Das sinnliche Geheimnis eines Gentlemans - Juliana Gray - E-Book

Das sinnliche Geheimnis eines Gentlemans E-Book

Juliana Gray

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Beschreibung

Ein unwiderstehlicher Gentleman – und eine Lady, die genau weiß, was sie will.

Miss Abigail Harewood hat die strengen Vorschriften der feinen Gesellschaft endgültig satt. Sie will ihr Leben nach ihren eigenen Regeln gestalten und sich einen Liebhaber zulegen. Als der Duke von Wallingford vor ihrer Tür steht, glaubt sie, den perfekten Kandidaten gefunden zu haben: Er ist gutaussehend, verwegen und in Liebesdingen sehr erfahren. Ihn zu verführen, erweist sich jedoch als schwieriger als gedacht, denn er hat den Frauen abgeschworen. Aber Abigail gibt nicht auf, und Wallingfords eiserner Wille beginnt zu bröckeln angesichts ihres unwiderstehlichen Charmes und ihrer verlockenden Geheimnisse ...

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Buch

Die junge und unkonventionelle Miss Abigail Harewood hat kürzlich beschlossen, sich noch vor Ablauf des Jahres einen Liebhaber zu suchen. Bei einer Reise nach Italien trifft sie auf einem einsamen Schloss bei Florenz auf den Duke ofWallingford. Als es zwischen den beiden zu einem leidenschaftliche Kuss kommt, ist Abigail sich sicher: Wallingford ist der Richtige für sie. Doch dieser hat fest vor, sich ganz seinen akademischen Studien zu widmen und bis aufWeiteres komplett auf Frauen zu verzichten. Abigail aber ist nicht von ihren Plänen abzubringen und fest entschlossen, den attraktiven Herzog nach allen Regeln der Kunst zu verführen. Zwischen den beiden entspinnt sich ein leidenschaftliches und sinnliches Duell. Da erfährt Abigail, dass über dem Schloss, in dem sie zusammen mit Wallingford wohnt, ein dunkler Fluch lastet – und der kann nur gebrochen werden, wenn ein Lord dort einer Frau seine ewige Liebe schwört …

Autorin

Juliana Gray liebt dunkle Schokolade, Champagner und Dinnerpartys. Sie begann bereits als Kind mit dem Schreiben, meist, wenn ihre Eltern sie in ihr Zimmer verbannten. In ihren Jugendjahren entdeckte sie dann ihre Passion für den historischen Liebesroman, leider hat sie jedoch bisher noch keinen echten Duke getroffen.

Von Juliana Gray bei Blanvalet lieferbar:

Die süßen Lügen einer LadyDie sündige Liebe eines Lords

Juliana Gray

Das sinnliche Geheimniseines Gentlemans

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Ruth Sander

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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem TitelA Duke Never Yields bei The Berkley Publishing Group,published by the Penguin Group, New York.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Dezember 2015bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © der Originalausgabe 2013 by Juliana GrayCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 byVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,unter Verwendung von Motiven von Chris Cocozza und Shutterstock.comRedaktion: Sabine WiermannBS · Herstellung: LWSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-16996-1Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag.www.blanvalet.de

Wie immer den treuen Damen des »Romance Book Club« gewidmet, und insbesondere unserer lieben und geistreichen Abigail, die den Herzog bekommt.

PROLOG

LondonFebruar 1890

Der Duke ofWallingford schätzte es ganz und gar nicht, von einer menschlichen Stimme geweckt zu werden. Weder von der seines Kammerdieners noch von der seiner Geliebten – er blieb niemals die Nacht über bei einer Frau – und ganz gewiss nicht von derjenigen, die soeben an sein Ohr drang.

»Interessant«, sagte der Duke of Olympia zu der lang hingestreckten Gestalt seines ältesten Enkelsohns, »für ein Körperteil, das einen solchen Aufruhr ausgelöst hat, wirkt es augenblicklich recht harmlos.«

Wallingford machte sich nicht die Mühe, die Augen aufzuschlagen. Zum einen, weil er fürchterliche Kopfschmerzen hatte und das Morgenlicht sich bereits tief genug in seinen Schädel bohrte, ohne dass er sich des zusätzlichen Schutzes seiner Augenlider beraubte.

Zum anderen, weil er dem alten Mann die Genugtuung nicht gönnte.

»Wer zum Teufel hat dich hereingelassen?«, fragte er stattdessen.

»Dein Kammerdiener war so freundlich, mir die Tür zu öffnen.«

»Ich werde ihn gleich entlassen.«

Mit laut klappernden Absätzen schritt Olympia über den Holzfußboden zum anderen Ende des Zimmers und riss am letzten noch verdeckten Fenster die Vorhänge auf.

»Sieh mal! Ein wunderschöner Tag. Schau, wie hell die Wintersonne heute Morgen scheint. Das ist zu selten, um es zu versäumen.«

Wallingford legte einen Arm übers Gesicht.

»Fahr zur Hölle, Großvater.«

Der Duke of Olympia seufzte.

»Mein lieber Junge, darf ich dich bitten, vielleicht einen Morgenmantel anzuziehen? Ich bin nicht daran gewöhnt, zu so früher Stunde mit einem unverhüllten männlichen Geschlechtsteil konfrontiert zu werden. Und gewöhnlich bleibt es mir auch zu anderen Zeiten erspart.«

Arthur Penhallow, Duke ofWallingford, neunundzwanzig Jahre alt und schon lange kein Junge mehr, deutete mit dem freien Arm auf die Tür zum Ankleidezimmer.

»Wenn du Anstoß an dem Anblick nimmst, empfehle ich dir, im Schrank nachzusehen, Großvater. Die Morgenmäntel hängen, glaube ich, auf der rechten Seite. Im Winter trage ich am liebsten Kaschmir.«

»Ich kann deiner freundlichen Aufforderung leider nicht nachkommen«, erwiderte Olympia, »aber ich werde nach dem Kammerdiener klingeln. Hast du nie erwogen, ein Nachthemd zu tragen?«

»Darüber werde ich nachdenken, wenn ich fünfundsechzig bin und nicht mehr hoffen kann, dass eine Frau meinem verwelkten Körper zärtliche Aufmerksamkeit schenkt.« Das war nicht ganz fair, denn Wallingford wusste genau, dass die berühmte Lady Henrietta Pembroke, die ihre Liebhaber nicht aus einer bloßen Laune heraus aussuchte, dem Körper seines Großvaters, verwelkt oder nicht, momentan zärtliche Aufmerksamkeit schenkte.

Doch die Gelegenheit war zu verlockend, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen.

»Und dennoch scheint keine Frau dir Aufmerksamkeit irgendwelcher Art zu widmen, mein Lieber.« Olympia legte eine genüssliche Pause ein. »Ganz im Gegenteil sogar.«

»Ach, verschwinde.«

»Was für eine vulgäre Generation meine Kinder hervorgebracht haben. Ah! Shelmerstone. Wie Sie sehen, benötigt Seine Gnaden einen Morgenmantel. Wenn ich mir erlauben darf, darauf hinzuweisen.«

Wallingford hörte, wie die Tür sich hinter seinem Kammerdiener schloss und leise Schritte über den dicken Orientteppich auf das Ankleidezimmer zugingen.

»Shelmerstone«, sagte er, »sobald Sie mich angezogen und rasiert haben, können Sie Ihre Sachen packen und Ihre Stellung aufgeben. Ich möchte nicht vor neun Uhr morgens gestört werden und ganz sicher nicht von einem so unerträglichen Menschen wie meinem Großvater, dem Herzog.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Shelmerstone, der es gewohnt war, jeden Tag mehrmals entlassen zu werden. »Ich habe mir die Freiheit genommen, den grauen Anzug aus extra feiner Wolle herauszulegen, Sir, und Ihren besten Zylinder.«

»Warum zum Teufel? Ich habe nicht vor, heute Morgen in die Kirche zu gehen.«

»Ich habe die Kleidung ausgewählt, die sich am besten eignet, um eine Dame in einer so überaus delikaten Angelegenheit aufzusuchen, Sir.«

Das brachte Wallingford dazu, sich endlich aufzusetzen.

»Welche Dame?«, fragte er, während er die Augen vor dem gnadenlos grellen Morgenlicht schützte. Bildete er sich das nur ein, oder roch an diesem Morgen alles um ihn herum nach schal gewordenem Champagner? »Und in was für einer … delikaten Angelegenheit?« Er schüttelte sich leicht angewidert.

»Ich rede von Madame de la Fontaine.« Mit einem Morgenmantel aus rehbraunem Kaschmir über dem Arm und einem Ausdruck unerschütterlicher moralischer Strenge auf dem Gesicht tauchte Shelmerstone, umweht von einem Hauch Zedernduft, wieder aus den Tiefen des Schrankes auf.

»Ah ja.« Aus reiner Gewohnheit erhob Wallingford sich und erlaubte es seinem Kammerdiener, ihm in den Mantel zu helfen.

Olympia, wie immer tadellos gekleidet in einen eleganten Anzug und Reitstiefel, legte die Hände hinter dem Rücken zusammen und maß seinen Enkel mit seinem vernichtendsten Blick. In seiner Kindheit hatte Wallingford diesen Blick gehasst, denn er verhieß nichts Gutes.

»Es hat keinen Zweck, sich dumm zu stellen, mein Junge. Die ganze Stadt weiß, welchen hübschen kleinen Jux du dir vergangene Nacht erlaubt hast. Würde es dir etwas ausmachen, den Mantel zuzubinden? In meinem Alter bekommt man so leicht Magenbeschwerden.«

Gereizt verhüllte Wallingford sich züchtig.

»Das war kein Jux, Großvater. Zu so etwas lässt ein Duke ofWallingford sich gewiss nicht herab.«

»Shelmerstone«, sagte der Duke of Olympia, ohne die leuchtend blauen Augen auch nur einen Moment von Wallingford abzuwenden, »wären Sie so freundlich, mich kurz mit meinem Enkelsohn allein zu lassen?«

»Selbstverständlich, Durchlaucht.« Der Kammerdiener legte die Rasierseife fort und zog sich geräuschlos zurück.

Wallingford versuchte zu lächeln.

»Nun hältst du mir eine Standpauke, ja?«

Sein Großvater ging zum Fenster, schob den Vorhang noch etwas weiter auf und schaute auf den Wald aus weißen Giebeln hinaus, die den Belgrave Square bildeten. Das Sonnenlicht, das auf sein Gesicht fiel, ließ es weicher wirken, und wenn das silberglänzende Haar nicht gewesen wäre, hätte man ihn ohne Weiteres für zwanzig Jahre jünger halten können.

»Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass du mit dieser Frau schläfst«, sagte er mit der unnatürlich ruhigen Stimme, die er für seine gefährlichsten Angriffe reservierte. »Französische Ehemänner sind in dieser Hinsicht sehr tolerant, und als Diplomat ist Monsieur de la Fontaine sich der Vorteile dieser Liaison sicher bewusst. Aus dem Grunde ehelichen Männer wie er ja so verführerische Frauen.«

Wallingford zuckte die Achseln.

»Er ist immer überaus zuvorkommend gewesen.«

»Ja natürlich. Und im Gegenzug wird erwartet, dass du ein gewisses Maß an Respekt zeigst. Ein Mindestmaß« – an dieser Stelle wurde Olympias Stimme nachdrücklicher, was als Einleitung des eigentlichen Vorwurfs zu verstehen war – »ein Mindestmaß an gutem Benehmen, das dich daran hindern sollte, deinem unberechenbaren Geschlechtstrieb zu folgen und dir eine weitere Abwechslung zu gönnen, während du der offizielle Geliebte Cecile de la Fontaines bist.« Mit funkelnden Augen wandte er sich Wallingford zu. »Noch dazu während ihres eigenen Festes und unter ihrem eigenen Dach. Es ist wohl kaum möglich, sie noch mehr zu demütigen.«

»Ich habe Cecile nie irgendwelche Versprechungen gemacht.« Hastig wappnete Wallingford sich für den bevorstehenden Angriff. Natürlich hatte er einen Fehler begangen; er hatte es bereits gewusst, als er den Akt vollzog – an der Wand des eleganten de la Fontaineschen Wintergartens, recht schnell und angenehm, wenn auch fast betäubt vom Duft der von Cecile so heiß geliebten Orchideen –, und die fragliche Dame (wie zum Teufel hieß sie noch?) so wenig galant einfach stehen zu lassen, war der Gipfel der Dummheit gewesen. Jede Dame, selbst eine, die willens war, an der Wintergartenwand ihrer Gastgeberin mit dem Liebhaber ebenjener Gastgeberin Sex zu haben, legte Wert auf ein wenig Höflichkeit.

Aber wer hätte erwartet, dass sie ihm so öffentlich und so spärlich bekleidet entgegentreten und ihm so viel guten französischen Champagner an den Kopf werfen würde? Sein Haar war noch ganz klebrig davon.

»Nein, natürlich hast du das nicht. Ich hatte auch nichts anderes erwartet«, sagte Olympia mit vor Verachtung triefender Stimme. »Doch es gibt Dinge, die sich von selbst verstehen, wenn man mit einer Frau wie Madame de la Fontaine ins Bett geht, einer ehrbaren Frau von gesellschaftlichem Rang. Eigentlich sogar bei jeder Frau, obwohl ich nicht erwarte, dass du den Anstand hättest, so weit zu gehen.«

Niemand strafte Menschen so gnadenlos mit Verachtung wie der Duke of Olympia. Nun suchte er in dem Schutzwall, hinter dem sein Enkelsohn sich versteckte, wie üblich nach einer Schwachstelle. Doch Wallingford wappnete sich, und als er sicher war, dass sein Großvater bei ihm auf Granit beißen würde, schlenderte er zu einem geschnitzten Bettpfosten und lehnte sich mit gekreuzten Armen daran.

»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, nicht wahr, Großvater?«

»Ich leugne nicht, dass ich viele Frauen gehabt habe«, sagte Olympia. »Und alles in allem eine wesentlich interessantere Auswahl als die, die du angesammelt hast, aber ich habe immer den Anstand gehabt, eine Affäre zu beenden, ehe ich eine andere anfing.«

»Und was ist mit deiner Frau?«

Die hastig hingeworfene Frage hing im bleichen Morgenlicht. Wallingford bereute sie augenblicklich.

Dann begann die goldene Kette der Taschenuhr, die der Duke of Olympia in der geballten Hand hielt, plötzlich im Sonnenschein zu funkeln.

»In Zukunft«, sagte sein Großvater ruhig, »wirst du es vermeiden, Ihre Gnaden in einem so vulgären Kontext zu erwähnen. Hast du mich verstanden?«

»Selbstverständlich.«

»Ich habe mich oft gefragt«, fuhr Olympia fort und lockerte die Faust, »ob eine Ehefrau dich nicht zähmen oder zumindest deine schlimmsten Triebe zügeln könnte.«

»Ich bin doch ganz zahm. Und ich bin ein sehr guter Herzog. Meine Ländereien sind in bester Ordnung, meine Pächter zufrieden …« Wie ein Schuljunge, der sich verzweifelt nach Anerkennung sehnt, dachte Wallingford verärgert.

»Ja, das muss ich dir zugutehalten«, sagte Olympia. »Dein Vater, dieser Taugenichts, hat nicht einmal das geschafft. Ich frage mich oft, wie meine Tochter so dumm sein konnte, ihn zu ehelichen. Er war ein Herzog, gewiss, und attraktiv noch dazu, aber …« Vielsagend zuckte er mit den Achseln.

»Bitte bedenke, dass der Taugenichts, von dem du gerade redest, mein Vater war.«

Olympia nahm die Uhr und öffnete den Deckel.

»Du besitzt eine Fülle von Talenten, mein Junge. Und es betrübt mich, zusehen zu müssen, wie so vielversprechende Anlagen vergeudet werden.«

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte sein Enkelsohn gedehnt. »Aber halte ich dich von einer Verabredung ab? Dann lass doch die Förmlichkeiten, ich bitte dich.«

»Nun gut, ich fasse mich kurz. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Mr. Burke dir einen Vorschlag unterbreitet hat.«

Wallingford verdrehte die Augen und verließ seinen Posten am Bett, um sich in einen Sessel zu fläzen.

»Meinst du etwa diesen verrückten Plan, uns für ein Jahr nach Italien zurückzuziehen, um wie die Mönche zu leben?«

»Du kannst dir nicht vorstellen, dass du zu solcher Enthaltsamkeit fähig wärst?«

Wallingford lehnte den Kopf an den tannengrünen Damast der Sessellehne und lachte.

»Ach, komm, Großvater. Warum sollte ich? Wozu soll das gut sein? Ich habe nie verstanden, warum die Burkes dieser Welt sich so gerne selbst quälen.«

»Nein, hast du nicht? Hast du nie über die besonderen Schwierigkeiten im Leben deines Freundes nachgedacht?«

»Weil er illegitim ist, meinst du?«, fragte sein Enkel.

Wieder entstand eine unheilschwangere Stille, und wieder wünschte Wallingford, er hätte nichts gesagt. Schließlich war Phineas Burke ein feiner Kerl: ein wenig zu groß, zu rothaarig und zu schweigsam für manche, aber ein wirklich genialer Wissenschaftler und ein großartiger Erfinder, der elektrische Batterien und pferdelose Kutschen und ähnliche Dinge so mühelos zusammenbaute wie andere Männer Taschenuhren. Er war in jeder Hinsicht ein Riese. Und überdies frei von der Launenhaftigkeit und der dünnhäutigen Missgunst, dem eitlen Streben und gezierten Gehabe, das gut erzogene Bastarde so oft an den Tag legten. Burke kümmerte sich einfach um seine eigenen Angelegenheiten und scherte sich nicht um die Meinung anderer, und aus genau diesem Grund war er überall gern gesehen. Insgeheim hielt Wallingford ihn für seinen besten Freund, auch wenn man so etwas über seinen eigenen Onkel natürlich nicht öffentlich sagte.

Wirklich, Burke war so charakterfest und klug, so standfest in jeder Krise, dass Wallingford ihm beinah vergeben konnte, Olympias Augapfel zu sein.

»Glaub mir, ich weiß, wie das ist«, sagte sein Großvater sanft. »Du bist immer ein Herzog gewesen oder konntest zumindest täglich damit rechnen, bald den Titel zu erben. Zudem bist du mit einem hübschen Gesicht und einer ansehnlichen Figur gesegnet. Und du hältst diese Dinge für selbstverständlich. Du denkst, du hast alles um dich herum verdient« – eine weite Armbewegung bezog die prächtigen Möbel, die Armee von Bediensteten, die sich geräuschlos jenseits der Wände bewegte, und das feine Pflaster des Belgrave Square draußen vor dem Fenster mit ein –, »dabei ist es dir in den Schoß gefallen wie ein überreifer Pfirsich. Du denkst, du dürftest im Wintergarten deiner eigenen Mätresse mit einer bloßen Bekannten im Stehen verkehren, nur weil du es kannst. Einfach weil du Seine Gnaden, der Herzog von Wallingford bist.«

»Ich gebe ja zu, dass ich Glück gehabt habe. Aber ich sehe keinen Grund, die Früchte, die mir in den Schoß fallen, nicht zu genießen.«

»Früchte? Ist diese Frau, diese Dame aus gutem Hause, ein Mensch aus Fleisch und Blut, für dich nicht mehr als ein Stück Obst?«

Wallingford richtete seine Aufmerksamkeit auf den glatten Ärmel seines Kaschmirmantels und suchte nach einem Fussel, den er lässig herunterwischen konnte, um sein Desinteresse zu zeigen. Doch Shelmerstone war ein viel zu guter Kammerdiener, um es irgendwelchen Fusseln zu gestatten, den makellosen herzoglichen Ärmel zu verunzieren, sodass Wallingford nichts anderes übrig blieb, als eine imaginäre Fluse in die staubfreie Luft zu befördern.

»Ich glaube mich zu erinnern«, sagte er, »dass die besagte Dame sich gut amüsiert hat.«

»Ach ja?«, erwiderte Olympia kühl. »Ich fürchte, ich bezweifle, dass du es bemerkt hättest, wenn es anders gewesen wäre. Jedenfalls habe ich beschlossen, dass dieser ganze Unsinn nun weit genug gegangen ist. Du bist neunundzwanzig und ein Herzog. Trotz meines Bedauerns muss ich von dir verlangen, dass du Burkes Vorschlag, so erbaulich er auch sein mag, nicht annimmst und deine Aufmerksamkeit stattdessen auf eine baldige Heirat lenkst.«

Wallingford, der glaubte, sich verhört zu haben, schaute auf.

»Heirat?«, fragte er in einem Tonfall, in dem er wohl auch Kastration gesagt hätte. »Hast du gerade Heirat gesagt?«

»Ganz genau.«

»Bist du wahnsinnig?«

Olympia streckte die Hände aus.

»Du wirst doch sicher einsehen, dass es nötig ist.«

»Ganz und gar nicht. Wir haben doch noch Penhallow. Er würde einen außergewöhnlich gut aussehenden Herzog abgeben, falls ich heute Abend beim Essen das Pech hätte, an einem Hühnerknochen zu ersticken.«

»Dein Bruder hat kein Interesse an deinem Titel.«

Wallingford stellte fest, dass ihm ganz plötzlich die Geduld ausging. Empört sprang er auf.

»Ist das nun endlich des Pudels Kern? Ist das der Grund, warum du heute Morgen hergekommen bist? Um mich zum Zuchthengst zu machen? Um dafür zu sorgen, dass ich einen neuen Herzog zeuge? Das ist wohl alles, wozu ich in deinen Augen tauge, nicht?«

»Mein lieber Junge«, sagte Olympia, »hat irgendetwas an deinem bisherigen Lebenswandel je darauf hingedeutet, dass du zu etwas anderem nützlich sein könntest?«

Wallingford wandte sich dem Tablett mit dem Kaffee zu und schenkte sich eine Tasse ein. Ohne Milch und Zucker. Das Gebräu sollte so finster sein wie seine Stimmung. Ihm eine Heirat vorzuschlagen, also wirklich.

»Ich habe viele Talente, Großvater, falls es dir jemals aufgefallen sein sollte.«

Abfällig wedelte Olympia mit der Hand.

»Sei doch nicht kindisch, mein Junge. Immerhin brauchst du dich nicht mehr mit der lästigen Brautschau zu befassen. Da ich dich schon sehr lange und sehr gut kenne, habe ich dir die perfekte Braut bereits ausgesucht.«

Wallingford, der gerade dabei war, die Tasse an die Lippen zu führen, ließ sie stattdessen mit einem dumpfen Knall auf den Teppich fallen. Er war so überrascht, dass er sich nicht die Mühe machte, sie wieder aufzuheben.

»Du hast mir eine Braut ausgesucht?«, wiederholte er entsetzt, während er sich an die Untertasse klammerte wie an einen Rettungsring.

»So ist es. Ein reizendes Mädchen. Du wirst sie hinreißend finden, das verspreche ich dir.«

»Ich bitte um Verzeihung. Bin ich vielleicht eingeschlafen und zweihundert Jahre früher wieder aufgewacht?«

Olympia klopfte auf seine Manteltasche und zog einen kleinen, ledernen Kalender heraus.

»Nein«, sagte er, nachdem er ein paar Seiten studiert hatte. »Nein, wir haben immer noch Februar 1890. Gott sei Dank, denn ich habe heute sehr viele Verabredungen, und ich würde nur sehr ungern so lange warten, um ihnen nachzukommen. Wenn es dir recht ist, Wallingford, werde ich die junge Frau mit ihrer Familie einladen, wenn sie Ende März wieder in der Stadt ist. Ein intimes Abendessen wäre das Beste, denke ich. So könnt ihr euch näher kennenlernen.« Er blätterte noch ein paar Seiten um. »Eine Hochzeit um Mittsommer herum wäre ideal, meinst du nicht? Wenn die Rosen blühen und so weiter?«

»Bist du verrückt geworden?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Aber nun muss ich los. Ich schicke Shelmerstone wieder herein. Sicher steht er direkt hinter dem Schlüsselloch. Ach, und Wallingford?«

»Ja?« Sein Enkel war zu benommen, um etwas anderes zu sagen.

»Versuch doch bitte, dich bis dahin nicht noch einmal in einen Skandal verwickeln zu lassen, ja? Die Queen findet das nicht amüsant, ganz und gar nicht. Oh, fast hätte ich’s vergessen! Orchideen.«

»Orchideen?«

»Orchideen für Madame de la Fontaine. Anscheinend sind das ihre Lieblingsblumen.«

Dann entschwand der Besucher mit dem eleganten Anzug und dem silbernen Haar eilig, und Wallingford starrte die Tür an, als wäre sie das Tor zur Hölle.

Was zum Teufel war in den alten Mann gefahren? Bisher hatte er das Wort Heirat nie erwähnt, und mit einem Mal redete er von Bräuten, Hochzeiten und verdammten Rosen, wenn es dir recht ist! Wallingford schaute auf seine Hand hinunter und sah, dass sie zitterte.

Leise öffnete sich die Tür in gut geölten Angeln.

»Es wäre dann alles zur Rasur bereit, Sir«, sagte Shelmerstone, bevor er kaum merklich nach Luft schnappte, denn er hatte den Kaffeefleck gesehen, der langsam in den unbezahlbaren Teppich einzog, umkränzt von einem hübschen Ring aus braunen Streifen, an deren Ende letzte winzige Tropfen schimmerten, die noch nicht in die fest gewebte Wolle eingedrungen waren. Unverzüglich riss der Kammerdiener eine Leinenserviette vom Kaffeetablett und fiel auf die Knie, um zu tupfen, und ging in seiner tiefen Trauer sogar so weit, ein vorwurfsvolles Sir! zu äußern.

Wallingford setzte die Untertasse ab.

»Ich bitte um Verzeihung, Shelmerstone. Aber Seine Gnaden hat mir einen furchtbaren Schreck eingejagt.«

»Inwiefern, Sir?«, fragte der Kammerdiener mit einem unterdrückten Schluchzen.

»Er hat von Heirat gesprochen«, sagte der Herzog und fügte erklärend hinzu: »Der meinigen.«

Eine entsetzte Pause entstand.

»Aber Sir.«

»Ja. Es ist beängstigend. Er hat die Braut, das Datum und die verdammten Blumen bereits ausgesucht. Und ich schätze, er hat sich auch schon für ein Kleid entschieden und es selbst mit Perlen bestickt, Gott möge ihn strafen.«

Shelmerstone räusperte sich. Er war kreidebleich, entweder wegen des Kaffeeflecks oder wegen der Hochzeit oder einer Kombination aus beidem. Mit Grabesstimme fragte er:

»Und wie heißt die Glückliche, Sir?«

Wallingford kniff die Augen zusammen.

»Ich glaube … der Name war … Großer Gott. Wissen Sie was, Shelmerstone? Ich glaube, er hat es nicht einmal für nötig befunden, ihn mir mitzuteilen.«

»Aber Sir.«

»Nicht, dass das irgendeine Rolle spielte. Denn ich werde selbstverständlich nicht heiraten. Ich werde meinem Großvater ganz genau sagen, wohin er sich seine arrangierte Ehe stecken kann.« In dem riesigen Schlafzimmer klangen seine Worte hohl, und das war ihm bewusst. Zudem konnte er förmlich hören, was Shelmerstone dachte, während er sich über den Kaffeefleck beugte.

Ha. Das würde ich zu gerne sehen. Niemand kommt gegen diesen vermaledeiten Duke of Olympia an, wenn er sich eine von seinen Ideen in den Kopf gesetzt hat.

»Ich glaube, ich hole das Natron«, sagte Shelmerstone matt und stand auf.

Wallingford ließ sich wieder in den Sessel fallen und sah sich mit leerem Blick um. Das vertraute Zimmer, das trotz seiner Größe so etwas wie gediegene Behaglichkeit ausstrahlte, war frei von unnötigem Schnickschnack und Blumen, dafür stapelten sich auf dem Nachttisch seine Lieblingsbücher, und ein alter Single Malt Whisky stand griffbereit. Allein die Vorstellung, dass eine Frau dieses Heiligtum betreten könnte, machte ihn nervös.

Nein. Nein, das konnte nicht sein. Nicht einmal der Duke of Olympia würde so etwas wagen.

Gewiss, er hatte im letzten halben Jahrhundert mehr als einem Premierminister zu seinem Amt verholfen. Und die Queen selbst hatte, wie man wusste, eine oder zwei ihrer bekanntermaßen festgefassten Meinungen geändert, nachdem sie sich eine Stunde allein mit Seiner Gnaden unterhalten hatte.

Und dann war da noch diese Reise nach Russland, unternommen mit seiner eigenen Dampfyacht, bei der er dem Zaren alles andere als undeutlich klargemacht hatte …

Großer Gott.

Wallingford beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Es musste einen Ausweg geben.

Er spreizte die Finger und schaute hindurch. Der Geruch des verschütteten Champagners, der noch in seinem Haar hing, stieg ihm in die Nase und reizte seinen Magen. Champagner. Orchideen. In seinem Gehirn schwappten die Erinnerungen an die vergangene Nacht durcheinander: die heftige Vereinigung, banal und schäbig, in kaum zwei Minuten erledigt, und dann der bittere Nachgeschmack, als er sich mit dem Taschentuch abgetrocknet und das gerötete Gesicht und den wogenden Busen der Dame betrachtet hatte, ohne sich an ihren Namen erinnern zu können.

Er brauchte mehr Kaffee. Er brauchte …

Etwas in dem Bücherstapel auf dem Nachttisch, auf dem auch das Kaffeetablett stand, erregte seine Aufmerksamkeit. Etwas, das nicht hineinpasste.

Als wäre er angestoßen worden, begann es in seinem Hinterkopf zu arbeiten. Es fühlte sich … fast so an … als käme ihm …

Eine Idee.

Wallingford stand auf, ging zum Nachttisch und hob die drei Bücher hoch, die zuoberst lagen.

Da war es, unter dem Dickens, auf dem Carlyle. Eine zusammengefaltete Zeitung, einen Monat alt, deren Ecken unter dem gnadenlosen Einfluss von Sauerstoff bereits zu vergilben begannen.

Wallingford nahm sie und glättete die Seiten. Da, mit schwarzer Tinte eingekreist, die Druckschrift so frisch wie an dem Tag, als Phineas Burke sie ihm im Frühstückszimmer überreicht hatte, stand die Anzeige:

Englische Lords und Ladys sowie Gentlemen mit anspruchsvollem Geschmack könnten sich für die einmalige Gelegenheit interessieren, ein überaus prächtiges Schloss samt umliegendem Besitz zu mieten, das in den idyllischen Hügeln der Toskana liegt, dem Land, in dem stets die Sonne scheint. Der Eigentümer, ein Mann tadelloser Herkunft, dessen Ahnen das Schloss seit den Zeiten der Medicis gegen alle Angriffe verteidigt haben, hat dringende Geschäfte zu erledigen und bietet an, dieses einzigartige Objekt für einen ungewöhnlich günstigen Preis für ein Jahr an anspruchsvolle Reisende zu vermieten. Interessenten sollten sich an den Londoner Agenten …

Ein Jahr, hatte Burke vorgeschlagen. Ein Jahr des Lernens und Nachdenkens, ungestört von den Ablenkungen durch das moderne Leben und das weibliche Geschlecht. Vor vier Wochen, als er den anfänglichen Schock überwunden hatte, dass ein geistig und körperlich gesunder Mann im Vollbesitz seiner jugendlichen Kräfte überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen konnte, hatte Wallingford über die Idee gelacht.

Ein Jahr, ohne dass der Duke of Olympia ihn mit Bräuten und Hochzeiten im Juni zusetzte. Ein Jahr – es musste gesagt werden – ohne die Vorwürfe, die Cecile de la Fontaine mit ihrem unberechenbaren französischen Temperament ihm sicherlich machen würde.

Ein Jahr ohne all die Versuchungen, denen ein Herzog ausgesetzt war. In einem abgelegenen Schloss in Italien, wo niemand ihn kannte und keiner jemals vom Duke ofWallingford gehört hatte.

Wallingford legte die Zeitung so schwungvoll auf die Bücher zurück, dass die obersten Bände überrascht zu Boden fielen. Dann schenkte er sich eine Tasse Kaffee ein, stürzte sie in einem einzigen brennenden Zug herunter und streckte die Arme zur Decke empor.

Ja, das war genau das Richtige. Einmal etwas anderes sehen als das graue langweilige London. Er konnte eine Abwechslung gebrauchen, denn schon lange vor seinem unentschuldbaren Verhalten in der vergangenen Nacht und lange vor Olympias unerwünschtem Besuch am Morgen hatte er sich unzufrieden und rastlos gefühlt.

Ein Jahr mit seinem Bruder und seinem engsten Freund, beides nette Kerle, die sich nicht in sein Leben einmischten. In der Toskana, dem Land mit dem immerwährenden Sonnenschein. Wein im Überfluss und gutes Essen, und sicher gab es dort, wenn unbedingt nötig, auch ein verschwiegenes Mädchen aus dem Dorf.

Was konnte dabei schon schiefgehen?

EINS

Dreißig Meilen südöstlich von FlorenzMärz 1890

Im Alter von fünfzehn Jahren hatte Miss Abigail Harewood ihre Mutter begraben und war nach London gefahren, um bei ihrer älteren Schwester zu wohnen, der gefeierten jungen Marchioness of Morley und ihrem altersschwachen Mann, dem Marquis.

Innerhalb einer Woche hatte Abigail beschlossen, dass sie niemals heiraten würde.

»Ich werde niemals heiraten«, sagte sie zu dem Stallburschen, während sie ihm half, die nassen Pferde mit Decken trockenzureiben, »aber ich würde mir gern einen Liebhaber nehmen. Schließlich bin ich gerade dreiundzwanzig geworden, und es wird höchste Zeit, meinst du nicht?«

Der Stallbursche, der nur einen lokalen toskanischen Dialekt sprach, zuckte die Schultern und lächelte.

»Das Problem ist, dass ich keinen passenden Kandidaten finden kann. Du ahnst nicht, wie schwierig es für ein unverheiratetes Mädchen ist, einen Liebhaber zu bekommen. Jedenfalls einen, mit dem man tatsächlich gern ins Bett gehen möchte. Ich wage zu behaupten, dass Harry Stubbs aus dem Pub unten die Aufgabe gern übernehmen würde; aber weißt du, er hat keine Zähne. Zumindest keine echten.«

Wieder lächelte der Stalljunge, und selbst im Laternenschein war zu sehen, dass seine Zähne blendend weiß waren.

Abigail legte den Kopf schief.

»Sehr hübsch«, sagte sie, »aber ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen würden. Da es so schwierig ist, einen Liebhaber zu finden, hätte ich gern einen, den ich für mindestens einen oder zwei Monate behalten kann, und meine Schwester und ich werden dieses gastliche Haus schon morgen verlassen, sobald der Regen nachlässt.«

Der Stallbursche gab dem Pferd einen letzten Klaps und streckte sich, um die Decke zum Trocknen über einen Balken zu hängen. Abigail hätte natürlich italienisch mit ihm reden können, auch wenn sein Dialekt mit der klassischen Version, die sie fließend sprach, nicht ganz übereinstimmte, doch im Grunde war es viel leichter, mit Menschen zu sprechen, wenn sie einen nicht verstehen konnten.

Als der Bursche die Decke über den Balken legte, zeichneten sich seine Armmuskeln unter dem Wollhemd ab. Er war wirklich ein strammer Kerl. Und dazu dieses außergewöhnliche Haar: kohlrabenschwarz und glänzend, ein wenig zu lang und ganz leicht gelockt. Genauso, wie man es sich bei einem italienischen Stallburschen wünschte. Nachdenklich ließ Abigail die Hände auf ihrer Decke ruhen.

»Entschuldige«, sagte sie, »darf ich dich vielleicht um einen Kuss bitten?«

Der Bursche ließ die Arme sinken und sah sie verständnislos an.

»Che cosa, Signorina?«

»Weißt du, ich habe an meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag beschlossen, dass ich mir vor Ende des Jahres einen Liebhaber nehme, und auch, dass ich die Suche so wissenschaftlich wie möglich anlege. Schließlich kann man bei seinem ersten Liebhaber nicht wählerisch genug sein.« Abigail lächelte ihn so freundlich an, als verstünde er, wovon sie redete. »Ich habe die Mädchen und die Haushälterin gefragt – nur die Frauen, weißt du, aus naheliegenden Gründen –, und sie waren einhellig der Meinung, dass der Kuss der entscheidende Faktor sein sollte.«

Auf der Stirn des Stalljungen erschienen Falten so tief wie Ackerfurchen.

»Che cosa?«, fragte er wieder.

»Der Kuss ist eine Art Test, mit dem man herausfindet, was der Partner kann, verstehst du? Ob er zärtlich, geduldig, raffiniert oder einfühlsam ist. All das kann man, wie die Mädchen sagen, schon am ersten Kuss erkennen. Und weißt du was?« Sie beugte sich vor.

»Signorina?«

»Sie hatten recht!« Abigail ließ ihre Decke am Hinterteil des Pferdes herunterrutschen und reichte sie dem Burschen. »Ich habe zwei von den Dienern geküsst, und den jungen Patrick im Stall, und die Unterschiede in Temperament und Technik waren erstaunlich! Überdies war die Art, wie die Männer geküsst haben, jedes Mal ganz genauso, wie ich es anhand ihres Charakters vermutet hatte.«

Verwirrt nahm der Stallbursche ihr die Decke ab.

»Ja, und deshalb dachte ich, dass du vielleicht so freundlich sein könntest, mich ebenfalls zu küssen, zur gründlichen Abrundung meiner Erfahrung. Würde es dir etwas ausmachen?«

»Signorina?« Der Junge stand mit der Decke in der Hand da und sah sie misstrauisch an. Eine schwankende Laterne in der Nähe seines Kopfes ließ sein dichtes schwarzes Haar verführerisch glänzen. Das Pferd neben Abigail stampfte mit einem Huf auf und schnaubte laut.

»Ich möchte einen Kuss«, sagte sie. »Un bacio.«

Das Gesicht des Jungen leuchtete auf.

»Un bacio! Si, si, Signorina.«

Rasch warf er Abigails Decke neben seiner über den Balken, nahm sie bei den Schultern und drückte seine Lippen auf ihre.

Es war ein wirklich schöner Kuss. Voller Begeisterung nahm er sie in die Arme und weidete sich mit seinen vollen Lippen an ihr, als hätte er seit Monaten kein Mädchen mehr geküsst. Er roch nach Stroh und Pferd, schönen, warmen Stalldüften, und schmeckte überraschenderweise nach süßem Brot.

Welch ein Glück.

Doch als sich seine Zunge in Abigails Mund schieben wollte, zog sie sich ganz plötzlich zurück. Die Augen dunkel vor Verlangen sah der Junge auf sie herab.

»Vielen Dank«, sagte Abigail. »Das war wirklich sehr schön. Ich nehme an, du gehörst zu denen, die es eilig haben, oder?«

»Che cosa?«

Sie entschlüpfte seinen Armen und tätschelte ihm freundlich den Ellbogen.

»Du bist ein lieber Kerl«, sagte sie. »Und ich verspreche dir, dass ich dich nie vergessen werde. Jedes Mal, wenn ich mich an unser Jahr in Italien erinnere, werde ich an dich denken, und an diesen zauberhaften, äh, Stall. Was für ein großartiger Start ins Abenteuer, nur etwas nass.«

»Signorina …«

Abigail wechselte ins Italienische.

»Was das andere Pferd angeht, es heißt Angelica. Ein liebes Tier, aber du musst aufpassen, manchmal beißt es, und achte darauf, dass es genug Hafer bekommt.«

»Hafer?« Der Junge schien erleichtert zu sein, dass sie seine Sprache sprach, wenn auch nicht seinen Dialekt.

Abigail griff nach ihrem Schal und legte ihn um die Schultern. Der Regen trommelte so laut auf das Dach, dass er ihre Worte fast übertönte.

»Ich kann leider nicht länger bleiben. Meine Schwester und meine Cousine warten schon seit einer halben Stunde auf mich, und Alexandra mag es nicht, wenn ich zu sehr nach Stall rieche. Meine Schwester ist eine sehr feine Lady.«

»Die … die große Dame … sie ist Ihre Schwester?«

»Ja, das wundert mich auch. Sie ist eine Marquise, aber ihr Mann, der Marquis, ist vor zwei Jahren gestorben, Gott möge seiner Seele gnädig sein. Vielleicht hast du ja auch meine Cousine Lilibet gesehen. Sie ist eine Countess, wunderschön und tugendhaft, und reist mit ihrem kleinen Jungen. Sie würde nie in einem Stall einen Mann küssen; nein, ganz sicher nicht. Aber nun muss ich gehen.«

»Signorina … ich werde Sie nicht wiedersehen?« Die Stimme des Burschen schwankte.

»Nein, tragischerweise nicht. Aber da du in einem Gasthof arbeitest, bist du an herzzerreißende Abschiede sicherlich gewöhnt, oder?« Abigails Blick fiel auf eine Ecke, in der ein riesiger Kasten stand, der mit dicken Wolldecken abgedeckt war. »Was ist das?«, fragte sie in Englisch.

»Das?«, wiederholte der Junge niedergeschlagen in Italienisch. »Das ist nur die Maschine, die dem englischen Gentleman gehört.«

»Hier wohnt ein englischer Gentleman?«

»Oh ja. Sie sind eine Stunde vor Ihnen gekommen, drei Gentlemen, große englische Lords, und haben das … das …« Dem Burschen fehlten die Worte, deshalb redete er mit den Händen. »Signorina, Sie wollen nicht bleiben?«, bat er.

»Nein, nein.« Abigail machte ein paar Schritte auf den Kasten zu. »Was ist das, was meinst du?«

»Das? Was interessiert mich das? Mein Herz ist gebrochen.«

»Es wird schon wieder heilen, da bin ich sicher. Die Reisesaison hat doch gerade erst begonnen.« Abigail fasste nach der Ecke einer Decke und hob sie an.

Hinter ihr ertönte ein Schluchzen.

»Sieh an«, murmelte sie in Englisch. »Was haben wir denn da?«

Der Duke ofWallingford, der nie ein sanftmütiges Naturell gehabt hatte, begann innerlich zu knurren wie ein gereizter Terrier. Nein, nicht wie ein Terrier. Er kochte wie ein Drache, ein ausgewachsener, feuerspeiender Drache, was für einen Herzog auch viel passender war.

Schlimm genug, dass der Zug von Paris nach Mailand seinen privaten Waggon nicht hatte mitnehmen können, sodass er und seine beiden Reisegefährten gezwungen gewesen waren, mit äußerst ungehobelten Menschen und abscheulichem Sherry in einem gewöhnlichen Erste-Klasse-Wagen zu fahren. Schlimm genug, dass das Hotel in Florenz ein Loch in seinem alten Dach gehabt hatte, sodass sie mitten in der Nacht die Zimmer wechseln mussten und auf einer Etage gelandet waren, die viel zu nah an den geschäftigen Straßen unten gewesen war. Schlimm genug, dass es auf dem letzten Abschnitt der Reise von Florenz zum Castel Sant’Agata in Strömen geregnet hatte und die Brücke weiter vorn überflutet worden war, sodass sie wider Willen mit diesem … diesem Gasthaus der rustikalsten Sorte vorliebnehmen mussten, das nicht nur mit stinkenden Reisenden und schalem Ale, sondern auch – unglaublicher Gipfel der Frechheit – mit der unerträglichen Dowager Marchioness of Morley und ihrer buckligen Verwandtschaft aufwartete.

Die soeben nichts Geringeres von ihm verlangte, als ihrer Reisegruppe seine Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Die Marchioness of Morley. Er hatte sie einmal geküsst, fiel ihm ein, vor langer Zeit, bei einem Ball in London, als sie noch Debütantin gewesen war und sich hätte hüten sollen, mit einem Herzog, der als notorischer Schürzenjäger bekannt war, in eine dunkle Ecke zu gehen. Vielleicht hatte sie es ja sogar besser gewusst. Immerhin hatte sie ihn mit einem für eine Neunzehnjährige recht wissenden Blick angesehen.

Und nun sah sie ihn wieder an, mit diesen warmen braunen Augen, die leicht schräg standen wie die einer höchst zufriedenen Katze und ihr Bestes taten, um flehentlich auszusehen, während sie vor ihrer makellosen Taille die Hände rang.

»Hören Sie, Wallingford, ich bin wirklich auf Ihren Großmut angewiesen. Sicher verstehen Sie unsere Notlage. Ihre Zimmer sind sehr viel größer – geradezu luxuriös –, und es sind zwei! Sie können doch wirklich nicht guten Gewissens …« Sie unterbrach sich und schaute nachdenklich zu Wallingfords Bruder hinüber. »Mein lieber Penhallow. Denken Sie nur an die arme Lilibet, die womöglich auf … einem Stuhl schlafen muss. Zusammen mit all diesen Fremden.«

Das sah der Dame ähnlich, Nutzen aus der jugendlichen Begeisterung zu ziehen, mit der der arme Roland für ihre Cousine Elizabeth, nunmehr Countess of Somerton, schwärmte: eine Schönheit mit Pfirsichwangen, die verführerischste aller Sirenen. Was für ein Pech, dass Lord Roland Penhallows längst verlorene Liebe in diesem gottverlassenen italienischen Gasthaus wieder auftauchte, bereit, sein weiches Herz erneut zu erobern.

Wenn es wirklich nur Pech war.

Auch Burke neben ihm schien die Bedrohung zu spüren. Er räusperte sich unheilverkündend, ehe Roland etwas erwidern konnte.

»Haben Sie denn nicht daran gedacht, im Vorhinein Zimmer zu reservieren, Lady Morley?«

Die Marquise nahm Burke ins Visier ihres katzenäugigen Blickes, musste aber weit, weit nach oben schauen, ehe sie sein Gesicht fand.

»Doch das habe ich, Mr. …« Sie hob die Brauen auf diese hochmütige Art, die von der ganzen feinen Gesellschaft in London gefürchtet wurde. »Es tut mir schrecklich leid, mein Herr, aber ich fürchte, ich habe Ihren Namen nicht verstanden.«

Wallingford lächelte. »Ich bitte um Entschuldigung, Lady Morley. Wie ungehörig von mir. Ich habe die große Ehre, Ihnen Mr. Phineas Fitzwilliam Burke von der Royal Society vorstellen zu dürfen, womöglich sind Sie ja bei Ihren philosophischen Studien gelegentlich auf seinen Namen gestoßen.«

»Ihr Diener, Madam«, sagte sein Onkel. Er klang alles andere als eingeschüchtert. Er war ein Fels, dieser Burke, trotz seines roten Haarschopfs und seiner unnatürlichen Größe. Er stand in dem geschäftigen Schankraum des Gasthofs, als wäre er in seiner Werkstatt, Herr und Meister über alles um ihn herum.

Das hatte er von Olympia geerbt, dachte Wallingford stolz.

»Burke«, sagte Lady Morley, dann weiteten ihre Augen sich einen Moment. »Phineas Burke. Natürlich. Von der Royal Society. Aber ja. Jeder kennt Mr. Burke. Ich habe … in der Times, letzten Monat … Ihren Aufsatz über einen elektrischen … einen von diesen neumodischen …« Sie sammelte sich.

»Ich wollte sagen, dass wir selbstverständlich Zimmer reserviert hatten. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich schon vor einigen Tagen telegrafiert. Aber wir sind in Mailand aufgehalten worden. Das Kindermädchen des Jungen war krank, und ich nehme an, dass unsere Nachricht den Wirt nicht rechtzeitig erreicht hat.« Sie richtete den verärgerten Blick auf den Gastwirt, der devot neben ihr stand.

Wallingford öffnete bereits den Mund, um ein herzogliches Machtwort zu sprechen, doch ehe er für seine kleine Ansprache die passende Mischung aus Ironie und Autorität gefunden hatte, erklang die freundliche Stimme seines Bruders, der voll hündischer Ergebenheit leichten Herzens die Festung übergab, noch bevor Lady Somerton auf dem Kampfplatz erschienen war.

»Schluss mit dem Theater«, sagte Lord Roland Penhallow, der bis in die goldbraunen Haarspitzen vor Freude zu glühen schien. »Es würde uns nicht im Traum einfallen, Ihnen und Ihren Freundinnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, Madam. Nicht einmal eine Sekunde lang. Ist es nicht so, Wallingford?«

Der Herzog verschränkte die Arme. Sie waren erledigt.

»Ja, leider.«

»Burke?«

»Ach, zum Teufel«, murmelte der Wissenschaftler. Er wusste es auch.

Roland ließ seine haselnussbraunen Augen auf diese lächerliche Weise strahlen, die die schwachköpfige weibliche Hälfte der Menschheit aus unerklärlichen Gründen unwiderstehlich fand.

»Sehen Sie, Lady Morley? Wir sind völlig einverstanden und froh und so weiter. Ich finde, Burke sollte das kleine Zimmer oben nehmen, denn er ist ein äußerst langweiliger, misanthropischer Zeitgenosse, und mein Bruder und ich« – mit einer ausholenden Armbewegung deutete er auf die dunklen Tiefen des Schankraums – »machen es uns natürlich gern hier unten gemütlich. Wäre Ihnen das recht?«

Lady Morley schlang die Hände zu einem eleganten Ziegenlederknoten.

»Sie sind ein Schatz, Penhallow. Ich wusste, dass Sie uns helfen würden. Ich bin Ihnen furchtbar dankbar, mein Lieber; Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich über Ihr großzügiges Angebot freue.« Sie wandte sich wieder an den Wirt.

»Haben Sie verstanden. Comprendo? Sie können das Gepäck des Herzogs von oben herunterholen und unsere Koffer hinaufbringen. Ah! Cousine Lilibet! Da bist du ja endlich. Ist mit dem Gepäck alles in Ordnung?«

Wallingford drehte sich um.

Da in der Tür stand sie, die Ursache für ihre Schwierigkeiten, die liebreizende, tugendhafte und unglaublich schöne Countess of Somerton. Machte es irgendetwas aus, dass sie diesen widerlichen Grafen geheiratet hatte? Machte es irgendetwas aus, dass ihr kleiner Sohn, der sichtbare Beweis für ihre sexuelle Vereinigung mit ebendiesem Grafen, sich an ihre Hand klammerte? Natürlich nicht. Roland richtete seinen schmachtenden Blick auf sie, und alles fiel in sich zusammen: der ganze Plan, sich ein Jahr in die toskanischen Hügel zurückzuziehen, ohne von Gerüchten oder dem Duke of Olympia gestört zu werden. Roland würde einen Narren aus sich machen und die Geschichte würde in London publik werden und nicht einmal eine Woche später würde der Herzog von Olympia vor der Tür des Castel Sant’Agata stehen – mit Wallingfords zukünftiger Braut an der Hand.

Lady Somerton knöpfte dem Jungen den Mantel auf und sagte irgendetwas über das Gepäck zu Lady Morley. Dann richtete sie sich graziös wieder auf und begann, den eigenen Mantel aufzuknöpfen.

Roland, der ihr gebannt dabei zusah, entfuhr ein Laut, der sich wie ein Hecheln anhörte.

»Um Himmels willen«, brummte Wallingford.

»Darf ich davon ausgehen, dass die zwei sich kennen?«, fragte Burke trocken.

Wallingford stieß seinen Bruder heftig in die Rippen.

»Gleich fängst du an zu sabbern wie ein liebeskranker Köter«, fing er an, unterbrach sich dann aber, denn hinter Lady Somertons kerzengeradem, dunkelwollenem Rücken war eine Gestalt aufgetaucht.

Wallingford konnte später nicht sagen, warum die junge Dame ihn so beeindruckt hatte. Er hätte auch nicht sagen können, ob sie schön war oder nicht. Sie war einfach hereingeschwebt, die zarten Züge glänzend vom Regen, mit einem Leuchten im Gesicht und in den Augen: wie eine Fee, eine Elfe, die vor Energie zu sprühen schien.

Reglos stand Wallingford im Stimmengewirr, das ihn umschwirrte.

Die Erscheinung blieb kurz neben Lady Somerton stehen und schüttelte ganz leicht den Kopf, sodass ein feiner Regenschauer von der Krempe ihres Huts rieselte. Dann schaute sie sich um, und einen unbeschreiblichen, endlosen Moment dachte er, sie suche nach ihm, dass dieses geheimnisvolle Geschöpf nur aus einem Grund in diesen abgelegenen italienischen Gasthof gekommen sei – um ihn zu entdecken.

Doch sie sah nicht ihn an, sondern irgendetwas zu seiner Linken, bei dessen Anblick ihr Gesicht, wenn das möglich war, noch heller aufleuchtete. Eilig ging sie direkt auf Lady Morley zu und sagte mit sehr menschlicher, aufgeregter Stimme:

»Alex, Darling, du wirst mir nicht glauben, was ich in den Ställen gesehen habe!«

Alex, Darling?

Die Worte brachten Wallingford wieder zur Besinnung. Erschrocken starrte er erst Lady Morley und dann das Mädchen an. Die Marquise krauste die Nase und sagte irgendetwas über Ställe, wobei sie dem Mädchen den Mantel aufknöpfte und es sehr vertraut mit Abigail anredete. Die zwei wandten ihm das Profil zu, das sich vor dem goldenen Schein des Feuers deutlich abzeichnete, so konnte er sehen, dass die gerade Nase und das feste kleine Kinn bei beiden genau gleich war. Und als Lady Morley dem Mädchen den Hut abnahm, kam eine kaum zu bändigende, kastanienbraune Haarpracht zum Vorschein, die genau den gleichen Farbton wie ihr eigenes Haar hatte.

Alex, Darling.

Burke klopfte ihm auf die Schulter und sagte irgendetwas von Hinsetzen für das Abendessen.

»Ja, natürlich«, brummte Wallingford und ließ sich auf die Bank zurückfallen. Seine Gedanken jagten sich.

Lady Morleys Schwester. Diese zarte Fee, diese süße Elfe, dieses unwirkliche Wesen war Lady Morleys kleine Schwester.

Er war verloren.

Abigail Harewood saß mit untergeschlagenen Beinen in einem grässlichen gelb-grünen Sessel mit Paisley-Muster, der in einer Ecke des Schlafzimmers stand, und betrachtete ihr Skizzenbuch.

Nicht, dass sie vorgehabt hätte, irgendetwas zu zeichnen. Nicht, dass sie überhaupt viel gezeichnet hätte, während ihrer Reise nach Italien, trotz bester Absichten und der vagen Vorstellung, dass es randvoll sein würde mit idyllischen Bildern von riesigen Berggipfeln und grobgeschnittenen Bauerngesichtern. Nein, in dem Skizzenbuch, das in ihrem Schoß lag, waren fast alle Seiten noch leer, abgesehen von einer nicht zu Ende gebrachten Bleistiftzeichnung der Kathedrale in Mailand (gescheitert an den kunstvollen Wasserspeiern) und dem unberührten Blatt vor ihr, auf dem nur zwei Worte standen: La stalla.

»Philip, mein Schatz«, sagte Lilibet auf der anderen Seite des Zimmers, »hör bitte auf, deinen Schlafanzug wieder aufzuknöpfen und geh ins Bett.«

Ihre Stimme klang angespannt. Philip, der den ganzen Tag über in einer schaukelnden Kutsche eingesperrt gewesen war, an deren Fenster der Regen herunterrann, schien im Moment auf Schlaf nicht sonderlich erpicht zu sein. Er sprang auf die Matratze und begann zu hopsen.

»Guck, ich bin ein Akrobat, Mama! Abigail, guck!« Das offene Schlafanzugoberteil schlug an die schmale Brust des Fünfjährigen.

»Sehr schön, Philip«, rief Abigail. »Mach einen Purzelbaum.«

»Oh ja, pass auf«, sagte der Junge.

»Nein!« Lilibet packte ihren Sohn am Arm, als er gerade die Knie beugte, um zu einem besonders hohen Sprung mit anschließendem Purzelbaum anzusetzen. »Mein Gott, Abigail. Du weißt doch, dass er alles tut, was du sagst.«

»Mein Fehler, Philip«, sagte Abigail zerknirscht. »Keine Purzelbäume, es sei denn, deine Mutter ist nicht im Zimmer.«

»Abigail.«

Abigail streckte die Zehen aus und wärmte sie an dem Feuer, das in einem Nest aus Holzkohleasche schwelte und eine große, aber angenehme Hitze verströmte, dann wandte sie sich wieder der leeren Seite zu.

Der Duke ofWallingford. Sie war ihm noch nie begegnet. Hatte ihn nie bei einem von Alexandras Empfängen oder Festen gesehen, und ansonsten ging sie selten aus. Jedenfalls nicht im üblichen gesellschaftlichen Rahmen. Als sie sich vor all den Jahren geschworen hatte, nie zu heiraten, hatte sie nicht beim Negativen Halt gemacht. (Gewöhnlich machte Abigail vor gar nichts Halt.) Es hatte ihr nicht gereicht zu beschließen, keine konventionelle Ehe einzugehen; sie hatte sich sogar geschworen, ihr Möglichstes zu tun, um das unkonventionellste Leben zu führen, das ihr möglich war.

Es war nicht leicht gewesen. Am Anfang hatte sie das meiste Geld aus ihrem Erbe dafür ausgegeben, die Diener und Hausmädchen zu bestechen: Verluste, die sie mit gemischtem Erfolg durch Glücksspiel wieder auszugleichen versuchte. Beim Kartenspiel war sie in der Regel hoffnungslos, weil es ihr nicht gelang, ihre Gefühle hinter der erforderlichen Maske völliger Gleichgültigkeit zu verstecken, doch irgendwann hatte sie einen verlässlichen Buchmacher gefunden und entdeckt, dass sie ein Talent für Pferdewetten hatte.

Dennoch lebte sie, aufgrund der Bestechungsgelder, der Kosten für die Mietdroschken, der Runden Bier, mit denen sie die Trunkenbolde in ihrer Stammkneipe bei Laune hielt, und der gelegentlichen spektakulären Verluste, wenn ihre Pferde nicht in der richtigen Reihenfolge ins Ziel kamen, ständig am Rande des Bankrotts. Irgendwann erinnerte ihre Schwester Alexandra sich dann wieder an ihre Existenz und bat sie, an einer Einkaufstour oder einer privaten Dinnerparty teilzunehmen, und sie musste sich beeilen, all ihre unziemlichen Verabredungen absagen, das vorgeschriebene weiße Kleid samt Perlen anlegen und darauf achten, nicht zu viel zu reden oder den Namen des Herrn unnütz zu gebrauchen oder über das nächste Rennen in Newmarket zu sprechen.

Daher hatten Herzöge nicht allzu oft beim Dinner rechts neben ihr Platz genommen. Gewöhnlich sah man sie von Weitem in Ascot, und meist waren sie von der weißhaarigen, kinnlosen, kleinen und gebeugten Art, die einen Spazierstock über dem Arm hängen hatte und auf dem Kopf einen seidenen Zylinder, der in der Sonne glänzte.

Wallingford war weder klein noch gebeugt. Und er hatte sie auch streng genommen nicht zum Abendessen eingeladen; das war das Werk seines Bruders gewesen, des liebenswerten Lord Roland mit dem goldbraunen Haar und den schmachtenden haselnussbraunen Augen, der offenbar unsterblich in ihre wunderschöne Cousine Lilibet verliebt war. (Nicht, dass man ihm das vorwerfen könnte.)

Nein, Wallingford war eine völlig andere Art von Herzog; ein Herzog vom alten Schlage, groß, dunkelhaarig, mit finsterem Blick, energiegeladen und extrem schlecht gelaunt. Als sie ihn um das Salz gebeten hatte, hatte er sie mit dem grimmig erstaunten Blick eines Feudalherrn angesehen, der unerwartet von seinem Dienstmädchen angesprochen wird.

Oh, der Schauer, der ihr dabei über den Rücken gelaufen war, war einfach köstlich gewesen.

Er war der Auserwählte. Der Duke ofWallingford sollte ihr erster Liebhaber werden. Körperlich besaß er alle nur denkbaren Vorteile: Ganz besonders gefiel ihr sein dichtes schwarzes Haar, das sich beim Liebesakt sehr hübsch um ihre Finger ringeln würde, ganz zu schweigen von der unübersehbaren Breite seiner Schultern, die sich als nützlich erweisen konnte, falls er während ihrer Liaison einmal gezwungen sein sollte, sie über einen reißenden Fluss zu tragen.

Zudem besaß Wallingford zweifellos genug Erfahrung, um die Affäre zu einem höchst zufriedenstellenden Erlebnis zu machen. Abigail hatte sich in der erotischen Literatur – die in erstaunlichem, ja geradezu unglaublichem Umfang zu bekommen war – umfassend informiert und war zu dem Schluss gelangt, dass ein erfahrener Mann der zu bewältigenden Aufgabe wesentlich besser gewachsen war als irgendein netter, aber grüner Junge, der sich mit ziemlicher Sicherheit zu sehr aufregen und in nur wenigen Minuten ein Fiasko anrichten würde.

Den Duke ofWallingford konnte Abigail sich dagegen nicht in einem solchen Zustand vorstellen.

Plötzlich stimmte Philip ein wildes Geheul an. Abigail sah auf und stellte fest, dass er mit flatterndem Schlafanzugoberteil im Zimmer herumlief und laut kreischend die Hand vor den Mund schlug, während Lilibet erfolglos versuchte, ihn einzufangen.

Sie streckte ein Bein aus und brachte ihn zum Stehen.

»Philip, was um alles in der Welt machst du da?«, fragte sie.

»Ich bin ein wilder Indianer!«, rief er und drückte gegen ihr Bein.

»Oh! Natürlich. Dann mach nur weiter.« Sie nahm das Bein wieder weg und ließ ihn gerade in dem Moment laufen, in dem Lilibet herbeieilte, um ihn zu packen.

»Abigail!«, sagte ihre Cousine verzweifelt.

Abigail spielte mit ihrem Bleistift.

»Lilibet, Liebes, er war den ganzen Tag in einer Kutsche eingesperrt. Du hättest ihn direkt nach unserer Ankunft im Hof ein paar Runden laufen lassen sollen. Er möchte sich nur etwas austoben, das ist alles.«

»Wenn du selbst Kinder hast, meine Liebe, werde ich dich gelegentlich daran erinnern.« Enerviert gab Lilibet auf, setzte sich in einem Durcheinander aus Unterröcken und schwerer dunkelblauer Wolle aufs Bett und sah zu, wie Philip um sie herumrannte.

Abigail wandte sich wieder dem leeren Blatt in ihrem Schoß zu. Das Problem war natürlich, dass der Herzog und seine Begleiter nur eine Nacht im Gasthof bleiben wollten, ehe sie durch die nasskalte, spätwinterliche Düsternis zu dem unbekannten Ort ritten, an dem sie sich vergnügen wollten. Und eine Nacht war sicher nicht genug. Auch wenn sie recht keck war, wollte sie, damit alles gut anfing, ein wenig umworben werden, und außerdem wünschte sie sich eine richtige Liebesaffäre, die mehrere Monate dauerte und viel Leidenschaft, Spaß und heimliche Treffen beinhaltete, bis das dramatische Ende nahte und sie ihren Liebhaber mit einer anderen erwischte oder er gezwungen war, zu heiraten und kleine Herzöge zu zeugen, und zwar zu genau dem Zeitpunkt, an dem die Leidenschaft und der Spaß langsam anfingen, zur Routine zu werden. Sie würde ihm ein paar Vasen an den Kopf werfen, dann würde er sie an den Schultern packen und sie noch ein letztes, verzweifeltes Mal küssen, bevor sie ihn aus dem Zimmer schickte und tagelang oder zumindest stundenlang weinte.

Es würde perfekt werden.

Aber verflixt schwierig zu arrangieren, wenn man auf dem Weg in ein einjähriges Exil in den toskanischen Hügeln war.

Nun, was war das Leben schon ohne eine kleine Herausforderung, die einen auf Trab hielt?

Nachdenklich kaute Abigail auf dem Bleistiftende herum und malte sich verschiedene Szenarien aus, in denen ein nackter Wallingford in verschiedenen Situationen vorkam, dann kritzelte sie schließlich einen einzigen italienischen Satz auf das Blatt. (Sie wusste, dass der Herzog viel eher geneigt sein würde, die amouröse Einladung eines italienischen Dienstmädchens anzunehmen als die der unverheirateten Schwester der Dowager Marchioness of Morley.) Sie faltete das Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und stand gerade in dem Moment auf, in dem Philip auf seinem Weg zur Tür an ihr vorbeikam.

Sie fing ihn ab und rieb die Nase an seinem prallen Bäuchlein.

»Du freches Bürschchen«, sagte sie lachend. »Du ungezogener, böser Junge.«

»Abigail, du machst ihn ja ganz verrückt«, sagte Lilibet, die unbeschreiblich müde aussah.

Die arme Lilibet. Falls Abigail noch einen weiteren Grund gebraucht hätte, niemals zu heiraten, musste sie sich nur ihre Cousine ansehen: betrogen und gedemütigt und weiß Gott was sonst noch, von einem untreuen Mann, der sich mehr für das interessierte, was abends auf den Tisch kam, als für sie. Und das alles trotz ihrer Schönheit, ihres Charmes und ihrer Gutmütigkeit und trotz ihrer unerschütterlichen Tugend. Lilibets grässlicher Ehemann war der Hauptgrund, warum sie nach Italien geflohen waren.

Abigail prustete noch einmal auf Philips Bauch und warf ihn aufs Bett.

»Du verdienst es nicht, dass man dir eine Geschichte erzählt, du kleiner Frechdachs, aber ich tu es trotzdem«, sagte sie.

Eine Viertelstunde später waren Philips Augen geschlossen, und seine Brust hob und senkte sich im regelmäßigen Rhythmus eines erschöpften Schlafes. Lilibet, die ebenfalls erschöpft aussah, ließ sich in den giftgrünen Sessel sinken und schaute mit müden blauen Augen auf ihren schlummernden Sohn.

»Geh wieder nach unten, Abigail«, sagte sie. »Ich passe auf ihn auf.«

»Soll ich dich etwa allein lassen?«

Mit einem sanften Lächeln sah Lilibet zu ihr auf.

»Abigail, mein Schatz. Ich weiß ganz genau, dass du es kaum erwarten kannst, in den Schankraum zurückzugehen. Glaub bloß nicht, dass ich nicht gesehen hätte, wie du den armen Wallingford gemustert hast.«

Seltsamerweise verspürte Abigail den Drang, sich zu verteidigen.

»Stimmt nicht. Der Mann ist ein ganz normaler Herzog. Und hier in Italien gibt es Prinzen. Echte Prinzen, Mylady. Die sind viel interessanter als ein langweiliger englischer Herzog.«

Lilibet scheuchte sie fort.

»Los, meine Liebe. Ich bin wirklich erschöpft. Nun geh schon, um Himmels willen.«

Ein Schlag ließ die Holzdielen unter ihnen erzittern. Das gedämpfte Stimmengewirr vergnügter und offenbar betrunkener Menschen, das für die Ohren leicht zu beeindruckender junger englischer Damen ganz und gar nicht geeignet war, drang zu ihnen empor. Keine verantwortungsvolle Anstandsdame hätte eine Cousine in ein solches Sündenbabel geschickt, doch Lilibet schien das nicht zu bemerken oder zu kümmern. Ihre Augen blieben auf das Deckenbündel im Bett gerichtet.

Abigail hütete sich, ihr Glück überzustrapazieren.

»Gut, dann gehe ich jetzt«, sagte sie fröhlich und verschwand durch die Tür.

ZWEI

Wenigstens sein Pferd freute sich, ihn zu sehen, dachte der Duke ofWallingford, auch wenn das wohl eher an den mitgebrachten Äpfeln lag.

»Du bist ganz schön gierig, nicht wahr, mein Alter?«, sagte er, während er zusah, wie der letzte Apfel in seiner behandschuhten Hand immer kleiner wurde. Als alles aufgefressen war, zog der Herzog den Handschuh aus und strich dem Pferd über den Hals. »Ich sollte natürlich nicht hier sein. Das könnte zu allen möglichen Verwicklungen führen.«

Schnaubend stieß das Pferd seinen Herrn vor die Brust und hinterließ eine Spur Apfelbrei auf seinem Mantel.

»Leicht zu sagen, alter Junge«, meinte der Herzog, »wenn man selbst keine Hoden mehr hat.«

Das Pferd schnaufte leise.

»Es ist ein Segen, das kann ich dir versichern«, sinnierte Wallingford und kraulte den Kopf des Pferdes, das genüsslich den Hals vorstreckte. »Abgesehen von einigen flüchtigen Momenten bringen Frauen nichts als Ärger. Und bei dieser wird es nicht einmal solche Momente geben, sonst bin ich ein noch größerer Dummkopf, als mein Großvater glaubt.«

Regen trommelte auf das Ziegeldach des Stalles, doch drinnen war es feuchtwarm, und es roch sehr vertraut nach Stroh, Pferd und Dung, den einfachen, erdigen Gerüchen, die der Herzog mit seiner schönen Kindheit verband.

»Ich frage mich, was sie damit meint«, fuhr er leise fort, während seine Hand wieder zum Hals des Pferdes glitt und ihm über das dicke Winterfell strich, dessen rötliches Braun im schwachen Schein der düsteren Laternen neben der Tür stumpf aussah. »Sie sollte sich nicht in Ställen verabreden. Weißt du, dass sie die Nachricht in Italienisch geschrieben hat? Als ob ich glauben würde, dass sie von einem Dienstmädchen kommt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin ein verdammter Narr, nicht wahr? Zu lange ohne weibliche Gesellschaft. Vier Wochen, Lucifer.«

Lucifer seufzte zufrieden und senkte den Kopf.

»Hab wohl den Kopf verloren. Dabei hat sie gar nichts Besonderes. Braunes Haar, braune Augen. Nein, stimmt nicht ganz. Sie sind eher golden, dunkelgolden, wie Sherry. Heller als die ihrer Schwester. Und ihr Gesicht! Die beiden sehen sich zwar sehr ähnlich, aber sie wirkt ganz anders, so frisch und zart, ich kann es kaum beschreiben …«

»Signore?«, hallte es durch die staubige Luft.

Wallingford legte die Stirn an den Hals des Pferdes und atmete tief durch.

»Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, Miss Harewood. Ich weiß, dass Sie es sind.«

»Oh, schade«, sagte Miss Harewood weit weniger enthusiastisch. »Warum sind Sie dann gekommen?«

Der Herzog holte noch einmal tief Luft, dann richtete er sich auf und drehte sich um.

Da stand sie, in einem Wirbel aus Staubflocken, einen feinen Wollschal um den Kopf geschlungen, und sah ihn mit weit aufgerissenen, hellbraunen Augen fragend an. Ihre Augen standen ein klein wenig schräg, genau wie bei ihrer Schwester; nur dass Lady Morleys Augen ihn stets an eine besonders gerissene Katze erinnerten, wohingegen Abigail Harewoods Augen ihr eine zauberhafte Grazie, einen verschmitzten, spitzbübischen Charme verliehen. Nun nahm sie den Schal ab, und das Licht der Laterne verfing sich in ihrem glänzenden kastanienbraunen Haar.

»Euer Gnaden?«, hakte sie nach.

Wallingford riss sich zusammen.

»Ich bin gekommen«, sagte er mit herzoglicher Autorität, »um Sie darauf hinzuweisen, wie überaus ungehörig es ist, sich mit Fremden in Ställen zu verabreden. Ihre Schwester scheint dieser Aufgabe ja nicht gewachsen zu sein.«

»Aber Sie sind kein Fremder«, erwiderte Miss Harewood lächelnd. »Wir haben uns doch beim Abendessen über eine Stunde unterhalten.«

»Denken Sie nicht einmal daran, mir zu widersprechen, junge Dame.«

»Oh!« Miss Harewood schauderte. »Sagen Sie das noch mal, bitte.«

»Ich sagte, denken Sie …« Der Herzog unterbrach sich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Hören Sie, was wollen Sie eigentlich hier? Sie kennen die Regeln doch ebenso gut wie ich.«

»Oh ja, ich kenne die Regeln, denn man muss sie gut kennen, um sie brechen zu können.« Dieses überirdische Wesen, das alles um sich herum zum Leuchten brachte, lächelte immer noch.

Um sie brechen zu können.

Der Teil der herzoglichen Anatomie, der eher vom Instinkt als vom Verstand gesteuert wurde, reagierte freudig erregt.

»Großer Gott«, stieß Wallingford hervor. »Sie wollen doch wohl nicht …«

Miss Harewood lachte und hob eine Hand.

»Oh nein! So weit würde ich nicht gehen. Man hat mir gesagt, dass diesbezüglich die Vorfreude das Wichtigste ist.«

»Vorfreude?«, fragte der Herzog verwirrt.

»Ja, Vorfreude. Natürlich sind Sie der Experte, aber ich denke, wir sollten uns heute nur einen Kuss geben, nicht wahr?«

»Einen Kuss?«

Wieder lachte Miss Harewood.

»Sie hören sich genauso an wie der Stalljunge vor dem Abendessen. Der Tonfall, in dem er ›un bacio?‹ gesagt hat, war ganz genau der Gleiche.«

Unsicher wich der Herzog einen Schritt zurück.

»Der Stalljunge?«

»Oh ja. Er war wohl ziemlich überrascht, aber er hat sich schnell erholt …«

»Das glaube ich.«

»… und hat sich ganz gut angestellt. Ah, ist das Ihr Pferd? Ein wirklich schönes Tier, nicht wahr, mein Schatz?« Miss Harewood ging am Herzog vorbei und nahm Lucifers Kopf in beide Hände. »Ja, du bist ein außergewöhnlich großer Kerl, mein Lieber, ein wunderbarer, hübscher Rappe.«

Begeistert drückte Lucifer seine Nase an ihre Brust und schnaufte.

Wallingford schüttelte den Kopf.

»Hören Sie, Miss Harewood. Wollen Sie damit sagen, Sie haben den Stalljungen geküsst? Genau hier?«

»Ja, und es war sehr schön. Viel schöner als mit dem Stalljungen zu Hause.«

»Dem Stalljungen zu Hause?« Wallingford kam es so vor, als verlöre er den Boden unter den Füßen, daher streckte er eine Hand aus, um sich an der Holzwand von Lucifers Box festzuhalten.

»Ja, er heißt Patrick.« Sie drehte sich zu ihm um. »Der Bruder eines Hausmädchens meiner Schwester. Oh! Jaja. Ich weiß, was Sie denken. Aber nein. Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht herumlaufe und wahllos jeden Stalljungen küsse, der mir begegnet. Um Himmels willen, nein!« Sie lachte. Sie hatte den Arm um Lucifers Hals gelegt und streichelte ihn, und Wallingford hätte schwören können, dass das Tier ihm zuzwinkerte.

»Vergeben Sie mir, dass ich so falsche Schlüsse gezogen habe, Miss Harewood.«

»Oh, wie furchteinflößend Sie aussehen! Sie müssen Ihre Brauen immer so zusammenziehen. Wie hat Shakespeare es noch ausgedrückt?