroffer und zugeknöpfter als gestern. Die Sache mit dem Schneefall war greifbar nahe.

Das Rad hatte einen leichten Achter, und die Gangschaltung war sowieso kaputt, aber Erna kannte das grün lackierte Klapperding in- und auswendig und kam damit zurecht; wenn es nur keinen Plattfuß bekam, eine Luftpumpe hatte sie nämlich nicht dabei. Um nicht durch das Dorf zu müssen, fuhr sie vom Sträßchen herunter und nahm den Pfad, der für das Vieh gedacht war und der direkt zum Hof vom Franzenbauern führte.

Im Gebüsch hinter dem Kuhstall stellte sie das Rad ab und musste kurz verschnaufen. Herumschauend, ob irgendeine Person, die sie jetzt lieber nicht treffen wollte, in der Nähe war, lief sie zum Hauseingang. Sie legte eben den Finger auf den Klingelknopf, als die Tür aufging und Hannelore Schmiedle heraustrat. Ihr herzförmiges Gesicht in erschrockenem Staunen sah ebenso komisch aus wie das erhitzte von Erna. Die beiden Frauen musterten sich.

Frau Schmiedle hielt einen Einkaufskorb hoch und stotterte, dass sie dem Franz etwas zu essen gebracht habe.

»Ah so«, sagte Erna, dann fiel ihr nichts mehr ein.

Auch Hannelore Schmiedle war nicht so gesprächig wie sonst. Schließlich erklärte sie, der Franz habe wegen des gestohlenen Schafs einen regelrechten Zusammenbruch erlitten und läge jetzt stumm und steif im Bett. Es sei eine Schande, keine Menschenseele kümmere sich um den Alten.

»Wo ist denn der Basti?«, wollte Erna wissen.

»Ach der.«

»Was?«

»Geh mir fort mit dem«, schimpfte Frau Schmiedle, »der Basti, der spinnt gehörig seit einiger Zeit. Eine Schraube locker hat der. Nicht mehr ganz richtig im Kopf, der Kerl. Aber normal war der ja noch nie«, zeterte sie weiter und machte deutlich, dass sie das Gespräch beenden wollte. Erna solle nur ins Haus hineingehen und die Treppe hoch, da läge der Franz in seinem Schlafzimmer und sei in einem Zustand, den man kaum beschreiben könne. Das Gescheiteste wäre, wenn man den Doktor riefe, aber das wolle der alte Depp nicht. »Lang geht’s nimmer. Mit meinem Vater war es doch grad so. Von einem Augenblick auf den anderen, so wie der Franz, hat er sich ins Bett gelegt, hat nicht lang gefackelt und ist drei Tage später seelenruhig eingeschlafen. Übrigens, der Franz hat eine Jagdflinte neben dem Nachtkasten stehen, geladen ist das Ding auch. Also pass auf.«

Es entstand eine kleine Pause, in der Erna ihre Gedanken sortierte, während Frau Schmiedle mit der Schuhspitze den verdreckten Fußabstreifer gerade schob. »Ich muss jetzt wieder in den Salon, aber vielleicht kannst du dem Franz bei Gelegenheit ja auch einmal eine Kleinigkeit vorbeibringen, er ist schließlich der Götti vom Lutz.«

»Mach ich. Ich kümmere mich, ist doch selbstverständlich«, rief Erna, zog den Kopf ein und stieg die steile schwarzbraune Treppe hoch.

Im Hausflur war es finster, und es stank, als habe seit hundert Jahren niemand mehr ein Fenster geöffnet. Sie stand vor der Zimmertür, von der sie wusste, dass sie ins Schlafzimmer führte, und klopfte.

Keine Antwort. Also schob sie sich in die Stube, zuerst mit dem Kopf, dann mit dem einen Bein, danach mit dem anderen, bis sie sich in einem Raum befand, der eng, niedrig und dunkel war.

Zwischen Wand und Schlafstatt– kein halber Meter. Das Doppelbett– ein gestrandetes Schiff. Den starren Blick zur Zimmerdecke– der Franz! Wie ein Stück Holz. Auf dem Nachtkasten stand ein Teller mit Nudeln und einem Stück Fleischkäse, dekoriert mit einem Sträußchen Petersilie. Neben dem Nachtkasten lehnte die Flinte. Aus dem Bettzeug heraus wehte der Gestank von Urin und Schmutz.

Franz atmete stockend. Er röchelte und pfiff.