Das Spiel mit der Angst - Louise Mey - E-Book

Das Spiel mit der Angst E-Book

Louise Mey

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Beschreibung

Ein feministischer Psychothriller

Alex Dueso ist Chef der Pariser Sondereinheit zur Bekämpfung von Sexualdelikten. Alex Dueso liebt Statistiken und das Feierabendbier mit Kollegen. Und Alex Dueso ist eine Frau. Das wird ihr nun zum Verhängnis.


Dueso, alleinerziehende Mutter und hartgesottene Kriminalpolizistin, hat es sich in den Kopf gesetzt, zusammen mit ihrem Ermittlerteam der Gewalt gegen Frauen in ihrer Stadt ein Ende zu setzen. Die völlig uneinsichtigen Täter, mit denen sie es zu tun bekommt, sind ihr mehr als zuwider. Doch plötzlich wird alles anders, als ein männliches Opfer auftaucht, das noch dazu aus Scham nicht über die Nacht des Verbrechens sprechen will. Bald darauf kommt es zu weiteren Überfällen auf Männer, und der Beginn einer unerhörten Gewaltserie stellt Dueso und ihren Freund und Kollegen Marco auf eine harte Probe: Sie müssen ihr bisheriges Ermittlungsschema über Bord werfen und sich in die Psyche der frauenfeindlichen Opfer begeben – und zwar sehr viel tiefer, als ihnen lieb ist.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Louise Mey

DAS SPIEL MIT DER ANGST

Thriller

Aus dem Französischen von Thomas Brovot

Suhrkamp

Die in diesem Buch beschriebenen Personen sind fiktiv.

Es gibt in Frankreich keine Sondereinheit für Sexualdelikte.

Das Kommissariat ist frei erfunden, Organisation und Arbeitsweise entsprechen nicht der Wirklichkeit.

Alle genannten Zahlen sind korrekt und im Internet zugänglich.

Echt widerlich, diese Nacht. Orange. Violett. Orangeviolett. Gibt’s nicht als Farbe. Ekelhaft. Und klebt. Die Nacht klebt an mir. Zu viel getrunken.

Andréa hatte die beiden Freundinnen weitertanzen lassen. Nur kurz hinübergewinkt, ein wenig ungelenk, um Mélanie, die über die Tanzfläche wirbelte, auf sich aufmerksam zu machen, um ihren Blick einzufangen für ein stummes Gespräch. Es war immer dasselbe, sie konnten es quer durch die Halle mimen: Alles okay, Schätzchen? Mir reicht’s, ich geh nach Hause. Nimmst du ein Taxi? Ja, keine Sorge, ich ruf dich morgen an.

Worauf Andréa den Club verlassen hatte.

Vielleicht sahen Mélanie und Céline es ja anders, aber das war eine sinnlose Nacht. Völlig umsonst, wieder mal. Sich stylen, die Klamotten, die Haare, und dann ab ins Getümmel an einem dieser Orte, wo alle auf Show machen, um nichts von sich preiszugeben. Eine lächerliche Choreographie, immer dieselbe, und das Ganze in der Hoffnung, zu Hause nicht allein in ein kaltes Bett zu kippen. Einmal hatte Andréa sich schon in Reichweite eines dieser anonymen Körper geglaubt, hatte geglaubt, sie ließen sich überwinden, diese letzten Zentimeter, die den Unterschied ausmachten zwischen der Wärme der anderen Person und dem Eis der Einsamkeit. Zentimeter nur, von ozeanischer Weite. Aber nein, im letzten Moment hatte die Menge sie voneinander getrennt. Die Menge oder das Pech. Schade. Hinter einer Säule knutschen, gestreichelt werden wie auf der Schule, das wär schon mal was gewesen.

Andréa ging in die Unterführung. Noch zehn Minuten Fußweg bis zur Metro. Tolle Idee, eine Disco am Arsch der Welt aufzumachen.

Von den gekachelten Wänden hallten die Schritte wider. Allzu finster war das Viertel nicht, besonders vornehm aber auch nicht. Was die Frau von der Taxizentrale deutlich zu verstehen gegeben hatte:

»Tjaaaa … also neee … hören Sie, um diese Uhrzeit fährt bestimmt noch eine U-Bahn, ich an Ihrer Stelle würde besser gleich …«

»Schicken Sie mir jetzt einen Wagen?«, hatte Andréa sie unterbrochen.

Natürlich nicht, klar.

Steck dir dein Taxi doch sonst wohin, blöde Kuh. Dann eben zur Metro.

Die Unterführung nahm kein Ende. Im Schädel warf die Migräne ihren Bohrer an, und Andréa hätte gut auf die Kachelwände verzichten können, diese Schritte in dreifacher Ausfertigung.

Ganz stumpf von den Dezibel und dem Alkohol brauchte das Hirn ein paar Sekunden, ehe es realisierte, was drei Schrittgeräusche bedeuteten. Dann waren wohl noch zwei weitere Leute in die Unterführung gekommen. Boah, musst du betrunken sein.

Andréa blickte sich um. Die Brille war zu Hause geblieben, pure Eitelkeit, und ohne verschwamm alles schon in zwei Meter Entfernung. Trotzdem waren zwei Gestalten zu erkennen, die untergehakt rasch näher kamen. Andréa ging weiter und versuchte, sich auf das Ende der Unterführung zu konzentrieren. Ein schemenhafter gelber Fleck zeigte an, dass dort hinten der Metroeingang war. Jetzt bloß nicht kotzen.

Beim ersten Schritt aus der Unterführung fühlte Andréa sich wie nach einem langen Tauchgang, wenn man wieder an die Oberfläche stößt. Wäre schneller gegangen, wenn ich nicht so lahm wäre wie eine fußkranke Schnecke. Erst mal eine Pause. Zu laute Musik. Blöde Salsa. Wozu überhaupt. Migräne, Musik. Nein, nicht die Musik: die drei Gläser zu viel. Sechs? Noch mehr? Zu viel getrunken. Nie wieder. Bloß nicht kotzen. Tief einatmen, möglichst geradeaus laufen, bravo, du schaffst es, hast es im Griff, echt heroisch. Andréa tat einen weiteren Schritt. Die Metrostation war gleich hinter der Kreuzung. Na endlich. Und mit einem Gefühl von Gelassenheit, die Lunge gefüllt, spürte Andréa plötzlich einen brutalen Schlag auf den Hinterkopf. Der Körper und mit ihm die Welt sanken auf den Asphalt.

Als Andréa am Ausgang der Unterführung wieder zu Bewusstsein kam, lag der Kopf in einer stinkenden Pfütze. Erbrochenes. Die eigene Kotze vermischt mit der Kotze anderer, mit Pisse und schwarzem Staub, in säuerlichen Schichten auf dem Beton. Verschwommene Gestalten kamen angerannt. Die einzige Information, die Andréas Gehirn noch weiterleitete, war ein unendlicher Schmerz.

I

Montag, 3. September

»Paris ist zauberhaft …« Seit zehn Minuten war die Kreuzung zu. Eine schwarze Limousine blockierte den Verkehr, Warnblinker an, auf dem Fahrersitz niemand. Dahinter wurde wie wild gehupt, als würde das irgendwas ändern. Die Reihe der Fahrzeuge hatte schon bis zur Kreuzung zurückgereicht, als ein Bus, feinfühlig wie ein Catcher auf Amphetamin, sie partout noch überqueren wollte, jetzt steckte er richtig fest. Die Schlange wurde von Sekunde zu Sekunde länger. Ein einziges Chaos.

Im Rückspiegel sah Alex, wie der Mann im Wagen hinter ihr sein Fenster runterließ und den Kopf hinausstreckte.

»Fährst du jetzt endlich, dumme Pute?«, brüllte er in ihre Richtung.

Alex beugte sich seelenruhig zum Beifahrersitz und nahm das Blaulicht. Dann ließ sie ebenfalls ihr Fenster runter, setzte den magnetischen Sockel aufs Dach und trommelte mit den Fingern an die Tür, die Armbinde POLIZEI gut sichtbar. Als sie den Arm wieder hereinzog und das Fenster hochfuhr, hatte der Mann sich hinter seinem Lenkrad verkrochen.

Alex rief die Zentrale an.

»Sagt mal, habt ihr jemanden vom Verkehr zur Ecke Magenta/Chabrol geschickt? Seit fünf Minuten ist hier alles dicht.«

»Schon unterwegs«, knisterte eine Frauenstimme.

Links von Alex bewegte sich etwas, sie schaute hin. Ein Mann um die zwanzig, der sich offenbar zwischen den stehenden Wagen hindurchgeschlängelt hatte, hämmerte an die Windschutzscheibe einer jungen Frau und masturbierte voller Hingabe.

»Zentrale? Schickt ihr mir noch zwei Beamte zusätzlich?«

»Verstanden. Worum geht’s?«

»Ein Typ holt sich am Wagen links neben mir einen runter.«

»Okay, mache ich.«

»Verstanden, danke.«

Alex atmete tief ein, öffnete die Jacke, so dass ihre Dienstwaffe im Holster hervorschaute, und stieg aus.

»Paris ist zauberhaft«, murmelte sie ein weiteres Mal. Der Lärm und der Gestank der Auspuffgase hüllten sie wie in einen dichten Nebel.

»Du bist spät dran«, bemerkte Marco, als Alex schließlich in den Umkleideraum des Kommissariats trat.

»Was du nicht sagst …« Sie bückte sich und nahm ein Paar Turnschuhe aus ihrem Fach.

Marco betrachtete Alex’ Stiefel und sah sie überrascht an. Dann hielt er seiner Kollegin einen Becher Kaffee hin.

»Erzähl.«

»Ich habe einen Kerl erwischt, der sich vor einer Frau in einem stehenden Wagen einen abgewichst hat. Er war so beschäftigt, dass er nicht mal gesehen hat, wie ich das Blaulicht rausgeholt habe.«

Mit angewiderter Miene schnürte sie sich die Stiefel auf.

»Als ich dann um den Wagen rum auf ihn zugegangen bin, hat er die Armbinde bemerkt. Er wollte abhauen … und hat sich mit den Füßen in der Hose verheddert. Er ist mit der Nase voll auf die Motorhaube eines anderen Wagens geknallt. War gleich k. o. Ich hatte schon Verstärkung angefordert, jetzt musste ich noch mal anrufen, für einen Krankenwagen.«

Als sie die Turnschuhe anhatte, säuberte sie ihre Stiefel so gut es ging mit Wasser und Klopapier.

»Und die Frau?«

»Hat mir auf die Galoschen gekotzt. Sie kam aus der Creuse und wollte hier ein Praktikum anfangen. Man hatte ihr schon gesagt, dass die Stadt der Lichter nicht nur Diamanten kennt, aber so deutlich offenbar nicht. Sie war halb im Schockzustand.«

»Und da unten gibt’s keine Perversen?«

»›Nicht so welche‹, meinte sie.«

»Und was hast du ihr gesagt?«

»Das Einzige, was mir eingefallen ist: ›Willkommen in Paris.‹« Alex warf den leeren Becher in einen Papierkorb und verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht, wieso ich diesen Kaffee überhaupt noch trinke. Ekelhaft.«

»Oh! Wo er mit so viel Liebe gemacht wurde vom wohl ältesten Getränkeautomaten von Paris! Was sage ich, von Frankreich. Vielleicht gar Europa. Du hast keinen Respekt.«

Auf dem Weg zum Besprechungsraum begegneten sie den beiden Beamten, die die Zentrale geschickt hatte, um Alex bei der Festnahme ihres Exhibitionisten zu unterstützen. Sie hatten gerade noch mit ansehen dürfen, wie der junge Mann von feixenden Sanitätern in den Krankenwagen geschoben wurde.

»He, Dueso, du weißt, dass dein kleiner Wichser wieder zu Bewusstsein gekommen ist, ja? Du warst kaum weg.«

»Ach, tatsächlich …«

Alex ging weiter auf den Besprechungsraum zu.

»Warte, du wirst lachen …«

Sie stoppte, die Hand auf dem Türgriff, und sah Polaski fragend an.

»Er will Anzeige erstatten. Wegen Polizeigewalt.«

Alex seufzte. Polaski grinste bis zu den Ohren, die Fäuste in die Hüften gestemmt.

»Hast recht, Polaski, ich lach mich tot. Danke für die Info.«

Sie öffnete die Tür. Marco folgte ihr, und beide nahmen Platz, um an der morgendlichen Besprechung teilzunehmen, auf Plastikstühlen, die wahrscheinlich aus dem Paläolithikum stammten.

»Bleibt noch ein Mann in den Vierzigern, angezeigt von der Tochter seiner Lebensgefährtin wegen unsittlicher Berührung«, spulte Kommissar Blondeau die Tageskarte herunter. »Wantz, Martin, das ist was für Sie.«

»Nicht eher für den Jugendschutz?«, fragte Martin, ein kräftiger Dunkelhäutiger.

»Die Frau ist zweiundzwanzig, den Jugendschutz betrifft das nicht.«

»Zweiundzwanzig? Da kann sie sich ja wohl selber wehren, oder?«, meinte ein neu hinzugekommener Inspektor, ein Blonder, dessen Name Alex schon wieder entfallen war.

»Dann denk dran, ihr zu sagen, dass es ihre eigene Schuld ist, wenn du sie siehst«, stichelte Marco.

Blondeau wedelte mit den Händen.

»Nur die Ruhe, und immer schön freundlich zu den Neuen. Daumet, wir sind natürlich sehr froh über Ihre Mitarbeit in unserer Einheit. Ich bin sicher, Sie werden uns kompetent unterstützen, Ihre Personalakte ist ein einziges Lob. Und genauso bin ich der Überzeugung, dass Sie sich rasch in Ihre neue Abteilung einfinden werden. Und nicht vergessen, dass das Opfer eines Übergriffs niemals schuldig ist.«

Der Blonde rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und nickte.

»Nun denn«, fuhr der Kommissar fort, »letzter Punkt der Tagesordnung, unser Alle-Jahre-wieder … Lassain meldet sich zurück.«

Ringsum gingen die Augenbrauen hoch.

»Jawohl«, nahm Blondeau die in der Luft hängende Frage auf. »In beiden Verfahren wegen sexueller Belästigung ist er davongekommen, man hätte also denken können, er würde sich glücklich schätzen und in irgendeine verlassene Gegend ziehen, Kaninchen züchten oder so … Aber nein, er ist weiterhin Personalchef in derselben Firma … der … Sogecam?« Er warf einen Blick auf seine Notizen. »Ja, hier hab ich’s, die Sogecam. Und noch genauso voller Tatendrang. Diesmal waren gleich zwei junge Frauen hier … Jennifer Semblat, siebenundzwanzig, und Aïssa Ndiaye, sechsundzwanzig. Das übliche Spiel: ›Ich ändere deinen Zeitvertrag in einen unbefristeten, wenn du lieb zu mir bist.‹«

»Sollte man nicht den Geschäftsführer auch vorladen?«, fragte Marco. »Ich meine, wir hatten schon vier Anzeigen, da sind bei ihm doch sicher Dutzende Beschwerden eingegangen.«

Die Besprechung endete mit Blondeaus rituellem »Tun Sie Ihr Bestes«, und alles strebte zur Tür.

»Dueso, könnten Sie bitte in meinem Büro auf mich warten?«, sagte der Kommissar zu Alex. »Daumet, bleiben Sie doch noch einen Moment, wären Sie so nett?«

Blondeau hatte diese Art, Befehle als höfliche Fragen zu formulieren, und als Alex ging, wandte er sich leise an den Neuen.

»Ich weiß, bei der Drogenfahndung gibt es … einen gewissen Hang zur Schuldvermutung. Hier ist es umgekehrt.«

Alex trat gerade durch die Tür, als Blondeau mit einer Frage endete: »Ist Ihnen die Art und Weise, wie es bei uns läuft, jetzt klar?«

Kurz darauf war Blondeau in seinem Büro bei Alex.

»Was war denn nun mit dem Jungen, den uns das Krankenhaus zurückgeschickt hat? Exhibitionismus im öffentlichen Raum?«

»Sexueller Missbrauch.«

»Inwiefern Missbrauch?«

»Ausgeführt unter Anwendung von Gewalt, Zwang, Drohung oder durch Überrumpelung«, sagte Alex brav auf. »Die junge Frau, die in ihrem Wagen festsaß und bei der er versucht hat, die Tür zu öffnen, sah mehr überrumpelt als begeistert aus.«

»Na schön. Und Sie haben ihn angefasst, diesen Bengel?«

»Abgesehen vom Zugriff nicht. Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein, ich war in der Besprechung, man hat mich nur über die Anzeige informiert.«

Blondeau legte sein Handy auf dem überquellenden Schreibtisch ab.

»Bei allem Respekt, ich denke, wir sollten es vermeiden, von ihm als einem ›Bengel‹ zu sprechen, auch nicht unter uns. Es geht um einen Volljährigen, der meint, er müsste fünfzehn Zentimeter vor einer im Stau steckenden Frau masturbieren. Und sie dabei durchs Fenster bedrohen. Die Sanitäter hatten was zu lachen. Und Polaski, klar. Die Frau weniger.«

Der Kommissar schaute sie an, eine unendliche Müdigkeit lag in seinem Blick.

»Da sind wir uns einig. Aber da er fest entschlossen scheint, Opfer polizeilicher Gewalt geworden zu sein, und da dies, damit sage ich Ihnen nichts Neues, eindeutig zu den Dingen gehört, auf die dieses Kommissariat sehr gut verzichten kann, ergreifen wir hier die Initiative. Sie schreiben mir einen Bericht, dann wenden wir uns an die Gewerkschaft.«

»Und die Vernehmung wegen der sexuellen Belästigung? Lassain?«

»Das übernimmt Cantera. Sie stoßen dazu, sobald der Bericht geschrieben ist. Den möchte ich vor Mittag noch auf meinem Schreibtisch haben. Setzen Sie sich dran, Dueso. Dann haben Sie es hinter sich, und wir können alle wieder an die Arbeit gehen.«

»Ist notiert.«

Marco wartete auf dem Flur.

»Fang schon mal ohne mich an. Scheint von höchster Dringlichkeit zu sein, dass ich in zwölf Ausfertigungen erkläre, wie jemand sich auf einer Motorhaube im Alleingang die Fresse einschlägt. Wichtiger, als dass ich diesen Kotzbrocken von Lassain dazu bringe, zuzugeben, dass er das Recht der ersten Nacht für eine Zierde des einundzwanzigsten Jahrhunderts hält.«

»Hättest du deinem Exhibitionisten mal ein Bein gestellt, dann hätte sich der Vormittag für dich wenigstens gelohnt.«

Alex ging in ihr Büro, nahm zwei Aspirin und machte sich an ihrem vorsintflutlichen Computer an die eigene Version des Vorfalls vom Morgen.

Um elf Uhr druckte sie das Dokument aus und legte es auf Blondeaus Schreibtisch in die entsprechende Ablage. Jetzt war sie frei, hungrig und wütend – in bester Verfassung also für die Vernehmung. Und so trat sie durch die Tür des Raums, in dem Marco immer noch mit Lassain saß.

Als Lucinda um kurz nach acht den Schlüssel im Schloss hörte, sammelte sie in dem kleinen Wohnzimmer ihre Sachen vom Couchtisch ein und steckte alles in ihre Umhängetasche. Noch ehe Alex aus dem Dunkel der Diele trat, war das Kindermädchen bereits fertig zum Gehen.

»Alles gut gelaufen?«

»Mit zwanzig Jahren und einem Universitätsabschluss muss ich dir sagen, dass ich mich beim Teilen mit Rest vertan habe. Und deine Tochter hat mich korrigiert. Aber abgesehen davon alles bestens«, antwortete Lucinda und lächelte.

»Ich will versuchen, morgen nicht so spät zu kommen. Soll ich dich gegen 18 Uhr anrufen? Dann kann ich dir sagen, ob es sich lohnt, dass sie mit dem Essen auf mich wartet, oder …«

»Keine Sorge.«

Lucinda ging ins Treppenhaus und öffnete die Tür nebenan. Sie winkte Alex kurz zu, ehe sie in ihrer Wohnung verschwand. Das zuverlässige Kindermädchen, immer zur Stelle, und wohnt auch noch auf derselben Etage: ein echter Glücksfall.

In Anas Zimmer verbreitete das Nachtlicht einen orangefarbenen Schein. An der Wand bemerkte Alex, so wie jeden Abend, die alten Filzstiftspuren, die ihre Tochter dort mal hinterlassen hatte, und so wie jeden Abend sagte sie sich, dass sie die Wand streichen müsste. Sie trat ans Bett und legte ihre Hand ganz sanft auf das Deckenknäuel. Versteckt in den Falten schlief ihre Tochter. Sie hob die Decke an und zog sie behutsam von dem Gesicht der Kleinen. Dann beugte sie sich hinab und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Unter den Lippen war die Haut unendlich zart. Sie sog den Geruch ein, der aus diesem Nest aufstieg, eine Mischung aus feinem Schweiß, Gebäck und Metall, und ihr Bauch verknotete sich.

Das sagte einem niemand. Immer war bloß die Rede von diesem Quatsch von wegen strahlender Schwangerschaft (die ersten sechs Monate hatte sie nur gekotzt und die drei folgenden auf dem Rücken verbracht, hatte sich gefühlt wie ein gestrandeter Wal mit Blähbauch); von dem unglaublichen Erlebnis der Geburt (ein echtes Gemetzel, vierzehn Stunden Höllenqualen); von den Freuden des Stillens (ein Leidensweg, auf dem ihre Kleine mit Engelsmiene unterschiedslos Muttermilch, Blut und Eiter aus ihren geschundenen Brüsten gefuttert hatte).

Aber dann. Dieses tiefe Bedürfnis, das Kind an sich zu drücken, es zu beschnuppern, zu lecken, zu beißen, wie ein dahergelaufener Köter; es festzuhalten, bei sich, im Warmen, so nah wie möglich. Nein, davon sprach niemand. Bei den Elternversammlungen ließen sich die anderen Schulmütter darüber aus, wie wichtig es sei, die Kinder nicht zu fest an sich zu binden, und welche Herausforderung es bedeute, sie zur Unabhängigkeit zu erziehen, in einer ausgeglichenen Beziehung zur Mutter. Das mochte einfacher sein, wenn man das Mäuschen jeden Abend um sechs Uhr abholte und nicht nur jede zweite Woche, obendrein zu den unmöglichsten Zeiten. Mochte einfacher sein, wenn man Zeit hatte, sich solche Fragen zu stellen. Wenn man nicht wusste, was draußen passierte, in dieser anderen Welt, die jeden Morgen ihren Müll auf die Straße spuckte: zerfetzte Nutten, junge Drogentote, zusammengeschlagene Transvestiten.

Alex schloss leise das Zimmer und ging in die Küche. Sie zog die Kühlschranktür auf, noch in Gedanken, ließ sie wieder zuklappen. Sie trank nie, wenn Ana da war – aber was hätte sie jetzt gegeben für ein kühles Bier! Sie kochte sich einen Tee.

Auch das gehörte zum Mutterdasein: sich einen vergnüglichen Abend zu machen, indem man heißes Wasser mit Kräutern schlürft.

Alex wälzte sich im Bett. Ihr war zu heiß, zu kalt. Und vor allem hatte sie Lust, rauszugehen, sich in ihren Wagen zu schmeißen und bei Lassain aufzukreuzen, um ihm sein perverses Lächeln in den Rachen zu stopfen. Gerne mit Fußtritten.

Lassain, der nicht eingeknickt war. Lassain, der so geduldig wie selbstzufrieden auf ihre Fragen geantwortet hatte. Und als Alex und Marco dann die Namen von Jennifer und Aïssa nannten, hatte er die Augen geschlossen, wie um genüsslich die Bilder der jungen Frauen hinter seinen Lidern aufzurufen. Sein unerträgliches Lächeln kehrte in ihren Gedanken immer wieder. Dreckiges Schwein.

Inmitten der zerwühlten Laken verspürte Alex eine Leere, eine hungrige Leere, voller Verlangen, Verlangen nach Schlaf, nach Frieden, nach einem Bier, nach einer Tätlichkeit, die ihr Gehirn ausschaltete und ihr erlaubte, endlich einzuschlafen.

Sie entsperrte das Handy. Schaute fünf Sekunden aufs Display. Nein … nicht. Dann stand sie auf und legte das Ding entschlossen auf die Kommode, so weit weg, dass sie nicht drankam.

II

Dienstag, 4. September

Der Morgen roch noch nach Sommer. Mit gebräunter Haut und gespannter Miene versuchten die Ermittler einigermaßen wach zu erscheinen und sich auf den unbequemen Sitzen gerade zu halten.

Als Kommissar Blondeau hereinkam, legte er Alex einen Umschlag auf die Knie und ging zu seinem üblichen Platz bei der alten Tafel am Ende des Raums, von wo aus er die Aufgaben zuteilte.

Gleich in der Frühe hatte er ihr eine Nachricht geschickt. Alex öffnete den Umschlag. Sie wusste schon, dass darin die Aufforderung war, bei der Generalinspektion der Nationalpolizei zu erscheinen.

Sie überflog das offizielle Schreiben, gab Marco einen Stups mit dem Ellenbogen und deutete auf das Datum.

»Heute?«, fragte Marco leise.

»Um 15 Uhr«, tuschelte Alex zurück.

Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Blondeau. Der Kommissar trug gerade die Amtsnuss des Tages vor: In der Nacht war eine Streife eingeschritten, um einen Übergriff zu beenden. Der vorläufig festgenommene junge Mann war erst siebzehn. Als er zwanzig Minuten später aufs Revier kam und einer der Beamten ihn in die Zelle schob, um den Richter zu rufen, war er schon achtzehn.

»Reizende Art, seinen Geburtstag zu feiern«, meinte Wantz.

»Die Kollegen wussten nun nicht, ob sie den Jugendrichter rufen oder das übliche Verfahren durchziehen sollten. Also haben sie … nichts gemacht. Unser Festgenommener befindet sich zurzeit in einer unserer Zellen und in einem rechtlichen Vakuum.«

»Zeugma«, bemerkte reflexartig Eliès, der Literat des Hauses.

»Wie bitte, was?«, fragte Martin.

»Ein Zeugma«, erklärte Alex. »Wenn du dasselbe Verb oder Adjektiv nimmst, um zwei Gedanken miteinander zu verbinden, die kaum etwas miteinander zu tun haben.«

»Na ja, ein bisschen komplizierter ist es schon«, hob Eliès an.

»So etwas wie: ›Ich war mit dem Auto und meiner Mutter einkaufen‹?«, wagte Martin einen Versuch.

»›Die Augen und die bittende Hand erhebend‹, das ist klassischer«, schlug Eliès mit einem Vergil-Zitat vor.

»Und hat nicht den geringsten Bezug zu unserem Thema«, ging Blondeau dazwischen.

»Wenn wir uns über Fußball in die Haare kriegen, unterbrechen Sie uns nicht«, sagte Martin.

»Von wegen, dann erst recht«, erinnerte ihn Blondeau. »Ich bevorzuge Rugby. Also, der frischgebackene Volljährige in seiner Zelle … Eliès, wo Sie so einen inspirierten Eindruck machen …«

»Ich leiste dem Befehl Folge und Daumet mir dabei Gesellschaft«, antwortete Eliès.

»Zeugma?«, fragte Martin.

»Zeugma«, bestätigte Blondeau. »Kommen wir zum Rest.«

Um Punkt 13 Uhr stieß Marco das Knurren eines Löwenjungen aus und streckte sich auf seinem Stuhl. Das Hemd rutschte ihm bis über den Bauchnabel.

»Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung«, konstatierte Alex.

Marco zog das Hemd herunter.

»Ich wusste nicht, dass es so wenig bedarf, um dich zu schockieren. Gehen wir essen?«

Alex schaute auf die Uhr.

»Heute Mittag gehe ich mit Chloé. Sie wartet bestimmt schon auf mich. Das hatte ich dir gesagt, oder?«

»Macht nichts, dann esse ich eben ein Sandwich mit Mo und, äh … Daumet?«

Marco winkte Eliès und seinem neuen Partner zu.

»Das wäre allzu grausam. Wir sind mitten im Ramadan. Geh du mit dem Neuen, dann muss Mo nicht mit Stielaugen zusehen, wie er isst.«

Chloé wartete vor dem Kommissariat.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Alex, »du hättest ruhig zu mir reinkommen können. Bist du schon lange hier?«

»Kein Problem, es ist schön draußen. Außerdem spare ich mir die Besuche auf den Kommissariaten für meine Arbeitszeit auf. Jetzt ist Pause.«

Sie beugte sich hinunter, um ihre Wange an die von Alex zu halten und die Luft zu küssen, erst auf der einen Seite, dann auf der anderen, ein genauestens festgelegtes Pariser Ritual.

»Außerdem mag ich keine Polizisten.« Chloé zwinkerte.

»Dabei wollte ich dich in unsere Drei-Sterne-Kantine entführen …«

»Japanisch?«

Chloé preschte los, so stabil auf ihren Lackpumps wie Alex allenfalls in ihren Kampfstiefeln.

»Ich werde nie verstehen, wie du es auf diesen Dingern schaffst, den ganzen Tag das Gleichgewicht zu halten«, sagte Alex zum hundertsten Mal und musste das Tempo anziehen, um auf ihrer Höhe zu bleiben.

»Gewohnheitssache. Außerdem gewinne ich so acht Zentimeter gegenüber der Welt, das ist von unschätzbarem Vorteil. Ich sehe die Gefahr kommen.«

Ob mit Absätzen oder ohne, Chloé war größer als eins achtzig, lief schnell und sprach laut. Sie war schön, von einer eindrucksvollen, drallen Schönheit, die vielen Männern im Kommissariat offenbar unheimlich war. Alex versuchte sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Alles Mutmaßungen.

Sie wusste nicht, ob Chloé den Männern wirklich Angst machte oder ob sie bloß allein war. Die beiden so ungleichen Frauen, die eine übersprudelnd und die andere zurückhaltend, hatten sich bei einer ihrer ersten Ermittlungen kennengelernt und einander gleich sympathisch gefunden. Ein, zwei Mal im Monat gingen sie zusammen essen, sprachen von der Arbeit, erinnerten sich an Fälle, teilten Wut und Resignation. Privates kam praktisch nie auf den Tisch, und die einzigen halbwegs intimen Themen zwischen ihnen bezogen sich, da beide alleinerziehende Mütter waren, auf ihre Kinder. Alex stellte Chloé keine indiskreten Fragen, und die tat ihr denselben Gefallen. Gefahrlose, angenehme Momente.

Sie stürzten ins Restaurant. Kaum hatten sie sich gesetzt, stand eine Bedienung am Tisch, legte zwei Speisekarten hin und griff zum Block, um die Bestellung aufzunehmen. Chloé warf ihr einen Blick zu und sagte höflich, aber bestimmt:

»Wir sind gerade erst gekommen. Lassen Sie uns erst in die Karte schauen.«

Die junge Frau drehte um und kümmerte sich um einen anderen Tisch.

»Wir nehmen doch beide immer dasselbe«, meinte Alex.

»Stimmt. Dann nehme ich heute mal was anderes. Sushi mit Thunfisch statt mit Lachs.«

»Eine Revolution, Chloé! Ich weiß nicht, ob ich bereit wäre für einen solch radikalen Schritt.«

»Das sieht dir ähnlich.«

Chloé winkte, und die junge Frau kam wieder zu ihnen. Alex wusste aus Erfahrung, dass Chloé überall sofort bedient wurde, und dieses »überall« schloss Orte ein, wo sie, Alex, zwei Stunden lang wie wild mit den Armen hätte fuchteln können, ohne dass sich irgendwer herbeibequemte. Nicht dass Alex jemand war, der zwei Stunden auf etwas wartete. Sie sparte sich ihre Energie für Dinge auf, die ihr der Mühe wert schienen, und das waren nicht viele.

Als sie bestellt hatten, hob Chloé den Finger, während sie mit der anderen Hand in ihrer Jackentasche kramte:

»Warte. Bevor du etwas sagst, muss ich dir was zeigen.«

»Ich fürchte das Schlimmste.«

»Der Mann meines Lebens«, sagte Chloé.

Sie hielt Alex ihr Handy vor die Nase. Das Display zeigte ein Foto von Bastien, ihrem Sohn.

»Sieht der nicht bescheuert aus?«

Auf dem Bild zog ein blauäugiger blonder Jugendlicher, der gut in den massentauglichsten Werbespot für Vollmilch oder Ökowandern gepasst hätte, eine Flappe. Der Kopf war links und rechts rasiert, und ein Hahnenkamm, zu kurz, zu lang, kippte vom Scheitel sanft zur Seite.

»Ach du Scheiße«, entfuhr es Alex.

»Tja, so ist er am Sonntagmorgen nach Hause gekommen.« Chloé sprach in lockerem Ton, aber ihre Augen blitzten wütend. »Er war die ganze Nacht unterwegs, ich war so erleichtert, dass er heil nach Hause gekommen ist, dass ich es erst nach ein paar Minuten begriffen habe.«

»Ist das jetzt Mode?«, fragte Alex ein wenig neugierig. Sie selber trug, so lange sie denken konnte, denselben auf die Schnelle festgesteckten Haarknoten.

»Seit wann ist das eine Entschuldigung?« Chloé wurde laut, doch dann seufzte sie. »Tut mir leid, seit achtundvierzig Stunden kriege ich mich nicht mehr ein, aber ich nehme an, es gibt Schlimmeres. Und du?«

»Ich darf meinen Nachmittag bei der Dienstaufsicht verbringen«, sagte Alex.

»Ach du Scheiße. Erzähl.«

Das Taxi hielt vor dem Gebäude der Generalinspektion. Chloé schenkte ihr ein letztes aufmunterndes Lächeln und schlug die Wagentür zu. Es war Viertel vor drei, und Alex schwirrte der Kopf. Chloé hatte sie mit einem ununterbrochenen Schwall von Fragen gelöchert, um sie zu »präparieren«. Und präpariert war sie nun.

Im Übrigen fragte sie sich, ob sie jemals im Leben für etwas so gut »präpariert« gewesen war. Wäre Chloé in all den kritischen Momenten mit ihrem Coaching zur Stelle gewesen, hätte sie jetzt bestimmt schon eine Privatinsel im Pazifik. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie keinen Sand mochte, und erklomm die wenigen Stufen zum Empfang.

War es Chloés Vorbereitung zu verdanken, oder war sie bloß auf einen Innendienstler getroffen, der sich mit den Vollzugsbeamten solidarisch zeigte? Das Gespräch kam ihr jedenfalls entspannt und fast freundschaftlich vor – ein Eindruck, vor dem Chloé sie ebenfalls gewarnt hatte, ihre letzte Empfehlung, als sie die Taxitür zuwarf: »Und denk dran, ihr Job ist es, das Haar in der Suppe zu finden. Vertrau ihnen nicht. Ich muss jetzt los, beim Geschworenengericht eine Anklage verlesen.«

Das Gespräch ging rasch über die Bühne. Alex beschränkte sich darauf, noch einmal zu erzählen, was sie bereits in dreifacher Ausfertigung zu Papier gebracht hatte, und enthielt sich jeder Bemerkung über einen angemessenen Umgang mit der Arbeitszeit der Kriminalbeamten.

Um Viertel nach vier stand sie wieder auf dem Bürgersteig und wollte schon Lucinda anrufen, um ihr zu sagen, dass sie rechtzeitig zu Hause sei, sie könne Ana das Abendessen selber zubereiten. Doch zu ihrer Überraschung wartete Marco auf der anderen Straßenseite auf sie. Er hatte unmöglich geparkt, als Entschuldigung lediglich ein ausgeschaltetes Blaulicht und seine guten Absichten.

»Was machst du denn hier?«

»Die Freude ist ganz meinerseits.«

»Nett, dass du vorbeikommst, wirklich, aber hatten wir nicht ausgemacht, dass ich keinen Fahrer brauche?«

»Ich bin nicht dein Fahrer, ich bin dein Kollege, und dein Kollege hat sich gesagt, dass du nach diesem traumhaften Tag bestimmt Lust hast, was trinken zu gehen.«

»Ich schaffe gerade mal einen Pausensnack.«

»Dann eben ein Bier und ein Pain au chocolat.«

»Aber … ich wollte heute mal früher zu Hause sein. Und ich muss vorher noch beim Kommissariat vorbei, meine Karre holen.«

»Auf einen Sprung? Ich fahre dich hin, du holst deinen Wagen, und dann gehen wir ins Balto?«

»Einverstanden, aber wirklich nur auf einen Sprung.«

Das Balto lag ein paar Schritte vom Kommissariat entfernt und zählte zu seiner Kundschaft vor allem Polizisten: Verkehr, Drogen, Kripo, Sitte, Wachbeamte und Ermittler, die ganze Palette. Manchmal auch ein paar Studenten, wenn die Kneipe nebenan, wo sich ein jüngeres Publikum tummelte, zu voll war. Dass die Polizeikräfte dem Wirt Schutzgeld und Bankrott ersparten, dankte er ihnen, indem er ein recht passables Menü zu acht Euro anbot und das preisgünstigste Bier im Viertel.

Alex fielen zwei Tische ganz hinten auf, wo ein paar Studis über einem Gruppenreferat oder Ähnlichem saßen. Ihr Blick begegnete dem einer kleinen Blonden. Alex hatte nicht die Angewohnheit, die Augen abzuwenden. Die kleine Blonde erinnerte sie daran, wie sie an der Uni für die Klausuren gebüffelt hatte, eine Zeit, die ihr weit weg und zugleich ganz nah zu sein schien. Sie lächelte der jungen Frau unauffällig zu. Die errötete und vertiefte sich wieder in ihre Notizen.

Alex setzte sich an den Resopaltisch und nahm ihr Handy, um Lucinda eine Nachricht zu schicken. Sie warnte Marco:

»In zwanzig Minuten bin ich hier raus.«

»Klar«, sagte Marco zerstreut und gab dann mit lauter Stimme seine Bestellung durch:

»Ein kleines Bier. Nein, ein großes!«, korrigierte er sich.

»Ein Glas Rotwein«, sagte Alex.

Alex mochte keinen Rotwein, aber die rubinene Flüssigkeit stimulierte ihren analytischen Geist. Selbst wenn der Wein schlecht war. Erst recht, wenn der Wein schlecht war. Und der Rote aus dem unteren Preissegment im Balto war sehr schlecht. Indem sie ein solches Gesöff bestellte, erwies Alex dem unverzichtbaren Ritual des Aperitifs unter Kollegen die Ehre und riskierte dennoch kein Zuviel an Alkohol. Im Kelch fanden sich genügend Fragen, um mit annehmbarer Geschwindigkeit zu trinken. Die Bestimmung der Aromen, der Versuch einer Antwort auf die Rätsel, die der kleinste Schluck aufgab, bot die Gewähr für einen mehr als vernünftigen Konsum. Verfaulte Banane, altes Marshmallow, ein bisschen Natron vielleicht? Die Papillen sendeten ihr unmöglich zu definierende Geschmacksnoten.

Der Bierkrug stand kaum auf dem Tisch, als Marco schon einen grimmigen Schluck getrunken hatte. Alex drehte den Stiel ihres Glases zwischen den Fingern. Sie blickte zu ihrem Teampartner auf.

»Ich komme hier von der Dienstaufsicht, und du machst so ein Gesicht?«

Auf der Fahrt zum Kommissariat hatte Alex alles getan, um Marcos Seufzer zu ignorieren, ihr Arbeitstag war schließlich zu Ende. Einer jener Tage, die sie ohne zu zögern in die Kategorie »lausig« einordnete. Aber der Kollege hatte etwas auf dem Herzen, und er schien fest entschlossen, mit ihr darüber zu reden.

»Ich habe heute Nachmittag den Geschäftsführer der Sogecam angerufen. Er ist letztlich für Lassain verantwortlich. Jean-Charles Dumont.«

»Aha. Und?«

»Er hat das alles völlig locker genommen. Er war am Flughafen und meinte, er hätte erst in ein paar Wochen Zeit, aufs Kommissariat zu kommen. Er hat irgendeine Messe in den USA, ›Ju-Äss-Äi‹, wie er sagte, und dann schließt er gleich seinen Urlaub an.«

»›Locker‹? Sein Personalchef wird angezeigt wegen sexueller Belästigung, und er nimmt das ›völlig locker‹? Übertreibst du nicht ein bisschen?«

»Er hat gelacht, Alex. Sich halb totgelacht. So ein komisches Lachen, wie diese reichen Säcke, du weißt schon, so ein süffisantes ›Höhö‹.«

Marco trank einen weiteren Schluck von seinem Bier, einen großen.

»Jetzt mal langsam, Marco. Bloß weil jemand sich am Telefon bekringelt, musst du dich noch lange nicht besaufen.«

»Er hat gelacht! Ist das nicht unglaublich? Da erfährt jemand, dass zwei junge Frauen bedroht werden, sexuell belästigt, in seinem eigenen Laden, und er findet das lustig?«

Marco sprach jetzt immer lauter, immer schneller.

»Ich verstehe das nicht, werde es nie verstehen. Wie kann man eine Frau sehen und, statt mit ihr zu sprechen, statt sie zum Lachen zu bringen, statt ihr Lust auf einen zu machen, wie kann man sich da sagen, hey, die nehme ich mir, ist doch egal, was sie will … Nein, das verstehe ich nicht. Ich verstehe nicht, wie man ›Nein‹ hören kann und ›Ja‹ verstehen, wie man meint, man könnte jemanden zwingen, sich einem hinzugeben, wo es doch letztlich darum geht, dass man …«

Unter Alex’ Blick verstummte er plötzlich, sprach dann aber weiter, errötete:

»… begehrt wird.«

Alex schaute zur Seite und ließ Marco ein paar Sekunden Zeit, seine normale Farbe wiederzugewinnen. Erneut begegnete sie dem Blick der Studentin, die sich eine Haarsträhne hinters Ohr schob und gleich wieder über die Bücher beugte.

»Ich verstehe, was du sagen willst, Marco. Aber vergiss nicht, das alles hat nichts zu tun mit … Verführung. Das weißt du doch. Es geht um Macht, einzig um Macht. Das ist etwas anderes. Hör zu. Du darfst dich nicht auffressen lassen von dieser Sache. Wie lange hast du den Kerl am Telefon gehabt, zehn Minuten?«

»Fünf. Zwei. Ich weiß nicht mehr. Nicht lange.«

»Wenn du schon jetzt so reagierst, wirst du, sobald wir ihn vorgeladen haben, sofort ausrasten. Und das bringt gar nichts. Also tief durchatmen. Wir sprechen mit dem zuständigen Staatsanwalt, dann sehen wir, was es braucht, um aus der sexuellen Belästigung eine versuchte Vergewaltigung zu machen. Und reden noch mal mit den beiden Frauen und gehen die Dinge im Einzelnen durch.«

Sie trank einen Schluck Wein und rümpfte die Nase. Ekelhaft, was sonst. Austrinken kam nicht infrage.

Marco brummte etwas vor sich hin.

»Ich gehe jetzt«, sagte Alex. »Und du regst dich ab.«

Er zeigte ein kleines Lächeln:

»Ach, ich mag es, wenn du dir Sorgen um mich machst.«

»Im Ernst. Spiel eine Runde Flipper, geh spazieren, egal was. Du hast einen halben Liter in weniger als drei Minuten runtergekippt. Bis du hinterm Steuer sitzt, hast du die Grenze schon überschritten.«

»Ach komm, das Gesetz bin ich.«

»Ich spreche nicht von einem Knöllchen, sondern von dem Mast, gegen den du fährst.«

Sie nahm ihre Tasche.

»Du gehst wirklich schon?«

»Es ist Dienstag.«

»Ach ja, Dienstag. Okay, dann an den Flipper. Keine Sorge. Bis morgen?«

»Ich fürchte, ja.«

Um halb sieben trat Alex durch die Wohnungstür, bei dem Berufsverkehr wie durch ein Wunder noch rechtzeitig.

»Mama!«

Bevor sie auch nur die Tür schließen konnte, stürzte Ana sich in die Arme ihrer Mutter, die Haare noch nass und schon im Nachthemd.

»Mein Spatz!«

Sie hob das Mädchen hoch und gab ihr einen dicken Kuss auf den Kopf. Ana drückte Alex ihrerseits Küsschen auf die Wange. Lucinda erschien in der Diele.

»Auf die Minute.«

»Ja«, sagte Alex mit einem Lächeln.

»Sie kommt gerade aus der Dusche.«

»Und die Hausaufgaben?«

»Fertig!«, meldete Ana stolz.

»Super. Dann können wir mit der Vorführung beginnen, ich zieh mich nur eben um und mach das Tablett fertig. Suchst du den Film aus?«

»Klar!«

Ana ließ sich auf die Füße gleiten und flitzte ins Wohnzimmer.

»He, Augenblick«, rief Alex. »Und Lucinda?«

Ana legte ein kontrolliertes Schleudern hin, kam zurück und wartete mit gerecktem Kopf auf den Tschüsskuss des Kindermädchens.

»Danke, Lucinda, auf Wiedersehen, bis morgen!«

»Bis morgen.« Lucinda gab Ana einen Kuss auf die Wange, und schon war die Kleine wieder weg. »Kaum bist du da, gibt es mich nicht mehr«, meinte sie zu Alex.

»Du weißt genau, wie gern sie dich hat«, sagte Alex. »Ohne dich würden wir es nicht schaffen. Was habt ihr vor für morgen?«

»Es ist noch schönes Wetter, ich dachte an den Park oder den Zoo.«

»Zoo? Ich glaube, darauf steht sie nicht mehr. Die ganzen Tiere im Käfig … Meine Mutter hat mal so was erwähnt, wenn ich mich recht erinnere. Aber du wirst schon sehen. Ich lasse euch Geld auf dem Tisch.«

Alex machte sich in der Küche zu schaffen. Dienstags gab sie sich alle Mühe, früh nach Hause zu kommen, und es folgte das immergleiche Ritual: Sie sahen sich gemeinsam einen Film an. Oft einen alten Klassiker, manchmal sogar in Schwarz-Weiß. Ana liebte Filme, egal welche, und Alex war mächtig stolz auf ihre neugierige Tochter, ausgerechnet, schließlich hatte sie sich als Jugendliche, zum Leidwesen ihrer Eltern, nur die dämlichsten amerikanischen Blockbuster reingezogen.

Aufs Sofa gekuschelt knabberten sie dann Gemüsestäbchen, Käse, löffelten Suppe aus einer Schale. Zu zweit in ihrem Kokon.

Als der Abspann begann, nickte Ana gleich weg.

»Mama, trägst du mich?«

»Ja, mein Schatz, ich trage dich.«

Alex legte Ana in ihr Bett. Die Kleine schlief schon fast.

»Gutnacht …«

»Gute Nacht.«

Alex ging ebenfalls ins Bett, bei offenem Fenster, es war eine der letzten Sommernächte, und während sie eindämmerte, hörte sie die Geräusche der Stadt.

III

Montag, 22. Oktober

Jean-Charles Dumont, Geschäftsführer von Sogecam, zog ins Kommissariat ein wie ein Kaiser in erobertes Land. Bei seinem Anblick hätte man meinen können, er sei gekommen, um seine Truppen zu inspizieren, nicht aufgrund einer Vorladung wegen seines perversen Personalleiters und mehrfacher sexueller Belästigung, Anschuldigungen, die Lassain sammelte wie andere Briefmarken.

Marco konnte ihn auf Anhieb nicht ausstehen, klar. Alex bemerkte es und führte das Gespräch lieber selbst, um ihrem Kollegen eine direkte Konfrontation zu ersparen. Doch Dumont schien eine andere Taktik gewählt zu haben. Er gab sich betont lässig, erweckte den Eindruck, als säße er überaus bequem auf einem dieser bekanntermaßen unbequemen Stühle im Vernehmungsraum, und auch wenn er auf Alex’ Fragen antwortete, schaute er dabei zu Marco. Er gab bereitwillig seine Personalien an und in welcher Beziehung er zu Lassain stand, der, wenn man ihn reden hörte, eine tragende Säule des Unternehmens war, eingestellt vor bereits fünfundzwanzig Jahren vom Herrn Dumont senior.

»Ach bitte«, kommentierte er gut gelaunt die belastenden Aussagen gegen seinen Personalchef, »Lassain kenne ich schon lange. Er macht seine Arbeit gut. Eine hervorragende Kraft. Aber ändern werden wir ihn nicht. Er ist nun mal ein Charmeur.«

Alex merkte, wie Marcos Anspannung wuchs, als dieser gereifte Dandy im Markenanzug ihm mit dem Kopf so etwas bedeutete wie: »Tja, die Frauen, wir kennen sie ja.« Worauf sie noch mal einen Blick in die Akte warf, die sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Sie musste sich zwingen, tief durchzuatmen.

»Ein Charmeur?«

»Na ja, so in der Art. Ein Spielchen. Jennifer und Aïssa sind attraktiv, im besten Sinne des Wortes. Verführerisch schön, und das wissen sie genau, was soll daran schlimm sein? Geschichten über solche Sachen am Arbeitsplatz sind doch nichts Ungewöhnliches. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich selber habe meine Sekretärin geheiratet! Später geschieden.«

»Was wollen Sie damit sagen, ›und das wissen sie genau‹?«

»Ist doch klar, sie setzen es ein.« Erneut wandte er sich an Marco. »Sie bücken sich, um das Papierfach des Kopierers zu öffnen, wackeln mit den Hüften, wenn sie im kurzen Rock über die Flure gehen …«

»Die beiden haben ausgesagt, Sie würden eine bestimmte Kleidung am Arbeitsplatz vorschreiben. Den Frauen. Rock und hohe Absätze.«

»Ooooh, für die über vierzig nicht!«

Erneutes Augenzwinkern in Richtung Marco. Selbst ohne ihn direkt anzusehen spürte Alex, wie ihr Kollege kochte.

»Herr Dumont, die Anschuldigungen gegen Ihren Mitarbeiter wiegen schwer. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie auf meine Fragen antworten würden und uns unnötige Bemerkungen ersparen.«

Dumont nahm das übergeschlagene Bein herunter und stützte die Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn auf den gefalteten Händen.

»Hören Sie, Lassain ist ein Schürzenjäger, hübschen Frauen kann er nicht widerstehen. Aber wir haben es hier mit erwachsenen Menschen zu tun. Ich sehe wirklich nicht, was das die Polizei angeht.«

»Zwei junge Frauen haben Anzeige erstattet. Das geht die Polizei allerdings etwas an. Beide haben ausgesagt, er habe sie jeweils in sein Büro gerufen, habe die Tür geschlossen, so dass sie nicht mehr hinauskonnten, und ihnen dann sehr deutlich eine unbefristete Stelle angeboten für ein, ich zitiere, ›Nümmerchen von hinten‹.«

»Von hinten, tatsächlich? Der Kurs für eine Festanstellung steigt«, gluckste Dumont.

Marco sprang hoch und war mit einem Satz am Tisch, ein Arm in Richtung Dumont ausgestreckt.

»Cantera!«, rief Alex, stand ebenfalls auf und packte Marco an der Schulter.

Ihre Blicke trafen sich, sie hielt seine muskulöse Schulter fest umklammert und lockerte ihre Finger erst, als sie Marco auf dem Grund seiner haselnussbraunen Augen wiedererkannte. Der drehte um und ging türeschlagend hinaus.

Dumont schien enttäuscht über Marcos Abgang. Wohl oder übel wandte er sich Alex zu.

»Das war doch nur Spaß!«, rief er und musterte sie unverhohlen. »Sie sind eine hübsche Frau, Sie auch, aber da sage ich Ihnen nichts Neues. Also kommen Sie. Lassain hat nichts Ungehöriges getan, das sind absurde Unterstellungen. Verführung? Sicherlich. Aber Sie wissen ja, wie das ist. Man flirtet … und dabei bleibt es. Als würde ich zu Ihnen sagen, dass Sie … sehr schöne Augen haben.«

Alex verzog keine Miene. Sie notierte lediglich Dumonts Äußerungen und ignorierte demonstrativ die anzüglichen Bemerkungen dieses Fünfzigers mit dem kunstvoll verwuschelten weißen Haar und dem Playboygehabe. Dumont schien einen Moment zu glauben, Alex wäre empfänglich für sein kokettes Zwinkern, doch bei aller Selbstverliebtheit konnte er sich nicht länger etwas vormachen. Er begann sich also zu langweilen, wurde unleidlich, machte ein beleidigtes Gesicht und erklärte schließlich, er habe nichts weiter hinzuzufügen.

Alex ließ sich Zeit mit dem Tippen der Aussage, während Dumont seufzend auf die Uhr sah. Dann bat sie ihn um seine Unterschrift und legte den Kuli auf den Tisch, nicht dass sie mit seinen manikürten und viel zu kleinen Pummelhänden in Berührung kam.

Dumont las sich die wenigen Seiten unerwartet konzentriert durch. Argwöhnisch, wie Alex bemerkte. Egal was seinen Mitarbeiterinnen passierte, es tangierte ihn nicht. Schlimmer noch, er fand es amüsant. Aber wenn es darum ging, sich zu schützen, war er auf der Hut.

Alex begleitete Dumont zum Ausgang.

»Wir melden uns bei Ihnen. Geben Sie uns Bescheid, wenn Sie wieder die Absicht haben, das Land zu verlassen.«

»Ist das alles?«

Aus seinem Ton sprach tiefe Verachtung.

»Nein. Das wird nicht alles sein«, antwortete Alex seelenruhig. Sie wusste genau, so achtlos, wie sie es dahinsagte, kam es einer Beleidigung gleich.

Marco saß grummelnd an seinem Schreibtisch und tippte einen Bericht. Alex sah auf die Uhr. Um sieben ging sie mit Chloé ins Kino, jetzt war es fünf. Marco hatte die Vernehmung Dumonts vor über einer Stunde verlassen, und noch immer schäumte er.

»Soll ich mit dir ins Balto gehen?«

Marco blickte auf:

»Du willst mich dazu bringen, meine Wut im Alkohol zu ertränken?«

»Genau.«

Marco hörte auf zu tippen und strich sich übers Gesicht, von unten nach oben, mit der ganzen Handfläche, als wollte er sich verstecken.

»Marco, du weißt, dass ich dich trotzdem sehe?« Er musste lächeln.

»Ich kopiere das eben für die Akte, dann gehen wir«, entschied Alex.

»Ich hasse diesen Tag«, sagte Marco, als Alex an den Tisch zurückkam und ihm ein Bier hinstellte.

Sie setzte das Weinglas an die Lippen und musste die Lider senken, als ihr der Alkoholdunst in die Augen stieg (wenn es denn Alkohol war und kein Lösungsmittel, schwer zu sagen). Sie setzte das Glas wieder ab.

»Dieser Drecksack von Lassain stand schon zweimal wegen sexueller Belästigung vor Gericht. Zwei Mal! Die beiden Mädels haben im September Anzeige erstattet. Und jetzt ist Ende Oktober. Ist dir klar, dass Jennifer und Aïssa die ganze Zeit zur Arbeit gehen, fünf Tage die Woche, zehn Stunden am Tag? Und dass sie dieses Arschloch genauso lange ertragen müssen? So wie es aussieht, steht dieser Dumont ihm in nichts nach. Mal ehrlich, kannst du dir das vorstellen? Jeden Tag? Jeden Tag musst du mit einem Typen arbeiten, den du angezeigt hast, und darauf warten, dass die Maschinerie sich in Gang setzt. Nur warten, sonst nichts. Weil du die Geschichten ja kennst, von wegen der Dings hat gesagt, und der Sowieso … Eigentlich hätten sie längst eine interne Untersuchung veranlassen sollen, aber wenn das von Dumont abhängt, können sie gleich einpacken, Aïssa und Jennifer. Scheiße!«

Alex drehte den Stiel des Glases zwischen ihren Fingern.

»Nerv ich dich?«, fragte Marco.

»Nein, gar nicht. Aber was soll ich dazu sagen? Ja, er ist ein Arschloch. Ja, die beiden machen die Hölle durch. Ihr einziger Schutz ist erst mal, dass wir ermitteln. Aber wenn es für eine strafrechtliche Anklage nicht reicht und die Sache allenfalls arbeitsrechtlich zu verfolgen ist, werden die beiden auf der Stelle gefeuert.«

Alex zuckte mit der Schulter.

»Und das soll alles sein? Weil es ist, wie es ist?«, fragte Marco.

»Ich tue, was ich kann, du tust, was du kannst, wir kommen voran, wir bleiben dran.«

»Ich verstehe nicht, wie du es schaffst, solche Dinge nicht an dich rankommen zu lassen.«

»Ich bestelle schlechten Wein.«

»Jetzt mach mal einen Punkt, Alex. Manchmal habe ich den Eindruck, dir ist alles egal.«

»Red keinen Quatsch. Ich brauche Distanz, ja. Und?«

Marco hob zwei Finger in Richtung Theke. Alex bedeutete dem Wirt, dass sie eine Runde aussetzte. Der nickte, einer der letzten Wirte in Paris mit waschechtem Schnurrbart und ebensolcher Herkunft aus der Auvergne.

»Was ist bloß los mit diesen Typen? Was läuft da schief, dass für sie die Frauen auf einmal nur noch ein Stück Fleisch sind?«

»Ich denke, sie haben es einfach nicht gelernt, Frauen anders zu sehen, Marco. Ob mit oder ohne Krawatte, sie sind nicht besser als diese Bande kleiner Pisser, von der wir im Juni die schwedische Studentin erlöst haben. Ich nehme mir, was ich will, und wenn sie schreit, wenn sie sich wehrt, wird’s sportlich, das ist alles. Weil, klar, ›Nein‹ heißt natürlich ›Ja‹, und ›Komm mir nicht zu nah‹ heißt ›Schlag mir die Fresse ein und vergewaltige mich an der Mülltonne, deine Kumpels können ruhig zugucken‹. Willst du das hören?«

Marco starrte sie aus seinen goldbraunen Augen an, mit fast dümmlicher Miene. Alex wollte schon seine Hand nehmen und ihn trösten, warf ihm dann aber lieber eine Erdnuss ins Gesicht. Was letztlich aufs Gleiche hinauskam.

»Komm schon, Marco, lass dich nicht runterziehen.«

»Aber das muss doch möglich sein. Dass man zusammenlebt, oder? Würde man normal miteinander sprechen, müssten die Frauen nicht schon als Kind lernen, dauernd aufzupassen, und die Männer würden sich wie Männer benehmen und nicht wie das Missing Link zwischen dem Neandertaler und dem Waldmenschen …«

»Tja, und ich würde dann auf dem Rücken eines Einhorns arbeiten. Wie dem auch sei, wenn du fertig bist mit deiner Litanei, dreh dich mal diskret um. Die kleine Blonde ist wieder da und schielt die ganze Zeit nach dir.«

Marco klappte den Mund auf, dann schaute er sich kurz um und errötete.

»Unsinn …« Er strich sich über den Nacken. »Möchtest du noch ein Glas?«

»Nett von dir, aber angesichts der Qualität des Weins denke ich, das wäre das sofortige Magengeschwür. Ich schaffe schon kaum das Glas hier. Außerdem muss ich los.«

»Ich kann dich fahren«, schlug er vor.

»Danke, aber ich habe eine Verabredung.«

»Aha?«

»Ja«, sagte sie lächelnd, keine weiteren Fragen erlaubt.

Sie stand auf.

»Du solltest zu ihr hingehen«, meinte sie noch und deutete mit dem Kopf zum Tisch am Ende des Raums.

»Was? Nein. Ich gehe zu Mercier«, sagte er und zeigte auf einen anderen Polizisten am Tresen. »Wir müssen uns organisieren, die Mannschaft wieder aufstellen, die Trainingszeiten … Die Spielzeit fängt bald an.«

»Doch, Marco. Sei nicht so schüchtern. Sprich sie an. Über Freistöße und den Gestank alter Socken unterhaltet ihr euch ein andermal.«

»Ich lasse dich nie wieder den Film aussuchen, dass du es weißt«, sagte Alex.

»Wie bitte?« Chloé band sich ihren roten Seidenschal um. »Er hat dir nicht gefallen?«

»So ein Käse. Die schaffen ihre Ermittlungen in einer Stunde zwanzig. Und sind alle Hellseher. Das Bauchgefühl, der sechste Sinn der Polizisten … Man könnte meinen, den bekommen sie zusammen mit ihrer Dienstmarke und der Knarre am ersten Tag ausgehändigt: ›Die Knarre, die Marke, und ach ja, hier ist Ihr sechster Sinn, verlieren Sie ihn bitte nicht!‹ Lächerlich. ›Ich wusste instinktiv, wenn Toby, der blinde Hund, MacGraddy nicht angebellt hat, diesen verschrobenen Metzger, der Kataloge für die Jagd mit dem Messer bestellt, dann weil der den Bruder von John umgebracht hat, der Pamela umgebracht hat, um an das Geld aus dem Kokaingeschäft zu kommen.‹ Also ehrlich … Wenn einer die Beförderung und das Mädchen verdient hat, dann der Hund.«

»Das große Los, klar, du löst den Fall und bekommst das Mädchen.«

»Pff.«

»Ach hör schon auf, Alex. Mich amüsieren solche Filme. Es tut mir gut, wenn ich sehe, wie die Netten gewinnen und die Bösen verlieren. Dass man weiß, wer wer ist … Dass es keinen Zweifel gibt.«

»Harte Woche?«, fragte Alex.

»Ja.«

»Willst du darüber sprechen?«

»Nicht unbedingt.«

»Hm … Dann gehen wir was essen und beklagen uns über unsere Kinder?«

***

Drei Uhr morgens. Wenn normale Menschen schlafen.

Aber nicht ich. Wie bestellt und nicht abgeholt sitze ich hier und warte darauf, dass ein Idiot endlich seine Arbeit tut.

Die Halle lag im Dunkeln, der Parkplatz fast leer. Das Gittertor unter dem Schild JardiBonheur war verschlossen. Zehn Minuten Lichthupe hatten nichts gebracht. Camille gab auf und zog den Schlüssel ab, stieg aus und schlug die Tür des Lieferwagens zu. Das Rauschen des Autobahnrings war zu hören, gedämpft durch all die Schuppen im Gewerbegebiet. Sonst war der Nachtwächter immer da, warf Camille Blicke zu, lächelte – blöder Sack. Aber jetzt war in der Bude niemand.

Camille ging vor dem Wachhäuschen auf und ab, zündete sich eine Zigarette an und stieß wütend den Rauch aus. Die Gegend war wie ausgestorben. Nur das Licht in der Bude deutete darauf hin, dass jemand vor kurzem dort gewesen war, aber sie war leer. Scheiße, wo ist der Kerl bloß wieder hin? Dieser Penner. Jetzt war sein ganzer Lieferplan umgeworfen, und das gehörte zu den Dingen, auf die Camille sehr gut verzichten konnte.

Camille ließ die Kippe auf den Boden fallen und ging zurück zum Wagen, setzte sich hinters Lenkrad, beugte sich zum Handschuhfach und kramte nach den Unterlagen mit der Nummer des Ansprechpartners bei JardiBonheur. Bloß nicht dieser andere Trottel. Camille würde anrufen und Bescheid sagen. Wenn die Lieferung zu spät kam, war das allein die Schuld des Nachtwächters von Jardi-kann-mich-mal.

Als die Beifahrertür aufging, machte Camille ein so überraschtes Gesicht, dass es schon komische Züge annahm. Wie in einem Trickfilm, mit offenem Mund und die Augen weit aufgerissen, die Finger noch im Handschuhfach und ohne zu reagieren, saß Camille ein paar Sekunden da und schien erst wieder zur Besinnung zu kommen, als ein Knüppel herabsauste. Camille blinzelte, Nebel im Blick. Das Metallrohr schlug noch einmal zu.

Als Camille im Laderaum aufwachte, war das erste Gefühl die Kälte, dann kam der Schmerz. Nackt dazuliegen, diese Gewissheit nahm im Kopf allen Raum ein. Als der Körper eine Sekunde später alle sonstigen verfügbaren Informationen weitergeleitet hatte, war nur noch Kraft für einen Schrei.

Montag, 5. November

Alex brauchte eine Stunde und vierzig Minuten bis nach Hause, nicht ein einziges Mal konnte sie in den dritten Gang schalten. Was für ein beschissener Tag, sagte sie sich, als sie schließlich parkte und ihr einfiel, dass es in der Wohnung absolut nichts zu essen gab. Eine Woche ohne Ana, eine doofe Woche.

Sie stieg aus und hängte sich die Tasche um. Im Schein der Straßenlaterne schloss sie den Wagen ab und hetzte los zu ihrem Leuchtturm im Sturm, ihrem Licht in den tiefsten Tiefen der Not: dem kleinen Lebensmittelladen an der Ecke. Bier, Ravioli. Ihr Survival Kit.

Vor dem Gittertor der Wohnanlage standen ein paar Jungs und traten von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Dabei ließen sie eine Flasche aufgepimpte Limo rumgehen, die schon auf fünf Metern nach Alkohol roch. Als sie Alex’ rasche Schritte hörten, war die Gruppe auf einmal wie unter Hochspannung, und alle drehten sich nach ihr um. Ein »He, du …« wehte herüber, ehe sie sie erkannten. Die von den Bullen. Alex war vom Opfer zum Henker geworden. Die Anmache verlor sich in der Nacht, die Clique beschäftigte sich wieder mit sich selbst.

Sie ignorierte sie, gab den Code ein. Ein leises »Bsss« war zu hören, sie drückte das Tor auf und stieg die wenigen Stufen zum Vorplatz hinauf.

Hinter ihr, auf der Straße, verhallten noch ein paar Beleidigungen, dieselben wie immer. Ob Bulle oder Nichtbulle, Alex würde es alleine nicht riskieren, sich mit sechs zugedröhnten Jungs anzulegen, die alle größer waren als eins achtzig. Trotzdem warteten diese stolzen Vertreter der Jugend lieber erst ab, bis sie verschwunden war, ehe sie ihr »Dreckige Nutte« losließen.

Zehn Meter, dann eine zweite Tür, ein zweites elektrisches Türschloss, ein Aufzug, eine verstärkte Tür. Alex ließ die Welt draußen.

Sie hatte die Wohnungstür kaum hinter sich zugezogen, als die Plastiktüten rissen. Konserven und Dosen fielen heraus und rollten in alle Richtungen.

»Grrr, so eine Scheiße, das kann doch nicht wahr sein!«

Alex schloss für einen Moment die Augen, dann legte sie ihren Mantel ab, ihren Schal und die Handschuhe und sammelte alles Stück für Stück auf.

Die Bierdosen räumte sie gleich in den Kühlschrank, bis auf eine, die sie ohne nachzudenken öffnete. Die Dose gab ein sprudelndes Zischen von sich, und eine schäumende Flüssigkeit lief ihr über die Hände, die Hose, die Füße, auf den Küchenboden. Wütend stellte sie die Dose ins Spülbecken.

»Klar. Musste ja so kommen. Natürlich. Scheiße.«

Als sie sich eine alte Jogginghose und dicke Strümpfe angezogen hatte, holte sie ihre Tasche aus der Diele und ging in Anas Zimmer.

Sie verschob das Bett, legte den Boden mit Zeitungspapier aus und nahm aus der alten Ledertasche einen kleinen Topf Farbe. Dann malte sie akkurat ein großes Rechteck auf die Wand, dort, wo Ana mit Filzstiften geschmiert hatte. Mit kleinen Pinselstrichen verteilte sie das hellblaue Farbgemisch und löste auf diese Weise ihren Tag in Vergessen auf. Die Pleite im Fall Lassain. Die Auseinandersetzung mit dem frustrierten Marco, der meinte, er müsste sich an einem Exhibitionisten abreagieren, den sie vor einem Gymnasium geschnappt hatten. Und den zerkochten Chicorée in der Kantine.

Mein kleiner Schatz will Blau, mein kleiner Schatz kriegt Blau. Alex lächelte. Wenigstens das hatte sie geschafft an diesem Tag.

Sie holte das Bier aus dem Spülbecken und trank es in langsamen Schlucken, versunken in den Anblick der Wandfläche, die nun ein Sommerhimmel war.

IV

Dienstag, 6. November

Jennifer Semblat und Aïssa Ndiaye standen am Wachtresen und hielten sich kerzengerade, so erschöpft sie auch aussahen. Das Angebot der beiden Inspektoren, ihnen einen Kaffee zu spendieren, nahmen sie höflich an. Als die Maschine dann eine braune Flüssigkeit mit dem Duft von verbranntem Gummi ausgespuckt hatte, nahmen alle vier um Marcos Schreibtisch herum Platz.

Alex tat ihr Bestes, die Neuigkeit scheibchenweise mitzuteilen: Der Verfassungsrat hatte soeben das Gesetz zum Schutz vor sexueller Belästigung kassiert. Was de facto die laufenden Verfahren für nicht rechtmäßig erklärte und Dutzende von Opfern hilflos dastehen ließ. Darunter Jennifer und Aïssa. Blondeau hatte seine Leute anweisen müssen, die Akte Lassain zu schließen. Das Gesetz war zu unbestimmt formuliert gewesen, verfassungswidrig – ein anderes musste her.

»Und bis dahin?«, fragte Aïssa.

Den Sachverhalt freundlich rüberzubringen war unmöglich. Dann lieber gleich deutlich.

»Bis dahin sind alle laufenden Verfahren eingestellt, und wir haben kein Gesetz mehr, um die Beschuldigten zu verfolgen.«

Alex machte eine Pause.

»Man wird Ihnen zweifellos empfehlen, mit einer Anzeige wegen Mobbing weiterzumachen. Das kann vors Arbeitsgericht gehen, aber das ist ein anderes Verfahren. Die Taten sind dann keine mehr, die nach dem Strafrecht zu verurteilen wären, verstehen Sie? Unser Dezernat ist damit aus dem Spiel, wir sind nicht mehr zuständig …«

»Und bei Mobbing müssen wir beweisen, dass wir Opfer sind, und nicht er, dass er unschuldig ist, meinen Sie das?«, wollte Aïssa wissen.

»Dann steht Ihr Wort gegen das von Lassain«, bestätigte Marco, wenn auch widerstrebend.

Alex musterte die beiden jungen Frauen. Sie waren sehr schön, hatten perfekte Haut und feste Brüste, was kaum zu übersehen war, trotz ihrer strengen schwarzen Pullis. Natürlich schaute Alex sich die Körper um sie herum an. Da war die Lust, denn die schönen Dinge, genau wie die schönen Menschen, machen einem Lust, sie zu berühren, sie sich zu nehmen, sie zu besitzen. Nur behielt Alex, im Unterschied zu Lassain, ihre Gedanken für sich und ihre Hände flach auf dem Tisch – Beweis dafür, dass es möglich war.

»Die Tatsache, dass er schon mal angeklagt war, könnte für Sie von Vorteil sein.«

Sie hoffte, ihr Tonfall war beruhigend.

Jennifer atmete tief ein und blies die Luft langsam wieder aus, sie zitterte. Aïssa blickte auf ihre gefalteten Hände im Schoß.

»Er wird sie als Zeugen benennen.«

»Wen, sie?«, fragte Alex.

»Die anderen«, sagte Aïssa. »Das ganze Management. Sie sind zu sechst, alle über fünfzig, sie spielen zusammen Golf, stoßen jeden Mittag in der Brasserie miteinander an. Sie werden für ihn aussagen. Für Lassain.«

»Sie meinen, alle sind auf seiner Seite?«, fragte Marco.

»Ob ich das glaube?« Aïssas Stimme klang müde. »Ich