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Am 6. Dezember 1993, in der Vorweihnachtszeit, wird die Dealerin Scrappy direkt vor dem Haus ihrer Mutter erschossen. Der Junkie Augie ist Zeuge der Tat, er hat vor Scrappys Türe um Drogen gebettelt. Seine Reaktion: Er raubt der Sterbenden ihre Vorräte und lässt auch noch die Tatwaffe mitgehen; lässt sich ja alles versilbern. Kurz darauf wird er verhaftet und sagt aus, der Mord sei von Wizard und Dreamer begangen worden, zwei Mitgliedern einer Gang. Tatsächlich findet sich bei einer Hausdurchsuchung die Tatwaffe; die beiden wandern in das L.A. County Jail – ein eigener Planet, auf dem das Gesetz des Stärkeren herrscht. Wizard und Dreamer wissen natürlich, dass ihnen jemand die Tat angehängt hat. Aber vor der Polizei schweigen sie. Während sie ihrem Prozess entgegensehen, soll Dreamers bester Freund Little herausfinden, wer mit der geschickt platzierten Waffe den Verdacht auf die beiden gelenkt hat – und warum.
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Seitenzahl: 666
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ryan Gattis
Thriller
Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Am 6. Dezember 1993 wird die Dealerin Scrappy direkt vor dem Haus ihrer Mutter erschossen. Augie, einer ihrer Stammkunden, ist Zeuge der Tat. Er raubt der Schwerverletzten ihre Vorräte und lässt die Tatwaffe mitgehen. Kurz darauf wird Augie verhaftet und sagt aus, der Mord sei von Wizard und Dreamer begangen worden, zwei Mitgliedern einer Gang. Tatsächlich findet sich bei der Hausdurchsuchung die Tatwaffe, und beide wandern in das Wayside Jail.
Dieses berüchtigte Gefängnis ist eine Welt für sich, hier herrscht das Recht des Stärkeren. Wizard und Dreamer wissen, dass jemand Augie dazu gebracht hat, ihnen die Tat anzuhängen. Aber vor der Polizei schweigen sie. Bis zu ihrem Prozess müssen sie herausfinden, wer ihnen die Tatwaffe untergeschoben hat – und warum.
«Mit nur zwei Büchern hat sich Ryan Gattis einen Platz unter den Könnern des Krimi-Genres gesichert» (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – und der dritte Roman steht den Vorgängern in nichts nach.
Stimmen zu «In den Straßen die Wut»:
«Eine monumentale Leistung.» Dennis Lehane
«Ein symphonischer, unglaublich perfekter, unüberbietbarer Roman. Er hat mich in einem Stück verschluckt.» David Mitchell
«Heftige, temporeiche, lebenspralle Szenen einer Stadt im Krieg. Dieser Autor weiß genau, wovon er schreibt.» Joyce Carol Oates
Stimmen zu «Safe»:
«Voller Tempo, Verzweiflung und Gewalt.» Frankfurter Allgemeine Zeitung
«Ein Thriller, der Ryan Gattis als einen unserer begabtesten Romanautoren bestätigt.» Michael Connelly
«Einfach nur wahnsinnig gut.» The Spectator
Ryan Gattis, geboren 1987 in Illinois, lebt in Los Angeles. Sein Roman «In den Straßen die Wut» war eine internationale Sensation und wird von HBO als TV-Serie adaptiert werden. Die Filmrechte von «Safe» sind bereits von der 20th Century Fox optioniert.
Ingo Herzke, geboren 1966 in Alfeld/Leine, studierte Klassische Philologie, Anglistik und Geschichte. Seit 1998 arbeitet er als Literaturübersetzer. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Hamburg.
Michael Kellner, 1953 in Kassel geboren, war, früher im Leben, Buchhändler und Verleger und übersetzt u.a. William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Armistead Maupin und Atticus Lish. Er lebt in Hamburg.
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel «The System» bei MCD, Farrar, Straus and Giroux, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2021
Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«The System» Copyright © 2020 by Ryan Gattis
Redaktion Tobias Schumacher-Hernández
Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Coverabbildung Trevor Payne/Trevillion Images
ISBN 978-3-644-00123-7
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Roger Cortez
Weder das Leben noch die Natur kümmert es, ob der Gerechtigkeit Genüge getan wird oder nicht.
Patricia Highsmith
In den Vereinigten Staaten bezieht sich der Begriff Strafjustizsystem auf jene Institutionen, die ein angeklagter Straftäter durchlaufen muss, bis die Anklage entweder fallengelassen oder bewiesen und eine Strafe festgesetzt und verbüßt wird.
Das System besteht aus drei eigenständigen Instanzen:
Gesetzesvollzug, beispielsweise durch Polizei und Sheriffs.
Gerichtsverhandlung, etwa durch Richter, Staatsanwälte, (Straf-)Verteidiger und juristische Angestellte.
Strafvollzug und Überwachung, zum Beispiel durch das Gefängnispersonal, Kontrolle eines Bewährungsurteils oder Hafturlaubs.
Sie arbeiten zusammen, um die Rechtsstaatlichkeit in einer zivilisierten Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
Wenn das System des Los Angeles County dich erst mal auf dem Schirm hat, dann bist du ihm schutzlos ausgeliefert.
Während du in Untersuchungshaft bist, gehört dir dein Körper nicht. Er gehört dem County.
Alles Lebensnotwendige kommt vom County. Dein Essen. Deine Zahnpasta. Sogar deine Kleidung.
Sie sagen dir, wo du schlafen sollst. Du stehst auf, wenn sie dir sagen, dass du aufstehen sollst.
Wenn du keine Kaution stellen kannst und deine Familie auch nicht, dann bleibst du bis zur Verhandlung im Gefängnis.
Das kann sich monatelang hinziehen, je nachdem, wie viele andere offene Verfahren es gibt.
1993 saßen in Kalifornien fünfzehn Prozent der Gefängnisinsassen der USA ein – mehr als in jedem anderen Bundesstaat –, und innerhalb der Strafanstalten zeichnete sich eine Veränderung ab.
Eine Veränderung, die sich schon seit Jahren angebahnt hatte.
Organisierte Gefängnisgangs versuchten, obwohl hinter Gittern, die Aktivitäten von Straßengangs zu steuern, und je erfolgreicher sie waren, desto mehr ging die Macht von den Straßen auf die Untersuchungsgefängnisse und Haftanstalten über.
Die Gefängnisgangs boten ein Mitgliedschaftsmodell an, und das aus einem einfachen Grund: Wenn sie das Milieu hinter Gittern kontrollieren konnten – der schlimmstmögliche Auswuchs kriminellen Verhaltens –, dann konnten sie praktisch jeden kontrollieren, überall.
Dies ist die Geschichte eines solchen Verbrechens – derjenigen, die dafür angeklagt wurden, der Zeugen, der Polizeibeamten, die dazu ermittelten, der Anwälte und Strafverteidiger, die vor Gericht damit befasst waren, und derjenigen, die draußen zurückgelassen wurden.
PROLOG
und das ist kein Traum
nur mein traniges Leben
in dem Menschen Alibis sind
und die Straße unauffindbar
ein ganzes Leben lang.
Anne Sexton, «45 Mercy Street»
6. Dezember 1993, 21:18 Uhr
Angela hat sich noch nie mit mir hingesetzt und mich angeschaut wie ein Problem, das sie bereits gelöst hat. Sie hat noch nichts gesagt, aber ich spüre, dass ihre Wörter bereits auf dem Weg sind wie ein Faustschlag. Innerlich versuche ich bereits, ihm auszuweichen.
«Es fällt mir wirklich nicht leicht oder so», sagt sie, und ich weiß, das sind die letzten Worte, bevor der Schlag kommt, «aber du musst einfach ausziehen, Jacob.»
Da ist er, der K.-o.-Schlag. Es ist vorbei. Gelaufen.
Wenn Angela Entscheidungen trifft, dann bleibt sie auch dabei.
Jetzt hat sie mich gerade mit einem Streich entsorgt und obdachlos gemacht, aber ich kann an nichts anderes als die piepende Mikrowelle denken. Sie ist neu, und ich habe sie letzte Woche von einem Kumpel bekommen. Sie ist aus Japan. Gutes Teil. Digital. Sie hat dieses Dings zur Erinnerung, wenn du dein Essen nicht rausholst. Genau das macht sie jetzt mit ihren Makkaroni. Sie hat schon zweimal gepiept. Der Klang erinnert mich an den Monitor bei meinem Homie, wie der geklungen hat, bevor sein Herz einfach aufhörte.
Tiny Gangster, R.I.P. Southsider. Ein echter Lynwood-Rider. Un matón grande. Der härteste Typ, den ich je kennengelernt habe. Die Erinnerung daran vermischt sich mit diesem Augenblick, und der Schmerz brennt in meiner Brust. Wie ein Feuerball.
Angela schnippt vor meinen Augen mit den Fingern.
«Hallo?» Sie fängt an, sich aufzuregen. «Hörst du mir eigentlich zu, oder was?»
Beep.
Ich antworte: «Oder was.»
Sie rollt mit den Augen. Früher fand sie es toll, wie ich sie zum Lachen gebracht habe. Jetzt schaut sie mich so an, als wäre bereits mein Versuch … traurig.
«Merkst du, wie das nicht funktioniert? Wenn du mal ernst sein solltest, wirst du kindisch. Ist für dich alles ein Witz? Ich brauche nämlich jemanden, der mehr als nur für das eine da ist, so jemanden, der mit dem echten Leben klarkommt und voll in mich verknallt ist.»
«Hör zu.» Ich greif mir ihre Hand. Sie ist kalt. Die will nicht zwischen meinen Handflächen sein, das spüre ich. «Ich kann mich bessern. Das kann ich alles machen. Kann dir Blumen kaufen.»
Angela zieht ihre Hand weg. Von meinen Homies habe ich immer nur gehört, dass sie zu gut für mich ist. Dass sie älter ist. Dass sie von allen die Hübscheste ist. Dass sie es zu etwas bringen wird. Selbst Wizard sagt das. Mit der Zeit macht einen das wirr. Und ich bereue, dass ich Littles Haus jemals verlassen habe, mich jemals auf diesen Riesenstreit mit seiner Mamá eingelassen habe, dass ich für so was noch nicht bereit wäre. Siebzehn, und dann mit einem Mädchen zusammenwohnen? Das fand sie nicht gut. Ich hab’s trotzdem gemacht.
Piep.
Ich lächele wieder. Aber ich lächle nicht sie an. Sondern meine Füße. Ich rede auch mit ihnen, so etwa: «Und wenn ich plötzlich ernst werde, würde das was ändern?»
«Nein», sagte sie, «über diesen Punkt sind wir schon hinaus.»
«Warum willst du dann, dass ich mich ändere, wenn du Schluss machen willst?»
Sie beugt sich vor. Sie schaut mir hart in die Augen. «Aber bist das du? Oder nur das, was deine Kumpel von dir wollen?»
Ich mach einen Rückzieher. «Was weiß ich.»
Sie lässt nicht locker. «Kannst du dich noch daran erinnern, wie sie dich beim Verticken dieser Fernseher geschnappt haben?»
Ich lass mir das einen Moment lang durch den Kopf gehen. Das war nach den Unruhen. Nachdem ich vielleicht dabei geholfen hatte, den Jack in the Box auf dem MLK abzufackeln. In der Nachbarschaft gab es einen Lagerschuppen voller Zeugs, den wir hochgenommen haben. Ständig kamen Homies vorbei, um Sachen unterzustellen. Das war lächerlich einfach.
Dann sagt sie: «Weißt du noch, wie du dich aufgeführt hast, als wärst du derjenige, der einen Käufer finden könnte, da Jellybean sehen wollte, wer sich melden würde? Du hattest so ein breites Grinsen, als wärst du derjenige, der das hinbekommen könnte.»
Mist. Ich erinnere mich. Ich habe versucht, alles an diese alte koreanische Lady in Long Beach zu verkaufen, die mir dann die Sheriffs auf den Hals hetzte. Was Angie nicht sagte, ist, dass Wizards Ratschläge richtig gut kamen. Keine Tattoos zu haben. Nicht für eine Gang unterwegs zu sein. Nicht fotografiert oder verhört zu werden. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ich irgendwo dazugehöre. Mich haben die Sheriffs nie eingesackt, weil ich eine Art Schläfer bin. Und davon abgesehen konnte Mrs. Wong bei der Gegenüberstellung auch sowieso niemanden erkennen. Soweit ich weiß, hat sie auf irgendeinen ananasköpfigen paisa gezeigt.
Angela starrt mich an. Will, dass ich etwas sage. Aber ich habe keine passende Antwort, also sage ich nichts. Ich warte auf einen Piep. Kommt aber keiner.
Sie senkt den Kopf und streicht sich das Haar mit einem Schwung aus dem Gesicht, als sie ihn wieder hebt. Sie ist ganz und gar ruhig: «Danke, dass du es mir einfacher machst.»
Und bei mir bleibt nichts als der Schmerz. Und deshalb sage ich: «Ich meine, immerhin kann ich das, oder? Nichts zu danken.»
Ihr Gesicht bekommt einen Ausdruck, als würde sie sich winden, als wüsste sie nicht genau, was sie sagen soll. Das kapiere ich. Ich fühl mich auch so. Ich weiß, dass ich es verkackt habe. Ziemlich. Als ich high war, habe ich mit Tinys Cousine Giselle rumgemacht. Obwohl, das ist längst nicht alles. Angela wollte schon immer, dass ich mich ändere, dass ich von der Straße runterkomme. Mir einen Job suche. Oder zur Schule gehe.
«Es ist so, als würdest du bei mir immer eine Maske tragen», sagt sie, «mir das zeigen, was ich deiner Meinung nach sehen will.»
Ich glaube, das Piepsen ist jetzt durch. Soweit ich mich erinnere, piepst es nicht mehr als fünfmal. Jedenfalls nicht endlos oder so was. Das bringt mich auf den Gedanken, dass vielleicht alles wie mit einem Timer läuft. Nicht nur ich und Angela. Alles. Runtertickt. Ausläuft.
Also denk ich mir, warum nicht ehrlich zu ihr sein …, wenn es das ist, was sie will?
Ich beuge mich also vor und sage: «Seit dem Augenblick, als du gesagt hast, was du sagen musstest, spür ich hier einfach so ein Brennen.»
Sie nickt, aber egal, sie glaubt mir nicht.
«Das meine ich ernst», sage ich, «nur …»
Sie beißt sich auf die Lippen und fragt sich wohl, wo ich damit hinwill.
Ich sage: «Ich wünsch dir Glück. Im Leben, verstehst du? Alles suerte. In echt. Aber bitte mach nicht mit Homies rum. Das halt ich nicht aus. In echt, das ist nicht … Ich meine, das braucht keiner. Ich nicht. Du nicht. Wizard nicht. Keiner, der verdammt noch mal der Nächste ist. Okay?»
Sie muss mir nicht sagen, dass niemand eine weitere Tiny-Gangster-Geschichte braucht. Sechs Schüsse. Lag im Saint Francis, als sein Körper aufgab. War den sechs Kugeln nicht gewachsen, die der Ex seiner Freundin ihm verpasst hat.
Ich sage: «Dann geh ich jetzt mal, in Ordnung? Ich hol mein Zeug irgendwann mal ab.»
Sie blinzelt. Und ich bemerke, dass sie weint. Und das nervt mich. Denn die ganze Zeit war sie so cool und ruhig und erwachsen, während sie mir das so hingeworfen hat. Ein paar Tränen laufen ihr die Wange runter. Ich möchte sie abwischen. Aber da bin ich nicht mehr für zuständig. Sie schaut mich jetzt an, als wollte sie sagen, sie spürt meinen Schmerz, und es tut ihr gleichzeitig leid, dass sie ihn verursacht hat. Aber scheiß drauf. Sie hat es getan. Gemacht. Und es brennt in meinem Inneren, als hätte Littles Mamá schon immer recht gehabt.
«Schätze schon», sagt Angela.
«Okay», sage ich.
Und dann steh ich einfach auf, wie ein Mann, und all die dummen Sachen, die ich gemacht habe, lasten auf meinen Schultern, denn eine andere Wahl hat man nicht. Das ist so. Immer.
Und ich wende ihr den Rücken zu und gehe aus der Tür. Haue ab.
Und ich schau verdammt noch mal nicht zurück …
Wenn Bürger aus reiner Wut ganze Viertel zerstören und wir gebeten werden, «Verständnis» und «Mitleid» zu haben, dann werden wir aufgefordert, Mitgefühl für Wut zu haben. Nun gut, aber was ist mit der Wut der Cops, die ihre Anstrengungen täglich von einem System vereitelt sehen, das eine endlose Parade menschlichen Mülls wieder auf die Straßen schickt, um noch mehr Straftaten zu begehen? … Wie wäre es mit ein bisschen «Verständnis» für sie und alles, dem sie sich täglich gegenübersehen? Gegenwärtig liegen die Chancen, dass ein Krimineller, der ein Kapitalverbrechen begeht, ins Gefängnis wandert, bei weniger als einem Prozent. Davon haben gesetzestreue Menschen die Nase voll.
Rush H. Limbaugh III.The Way Things Ought To Be (gekürzt)
6. Dezember 1993, 21:18 Uhr
Ich stehe an der Ecke Josephine Street und Long Beach Boulevard und sag mir, dass ich sterben werde, wenn ich nicht noch acht Häuser durchhalte. Und genau da geht dieses Erdbeben in meinem Inneren los. Ich knicke in der Mitte ein. Fühlt sich an, als würden meine Knochen von innen herausbrechen. Ich brauche den Gehweg, um mich festzuhalten. Ich muss zwei Hände auf Beton legen, und er ist kalt, und ich sehe aus, als würde ich versuchen, ein Tier auf allen vieren zu sein.
Diese Erdbeben, die über mich kommen, sind groß. Jedes von ihnen ist wie ein Maul, das in die Mitte meines Körpers beißt und das zu essen versucht, was von mir übrig ist. Und dieses hier schluckt mich jetzt einfach.
Es lässt mich wieder los, und ich weiß, dass ich mich bewegen muss, bevor das nächste kommt. Als ich etwas Nasses über meine Lippe laufen spüre, wisch ich mir die Nase an der Schulter und bin echt froh, dass es kein Blut ist.
Ein Auto rollt langsam heran. Scheinwerfer treffen meine Augen, und ich zucke zurück. Die Fenster werden heruntergekurbelt, und aus Lautsprechern erklingt irgendeine Sängerin. Ich höre es. Aber ich kann nicht verstehen, was sie singt.
«Was stimmt verdammt noch mal mit diesem Typ nicht? Hat er die Malias, oder was?»
Das sagt wohl der Fahrer. Und dann ist er weg. Und die Lichter auch.
Er weiß und ich weiß, dass man sich in diesem Viertel nicht mit den ersten Symptomen eines Entzugs erwischen lassen sollte. In so einem Zustand südlich des neuen Century Freeway? In so einem Zustand jenseits von Long Beach? Das ist Gangtown-Scheiß. Nach Einbruch der Dunkelheit? Da bettelst du nur darum, dass du ein paar üble Sachen auf dich ziehst.
Und ich wäre todsicher nicht hier, wenn ich ein paar andere Optionen hätte.
Aber genau das passiert, wenn man eineinhalb Tage schläft und aufwacht und sich dringender als je zuvor unbedingt einen Schuss setzen muss.
Ich spüre, wie das nächste Erdbeben anrollt, zunächst nur ein Wackeln. Wie ein kleines Nachbeben. Also lehne ich mich an eine Mauer und stehe es durch, als wäre ich in einem Sturm. Jetzt hab ich nur noch fünf Häuser. Bin fast da. Halt mich an der Mauer fest und versuche so auszusehen, als könnte mich der nächste Hurrikan nicht davontragen.
Dann überfällt mich der Geruch nach Fleisch. Rindfleisch. Oder Tamales. Oder Tacos Mexico. Und mein Magen tut so, als würde er danach grabschen, nur um mir Ärger zu machen. Das folgende Erdbeben ist das allerschlimmste überhaupt. So schlimm, dass ich auf der Stelle anfangen will zu schreien.
Würde ich. Aber die Schmerzen würden davon nicht besser werden. Und das Verlangen in mir nicht befriedigen. Dieses Verlangen ist krasser als krass.
Es ist wichtiger als der Schmerz. Hüllt ihn ein.
Das Verlangen treibt meine Schritte, und ich kämpfe mich gerade mit ein paar Spastischritten vorwärts, bei denen meine Beine zur Seite ausbrechen wollen, aber schaffe es irgendwie, weiterzugehen. Ich bin diese Schmerzen gewöhnt. Ich hasse sie. Aber ich kenne sie. Und das Verlangen hat mich immer im Griff. Es ist eine Notwendigkeit. So wie Atmen.
Ich habe nachts im Hafen gearbeitet. Bis zu meinem Unfall. Ich kenne die nächtlichen Geräusche auf den Booten. Und diese Gefühle sind wie der Schalltrichter eines Nebelhorns. Sie gehen nach oben. Nicht nach unten. Nicht biiiiep-ummmmm. Einfach nur ein biiiiiep, das allmählich leiser wird. So ruft mich die Droge. Ruft mich wieder und wieder. Sie ist dort in der Nacht und sagt, dass ich zu ihr kommen soll. Wenn ich zu ihr kommen kann, sagt sie, dann kann ich danach weiter dahinsegeln.
Und das treibt mich jetzt zu dieser Tür. Ich weiß, dass ich das nachts besser nicht tun sollte. Aber ich muss. Ich muss oder ich sterbe. Ich muss mit Scrappy reden oder sterben. Das sagt mir mein Bauch. Das sagt mein Gehirn. Beide sind sich einig, dass ich keine weiteren Optionen mehr habe.
Also klopfe ich an die Fliegengittertür, und sie scheppert, und dann lehne ich an das ganze Haus und sag ihm, es soll mich halten.
Ein kleiner Junge kommt an die Tür. Ein Junge ohne Hemd. Ich sehe ihn hinter dem Fliegengitter mit einem Eis am Stiel im Mund, und er blinzelt mich an. Dann höre ich jemanden «Nein!» schreien und aus dem Wohnzimmer kommen.
Und er und ich wissen, dass er Ärger kriegen wird, weil er nachts die Tür geöffnet hat. Der kleine Junge dreht sich gerade rechtzeitig, um von Scrappy einen Klaps auf den Hintern zu bekommen.
Auch Scrappy sieht sauer aus. Trägt nur ein T-Shirt und Shorts. Keinen BH. Hat aber ein Pokerface aufgesetzt. Durch die Löcher im Fliegengitter kommt mir all der Zorn entgegen.
«Hau ab, Scheißkerl», sagt sie. «Ich hab nichts für deinen Junkie-Arsch.»
Sie knallt mir die Tür vor der Nase zu. Ich spüre den Luftzug und weiß, so fühlt es sich wohl an, wenn man ertrinkt und jemand steuert mit einem Motorboot auf einen zu und schaut zu, wie man versinkt, und dreht dann ab.
Das ist verdammt erniedrigend. Das ist traurig. Das ist peinlich. Das ist alles auf einmal.
Aber dann trifft mich ein weiteres Erdbeben, und alles andere ist unwichtig.
Zum Teufel mit Scrappy. Das beschließe ich auf der Stelle. Hier bin ich. Ich werde was auch immer machen, bis sie herauskommt. Es ist mir sogar egal. Sie bringt mich um? Toll. Sie befreit mich von meinem Elend.
Ich gehe zum Fenster und ziehe an den hölzernen Läden. Zerre ruckartig daran. Hänge mich mit meinem Gewicht daran. Das gibt ein verflucht schreckliches Geräusch. Es klingt wie knirschende Zähne, als eines der Scharniere sich entschließt, aus dem Putz zu brechen.
Das tut mir leid. Wirklich. Aber ich mache weiter.
Durch die weißen Vorhänge sehe ich mehrere Menschen, und dann öffnen sich die Vorhänge. Das muss Scrappys Mutter sein oder was weiß ich. Und hinter ihr Scrappy, die mich entsetzt ansieht und mir mit den Augen befiehlt, verdammt noch mal zu verschwinden, aber weiß, dass ich das nicht tue. Weiß, dass ich bis zum Anschlag drauf bin und sie sich besser mit mir abgibt, bevor ich alles nur noch schlimmer für sie mache.
Und dann tue ich so, als würde ich gleich überall hinkotzen. So als würde ich gleich Scrappys großes Problem sein, wenn sie mich hier draußen lässt. Sie sieht meinem Gesicht an, dass ich die ganze Nacht hier auf dem Rasen liegen werde. Die Büsche ihrer Mutter als Bett benutze. Und vielleicht bin ich am Morgen immer noch da, und sie muss sich um mich kümmern. Dann bin ich entweder tot, oder sie muss einen Krankenwagen rufen und hat Beamte hier herumrennen und muss deren Fragen beantworten, oder sie sieht zu, dass sie mich hier jetzt loswird.
Und das alles, direkt nachdem mich ein weiteres Erdbeben trifft, und ich muss auf ihren Rasen starren, der seit Wochen kein Wasser gesehen hat. Der größtenteils aus nacktem Boden besteht. Und dann schaue ich auf, und wir starren einander an, und wir beide wissen, wie sehr wir einander hassen, aber wir wissen, wie es läuft.
Das Spiel läuft so. Ich brauche dringend etwas. So dringend, dass ich alles dafür tue, es zu bekommen. Das weiß sie und sie weiß, dass sie hat, was ich brauche, um wieder auf den Damm zu kommen. Und sie weiß, dass sie mir besser etwas gibt, denn ich habe absolut nichts zu verlieren. Ich werde ihr ganzes Haus von außen demolieren. Was kann sie schon machen? Die Sheriffs rufen?
Sie zeigt auf die andere Straßenseite, als solle ich dort rübergehen, und dann zieht sie die Vorhänge mit einem Ruck zu, und ich weiche ein paar Schritte zurück.
Ich lehne mich an den Briefkasten. Ich spüre einen Stich in der Seite, von der Hüfte bis zu den Rippen. Hier draußen ist es echt ruhig. Und ich spüre Blicke auf mir, aber scheiß drauf. Ich schaue nach links. Ich schaue nach rechts.
Ich sehe, wie ein Auto die Straße hinab die Scheinwerfer ausschaltet, aber ich weiß nicht, ob es der Wagen von eben ist oder ein anderer oder ein Nachbar oder was. Ist mir auch egal.
Wann schaue ich wieder auf? Scrappy kommt von der Seite des Hauses auf mich zu. Sie trägt jetzt ein Hoodie. Und Jeans. Und sie sieht wütend aus.
Sie schreit flüsternd: «Was zum Teufel bildest du dir ein, so bei mir aufzutauchen?»
WUMMS. Ich seh nicht mal, wie sie ausholt, aber ihre Faust landet direkt in meinem Magen, und ich falle dahin, wo Rasen sein sollte, aber kein Rasen ist. Und das Lustige ist, dass es sich fast gut anfühlt. Dass es nicht so übel ist wie die Erdbeben. Es lenkt mich davon ab. Und ich lache.
Sie hasst so was. Sie tritt nach mir und trifft mich voll in die Rippen, da, wo ich den Stich gespürt habe. Darüber lache ich nicht. Meine Lunge ist plötzlich leer, und ich breche auf den Boden ihres beschissenen Vorgartens. Ich rolle mich zusammen, bis sie aufhört, nach mir zu treten. Und versucht, wieder zu Atem zu kommen.
«Du kämpfst wie ein verdammter nasser Sack», sagt sie. Und spuckt neben mich.
Ich zieh einen zusammengeknüllten Zwanziger heraus und halte ihn ihr hin. Wie eine weiße Fahne.
Sie macht sich nur darüber lustig.
Ich falte ihn auseinander. Ich versuche, ihn glattzustreichen, bevor sie ihn sich schnappt und sich umdreht, als würde sie zurück ins Haus gehen. Und das kann ich wirklich nicht zulassen.
«Ich brech deine anderen Fensterläden ab. Ich mach deine Mülltonnen alle», sage ich zwischen Geächze.
«Mach das, und ich zieh deinen Arsch aus dem Verkehr, Augie, du verdammter Scheiß-Gabacho.»
Sie schüttelt den Kopf. Und ich? Ich beobachte jede ihrer Bewegungen und sehe, wie sie einen Plastikbeutel aus der Tasche zerrt, auf dem mein Name steht. Ich sehe nur noch ihn, nichts anderes mehr. Weder sie. Noch die Straßenlampen. Nichts.
Nur diesen Plastikbeutel. Und dieses kleine bisschen, das da drin ist.
Sie wirft ihn auf den Boden, und ich stürz mich drauf. Als wär das die World Series und ich hätte das verdammte Ding mit diesem Catch gewonnen. Ich muss so heftig grinsen, dass mir fast das Gesicht abfällt.
Scrappy steht über mir. Tritt an meinen Fuß, aber nicht fest.
«He. Wenn du jemals wieder hier aufkreuzt, dann mach ich dich alle. Ist mir scheißegal.» Sie steckt beide Hände in die Taschen und dreht sich um.
Während ich mich hinknie, kommt das nächste Erdbeben, aber ich spüre es nicht mehr so stark. Nicht mit dem Beutel in der Hand.
Denn gleich darauf stehe ich auf und geh, so schnell ich kann, den Weg zurück, den ich gekommen bin.
Ich bin noch nicht weit, als ich höre, wie jemand in meine Richtung läuft, und glaube erst, dass sie hinter mir her sind, und stecke das Beutelchen in den Mund und drücke es gegen die Backe, aber dann höre ich die Stimme von diesem Typen.
«Scrap!»
Mehr sagt er nicht. Nicht viel. Aber laut.
Und genug, dass Scrappy sich umdreht. Und ich drehe mich auch um. Schau die Straße entlang auf Scrappys Haus. Dann sehe ich, wie zwei Typen auf sie zugehen, und einer von ihnen hebt den Arm und hat eine Pistole in der Hand, und ich schrecke hastig zurück. Aber es ist zu spät.
Ich sehe das Gesicht dieses Typen. Es ist Wizard. Und ich bin verdammt wütend, dass ich das sehen muss und dass er sein Gesicht nicht bedeckt oder so was, denn das ist für mich überhaupt nicht gut, dass ich das weiß, und ich drück mich sofort hinter die Mauer, und dann sprüht die Trommel Feuer, das weiß durch die Nacht zuckt.
Ein Schuss vom Gehweg aus. Der Scrappy ins Taumeln bringt.
Einer vom nackten Stück Erde her, da, wo ich hingefallen bin. Und sie jetzt zusammenbricht.
Einer von ganz nah. Als sie schon liegt.
Wie krass ist das denn, denke ich, als die Waffe zu ihren Füßen fällt. Sie raucht noch. Meine Ohren klingeln. Die Hunde in den Hinterhöfen kläffen, so laut sie nur können.
Und Wizard und der andere Kerl rennen zu einem Auto. Der andere trägt ein gelbes Hoodie. Ein gelbes der Lakers. Das Auto springt an. Und das Mädchen singt wieder. Und dann sind sie weg. Nicht schnell. Kein Kreischen. Langsam. So als hätten sie das alles schon mal gemacht. Und das ergibt Sinn, denn Wizard ist echt cool. Wie ich hörte, hat er das alles schon gemacht.
Und dann kommt dieser Adrenalinschub über mich. Er drückt meine Schmerzen weg. Er sorgt dafür, dass ich zu Scrappy renne und neben ihr stehe und sehe, dass sie sich nicht bewegt, aber atmet. Ich geh noch näher ran, um sicher zu sein.
Aber da öffnet sich die Tür, und ihre Mutter fängt an zu schreien. Ich versuche ihr zu sagen, dass gerade zwei Muchachos hier waren, aber das alles macht mir einen Knoten in der Zunge.
«Telefona ambulanza!»
Das sage ich schließlich. Ich sage es zweimal, damit sie mich versteht. Es hilft aber auch, damit sie weiß, dass ich der von vorhin bin. Dass ich das nicht gemacht habe. Gar nicht machen konnte.
Als sie zum Telefon geht, lässt sie die Gittertür hinter sich offen. Und ich sehe, dass der Junge seine Mutter sieht. Er hat sein Eis am Stiel in der Hand. Um den Mund ist er orange. Ich kann das durch die Lampe über der Veranda erkennen. Er hat keine Ahnung, was er da sieht, und das ist gut so. Da hat er Glück.
Denn ich versuche, mich zwischen ihn und Scrappy zu stellen, die direkt hier vor mir liegt und blutet. Jetzt erkenne ich auch, dass sie eine Kugel ins Bein bekommen hat. Und eine in den Bauch. Und eine in die obere Schulter, nahe beim Hals. Sie liegt in einer Pfütze von blutigem Schlamm, und dann drück ich ihre Hände auf ihren Bauch.
«Hier drücken.» Es klingt wie ein Befehl. «So fest, wie du kannst.»
Neben ihr liegt ein Messer im Gras, das ihr irgendwo rausgefallen sein muss. Ich schnapp es mir und schneide ein Stück des Hosenbeins ab und reiße es in Streifen. Aus dem Aufschlag fallen ein paar Päckchen, und ich lege ihr schnell einen ziemlich guten Druckverband an.
«Du wirst schon wieder», lass ich sie wissen.
Ich zähle die Päckchen auf dem Boden. Es sind drei.
Und sag mir, dass sie die jetzt nicht mehr braucht. Schaut sie doch an!
Sie hätte so spät nachts die Tür nicht mehr öffnen sollen.
«Du wirst schon wieder», sage ich noch einmal.
Sie hätte es besser wissen sollen.
Und so zu bluten? Schaut! Sie braucht überhaupt nichts mehr!
Aber ich.
Mein Herz ist dabei, verrückt zu spielen. Ich spüre es in meinem ganzen Körper. In den Ohren. Im Hals. In den Zehen.
Sie fängt an zu weinen. Sie schließt die Augen.
«Motherfucking Wizard», sagt sie.
Und sofort werden meine Knie weich. Denn natürlich hat sie ihn erkannt.
«Das wird schon wieder. Keine große Sache.» Aber sie reagiert nicht auf das, was ich sage.
Sie wird nicht wieder werden, aber das sage ich nicht.
Und dann durchwühl ich ihre Taschen und greif mir jedes Päckchen, das drinsteckt, aber das reicht nicht. Meine Lippe juckt. Ich beiße also drauf und roll den anderen Hosenaufschlag auf, und da fallen noch mehr Päckchen raus, und ich steck sie ein, bis meine Taschen voll sind, und dann stecke ich sie in meine Socken.
Ich überlege, dass ich zuerst in ihrer Unterwäsche nach mehr hätte suchen sollen, denn jetzt ist es unmöglich, den Druckverband noch mal abzunehmen, also zieh ich ihr die Schuhe aus und die Einlagen, und da sind jeweils noch zwei Päckchen, und ich taste weiter, aber ohne richtig nachzudenken, denn dann halte ich die Pistole in der Hand.
Fingerabdrücke sind mir scheißegal, denn ich habe sie einfach aufgehoben und denke daran, dass das vielleicht nicht so gut ist und ich sie vielleicht hätte liegenlassen sollen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Ich tu also das, was ich tun muss. Und dann überleg ich, dass sogar das egal ist, bei dem, was sie wert ist.
Für wie viel ich sie verkaufen kann. Wenn ich sie säubere. Wenn ich nicht verrate, woher sie kommt. Oder wie ich darangekommen bin.
Darüber denke ich nach, als ich versuche zu rennen. Versuche, ein Bein schnell vor das andere zu setzen.
Denn ich habe ja bloß eine Waffe gefunden. Und praktisch jeder würde dafür was hinlegen.
Praktisch jeder.
7. Dezember 1993, 07:18 Uhr
Als ich parke und den Motor abstelle, springt Rush Limbaughs Kassette heraus. Der erste Halt meiner Schicht ist Augustine Clark, ein neuer Fall, den sie mir aufgehalst haben, weil Martinez (angeblich hart im Nehmen) im Mutterschaftsurlaub ist. Dabei ist sie nicht verheiratet, ja nicht mal mehr mit dem Vater des Babys zusammen, also ist das alles völliger Unsinn. Ehrlich soll mir eine (sexistische) Feministin doch mal erklären, warum Martinez es verdient hat, genauso viel wie ich bezahlt zu bekommen, wenn ich als Ausgleich für ihre monatelange Abwesenheit doppelt so viel arbeiten muss und nicht mal Freizeitausgleich bekomme. Na gut, sie hat zwei Dienstjahre mehr als ich vorzuweisen, aber bekomme ich zumindest Überstunden gutgeschrieben, wenn ich ihre Fälle bearbeite? Nö. Die knappen Budgets bedeuten, dass von mir erwartet wird, vier ihrer Bewährungsfälle mitzubearbeiten, zusätzlich zu meinen eigenen Fällen. So ist das dieser Tage in Amerika. Die Weißen machen den Dreck der anderen weg. Wir bringen die Dinge stillschweigend in Ordnung, währen die Faulen jammern und Almosen beziehen. Es hängt mir wirklich zum Hals heraus.
Ich öffne die Tür und steige aus. Ich blättere durch Clarks Bewährungsakte, schaue dabei prüfend nach links und rechts, ob es in meiner unmittelbaren Umgebung etwas Bedrohliches gibt (der Parkplatz des Islands Motel am Long Beach Boulevard in Lynwood, aber noch rührt sich nichts, es ist noch zu früh), mache mich mit dem Mann vertraut: CDC-Nummer R19237, eins fünfundsiebzig groß, knapp sechzig Kilo, geboren 1953, Anschrift wie hier, aber das ist definitiv nicht die Resozialisierungseinrichtung, die Martinez empfohlen hatte (was sie ehrlich gesagt vermerken können), die Frage nach dem Arbeitsplatz ist auf dem ersten Befragungsbogen mit Arbeite dran beantwortet (ungelogen, das hat er tatsächlich geschrieben), das monatliche Einkommen beängstigend gering, selbst für den Zusatz Fünfzehn Jahre Navy und Behinderung, bei Führerschein und Fahrzeugbeschreibung steht Ungültig. Sein Vorstrafenregister: Rauschmittelbesitz ’87 (sechs Monate gesessen), Besitz ’88, Besitz ’90, Einbruchdiebstahl ’90 (zwei Jahre) und Besitz ’92, der zu seiner letzten Verurteilung führte. Vor fünf Monaten wurde er entlassen, wahrscheinlich wegen Überfüllung, aber auf dem Papier heißt das Wegen guter Führung, ein echter Witz. Keiner dieser Mistkerle brummt noch echt seine Zeit ab.
Ich blättere zurück zum Anfang und schließe die Bewährungsakte. Dann steige ich aus, öffne den Kofferraum und werfe die Akte rein, bevor ich den Kofferraum zufallen lasse und abschließe. Ich trinke den Kaffee aus; als ich keinen Abfalleimer in unmittelbarer Nähe sehe, stelle ich den Einwegbecher auf die Klappe. Ich bin ja kein Schwein.
Ich klopfe kräftig, damit der Mistkerl auf der anderen Seite weiß, dass er jetzt von einem Profi kontrolliert wird.
Als die Tür geöffnet wird, ist da zuerst dieser Geruch. Im Untersuchungsbericht werde ich ihn abgestanden-ranzig nennen, wie eine Mischung aus tagelang getragenen und ungewaschenen Klamotten und Essensresten. Das deutet nicht darauf hin, dass er sauber ist und die Bewährung ernst nimmt. Für meinen Geschmack sieht das ganz nach Rückfall aus.
Der Eindruck verstärkt sich beim Anblick von Clark in der Tür, der den Kopf samt schütterem Haar beugt. Er ist unrasiert und war seit Wochen nicht beim Frisör. Heute ist Dienstag, und offensichtlich ist er nicht darauf vorbereitet, sich auf Arbeitssuche zu begeben, und das wirft die Frage auf, was er letzte Nacht getrieben hat.
Ich sage: «Wie lautet Ihre CDC-Nummer?»
«R-eins-neun-zwei-drei-sieben», antwortet er heiser. «Sie können Augie zu mir sagen.»
«Augie, ich bin Agent Petrillo von der Bewährungseinheit South Central. Sie können Agent Petrillo zu mir sagen. Verwechseln Sie meine Freundlichkeit nicht mit Freundschaft. Ich bin hier, um einen Hausbesuch zu machen. Ich habe Ihren Fall von Agent Martinez übernommen. Wie ich sehe, haben Sie sich letzte Woche nicht wie angeordnet bei der Bewährungsbehörde gemeldet. Warum nicht?»
«I-ich war krank», sagt er.
«Eine Verletzung der Meldepflicht ist ein ernsthafter Verstoß. Das alleine genügt, um einen PAL-Haftbefehl auszustellen. Das würde ein Jahr Verwahrung bedeuten. Und mit Ihrem Vorstrafenregister hieße das Knast.»
Er ist schon dreimal auf Bewährung gewesen. Er weiß, dass PAL die Abkürzung für Parolee-at-large ist. Das muss ich nicht erklären.
Ich schaue mich im Zimmer um: in jeder Ecke Berge von Kleidungsstücken, um den Fernseher herum leere Gatorade-Flaschen und überall Essensverpackungen. Ein Rattenloch.
Ich sage: «Das ist nicht die Rehabilitationseinrichtung, die mein Partner Ihnen empfohlen hat. Oder, Clark?»
Als er nicht sofort antwortet, trete ich ins Zimmer, hole eine Stiftlampe aus der Tasche und richte sie auf seine Augen.
Er macht einen Satz rückwärts, prallt an die Wand neben der Badezimmertür und bleibt dort kleben. Er hält die Hände über die Augen und sagt: «Was soll das, Mann!»
«Und was passiert, wenn wir einen Test machen?» Er hat gedrückt. Da bin ich ganz sicher. Trotzdem muss ich fragen. Sie müssen eine Chance haben, ehrlich zu sein. Das ist nur fair.
«I-ich weiß nicht, Agent Petrillo.»
«Sie lügen, Clark.»
«Augie, einfach Augie. Bitte.»
Seine Pupillen sind verengt. Ich stehe nahe am Lichtschalter, also schalte ich das Licht aus und leuchte Augie mit der Stiftlampe ins Gesicht.
«Ich werde in meinem Bericht vermerken, dass Ihre Pupillen auf direkten Lichteinfall nicht reagieren und ich Grund habe anzunehmen, dass Sie eine unerlaubte Substanz zu sich genommen und damit Ihre Auflagen verletzt haben. Ich muss Ihre Wohnung durchsuchen.»
«Was soll das, Agent Petrillo, Mann!»
Er ist aufgeflogen. Er weiß es. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich finde, was sich zu finden lohnt. Ich nehme einen Holzstuhl und stelle ihn außer Reichweite von Bett und Schrank und weit genug von der Tür, damit ich ihn fertigmachen kann, wenn er versucht abzuhauen.
«Setzen», sag ich.
Er setzt sich, und ich ziehe mir Handschuhe an. Ich überlege, ihm Handschellen anzulegen, entscheide mich aber dagegen. Ich suche in seiner unmittelbaren Umgebung nach einer Waffe: ein Messer, irgendwas. Da ist nichts. Ich behalte ihn im Auge, während ich das Bett filze. Ich überprüfe das Kissen, den Spalt zwischen Matratze und Rahmen, die Nachttischschubladen. Nichts. Dann nehme ich mir die große Kommode vor. Ziehe sie von der Wand. Schaue hinter den Fernseher. In der Toilette. Nichts. Im Badezimmer finde ich sein Besteck: eine Nadel, einen verbogenen Löffel mit Rückständen, schmutzige Baumwolle, die aussieht, als hätte er sie von einem Q-Tip gezupft, und den Abbinder.
Das alleine reicht schon, um seinen Hafturlaub zu beenden. Ein glattes Jahr wartet auf ihn. Keine gute Zeit. Keine Bonuspunkte fürs Arbeiten. Und er muss die vollen 365 Tage absitzen.
«Du bist am Arsch, Augie», sage ich. «Du gehst zurück, und zwar für ein Jahr.»
«I-ich weiß», sagt er.
Aber ich bin noch nicht fertig. Ich setze den Fuß auf die Teppichkante und ziehe. Die gegenüberliegende Ecke wird aufgeschlagen. Darunter ist Kleber und Teppichunterlage, aber sonst nichts. Ich schlage den Teppich zurück, aber irgendetwas stimmt da nicht. Er liegt nicht völlig flach. Ich fahre wieder mit dem Fuß darüber, aber er liegt immer noch nicht, und darüber hinaus bewegt sich die Fußleiste, also tret ich dagegen, und sie wackelt.
Ich schaue Augie an. Er runzelt die Stirn und sieht aus, als würde er gleich anfangen zu heulen.
«Was werd ich da wohl finden, Augie?»
Er gräbt die Knöchel fest in seine Stirn.
«Verdammt», sagt er. «Verdammt!»
Ich biege die Fußleiste mit den Fingern zurück und passe auf, dass ich in keinen der Nägel fasse, die noch drinstecken. Als ich sie ganz von der Wand abgezogen habe, kann ich zwei kleine Verstecke sehen, etwa zwanzig Zentimeter lang und fünf Zentimeter hoch. In dem einen liegen zehn Plastikbeutelchen. In dem anderen eine Waffe.
Ich zieh meine Waffe und richte sie auf Augie. Mein Herz schlägt wie wild, als ich von null auf hundert, auf gewaltsames Vorgehen schalte. «Auf den Boden, aber sofort!»
Augie rutscht vom Stuhl und fällt mit dem Gesicht nach unten auf den Teppich. Er liegt auf dem Bauch, und ich lege ihm die Handschellen sehr eng an. Dafür, dass er nichts gesagt hat.
«Du wusstest doch, was ich finden würde! Warum hast du mir verdammt noch mal nichts gesagt? Du hast Glück gehabt, dass ich nicht geschossen habe!»
Ich steck die Waffe weg. Ich atme ein paarmal tief durch, um mich zu beruhigen. Es funktioniert nicht.
Ich sage zu ihm: «Wegen der Päckchen hast du jetzt eine Anklage als Dealer am Hals und eine weitere wegen illegalem Waffenbesitz in einem schweren Fall. Das bringt dir definitiv doppelten Knast.»
Augie weiß nicht gleich, was er dazu sagen soll, und das ist in Ordnung so. Das muss er auch nicht, aber ich muss das den Sheriffs sagen. Ich mach ein paar Schritte Richtung Telefon und will schon den Hörer abheben, da dreht er den Kopf, spuckt einen Teppichfaden aus und sagt: «Was ist, wenn ich was wüsste, Mann?»
Ich halte inne. Ich sage: «Wissen über was, Clark?»
«Etwas Schlimmeres», sagte er. «Echt krasse Sache.»
«Das ist nicht meine Abteilung. Ich seh jetzt zu, dass ich dich auf den Weg bringe.»
Auf dem Nachttisch neben dem Bett steht das Telefon. Ich greife zum Hörer.
«Kennst du Wizard?»
Der Name fühlt sich an, als würde mir jemand einen Tritt mit einem Stahlkappenschuh in meinen unteren Rücken verpassen, und ich spüre ein Prickeln. Ein Prickeln, das ich gut kenne.
Ich lege den Hörer wieder auf. Jeder kennt Wizard. Wenn man sich in Lynwood herumtreibt, dann muss man ihn kennen, aber da ist noch etwas anderes: Er ist einer meiner ersten Bewährungsfälle, seitdem ich vor einem Jahr, nach meinem Vorfall, hierher versetzt worden bin.
Ich sage: «Was ist mit ihm?»
«I-ich habe gesehen, wie Wizard und noch ein Typ letzte Nacht ein Mädchen umgebracht haben», sagt er, «mit dieser Pistole.»
Ich kann meine Zweifel nicht verhehlen und sage: «Du willst mir erzählen, dass du eine Waffe von einem Tatort entfernt hast?»
«Ich wollte sie verkaufen», sagt er.
Er hat es kaum gesagt, da muss ich über diesen Schwachsinn lachen, aber dann greift noch etwas anderes nach mir: der Gedanke, etwas Echtes gegen Wizard in der Hand zu haben. Und dann kann ich an nichts anderes mehr denken.
Dieses kleine Arschloch hat mich öfter angelogen, als ich zählen kann, aber dass ich ihn nie dafür drankriegen konnte, das hat mich verrückt gemacht, denn hier im Ghetto deckt jeder jeden. Die Leute hier im Viertel sehen alles, aber sie sagen nichts. Es ist das Gegenteil einer bürgerlichen Gesellschaft, denn diese kleinen Gangster haben alles fest im Griff. Die Leute im Viertel geben nie etwas zu Protokoll, unterstützen nie die Anklagebehörden. Diese Hispanos haben keine Werte, wie wir sie kennen. Sie lügen genauso selbstverständlich, wie sie atmen. Sie schießen einen auch einfach so über den Haufen. Sie erschießen einen, weil jemand es ihnen sagt. Hier draußen herrscht das Gesetz des Dschungels. Die einzige Möglichkeit, dass jemand ins Gefängnis kommt, ist …
Und dann hab ich eine Idee. Ich erstarre zur Salzsäule und verziehe wohl auch irgendwie das Gesicht, denn Augie fragt: «Geht’s dir gut?»
«Klappe, Augie.»
Ich weiß auf der Stelle, dass das die beste Idee ist, die ich jemals hatte. Das ist wie sieben auf einen Streich. Völlig unmöglich, dass jemand wegen dieses Mordes den Mund aufmacht, nicht mal Augie, es sei denn, ich lasse ihn, denn dafür fährt nur jemand ein, wenn man mit dem Finger auf ihn zeigt.
Verdammt, das könnte eine süße Rache werden. Das könnte der großartigste Schachzug werden, den ich je gemacht habe.
Er könnte Gerechtigkeit bedeuten (echte Gerechtigkeit, ausnahmsweise mal) und eine Menge mehr. Vielleicht ist da sogar was für mich persönlich drin. Die beste Art von Belohnung. Zwei Sachen gleichzeitig (etwas, das ich schon immer haben wollte, und etwas, mit dem ich sie bestrafen könnte), denn wenn ich diese kleinen Kriminellen aus diesem Haus vertreiben könnte, dann wäre die Jagd auf Wizards Cousine eröffnet.
Dann wäre sie nicht mehr geschützt. Dann wäre sie alleine. Dann gäbe es niemanden mehr, auf den sie sich verlassen könnte. Ich habe gesehen, wie sie mich angeschaut hat. Ich weiß, dass sie sich Gedanken über mich gemacht hat. Ihre Augen haben sie verraten. Diese Augen haben mir noch etwas verraten: Sie gehört zu den Mädchen, denen ich etwas beibringen kann, und das wird sie zu schätzen wissen.
Augies Mund steht offen, und er starrt mich an, also sage ich: «Augie, wer war der andere Typ?»
Augie schluckt. «Was?»
Sag, es war Dreamer. Ich versuche, ihm die Worte quer durch das Zimmer in den Mund zu legen. Bitte, lieber Gott, lass ihn einfach dieses Wort sagen. Aber es kommt nicht bei ihm an. Ich muss es selbst sagen: «Du hast gesagt, zwei Typen. Wenn Wizard der eine war, wer war der andere?»
Dreamer. Ich murmele es geradezu vor mich hin. Dreamer. Dreamer. Dreamer. Komm schon, Augie, sag es. Heraus mit dem Namen dieses brutalen kleinen Gangsters, von dem alle wissen, dass er Übles im Sinn, aber noch keine schwere Straftat in seiner Akte stehen hat. Heraus mit dem Namen von Angelas Freund, diesem Deppen, der dort völlig umsonst wohnt und eine Frau im Bett hat, die er nie und nimmer verdient, damit ich ihn gleich mit an den Haken bekomme, denn es ist völlig egal, ob er letzte Nacht mit dabei war oder nicht. Wenn er nicht dort jemanden erschossen hat, dann kommt das nächste Woche oder nächsten Monat, und es gibt keine Garantie, dass er dafür ins Gefängnis kommt. Auf diese Art bekommen beide ihr Fett ab.
«Keine Ahnung», sagt Augie. Er schaut auf den hochgeschlagenen Teppich, als wäre ich ihm in den Rücken gefallen.
Das könnte heißen, dass er es weiß, aber mir nicht verrät. Ich beschließe, es ihm in den Mund zu legen, dieses Mal aber unmissverständlich.
Ich sage: «War es Dreamer?»
«I-ich kenne ihn gar nicht so, weiß nicht, wie er aussieht, und es war dunkel.»
Ich sage nichts. Ich warte darauf, dass Augie mich wieder anschaut. Es dauert ein paar Sekunden, aber das reicht, um ihn kapieren zu lassen, dass die Lage sich verändern lässt, die Dinge sich vielleicht verschieben, dass er doch ein paar Optionen hat. Mein Mund wird trocken. Meine Kehle auch. Was ich gleich sagen werde, ist riskant, so riskant, dass ich das Risiko nicht eingehen würde, wenn da nicht jemand wäre, dem sowieso niemand glauben wird.
Ich sage: «Du wirst ihnen sagen, dass er es war.»
Sein Mund bleibt bloß offen. Ich nicke in Richtung der Plastikpäckchen.
«Bis auf eines wandern die ins Klo. Ich nehm dich nur wegen Drückens fest. Bring dich in den Knast. Du erzählst den Sheriffs, was du gesehen hast, und ich bin sicher, dass dir das ziemlich helfen wird, wenn es dann um entlastende Umstände geht. Du fügst deiner Zeugenaussage nur hinzu, dass es Wizard und Dreamer waren, die du letzte Nacht gesehen hast. Beide.»
Er versucht, es zu kapieren, aber das klappt nicht. «Aber …»
Ich unterbreche ihn. «Steh endlich mal auf der richtigen Seite des Systems, Augie. Ich bin deine letzte Chance. Ich will, dass Wizard und Dreamer verschwinden, und du willst nicht ins Gefängnis. Wenn wir uns darüber einig sind, dann sorge ich dafür, dass diese Waffe bei der richtigen Behörde landet, damit sie zwei Mörder strafrechtlich verfolgen kann.»
Augie blinzelt. «Aber was sagst du ihnen, wo du sie gefunden hast?»
«Wer sagt, dass ich ihnen überhaupt was sagen muss?»
Da macht er den Mund zu und nickt, so wie er da auf dem Teppich liegt.
Wir haben einen Deal.
«Gut.» Ich nehme ihm die Handschellen ab und nicke Richtung Badezimmer. «Jetzt nimm dein Besteck, und setz dir eine viertel Dosis, damit du nicht völlig auf Entzug bist, wenn sie dich verhören.»
Seine Augen quellen hervor. Er kann nicht glauben, dass es mir ernst damit ist.
Ist es aber.
Die Einlieferung verläuft reibungslos. Augie braucht noch ein paar aufmunternde Worte, um sich an die Details zu erinnern und sie sicher in seinem Gehirn zu verankern, und dann gehen wir durch die Eingangstür, und er wird verhaftet. Er kommt ins Firestone-Park-Gefängnis, denn dort bringe ich ihn hin. Dort habe ich auch einen besseren Draht zu den Leuten als im Lynwood Jail, und davon abgesehen haben die dort sowieso Probleme mit der Anlage. Irgendwann sind die Beamten so weit, Augie zu verhören, und er muss sagen, was er weiß und woher er es weiß. Angesichts seiner früheren Verurteilungen und des Drogenmissbrauchs ist er nicht unbedingt der verlässlichste Kronzeuge, aber wenn ich das mit der Waffe mache, was ich vorhabe, dann wird das alles spätestens dann aufgehen, wenn er ins County Jail kommt und dort in die Abteilung Schutzhaft.
Am Meldetresen frage ich nach der Schießerei. Um ehrlich zu sein, erwarte ich fast, dass es dergleichen gar nicht gegeben hat. Doch zu meiner Überraschung wurde tatsächlich gestern Abend um 21:20 Uhr auf Lucrecia A. Lucero, genannt Lu-Lu, genannt Scrappy, vor dem Haus ihrer Mutter geschossen. Sie hat sich drei Kugeln eingefangen. Sie war ein leichtes Ziel und der Schütze nah dran, aber er hat schlecht gezielt. Sie hat es überlebt, wie eine Kakerlake. Sie ist jetzt in Saint Francis, und ihr Zustand ist stabil. Der diensttuende Deputy berichtet noch, dass sie mit einem Druckverband eingeliefert wurde. Der hat ihr das Leben gerettet.
Ich frage, ob ich noch einmal zurück zur Arrestzelle kann, um eine Nachricht für Montero zu hinterlassen, einen der Detectives, die ich kenne (weiß nicht, ob er gerade Schicht hat oder auf den Fall angesetzt wird, aber den Versuch ist es wert, schon um mir den Rücken frei zu halten), und man sagt mir, das sei in Ordnung. Ich schreibe detailliert auf, was ich über Augies Aussage weiß, dass mein Proband sich mir gegenüber schuldig bekannt hat und dass ich ihn sowohl wegen Verletzung seiner Bewährungsauflagen eingeliefert habe als auch, um eine Aussage zu machen. Da aber einer meiner anderen Probanden möglicherweise direkt in die Schießerei involviert war, schreibe ich, hatte ich das Gefühl, es sei notwendig, diesen in Begleitung einer Polizeistreife zu überprüfen. Dann gehe ich zurück zum Eingang und beantrage Unterstützung.
Es braucht etwa zwanzig Minuten, bis das von oben genehmigt wird, und ich nutze die Zeit, darüber nachzudenken, wie ich in Wizards und Dreamers Haus vorgehe und die Waffe dort so verstecke, dass ich sie ein paar Minuten später mit dem Sheriff finde, der mich dann begleitet. Wenn währenddessen beide Verdächtige anwesend sind, dann wandern sie gleich in Untersuchungshaft, okay, aber das erschwert das Verstecken. Wenn sie nicht da sind, wird das Verstecken einfacher, und dann finde ich die Waffe vielleicht selbst, bei der Durchsuchung, denn ich bin der Profi.
All das im Hinterkopf, bin ich jetzt im Vollzugsmodus. Bevor ich Augie eingeliefert habe, habe ich meine kugelsichere Weste und eine beschriftete Einsatzjacke angezogen, damit alles flott läuft, aber auch, weil es damit einfach ist, die .38er unter meiner Weste zu verstecken, wo sie sowohl greifbar als auch geschützt ist.
«Petrilla?»
Vor mir steht ein muskulöser Deputy in der hellbraunen Uniform, die sie alle bekommen haben. Er ist sicher gut eins achtzig groß und wiegt hundert Kilo. Ein Schwarzer, aber er spricht meinen Namen spanisch aus: das doppelte l wie ein blödes y.
«Petrillo», sage ich und stehe auf. «Italienisch, mit einem o am Ende.»
«Oh, na klar.» Auf seinem Namensschild steht «Jackson». «Was hab ich gesagt?»
Ich werfe ihm diesen Du weißt schon, was du gesagt hast-Blick zu. «Du hast es falsch ausgesprochen.»
«Hab’s verstanden.» Er schaut mich an. «Petrillo.»
Ich lächele, um ihm zu zeigen, dass es so richtig ist, aber auch aus Erleichterung, dass ich ihn mir nicht zur Brust nehmen muss. Wir geben uns die Hand. Jackson hat einen rasierten Schädel, der wie ein Stück schimmernder Fels aussieht, mit dem man nie Bekanntschaft schließen möchte, und eine Hand, in der meine komplett versinkt.
Ich sage: «Hast du einen Partner, der mit uns kommt?»
Er sagt: «Nein, der ist bei einer Fallbesprechung. Nur wir beide.»
«Auch in Ordnung», sage ich und setze mich in Bewegung, damit er mir folgt.
Wir gehen zusammen hinaus. Aus unserem kurzen Gespräch schließe ich, dass er gerade erst vom Central Jail in Downtown hierher versetzt worden und daher neu in dieser Gegend ist, was für mich nur gut sein kann.
Es geht auf neun zu, und die Wolken sind verglüht. Geblieben ist ein Himmel vom Blau eines schmutzigen Flusses. Ich parke auf der Virginia Avenue, fünf Häuser vor Wizards Bleibe und auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Jackson parkt hinter mir. Ich steige aus, und Jackson folgt mir, eine Hand auf seiner Waffe, der andere Arm hängt herunter. Ich gehe langsamer, damit er aufschließen und neben mir gehen kann. Er hält die Augen auf die Straße gerichtet, schaut nach rechts und links, während wir hinübergehen. Wir meinen es ernst, und das wissen die Leute im Viertel. Ich spüre, dass jemand uns nachschaut, aber es ist niemand auf der Straße.
Je näher ich komme, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie da ist, und mir wird mulmig. Das passiert mir immer bei ihr.
Ein niedriger Maschendrahtzaun mit einem Tor auf Rollen versperrt die Auffahrt. Dahinter das, was für einen Vorgarten noch bleibt. Ich gehe zum Tor und öffne es, ohne zu zögern. Jackson kann sehen, dass ich schon früher hier gewesen bin. Ich klopfe an die Haustür. Wir warten.
Ein Flugzeug über unseren Köpfen steuert LAX an. Die Tür hat keinen Spion, aber die vertikalen Lamellen der Jalousie am Fenster neben der Tür bewegen sich, und dann sagt eine Stimme von drinnen: «Wer ist da?»
Ich bin erleichtert, es ist Angela. Zuletzt habe ich sie vor einer Woche gesehen.
Ich räuspere mich. «Bewährungsprüfung!»
Zwei Schlösser werden entriegelt, sie fummelt an dem mit der Klinke herum, bevor es sich bewegt. Sie ist nervös, geht mir durch den Kopf. Ich frage mich, ob sie weiß, was ihr Cousin und ihr Liebhaber letzte Nacht angestellt haben. Ich halte es für unwahrscheinlich, denn sie ist ein gutes Mädchen, aber alles ist möglich. Ich habe inzwischen genug erlebt, um das zu wissen. Als die Tür aufschwingt, ist Jackson von ihrem Anblick ein wenig schockiert, so wie sie da vor uns steht, das weiche, gelbe Licht über dem Küchentisch lässt ihre Locken leuchten. Sie ist einsame Klasse, und er weiß es.
Sie ist eins siebzig und war früher ein Star der hiesigen Läuferszene (Hürden).
Immer wenn ich sie sehe, denke ich: Sie ist zu gut für das hier. Sie hat etwas Besseres verdient. Ich kann sie hier rausholen.
Ihre Haare sind nass (von der Dusche, oder einem Bad?), sie trägt ein T-Shirt der Lynwood High über einer weißen Jogginghose, keine Schuhe. Ihre Zehennägel sind silbern-schwarz angemalt.
An den meisten Tagen arbeitet sie bei Tom’s Burgers und besucht anschließend die Abendschule, um ihren Abschluss als Altenpflegerin zu machen.
Jackson weiß von alldem nichts. Er sieht nur, dass sie eine Wucht ist und mit zwei Gangster-Dreckskerlen zusammenwohnt.
«Agent Petrillo», sagt sie und bindet ihr nasses Haar zu einem Pferdeschwanz. «Wie kann ich Ihnen heute helfen?»
Sie hat schon gehört, dass ich Überprüfung gesagt habe, bevor sie die Tür geöffnet hat, aber jetzt sieht sie, dass meine Hand auf der Waffe im Holster liegt.
Ich sage: «Ist sonst noch jemand zu Hause?»
«Nein», sagt sie, «nur ich.»
Mehr Erleichterung: Das ist das beste Szenario für das, was ich vorhabe. Ich lasse die Hand vom Holster gleiten.
Ich sage: «Wir sind hier für eine Bewährungsprüfung.»
Sie tritt von der Tür zurück. Ich gehe als Erster hinein. Jackson folgt mir und schließt die Tür.
Angela hat solche Überprüfungen schon erlebt. Sie hat sich an die Tatsache gewöhnt, dass es auf Bewährung kein Privatleben gibt. Das ist jetzt mein dritter Besuch, seitdem Wizard vor ein paar Monaten wegen eines Überfalls mit einer gefährlichen Waffe freigekommen ist. Aber dieses Mal sind Angelas Augen abgespannt. Ich habe noch nie einen Deputy mitgebracht. Sie setzt sich an den nächstgelegenen Platz am Tisch, wo ein aufgeschlagenes Lehrbuch neben einer halbvollen Schüssel Cornflakes liegt.
Sie winkt mir mit einer Hand zu, als wolle sie sagen: Mach ruhig weiter, dann greift sie nach einem Löffel.
Ich verliere keine Zeit. Ich gehe schnurstracks in die Küche.
Ich ziehe Handschuhe an, während Jackson sich auf der anderen Seite des Tresens platziert und mir den Rücken zuwendet. Er beobachtet Angela zur Absicherung des Untersuchungsbeamten, aber es hilft, dass sie umwerfend ist. Ich ziehe eine Show ab, denn ich kann die Waffe nicht am erstbesten Platz verstecken, den ich durchsuche. Ich brauche Jackson, damit er sieht, wie sorgfältig ich suche, um es dann später in seinem Bericht zu vermerken. Er ist mein Zeuge. Was er hier sieht und tut, wird dazu dienen, mir den Rücken freizuhalten.
Unter der Spüle ist nur wertloses Zeug: ein Karton mit Abfalltüten, Seifen, ein Beutel mit vertrockneten Maishülsen. Ich überprüfe die Rohre. Ich taste mit den Fingern zwischen der metallenen Wandung des Abflussbeckens und der Wand. Einmal bin ich so auf die Vorräte eines Typen gestoßen, der sie mit Magneten am Becken befestigt hatte. Aber hier ist nichts.
Schließlich blättere ich durch die Post und schaue dabei auf den Tisch, an dem Angela friedlich vor sich hin kaut und eine Seite umblättert. Meine Augen sind nicht auf die Absender gerichtet. Sie ruhen auf ihrem Halsansatz, und ich frage mich, wie es wohl wäre, sie dort zu küssen: wie ihre Haut wohl riecht oder schmeckt, wie sie reagieren würde, wenn ich sie beißen würde.
(Okay, jetzt beruhig dich mal, sage ich zu mir selbst. Mach langsam. Geh methodisch vor.)
Ich gehe weiter ins Wohnzimmer. Ich filze die Couch und schau auch darunter nach, dann lege ich alles wieder so hin, wie es vorher war. Sie sagt nichts, aber ich sehe, dass sie es zu schätzen weiß. Auch den Stuhl im Wohnzimmer untersuche ich gründlich. Und den Fernseher auf eine lockere Verkleidung. Gibt es nicht. Ich gehe in den Flur, von dem aus es zu den Schlafzimmern geht, und Jackson schaut mich an, während ich Wizards Zimmer ansteuere.
Er sagt: «Brauchst du irgendwas?»
«Danke, nein», sage ich. «Ich sag Bescheid, wenn.»
Er ist zweiundzwanzig, aber Wizards Zimmer sieht aus, als würde hier ein Kind wohnen: ein WorldSeries Dodgers-Wimpel (1988), ein Fernando-Valenzuela-Poster, Doppelseiten mit alten Autos, die er aus Zeitschriften gerissen hat. Er hat eine kleine Kassettenanlage und stapelweise Tapes (das meiste Rap-Scheiß, aber auch etwas Heavy Metal und südamerikanisches Zeugs). Als ich das erste Mal hier reinkam, glaubte ich, es sei das Zimmer von jemandem, den man sich nie im Gefängnis vorstellen würde, oder er hätte einfach nie umgeräumt, nachdem er wieder nach Hause gekommen war. Hier drin nehme ich mir zusätzlich Zeit. Filze das Bett. Danach den Schrank, der danebensteht.
Ich habe nie sicher herausgefunden, wie Wizard das Haus finanziert hat, in dem er lebt, aber ich wäre nicht überrascht, wenn dabei Drogengeld im Spiel ist. Ich glaube, es hat seiner Mutter gehört (und dann starb sie, oder zog sie einfach aus?). Wäre gut, das zu wissen. Um es vielleicht irgendwann mal verwenden zu können.
Nachdem ich mehr als zwanzig Minuten in Wizards Zimmer verbracht habe, gehe ich weiter in den Raum, den Angela sich mit Dreamer teilt. Doch bevor ich hineingehe, werfe ich einen kurzen Blick in den vorderen Hausteil. Angela liest immer noch. Jackson starrt auf seine Finger. Mir wird schon übel, wenn ich den Raum nur betrete. Es ist eine verdammte Tragödie, dass ein so schönes Mädchen ihre weiblichen Gaben an so einen Dreckskerl verschwendet. Es ist hart, so dicht neben dem Bett zu stehen, in dem sie schläft. Ich durchsuche es, aber nur schnell und oberflächlich. Ich stöbere durch die Laken. Angelas Kissen ist das mit ihren langen Haaren. Ich kontrolliere die Tür, dann rieche ich daran. Es riecht nach Zimt. Mein Herz dreht fast durch.
(Du kannst das, sage ich zu mir selbst. Beruhig dich. Atme. Keiner kann dich sehen.)
Ich schaue unter das Bett. Überprüfe den Wandschrank, aber das geht schnell. Daneben hängt ein Poster von Prinzessin Jasmin aus Aladdin: braune Haut, Gewänder aus Seide. Siehst du? Wow. Als würde sie mir einen Schlüssel für meine Phantasien überreichen. Ich nehme mir das Versprechen ab, sie wie eine Prinzessin zu behandeln, und das schneller, als sie glaubt; dann wende ich mich der Kommode zu.
Sie ist alt und aus Holz, und die weiße Farbe platzt ab. Zwischen den Schubladen und dem Unterbau ist jede Menge Platz, will sagen, wenn man einen Revolver unter der untersten Schublade platzieren würde, dann könnte man diese Schublade weiterbewegen. Man könnte sie normal benutzen, und niemand würde merken, dass darunter etwas ist, es sei denn, man schaut nach.
Ich nehme mir für jede einzelne Schublade Zeit. Die oberste ist die von Angela. Sie ist voller Unterwäsche: beige, lila, hellblaue Baumwolle. Ich möchte sie mit meinen nackten Händen berühren, aber ich wage es nicht, die Handschuhe auszuziehen. Auch in der zweiten liegen Sachen, die ihr gehören: Blusen, Röcke, Jeans. Die dritte ist Dreamers. Auch die unterste. Diese ziehe ich ganz heraus.
Als sie draußen ist, kontrolliere ich noch einmal die Tür in meinem Rücken, um sicher zu sein, dass Jackson da nicht steht. Schaue auch noch mal zum Fenster. Niemand beobachtet mich.
Die Schublade fühlt sich leicht an, während ich sie gerade so lange unter meinen linken Arm klemme, dass ich den Revolver, den Augie aufgesammelt hat, aus dem hinteren Hosenbund ziehen kann. Um das Teil gut zu verstecken, habe ich den Gürtel ganz eng gezogen und muss jetzt den Knauf (ganz, ganz vorsichtig) hin und her bewegen, damit die sperrige Trommel unter Gürtel und Weste hervorkommt. Als ich ihn in der Hand habe, überprüfe ich noch einmal, ob noch drei Kugeln drin sind und drei fehlen. Ich lege ihn auf den Teppich mit all der Ehrerbietung, die ein auf dem Silbertablett präsentierter Schuldspruch zweier nichtsnutziger Dreckskerle verdient.
Mit lauter Stimme sage ich: «Jackson? Das musst du dir ansehen.»
