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Jack Reynolds erwacht in einem Motelzimmer. Verwundet. Er stellt fest, dass er sich das Leben nehmen wollte, weiß aber nicht mehr, warum. Nichts ist von seinem Leben geblieben. Nur die Überzeugung, dass er keinerlei Recht besitzt, zu leben. Einziges Indiz ist ein Aufgabeschein von FedEx. Offenbar hat er ein Päckchen an eine Adresse in New York City geschickt. Darin befindet sich das Tagebuch der achtjährigen Patricia White. In den Tagebuch-Einträgen hofft Jack Antworten auf die Fragen zu finden, die seine Situation aufwirft: Er wird gejagt und von Halluzinationen heimgesucht. Doch anstatt einer Antwort liefern Patricias Einträge eine neue Frage: Wer ist Eddie? Alles deutet darauf hin, dass Eddie das Leben der kleinen Patricia bedroht. Jack muss Eddie davon abhalten, sein tödliches Werk zu vollenden. Aber Eddie lässt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Seine Jagd auf Jack hat längst begonnen. Und Eddie ist böse. Er will Jack nicht einfach nur töten. Er will vorher mit ihm spielen.
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Das Tagebuch der Patricia White
Gian Carlo Ronelli
Copyright © 2017 Gian Carlo Ronelli
Umschlaggestaltung: © Gian Carlo Ronelli
www.ronelli.at
E-Mail: [email protected]
Die in diesem Roman geschilderten Begebenheiten und handelnden Personen sind fiktiv. Jede Übereinstimmung mit realen Personen und Begebenheiten ist nicht beabsichtigt und garantiert zufällig.
Ich lag in diesem Bett, ohne Namen, ohne Erinnerung, nur mit der Gewissheit, dass ich tot sein müsste. Dazu kam die Überzeugung, ich würde es noch bitter bereuen, mich unter den Lebenden aufzuhalten, anstatt in einem namenlosen Holzkasten sechs Fuß unter der Erde dahinzufaulen.
Ich hörte ein hohes Surren, unterbrochen durch ein rhythmisches Ticken. Vorsichtig drehte ich den Kopf zu dem Geräusch und zwang mich, die Augen zu öffnen. Die Augäpfel fühlten sich unnatürlich wuchtig an und schmerzten mit jedem Lidschlag, als würden Eisenspäne die Hornhaut Schicht für Schicht abschaben. Gleißende Helligkeit fuhr wie ein Blitz durch meinen Kopf und gab mir das Gefühl, mein Gehirn würde verglühen, begleitet von einem stechenden Schmerz, der sich jedoch rasch verflüchtigte. Nach und nach wurde das Brennen in den Augen erträglich. Schließlich erhielt die Umgebung Konturen, zuerst vage, dann detaillierter.
Das Surren ging von einem roten Radiowecker auf dem Nachtkästchen aus. Die Ziffern der Uhr wurden von einer flackernden Hintergrundbeleuchtung erhellt und zeigten 6:34 Uhr morgens. Es handelte sich um ein altmodisches Modell. Weiße Zahlen waren auf schwarzen Bändern aufgedruckt. Alle paar Sekunden versuchte ein Motor, die Vier fortzuziehen, scheiterte jedoch mit hellem Klacken an einer unsichtbaren Hürde.
Neben dem Radio stand ein leeres Wasserglas. Mein Körper verlangte nach Flüssigkeit, doch etwas in mir weigerte sich, nach dem Glas zu greifen. Allein der Gedanke daran verursachte ein Würgen und ich fürchtete, mich jeden Moment übergeben zu müssen. Aber ich musste trinken. Nur nicht aus diesem Glas. Auf keinen Fall aus diesem Glas.
Dem Anschein nach befand ich mich in einem Motelzimmer. Gerade groß genug, um dem Doppelbett und dem filigranen Campingtisch mit blauem Kunststoffsessel Platz zu bieten.
Am Fußende der zweiten Betthälfte lag eine ausgewaschene Jeansjacke. Dunkelbrauner Dreck klebte an den Stiefeln, dem Saum der Jeans und auf der Bettdecke. Die Hose war am rechten Oberschenkel zerrissen. Blutverkrustete Haut war erkennbar und umschloss eine mit gelb glänzendem Schleim gefüllte Wunde. Als ich registrierte, dass es sich bei diesem Schleim um Eiter handelte und die Wunde sich auf meinem Bein befand, begann der Oberschenkel zu brennen, als hätte jemand Salzsäure darauf gegossen. Die Beinmuskulatur verkrampfte sich und ich hatte Mühe, die Atmung unter Kontrolle zu halten. Vorsichtig drückte ich mich hoch und schob das verletzte Bein aus dem Bett.
Die Hoffnung, der Schmerz würde zumindest einen Teil meiner Erinnerung zurückbringen, erwies sich als falsch. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, woher die Verletzung stammte, warum ich sie nicht verarzten ließ oder zumindest die Wunde notdürftig gereinigt hatte. Jeder Versuch, eine Information aus meinem Gehirn zu quetschen, versandete in einer resignierenden Leere, als bestünde das Innere meines Schädels lediglich aus tiefem Schwarz.
Auf dem grauen Teppichboden neben dem Bett lag ein blau-weißes Päckchen mit der Aufschrift Silent Night. Bis auf einen Beipackzettel war es leer. Ich entfaltete den Zettel, kniff die Augen zusammen und ließ meinen Blick über die winzigen Buchstaben gleiten. Es handelte sich um Schlaftabletten. Die fett gedruckte Warnung, unbedingt die ärztlich verordnete Dosierung einzuhalten, und das Wort strong am rechten unteren Eck der Verpackung deuteten auf sehr starke Schlaftabletten hin.
Mein Blick fiel auf das Wasserglas. Auf den eingetrockneten, milchigen Rand, der sich bei der Hälfte des Glases abzeichnete. Wieder überkam mich Ekel. Umso mehr, als ich auf den nassen Fleck blickte, der sich auf dem Kissen und der Matratze abzeichnete. Weißer Brei zog sich über das dunkle Holz des Bettkastens. Ich beugte mich zur Seite, sog Luft durch die Nase und erhielt mit dem beißenden Geruch die Bestätigung. Erbrochenes. Mein Erbrochenes.
Die Kombination leere Tablettenpackung, Glas und Erbrochenes ließ nur eine Schlussfolgerung zu und ich sträubte mich, sie in Erwägung zu ziehen. Dennoch passte sie exakt in das Bild und zu den Gedanken, die ich während des Erwachens gehabt hatte.
Ich hatte versucht, mich umzubringen.
Wieder erhielt ich keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Nur dieses Gefühl, ich hätte in dieser Angelegenheit besser nicht versagt.
Was konnte in meinem Leben passiert sein, das mich zu dieser Tat getrieben hatte? Welche ausweglose Verzweiflung hatte diese Todessehnsucht in mir geschürt? Und warum hatte ich als letzten Ort dieses schäbige Zimmer ausgewählt? Ich wusste es nicht.
Ich hatte nicht sterben dürfen. Dieser Gedanke gab mir Hoffnung. Gott! Er hatte mich zurückgeholt. Er hatte dafür gesorgt, dass ich dieses giftige Gesöff erbrach, und dann meinen Geist rein gewaschen. Meine Zeit war noch nicht gekommen. Dieser Gedanke gefiel mir. Doch der darauf folgende wischte das aufkommende Wohlbefinden fort. Was, wenn nicht Gott mich zurückgeholt hatte, sondern der Teufel? Wenn die Hölle nicht Strafe genug für mich gewesen wäre und meine Anwesenheit in dieser Realität dem Amüsement Satans diente?
Oder wenn diese Realität deine ganz persönliche Hölle ist?
Ein Frösteln brachte meinen Körper zum Zittern. Der Oberschenkel brannte in aufflammendem Schmerz. Hatte das verschmutzte Blut meinen Körper vergiftet? Falls ja, dann musste ich zu einem Arzt. Schnell.
Ich drückte mich hoch. Stechender Schmerz fuhr durch das Bein, den Unterkörper, die Brust. Er zwang mich zu Boden. Ich kämpfte dagegen an, lehnte mich gegen die Wand, atmete tief durch und spürte, wie die Kraft meine Beine verließ. Zuerst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit. Ich stieg zur Seite, versuchte, mich auf dem Bett abzustützen. Dann raste der dreckig graue Teppichboden auf mich zu.
Ein pochender Schmerz an der rechten Schläfe weckte mich. Zuerst wunderte ich mich, warum ich auf dem Boden lag, erinnerte mich jedoch, dass ich mich auf das Bett setzen wollte, es offenbar aber nicht mehr geschafft hatte.
Langsam stand ich auf und setzte mich auf die Bettkante. Ich musste mir Zeit lassen, musste meinem Kreislauf erlauben, sich an die aufrechte Haltung zu gewöhnen. Auch wenn meine Blase mir eindringlich mitteilte, dass ich dafür nicht unendlich viel Zeit zur Verfügung hatte.
Ich fühlte mich immer noch nicht kräftig, aber zumindest gelang mir ein kleiner Schritt in Richtung Fenster. Dann noch einer. Den Dritten schaffte ich, ohne mich an der Wand abzustützen. Das Fußende des Bettes passierte ich humpelnd mit Schmerzen im Oberschenkel, deren Ausmaß sich aber in einem erträglichen Bereich hielt. Ich lehnte mich gegen den Türstock, entlastete das verletzte Bein und atmete tief durch.
Das Bad war weiß gefliest. Die Toilette befand sich im hinteren, rechten Eck und nichts auf dieser Welt hätte mich dazu bewegen können, mich auf den graubraunen Deckel zu setzen. An der Wand hing ein Waschbecken, daneben auf einem Plastikhaken ein grünes Handtuch. Auf Badewanne und Dusche hatte man vermutlich aus Platzgründen verzichtet. Während ich der Natur freien Lauf ließ, fiel mein Blick auf das Waschbecken. Viel mehr auf einen kleinen Handspiegel, der auf dem hinteren Rand des Beckens lag. Ein Spiegel. Mir wurde bewusst, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie ich aussah. Mit der linken Hand fuhr ich zu meinem Gesicht, strich über die Nase, Lippen und Wangen. Bartstoppeln stachen. Ich spürte eine unregelmäßige Erhebung. Eine Narbe? Sie reichte über den Kieferknochen bis zum Hals.
Nachdem meine Blase, die die Ausmaße eines Heißluftballons haben musste, leer war und ich die Toilettenspülung betätigt hatte, drehte ich den Wasserhahn auf und verteilte das eisige Nass in meinem Gesicht. Immer wieder fiel der Blick auf den Spiegel. Doch etwas in mir weigerte sich, danach zu greifen.
Es wird dir nicht gefallen, was du siehst. Ganz bestimmt nicht.
Eine Stimme hallte in meinem Kopf. Tonlos und doch unangenehm laut. Auch wenn ich mir einredete, dass es meine Gedanken waren, meine gedachte innere Stimme, hatte ich das Gefühl, dass ich diese Worte empfangen hatte, als stünde jemand mit einem Funkgerät vor dem Haus und stellte eine Direktverbindung mit meinem Gehirn her. Wer immer es auch war – ich mochte ihn nicht. Ich hasste ihn.
Als wollte ich beweisen, dass diese ungebetene Stimme Unrecht hatte, griff ich nach dem Spiegel und hielt ihn vor mein Gesicht. Hellblaue Ringe um kleine Pupillen, die von einem Netz aus roten Adern umsponnen waren. Dunkle Streifen unter den Augenhöhlen. Eine wuchtige Nase, über die ein Kratzer bis zur Spitze lief. Blutleere Lippen, die den Eindruck von Unsicherheit ausstrahlten. Blonde Strähnen über der Stirn, auf der sich rechts eine hellblaue Beule abhob. Dunkle Bartstoppel an den Wangen, wobei rechts der Bartwuchs von einer hellroten Narbe unterbrochen war. Ich vermutete, dass es sich dabei um eine Brandverletzung handeln musste.
Es fühlte sich seltsam an. Wieder und wieder musste ich mir klar machen, dass diese Augen, diese Nase, diese schulterlangen Haare und diese Narbe mir gehörten. Dass dieser Mann ich war. Ich. Und nicht jemand, den ich gerade eben kennengelernt hatte. Ich fand mich weder schön noch hässlich. Mein Aussehen war mir schlicht egal. Es löste auch keinerlei Erinnerung in mir aus, wer ich war, wie ich hieß oder etwas, das mir in welcher Weise auch immer weiterhalf. Aber es löste ein Gefühl aus. Tief in mir. Hass. Wie die Stimme in meinem Kopf hasste ich auch dieses Gesicht.
Eine Bewegung. Ein Schatten. Auf dem Teppich im Zimmer. Durch den Spalt zwischen Badezimmertür und Wand deutlich zu erkennen. Ich stieg zur Seite und riss die Tür auf. Ein Stich im Oberschenkel erinnerte mich an meine Verletzung, doch ich verdrängte den Schmerz und starrte auf die Eingangstür, den Campingtisch, das Bett.
Nichts.
Ich drehte den Knauf der Zimmertür. Abgeschlossen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Schatten sich völlig lautlos bewegt und auch keine Zeit gehabt hatte, Türen zu öffnen, zu schließen und abzusperren. Abgesehen davon hätte ich etwas hören müssen. Schritte, einen Schlüssel im Schloss, das Klacken der Tür. Aber da war nichts. Hatte ich mich geirrt? Nein. Dieser Schatten war Tatsache. Wie ein Geist war er an der Badezimmertür vorbeigehuscht.
Und da war noch mehr. Eine Melodie. In meinem Kopf. Mit dem Klang einer alten Spieldose. Ich kannte diese Töne. Aber ich hatte keinen Bezug zu einem Titel oder einer dazupassenden Szene. Ich konnte die Melodie summen, aber ich wusste nicht, wo ich sie gehört hatte. Ich wusste nur, dass sie ein Teil meiner verloren gegangenen Erinnerung war und als hätte ich Angst, sie wieder zu vergessen, fing ich an, sie zu pfeifen. Wiederholte sie, bis meine Lippen völlig ausgetrocknet waren und der Durst sich wieder in mein Bewusstsein drängte. Ich holte das Glas vom Nachtkästchen, wusch es sorgfältig aus und füllte es mit Wasser. Dann trank ich, als wäre es flüssiges Leben, das durch meine Kehle in den Körper floss. Ich konnte nicht aufhören. Wieder und wieder füllte ich das Glas, bis mein Blick auf die Jacke fiel. Vielmehr auf die Brieftasche, die in der Innenseite steckte. Ich stellte das Glas hastig auf den Waschbeckenrand und griff nach dem Portemonnaie.
Das schwarze, abgegriffene Leder fühlte sich vertraut an. Im Geldfach steckten ein Fünfziger, zwei Zwanziger und ein paar Fünf- und Eindollarnoten. Das Fotofach war leer. Daneben entdeckte ich, wonach ich gesucht hatte. New York State - Enhanced Drivers Licence. Auf dem Bild war jener Mann abgebildet, der mich noch vor Minuten aus dem Spiegel angestarrt hatte. Er hieß Jack Reynolds. Ich hieß Jack Reynolds. Mein Herz klopfte, als hätte ich soeben eine Art von göttlicher Erscheinung gehabt. Ich hielt meine Identität in Händen. Mein Geburtstag. Der 18. September 1979. Ich überlegte, wie alt ich demnach sein musste, scheiterte aber daran, dass ich nicht wusste, in welchem Jahr ich mich befand. Meine Adresse. 538 Grand Street, New York City. Ich hatte eine Wohnung. Oder ein Haus? Egal. Was immer sich an dieser Adresse befinden würde – dort würde ich mehr über mich erfahren.
Ich steckte den Führerschein in die Geldtasche zurück. Im Schlitz darunter steckte eine Kreditkarte. Mastercard. Demnach musste ich auch einen Job haben, ein Konto, Geld. Mehr als diese hundert Dollar.
Ich zog die Jacke über und griff nach dem Türknauf, erinnerte mich aber im gleichen Moment daran, dass die Tür abgeschlossen war. Der Schlüssel. Wo befand sich dieser verfluchte Schlüssel?
Hosen- und Jackentaschen waren leer. Ich humpelte zum Nachtkästchen. Nichts, ausgenommen dem Radio und der Bibel in der Schublade. Auch im Kästchen am anderen Bettrand befand sich kein Schlüssel. Ich suchte am Boden, im Badezimmer, deckte das Bett ab, hob die Matratzen vom Lattenrost. Nichts. In diesem Zimmer befand sich kein Schlüssel.
»Scheiße«, murmelte ich und erschrak. Meine Stimme. Sie klang vertraut. Dennoch hatte ich das Gefühl, sie soeben das erste Mal gehört zu haben. Ich wiederholte das Wort wieder und wieder. Heiser und rau, tief und brummig hallte es in dem Zimmer dumpf nach. Wieder überkam mich dieses aufwühlende Gefühl. Ich hasste es, mich reden zu hören. So, wie ich mein Gesicht hasste.
Die Tür sah nicht besonders stabil aus. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Schloss aus der Verankerung zu treten – doch nur, wenn ich an der Außenseite gestanden wäre. Hier im Zimmer blieb nur der Weg durch das Fenster.
Ich schob den Vorhang zur Seite. Der Hebel war abmontiert worden. Ich fand keine Möglichkeit, das Fenster zu öffnen. Zumindest nicht, ohne es zu zerstören.
Die Scheibe zerbrach beim ersten Versuch und fiel in groben Splittern nach außen – gefolgt vom Camping-Tisch. Ich wickelte den Vorhang um meine Hand, boxte die Reste der Scheibe durch den Rahmen und schob den Stuhl unter das Fenster. Der Oberschenkel brannte, als ich auf die Sitzfläche stieg und das Bein auf das Fensterbrett stellte. Eiter rann aus der Wunde, die bei Tageslicht aussah, als hätten tatsächlich Ratten daran genagt. Sie war kreisrund, etwa zwei Zentimeter im Durchmesser, und erinnerte an einen Meteoritenkrater auf dem Mond. Gelbroter Schleim füllte sie aus, wobei die Haut am Kraterrand eine blaue Färbung aufwies.
Der Plan, aus dem Fenster zu springen, änderte sich spontan, da die Schmerzen zu groß waren. Ich setzte mich daher auf das Fensterbrett, schwenkte zuerst das gesunde Bein aus dem Raum und hob das andere vorsichtig nach. Nach einem kurzen, schmerzhaften Sprung stand ich auf der Veranda vor einem rostroten Chevrolet. Ich humpelte zur Fahrertür und zog an der Türschnalle. Abgeschlossen. Auf dem Fahrersitz lag ein beschriebenes Blatt Papier. Die krakelige Handschrift war schwer lesbar, aber letztlich konnte ich die Buchstaben entziffern.
Schlüssel sind bei der Rezeption abzuholen. R.
Rezeption? Ich blickte mich um. Eine Schotterstraße zog sich in einer leichten Rechtskurve zu einem asphaltierten Parkplatz, gesäumt von etwa zwanzig einfachen, baugleichen Holzhütten mit Flachdach, jede in einem aufdringlichen Rot gestrichen. An den Türen prangten schwarze Zahlen. Auf dem Parkplatz, neben einer Bundesstraße, die schnurgerade an dem Motel vorbei zog, stand eine Baracke, grün gestrichen, mit einem großen, roten R an der Tür. Vermutlich handelte es sich dabei um die Rezeption.
Das Motel war spärlich belegt. Nur vier Wagen, inklusive meinem, standen auf den geschotterten Parkflächen vor den Hütten. Die Vorhänge waren zugezogen und auch sonst war außer dem Knirschen der Kieselsteine unter meinen Schuhsohlen nichts zu hören. Doch je näher ich zur Rezeption kam, um so lauter wurde ein rhythmisches Dröhnen, das sich letztlich als Radiomusik herausstellte. Ich drückte die Holztür nach innen und trat ein.
Die Rezeption war eine Kammer. Bretter und Pfosten lagerten seitlich der Eingangstür. Offenbar Reparaturmaterial für die Hütten, da auch drei Farbeimer daneben standen, an deren Rändern das aufdringliche Rot der Hütten in eingetrockneten Tränen zu erkennen war. Ein Schrank bildete das hintere Ende des Raumes. Davor befand sich ein kleiner Schreibtisch, auf dem zwischen einem Chaos von Magazinen und Papieren ein Computermonitor und ein Radio standen. Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann mit kräftiger Statur und offensichtlich mexikanischer Herkunft. Er kaute mit offenem Mund und starrte gebannt auf den Monitor. Kurz blickte er auf und winkte mir mit fettigen Fingern zu.
»Bin gleich bei Ihnen Mister Reynolds«, sagte er laut, übertönte dennoch kaum die nervende Country-Musik und lächelte in den Monitor.
Ich ging langsam auf den Schreibtisch zu.
»Ja, Baby. Gib‘s ihr!«, schrie er und zwinkerte mir zu.
Ich stützte mich auf der Tischplatte ab. Eine der Schranktüren stand einen Spalt offen. Silberne Schlüssel blitzten aus dem Dunkel hervor.
»Mein Autoschlüssel«, sagte ich und nickte zu dem Schrank.
Offensichtlich genervt drückte der Mann auf die Tastatur und lehnte sich dann weit in den Sessel zurück, als hätte der Klang des Wortes Autoschlüssel eine entspannende Wirkung auf ihn gehabt. Er grinste breit und präsentierte mir die Brotreste an seinen übergroßen Schneidezähnen.
»Unvorsichtig, unvorsichtig«, sagte er und verschränkte die Arme. »Habe bei meinem Rundgang gesehen, dass der Schlüssel steckt. Ist viel Gesindel unterwegs hier. «
Ich nickte und fragte mich, wie dieser Mann auf die Idee kommen konnte, nachts in Fahrzeugen zu überprüfen, ob Schlüssel steckten. Sehr nächstenlieb sah mir der Kerl nicht aus. Vermutlich hatte diese Aktion nur den einen Zweck, die miesen Einkünfte durch finanzielle Dankesbekundungen ein wenig aufzubessern. Er zog eine Schublade auf, in der Fünf- und Zehndollarnoten zum Vorschein kamen. Obenauf lag ein Schlüsselbund. Wieder lehnte er sich in den Sessel zurück und grinste.
»Sehr umsichtig von Ihnen«, sagte ich und griff nach meiner Brieftasche. Der Mann nickte. Wohl weniger, um meine Aussage zu bejahen, sondern als Bestätigung, ihm meinen Dank in Form von raschelnden Dollars zu bekunden.
Ich zog eine Fünfdollarnote aus dem Portemonnaie und warf sie in die Schublade. Der Mann rührte sich nicht.
»Sind schon einige Wagen gestohlen worden. Nur Scherereien. Die Polizei, Protokolle, Fragen. Und ohne Schlüssel hat man auch bei der Versicherung keine Chance.« Er nickte zweimal zur Lade.
Ich warf einen weiteren Schein auf die Tischplatte, was ihn letztlich dazu veranlasste nach dem Schlüsselbund zu greifen und ihn vor seinem Gesicht hin und her zu schwenken.
»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, sagte er. »Ist nicht jeder Mensch so ehrlich wie ich.«
Ich beugte mich über den Schreibtisch und griff nach dem Schlüssel. Der Mann zog ihn schnell nach hinten, sodass meine Hand ins Leere fuhr.
»Zwanzig«, sagte er und nickte zur Schublade. Alkoholdunst begleitete das Wort. Beinahe zeitgleich sah ich ein Glas mit hellbrauner Flüssigkeit beim Monitor stehen. Brandy. Ich schüttelte den Kopf. Einerseits verneinte ich damit seine Forderung nach mehr Geld, andererseits – und das beunruhigte mich – bekämpfte ich das Verlangen, nach dem Glas zu greifen und einen kräftigen Schluck zu nehmen.
Das Grinsen des Mexikaners verschwand augenblicklich. »Nein?«
»Nein. Der Schlüssel.« Der Oberschenkel schmerzte. Meine Mundhöhle fühlte sich trocken und staubig an, als hätte ich Wüstensand nach oben gewürgt. Nur einen Schluck Brandy, um den Sand wieder hinunter zu schwemmen. Meine Arme begannen zu zittern. Eine Faust drückte von innen gegen meinen Brustkorb. Das Brennen, dieses Drücken, das trockene Würgen – alles würde sofort verschwinden, wenn ich nur einen einzigen Schluck machen dürfte. Oder zwei.
»Hören Sie, Mister. Ich …«
»Verdammte Scheiße! Geben Sie mir meinen Schlüssel! Jetzt!« Meine Faust donnerte auf die Tischplatte, angetrieben von Zorn, der sich wie ein Atomblitz in meinem Körper ausbreitete. Meine Muskeln spannten sich. Alles in mir schrie danach, diesen Mistkerl über den Tisch zu zerren und ihm den Arm, in dessen Hand sich der Schlüssel befand, aus dem Schultergelenk zu reißen. Aber so schnell diese unbändige Wut gekommen war, verschwand sie wieder, und ich erschrak vor mir selbst. Vor diesem Bild in Purpurrot, worin ich den Schlüsselbund aus den leblosen Fingern riss und den Arm auf den blutigen Stumpf zurück warf.
Der Mexikaner zuckte zusammen. »Schon gut.« Er hob beide Arme in die Höhe. »Nach allem, was ich gestern für Sie gemacht habe …« Er warf die Schlüssel auf den Tisch. »… hätte ich mir schon ein wenig mehr erwartet.«
Ich griff nach dem Schlüsselbund, bemerkte, dass meine Hand zitterte, steckte ihn in die Hosentasche und nickte dem Mann zu. Meine Absicht, die zerbrochene Fensterscheibe zu ersetzen, hatte sich nach diesem Gespräch in Luft aufgelöst. Allerdings hatte er mein Interesse geweckt.
»Und was genau haben Sie gestern alles für mich gemacht?« Mein Blick fiel abermals auf das Glas. Noch immer zitterte ich und war überzeugt, dass dieses goldbraune Elixier meinen Muskeln die Ruhe eines Neurochirurgen einflößen würde.
Das Grinsen kehrte in das Gesicht des Mannes zurück. »Das Päckchen!«, rief er aus. »Ich hab‘s noch gestern Abend bei FedEx aufgegeben. Express. Sollte heute Vormittag in der Stadt ankommen. Wie Sie es gewünscht haben.«
Ich hatte keine Ahnung, von welchem Päckchen dieser Mann sprach. »Ich habe mich doch bedankt«, sagte ich, da ich davon ausging, dass dieser schleimige Kerl ohne Bezahlung nicht einmal furzen würde.
Er nickte. »Sehr großzügig. Ach …« Er tippte auf die Brusttasche seines beigen Hemdes. »Die Quittung.« Mit einem Blick durch das Fenster stand er langsam auf. »Was, zum …« Sein Hals wurde länger. Dann zog er die schwarze Stoffhose nach oben und schlurfte an mir vorbei. »Bin gleich wieder da«, murmelte er und riss die Tür auf. »He Sie!«, hörte ich ihn noch brüllen. Kurz darauf schlug die Tür mit einem Klacken ins Schloss.
Durch das Fenster sah ich einen blauen Wagen die Schotterstraße entlang fahren. Wild gestikulierend lief der Mexikaner über die Parkfläche.
Ich nahm an, dass er mit Stadt New York City gemeint hatte. Aber ich würde es bald wissen. Denn auf besagter Quittung sollte neben Informationen über das Päckchen auch die Empfängeradresse stehen. Ein weiterer Anhaltspunkt auf dem Weg zurück in mein vergessenes Leben.
Die Musik nervte und nachdem ich sie abgeschaltet hatte, genoss ich die Stille. Ich setzte mich auf den Bürostuhl und blickte auf das Glas. Wieder überkam mich diese Lust, danach zu greifen. Aber etwas in mir hinderte mich daran. Ich durfte diesen Brandy nicht trinken. Aber was war so schlimm daran? In Anbetracht meiner Situation war es doch keine Katastrophe, wenn ich einen kleinen Schluck von diesem köstlichen Brand als Beruhigung zu mir nahm. Nein, es konnte nicht falsch sein. Jeder Mensch auf dieser Welt hätte Verständnis dafür. Nur ein kleiner Schluck. Ich griff nach dem Glas und schwenkte es hin und her. Ölig benetzte die Flüssigkeit den Rand. Scharfer Duft stieg mir in die Nase. Genussvoll sog ich ihn ein, spürte, wie allein durch das Inhalieren der Druck in der Brust abnahm und sich ein Wohlbefinden in mir ausbreitete. Langsam führte ich das Glas zu meinen Lippen.
Nein!
Wie ein Blitz fuhr das Wort durch mein Gehirn. Meine Hand zitterte, ebenso mein Oberkörper und die Beine. Dieses Gesöff war Medizin. Kein Gift, wie mir mein Gehirn einreden wollte. Und ich brauchte diese Medizin. Ich wollte doch nur einen einzigen Schluck. Nur einen.
Ja, Jack. Nur einen Schluck. Einen für Mommy. Und dann noch einen. Einen großen. Für – Daddy.
Ich blickte über meine Schulter. Diese Stimme. Ich hörte sie klar und deutlich, als stünde jemand hinter mir, um mir ins Ohr zu flüstern. Aber dort befand sich nur der Schrank. Und doch lieferte mein Gehirn die Information, ich hätte diese Stimme gehört. Nicht gedacht. Gehört. Heiser und gepresst, mit einem Schuss Bosheit und unterdrücktem Grinsen, um die Pointe nicht zu verraten – und ich war davon überzeugt, dass diese Pointe keine lustige war. Etwas Böses schwang in dieser Stimme mit. So böse, wie der Inhalt des Glases in meiner Hand.
Ich stellte es auf den Schreibtisch zurück und zwang mich den Blick abzuwenden, auf die Schublade, wo der Lohn für die fragwürdigen Dienste des Mexikaners gehortet wurde. Doch nicht die Dollars hatten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An der Rückseite der Lade lag eine Pistole.
Der Griff fühlte sich kalt an, und da ich keine Ahnung hatte, wie man eine Waffe lud und um welches Modell es sich handeln konnte schloss ich, dass ich kein Polizist oder Geheimagent war. Enttäuschend. Egal. Ich legte die Waffe in die Lade zurück und blickte wiederum zum Glas. Einen Schluck. Nur einen einzigen verdammten Schluck.
Nein!
Es ist Medizin.
Nein!
Ich brauche Medizin!
Nein!
Ich griff nach dem Glas, inhalierte abermals den scharfen Dunst. Ein Schuss. Ein Schrei. Draußen. Zuerst dachte ich an eine Jagd, verwarf den Gedanken aber, als mir bewusst wurde, dass dieser Schrei Schmerz ausdrückte. Nein. Hier war auf einen Menschen geschossen worden.
Ich stellte das Glas ab, sprang auf, zuckte kurz wegen des Schmerzes im Bein zusammen, griff nach der Pistole und humpelte zum Fenster. Der blaue Wagen stand auf dem Schotterweg bei den Hütten. Kurz darauf stürmten zwei Männer durch die Tür, sprangen in den Wagen und fuhren los. Hinter dem Fahrzeug stieg eine Staubwolke in die Luft. Während die beiden auf den Parkplatz zu rasten, wurde mir bewusst, dass sie sich in meiner Hütte befunden hatten. Hastig zog ich den Kopf vom Fenster fort und presste den Rücken gegen die Tür. Ich starrte auf die Pistole und horchte.
Sie hatten mich gesucht. Und sie hatten wahrscheinlich auf den Mexikaner geschossen. Was, wenn sie nun hier herein kamen? Wenn sie mich in der Rezeption vermuteten?
Das Atmen fiel mir schwer, da ich unsinnigerweise Angst hatte, sie könnten mich hören. Reifen quietschten vor der Baracke. Eine Autotür wurde geöffnet. Schritte klopften über den Asphalt.
Vielleicht reichte es, wenn ich ihn mit der Waffe bedrohte? Konnte man erkennen, ob sie geladen war? Ich brauchte eine Deckung. Der Schreibtisch. Ich musste zum Schreibtisch.
»He Mister!« Eine Männerstimme hallte über den Platz.
»Ruf die Polizei, Henry!«, gellte eine Frauenstimme.
Die Schritte verstummten. Schaben von Schuhsohlen auf Asphalt. Die Schritte entfernten sich. Die Autotür wurde zugeschlagen. Der Motor heulte auf. Durchdrehende Reifen. Das Motorengeräusch wurde leiser.
Stille. Nur mein Herz pochte. Schnell und laut.
Ich riss die Tür auf und stolperte über den Parkplatz in Richtung der Hütten. Jede Bewegung stach in meinem Oberschenkel. Der Schotter gab bei jedem Schritt nach und es dauerte gefühlte Stunden, bis ich bei meinem Chevrolet ankam. Obwohl ich vermutete, dass niemand außer dem Mexikaner in der Hütte sein konnte, duckte ich mich beim Heck des Wagens und blickte zur Tür. Sie stand offen. Eine Bewegung. Im Zimmer. Ein Kopf erschien am Fenster. Ein Mädchen. Blonde Spirallocken umrahmten ein puppenhaftes Gesicht. Sie blickte mich fest an. Dann grinste sie.
Ich sprang hoch, steckte die Pistole in den hinteren Hosenbund und humpelte zur Hütte. »He Kleine!«, rief ich und betrat das Zimmer. Es war leer. Erst als ich die Badezimmertür aufstieß, starrten mich weit aufgerissene, mexikanische Augen an.
Der Mann lag auf dem Rücken, die Füße unter der Toilette, die Hände gegen die Brust auf einen nassroten Fleck in der Herzgegend gepresst.
Kein Mädchen.
Obwohl es nicht möglich war, sich in diesem Zimmer zu verstecken, suchte ich den Boden ab und schaute unter die Matratzen und Decken. Aber von dem Mädchen fehlte jede Spur.
Ich blickte zum Mexikaner und fragte ihn gedanklich, was sich wohl in meinem Zimmer abgespielt haben könnte. Warum hatten die beiden Männer ihn erschossen? Ich verdrängte den boshaften Gedanken, er hätte den beiden seine umsichtigen Dienste angeboten und dabei seine Forderungen ein wenig übertrieben. Ihn deswegen zu erschießen schien mir jedoch nicht plausibel.
Ein Windhauch lenkte meinen Blick zur Tür. Erst jetzt realisierte ich, dass der Schlüssel im Schloss steckte. Jemand hatte das Zimmer aufgesperrt. Die beiden Männer? Möglich. Aber ich verdächtigte den Mexikaner. Letztlich blieb immer noch die Frage, was die beiden Männer in meinem Zimmer gesucht hatten. Die einzige Antwort, die mir spontan einfiel, war: Mich. Diese Antwort gefiel mir nicht. Denn mehr und mehr hatte ich das Gefühl, dass ich es war, der hier liegen sollte. Hingerichtet für etwas, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte. Zu diesem Gefühl kam eine Gewissheit: Die beiden würden wiederkommen.
Ich musste verschwinden.
Nach einem letzten Blick auf den Mexikaner humpelte ich aus dem Badezimmer. Ich hatte bereits die Hütte verlassen, als ich an die Quittung dachte. Sie musste sich in seiner Brusttasche befinden. Schnell kehrte ich in die Hütte zurück und fasste an die Brust des Toten. In der Hemdtasche befanden sich einige Zettel, an der rechten unteren Ecke mit Blut befleckt. Unleserliche Notizen, Zimmernummern mit Namen und ein Aufgabeschein von FedEx.
»Was machen Sie da?« Eine hagere Frau stand im Zimmer und starrte mich fassungslos an. »Henry!«, rief sie und blickte nach draußen. »Henry! Schnell!«
Ich suchte nach einer Erklärung, fand aber keine, da mein Gehirn viel zu sehr damit beschäftigt war, dass ich wie ein Leichenfledderer wirken musste, auch wenn meine Absicht eine andere gewesen war. Diese Frau schien für eine Erklärung nicht besonders empfänglich. Und der Gedanke, die Fragen der Polizei zu beantworten, vor allem, nachdem diese Schreckschraube ihre Version der Situation zum Besten gegeben hatte, ließ Panik in mir aufsteigen. Dennoch hielt ich den Aufgabeschein in die Luft. »Meine Quittung«, sagte ich und erkannte, wie absurd diese Aussage wirken musste.
Die Frau trat mit entschlossenem Schritt zurück. Ein bulliger Mann rannte in das Zimmer. Etwa zwei Meter groß und geschätzte 200 Kilogramm schwer. Die Glatze verlieh ihm das Aussehen eines Nazis. An beiden Armen drängelten ausgeblichene, türkise Tätowierungen um einen Platz in der ersten Reihe. In der rechten Hand hielt er einen armdicken Holzprügel.
»So, Freundchen«, zischte er mit unerwartet hoher Stimme. »Wenn du dich rührst, bist du tot.«
Als Bestätigung umfasste er den Prügel auch mit der zweiten Hand und hielt ihn seitlich hoch. »Wir warten jetzt auf die Bullen. Klar?«
Henrys Erscheinung war – abgesehen von der Eunuchenstimme – furchteinflößend. Dennoch war ich erstaunt, dass sein Auftritt mich nicht sonderlich beeindruckte. Nur der Gedanke an die Polizisten, das Verhör und ihre Reaktion, wenn sie mich mit Blut verschmierten Händen und blutigen Jeans hier vorfanden, beunruhigte mich.
»Hör zu, Henry. Ich habe keine Zeit für irgendwelche Spielchen. Der Mexikaner ist tot. Und ich habe nichts damit zu tun. Nimm den Prügel runter und lass mich vorbei. Ich will dir nicht wehtun.«
Henry grinste breit und trat einen Schritt näher. »Weh tun? Du? Mir? Womit denn?«
Ich fasste an meinen Hosenbund, zog die Pistole und hielt die Mündung vor Henrys Nase. »Damit«, sagte ich. Das Grinsen in Henrys Gesicht verschwand in Sekundenbruchteilen. Er ließ den Prügel mit lautem Poltern auf den Boden fallen und hob die Hände in die Höhe.
»Nur mit der Ruhe«, sagte er leise.
Ich nickte. »Ich bin ganz ruhig. Und wenn du dich mit deiner Frau auf das Bett setzt, wird auch keinem etwas passieren.«
Henry trat einen Schritt zurück und nickte seiner Frau zu. Sie stand auf der Veranda, betrat zögernd das Zimmer und setzte sich auf die Matratze. Henry folgte ihrem Beispiel.
»Gut so«, sagte ich, verließ die Hütte und schloss die Zimmertür hinter mir ab. Die beiden würden zwar aus dem Fenster steigen können, aber das spielte für mich jetzt keine Rolle.
Ich fasste nach dem Wagenschlüssel in meiner Hosentasche, sperrte das Auto auf, warf die Nachricht des Mexikaners auf den Schotterboden und stieg ein. Die Waffe legte ich, gemeinsam mit der Quittung, auf den Beifahrersitz, startete den Motor und setzte auf die Schotterstraße zurück. Mit tiefem Brummen fuhr ich Richtung Parkplatz. Neben der Rezeption stoppte ich. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, in welcher Richtung New York City lag. Daher bog ich einer Intuition folgend nach rechts ab und presste meinen Fuß unter brennenden Schmerzen im Oberschenkel auf das Gaspedal.
Schnell zog das Motel an mir vorbei. Vor meiner Hütte sah ich Henry und seine Frau stehen. Sie blickten mir nach. Es würde nicht lange dauern, bis die Polizei nach mir fahnden würde. Durch die Aussage der beiden erfuhren sie das Kennzeichen sowie Farbe und Modell meines Wagens. Auch die Personenbeschreibung wäre eindeutig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich die Behörden verhaften oder mich die Mörder des Mexikaners hinrichten würden.
Jack Reynolds. Aus New York City, geboren am 18. September 1979. Das war alles, was ich über mich wusste. Und ich wurde gejagt. Aus einem Grund, den ich nicht kannte. Vielleicht hätte ich nicht danach suchen sollen, doch ich fühlte, dass es zu spät war. Viel zu spät.
New York City - 102 Miles.
Ich war etwa zwanzig Minuten gefahren, als das Hinweisschild mir bestätigte, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Straße zog sich in langgestreckten Kurven durch eine flache, wenig besiedelte Waldlandschaft und es war kaum zu glauben, dass in gut hundert Meilen eine der größten Städte der Welt auftauchen würde. Ein weiteres Schild zeigte mir den New York State Thruway an und es würde nicht mehr lange dauern, bis ich mich auf der Schnellstraße und dann in New York City befand.
Ich drehte das Radio lauter und lauschte einem Popsong. Er gefiel mir, obwohl ich weder den Interpreten noch die Melodie kannte. Doch in erster Linie hatte ich das Radio eingeschaltet, um die Nachrichten zu hören. Erst, als kein Mord an einem mexikanischen Motelbesitzer erwähnt wurde, gewann ich ein sichereres Gefühl. Genau betrachtet lag nichts gegen mich vor. Zumindest nichts, was den Mord an dem Mexikaner betraf. Selbst die Aussage von Henry und seiner Frau sollte keine Großfahndung nach mir auslösen. Sie hatten doch gesehen, dass nicht ich die Schüsse abgegeben hatte und erst nach dem Mord auf die Hütte zuging. Aber auch wenn ich davon überzeugt war, dass die Polizei nicht nach mir als Mörder suchte, blickte ich dennoch wiederholt in den Rückspiegel und hielt Ausschau nach Einsatzwagen, die mich mit rot und blau blinkenden Lichtern verfolgen würden. Und jedes Mal atmete ich erleichtert auf, wenn sich in dem verschmierten Spiegel nur die von mir überholten Trucks zeigten.
Es folgte ein Country-Song, der mich an den Lärm in der Rezeption des Motels erinnerte. Ich dachte nicht an den Mexikaner, auch nicht an die Autoschlüssel, die ich teuer zurückkaufen musste. Ich dachte an den Brandy. Wieder überkam mich diese Lust, diese Gier, diese Sehnsucht nach dem scharfen Duft, dem wunderbaren Bild, als die ölige Flüssigkeit den Glasrand benetzte. Ich spürte, wie mein Mund innerhalb weniger Sekunden austrocknete, meine Lippen spröde wurden und alles in mir nach diesem Glas schrie. Oder einer ganzen Flasche. Mein Gott! Eine volle Flasche Brandy und alles wäre gut. Doch wieder war dieses Nein! in meinem Kopf. Endgültig. Indiskutabel. Bevor mein Körper sich zur Rebellion bereit machen konnte, drehte ich das Radio ab und versuchte, dieses Glas voller Brandy aus meinen Gedanken zu scheuchen.
Das dumpfe Dröhnen des Motors hatte eine beinahe hypnotische Wirkung auf mich. Ohne es zu merken, begann ich eine Melodie zu pfeifen. Meine Melodie. Ich hatte sie nicht vergessen. Es war eine wunderbare Tonfolge und ich hatte das Gefühl, dass mein Gehirn jede Sekunde die fehlende Information liefern würde. Ich begann, die Töne zu summen. Ja, dieses Lied hieß …
Ich zuckte zusammen und trat auf die Bremse. Im Rückspiegel sah ich einen Einsatzwagen. Die Lichter am Dach blinkten. Die Sirene heulte mehrmals kurz auf. Ich wechselte auf die rechte Fahrspur und verringerte die Geschwindigkeit. Der Wagen überholte und bog nach rechts auf eine Parkfläche ab. Ich folgte ihm und war schon beinahe zum Stillstand gekommen, als mein Blick auf die Pistole fiel. Schnell schob ich sie unter den Beifahrersitz, kurbelte das Fenster nach unten und legte meine Hände auf das Lenkrad.
Beide Türen des Einsatzwagens öffneten sich. Zwei Beamte stiegen aus und kamen langsam auf meinen Chevy zu. Vor der Kühlerhaube trennten sich ihre Wege. Der kleinere, drahtige Polizist ging zur Beifahrerseite und blickte in den Innenraum. Dann verschwand er aus meinem Blickfeld. Vermutlich ging er zum Heck des Wagens, um das Kennzeichen zu überprüfen. Der zweite Beamte baute sich neben meinem Fenster auf und blickte ebenfalls in den Innenraum.
»Führerschein«, brummte er und legte die Hand auf die Dienstwaffe.
»Ist in meiner Brusttasche«, informierte ich ihn. »Ich werde ihn jetzt herausholen.«
»Langsam«, sagte er, zog die Pistole und zielte auf meinen Kopf. Mit meiner rechten Hand fasste ich betont vorsichtig an meine Innentasche, klappte die Jacke nach außen und zeigte dem Polizisten das Portemonnaie. »Okay«, brummte er, ohne die Waffe zu senken. Ich zog die Brieftasche aus der Jacke und reichte sie ihm. Erst als sich beide Hände wieder auf dem Lenkrad befanden, steckte er die Waffe in das Halfter zurück.
»Jack Reynolds?«, fragte er und blickte abwechselnd in mein Gesicht und vermutlich auf das Foto des Führerscheins.
»Ja«, antwortete ich. Ich wusste, dass sein Kollege meinen Namen in die Zentrale durchgab, um festzustellen, ob etwas gegen mich vorlag. Ein Mord, zum Beispiel. Oder eine Fahndungwegen eines Mordes, der vor etwa einer Stunde in einem Motel verübt worden war. Mein Herz klopfte spürbar und ich versuchte, jede sichtbare Aufregung zu verdrängen, indem ich mir wieder und wieder einredete, dass die beiden nicht so ruhig neben meinem Auto stehen würden, wenn sie diesen Chevy aufgrund einer Fahndung angehalten hätten. Nein. Sie wären mit gezogenen Pistolen auf mich zugestürmt, hätten mich aus dem Wagen geprügelt, meine Hände auf das Autodach geknallt und die Waffe gegen meine Stirn gedrückt. Dann hätten sie ihre Fragen gestellt. Wenn also in der Zentrale nichts – oder noch nichts – gegen mich vorlag, hatte ich nichts zu befürchten. Es sei denn, sie kamen auf die dumme Idee, unter den Beifahrersitz zu sehen.
»Was haben Sie am Bein?«, fragte der Officer. Er reichte das Portemonnaie durch den Fensterrahmen. Die Frage, so plausibel sie auch war, kam unerwartet. Ich starrte auf meinen Oberschenkel und suchte nach einer Erklärung. Eine, die keine weiteren Fragen offen ließ. Wobei Ich weiß es nicht wohl nicht die Antwort war, die den Beamten zufriedenstellen würde. Dazu kam, dass jede Sekunde, die ich nachdachte, mich mit Sicherheit verdächtig machte.
»Die Wunde«, sagte ich, als hätte ich mich erst durch seine Frage wieder an sie erinnert. »Ein Unfall«, fuhr ich fort und bemühte mich, gleichgültig zu klingen, wobei mir ein Gedanke durch den Kopf schoss, der mich möglicherweise in eine bessere Position hieven könnte. »Habe einem Freund geholfen. Beim Hausbauen. Und der Idiot hat mir einen Nagel in den Schenkel geschossen. Sie wissen schon, mit einer Nagelschuss-Pistole.«
Unfälle beim Hausbau mussten Verständnis bei Männern hervorrufen. Und ich brauchte Verständnis, denn zunehmend hatte ich den Verdacht, dass mich die Polizei nur aus einem einzigen Grund angehalten hatte. »Ich bin dann sofort losgefahren … in Richtung Stadt … muss in ein Krankenhaus. Entschuldigen Sie, Officer, wenn ich zu schnell war. Aber dieses Ding …«, ich nickte zu meinen Beinen, »… brennt höllisch.«
»Sieht schlimm aus«, brummte der Polizist und blickte zum Heck des Wagens. »Aber die Speedlimits gelten auch für verletzte Menschen. 65 Meilen pro Stunde und Sie waren mit 75 unterwegs.«
»Ja, Officer. Tut mir leid. Wird nicht wieder vorkommen.«
Der zweite Beamte stellte sich zum Fahrerfenster. Er murmelte seinem Kollegen etwas Unverständliches zu. Es klang nach einer Buchstabenkombination. Ähnlich wie NYPD, FBI, CIA oder NSA, wobei es keine dieser Abkürzungen war. Was immer der Polizist gesagt hatte, entlockte seinem Kollegen ein anerkennendes Nicken.
»Okay, Mister Reynolds. Dann schauen Sie, dass Sie in ein Krankenhaus kommen. New York City braucht Sie. Gute Fahrt.« Er klopfte zwei Mal auf das Wagendach.
»Danke«, sagte ich und versuchte zu lächeln, wobei ich nicht das Gefühl hatte, dass es mir gelang. Um nicht verdächtig zu wirken, blickte ich kurz zur Wunde. Er nickte und ging mit seinem Kollegen zum Einsatzfahrzeug.
New York City braucht Sie. Was meinte er damit? Wen brauchte die Stadt New York? War ich ein Polizist? Nein. In diesem Fall hätte er mich als Officer betitelt. Was immer der Polizist vom Department erfahren hatte – es hievte mich in eine spezielle Position. Denn nicht nur, dass er mich nicht für die Geschwindigkeitsübertretung bestraft hatte, er wollte auch meine Wagenpapiere nicht sehen, die ich hätte suchen müssen, was mich mit Sicherheit in Schwierigkeiten gebracht hätte. Dann die Waffe unter dem Beifahrersitz. Was wäre gewesen, wenn sie meinen Wagen durchsucht hätten? Ich könnte auch im Kofferraum weiß Gott was mitführen. Waffen, Drogen, oder andere Dinge, die mich gerade Wegs in eine Zelle bringen würden. Aber auch Gegenstände, die mir mehr über mich mitteilen könnten. Ich musste nachsehen. Sofort.
Ich wartete, bis der Einsatzwagen außer Sichtweite war, und öffnete die Fahrertür. Das taube Gefühl im Unterschenkel hatte zugenommen. Bei jedem Schritt spürte ich ein Kribbeln im rechten Fuß, das die Furcht vor einer Beinprothese schlagartig zurückkehren ließ.
Der Schlüssel ließ sich nur mit Kraft drehen. Mit hellem Klacken sprang der Kofferraumdeckel auf. Ich scheute mich, ihn hochzuheben. Immer wieder tauchte der absurde Gedanke auf, dass mich in wenigen Augenblicken das bleiche Gesicht des Mexikaners anstarren würde. Der leere Blick, die blutlosen Lippen, das nassrote Hemd. Und dann würde er mich fragen, warum ich ihn in der Hütte liegen gelassen hatte. Ohne jedes Mitgefühl. Nach allem, was er für mich getan hatte.
Es befand sich kein Mexikaner in dem Kofferraum. Nur ein Paar graue, schmutzige Stiefel, wobei es sich bei dem Dreck nicht um Schlamm handelte. Er war schwarz. Und der Geruch im Kofferraum bestätigte meinen ersten Verdacht: Ruß. Das Material der Stiefel war kein herkömmlicher Kautschuk. Es fühlte sich robust an. Hart und dennoch geschmeidig. Es musste sich um spezielle Stiefel handeln. Auf einem schwer lesbaren Etikett am inneren Schaft erhielt ich die Information, die vieles erklärte. FDNY. Fire Department New York City. Es waren die Stiefel eines Feuerwehrmannes.
New York City braucht Sie. Jetzt wusste ich, was der Polizeibeamte meinte. Ich war ein amerikanischer Feuerwehrmann. Ich war ein Held.
Die vorbeifahrenden Trucks ließen den Boden beben und das Dröhnen der Dieselmotoren schreckte mich mit jedem Mal aufs Neue auf. Dennoch hörte ich sie deutlich. Diese Stimme. Eine Kinderstimme. Sie sang meine Melodie. »Somewhere over the rainbow …«
Zuerst dachte ich, dass ich mich täuschte und sich diese Worte nur in meinem Kopf bildeten. Doch nach und nach wurde mir klar, dass die Stimme, die Töne und der Text durch die Luft schwebten und sich deren Ursprung unmittelbar in der Nähe befand. In meinem Wagen.
Ich drückte den Kofferraumdeckel nach unten und erkannte einen Lockenkopf durch die Heckscheibe. Blonde Spirallocken.
Das Mädchen aus der Hütte.
»Way up high. There‘s a land that I heard of …«
Es fiel mir schwer, mich zu bewegen. Zwar arbeitete mein Verstand auf Hochtouren und wollte mir einreden, dass dieses Mädchen nicht in meinem Wagen sitzen konnte, aber meine Augen widersprachen dieser Behauptung. Die Kleine saß in meinem Chevrolet. Auf der Rückbank. Und sang.
»Once in a lullaby. Somewhere over the rainbow …«
Ich zwang mich nach vorne zu gehen, fasste nach der Türschnalle und zog daran. Ein leises Klacken. Das Mädchen war verschwunden.
Oder war es nie da gewesen?
Natürlich war das Mädchen da, Jack. Du hast es doch gesehen.
Nein. Es gab kein Mädchen. Nicht in der Hütte, nicht in meinem Wagen, nirgendwo. Mein Gehirn spielte mir einen Streich.
Ich kannte dieses Mädchen nicht. Ich hatte nichts mit ihm zu tun. Aber auch wenn ich mir diese Dinge einzureden versuchte, wusste ich, dass ich mich belog. Denn obwohl das Mädchen nicht mehr auf der Rückbank saß, hatte sie doch etwas zurück gelassen.
Ich beugte mich in den Wagen und fasste nach der Puppe.
Sie trug ein hellblaues Ballettkleid. Die blonden Locken waren mit einem blauen Haarband zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Lippen waren mit rotem Filzschreiber nachgemalt worden und an der rechten Wange glänzten dicke schwarze Tränen. Das Gesicht der Puppe wirkte traurig, und obwohl die Lippen zu einem Kuss gespitzt waren, hatte ich beim Betrachten das Gefühl, dass aus den blauen Augen jeden Moment Tränen fließen würden.
Diese Puppe musste bereits im Wagen gelegen haben. Die ganze Zeit. Ich hatte sie nur nicht bemerkt, was in Anbetracht der Hektik plausibel war. Vermutlich war das Auftauchen des Mädchens nur ein Rest an Erinnerung, der in meinem Gedächtnis aufgeblitzt war. Jede andere Erklärung war absurd.
Ich warf die Puppe zurück auf die Sitzbank und setzte mich ans Steuer. Das Radio dröhnte laut und mit jeder gefahrenen Meile wuchs die Überzeugung, dass sich alles aufklären würde. Es genügte ein kleiner Lichtstrahl, um die Dunkelheit in meinem Gehirn zu vertreiben. Und dieser Lichtstrahl würde bereits auf mich warten. In New York. 538 Grand Street.
Ich wechselte auf die Überholspur und presste den Fuß auf das Gaspedal. Die Trucks im Rückspiegel wurden schnell kleiner. Im Minutentakt blickte ich auf den Rücksitz. Kein Mädchen. Nur diese Puppe.
Lag es am Wechselspiel zwischen Sonnenlicht und Schatten? Vermutlich. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben, für den Eindruck, dass die Kunststofflippen bei jedem Blick erneut zu grinsen begannen. Boshaft. Als würde diese Puppe ein Geheimnis hüten und es kaum erwarten können, dass ich es endlich lüfte.
New York City, 538 Grand Street.
Die Grand Street zu finden war einfacher, als ich befürchtet hatte. Mein Plan bestand darin, ins Zentrum der Stadt zu fahren und zu hoffen, dass sich eine Art Automatismus in Gang setzte, der mich wie ein Autopilot in meine Wohngegend führte. Doch dieser Automatismus blieb aus. Hatte ich auf dem Highway ins Zentrum noch ansatzweise das Gefühl, diese Stadt zu kennen, löste sich diese Vertrautheit schnell in nichts auf, als ich von der Schnellstraße abfuhr und mich in Chinatown wiederfand. Ziellos fuhr ich umher, bis ich mir sicher war, das erste Mal in New York zu sein. Nichts, rein gar nichts, kam mir auch nur im Entferntesten bekannt vor. Dennoch dauerte es von diesem Zeitpunkt, in dem mich die Verzweiflung zu würgen begann, bis jetzt keine dreißig Minuten. Ein Taxi-Fahrer, der an einer Kreuzung neben mir stand, gab mir durch zwei Handzeichen die Wegbeschreibung: fünf Finger und ein Deut mit dem Zeigefinger nach rechts. Ich bog also die fünfte Straße nach rechts ab und fuhr die Abraham Kazan Street entlang. Sie mündete direkt in die Grand Street. Unweit meines Häuserblocks.
Die Straße war kaum frequentiert. Nur vereinzelt begegneten mir Fahrzeuge. Auch auf den Trottoirs befanden sich nur wenige Menschen. Eine ältere Dame, die einen Rollkoffer hinter sich herschleifte. Ein Mann in einem elektrischen Rollstuhl, der aus der Apotheke fuhr, eine Plastiktüte auf seinem Schoß, und eine Mutter, die ihr Kleinkind im Arm hielt und vor der Ampel wartete. Ich bremste. Rote Locken leuchteten um ein mit Sommersprossen übersätes Gesicht. Helle, grüne Augen blitzten in meine Richtung. Ein kurzer Blickkontakt. Dann drehte sie sich zur Seite.
Ein Hupen hinter mir schreckte mich auf und ich fuhr weiter. Da ein Schild an der Hauswand mit der Nummer 538 darauf hinwies, dass ich mein Ziel erreicht hatte, hielt Ausschau nach einer Parkmöglichkeit. Doch meine Gedanken hingen an dieser rothaarigen Frau. Jede Frau hier auf der Straße konnte meine Frau sein. Jedes Kind mein Fleisch und Blut. Und jeder einzelne Mensch konnte mich besser kennen, als ich es tat.
Selbst jetzt, da ich auf mein Wohnhaus blickte, stieg keinerlei Vertrautheit in mir auf. Ich fühlte mich wie ein Besucher. Ein Fremder, den man in eine Gegend geschickt hatte, die er nie zuvor gesehen hatte. Ich überlegte, ob es eine andere Grand Street geben könnte und mich der Taxilenker schlicht zur falschen gesandt hatte. Aber selbst im chaotischen Trubel meiner Gefühle kam mir diese Erklärung fadenscheinig vor. Nein. Dies war mein Wohnhaus. Hier wohnte ich. Und ich musste endlich aus dem Wagen steigen und herausfinden, wer ich war.
Der Schmerz trat nach der ersten Belastung des Beines ein. Wie ein Blitz zog sich das Brennen durch den Oberschenkel und jeder Versuch, den Schmerz zu ignorieren, scheiterte.
Ich humpelte die Straße entlang und bog in Richtung Hauseingang ein. Über der doppelflügeligen Tür war ein grüner Baldachin angebracht. In großen weißen Lettern strahlte Hillman in der Vormittagssonne. Darunter stand 538 E Grand Street. Rechts vor dem Eingang befand sich ein Verschlag in der Grünfläche. Eine Portierloge, in deren Seitenfenster sich die Statur eines Mannes abzeichnete. Auf dem Kopf eine Schirmmütze. Der Portier schob das Frontfenster nach oben und streckte den Kopf nach außen.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er mit aufgesetzter Höflichkeit, die vermutlich Teil seines Job-Profils war. Ich schüttelte den Kopf. »Mister Reynolds?«
Ich nickte und sah ein breites Lächeln im Gesicht des Portiers. »Mister Reynolds«, wiederholte er. »Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Wohl einen starken Einsatz gehabt?«
»Ja. Sehr stark.« Ich deutete auf meinen Oberschenkel, während ich auf die Portierloge zuhumpelte. »Arbeitsunfall«, erklärte ich. Nur mit Mühe konnte ich meine Lippen nötigen, etwas Ähnliches wie ein Lächeln zu formen.
»Sieht schlimm aus«, meinte der Portier und schüttelte den Kopf. »Ich mache Ihnen auf«, fügte er hinzu und drückte auf eine Taste an der Holzwand des Verschlages. Ein kurzes Knacken war von der Eingangstür zu vernehmen.
»Danke«, sagte ich und nickte dem Mann zu.
»Werden Sie schnell wieder gesund!«, rief mir der Portier nach. »New York City braucht Sie!«
Ich hob kurz die Hand und drückte die Tür nach innen.
Kalte Luft empfing mich in einem Gang, der nach etwa fünf Metern nach links abzweigte. Eine Reihe von Türen zog sich den schwach beleuchteten Korridor entlang. Neben jeder einzelnen war ein Schild montiert, auf dem groß Hillman aufgedruckt war. Darunter befand sich jeweils ein Name. Firmennamen.
Ich erhoffte Hinweise bezüglich Stockwerk und Türnummer auf dem Wohnungsschlüssel und holte den Schlüsselbund aus meiner Hosentasche. Neben dem Wagenschlüssel befanden sich noch fünf weitere auf dem Ring. Der Appartementschlüssel war schnell gefunden. Er trug als einziger die Aufschrift Hillman. Darunter stand: 10 und App. 3. 10 musste für das Stockwerk stehen, 3 für die Nummer meines Appartements.
Ich humpelte den Gang entlang. Ein leises Klingeln beantwortete meine Frage nach dem Fahrstuhl. Schnelle Schritte hallten im Korridor. Ein Mädchen, geschätzte fünfundzwanzig Jahre alt, bog um die Ecke und begann zu lächeln. Sie trug einen grauen Jogging-Anzug und Sportschuhe. Das lange, schwarze Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
»Hi Jack!«, rief sie. »Alles klar?« Sie lief schnell an mir vorbei und strich mit der Hand über meine Schulter.
»Hi!«, rief ich zurück. »Klar ist alles klar!« Ich blickte ihr nach und sah sie noch winken, bevor sie in Richtung Ausgang verschwand. Es handelte sich zwar nicht um meine Frau, aber allem Anschein nach musste sie mich mögen. Ich war also keiner dieser anonymen Einsiedler, die einsam in einem Miethaus starben und erst nach Wochen aufgrund des Verwesungsgeruches entdeckt wurden. Diese Erkenntnis beruhigte mich.
Nach einem Knarren, das im Korridor laut hallte, schnappte die Lifttür hinter mir ins Schloss. Rechts zogen sich Wohnungstüren den Gang entlang. Mit jedem humpelnden Schritt beschleunigte mein Puls. Als ich vor der Wohnungstür stand, raste mein Herz und mit dem Drehen des Schlüssels begann die Welt zu verschwimmen. Ein Klacken. Dann war die Tür entriegelt.
Ich atmete tief durch und drückte das Türblatt in den Raum.
»Hallo?«, rief ich und horchte. Kein »Jack?«. Kein »Daddy?«. Nichts. Nur ein muffiger Geruch gepaart mit einer leicht ätzenden Note strömte mir entgegen. Ich betrat das Appartement, bemühte mich, möglichst wenig Geräusche zu machen, obwohl ich mir einredete, dass dies meine Wohnung war und ich dieses seltsame Drücken in der Magengegend nicht zu haben brauchte. Dennoch hatte ich das Gefühl, nicht hier sein zu dürfen. Ich fühlte mich wie ein Einbrecher, der kurz davor stand, auf frischer Tat ertappt zu werden. Dementsprechend groß war auch der Schreck, als die Tür hinter mir mit einem Knall ins Schloss fiel.
»Hallo?«, rief ich noch einmal. »Jemand hier?«
Keine Antwort.
Der Eingangsbereich war kaum zwei Quadratmeter groß und mit hellem Parkett ausgelegt. Ein schmaler Wandschrank stand rechts neben der Tür. Der Holzboden wechselte unter einem Torbogen von hell in dunkel. Im Gegensatz zum Eingangsbereich wirkte der Boden der Diele abgewohnt und alt, was sich durch ein Knarzen bei jedem meiner Schritte bestätigte. Von dem langgezogenen Vorraum führten insgesamt drei Türen in weitere Räume. Zwei jeweils an den Enden, die dritte gegenüber dem Eingang. In der Tür zu meiner Rechten war Milchglas eingelassen, durch das etwas Licht in die Diele fiel. Der Wohnraum, vermutete ich und ging langsam darauf zu.
Die Tür war angelehnt. Ich drückte sie auf und musste kurz die Augen schließen. Sonnenlicht blendete. Auch hier bestand der Boden aus dunkelgrauem Holz, dessen Unebenheit durch den Lichteinfall ins Auge stach. Links im Eck stand eine Couch, auf der zwei Personen sitzen konnten. Wie der Boden wirkte sie alt und schmuddelig, aber nicht unbequem. Davor stand ein heller Holztisch mit einem Couchsessel. Gegenüber eine Kochnische, in der sich außer einem Herd mit Kochplatte und einem mit Geschirr gefüllten Waschbecken nur ein schmaler Geschirrschrank und ein Kühlschrank befanden.
Rechts von der Tür ragte ein raumhoher, weißer Wandverbau hoch, mit Büchern und DVDs in drei Regalen. Daneben stand ein Kästchen. Darauf ein Fernsehgerät und ein DVD-Player – beide hatten wie der Rest des Zimmers offensichtlich schon einige Winter erlebt.
Alles in allem wirkte der Raum warm und gemütlich. Jedoch wurde mir beim Anblick der bunt zusammengewürfelten Möbel eines klar: Ich hatte keine Familie. Es fehlten Details, die auf die Handschrift einer Frau hindeuteten. Blumenstöcke, Bilder an der Wand, heimelige Vorhänge passend zu Läufern und Teppichen. Es fehlten herumliegende Spielsachen, Kinderschuhe und Frauen-Magazine auf dem Tisch.
Die zweite Tür im Gang führte ins weiß geflieste Badezimmer. Eine Dusche und ein Waschbecken neben einer Toilette, auf knapp drei Quadratmetern, wobei man während des Verrichtens des großen Geschäftes die Armaturen des Beckens und der Brause ohne Mühe erreichen konnte. Über dem Waschbecken hing ein Spiegel, neben der Armatur lagen Seife, Zahnbürste und -pasta. Darüber war ein Holzregal montiert, worauf ein Kamm und ein Rasierapparat abgelegt waren. Neben dem Spiegel hing ein weißes Handtuch.
Ich befand mich bereits wieder in der Diele, als ich stutzte. Das Waschbecken. Hatte ich mich getäuscht? Noch einmal betrat ich das Bad. Das Becken war nass. Jemand musste vor kurzem hier gewesen sein. Der Gedanke, ich hätte doch nicht alleine hier gewohnt, ließ Freude in mir aufflackern. Vorsichtig legte ich die Hand auf den Knauf der letzten Tür. Es musste das Schlafzimmer sein. Vielleicht befand sich wer immer das Becken benutzt hatte hinter dieser Tür? Vielleicht schlief meine Freundin und hatte meine Rufe nicht gehört?
Nach einem leisen Klacken schwenkte das Türblatt in den Raum. Ein Doppelbett. Nur auf einer Seite war die Matratze mit einem Leintuch bezogen. Ein zerknittertes Kissen lag darauf, eine Stoffdecke zurückgeschlagen am Fußende.
Ein weißer Schrankverbau zog sich von der Tür zur Fensterwand. Die Schranktüren standen offen.
Neben dem Fenster hing ein Bild. Es zeigte einen neben Betonbrocken knienden Feuerwehrmann, der sich auf seiner Axt abstützte. Sein Gesicht war dreckig, der Helm tief ins Gesicht gerutscht. Diesen Schnappschuss hatte jemand kurz nach einem Großbrand gemacht. Das Bild berührte mich in einer Art, die ich nicht zu beschreiben vermochte. Ich fühlte mit diesem Mann, spürte seine Müdigkeit und den Willen, dennoch weiterzukämpfen. Und für einen kurzen Augenblick glaubte ich, dass ich dieser Mann war. Nicht äußerlich – innerlich. Als würde ich in diesem Moment vor den Trümmern meines Lebens knien und mich zwingen, aufzustehen und weiter zu gehen. Immer weiter – bis ich die Wahrheit gefunden hatte.
Das verknitterte Kissen und die Decke zeigten mir eines ganz klar: Ich hatte definitiv alleine in dieser Wohnung gewohnt. Die Freude über eine mögliche Mitbewohnerin erlosch und machte einem neuen Gefühl Platz. Einem unangenehmen Gefühl – als zöge sich Gänsehaut über meine Eingeweide, ausgelöst durch einen Wurm aus Eis, der durch meinen Darm kroch. Was immer die Ursache für dieses Gefühl war – es ließ mich augenblicklich über meine Schulter blicken, in die Diele, als würde etwas Bedrohliches von dort in das Schlafzimmer strömen.
Erst ein paar Sekunden später registrierte ich ein Geräusch. Es schien aus dem Wohnzimmer zu kommen. Als zöge jemand einen altertümlichen Wecker auf. Wieder und wieder.
Oder eine Spieluhr?
Ja. Eine Spieluhr.
Kommt dir das nicht bekannt vor, Jack?
Die Melodie spielte los. Somewhere over the rainbow. Ich sah eine Silhouette am Milchglas der Wohnzimmertür. Deutlich konnte ich einen Lockenkopf erkennen. Der Schatten bewegte sich vor und zurück. Im Takt der Melodie. Zu den Tönen gesellte sich ein weiteres Geräusch. Als rollte ein Reifen über knarzendem Parkett. Und dann eine Mädchenstimme. Singend. »Way up high, there‘s a land that I heard of, once in a lullaby.«
Meine Hand zitterte, als ich sie auf den Knauf der Wohnzimmertür legte.
»Somewhere over the rainbow, skies are blue, and the dreams that you dare to dream, really do come true.«
Ich öffnete die Tür.
Stille.
Kein Mädchen. Keine Spieluhr.
Dafür tauchte dieses verschwommene Bild in meinem Kopf auf. Helle, blaue Augen, weit aufgerissen. Eine Locke in der Stirn. Aus den Augenwinkeln flossen Tränen. Sie glitzerten in feurigem Orange. Nun erkannte ich auch den Mund. Schmerzverzerrt. Schreiend.
Das Klingeln des Lifts gellte durch das Vorhaus. Kurz darauf hörte ich das Knarren der Lifttür.
Sie kommen, Jack. Sie werden dich holen.
Niemand wird mich holen. Es werden nur Nachbarn sein. Oder das Mädchen, das vom Joggen zurückkommt.
Lauf, Jack! Lauf um dein jämmerliches Leben.
Schritte hämmerten durch den Gang. Mindestens zwei Personen. Sie kamen näher.
Ich versuchte, die aufkommende Panik zu verdrängen. Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass diese verhasste Stimme in meinem Kopf Recht hatte. Wer immer durch den Gang rannte – wollte zu mir.
Die Luft atmete sich wie muffige Watte. Meine Lunge forderte tiefe Atemzüge, aber ich wagte nicht, diesem Bedürfnis nachzugeben. Jedes noch so leise Schnaufen konnte mich im Schlafzimmerschrank verraten. Dazu kam ein Gefühl des Ausgeliefertseins, ausgelöst durch die Dunkelheit und die Enge. Nur durch einen Schlitz zwischen den beiden Schranktüren schnitt ein Lichtstrahl durch die Finsternis.
Mir war bewusst, dass jemand, der mich suchte, früher oder später im Schrank nachsehen würde. Aber es gab diese kleine Restwahrscheinlichkeit, dass die Besucher nichts von meiner Anwesenheit wussten.
Das Knarren von Schritten in der Diele verriet, dass sie die Wohnung betreten hatten und sofern sie kein direktes Ziel hatten, würden sie so wie ich zuerst den Wohnraum aufsuchen. Das Knarren in der Diele wurde leiser, gefolgt von einer Männerstimme. Gedämpfte Worte drangen durch die Schranktür, zu leise gesprochen, als dass ich sie hätte verstehen können. Die Wohnzimmertür klackte ins Schloss.
Ein Geräusch. Im Schlafzimmer. Ein Schleifen, als würde eine Person über den Holzboden robben. Dann hastige Schritte, die sich entfernten. In die Diele. Ins Treppenhaus.
»Da ist jemand!«, schrie ein Mann. Der Türknauf wurde gedreht. »Er ist raus!«
»Du bleibst hier«, antwortete der andere. Kurz darauf hämmerten wiederum Schritte im Korridor, wurden schnell leiser.
Immer wieder fragte ich mich, warum ich mich versteckte. Es war meine Wohnung und außer mir hatte hier niemand etwas zu suchen. Doch vermutlich war es diese Stimme in meinem Kopf, diese Panik in meiner Brust und dieses Drücken im Magen, das mir unmissverständlich mitteilte, dass diese Männer mir keinen Höflichkeitsbesuch abstatteten. Sie waren gefährlich. Tödlich. Wie die beiden im Motel. Sofern es sich nicht ohnehin um dieselben Personen handelte.
Und da war diese andere Sache. Jemand hatte sich im Schlafzimmer befunden. Alle drei Schranktüren waren offen gestanden. Daher musste sich die Person unter dem Bett versteckt haben, als ich die Wohnung betreten hatte. Wer immer dort gelegen war, hatte einen entscheidenden Vorteil: Er hatte das Appartement verlassen. Zumindest erschien mir das in diesem Augenblick vorteilhaft, denn die Schritte in der Diele verrieten mir, dass der Mann näher kam. Es war plausibel, dass er nun, nachdem aus diesem Raum jemand herausgerannt war, nachschaute, ob sich eine zweite Person versteckt hatte. Unter dem Bett.
Oder im Schrank.
Dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, verriet mir ein leises Knarzen. Ich kannte es, da ich es dreimal gehört hatte – als ich hastig die offenen Schranktüren geschlossen hatte. Demnach hatte der Mann soeben hinter der ersten Tür nachgesehen. Wieder knarzte es. Nummer zwei. In einer Sekunde würde er mich entdeckt haben.
Ich atmete tief ein.
Sie werden dich kriegen, Jack. Und dann werden sie dich töten.
Niemand wird mich töten. Warum sollten sie?
Aber das weißt du doch, Jack.
Die Helligkeit blendete, doch konnte ich die Überraschung im Gesicht meines Gegenübers deutlich erkennen. Gefolgt von dem Schmerzensschrei, als meine Faust gegen sein Nasenbein donnerte. Er wankte nach hinten, fiel auf das Bett. Ich stürzte mich auf ihn und erkannte erst jetzt die Waffe in seiner Hand. Mit dem linken Knie fixierte ich die Schusshand, meine Finger krallten sich um den Hals. Blut rann über seine Lippen.
»Was wollt ihr von mir?«, brüllte ich. Trotz der Panik und dem Schmerz in meinem Bein war mir bewusst, dass der Komplize jeden Moment zurückkommen würde. Spätestens dann war meine Situation aussichtslos.
Ich drückte meine Finger gegen die Kehle des Mannes. »Was wollt ihr?«, schrie ich ein weiteres Mal.
