Das Strandhaus - Deborah O'Donoghue - E-Book

Das Strandhaus E-Book

Deborah O'Donoghue

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Beschreibung

Wer die Wahrheit sucht, findet den Tod! Hochspannend und schottisch-unheimlich bietet "Das Strandhaus" einen packenden Mix aus atmosphärischer Psycho-Spannung und eiskaltem Polit-Thriller. Für die einflussreiche Politikerin Juliet bricht eine Welt zusammen, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Nichte erhält: Die talentierte, lebensfrohe Beth soll sich beim Sommerhaus der Familie im Meer ertränkt haben? Trotz eines Abschiedsbriefs kann Juliet das einfach nicht glauben. Obwohl ihre Partei, die sich für Frauenrechte einsetzt, mitten im Wahlkampf steckt, fährt Juliet zum Strandhaus an der schottischen Küste, um selbst ein paar Nachforschungen anzustellen. Schnell fallen ihr einige Merkwürdigkeiten auf. Und die Nachbarn – eine prominente Techno-Band, mit deren Sänger Beth angeblich liiert war – wirken seltsam zwielichtig. Doch um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, braucht Juliet nicht nur die Fähigkeiten einer mit allen Wassern gewaschenen Politikerin, sondern vor allem das, was ihre Jugend an Schottlands rauer Küste und seinem tückischen Meer sie gelehrt hat … Ein unwahrscheinlicher Selbstmord, eine skrupellose Intrige und eine Frau, die bereit ist, alles zu riskieren: Deborah O'Donoghues Thriller »Das Strandhaus« begeistert mit toughem, intelligentem Nervenkitzel aus Schottland.

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Deborah O'Donoghue

Das Strandhaus

Thriller

Aus dem Englischen von Ulrike Clewing

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Für die einflussreiche Politikerin Juliet bricht eine Welt zusammen, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Nichte erhält: Die talentierte, lebensfrohe Beth soll sich beim Sommerhaus der Familie im Meer ertränkt haben? Trotz eines Abschiedsbriefs kann Juliet das einfach nicht glauben. Obwohl ihre Partei, die sich für Frauenrechte einsetzt, mitten im Wahlkampf steckt, fährt Juliet zum Strandhaus an der schottischen Küste, um selbst ein paar Nachforschungen anzustellen. Schnell fallen ihr einige Merkwürdigkeiten auf. Und die Nachbarn – eine prominente Technoband, mit deren Sänger Beth angeblich liiert war – wirken seltsam zwielichtig. Doch um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, braucht Juliet nicht nur die Fähigkeiten einer mit allen Wassern gewaschenen Politikerin, sondern vor allem das, was ihre Jugend an Schottlands rauer Küste und seinem tückischen Meer sie gelehrt hat …

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Danksagung

1

Sie weiß, dass es ihr letzter Blick auf das Watt vor Culbin ist, während sie über den Strand läuft. Den Blick zurück zum Haus mit der Rauchfahne, die sich wie auf einer Kinderzeichnung in den Himmel schlängelt, erträgt sie nicht. Stattdessen wendet sie sich dem Meer zu, dem Strandabschnitt in der Bucht von Moray, an dem sie früher stets Trost fand.

Sie zaudert dort, wo der Sand sich dunkler färbt, doch das Wasser steigt weiter an, umspült sie und schließt sich hinter ihr, als giere es danach, den Saum aus Treibholz und Muscheln zu erreichen, der sich am Waldrand abgesetzt hat. Ein paar Meter weiter schlagen die Wellen schmatzend auf der höchsten Stelle der Sandbank auf. Feinste Tröpfchen stieben in die salzige Luft, verharren einen Augenblick, bevor sie auf dem geriffelten Schlick unter ihren Füßen niedergehen.

Sie spürt die Kälte des Wassers an ihren Zehen nicht. Ihr Blick geht auf die Bucht hinaus: auf die silbrig blaue, sich vor dem weiß-grauen Himmel im stetigen Rhythmus hebende und senkende Flut. Das Flusspferd kann sie nur schwach erkennen, den Felsen, etwa vierhundert Meter weit draußen im Meer, zu dem sie immer hinschwimmen wollte, als sie noch ein kleines Mädchen war.

Er beobachtet sie vom Waldrand aus. Erneut vernimmt sie seine Stimme, die ihren Namen ruft. Sie geht los.

2

Eines Nachmittags im Sommer wird ihre Leiche am Strand gefunden.

Die Luft vor dem Wald schwirrt vor Mücken. Die Familie lässt die Frisbeescheibe in der leichten Brise lieber nahe dem Wasser zwischen Vater, Mutter und Sohn hin und her sausen. Ganz knapp huscht sie über den Kopf des elfjährigen Jacob hinweg. Er läuft mit seinen sonnengebräunten flinken Beinen über den fahlen, geriffelten Sand zurück, den Blick starr auf die rote Scheibe fixiert, die träge über ihm rotiert.

Fast fällt er über sie.

Später stellt der Pathologe Verletzungen oben auf dem Kopf und am Hinterkopf fest. Jacob kann sie glücklicherweise nicht sehen. Er starrt sie nur an.

Sie hat kurzes, dunkelblondes Haar, ist zierlich und trägt ein hellgrünes Bikinioberteil, orangefarbene Baumwollshorts, aber keine Schuhe. Ihr Bikini ist verrutscht, sodass Jacobs Vater sie mit einem verblichenen gestreiften Strandtuch bedeckt. Bis auf die seiner Mutter hat Jacob noch nie Brüste gesehen.

Nur die Zehen des Mädchens, die Knöchel und die Handgelenke weisen Verletzungen auf – so massiv, dass wächserne Knochen durch die schwarz verfärbten Wunden nach außen dringen, als wollte eine Pflanze Wurzeln schlagen.

3

Es ist kurz vor zehn, als Dominic das Büro verlässt. Die Titelseiten sind im Kasten. Nach einem fulminanten Abendrot hat die Dämmerung in London eingesetzt. Die Luft ist feucht. Jogger ziehen ihre Runden, Pärchen schlendern umher, und der Duft von Streetfood schwebt über der South Bank. Die Lampen, wie Perlen in Bögen an den Brücken aufgereiht, spiegeln sich schwach auf der Wasseroberfläche. Dominic lässt sich auf einer Bank nieder, um die SIM-Karten in seinem Handy auszutauschen, und wählt die Nummer seines Vaters.

»Palmer.«

»Dad« – er überlegt, sein Vater hasst derlei Kinderkram, wenn es ums Geschäftliche geht – »Bernhard hier. Wir kommen mit der Story morgen als Erste raus.«

»Wunderbar. Keine Vorankündigung?«

»Die wird ihr blaues Wunder erleben.«

»Und wasserdicht ist sie auch? Und abgesegnet?«

»Sie haben alles überprüft. Kannst dich auf mich verlassen. Alles sauber. Das Interesse der Öffentlichkeit ist garantiert.«

Am anderen Ende der Leitung ist es still. Das heißt, nicht richtig still. Ein gedehntes, zufriedenes Einatmen lässt sich vernehmen. Dominic kennt seinen Vater und sieht ihn förmlich an seiner Spätabendzigarre ziehen. Dominic kramt in der Jackentasche und zündet sich auch selbst eine Zigarette an. Eigentlich sollte er aufhören.

»Über welche Kanäle?«

»Erst mal nur unsere. Die bringen es alle. Das ist der Aufmacher, der Knüller für den Examiner.«

Lachen. »Gute Arbeit, wenn du mir die Bemerkung gestattest.«

»Und Brockwell wollen wir wirklich nicht groß herausbringen? Im Courier?«

»Oh ja, ganz sicher. An irgendwelchen Scharmützeln zwischen dir und Brockwell mit seinem linken Schundblatt besteht kein Bedarf. Konzentrier dich auf Goldman. Sie muss noch viel lernen.«

»Sehr gut.«

Erneut gedehntes Atmen. »Und den Zeitpunkt hast du dir auch genau überlegt?«

»Hältst du es für zu früh?« Dominic war sich nicht sicher. »Drei Monate?«

»Nein. Es reicht weit über die Wahl hinaus. Und bietet genügend Zündstoff. Diese alten Fotos von Lyall. Mach damit weiter.«

Sie legen auf. Die Lichter auf der Wasseroberfläche flirren, als schwitzten sie ihre Wärme in die feuchtkühle Nacht hinaus. Dominic steht auf, öffnet den Kragen seines Hemdes und legt sich den Mantel über den Arm, bevor er sich wieder auf den Weg ins Büro macht.

Exklusiv im Examiner: Prominente Feministin in Sex-Skandal verwickelt

9. Juni 2018

Fiona Goldman, Parteivorsitzende der Progressive Alliance, hat Affäre mit Zeitungsverleger.

Kompromittierende Fotos liefern Beweis für heimliche Liebschaft.

 

Die in der heutigen Ausgabe des Examiner veröffentlichten Fotos liefern den Beweis für die Affäre zwischen Fiona Goldman, radikale feministische Vorsitzende der Progressive Alliance, und James Brockwell. Brockwell ist verheiratet und Chefredakteur des City Courier.

Brockwells Ehefrau ist die Fernsehproduzentin Amy Brockwell. Das Paar hat zwei Kinder im Teenageralter. Unsere Fotos (rechts und Mitte) zeigen Brockwell beim frühmorgendlichen Verlassen von Goldmans Apartment in Islington. Eines davon zeigt das Paar in inniger Umarmung in einer Straße unweit des Hauses, in dem Brockwell mit seiner Familie lebt.

Der City Courier unter seinem Herausgeber Brockwell tritt offen für die Progressive Alliance (PA) und ihre kämpferischen Forderungen nach Investitionen in die Infrastruktur und sozialen Reformen ein. Das wirft zwei entscheidende Fragen auf: Was hat das Blatt dazu bewogen, die PA zu unterstützen, und wie gelangte Goldman an die Spitze der Partei? Nicht zuletzt im Hinblick auf die in nur wenigen Monaten anstehenden Wahlen müssen sich Mitglieder der PA die Frage gefallen lassen, ob eine Ehebrecherin, die sich Gefälligkeiten der Medien mit Sex erkauft, das geeignete Aushängeschild für eine Partei ist, die für Elternrechte am Arbeitsplatz und eine allumfassende psychiatrische Versorgung eintritt.

Mit ihrer kürzlich abgegebenen Erklärung zur Flüchtlingskrise und der Kritik am Waffenhandel Großbritanniens mit Saudi-Arabien hat Goldman bereits an Glaubwürdigkeit verloren. Goldman ist Vorsitzende des parteiübergreifenden Ausschusses für Ethik in der Finanzwirtschaft. Die Geschäftsführer von über zwanzig Unternehmen unterzeichneten im Mai einen offenen Brief, in dem sie den Rücktritt der ehemaligen Schauspielerin forderten und Goldman »als Risiko für das internationale Ansehen des Vereinigten Königreichs als Handelspartner« bezeichneten.

Weder Goldman noch Brockwell waren bereit, sich zu äußern. Amy Brockwell ist zu Hause nicht anzutreffen. Ein Lehrer, der namentlich nicht genannt werden möchte, teilte uns mit, dass die Kinder heute nicht in der Schule erschienen seien.

4

Inverness. Drei Monate später

Der Tag der Wahl. Juliet kann für Fiona oder die Partei nichts mehr tun. Und heute wird Beth beerdigt.

Sie wird früh wach, wieder einmal jäh aus einem Traum gerissen, in dem es um Wasser geht. Declan liegt leise schnarchend neben ihr. Sie fühlt sich immer noch matt von der Reise. Die Hektik, mit der sie gestern direkt von der Arbeit zum Flieger von London in den Norden hasten musste, und der anstrengende Besuch bei ihrer Schwester Erica sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Juliet ist müde, auch wenn sie weiß, dass an Schlaf jetzt nicht mehr zu denken ist. Sie liegt still da, den Blick zur Decke gerichtet, so wie sie es fast jeden Morgen tut, seit sie vom Tod ihrer Nichte erfahren hat.

Nüchterne Strahler in der Decke des Hotelzimmers glotzen leer auf sie herab. Die Laken fühlen sich rau und schwer an, fast als trachteten sie danach, sie zu erdrücken. Das Hotel am Ness, das ihre Assistentin für sie gebucht hat, ist eine gute Wahl. Es liegt zentral, und es ist ruhiger als bei Erica in der Stadt oder in dem Strandhaus ein paar Meilen entfernt draußen an der Küste, das Juliet gehört. Doch daran denkt sie nicht. Sie sieht Beth vor sich, als Baby, das ihr die Arme aus der Wiege entgegenstreckt, und heute der Erde übergeben werden muss. Das Geräusch eines Lasters dringt von der Straße, fünf Stockwerke weiter unten, zu ihr herauf.

Declan dreht sich um und sieht sie einen Moment lang an. Er rutscht an sie heran, und sie wendet sich ihm zu, drückt sich an ihn, legt die Hände auf sein drahtiges Brusthaar und fährt ihm, auf der Suche nach seinem Herzschlag, tastend mit den Fingerspitzen über die Haut. Sie schlafen zärtlich miteinander, Declan küsst ihr Gesicht, die Augenlider. Ein kurzer Augenblick, den sie festhält, länger als sonst. Dann schwingt er die Beine aus dem Bett, tappt zu den Vorhängen und lässt das Sonnenlicht herein. Sie blinzelt und kneift die müden blauen Augen zu, als sich die Pupillen erschreckt zusammenziehen.

Er geht mit dem Wasserkocher ins Bad, und sie hört, wie er das Wasser einen Augenblick laufen lässt. »Soll ich die Nachrichten einschalten?«

Murrend reibt sie sich das Gesicht. »Ja, kannst du machen.«

Er schaltet den Fernseher an, den Ton aber stumm. Archivaufnahmen von Wählern, die Schulen und Kirchen betreten und wieder herauskommen. Regale voller Stimmzettel. Der Bericht eines Reporters, der sich vor dem Parlament postiert hat. Worüber eigentlich? Für Umfrageergebnisse oder gar Analysen ist es noch zu früh. Der nächste Bericht: eine griechische Insel; Leichensäcke; ein Berg aufeinandergetürmter Rettungswesten; der Schuh eines Kleinkindes. Juliet greift zur Fernbedienung und schaltet den verdammten Kasten ab. Sie kann diese Bilder nicht ertragen. Nicht heute.

In dem Moment fragt sie sich, ob wohl die Presse auf der Trauerfeier erscheinen wird. Ein paar Blättern war nicht entgangen, dass die Beisetzung auf den Wahltag fallen würde, und sie hatten diese Tatsache als gutes Omen für die Wahl gewertet. Natürlich ist das Unsinn. Juliets Einfluss auf die polizeilichen Ermittlungen oder die Beisetzung ist genauso begrenzt wie der auf den Wahltermin. Ehrlicherweise muss sie sogar gestehen, dass sie sich wünscht, mehr Zeitungen hätten es aus dieser irrwitzigen Perspektive gesehen. Jedenfalls würde das den Dampf aus dem Kessel um Fiona Goldmans Sex-Affäre nehmen.

Als Generalsekretärin der PA hat Juliet seit Wochen alle Hände voll damit zu tun, sich gegen die reißerischen Schlagzeilen über Fiona und James Brockwell zur Wehr zu setzen und zugleich allein mit ihrer Trauer und damit fertigzuwerden, dass sie einfach nicht glauben kann, dass ihre Nichte gestorben ist. Das Porträt, das die Polizei von Beth gezeichnet hat, in dem sie als krank und depressiv beschrieben wird, entspricht ganz und gar nicht dem, was Juliet zu wissen glaubte, und das lässt sie nicht los. Dennoch muss sie die letzten Monate voller Zweifel und Selbstvorwürfe heute beiseiteschieben.

An jenem Abend im Juni war es schon sehr spät, und Juliet arbeitete noch allein im Portcullis House, als sie die Nachricht von Beths Tod erreichte. Sie befand sich mitten im Krisenmanagement, brütete über der Verleumdungsgeschichte gegen Fiona, nahm sich jede einzelne Rede und Stellungnahme noch einmal vor, gab Tipps sowohl zum Inhalt als auch zur Formulierung und zu rechtlichen Fragen. Vorbereitet sein. Das ist der Schlüssel. Aber auf das, was sie dann erfahren musste, konnte sie nicht vorbereitet sein.

»Juliet? Hier ist Cathy. Cathy Henderson.«

»Hallo, Cathy. Wie geht es Ihnen?« Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Noch nicht. Juliet hatte in all den Jahren schon viele Anrufe von Cathy bekommen, der Psychiaterin ihrer Schwester. Sie erinnert sich, sich sogar gefreut zu haben, wieder von ihr zu hören. »Wie geht es Erica?«

Währenddessen hatte sie weiter ihre Anmerkungen an den Rand des Papiers geschrieben, das vor ihr lag. Im Nachhinein kann sie kaum glauben, wie ahnungslos sie damals gewesen ist.

»Danke, mir geht es gut. Aber eigentlich rufe ich nicht wegen Erica an. Es geht um Beth.«

Erst jetzt, als ihr Stift gerade zum Querstrich eines T ansetzte, stockte Juliet.

Cathy fuhr in ihrem leicht kehligen Highland-Akzent fort. »Ich habe eine schlechte Nachricht. Beth ist verschwunden. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch. Wie es aussieht, hat sie ihre Entwürfe zerstört und ihre Arbeiten an der Universität fast vollständig in Brand gesetzt. Seit heute früh ist sie verschwunden.«

Juliet erinnert sich an das Rauschen in ihren Ohren: an das Demoband, das ihre Nichte ihr unaufgefordert zugeschickt hatte. Ein kleines Mädchen im Wald, das sich vor Kichern kaum halten kann, weil Tante Jet darauf bestand, sich Bärte aus Moos vor den Mund zu halten und mit Moos-Stimmen zu sprechen, strahlende Mandelaugen und das Zahnlückengrinsen, die als Einziges durch das Grünzeug zu sehen waren. Eine gertenschlanke Halbwüchsige am Strand mit karamellfarbenem Haar und langem Sommerrock, die mit ihrem Großvater tanzt. Die Studentin bei ihrem London-Besuch, die auf einem hohen weißen Barhocker sitzt und überschwänglich von Stoffentwürfen schwärmt, am Strohhalm in ihrem Cocktail nippt, mit hohen Wangenknochen und lebhaften Augenbrauen.

Cathy sprach immer noch. »Den Anruf von der Polizei bekam ich leider erst, nachdem sie schon bei Erica gewesen waren, um sie zu informieren.«

O mein Gott, Erica. Der Gedanke an ihre Zwillingsschwester, die zu begreifen sucht, was ihr ein Trupp Uniformierter gerade übermittelt, ließ Juliet zusammenzucken. »Sie sind bei ihr geblieben, bis ich da war. Sie ist jetzt in der Klinik. Sie ist schließlich doch freiwillig mitgekommen und hat Sie als ihre nächste Verwandte angegeben. Wir mussten sie ruhigstellen.«

Das Bild eines kleinen Mädchens schoss ihr blitzartig durch den Kopf, das in einer stillen Stunde daumenlutschend auf dem Schoß seiner Mutter sitzt.

»Juliet?«

»Ja, ich bin …« Sie kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Falte, die sie zwischen ihren Augenbrauen spürte. Sie wollte sich nach Erica erkundigen, als ihr einfiel, dass ihre Schwester gut aufgehoben war. »Seit wann ist Beth verschwunden? Wo hat man sie das letzte Mal gesehen?«

»Ihr Freund hat sie am späten Vormittag vermisst gemeldet. Sie wurde vor zwei Tagen das letzte Mal gesehen.«

Freund?

»Sie würden bestimmt gern nach Schottland kommen, aber das ist vermutlich erst sinnvoll, wenn wir mehr wissen und Erica stabiler ist. Sie ist vollkommen außer sich. Sie macht Ihnen Vorwürfe und Alex … allen macht sie Vorwürfe.«

Juliet stand auf, ging zur Tür und sah den Flur entlang. Er war menschenleer.

»Cathy, gibt es irgendwelche Hinweise, wohin Beth gegangen sein könnte? Könnte es sein, dass sie hierher nach London kommt?«

Cathy schwieg einen Moment. »Nein, das halte ich für unwahrscheinlich.«

»Was bringt Sie zu der Einschätzung?«

»Im Moment wissen wir noch gar nichts. Aber die Polizei … es ist schwierig, Juliet. Es gibt Anzeichen, dass sie … versucht haben könnte, sich etwas anzutun.«

 

Juliet sieht zum Hotelfenster hinaus, während ihr all diese Gedanken durch den Kopf gehen. Es ist erst September, könnte aber auch schon Winter sein. Der Himmel präsentiert sich in einem fahlen Blassblau, die Luft ist kristallklar. Declan lässt den Löffel leise klingelnd in der Kaffeetasse kreisen.

»Ich wünschte, es wäre vorbei«, bringt sie nahezu tonlos hervor. Sie soll ein Gedicht vortragen, das Erica ausgewählt hat.

Declan sieht sie an. »Du schaffst das«, sagt er. »Es sind doch nur ein paar Strophen.« Das Wort Strophen bringt er nur vernuschelt hervor. Immer wenn er sich bemüht, besonders ruhig zu klingen, fällt er in seinen irischen Akzent zurück. Sie hat bemerkt, dass er seine Sorgen in letzter Zeit herunterspielt. »Denk daran, dass du für Erica hier bist. Niemand zwingt dich.«

Er hat recht. Alex, Ericas übellauniger, wortkarger Ex-Mann, würde nicht mal für seine eigene Tochter eine Grabrede halten. Deshalb hatte Juliet sich angeboten, ohne zu wissen, ob sie es durchstehen würde, etwas für Erica vorzutragen, um ihr ein wenig von dem Leid zu nehmen, das ihre Schwester durchmachen musste. Das letzte Mal, dass sie Erica so zerbrechlich und benommen erlebt hat – in Phasen der Krankheit und danach –, war vor drei Jahren, als ihr Vater starb.

Juliet sollte dankbar sein, dass ihre Eltern nicht mehr erleben müssen, wie ihre Enkelin beerdigt wird. Sie weiß es. Trotzdem wünscht sie sich, sie wären noch da. In ihrer Kindheit erschien ihr Inverness wie eine verschworene Gemeinschaft. Und wie viele Familien mit Zwillingen, waren sich die MacGillivrays besonders nah. Erst mit Ericas Krankheit wurde alles anders. Kurz danach war Juliet in den Süden an die Universität in London gegangen und nie wieder ganz zurückgekommen, weder körperlich noch gefühlsmäßig. Dass sie sich so weit von zu Hause entfernt ein eigenes Leben aufbaute, bedeutete nicht, dass sie Ericas Zustand nicht ertragen konnte. Und niemand behauptete das. Dennoch empfand Juliet immer ein Gefühl von Schuld, zumal Mum und Dad den größten Teil der Last allein zu tragen hatten. Sie begleiteten Erica durch die Krisen ihrer Ehe, nachdem Beth geboren war. Sie ließen Erica und Alex bei sich wohnen, solange sie klein war.

Auf diesen Rückhalt kann sie jetzt nicht bauen. Erica ist die Einzige, die Juliet geblieben ist. Diese Reise nach Schottland wird nicht die letzte sein.

Sie sieht Declan an. »Ich habe Angst davor, dass Erica es nicht durchsteht, wenn ich zu weinen anfange oder meine Stimme versagt.«

»Du wirst nicht weinen. Es ist ein miserables Gedicht.« Er lächelt sie aufmunternd an, während Juliet auf dem Nachttisch nach dem Zettel fischt, den sie am Abend dort hingelegt hat.

»Ich meine die Worte. Hör dir das an. Hör mal.« Sie versucht ein Eselsohr glattzustreichen. »›Heiter und sorglos … stark wurde sie …‹ Das ist doch Beth, oder? Unsere Beth. Warum können es nicht … ich weiß nicht, die Korinther sein, oder sonst was, wie bei allen anderen auch?«

»Möchtest du wirklich, dass Beth eine Beisetzung bekommt wie alle anderen auch?«

Juliet lässt sich in die Kissen zurücksinken. »Ich möchte überhaupt keine Beisetzung für sie haben.« Sie kann nicht schon wieder ihren Standpunkt vertreten. Auch die Ermittlungen werden mit der Beerdigung zu Grabe getragen.

»Ich weiß.« Declan setzt sich am Fußende aufs Bett und streicht ihr mit dem Daumen über die Zehen.

Juliet hat wirklich versucht, sich mit dem Entscheid zu arrangieren. Aber nichts von dem, was auf einen Selbstmord hinweist, scheint ihr auch nur halbwegs plausibel zu sein.

Die Indizien sind erdrückend; alles deutet darauf hin, dass Beth ins Wasser gegangen ist. Dabei gibt es ein Problem, das allem Anschein nach nur Juliet sieht. Und dieses Problem besteht darin, dass das Mädchen, das alle diese Indizien hinterlassen haben soll, kaum etwas mit der Nichte gemeinsam hat, die sie so gut kannte.

In den vielen Telefongesprächen und Nachrichten, die sie sich geschrieben hatten, war Juliet nie etwas von Beths angeblicher Einsamkeit oder ihrem seltsamen Verhalten aufgefallen. Nach all den Jahren, die sie bei ihrer Zwillingsschwester unentwegt auf Veränderungen gelauert hatte, wären ihr Zustände von Depression oder Angst bei ihrer Nichte doch aufgefallen. Nichts deutete darauf hin, dass Beth Valium nahm. Trotzdem hat man eine Packung bei ihren Sachen gefunden. Juliet schien sich als Einzige zu fragen, warum es weder ein ärztliches Rezept noch einen Hinweis darauf gab, wie sie darangekommen sein könnte. Es war nicht einmal erwiesen, dass es überhaupt ihres war.

Aber jedes Mal, wenn Juliet es wagte, einen Zweifel zu äußern, speiste man sie damit ab, dass sie zu misstrauisch und nicht bereit sei, sich der Wahrheit zu stellen. Als wäre Selbstmord eine Art zusätzliches Familienstigma, das sie sich auf diese Weise vom Hals schaffen wollte. Am liebsten würde sie es laut hinausbrüllen: Ericas Diagnose wurde vor zwanzig Jahren gestellt, mein Gott. Das kann ich wohl kaum leugnen. Ich hatte genügend Zeit, mich damit abzufinden, dass ich mit dem Mist leben muss, danke. Natürlich schrie sie es nicht hinaus. Eher schloss sie es tiefer und fester in ihrem Innersten ein und wurde stiller. Das ist so, seit sie ein Teenager war; unentwegt überprüft sie ihr Verhalten und tut alles, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, sie würde dieselben Symptome entwickeln wie Erica. Als Zwilling einer Erkrankten glaubte sie, sich schon lange mit dem möglichen Risiko arrangiert zu haben, selbst eine bipolare Störung zu entwickeln. Mit Beths Tod wurde die Wunde erneut aufgerissen.

Ihre Zweifel aber haben weder etwas mit Scham noch mit Leugnung zu tun, sondern damit, dass sie den Tod ihrer Nichte verdammt noch mal gewissenhaft aufgeklärt und die richtigen Fragen gestellt haben möchte, statt sich mit dem Nächstliegenden zufriedenzugeben. Ihr reichen die Informationen nicht, die andere für beweiskräftig zu halten scheinen. Am meisten verunsichert sie die Nachricht, die beim Strandhaus der Familie gefunden wurde und ein stichhaltiger Beweis sein soll. Ich kann so nicht weiterleben. Wie weiterleben? Beth hatte Juliet um das Sommerhaus gebeten, um Raum für sich zu haben und Abstand zu ihren Eltern zu gewinnen, die sich gerade scheiden ließen. Alle hielten das für eine gute Idee. Dort konnte sie sich entfalten und auf ihre Entwürfe konzentrieren. Sie hatte sich sogar einen Hund zugelegt und schien ihr Leben zu genießen. Von einem »Nicht so weiterleben können« konnte keine Rede sein.

Das ist auch so ein Punkt. Der Hund. Beth hatte Bucky geliebt. Für Juliet war er immer der Größte, und das nicht nur, weil sie selbst auch eher Hunden als Menschen zugeneigt ist. Bucky war vermutlich allein im Strandhaus zurückgeblieben, als Beth ins Wasser ging. Und genau das klingt nicht plausibel. Und ins Wasser gehen, um sich das Leben zu nehmen? Wie schon Erica und Juliet ist auch Beth an der Moray-Küste aufgewachsen. Sie hat das Wasser geliebt. Sie war eine sehr gute, sichere Schwimmerin und respektierte das Meer.

Nach Abschluss der wochenlangen Ermittlungen mit dem Ergebnis, dass es sich um Selbstmord handelte, wünscht Erica sich eine Trauerfeier, während Juliets Einwände auf nichts als ihrem Bauchgefühl beruhen.

Mit vorsichtigen Schritten bringt Declan ihr den Kaffee ans Bett. »Finde dich damit ab, dass sie tot ist, Jet. Du wirst es vorlesen, weil du es tun musst. Für Beth. Und wenn du es hinter dir hast, wirst du froh darüber sein.«

»Für Beth? Ich dachte, du würdest sagen, das ist aber abgedroschen.«

»Na ja«, räumt er mit einem verlegenen Lächeln ein. »Es ist abgedroschen. Aber wenn die Strophen etwas mit Beth zu tun haben, dann wirst du sie auch vortragen können. Lies es vor, als würdest du mir im Bad etwas vorlesen. Oder im Bett, so wie gestern Abend. Ich bin ja auch in der Kirche. Lies es mir vor. Mach es persönlich.«

Wenige Stunden später tut Juliet, was Declan ihr geraten hat. Ihren Blick an seinen geheftet und mit ungebrochener, fester Stimme bis zum letzten Wort.

Heiter und sorglos das Wellenspiel,

flüstert von Freiheit und Gottes klarer See.

Stark wurde sie, suchte ein Ziel,

ihr Lied sanft hinfortgetragen, von einer Fee.

 

Sie trat ins Tal, vertraut die Hügel,

treib dahin mit klarem, hellem Klang.

Dorthin, wo Finsternis spannt ihre Flügel,

folgt in die Kälte sie ohne Bang –

 

… um Wärme und Licht zu finden an anderem Ort.

Sollen die klagen, die ihr Lied nicht mehr hören?

Nein, Hoffnung und Glaube leiten sie dort,

und Wogen und Wellen lassen ihr Lied immer währen.

Danach verschwimmt alles vor ihr. Gebete. Die Worte des weißhaarigen Pastors über den Verlust eines so jungen Menschen. Dann schreitet die Gemeinde ins kühle Sonnenlicht hinaus, und alles erscheint wieder klar: die silbrig schimmernden Birken, die den Weg zur Petty Chapel in Tornagrain säumen, die beiden kleinen Kreuze, die sich über dem rötlichen Sandstein und den weißen Giebeln zu beiden Seiten des Kirchendachs symmetrisch in den Himmel erheben.

Tornagrain war nicht Ericas Wunsch gewesen; sie hätte sich das große Areal aus viktorianischer Zeit in Inverness gewünscht, auf dem auch Beths Großeltern begraben sind. Alex hatte darauf bestanden, und ausnahmsweise ist Juliet ihm sogar dankbar dafür. Östlich der Stadt gelegen und unweit der Küste auf dem Land, erweist sich Tornagrain jetzt als der bessere Ort. Trotz der Abgeschiedenheit sind die Kapelle und der Friedhof mit vielen Studenten und Freunden der Familie gefüllt. Juliet kennt die Menschen nicht, aber soweit sie sehen kann, ist von der Presse niemand da.

Als sie vor dem Grab stehen, lässt Erica zu, dass Juliet ihre Hand hält. Buckys Leine um die Hand gewickelt, steht Alex im Hintergrund. Der Hund drückt sich flach auf den Boden, die Brauen kummervoll hochgezogen und den Kopf auf die Pfoten gebettet. Der Dekan der Universität und einer von Beths Kommilitonen halten eine Rede und legen einen von Beths Textilentwürfen auf den Sarg. Ein dunkelblauer, von grauen und silbernen Fäden durchwirkter Stoff. Juliet wünscht sich, sie hätten etwas weniger … Maritimes gewählt.

Erst als die Menge sich aufzulösen beginnt und auch Alex sich mit Bucky auf den Rückweg macht, kann Erica nicht mehr an sich halten.

Sie löst sich aus Juliets Hand und sinkt am offenen Grab zu Boden. Ihr Schluchzen durchdringt die Luft, als würde sie zerbrochenes Glas einatmen. Es ist grauenvoll, das mitzuerleben, aber Juliet weiß, dass sie nur abwarten kann. Sie signalisiert Declan, sie allein zu lassen. Widerstrebend kommt er ihrem Wunsch nach, denn auch ihr laufen Tränen über das Gesicht. Hastig wischt sie sie weg und greift sich mit der Hand an die Kehle, um die erstickten Laute zurückzuhalten, die sie sonst von sich geben würde. Nebelschwaden steigen geisterhaft von den Hügeln auf, und der Rauch aus dem Schornstein der nahegelegenen Holzfabrik steigt säulenartig in den Himmel empor. Ganz allmählich wird Erica ruhiger. Cathy steht mit dem Auto bereit, um sie in die Klinik zurückzubringen. Juliet hilft ihrer Schwester auf wie einer alten Frau.

Später zieht der Nebel den Ness hinauf und verhüllt barmherzigerweise den Blick von der Hotelbar, an der Declan Juliet mit kleinen Whiskys versorgt, aufs Wasser. Zaghaft fragt sie nach. Hat sie das Gedicht wie ein Roboter vorgetragen? Das Wort »Gott« gar gefühlskalt ausgespuckt? Declan versichert ihr immer wieder: nichts von beidem.

Im Fernseher über ihnen laufen die Wählerbefragungen. Es ist zwar noch früh, aber sie verheißen nichts Gutes. Juliet nimmt einen Schluck von dem Whisky; er schmeckt metallisch. Nichts schmeckt mehr richtig. Sie konzentriert sich auf das, was als Nächstes zu tun ist. Das Strandhaus und Beths Sachen müssen ausgeräumt werden. Erica ist dazu nicht in der Lage, und Juliet möchte es selbst tun, und zwar jetzt, bevor die letzten Hinweise darauf, warum und wie es ihrer Nichte so schnell so schlecht gehen konnte, auch noch verloren sind.

Sie nimmt noch einen Schluck. Die Fernsehbilder spiegeln sich schwankend im Glas. Sie hätte mehr Zeit hier oben in den Highlands verbringen sollen; mit dem Flugzeug sind es nicht mal zwei Stunden. Vorgenommen hatte sie es sich immer wieder, nachdem Dad ihr vor drei Jahren das Strandhaus und Erica die Wohnung hinterlassen hatte. Kleine Fluchten hatte sie sich vorgenommen, mehr Zeit für die Familie. Aber bei dem Vorsatz war es geblieben. Nie fand sie den richtigen Zeitpunkt. Dass sie Beth mit Bucky hatte ins Strandhaus einziehen lassen, war vor allem ihrem schlechten Gewissen geschuldet, dass sie selbst nicht öfter nach Schottland kam. Eine Art Absolution dafür, dass sie ihre Besuche immer wieder aufschob. Solange es Beth im Strandhaus gutging, konnte Juliet sich ihrer Arbeit widmen.

Selbst jetzt wird sie schon wieder zurückgerufen. Vorhin ist eine Nachricht von der Zentrale, von Fiona Goldman persönlich, gekommen. Es ist der Tag, an dem Beth beigesetzt wird. Und trotzdem geht das Geschäft weiter. Ich hoffe, dir geht es gut. Wenigstens hat Goldman es selbst geschrieben und nicht einen ihrer Laufburschen damit beauftragt. Um vier, vielleicht fünf Uhr morgen früh wissen wir mehr. Bitte komm her, sobald du wieder zurück in London bist.

Juliet lässt das Eis im Glas kreisen. »Ich glaube, ich fahre gleich morgen früh zum Sommerhaus«, sagt sie. »Es sind nur zwanzig Meilen, und ich sollte es tun, solange ich hier oben bin.« Ihr Mund verzieht sich zu einem verkniffenen Strich. »Wenn Fiona etwas von mir will, kann sie anrufen oder herkommen.« In dem Moment fragt sie sich, wann jemand von den wichtigen Leuten der PA zuletzt in den Highlands war. Das wäre vielleicht eine Gelegenheit … Sie hält inne.

Declan hebt die Augenbrauen. »Du kannst Fiona nicht im Ernst bitten, herzukommen. Jedenfalls nicht jetzt. Hast du eine Ahnung, was sie von dir will?«

»Nein. Wahrscheinlich geht es um die Leichenschau.«

Er sieht sie fragend an. »Meinst du wirklich?«

»Nicht die von Beth.« Ihre Stimme bricht. »Ich meine die Partei.« Declan verzieht keine Miene. Er bekommt den größten Teil ihrer Verärgerung und Trauer ab. In einem unbeholfenen Versuch, über das verzeihliche Missverständnis hinwegzugehen, fährt sie fort. »Sie möchte vermutlich über die nächsten Schritte sprechen. Über ihren Ausstieg vielleicht.«

Declan schüttelt den Kopf. Sie spürt, wie sehr er stets bemüht ist, sich nichts anmerken zu lassen. Sie sind sich nicht immer einig, konnten bis vor Kurzem darüber aber noch lachen. In den letzten Wochen des Wahlkampfes aber nahmen diese Unstimmigkeiten zunehmend persönliche und sogar feindliche Züge an, und Juliet – die normalerweise allem mit Gelassenheit und Ironie begegnet – verwandelte sich immer mehr in eine Art tickende Zeitbombe, die schon bei der leisesten Andeutung einer abweichenden Meinung hochgehen konnte. Es ist für beide aufreibend, und sie weiß, dass sie überhaupt nicht so ist wie sonst.

Trotzdem möchte sie die Diskussion nicht abbrechen. »Weißt du was? Vielleicht sollten sie einfach mal ohne mich auskommen. Nur dieses eine Mal. Das ist doch das Mindeste, was sie tun können.« Nicht einmal in ihren eigenen Ohren klingt das überzeugend. Sie legt noch einen drauf. »Ich habe gerade meine zweiundzwanzig Jahre alte Nichte beerdigt. Ich hätte schon vor Wochen hier oben sein sollen. Aber ich hatte ja zu viel zu tun, musste ausbügeln, was andere verbockt haben.«

Sie verstummt, als sie den Hass in ihrer Stimme bemerkt. Sie hat versucht, nicht Fiona und die Schlagzeilen über ihre Affäre mit Brockwell verantwortlich zu machen. Ihre Verärgerung richtet sich auch eher gegen sich selbst als gegen jemand anderen, auch wenn sie weiß, dass sich das für Declan ganz anders anfühlt. Jetzt und hier aber kann sie sich nicht verzeihen, nicht früher hergekommen zu sein. Wie ist es möglich, dass sie nach Beths Tod nicht mehr als eine kurze, wenn auch anstrengende Nacht lang Erica besucht hat? Und selbst da stand ihr Diensthandy nicht still. Nach fast zehn Jahren bei der PA, in denen sie sich von der kleinen Assistentin schnell zur Generalsekretärin hochgearbeitet hat, ist Juliet Dreh- und Angelpunkt der Partei. Und diese Abhängigkeit hatte ihr gefallen. Bis jetzt.

Auf der mickrigen Stippvisite im Norden hatte man sie in Ericas Klinik weggeschickt. Besuche seien im Augenblick nicht hilfreich, hatten sie ihr höflich, aber bestimmt zu verstehen gegeben. Das wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, sich selbst ein Bild vom Stand der Ermittlungen zu machen. Declan hatte darauf gedrängt, vernünftig zu sein, nach London zurückzufahren und sich um die Arbeit zu kümmern; ihr Handy klingelte weiter, und natürlich gab sie klein bei und flog zurück. Als die Maschine in den leuchtend lachsfarbenen Abendhimmel stieg, versuchte sie, durchs Fenster einen Blick auf das Strandhaus zwischen den Bäumen an der Küste erhaschen zu können, als könnten sich daraus Rückschlüsse auf den Sinn von Beths Tod ergeben.

Sie bemerkt, dass Declan sie beobachtet. »Du kannst unmöglich alles stehen und liegen lassen und hier oben einfach verschwinden. Nicht ausgerechnet jetzt. Sie brauchen dich mehr denn je. Fiona mag der Star sein, aber vergiss nicht, dass du der Kopf bist.«

Juliet seufzt.

Der Star.

Juliet war sich nicht sicher, was sie von dem Zusammenhang zwischen dem Glamour eines Stars und dem Erfolg der PA halten sollte. Fiona Goldman und sie kennen sich schon sehr lange. Vor fast zwanzig Jahren hatte es Fiona als Anhängsel eines Mannes von Welt, mithilfe einer aufreizenden Rolle in einer Filmtrilogie über Sexualität, in die Schlagzeilen der Boulevardpresse geschafft. Eines Tages hielt sie auf einer Veranstaltung der London School of Economics einen Vortrag über Geschlechterrollen in der Filmindustrie. Juliet schämt sich heute noch dafür. Jung und von der Welt der Stars in den Bann gezogen, hatte sie es gewagt, eine Frage ans Podium zu richten. Sie fühlte sich geschmeichelt, als Fiona sie auswählte, um die Diskussion über das Ausmaß an Gewalt gegen Frauen in Großbritannien, eines der höchsten in Europa, fortzusetzen. Nach der offiziellen Fragerunde führten sie das Gespräch im kleineren Kreis im Foyer des Old Building noch eine Weile fort. Am Ende erklärte Fiona sich bereit, eine basisdemokratische Bewegung anzuführen, in der Juliet sich damals engagierte, um etwas am Umgang mit sexueller Belästigung an den Universitäten zu verändern. Die Bewegung breitete sich wie ein Lauffeuer über alle Universitäten des Landes aus und hatte Juliet zweifelsfrei als Steigbügel zu ihrem ersten Pressejob bei Woman’s Aid gedient.

Von dort ging sie weiter zu den Grünen. Jahre darauf schloss sie sich einer Gruppe an, die eine neue Partei gründen wollte, eine politische Vereinigung, die die Linke zusammenführen und sich eine größere Wählerschaft erschließen wollte. Die Ziele dieser Partei schienen alles in sich zu vereinen, was Juliet umtrieb: soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit, ganz zu schweigen von der Entschlossenheit, Veränderungen auch tatsächlich umzusetzen.

Macht und Einfluss waren ihr nie wichtig. Juliet wurde gebeten, die Spitzenkandidaten genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie hatte sich für ihre akribisch recherchierten Hintergrundpapiere einen Namen gemacht. Obwohl die Aspiranten auf Herz und Nieren geprüft worden waren, bevor sie es überhaupt auf ihren Schreibtisch schafften, fand sich Juliet keine achtundvierzig Stunden später in einer Runde von, wie Declan sie immer nannte, Thinktank-Wichsern, wieder und machte ihnen klar, dass ihre Auswahl unhaltbar war.

Als man sie dann mit der Gegenfrage konfrontierte, ob sie denn einen besseren Vorschlag hätte, fiel ihr ein, dass sie tatsächlich jemanden wusste. Fiona hatte sich aus dem Showbusiness zurückgezogen und engagierte sich seit Kurzem in zahlreichen prestigeträchtigen Kampagnen. Sie war eine hochgeschätzte und enthusiastische Rednerin. »Wir brauchen Fiona Goldman«, platzte es aus Juliet heraus. Kaum ausgesprochen, wurde ihr Einfall schon umgesetzt.

Zum Teil ist es die Enge ihrer Verbundenheit, in der manche eine … Reziprozität erkennen, die Juliet stört. Über den Einfluss, den Fiona als Star hat, kann sie sich jedoch kaum beklagen, wo sie doch selbst ihren Vorteil daraus gezogen und ihn ungeniert für die Progressive Alliance ausgenutzt hat. Mit Fiona an der Spitze schafften sie es, Abtrünnige aus anderen Parteien und unterschiedlichste unabhängige Kandidaten für sich zu gewinnen, und waren erfreut, der Presse ein Gesicht und eine Persönlichkeit vorzeigen zu können. Fiona gewann Förderer und Spender, die ganz scharf darauf waren, ihren Namen in Verbindung mit ihrer neuen Politik zu sehen, sodass zur Unterstützung wichtiger, regionaler Kampagnen genügend Geld da war. Schon ein Jahr nach Fionas Eintritt war es der Progressive Alliance gelungen, sechs Wahlkreise in Wales und fünfzehn im schottischen Parlament für sich zu gewinnen. Und die Bewegung nahm weiter Fahrt auf. Vier Jahre später verfügten sie über zwölf Sitze in Westminster und einen im Europäischen Parlament. Nach dem Brexit-Referendum jedoch und der Darstellung von Fiona als männermordendem Biest in der Presse ging es mit der Unterstützung für die PA bergab.

Declan lässt den Whisky in seinem Glas kreisen. »Du bist die Königsmacherin«, sagt er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Der Begriff lässt Juliet zusammenzucken. Er rudert zurück. »Du musst Fiona helfen, da ohne Gesichtsverlust rauszukommen. Du kannst sie jetzt nicht im Stich lassen.«

Er beugt sich vor und spricht mit eindringlicher Stimme. Was er zu sagen hat, scheint er für so wichtig zu halten, dass er eine Abfuhr von ihr riskiert. »Hör mal zu. Wenn du hierbleibst und jetzt zum Strandhaus fährst statt erst in ein paar Wochen, dann könnte das, von deiner Karriere mal abgesehen, schlimme Folgen für die Partei haben. Nur für Beth ändert sich nichts. Sie ist schon tot.«

»Aber wenn ich nichts tue, wird die Spur noch kälter.«

»Die Spur?« Declan sieht sie auffordernd an, und sie hält seinem Blick stand, während er sein Glas leert. Mit leiserer Stimme fährt er fort. »Juliet, du musst die Nerven behalten. Die Polizei ist allen Hinweisen nachgegangen. Was glaubst du, noch finden zu können?«

Einspruch. Die Polizei behauptet, allen Hinweisen nachgegangen zu sein, denkt sie. Und dass ausgerechnet Karen Sutherland die Untersuchungen leitete, eine alte Bekannte aus Schultagen, der Juliet misstraut, macht die Sache nicht besser. Um die Wahrheit zu sagen: In der Schule damals war Karen eine ignorante dumme Kuh, schikanös und neunmalklug. Sie schob einen Hass auf Erica und Juliet, weil die Jungen immer sagten, sie wäre fetter als die beiden zusammen. Jungen in diesem Alter können gemein sein, aber Karen ließ keine Gelegenheit aus, mit Gemeinheiten zurückzuschlagen. Sie rempelte Erica und Juliet an, stellte ihnen im Flur ein Bein, machte schnippische Bemerkungen darüber, wie abgedreht es sei, Zwilling zu sein, und bedachte sie mit den Spitznamen Jerrica und Jerry, lange bevor es als schick galt, It-Girl zu sein. Ihre Identitäten zu verschmelzen, war der Gipfel an Gehässigkeit, wussten doch alle, die sie kannten, wie sehr jede der beiden verzweifelt versuchte, eine eigenständige Person zu sein. Mit ihren ständigen Bemerkungen über die französische Herkunft ihrer Mutter zettelte sie sinnlosen Streit zwischen den Familien an. Am allerwenigsten entschuldbar war Karens Bemerkung, dass man Erica, als sie einmal weggelaufen war, doch bitte auch in der Klapsmühle suchen sollte. Dass jetzt ausgerechnet diese Frau mit der Aufklärung von Beths Tod betraut ist, erträgt Juliet nur schwer.

Sie sieht in ihr Glas. Der Whisky schimmert in der Farbe von Beths Haar.

»Ich glaube«, fängt sie an, bemüht, ihrer Stimme einen entschlossenen Klang zu geben, »ich komme langsam zu dem Schluss, dass Karen …, dass sie etwas übersehen haben. Ich möchte mit Beths Freunden sprechen. Ich möchte in die Uni gehen und mir ihre Sachen ansehen.«

»Aber wenn du dich jetzt mit Fiona triffst, dir anhörst, was sie zu sagen hat, und dir die amtlichen Endergebnisse ansiehst, dann ändert das nichts an dem, was passiert ist. Wenn du ein paar Wochen wartest, würdest du bei der PA kein Risiko eingehen und einen frischen Blick auf die Dinge bekommen. Anschließend kommen wir wieder her und kümmern uns um Beths Sachen, wenn du weniger …«

Er hält inne. Aber es ist zu spät.

»Wenn ich emotional weniger aufgewühlt bin, wolltest du das sagen?«, ergänzt sie eisig.

Schweigend gingen sie in ihr Zimmer und ins Bett.

Von Alkohol und Müdigkeit benommen, die Morgenmaschine nach London ist ohne sie geflogen, gibt Juliet vor, an Declans Schulter gelehnt zu dösen. Das Strandhaus muss warten. Die Wahlergebnisse sind da. Die Progressive Alliance hat verloren. Jeder Sitz, alle hart erkämpften Kommunen, alles weg.

5

Der Nachhall ist gewaltig und trifft sie hart. Fionas Rede ist ruhig und souverän, wie auch sie selbst. Sie gesteht die Niederlage ein und gratuliert den Siegern. Auf unaufdringliche Weise gelingt es ihr, die, wie sie es nennt, geheuchelten Mitleidsbekundungen der rechten Presse anzuprangern, ohne den Wählern die Schuld zu geben. Allein die fahrigen Bewegungen ihrer Finger, mit denen sie sich ständig durchs Haar fährt, offenbaren ihre Bestürzung. Noch während die Journalisten sie mit Fragen bombardieren, verlässt sie das Podium.

»Miss Goldman, Miss Goldman! Wie geht es jetzt mit der Progressive Alliance weiter? Werden Sie zurücktreten? Miss Goldman?«

Am nächsten Tag folgt ein längeres vertrauliches Gespräch mit der Wahlkampfzentrale in Brixton. Juliet steht in der Tür zu ihrem Büro und hört aus der Ferne mit. Die Frage, die allen unter den Nägeln brennt, beantwortet Fiona immer noch nicht. Was geschieht mit der PA, wenn sie geht? Und wer wird die Führung übernehmen? Unter anderem wird auch Juliets Name eine Zeit lang gehandelt, wobei sie diese Spekulationen selbst weder dementiert noch befeuert. Und wenn sie ehrlich ist, weiß sie nicht einmal, was sie von der Idee, die Parteiführung zu übernehmen, halten soll. Selbst in dieser schwierigen Lage ist Fiona ein Faktor, den man nicht außer Acht lassen darf. Es ist geradezu einschüchternd.

Eine junge Praktikantin in unmittelbarer Nähe bricht vor versammelter Mannschaft in Tränen aus. Juliet beneidet sie um die Fähigkeit, ihre Empfindungen zu zeigen. Das Gefühl von Benommenheit, das sie seit Wochen verspürt, beraubt alles seiner Vielfalt und Lebendigkeit. Fiona beendet das Gespräch mit überschwänglichen Worten, spricht von großer Dankbarkeit, persönlichem Bedauern und Kampfgeist, auch wenn es Juliet vorkommt, als versuchte jemand, mit blassen Wasserfarben ein kräftiges Bild auf die Leinwand zu bringen.

Fiona verlässt die improvisierte Bühne, kommt zu Juliet und schließt die Tür hinter sich. Die beiden Frauen sehen sich an. Sie arbeiten schon lange zusammen, in der Regel aber in Gegenwart anderer. Die Zuneigung zwischen ihnen ist greifbar, dennoch ist Juliet ein wenig bang. Fiona ist eine Frau, die man nicht zum Feind haben möchte.

Juliet wählt ihre Worte mit Bedacht. »Das war eine sehr schöne Rede.«

Fiona schlüpft aus ihrer eleganten roten Jacke und hängt sie in der Ecke an der Garderobe auf, wo sie sich neben Juliets weitem Trenchcoat wie das Kleidungsstück eines Schulkindes ausnimmt. Sie tritt an den Schreibtisch und legt die Hände auf die Lehne des Schreibtischstuhls. »Es tut mir leid, Juliet.«

»Du musst dich bei mir nicht entschuldigen.«

»Doch, weil ich weiß, was dir die Partei bedeutet.«

Juliet antwortet nicht. Sie traut sich nicht, etwas zu sagen.

»Du hast all die Jahre eine Menge eingebracht«, fährt Fiona fort. »Deine Klugheit, dein Urteilsvermögen, deine Kontakte.«

»Das gehört zum Job.«

»Ja, aber du bringst viel Talent und Leidenschaft für diese Arbeit mit.«

So geht das also? Hat Fiona vor, sie zu bequatschen, ihre Nachfolge anzutreten? Oder sind die Entschuldigung und das Süßholzraspeln nichts als ein Versuch, gut Wetter zu machen, um dann einen anderen Kandidaten aus dem Hut zu zaubern? Es ist nicht das erste Mal, dass Juliet sich einen Vorhang herbeiwünscht, den sie vor die gläserne Trennwand ziehen könnte. Ihr Blick wandert kurz zu den Leuten vor ihrem Büro, die sich bemühen, möglichst desinteressiert an dem zu wirken, was sich hier drinnen abspielt. Als sich auch Fiona zu ihnen umdreht, huschen sie davon. Mit dem Rücken zu Juliet tritt sie an die Scheibe und berührt sie mit den Fingerspitzen.

»Du hast unter einem großen Druck gestanden.«

Juliet erstarrt. Was soll das werden? »Fiona, bitte. Einfach war es für uns alle nicht. Auch für dich nicht.«

»Aber deine Nichte.«

»Beth.«

»Ja, Beth.« Fiona dreht sich zu ihr um und sieht sie an. »Ich weiß, dass sie wie eine Tochter für dich war, und ich rechne dir hoch an, dass du so schnell zurückgekommen bist. Der Tag muss furchtbar für dich gewesen sein. Es tut mir wirklich leid.«

»Danke.«

»So etwas kann man nur schwer ertragen, besonders bei Selbstmord.«

Will sie auf ihre Trauer hinaus? Die Schuld für das Scheitern darauf schieben? Juliet antwortet nicht gleich. Sie rückt ein paar Unterlagen auf dem Schreibtisch zurecht und bemerkt dabei, dass ihre Hände zittern und die Fingernägel abgekaut sind.

»Was soll Beths Tod damit zu tun haben?«

»Wusstest du, dass es eine Verbindung zwischen Beth und Dominic Palmer gibt?«

Wie vom Donner gerührt, sinkt Juliet in ihren Sessel zurück. Dominic Palmer? Dass Fiona den Namen überhaupt in den Mund nimmt, ist bereits erstaunlich genug. Der Erbe der Eden Media Group. Sein Name wird in der Parteizentrale schon lange nicht mehr in den Mund genommen. Sein Vater, Bernhard, hat das EMG-Imperium vor Jahren aus einem eingeführten Zeitungsunternehmen heraus aufgebaut und schon bald danach um ein Plattenlabel und mehrere Fernsehsender erweitert. Er ist ein bekannter Unterstützer der politischen Rechten und sollte sich eigentlich schon lange im Ruhestand befinden. Dem Vernehmen nach denkt er aber gar nicht daran, das Ruder aus der Hand zu geben, und hat zwei ultrarechte Social-Media-Plattformen aufgekauft, in denen es von Rassisten und Holocaust-Leugnern nur so wimmelt.

Die meisten Beobachter sind sich darin einig, dass Dominic kaum der Bewegungsspielraum zur Verfügung steht, der erforderlich wäre, um den Examiner zu führen. Obwohl er sich abstrampelt, seinem Vater und den Gesellschaftern von Eden zu zeigen, dass er das mitbringt, was es im krisenbehafteten Printmarkt braucht, ist das Blatt in bisher ungekannte inhaltliche Niederungen hinabgesunken. Alles, was politisch links von der Mitte angesiedelt ist, sieht sich wahnwitzigen Hetzkampagnen ausgesetzt. Dominic hat die Story über Fionas Affäre als Erster gebracht und eine Reihe alter Werbeaufnahmen und Aktfotos von ihr veröffentlicht, obwohl sein Vater vermutlich immer noch das Sagen hat.

Wie kommt Fiona jetzt auf Dominic? Juliet und das Team der PA erwogen, gerichtlich gegen ihn vorzugehen, denn es war nicht klar, ob die Bilder überhaupt echt oder, was wahrscheinlicher war, von Malcolm Lyall, Fionas PR-Agenten aus Schauspielertagen, an die Eden-Gruppe durchgestochen worden waren. Über Dominic eine Verbindung zu Lyall und Bernhard Palmer herzustellen, wäre ein Kinderspiel gewesen – zwischen ihnen bestand seit Jahren eine unheilige Allianz –, aber Fiona wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen.

Fiona setzt sich ihr gegenüber. »Die Information wurde mir zugespielt, und zwar bevor Beth gestorben ist. EMG soll an ihr interessiert gewesen sein.«

»Was, um Himmels willen, hat Beth mit Eden Media oder Dominic Palmer zu tun? Sie ist … sie war doch nur eine kleine Design-Studentin.«

»Könnte sie versucht haben, Werbung für sich zu machen? Ich meine, sie wäre nicht die erste junge Frau, die es auf diese Weise versucht.«

Ihre Blicke treffen sich. Fiona lächelt verlegen.

Juliet steht nicht der Sinn nach irgendwelchen Bekenntnissen. Sie runzelt die Stirn. »Von wem weißt du das?«

»James.«

Juliet fragt sich, wie Fiona den Namen ihres Ex-Liebhabers über die Lippen bringt, ohne sich auch nur den Anflug von Scham über das Chaos anmerken zu lassen, in das die Affäre die Partei gestürzt hat.

»James Brockwell hat dir gesagt, dass Beth und Dominic Palmer sich kannten?« Juliet schüttelt den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Beth war weder reich noch berühmt oder … Sie hatte keinen Grund, sich mit einem solchen Mann einzulassen.«

»Das ist richtig. Aber er muss an ihr interessiert gewesen sein. Wir wissen, dass Dominic Palmer …« Fiona macht eine Pause, legt sich die Worte zurecht. Sie sieht sich wieder zum Fenster um, aber die Parteifreunde sind schon lange gegangen.

Sie zieht den Stuhl weiter heran. »Auf Palmers Schreibtisch lag eine Notiz über sie.«

»Über Beth? Was stand drauf? Und woher weißt du das?«

»James hatte jemanden an der Hand, der ihm hin und wieder ein paar Informationen zukommen ließ. Er hielt ihn über Eden und deren Projekte auf dem Laufenden. Auf dem Zettel stand nur Beths Name … zusammen mit deinem.«

Juliet schließt die Augen. »Und das hat jemand gesehen, der für James arbeitet? In Dominic Palmers Büro? Das darf nicht wahr sein.«

»Damals dachten wir nicht, dass es wichtig wäre.«

»Wir? Du und James? Seit wann führt ihr die PA zusammen? Warum seid ihr nicht zu mir gekommen oder habt euch an die Zentrale gewandt?«

»Wir dachten, es ginge die PA nichts an. Und wie hätte ich dir erklären sollen, woher ich das wusste? James hat es mir erzählt, weil … na ja, weil er sich um mich kümmert und weiß, wie sehr ich dich schätze. Sollen alle glauben, was sie wollen, ich habe weder ihn noch meine Position benutzt, nur um etwas für mich …« Sie hält inne. Der seltene emotionale Ausbruch überrascht Juliet. Fiona scheint wirklich bewegt zu sein. Sie holt tief Luft und fährt fort. »Jedenfalls haben wir es für unwichtig gehalten, Juliet. Wie du weißt, hatten wir es nach meinen Bemerkungen über die Saudis mit Wirtschaftskreisen zu tun. James und ich haben uns natürlich an die Presse gewandt, und das ist dabei herausgekommen. Und als Beth dann gestorben ist, hatten wir diese Palmer-Sache schon fast vergessen. Es war schon traurig genug, und wir wollten es dir nicht noch schwerer machen.«

»Und jetzt?«

»Jetzt? Ich bin mir nicht sicher. Ich bekomme es nicht aus dem Kopf. Und jetzt denke ich, dass du es wissen solltest. Wir werden die kommenden Wochen alle mehr Zeit zur Verfügung haben. Es stehen ein paar wichtige Entscheidungen an. Ich glaube, du musst mal für eine Weile raus. Fahr zu deiner Familie, nimm dir Zeit zu trauern und …«

»Und?«

»Denk in Ruhe über deine Rolle in der Partei nach. Die Palmers sind gefährlich. Wenn die zu dem Schluss kommen, sie könnten der PA Schaden zufügen, indem sie dich niedermachen, dann werden sie es tun.«

East Coast Herald: Suizid einer Studentin macht Kommilitonen fassungslos

12. September 2018

 

Der Selbstmord der zweiundzwanzigjährigen Beth Winters im Juni hat Forderungen nach einem leichteren Zugang zu psychosozialen Beratungsstellen für Jugendliche verstärkt. Der Freitod der jungen Frau in der Bucht von Moray erschütterte die Einheimischen. Nach ihrer Rückkehr aus den Semesterferien organisierten die Studenten am Dienstag ein Sit-in am Elgin Campus der University of the Highlands and Islands. Der Dekan sagte eine Erhöhung der Mittel zur Behandlung psychosozialer Probleme zu.

Trotz eines Rückgangs der Suizidrate bei den 15- bis 24-Jährigen in den letzten zehn Jahren verzeichnete die Rate letztes Jahr schon zum zweiten Mal in Folge in Schottland einen Anstieg.

Beth Winters wuchs in den Highlands auf und studierte Textildesign an der Moray School of Art in Elgin. Jeannie Logan, führende Textildesignerin, beschrieb sie als eine »beliebte und talentierte junge Frau voller Energie und Tatendrang. Ein großer Verlust«.

Winters war die Enkelin des kürzlich verstorbenen, ortsansässigen Architekten Gordon MacGillivray sowie die Nichte von Juliet MacGillivray, der Generalsekretärin der Progressive Alliance. Beths Mutter, Erica Winters, leidet an einer bipolaren Störung.

Georgia Owen, eine Kommilitonin, die mit einer spontanen Ausstellung in der Galerie des Colleges Geld für die Beratungsstelle sammelt, fasste die Reaktion der Studentenschaft in den sozialen Medien folgendermaßen zusammen: Es ist für uns alle unfassbar, dass Beth sich das Leben genommen hat. Es ist so traurig. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. #RIPBeth #OutoftheBlue

6

Die Straßen sind menschenleer, als Juliet sich eine Woche später auf dem Weg zum Strandhaus befindet. Der September geht zu Ende, der Sommer ist vorbei – soweit man überhaupt von einer Sommersaison sprechen konnte dieses Jahr. Eine Tote an der Küste lockt keine Touristen an. Kilometerlang sind die hohen, schwankenden Kiefern ihre einzigen Wegbegleiter.

Sie möchte vor dem Dunkelwerden ankommen, beschließt kurz vor Inverness aber trotzdem, eine Pause einzulegen, ein wenig frische Luft zu schnappen und das Rauschen der Reifen auf dem Asphalt aus dem Kopf zu bekommen. An der schmuddeligen Snackbar einer kleinen Tankstelle trinkt sie einen Automatenkaffee, der, so kommt es ihr vor, zu nicht mehr taugt, als ihre Blase zu beleben. Sie blättert in der Vortagesausgabe des East Coast Herald, als sie im Lokalteil einen Artikel über Beth entdeckt. Sie knüllt den Kaffeebecher in der Faust zusammen, geht über den Vorplatz zum Auto zurück und setzt sich ans Steuer, um auch das letzte Stück der Strecke hinter sich zu bringen.

Die Sonne geht bereits unter, als sie die A96 in Richtung Culbin Forest verlässt und schließlich in einen dichten Wald mit grünlich-schwärzlichen Bäumen fährt. Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen. Ein Gedanke geht ihr nicht aus dem Kopf: Beths Sachen werden dort liegen, wo sie sie zurückgelassen hat. Auch das Meer, lange Jahre ein Freund der Familie, nun aber eine Bedrohung, ist noch da. Sie schiebt diese Vorstellung beiseite, als sie sich der alten Eisenbahnbrücke nähert. Sie denkt an den abgeschmackten kurzen Artikel im Herald. #RIPBeth. Haben die Leute überhaupt kein Gespür für Anstand? Die Werbetrommel für die Veranstaltung dieses anderen Mädchens zu rühren, ist nicht minder geschmacklos, obwohl die Einnahmen einem guten Zweck zukommen sollen.

Es ist bestimmt acht Jahre her, seit sie diese Strecke das letzte Mal gefahren ist. Genau erinnert sie sich nicht. Auf diese Familientreffen blickt sie nicht gern zurück. Erträglich waren sie eigentlich nur durch Beth. Sie bot ihr immer einen Vorwand, sich von diesen beklemmenden Sonntagsessen und ständigen Streitereien zwischen Erica und ihrem Vater davonstehlen zu können. Ihre Mutter ging einfach hinaus, erledigte den Abwasch oder sorgte für Käse, Kaffee und Schokolade, während Alex Beth unablässig verbot, vom Tisch aufzustehen. Juliet brach es das Herz, mit ansehen zu müssen, wie ihre Nichte ängstlich vor ihrem Teller saß, während Erica schimpfte und immer aufgebrachter wurde. Juliet ignorierte Alex, zwinkerte Beth zu, nahm sie bei der Hand und ging mit ihr hinaus.

Dann setzten sie sich in das Motorboot der Familie am Strand von Culbin, das Juliet immer zum Schwanken brachte, bis Beth vor Vergnügen juchzte. Beth hatte Spaß daran, Wörter für das Geräusch zu erfinden, das entstand, wenn die Wellen gegen die Bordwand klatschten.

»Platsch bumm!«, rief sie.

»Ach, meinst du wirklich?«

Kichernd wiederholte Beth das Geräusch. ›Platsch BUMM!‹

»Interessant.« Juliet legte den Kopf zur Seite und lauschte konzentriert, sodass Beth noch lauter lachen musste.

»Ich glaube, ich muss dir widersprechen«, sagte Juliet dann. »Ich höre noch ein winzig kleines Glucksen dabei.« Wenn sie anschließend wieder zum Sommerhaus kamen und Beth kichernd Ein winzig kleines Glucksen! vor sich hin brabbelte, war das Eis zumindest für eine Weile gebrochen.

Juliet fährt unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Als sie auf der anderen Seite herauskommt, ist es dunkel, die Straße von Bäumen verschattet. Irgendetwas ist anders. Ihr ist, als wäre ein Vorhang gefallen.

»Bist du sicher, dass du es schaffst?«, hatte Declan sie neulich gefragt, nachdem sie bei ihrer Arbeit die wichtigsten Dinge erledigt hatte. »Allein? Wenn du noch ein oder zwei Wochen wartest, kann ich mitfahren.«

Die Flüge nach Inverness waren ausgebucht, sodass sie in Edinburgh ein Auto mieten musste.

»Ich schaffe das. Ich bin die Strecke oft genug gefahren.«

»Ich weiß. Aber nicht unter diesen Umständen.«

»Declan, du traust mir also nicht zu, Auto zu fahren und gleichzeitig nachzudenken?«

Er ließ es auf sich beruhen. Declan verstand, dass sie Zeit für sich brauchte. Jedenfalls redete sie sich das ein. Vielleicht war er einfach nur froh, ihre Launen eine Weile nicht ertragen zu müssen.

Der unbefestigte Weg zum Haus ist von Schlaglöchern durchsetzt. Es muss stark geregnet haben. Bevor sie richtig in den Wald kommt, fährt sie am letzten der Nachbarhäuser vorbei, einem Bungalow auf einem mehrere Morgen großen Grundstück. Ein erbarmungswürdig dreinschauendes Pony steht dort, den Rücken zur Straße gewandt. Vom Zauber des Sommers an der Küste – die Kegelrobben, die geduckten Häuser und pastellfarbenen Strandhütten in Findhorn, deren in zarten Grau- und Blautönen gestrichene Wetterschenkel, die sonnengewärmten Kiefernstämme und das weite Meer dahinter – ist um diese Jahreszeit kaum mehr etwas zu spüren. Sie fährt am verwaisten Parkplatz der Forstverwaltung vorbei. Etwa eine Meile später verengt sich der Weg. Juliet fährt langsamer und hält am alten Fahnenmast kurz an.

Das Einzige, was hier noch weht, ist ein verwitterter Rest roten Bandes, das die Polizei zurückgelassen hat. Ihre Eltern hissten hier immer einen gelb-blauen Wimpel, der aus einem schlichten, in zwei Farben unterteilten Rechteck bestand. Sie erinnert sich, dass ihr Vater ihr die Bedeutung erklärte: Ich möchte mit dir sprechen. Wäre das jetzt doch nur möglich.

Sie fährt langsam weiter. Für sie ist dieser Ort immer noch der ihrer Eltern. Die ursprüngliche Siedlung Culbin wurde vor hundert Jahren unter Dünen begraben. Das ganze Gebiet steht unter Naturschutz. Kurz vor Inkrafttreten des Naturschutzgesetzes hatten Mum und Dad ein Stück Land gekauft. Mum wachte darüber, dass der Bau nach Dads Entwurf erfolgte. Als junger Architekt in einem Architektenbüro in der Innenstadt von Inverness, etwa fünfundzwanzig Meilen weiter westlich, war Dad sehr stolz darauf, wie das Strandhaus sich in die Umgebung einfügte.

Wie würde er es jetzt finden? Man hatte versucht, die Holzverkleidung zu streichen. Sie kann sich daran nicht erinnern. Es muss Ericas Idee gewesen sein.

Typisch Erica. Im selben Moment schämt Juliet sich für den Gedanken, auch wenn er zutrifft. Ein Ausbund an Energie und Tatendrang, aber vollkommen planlos und ohne sich hinterher um irgendetwas zu kümmern. Selbst hier wurde offensichtlich gepfuscht; es sieht so aus, als könnte das Haus schon wieder einen Anstrich gebrauchen. Im Bereich der Regenrinne platzen Schichten ab, und die Holzplanken, die um das halbe Gebäude verlegt wurden, beginnen an einigen Stellen zu modern. Der einstöckige, geduckte Bau scheint sich auf den Waldboden niederzukauern, als wollte er sich zwischen den flechtenüberwucherten Dünen und Heidelbeersträuchern verstecken. Der Hauptwohnraum ist offen gestaltet und zu drei Seiten mit bodentiefen Fenstern versehen, die eine harmonische Verbindung zum Wald herstellen.

Die floralen Elemente auf der gelben Tapete aus den Sechzigern sind von außen gleich zu erkennen. Ist es draußen dunkel, ist vom Wald aus drinnen jeder leicht zu sehen. Sieht man aber hinaus, versperrt die Spiegelung der Tapete in den Fenstern den Blick auf das, was sich dahinter befindet.

Beim Einbiegen auf den Parkplatz werfen die Scheinwerfer einen langen Lichtkegel zwischen die Bäume. Das Strandhaus leuchtet kurz auf, um gleich wieder im Schatten zu verschwinden. Juliet macht den Motor aus, bleibt aber noch einen Moment im Wagen sitzen, um die Stille und die Dunkelheit auf sich wirken zu lassen. Plötzlich überkommt sie Angst vor dem, was sie drinnen erwartet.

7

Der Mann, der sich Taj nannte, begleitete das junge Mädchen aus der betreuten Unterkunft in den nördlichen Stadtteil von Manchester. Warum er sie hierher brachte, wusste sie nicht. Auch nicht, was er in der Unterkunft eigentlich zu suchen hatte. Er schien dort zu arbeiten, denn er war jeden Tag dort und wartete mittags und abends vor dem Gebäude. Er war einer der wenigen Menschen, die ihren Dialekt sprachen.

Anfangs redete sie kaum, aber mit jedem Tag gewann er mehr ihr Vertrauen, und langsam empfand sie es als wohltuend, mit ihm sprechen zu können. Er redete anders als die anderen mit ihr. So hatte eigentlich noch nie jemand mit ihr gesprochen. Es gab ihr das Gefühl, zu leben, ein Mensch zu sein. Er fragte sie, wie es bei ihr zu Hause war, bevor die Rebellen kamen, nach ihrem Lieblingsessen und nach Filmen, die sie gern sah.

Sie erzählte ihm von dem letzten Film, den sie im Kino gesehen hatte, der gleichzeitig ihr erster war, an dem Tag als sie siebzehn wurde. Das war lange her. Eine ganze Welt lag jetzt dazwischen. Der Film hieß OBEN. Darin ging es um einen Mann, der Ballons an sein Haus band und nach Südamerika flog. Als sie von dem Film erzählte, kamen ihr die Tränen, und Taj legte seine Arme um sie und versprach ihr, mit ihr ins Kino zu gehen.

Ein paar Tage später taten sie das auch. Aber sie verstand den Film nicht, obwohl er sich bemühte, alles zu übersetzen, und ihr alles ins Ohr flüsterte. Von den Sexszenen fühlte sie sich peinlich berührt, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Er sollte nicht merken, dass sie noch nie einen Film für Erwachsene gesehen hatte. Danach betonte er immer wieder, dass sie sehr hübsch sei und sicher mal berühmt werde. Dass sie sogar ein Filmstar werden könne. Sie lächelte verlegen. Das stimmte nicht, aber ihm das zu sagen, traute sie sich nicht.

Ziemlich oft fragte er sie, ob sie schon einmal einen Freund gehabt hätte, und lachte, wenn sie es verneinte, weil die Eltern ihr das nie erlaubt hätten. Sie war erst dreizehn. Sie musste an den Bruder ihrer besten Freundin denken, der in ihrem Dorf in derselben Straße wohnte. Er war sechzehn und hatte dunkle Augen, die ganz schmal wurden, wenn er ihr auf dem Heimweg von der Schule heimlich zulächelte. Im Garten seines Hauses wuchsen Orangenbäume. Einmal ist sie direkt vor ihm gestolpert. Er hat ihr aufgeholfen. Sein Atem roch süß und frisch, wie Pfefferminztee.

Am Stadtrand von Manchester blieb Taj plötzlich vor einem alten Haus mit breiten Stufen und mächtigen Säulen stehen.