Das sechste Herz - Claudia Puhlfürst - E-Book
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Beschreibung

Knallharte SpannungWas als harmlose Recherche begann, mündet in einem Albtraum: Ein junger Reporter der Tagespresse entdeckt auf einem stillgelegten Fabrikgelände drei tiefgefrorene Herzen. Bald werden der Redaktion weitere Herzen angekündigt. Wer ist der Verfasser dieser makabren Schreiben? Als sich die Journalistin Lara Birkenfeld auf die Spur des eiskalten Mörders begibt, ahnt sie nicht, dass sie schon längst zur Schachfigur in einem grausigen Spiel geworden ist …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:477


Buch

An einem düsteren Novembertag wird der Tagespresse ein Umschlag mit der Geländeskizze eines stillgelegten Fabrikgeländes zugestellt. Drei Stellen sind mit roten Kreuzchen markiert – laut Begleitbrief befinden sich dort »interessante Informationen«. Der junge Volontär, der zum Werksgelände geschickt wird, findet jedoch keine Papiere, sondern drei altertümliche Thermosbehälter. In jedem liegt ein menschliches Herz. Von den Opfern gibt es keine Spur.

Noch bevor die Polizei Hinweise auf den Täter ermitteln kann, erhält die Tagespresse ein erneutes Schreiben mit einer Lageskizze. Auch die freie Journalistin Lara Birkenfeld hat mittlerweile von dem Fall erfahren. Ihre Recherchen führen sie zu einer geschlossenen Psychiatrie, in der ein verurteilter Mörder seine Strafe absitzt. Mithilfe ihres Freundes Dr. Mark Grünthal, eines Psychologen, versucht Lara, an Informationen zu gelangen. Doch Lara und Mark ahnen nicht, wie perfide der gesichtslose Mörder zu Werke geht. Denn auch sie selbst sind längst zu Schachfiguren in einem grausigen Spiel geworden …

Autorin

Claudia Puhlfürst, Jahrgang 1963, stammt aus Zwickau, wo sie auch heute lebt. Ihr Spezialgebiet ist die Humanethologie (menschliches Verhalten), insbesondere die nonverbale Kommunikation. Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie als Schulberaterin für den Duden Schulbuchverlag. Zudem ist sie Organisatorin der Ostdeutschen Krimitage, Mitglied im Syndikat und bei den Mörderischen Schwestern, dem deutschen Ableger der amerikanischen Sisters in Crime. Das sechste Herz ist Claudia Puhlfürsts vierter Thriller im Blanvalet Verlag. Weitere Informationen finden Sie unter: www.puhlfuerst.com und www.blanvalet.de.

Von Claudia Puhlfürst sind außerdem lieferbar:

Ungeheuer (37354) – Sensenmann (37355) – Sündenkreis (37697)

Claudia Puhlfürst

DAS SECHSTE HERZ

Thriller

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

1. Auflage

Deutsche Originalausgabe Juni 2013

bei Blanvalet, einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2013 by Claudia Puhlfürst

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: Umschlagmotiv: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung eines Motivs von Gregor Kervina/Shutterstock.com

Redaktion: Eva Seifert

AF ∙ Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-09495-9www.blanvalet.de

Prolog

»Ja, wenn dir einer eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe operieren wollte, da müßtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein andres Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst.« Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kammertür und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat, aber er achtete es nicht, denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Gläser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns, das Herz des dicken Ezechiels, das Herz des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werboffizieren, drei von Geldmäklern – kurz, es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Umgegend von zwanzig Stunden.

Schnelle Schritte näherten sich. Vorsichtig legte er den Finger zwischen die Seiten, klappte das Buch zu und lauschte, ob der Jemand hereinkommen würde, aber das Getrappel entfernte sich schnell wieder. An Märchen war nichts Ungehöriges. Er hatte sein Interesse für diese Art von Literatur entdeckt, nachdem die Stimme ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Schon Kinder bekamen Märchen vorgelesen. Obwohl das, was dieser Wilhelm Hauff aufgeschrieben hatte, ziemlich starker Tobak für die Kleinen war. Aber der rote, pulsierende Klumpen in der Brust schien Dichter, Märchenerzähler und Sänger schon immer fasziniert zu haben. Was ja auch kein Wunder war. Er klemmte einen abgerissenen Papierfetzen zwischen die Seiten und schob das Buch beiseite.

Das Herz galt seit Jahrtausenden als Sitz der Seele, als emotionales Zentrum, als Bewahrer der unverwechselbaren Eigenheiten des Menschen. Es war untrennbar verbunden mit Verliebtheit und Liebe und brachte so zugleich eine bittere Mitgift mit: Eifersucht, Enttäuschung, Trauer und sogar Hass beim Verlust des geliebten Objekts – das sprichwörtliche gebrochene Herz, Herzschmerz.

HerzHerz, HerzEin Herz ist ein Herz ist ein Herz

Ohne dass er es wollte, kritzelte der Bleistift Worte auf den karierten Block, sinnlose Splitter seiner Gedanken. Hastig verdeckte er die Zeilen mit der Handfläche. Es war verboten, etwas aufzuschreiben. Das hatte die Stimme ihm eindringlich befohlen. Niemand durfte irgendwelche Aufzeichnungen finden, alles musste in seinem Kopf stattfinden, nur in seinem Geist sein, sonst gefährdete er das Projekt.

Und doch wollte die Hand unentwegt den Stift über das Papier führen, Gedankenfetzen aufschreiben, Ideen, Bruchstücke, Zitate aus den Märchen, Gedichtfragmente. Ohne es zu merken, hielten seine Zähne sich an dem Bleistift fest und bissen immer tiefer in das weiche Holz. Er würde den Zettel aufessen müssen. Ihn in winzige Teile zu zerreißen wäre nicht sicher genug. Wie in Zeitlupe zog er einen langen dünnen Streifen ab und begann zu kauen.

Um sich abzulenken, griff er erneut nach dem Märchenbuch und senkte seinen Blick auf die verschnörkelten Buchstaben. Das Herz fand sich in allen Geschichten, hier fasste sich einer ein Herz, da verlor ein anderer seines, dort hörte der nächste auf die Stimme seines Herzens. Herzen allüberall.

Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht, dann riss er den nächsten Fetzen von dem Block. Das Papier schmeckte gar nicht schlecht.

Neben all diesen Metaphern war das Herz jedoch schlicht auch ein Organ. Es pumpte Blut durch den Körper. Rubinfarbenes Lebenselixier. Aber er vermischte schon wieder die Ebenen. Es war nicht leicht, sich auf die vor ihm liegenden Aufgaben zu konzentrieren. Sein Zeigefinger wanderte zu dem Fleck am Hinterkopf, wo das Haar schon ganz dünn wurde, und kratzte. Dort, wo sie ihm die Elektroden eingepflanzt hatten. Die Stimme hatte ihm erklärt, dass man die Stelle fühlen könnte, wenn man sich bemühte. Und es stimmte. Er hatte die kleine Erhebung schon oft ertastet.

Ohne Herz konnte kein Tier und kein Mensch überleben, es war der Ursprung allen Seins. Natürlich war ihm bewusst, dass diese Aussage nicht ganz korrekt war. Es gab durchaus Tiere, die ohne Herz auskamen, ja sogar ohne Blut. Aber das waren primitive Wesen, sie vegetierten ohne Bewusstsein auf einem niederen Niveau dahin, besaßen keinen Geist. Über allem stand der Mensch. Folglich besaß er auch das am höchsten entwickelte Herz. Die Stimme hatte ihm das alles wieder und wieder erklärt, und er hatte verstanden. Ein menschliches Herz war das sonderbarste und gleichzeitig das imponierendste Gebilde, das es gab.

Das Faszinierendste aber war es zu sehen, wie so ein Herz arbeitete. Wie es sich zusammenzog und dunkelrot pulsierte, wie es Lebenssaft in die Adern spie und sich dann wieder entspannte, um sofort darauf von Neuem zu beginnen. Es gab Filme davon. Aber nichts übertraf den Anblick des echten, des lebenden Objekts. Die Erinnerung daran, wie er vor Ehrfurcht fast ohnmächtig geworden wäre, als es ihm das erste Mal gelungen war, die perfekte Arbeit dieses Organs zu beobachten, war noch immer übermächtig.

Die Stimme hatte ihm genaue Anweisungen gegeben, wie er vorgehen sollte. Zuerst standen Übungen an kleineren Tieren auf dem Plan, danach waren die größeren dran gewesen: Meerschweinchen, Kaninchen, Schafe. Von Katzen und Hunden sollte er die Finger lassen, sie wehrten sich zu stark und hätten ihn während der Arbeit mit ihren Fangzähnen verletzen können. Pflanzenfresser hingegen waren dumm und schauten ihrem Schicksal paralysiert in die Augen. Die putzigen Kleintiere gab es in jedem Zoofachgeschäft, und Schafe konnte man sich nachts von irgendeiner Weide holen. Es war fast zu leicht gewesen, die Übungsobjekte zu betäuben und dann auf dem Tisch so zu befestigen, dass er ungehindert an den Brustkorb herankam.

Ein Herz freizulegen und anschließend sauber zu entfernen, war eine Kunst. Das Wunderwerk verbarg sich im Brustkorb, gut geschützt hinter den Rippen. Zappelte der Spender, bestand die Gefahr, das wertvolle Gut beim Aufbrechen der Knochenbogen zu verletzen. Eine Fixierung des Körpers war unerlässlich. Dann musste man vorsichtig durch mehrere Hautschichten schneiden, was bei lebenden Objekten eine ziemlich blutige Angelegenheit war, und anschließend die Rippen aufsägen und spreizen. Erst jetzt wurde die Umhüllung, die das Herz umschloss, sichtbar, und es bedurfte jedes Mal einer gründlichen Spülung, ehe die weiß-gelbliche Färbung unter all der roten Flüssigkeit zutage trat.

Die Stimme hatte ihn gelehrt, zu üben und sein Handwerk zu verfeinern. Es gab derzeit keinen Besseren als ihn. Er schluckte den letzten Brocken weich gekauten Papiers hinunter und erhob sich.

Es war an der Zeit, sich auf die Suche nach einem menschlichen Spender des grandiosen Organs zu machen.

1

Das Fahrrad schlingerte beim Bremsen über die Eisplatten, die sich in den Senken der gepflasterten Straße gebildet hatten. Patrick fuhr auf den Gehweg und stieg ab. Sein Atem kondensierte in weißen Spiralen, die in der Frostluft zerfaserten und dann nach oben schwebten, während sie immer durchscheinender wurden.

Obwohl sie in gefütterten Handschuhen steckten, waren seine Finger so taub, dass ihm der Schlüsselbund zweimal auf die rissigen Gehwegplatten fiel, ehe er ihn richtig packen konnte. Mit einem Auto hatte man es im Winter leichter. Wenn über Nacht viel Schnee gefallen war, musste er manchmal sogar morgens das Rad stehen lassen und die Bahn nehmen. Aber er hatte weder das nötige Geld, um sich einen Wagen zu kaufen, noch das Einkommen, um die monatlichen Kosten zu tragen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als das Rad oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. In einer Großstadt wie Leipzig war das jedoch zu ertragen.

Er befestigte das Bügelschloss an dem rostigen Zaun und ließ seinen Blick prüfend über die verfallenen Gebäude gleiten, die hinter den nackten Ästen der Birken hervorragten. Der bleifarbene Novemberhimmel hatte der maroden Fabrik alle Farben genommen, in ausgewaschenen Grau- und Brauntönen wirkte die Szenerie wie ein gelbstichiges Foto aus den Dreißigern. Patrick stellte sich vor, wie ein Vermummter mit einer Kettensäge in dem Haus mit dem Natursteinfundament auf ihn lauerte, fast vermeinte er, das Jaulen des Motors hören zu können und erschauerte. Dann zwang er ein Grinsen in sein Gesicht und schüttelte unmerklich den Kopf. Er hatte entschieden zu viele Horrorfilme gesehen.

Das Schreiben und der Lageplan befanden sich in der Umhängetasche. Mit klammen Fingern kramte er nach dem gefütterten Umschlag, zog ein Blatt daraus hervor und betrachtete die Luftaufnahme mit den drei roten Kreuzchen. Zog man eine gedachte Linie zwischen ihnen, bildeten die Markierungen ein fast perfektes Dreieck. Den zugehörigen Brief musste Patrick nicht noch einmal lesen. Er kannte den Wortlaut inzwischen auswendig.

»Sehr geehrte Redaktion«, hatte der Verfasser geschrieben, »ich übersende Ihnen hier eine Lageskizze. An den gekennzeichneten Stellen werden Sie interessante Informationen entdecken. Prüfen Sie es nach! Sie werden überrascht sein. Sicher ist Ihnen dies einen Bericht wert.«

»Interessante Informationen« war fettgedruckt gewesen. Unterschrieben war das Ganze mit »Ein Informant«. Nicht handschriftlich natürlich. Heutzutage bekam man alles als Computerausdruck.

Die Redakteure hatten in der gestrigen Konferenz eine Viertelstunde lang diskutiert, ob es sich überhaupt lohnte, das Ganze ernst zu nehmen und jemanden hinzuschicken – wussten sie doch weder, was sich hinter den braunroten Kreuzchen verbarg, noch, ob man sie nicht einfach auf die Schippe nehmen wollte. Schließlich hatte der Redaktionsleiter entschieden, dass keiner der Festangestellten seine Zeit damit vergeuden sollte. Sich Informationen entgehen zu lassen, die sich womöglich als brisant entpuppen könnten, lag jedoch auch nicht in seinem Interesse.

Und so hatte es Patrick Seiler getroffen, Praktikant bei der Tagespresse seit exakt drei Wochen und zwei Tagen. Stellte sich das Schreiben als Scherz heraus, hatte die Zeitung nichts verloren, außer etwas von Patricks Zeit. War es jedoch ein ernstgemeinter Hinweis, würden sie in der Berichterstattung die Nase vorn haben. Was auch immer sich hinter den drei Markierungen verbergen mochte.

Patrick faltete den Lageplan wieder zusammen und schob ihn in die Seitentasche seines Anoraks. Es wurde Zeit nachzusehen, was da auf dem Gelände versteckt war. Der Mann mit der Kettensäge war es sicher nicht. Er ging ein paar Schritte in Richtung des Eingangstores, als ihm einfiel, dass er etwas vergessen hatte.

Der Fotoapparat war eine billige Digitalkamera, aber für das hier würde es bestimmt reichen. Hubert Belli, der das Ressort »Lokales« betreute und derzeit für Patrick zuständig war, hatte ihm empfohlen, alles zu dokumentieren. Man wusste vorher nie, wozu man die gesammelten Informationen einmal brauchen würde. Eigentlich fotografierte Patrick alles mit seinem Handy, aber das war in der Redaktion nicht gern gesehen. Und so schob er das silberne Gerät durch die braunfleckigen Eisenstangen, schwenkte die Kamera von links nach rechts und versuchte, den gesamten Bereich zu erfassen. Auf der schwarz-weißen Kopie hatte das Gelände irgendwie anders gewirkt. Obwohl der Ausdruck der Luftaufnahme ziemlich unscharf war, hatte es gestern nicht lange gedauert, bis Hubert und er den Ort gefunden hatten, der auf dem Bild zu sehen war. Eine Stadt hatte der Informant nicht dazugeschrieben, aber sie waren der Einfachheit halber davon ausgegangen, dass es sich um Leipzig handelte. Der Plan war eine Kopie eines Satellitenbildes gewesen, wie man sie bei Google Maps finden konnte. Er enthielt nur einen einzigen Straßennamen, das jedoch hatte ausgereicht, um die Gegend zu finden. Man konnte im Internet genau jenen Ausschnitt heranzoomen, den der Informant kopiert und ihnen geschickt hatte.

Patrick ließ den Fotoapparat in die Jackentasche gleiten, zog die Handschuhe wieder an und ging in Richtung des Eingangstores. Es war mit einer Kette und einem mächtigen Vorhängeschloss gesichert. Einen Wachschutz gab es nicht – das hatte Hubert recherchiert. Wozu auch? Der ehemalige VEB Metallwaren war eine Industriebrache, die keinen Investor interessierte. An den beiden Säulen links und rechts des Tores blätterte der Putz ab. Die Scheiben im Pförtnerhäuschen waren eingeschlagen. Ein rostiges Blechschild verkündete, dass es sich hier um ein Betriebsgelände handelte und der Zutritt verboten war. Vorsichtig balancierte Patrick um ein paar schmutzige Schneehaufen herum ganz dicht an das Tor und betrachtete die Eisenstäbe. Keine frischen Kratzspuren, auch Kette und Schloss waren unbeschädigt und rosteten stumm vor sich hin. Hier war seit Jahren niemand hindurchgegangen. Er schaute in den anthrazitfarbenen Himmel und seufzte, während er darüber nachdachte, in die Redaktion zurückzufahren. Wahrscheinlich war das ganze Schreiben ein Witz. Jemand machte sich über die Tagespresse lustig.

Als hätten sie einen eigenen Willen, umklammerten seine behandschuhten Finger die Gitterstäbe und rüttelten daran. Das Tor bewegte sich keinen Millimeter. Wenn jemand hier drin gewesen war und etwas versteckt hatte, dann war derjenige nicht durch diesen Eingang gegangen. Patrick beschloss, sich die Skizze noch einmal anzuschauen und dann eine Entscheidung zu fällen.

Das erste Kreuz befand sich nicht weit von der Einfahrt entfernt an einem Gebäude, das einen spitzgiebeligen, mit Schieferplatten verkleideten Turm trug. Auf dem Satellitenbild schien sich die rote Markierung auf der rechten Ecke des Daches zu befinden. Das konnte heißen, dass die »Information« in dem Haus oder direkt davor versteckt war. Das zweite Kreuz war weiter hinten im Gelände eingezeichnet, das dritte an einer Linie, die wie ein schmaler Weg aussah. Von seinem Standpunkt aus konnte er beide Stellen nicht sehen.

Mit misstönendem Kreischen flog ein Schwarm Krähen von einem der Bäume auf. Sie flatterten ein paar Sekunden über dem Haus mit dem Turm, drehten dann in seine Richtung ab und flogen über seinen Kopf hinweg davon. Patrick hatte den Eindruck, dass die schwarzen Vögel ihn im Vorbeifliegen argwöhnisch musterten, ehe sie im Grau des Vormittags verschwanden. Was mochte sie aufgeschreckt haben?

Das Klingeln seines Handys ließ ihn erschauern. Ehe er es aus der Hosentasche genestelt hatte, war es schon verstummt. Auf dem Display stand »Hubert«. Patrick beschloss, nicht sofort zurückzurufen. Er hatte sich entschieden. Zuerst wollte er einen Zugang zu dem Gelände finden und sehen, was sich hinter der ersten Markierung verbarg. Danach konnte er sich bei Hubert melden und mit ihm zusammen besprechen, was weiter geschehen sollte. Noch einmal glitt sein Blick über den Lageplan, bevor er das Papier in der Jackentasche verstaute. Der Absender hatte um jedes Kreuzchen fein säuberlich einen runden Kreis gemalt. Das Ganze hatte etwas von einer Schatzsuche. Patrick verkniff sich ein Grinsen und setzte sich in Bewegung. Wenn er weiter so herumtrödelte, würde er mittags immer noch hier stehen. Seine Füße wurden auch allmählich kalt.

Links vom Tor war das Gelände von einer zwei Meter hohen Mauer abgegrenzt. Rechts vom Pförtnerhäuschen dagegen erstreckte sich der rostige Zaun, an den er sein Fahrrad angeschlossen hatte. Patrick ging an seinem Drahtesel vorbei und überprüfte dabei die Eisenstäbe und das dichte Gestrüpp dahinter. Nach etwa zweihundert Metern machte der Weg einen Bogen und knickte nach links ab, wo er sich in einem Wäldchen verlor. Die Metallstreben der Umzäunung schienen hier, abseits der Straße, weniger stabil und standen nicht so dicht beieinander. Er kam nur langsam vorwärts. Der Boden war uneben, gefrorene Pfützen machten den Trampelpfad zu einer rutschigen Angelegenheit. Äste und Gesträuch beiseitebiegend, tastete Patrick sich vorwärts. Vielleicht fand sich weiter hinten eine Stelle, an der man ohne große Kletterkünste auf das Gelände kam. Nach geschätzten hundert Metern war er außer Atem. Wie eine asthmatische Dampflok stieß sein Mund weiße Wölkchen hervor.

Langsam ging er weiter. Im gleichen Augenblick, in dem er sich erneut fragte, ob das hier überhaupt einen Sinn hatte, machte das Gestrüpp einer kleinen Lichtung Platz. Vertrocknetes Gesträuch umsäumte den Platz, von dem aus ein schmaler Trampelpfad wegführte, ein paar Hundert Meter am Zaun entlang, bis zu einem weiteren Waldstück.

Patrick stieg über eine silbern leuchtende Coladose und betrachtete die Eisenstangen, die jemand in der Mitte auseinandergebogen hatte. An den rostig braunen Stäben links und rechts glänzten frische parallele Kratzspuren. Er beugte sich nach vorn und inspizierte die Stelle und das dahinterliegende Gelände. Hier war eindeutig vor Kurzem jemand durchgegangen. Und nicht nur einmal. Gelbe Grashalme waren abgeknickt, verdorrte Blütenstände niedergetreten. Patrick konnte selbst nicht sagen, warum er das Bedürfnis hatte, die Stelle zu fotografieren; aber er zog die Kamera heraus, schoss ein paar Bilder, markierte die Stelle auf dem Lageplan, verstaute beides wieder in den Taschen und schob seine froststarren Finger zurück in die Handschuhe.

Dann quetschte er sich durch die Öffnung und hoffte dabei, dass der feuchte Rost keine bleibenden Flecken an seinem neuen grauen Anorak hinterlassen möge. Wenn sein Orientierungssinn ihn nicht trog, musste er jetzt nur geradeaus laufen, um zu dem Gebäude mit dem Turm zu kommen, bei dem eins der Kreuze eingezeichnet war. Feiner Schneeregen legte sich nun wie ein feuchter Schmierfilm auf sein Gesicht, und Patrick zog den Schal fester, während er voranstampfte. Die Krähen waren zurückgekommen und drehten ärgerlich krakeelend ein paar Runden über dem ungebetenen Eindringling, ehe sie sich auf einer der Pappeln niederließen.

Das Haus mit dem Turm wurde auf beiden Seiten von niedrigeren Gebäuden flankiert. Links gab es einen zweigeschossigen Flachbau mit einer Rundbogentür, rechts einen spitzgiebeligen Anbau, dessen Sprossenfenster von außen vergittert waren. Patrick verlangsamte seine Schritte. In seinen Ohren hallte das feine Knirschen toter Äste wider, die unter den Füßen zerbrachen. Sein Blick wurde magisch von dem Haus in der Mitte angezogen. Beim Näherkommen merkte er, dass das, was von der Straße aus wie ein Turm ausgesehen hatte, gar kein Turm im eigentlichen Sinne war. Das mittlere Gebäude hatte vier, nur wenige Meter breite Stockwerke. Die oberste Etage war außen mit grauen Schieferplatten verkleidet und endete in einem spitzen Dach, neben dem ein hoher Schornstein aufragte. Das, was er von fern für den Turm gehalten hatte, entpuppte sich als halbrunder Treppenaufgang, der bis zum dritten Stock reichte. Er war aus verschiedenfarbigen Natursteinen gemauert. Die nur wenige Zentimeter breiten Fensterlöcher glichen Schießscharten, das Dach bildete einen halbrunden Hut aus schwarzen Schindeln.

Patrick fröstelte. Für ihn gab es keinen Zweifel – dies hier war die Stelle der Markierung. Er musste nicht noch einmal auf die Kopie schauen, um sich zu erinnern, dass eins der Kreuzchen genau auf diesem Turm, an der rechten Seite des Gebäudes, eingezeichnet war.

Die Wildnis war einem mehrere Meter breiten Weg aus Betonplatten gewichen. Ein Blick auf sein Handy zeigte Patrick, dass seit Huberts Anruf noch nicht einmal eine Viertelstunde vergangen war, obwohl ihm der Zeitraum viel länger vorgekommen war. Der Gedanke an Hubert brachte die Erinnerung an dessen Ermahnungen mit, und Patrick schoss ein paar schnelle Fotos. Um ihn herum war es jetzt still. Unnatürlich still. Er hob die Füße und stampfte ein paarmal auf, aber das änderte nichts an seinem Unwillen, dieses Gebäude zu betreten. Die scharfkantigen Ränder der zerbrochenen Scheiben schienen ihn höhnisch anzugrinsen.

Langsam schritt er auf den Treppenturm zu. Der Eingang befand sich an der linken Seite, die Tür aus massivem Metall schien verschlossen. Als Patrick eine Hand ausstreckte und die gebogene Klinke berührte, schwang sie jedoch lautlos nach innen und gab den Blick auf ein Treppenhaus im düsteren Zwielicht frei, dessen ausgetretene Stufen im Rund nach oben führten.

Während er sich am Türrahmen abstützte, reckte Patrick den Kopf nach innen und versuchte, im Halbdunkel Einzelheiten zu erkennen, aber es gelang ihm nicht. Die Sicht endete an der ersten Biegung. Es würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als hineinzugehen und nachzuschauen. Ärgerlich, dass er keine Taschenlampe dabeihatte. Er setzte den linken Fuß nach innen, wartete einen Moment und zog das rechte Bein nach. Die Kälte war ihm inzwischen unter den Anorak gekrochen und tastete sich die Wirbelsäule hinab. Es roch nach Urin und faulendem Laub, vermengt mit Schimmel. Angewidert betrachtete er den Unrat auf dem Boden. Von zerdrückten Dosen über feuchte Zeitungen bis hin zu leeren Weinflaschen gab es hier alles. Sogar Toilettenpapier schimmelte in einer Ecke vor sich hin. Wie von selbst blähten sich Patricks Nasenflügel, dann rief er sich zur Räson. Seine Aufgabe war es, eine »Information« zu finden. Ungünstig nur, dass auf dem zweidimensionalen Bild nicht auszumachen war, in welchem Stockwerk sich der Anhaltspunkt befand. Die Eisfinger waren inzwischen seinen Rücken weiter hinuntergekrabbelt, und er schauderte. Was von außen nicht zu sehen gewesen war – im Innern des Turms ging es nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Mit vorgerecktem Hals spähte Patrick um die Ecke. Die Stufen führten in eine schier undurchdringliche Schwärze hinab. In der Hoffnung, den Hinweis oben zu finden, setzte er sich in Bewegung. Hinauf war es nicht gänzlich dunkel, ein dämmriges Zwielicht tauchte alles in graublaue Schatten. Die Stufen waren feucht und rutschig. An der Wand schwang sich ein rundes Holzgeländer entlang. Patrick vermied es, den Handlauf zu berühren.

Schon nach einer knappen Umrundung kam das erste der winzigen Fenster in Sicht. Die Scheibe war zwar noch intakt, jedoch von Spinnweben fast blind. Er ging schneller, ließ den Blick von Wand zu Wand schweifen, musterte die Stufen und die Decke über seinem Kopf und hielt dabei nach etwas Ungewöhnlichem Ausschau, nach etwas, das sich nicht schon seit Jahren hier befand, etwas, hinter dem sich die »Information« verbergen konnte, die der Briefschreiber der Tagespresse angekündigt hatte. Zwei weitere Fenster folgten jeweils nach sechs Stufen, dann öffnete sich ein Durchgang, der von einer Metalltür verschlossen war. Wahrscheinlich gelangte man von hier aus in die erste Etage. Patrick drückte vorsichtig die Klinke herab, es rührte sich jedoch nichts. Im Gegensatz zur Eingangstür war diese hier verschlossen. Die Abfolge wiederholte sich zur nächsten Etage: drei schmale Fenster, auf die eine verschlossene Tür folgte. Danach endete das Treppenhaus. Über ihm wölbte sich die hölzerne Dachkonstruktion, ein runder Hut aus schwärzlichen Balken. Noch einmal ließ Patrick seinen Blick rundherum schweifen. Hier war absolut nichts. Er betastete sein Handy, beschloss dann aber, es in der Tasche zu lassen und Hubert noch nicht anzurufen. Zuerst wollte er noch den unterirdischen Bereich des Turms erforschen. Am obersten Fenster blieb Patrick stehen. Diese Scheibe war nicht so schmutzig wie die anderen. Jemand schien sie erst vor Kurzem grob gesäubert zu haben.

Von hier aus konnte man den östlichen Teil des Geländes gut überblicken. Hinter dem Betonweg drängten sich Büsche und wildwachsende Bäume und bildeten ein unzugänglich erscheinendes Dickicht. Wenn man sich anstrengte, konnte man sogar den Durchgang am Zaun, durch den er gekrochen war, erahnen. Patrick wandte sich ab, um weiterzugehen, als ein seitlich durchs Bild huschender dunkler Schatten ihn innehalten ließ. Fast hätte er aufgeschrien. Dann schalt er sich einen Narren. Das war doch hier kein Horrorfilm, in dem ein fleischfressendes Monster auf den naiven Protagonisten lauerte. Und doch konnte er ein Frösteln nicht unterdrücken. Hastig drehte er sich wieder zum Fenster, neigte das Gesicht bis dicht vor das Glas und prüfte die Umgebung. Außer einer Krähe, die auf den Zweigen einer Birke auf und nieder wippte, fand er nichts, was sich bewegte. Entweder hatten seine überreizten Nerven ihm etwas vorgegaukelt, oder das Tier, welches dort drüben entlanggerannt war, hatte sich aus dem Staub gemacht.

Patrick schüttelte den Kopf. Wenn er weiter so herumtrödelte, wäre er heute Nachmittag noch hier. Mit einem nervösen Kichern setzte er seinen Abstieg fort. Im Eingangsbereich angekommen, hielt er an und schaute nach draußen. Ein eisiger Wind fegte Blätter zur Tür herein. Es schien, als sei die Temperatur in der Zeit, in der er hier war, um mehrere Grad gefallen. Mit langsamen Schritten näherte Patrick sich der Biegung, von der aus die Stufen hinabführten. Er würde jetzt schnell noch unten nachsehen und sich dann zu den anderen beiden Punkten begeben, die auf dem Plan eingezeichnet waren. Wenn er recht hatte, befanden sich diese unter freiem Himmel und würden vielleicht ihre Geheimnisse eher preisgeben als dieser Spukturm hier.

Mit jeder Stufe wurde es um ihn herum finsterer. Patrick stolperte und unterdrückte ein Seufzen. Jetzt musste er den Handlauf doch benutzen. Widerwillig glitten die Finger über das glatte Holz. Wie gut, dass seine Hände durch den Stoff der Handschuhe geschützt waren. Mit tastenden Schritten stieg er abwärts und überlegte bei jeder Stufe, ob es sinnvoll war weiterzugehen. Wenn er richtig mitgezählt hatte und der Aufbau dem oberen Teil glich, musste er sich jetzt wieder an einem Durchgang befinden, der nach innen führte.

Oben knirschte es leise, und Patrick erstarrte mitten in der Bewegung. Ein dumpfer Laut ließ ihn zusammenzucken. Jetzt war es völlig finster. In seiner Einbildung verwandelte sich das schabende Geräusch über seinem Kopf in Schritte. Hastig nestelte er seine Finger aus dem Handschuh und zog das Handy aus der Tasche. Auf einen Tastendruck hin erwachte es zum Leben. Gleichzeitig verstummten auch die Geräusche. Wahrscheinlich hatte der Wind die Eingangstür zugeworfen, und die anderen Geräusche waren von dem hereingewehten Laub verursacht worden. Dass das Rascheln erst nach dem Poltern hörbar gewesen war, fiel Patrick erst viel später wieder ein, lange nach der grausigen Entdeckung, die ihm noch bevorstand. In jenen Augenblicken im Kellerbereich des verfallenen Gemäuers beruhigte ihn die sachliche Erklärung.

Er klickte auf die Taschenlampen-App, richtete das Licht auf seine Füße, betrachtete den Boden und schwenkte dann langsam nach oben. Die Stufen in den Untergrund endeten hier. Und genau wie er es angenommen hatte, befand sich links eine Eisentür. Die behandschuhte Rechte drückte die Klinke herab, aber es rührte sich nichts. Er ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten und hätte dabei fast das Zeichen übersehen.

Hektisch schwenkte er zurück, leuchtete auf das Symbol auf der Wand. Da war es: ein etwa zwanzig Zentimeter großes rotes Kreuz mit einem Kreis darum, in Höhe seiner Hüfte. Alles erstarrte für einen Moment mitten in der Bewegung, dann hörte Patrick sich selbst scharf einatmen. Der Lichtstrahl zitterte über dem Kreuz hin und her. Im Zeitlupentempo ließ er den Schein nach unten gleiten. Direkt darunter stand ein Behälter auf dem Boden. Er machte zwei Schritte darauf zu, ging in die Knie und leuchtete den Zylinder ab. Das Gefäß glich einem altmodischen Topf und schien aus olivgrünem Metall zu bestehen. Quer über den Deckel führte ein Metallriegel, der an beiden Seiten mit einem Klappverschluss befestigt war. Den Gedanken, das Gefäß gleich an Ort und Stelle zu öffnen, verwarf Patrick schnell wieder. Zum Öffnen würden beide Hände vonnöten sein, und dann fehlte das Licht. Der Behälter musste nach oben. Er prägte sich die genaue Lage ein und schob das Handy zurück in die Tasche. Die plötzliche Finsternis schien absolut. Vorsichtig umfassten die Hände das Gefäß, er hob es an, prüfte dabei automatisch das Gewicht und schätzte es auf fünf Kilogramm.

Schritt für Schritt tastete er sich dann, mit der rechten Schulter die Wand berührend, die Stufen nach oben, bemüht, die kostbare Fracht gerade zu halten. Nach der letzten Biegung stellte Patrick fest, dass er vorhin recht gehabt hatte – der Wind hatte die Eingangstür zugedrückt. Er öffnete sie mit dem Ellenbogen und trat hinaus. Feine Schneeflocken schwebten vom grauen Himmel herab und ließen sich flüsternd auf dem Beton nieder.

Er stellte seine Fracht ab und betrachtete den Topf eingehend, während er darüber nachdachte, ob er ihn öffnen sollte. Das Gefäß sah aus wie einer dieser Thermobehälter, die beim Camping oder bei der Armee verwendet wurden. Zumindest stand jetzt fest, dass sich hinter den Markierungen auf dem Lageplan tatsächlich etwas verbarg.

Patrick entschied sich, ihn zu öffnen. So konnte er selbst entscheiden, ob das, was sich im Innern verbarg, von Bedeutung war, oder nicht. Die Kollegen in der Redaktion würden sich mit Sicherheit über ihn lustig machen, wenn er das verschlossene Gefäß mitbrachte und sich der Inhalt als Müll entpuppte. Irgendetwas war jedenfalls da drin, so viel schien ihm sicher, sonst wäre das Ding nicht so schwer gewesen.

Er zog die Handschuhe ab, hockte sich hin und betrachtete die Verriegelung. Es handelte sich um einen Bügelverschluss, der an einer Seite eingehängt war und an der anderen mit einem Klappmechanismus geöffnet werden konnte.

Mit einem metallischen Schnalzen schnappte der Riegel hoch, und der Deckel hob sich wie von selbst einige Millimeter. Patrick überlegte kurz, griff dann nach einem herumliegenden Zweig, schob diesen unter den Rand und drückte den Deckel hoch. Während dieser mit einem unmelodischen Scheppern absprang und davonrollte, starrte er mit gerunzelter Stirn auf das Innere des Behälters und beugte sich dann nach vorn, um an dem Inhalt zu riechen. Das leise Rascheln aus dem Gestrüpp rechts hinter ihm ließ ihn fast nach vorn umkippen, und sein Gesicht kam dem Gebilde in dem Thermobehälter näher, als ihm lieb war, bevor es ihm gelang, sich mit beiden Armen abzufangen. Das kaum hörbare Surren, das vom Hauptgebäude herüberdrang, nahm Patrick nicht wahr. Er kämpfte mit seiner Übelkeit.

2

Im Verkehrsfunk warnte der Sprecher vor Schneefällen und Straßenglätte in der kommenden Nacht. Mark Grünthal richtete den Blick kurz nach oben und schaute dann wieder auf die Straße. Massige graue Wolken hingen dicht über den Baumwipfeln. Die verschmutzte Windschutzscheibe verstärkte die schwermütige Farbgebung noch. Wenn seine Termine nach Plan liefen, war er heute Abend längst wieder in Berlin. Und morgen konnte er zur Not die U-Bahn in die Praxis nehmen.

Der November war kein besonders schöner Monat. Die Patienten schienen depressiver als sonst, ihre Symptome verstärkten sich auf seltsame Weise. Und auch Anna, seine Frau, wirkte bedrückt. Seit ein paar Wochen hatte er das Gefühl, sie wäre mit etwas unzufrieden. Fast jedem Gespräch darüber war sie bisher ausgewichen, Unterhaltungen wurden durch ihre Einsilbigkeit erstickt.

Mark schüttelte die melancholischen Gedanken ab. In einer halben Stunde hatte er das erste Therapiegespräch und wollte ganz bei seinem ersten Patienten sein. Zu schnell bog er von der Hauptstraße ab, und der Audi schlingerte kurz, ehe das Antiblockiersystem eingriff.

Im Winter konnte man die vorderen Häuser des weiträumigen Ensembles schon von Weitem sehen. Die denkmalgeschützten Backsteingebäude leuchteten im Grau des Novembertages durch die nackten Äste der mächtigen Buchen. Das psychiatrische Krankenhaus Obersprung hatte erst vor Kurzem sein einhundertzehnjähriges Bestehen gefeiert. Die idyllische Lage sollte zur Genesung der Patienten beitragen. Irgendwo hatte er gelesen, dass auf dem Klinikareal fast zweitausend Bäume standen, die zum Teil so alt wie die ersten Gebäude waren. Mark fuhr am Haupteingang vorbei und bog auf einen Seitenweg ab, der direkt in den Wald zu führen schien.

Die Fachklinik, an der er gerade vorbeigefahren war, hatte tausendsiebenhundert Mitarbeiter und verfügte über knapp dreihundert Klinikbetten. In fünf Abteilungen wurden psychisch kranke Kinder, suchtkranke Erwachsene oder Alzheimer-Patienten behandelt, zudem gab es ein separates Altenpflegeheim. Aber dieser Bereich war nicht sein Ziel. Er musste zu einem abgelegenen Gebäudekomplex, der von den anderen Klinikbereichen streng getrennt war.

Im Schritttempo rollte der Audi an dem vier Meter hohen Maschendrahtzaun vorbei, auf dessen Oberkante vielfach verschlungene Rollen silbrigen Stacheldrahts glänzten. Der Hochsicherheitstrakt war durch zahlreiche Vorkehrungen von der Außenwelt abgeschirmt. Mark stellte das Auto auf dem Besucherparkplatz ab, sortierte seine Unterlagen und deponierte Handy und Schlüsselbund im Handschuhfach. Die feuchtkalte Luft außerhalb des Autos ließ ihn frösteln, und er lief schneller.

Der Eingangsbereich befand sich zwischen zwei Backsteinvillen, die zwischen den meterhohen Eisenstangen und dem Drahtgewirr pittoresk und gleichzeitig fehl am Platz wirkten. In der Mitte der schmalen Straße wölbte sich der Zaun wie ein metallener Bauch nach vorn und reckte dem Betrachter ein großes zweiflügeliges Tor entgegen. Direkt daneben gab es eine kleinere Pforte für Fußgänger. Beide Eingänge führten in eine von Stacheldraht und Metallgeflecht umgebene Schleuse, an deren hinterem Ende ein weiteres Tor den Zugang zum Klinikgelände verschloss.

Das schwarz-gelb gestreifte Pförtnerhäuschen an der linken Seite erinnerte Mark immer an London, warum, wusste er auch nicht. Er stellte sich direkt vor die Kamera und sagte sein Sprüchlein auf. Etliche der fast zweihundert Beamten kannten ihn. Er war schon oft hier gewesen, betreute seit Jahren Patienten und hatte zahlreiche Gutachten erstellt. Nicht jeder Facharzt für Psychiatrie und Neurologie konnte als forensischer Psychiater arbeiten. In Deutschland musste man eine dreijährige Weiterbildung absolvieren und mindestens ein Jahr in einer Einrichtung des Maßregelvollzugs gearbeitet haben. Hinzu kam eine von der Ärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde vorgegebene Anzahl von Gutachten.

Mit einem Summen öffnete sich das kleinere Tor, und Mark trat in den Schleusenbereich. Der Beamte hinter der Glasscheibe grinste und hob die Hand. »Guten Morgen, Herr Doktor. Wie immer: Sie geben mir Ihren Ausweis und zeigen mir, was Sie da drin haben.« Er deutete auf Marks Aktentasche. Ein nikotingelber Finger tippte auf eine Liste auf dem Schreibtisch. »Sie sind bis fünfzehn Uhr eingetragen. Also bitte alles hier rein.«

Eine Schublade kam herausgefahren, Mark legte die geforderten Dinge in die Vertiefung und wartete, bis der Beamte alles inspiziert hatte, ihm die Aktentasche wieder herausschob und zum Telefon griff. »Kleinen Moment noch, Herr Doktor. Sie werden gleich abgeholt.«

»Danke.« Mark sah sich um. Das zweite Tor führte in den Innenbereich des Geländes. Ein großer ovaler Platz wurde von fünf identisch aussehenden Gebäuden umrahmt. Alle waren aus demselben roten Backstein gemauert. Links davon befand sich eine weitere Villa, hinter der mehrere später hinzugekommene Funktionsgebäude standen. Im düsteren Novemberlicht wirkte das gesamte Areal wie ein altertümliches Gefängnis, und für die Patienten – allesamt Straftäter, die aus verschiedenen Gründen schuldunfähig oder vermindert schuldfähig waren – war es das wohl auch.

Es gab weitaus modernere Fachkliniken. Erst vor zwei Monaten hatten sie bei einer Tagung der forensischen Psychiater in Calw den neu gebauten Trakt für den Maßregelvollzug besichtigt, und Mark erinnerte sich noch gut an seine Verblüffung darüber, was heutzutage alles möglich war. Das Behandlungsgebäude war für rund 20 Millionen Euro von Architekten errichtet worden und glich eher einem Hotel denn einer Klinik für psychisch kranke Straftäter. Es gab eine Aufnahme- und Kriseninterventionsstation und vier Therapiestationen, von denen jede in zwei Gruppen mit zehn Betten aufgeteilt war, zu denen jeweils ein Wohn- und ein Essbereich mit offener Küche gehörten. Im ganzen Gebäude hatten hohe Glasfronten dominiert, sogar die mit hellem Holz vertäfelte Sporthalle hatte eine komplett verglaste Seite besessen.

Im Gegensatz zu dieser Maßregelvollzugseinrichtung hier gab es in Calw auch keine Gitter vor den Fenstern. Die Architekten hatten das Problem eleganter gelöst – Sicherheitsglas, und über dem obersten Stockwerk eine in den Innenraum des Geländes ragende Dachkonstruktion. Auch Stacheldraht war nirgends zu sehen, stattdessen umgaben meterhohe Plexiglaswände den Außenbereich. Sie verhinderten, dass jemand hinausgelangte, versperrten aber nicht die Sicht auf die Natur.

Mark bewegte die Zehen in den Schuhen und beobachtete, wie eine Frau aus der rechten Villa kam und schnell auf ihn zu-marschierte. Ihr weißer Kittel war offen, die Seiten flatterten beim Gehen um ihren Körper.

Er sah zu, wie sie näher kam, und dachte daran, wie einer seiner Kollegen bei dem Besuch in Calw etwas von Verschwendung von Steuergeldern gemurmelt und hinzugefügt hatte, dass es den Typen hier drin viel zu gut ginge und dass die Gesellschaft in ihrer Humanitätsduselei ausblendete, dass es sich bei den vermeintlichen Patienten um Mörder, Kinderschänder und Drogendealer handelte. Er erinnerte sich noch gut an seine Verblüffung über diese Ansichten. Mit solch einer Grundhaltung war man als forensischer Psychiater ungeeignet, aber der Kollege schien seine Meinung bisher wohlweislich für sich behalten zu haben.

Die Frau war inzwischen herangekommen, stand hinter dem inneren Tor und wartete darauf, dass der Beamte ihr öffnete. Unter dem Kittel trug sie eine graue Hose und einen schwarzen Pullover, unter dem am Halsausschnitt eine zartrosa Bluse hervorlugte. Das blonde Haar war zu einem losen Dutt zusammengezwirbelt. Mit der Stupsnase und den großen blauen Augen sah Agnes French wie ein Püppchen aus. Ein Fremder hätte sie eher für ein Model oder eine Schauspielerin gehalten, nicht jedoch für eine Ärztin, die täglich mit Schwerstkriminellen arbeitete. Jetzt summte das Tor, Mark ging hindurch und ergriff die ausgestreckte Hand. »Da bin ich wieder.«

»Hallo, Mark. Komm rein.« Ihre Finger waren kalt. »Wir haben noch Zeit. Möchtest du erst einen Tee?«

»Gern.« Mark sah zu, wie Agnes French zielsicher den richtigen Schlüssel an ihrem Bund fand und die Tür öffnete, folgte ihr in das Gebäude und wartete, bis sie hinter ihm wieder zugeschlossen hatte. Das Prozedere war immer gleich. Es dauerte schier endlos, sich durch die Gänge und Etagen zu bewegen, weil überall Zwischentüren umständlich geöffnet und wieder verschlossen werden mussten. Für modernere Systeme schien dem Land das Geld zu fehlen.

»Da wären wir.« Agnes French stieß die Tür zu ihrem Büro auf und ließ ihn eintreten. Die Kollegin und er verfuhren bei jedem seiner Aufenthalte gleich – sie tranken zuerst gemeinsam eine Tasse Tee und besprachen ein paar Details, bevor Mark zum Gebäude drei aufbrach; manchmal begleitet von Agnes, die ihre Therapieräume ebenfalls dort hatte.

Fünfzehn Minuten später machten sie sich auf den Weg.

»Schreckliches Wetter heute, nicht?« Agnes French lief schnell über den Hof und rieb sich dabei die Hände. Mark fragte sich, warum sie keine Jacke trug. Er schaute auf die fünf Häuser. An jedem dritten Fenster führte eine Röhre aus Metallgeflecht herab, in der eine eiserne Leiter befestigt war – der Notausgang. Erst im Sommer hatte eine Firma die vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen an den Außenseiten angebracht, weil erst jetzt die Gelder dafür bewilligt worden waren. In jedem Stockwerk befand sich jeweils vor zwei Fenstern ein schmales Podest, das zu den Metallröhren hinführte. Am oberen und unteren Ende waren diese verschlossen – man wollte schließlich nicht, dass die Patienten den »Fluchtweg« zu wörtlich nahmen.

Mark lächelte, bis sein Blick auf eine Gestalt am Fenster im zweiten Stock des linken Gebäudes fiel. Er hätte die bleichen, kindlich wirkenden Gesichtszüge auch aus Hunderten Meter Entfernung wiedererkannt.

Magnus Geroldsen war seit knapp zehn Jahren hier. Doch das grauenhafte Verbrechen, das er mit siebzehn Jahren begangen hatte, würde wohl keiner, der damals damit zu tun gehabt hatte, je vergessen.

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