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Der UPS-Mitarbeiter Walter Albers gerät während der Zustellung einer Sendung im Mühltal bei Eisenberg in ein schweres Gewitter und findet sich plötzlich mit seinem Fahrzeug auf einer Waldlichtung wieder. Sein Mercedes-Benz Sprinter ist nicht mehr fahrtüchtig; sein Handy findet kein Netz. Von der Außenwelt abgeschnitten, ist er auf Hilfe angewiesen. Eine junge Frau geleitet ihn zu einer Mühle im Teufelstal, von wo aus er wieder Verbindung mit der Zivilisation aufzunehmen hofft. Doch sowohl das Tal als auch deren Bewohner bergen ein grausiges Geheimnis ...
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Matthias Albrecht wurde 1961 in Leipzig geboren. Ab 1978 als Bühnentechniker an den Städtischen Theatern Leipzigs beschäftigt, wechselte er 1983 zum Untersuchungshaftvollzug und wurde 1992 in das Beamtenverhältnis übernommen.
In seiner Freizeit widmete er sich unter anderem der Ölmalerei und stand dem Studentenfilmstudio einer Leipziger Universität eine Zeit lang als Kameramann und Schnitt-Techniker zur Verfügung.
Erst die politische Wende ermöglichte es ihm, der Leidenschaft, seinen Gedanken in prosaischer und belletristischer Form Ausdruck zu verleihen, nachgehen zu können, ohne das Damoklesschwert der Zensur fürchten zu müssen.
Matthias Albrecht ist Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband (FDA) – Schutzverband Deutscher Schriftsteller e.V. – (Landesverband Sachsen)
Matthias Albrecht
DAS TAL DER UNTOTEN
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2018
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Personen und Schauplätze sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen wären rein zufällig und sind unbeabsichtigt.
Für Risiken und Nebenwirkungen (Albträume, Wahnvorstellungen und Herzattacken) übernehmen sowohl Autor als auch Verlag keine Haftung!
Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Coverillustration: T. Hemmann
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Ein paar Worte vorab
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Mein Name ist Walter Albers, und mein Leben ist zerstört. Mein Ruf ruiniert. Meine Beziehung zerbrochen. Und meine Zukunft sieht für mich aus wie das Stoffwechselendprodukt, das allmorgendlich ein jeder von uns nach mehr oder weniger erfolgreicher Sitzung der Kanalisation zuführt.
Keine Sorge, ich werde Sie im Weiteren nicht mit Selbstmitleidsbekundungen nerven. Über diesen Punkt bin ich längst hinweg. Und inzwischen dort angelangt, von wo aus es nicht noch weiter bergab gehen kann. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl für jemanden, der, wie ich, ein paar Milligramm Sarkasmus zu viel im Blut hat.
Ich erwarte nicht, dass Sie mir auch nur zehn Prozent von dem glauben, was ich Ihnen erzählen werde. Denn selbst meine Verwandten und ehemaligen Freunde – gar nicht zu reden von meinem Rechtsanwalt, den Bediensteten der Justizvollzugsanstalt und meinem Psychiater –, geben keinen verdammten Penny auf den Wahrheitsgehalt meiner Einlassungen. Ich habe mich längst damit abgefunden, für einen Lügner und Spinner gehalten zu werden. Jeder kann sich, nachdem er meine Notizen gelesen hat, in der Abgeschiedenheit seiner vier Wände totlachen, bis irgendwann die Wahrheit doch noch ans Licht kommt. Vielleicht wird man mich dann postum rehabilitieren. Bei Galileo Galilei hat es hunderte Jahre nach seinem Widerruf ja auch geklappt.
Ich habe Kopien meiner Aufzeichnungen an mehrere Verlage geschickt mit der Bemerkung, dass sie damit tun können, was sie wollen. Vielleich finden sie ja einen Ghostwriter. Oder einen Lektor, der seinen Namen dafür hergibt und ein Buch daraus macht. Meinetwegen als Fantasie-Roman unter dem Titel: „Aus dem Leben eines Wahnwitzigen“.
Für den Fall, dass solch ein Buch tatsächlich einmal veröffentlicht wird, dann mögen den Lesern, im Gegensatz zu mir, durchwachte Nächte und Albträume erspart bleiben!
Ich hatte Zeit. Verdammt viel Zeit. Konnte, wenn mir der Sinn danach stand, stundenlang aus dem Fenster schauen und die Autos zählen, die in die Einfahrt zum Parkplatz der Justizvollzugsanstalt bogen. Und die Menschen, die ihnen entstiegen: Beamte, Besucher, Anwälte, Vernehmer, Postboten …
Es war mir zwar nicht möglich, den gesamten Platz zu überblicken, aber einen Großteil schon; immerhin „wohnte“ ich im obersten Stockwerk des Hafthauses.
Ich konnte mir auch vorstellen, einen Garten in der angrenzenden Anlage zu besitzen, Gäste eingeladen und gerade den Grill angefeuert zu haben. Bald bedeckte weiße Asche die Glut der Holzkohlebriketts und ich legte die ersten Fleischstücke auf. Saft und Fett tropften vom Rost – der Duft, den mir der Westwind herüber wehte, gab meiner Tagträumerei einen realistischen Kick. Ich schloss die Augen und schmeckte das frisch gebrutzelte Steak, das kühle Bier, den scharfen Senf – und schluckte schlussendlich die Traumwelt mitsamt dem sich in meinem Mund unwillkürlich gebildeten Speichel wie eine bittere Pille, während ich mich vom Gitter löste und in die Realität meiner „Bude“ zurückkehrte.
Seit knapp fünf Monaten war ich jetzt Gefangener. Ich teilte mein Los mit rund vierhundertachtzig weiteren Insassen. Nicht dass ich mich mit ihnen identifizierte. Wobei es natürlich welche gab, die – wie ich – glaubten, unschuldig eingesperrt worden zu sein. Das waren die wenigsten, wenn sie es zumeist auch nicht laut äußerten. Der Großteil fand sich in sein Schicksal und hielt die Füße still. Einige allerdings probten den Aufstand. Sie provozierten und beleidigten die Beamten oder griffen sie und ihre Mitgefangenen tätlich an, verstießen permanent gegen die Hausordnung, zerschlugen ihr Mobiliar, ritzten sich Wunden ins Fleisch, legten Feuer … Es handelte sich oftmals um Ausländer aus dem arabischen Raum, welche „auf Droge waren“ oder Inhaftierte anderer Nationalitäten, vor allem Osteuropäer, die sich nicht mit der deutschen Mentalität und den hier herrschenden Umständen anzufreunden vermochten. Doch auch Deutsche befanden sich darunter. Das muss ich der Fairness und Vollständigkeit halber einräumen.
Für solche Eventualitäten gab es seitens des Vollzugs spezielle Maßnahmen. In akuten Fällen der Selbstverletzungsgefahr oder gar Suizidandrohung reagierte man prompt mit der Verlegung des betreffenden Gefangenen in den sogenannten „Suizidpräventionsraum“. Einer Zelle, welche mit einer bruchsicheren Scheibe ausgestattet war, durch welche ein Beamter im Nachbarzimmer sämtliche Aktivitäten des zu Beobachtenden verfolgen konnte. Und die über eine reißfeste Matratze, widerstandsfähige Fensterscheibe, ein unzerstörbares Edelstahl-WC und ähnlich robustes Mobiliar verfügte. In extremeren Fällen griff man auch schon mal zum „Besonders gesicherten Haftraum ohne gefährdende Gegenstände“, kurz „BGH“, zurück, der aus einem mit Fußbodenheizung versehenen, gefliesten, nackten Raum bestand. Eine in ebenfalls reißfestes Material eingenähte Matratze und ein Loch im Boden, in welches man seine Notdurft verrichten musste – das waren die wenigen Einrichtungsgegenstände. Und das einzige Bekleidungsstück bestand aus einer superdünnen Unterhose, die in Fetzen riss, sofern man sie beim Anziehen nicht mit der nötigen Feinfühligkeit behandelte.
Auch ich habe leider meine Erfahrung mit dieser Räumlichkeit machen müssen, doch dazu später.
Jetzt wird Ihnen vor allem unter den Nägeln brennen, zu erfahren, weshalb ich in den Knast kam. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Allerdings muss ich dafür etwas weiter ausholen. Aber ich habe ja jede Menge Zeit. Und Sie wohl auch. Sonst hätten Sie doch wohl nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, sich diesen meinen geistigen Ergüssen zu widmen …
Am dreizehnten September des Jahres 1996 befand ich mich zwei Stunden vor regulärem Dienstende auf der A9 in Richtung Eisenberg. In der Ferne grummelte es: Eine Gewitterfront zog auf. Meine letzte Adresse lautete „Mühltal 6 – Waldgasthof Naupoldsmühle“. Zwei Pakete waren auszuliefern. Ich hätte mein Ziel mit verbundenen Augen finden können; das Mühltal war mir seit meiner Jugend durch zahlreiche Ferienaufenthalte bekannt.
Ich nahm die Abfahrt nach Bad Klosterlausnitz, durchquerte den Ort und schlug dann in Weißenborn den Mühltalweg zur Meuschkensmühle ein, der einer schmalen, improvisierten Straße glich. In der Zeit meiner Kindheit war diese unbefestigt und für Kraftfahrzeuge tabu; lediglich Anwohner, Zulieferer, Polizei, Feuerwehr, forstwirtschaftliche Fahrzeuge, die „Schnelle medizinische Hilfe“, wie die Rettungswagen früher hießen, und noch einige wenige Fahrzeuge mehr besaßen die Erlaubnis, sie zu nutzen. Ansonsten begegneten dem Wanderer lediglich Fahrradfahrer und Kremser. Und andere Wanderer.
War die Straße bereits für kleinere Personenkraftwagen nicht ohne stete Konzentration des Fahrers zu meistern, stellte sie für mich und meinen UPS-P45-Sprinter geradezu eine Herausforderung dar. Begegnen sich in einer der zahlreichen Kurven, ja selbst auf gerader Strecke, zwei Lieferwagen, heißt es für einen von beiden, bis zur nächsten Straßenverbreiterung zurückzusetzen, um den anderen vorbeifahren lassen zu können. Ohne Beifahrer als Einweiser ein Kunststück. Nebenbei nicht ungefährlich – die Rauda, der Mühlenbach, folgt der Straße unmittelbar zur Rechten oder Linken – je nachdem, in welche Richtung man sich bewegt. Außerdem ist das Ganze mit erheblichem Zeitaufwand verbunden.
Das Gewitter zog rasch näher; aufgewirbelter Staub und Tannennadeln nahmen mir die Sicht. Mit einem Schlag brach Dunkelheit herein, hin und wieder von Blitzen erhellt, und als ich die Meuschkensmühle passiert hatte, begann es wie aus Kübeln zu gießen. Der Sturm heulte. Kiefern- und Fichtenzapfen prasselten aufs Dach. Man konnte die Hand vor Augen kaum sehen, geschweige denn die Straße. Oder das, was die Eingeborenen und die hiesige Straßenbaumeisterei dafür hielten.
Ich schaltete in den zweiten Gang herunter und nahm den Fuß vom Gas, bereit, sofort mit beiden Füßen auf Kupplung und Bremse zu steigen, so es notwendig werden sollte. Die Scheibenwischer auf schnellstes Intervall gestellt und die Nase fast an der Frontscheibe, tastete ich mich voran. Jeder Fußgänger hätte mich jetzt überholt. Trotz Wetterkapriolen.
Nach der Wende hatte man die Straße nicht nur asphaltiert, sondern auch ein paar bauliche Maßnahmen gegen Erdrutsche unternommen. Dennoch waren solche nicht auszuschließen. Und gegen Windbruch gab es auch keine Versicherung. Wenn mir jetzt ein umstürzender Baum auf den Sprinter oder gar in die Frontscheibe krachte …
Gleißende Helligkeit schoss bis in die hintersten Winkel meines Hirns; ein Donnerschlag unmittelbar darauf, als sei eine Bombe detoniert. Der Wagen wankte. Instinktiv zog ich den Kopf ein, schloss die Augen. Mein rechter Fuß trat das Bremspedal durch das Karosserieblech, der linke rutschte von der Kupplung. Es war, als prallte der Sprinter gegen ein unsichtbares Hindernis, mein Oberkörper ruckte nach vorn – dann erstarb der Motor. Ich konnte es fühlen, doch nicht hören; das Inferno der entfesselten Naturgewalten ließ solches nicht zu. Und die Granaten, die zu Hunderten in meinem unmittelbaren Umfeld einzuschlagen schienen, wollten mir überdies die Trommelfelle zerreißen …
Bereits ein paar Minuten später ebbte das Blitzlichtgewitter ab. Ich kam allmählich zu mir. Der erste Gedanke: „Ich habe es überlebt!“ Der zweite: „Bis jetzt jedenfalls.“ Der dritte: „Bin ich noch auf der Straße?“ Diese Frage schien Vorrang zu haben und berechtigt zu sein, stand doch der Sprinter, wie ich jetzt bemerkte, seltsam schief, als sei mir der Motor bergauf verreckt. Badete der Transporter womöglich mit dem Hinterteil im Bach? Trotz der Schwüle in meiner Kabine rieselte es mir eiskalt den Rücken hinunter. Wenn dem so sei, könnte ich mich aus eigener Kraft nicht befreien. Allradantrieb hin oder her. Der P45 war kein Jeep, der sich mittels eines um einen Baumstamm gewundenen Drahtseils und einer Winde – wie Baron von Münchhausen an den eigenen Haaren mitsamt Gaul – selbst aus dem Sumpf herauszuziehen vermochte.
Ich fingerte eine Zigarette aus der Brusttasche meiner Dienstbekleidung, brannte sie an, zwang mich zur Ruhe und begann, Selbstgespräche zu führen: „Wenn ich aufgeraucht habe, werde ich nachsehen. Ich steige aus und mache mir ein Bild von der Situation. Stecke ich wirklich mit dem Arsch in der Rauda, ist wenigstens die Straße für andere frei. Die Ladung ist auch sicher. Vorausgesetzt – es ist nicht allzu viel zu Bruch gegangen und die Hecktür ist nicht aufgesprung …“
Ich zog die Notlampe aus der Halterung und leuchtete in den Durchgang zum Laderaum. Die Hecktür war zu. Die Pakete zum Teil aus den Regalen gerutscht. Egal. Höhere Gewalt. Beschädigungen zahlen die Versicherungen im Schadensfall. Derartige plötzlich auftretende Wetterkapriolen kann man ja schließlich nicht vorhersehen. Und ich habe mich den Bestimmungen gemäß verhalten. Bin kein Risiko eingegangen. Stattdessen Fuß vom Gas, rechts ran und abgewartet, bis die Gefahr vorüber war. Ja gut, rechts ran war in diesem Fall nicht machbar. Das besorgte die Böschung des Bachs von allein. Wie gesagt – höhere Gewalt …
Die Scheibe der Fahrerseite ließ sich nicht mehr per Knopfdruck absenken, trotz eingeschalteter Zündung. Ich musste die Tür öffnen, um die Kippe hinauszuwerfen. Erst als ich sie wieder schloss, verarbeitete mein Hirn den Gedanken: Ja, die Zündung war eingeschaltet, doch keinerlei Anzeige zeugte davon. Der Sprinter war tot, als habe jemand die Batterie abgeklemmt. Kein Abblendlicht, keine Instrumentenbeleuchtung. Ob sich infolge des Rucks, mit dem das Fahrzeug zum Halten kam, eine der Batterieklemmen gelöst hatte? Unwahrscheinlich. Oder – hatte der Blitzschlag die Elektronik lahmgelegt? Schon eher möglich.
Es regnete noch immer. Nicht mehr so stark wie noch vor Minuten, doch ausreichend. Sei’s drum, ich musste raus, um mir ein Bild zu machen! Ich beleuchtete mein linkes Handgelenk. Vier Minuten vor sechs Uhr nachmittags. Und es herrschte noch immer finstere Nacht! Das Gewitter zog zwar ab, dennoch schien sich die massive Wolkendecke hartnäckig halten zu wollen.
Ich stieg aus dem Sprinter, rutschte auf glitschigem Moos aus und schlug der Länge nach hin. „Prima“, dachte ich und raffte mich auf. „Wenn es dicke kommt, dann richtig!“ Immerhin hatte ich mir nichts getan. Im Widerschein der vereinzelten Blitze vermochte ich meine Umgebung nur schemenhaft wahrzunehmen. Ich schaute zunächst nach der Batterie. Die Klemmen saßen fest auf den Polen. Für jede weitere Ursachenforschung fehlte mir das fachliche Wissen. Also ließ ich die Hände vom Motorraum und sah mich um.
Ich steckte nicht im Bach. Von dem war weit und breit nichts zu entdecken. Das beruhigte mich ein wenig. Die Straße konnte ich von hier aus allerdings auch nicht erkennen. Was das eben so positive Gefühl relativierte.
Ich folgte dem Weg, den meine Räder in den Boden gefräst hatten, zurück. Nach gefühlten zwanzig Metern blieb ich ratlos stehen. Keine Straße weit und breit. Wie war der Wagen auf die kleine Lichtung gekommen, auf der er jetzt stand? Wieso war ich nicht mit einem Felsen oder Baum kollidiert? Ich war nicht abgebogen. Hatte stets den Weg vor Augen gehabt. Nicht gerade deutlich. Aber doch so, dass ich mir sicher sein durfte …
Die Erkenntnis, die ich in diesem Augenblick gewann, durchfloss mich wie ein Stromschlag: Die Spuren meines Sprinters endeten abrupt an einem wilden Brombeerdickicht mit angrenzendem, undurchdringlichem Unterholz! Ein paar Meter dahinter erhob sich ein hoher, dichter Fichtenbestand, der noch vor wenigen Jahrzehnten eine Schonung gewesen sein mochte. Keine Chance, sich von dort aus eine Schneise zu bahnen. Nicht einmal mit einem Panzer. Schon gar nicht mit einem UPS-Mercedes-Sprinter. Und – das kam erschwerend hinzu – von einer Schneise im eigentlichen Sinn gab es auch nicht die leiseste Andeutung …
Ich starrte auf die Reifenspuren, derweil meine Lampe zunehmend schwächer strahlte. Um alle Eventualitäten auszuschließen (ich hätte es ja auch mit frischen Abdrücken eines Forstfahrzeugs zu tun haben können), folgte ich ihnen zurück in Fahrtrichtung und achtete darauf, nicht deren Verlauf aus den Augen zu verlieren. Als ich wenig später auf das Heck meines Sprinters stieß, war ich der Verzweiflung nahe. Was in aller Welt war geschehen? Wie kam ich hierher? Und wo, in des Teufels Namen, war die verdammte Mühltalstraße?
Mit dem letzten Licht der Lampe betrachtete ich den Boden vor dem Fahrzeug. Der Waldboden war unberührt. Keine Reifenspuren.
Ich war völlig durchnässt und zitterte. Ob vor Kälte, Angst oder Verzweiflung, weiß ich im Nachhinein nicht zu sagen. Wahrscheinlich war es ein Konglomerat aus allen drei Empfindungen. Obendrein stand ich nun vollends im Dunkeln. Die Lampe hatte ihren Geist aufgegeben.
Im Fahrzeug war es zwar nicht warm, aber ich fühlte mich hier doch wohler als draußen. Was nun tun? Wie sollte es weitergehen? Mir fiel mein Handy ein. Ich öffnete das Handschuhfach und tastete nach ihm. Fand es und wählte die Nummer der Firma. Kein Netz! Auch das noch. Vielleicht befand ich mich in einem Funkloch, oder das Gewitter hatte einen der Mobilfunkmasten lahmgelegt. Ich hoffte auf ersteres, verspürte jedoch wenig Lust, zu Fuß durch den Wald zu irren in der Hoffnung, irgendwo eine Verbindung zu bekommen. Wahrscheinlich hätte ich nicht wieder zum Sprinter zurückgefunden.
Wo war diese verfluchte Straße? Wieso stand ich mitten im Wald? Ja und – weshalb hatte ich anfangs das Gefühl gehabt, der Sprinter würde schief stehen? Er stand doch völlig gerade!
Es hatte keinen Sinn, mir diese Fragen zu stellen; es gab hier niemanden, der sie mir beantworten konnte. Mit Logik kam ich nicht weiter. Sie war angesichts der soeben gemachten Feststellungen wenig hilfreich. Andere Theorien jedoch ins Kalkül zu ziehen, fiel mir erst recht nicht ein. Mein Verstand – damals hatte ich noch welchen – sträubte sich gegen jedwede utopische Argumentation, bevor sie sich in meinem Hirn manifestieren konnte. Stattdessen beschäftigte sich letzteres mit pragmatischeren Überlegungen: Ich musste aus den durchnässten Klamotten raus. Je eher desto besser. Bevor ich mir eine Lungenentzündung holte. Ich hatte zwar keine anderen, dafür aber eine alte Decke, in die ich mich wickelte, nachdem ich mich ausgezogen hatte.
Allmählich wurde mir warm. Der Gewitterguss war in einen leichten Landregen übergegangen, der einschläfernd wirkte. Ich fand mich gedanklich damit ab, hier die Nacht verbringen zu müssen. Wenn der Morgen graute, würde ich weitersehen. Es blieb mir ja eh nichts übrig …
„Es ist nicht dein Job. Und auch nicht meine Mutter. Und schon gar nicht diese beschissene Bruchbude hier!“ Nadine erhob sich derart abrupt vom Frühstückstisch, dass ihr Stuhl umkippte. Sie gab ihm einen Tritt, dann stellte sie ihn wieder auf die Füße. Allerdings mit allem Nachdruck.
„Ja“, knurrte ich. „Poltre nur rum. Dass die da unten auch was von haben.“
„Is’ mir scheißegal“, sagte sie etwas ruhiger und wandte sich dem Geschirrspüler zu.
„Was is’ dann der Grund? Etwa ich?“
Sie fuhr herum. „Was glaubst du wohl?“
Ein paar Sekunden lang überlegte ich, ob es sinnvoll sei, mit ihr zu streiten. Ach was, es würde nur ein Wort das andere ergeben. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Er bedeutete Krieg. Und sie würde diesen Krieg gewinnen. Wie immer.
Ich stand auf und ging zur Küchentür.
„Wo willst du hin?“
„Ins Bad.“
„Ziehst du wieder den Schwanz ein, statt endlich mal Farbe zu bekennen? Wann wachst du eigentlich auf aus deiner Traumwelt? Wann kann man mal vernünftig mit dir reden?“
Ich antwortete nicht, zog die Badezimmertür hinter mir zu und schob den Riegel vor. Sie donnerte mit den Fäusten gegen die Füllung. „Du Ignorant! – Hey, aufgewacht! Hallo! Is’ mit Ihnen alles okay da drin?“
Und ich wachte auf. Sicherlich infolge des Lärms. Vielleicht aber auch, weil Nadine mich plötzlich siezte. Ich blinzelte in die Helligkeit. Einen Moment später wusste ich, wo ich war. Ich drehte den Kopf nach links, aber das Gesicht hinter der Seitenscheibe verschwand zu schnell, um mich dessen Züge erkennen zu lassen. Die Decke war verrutscht. Ich zog sie empor und öffnete die Tür.
„Mann, ich hab echt gedacht, Sie sann tot. Hierher, Harris, Fuß!“ Sie nahm ihren Hund an die Leine, wendete sich dann wieder mir zu. „Alter, ich hab vielleicht gegen die Türe gehämmert. Mir tun noch die Hände weh. Und Harris hat gekläfft, was das Zeug hielt. Hamm Sie sich verfahr’n oder so?“
„Ja“, sagte ich, noch nicht recht bei Sinnen. „Ja, so könnte man’s nennen.“
„So könnte man’s?“, lachte sie. „Sie wissen’s also net genau. Alter, Sie hamm geratzt wie ’n Bär. Hamm Sie sich irgendwas reingezogen gestern Abend?“
„Was – reingezogen?“
„Hey, Sie wissen schon.“ Sie fuhr sich mit dem Rücken des linken Zeigefingers an der Nase entlang.
„Ah, eh – nein, nein, ich habe mir nichts – reingezogen. Wer, wer sind Sie?“
„Ich bin Patty“, sagte sie. „Und das hier ist Harris.“
Wie auf Kommando begann der Hund wieder zu kläffen.
„Mein Name ist Albers.“
„Aus, Harris! Platz!“ Der Köter legte sich gehorsam hin, hechelte und wedelte mit dem Schwanz, während er mich fixierte.
„Albers? Komischer Vorname.“
„Mein Familienname“, sagte ich. „Mein Vorname ist Walter.“
„Walter?“ Sie legte den Kopf zur Seite und schaute mir ins Gesicht, als ob ich einen Witz gerissen und sie die Pointe nicht verstanden hätte. „So sehn Sie gar net aus.“
„Was denken Sie“, fragte ich amüsiert, „wie jemand aussehen müsste, der Walter heißt?“
„Na – jedenfalls viel älter. Sie sann doch höchstens Mitte dreißig.“
„Volltreffer“, sagte ich und staunte. „Genau fünfunddreißig. Sie können gut schätzen.“
„Man kriegt hier draußen mit der Zeit ’nen Blick dafür. Jedenfalls klingt Walter altmodisch.“
„Das müssen Sie meinen Eltern sagen. Die fanden den Namen toll. Mein Großvater hieß auch so.“
„Sorry, ich wollt Ihnen net zu nahe treten; Sie könn’ ja nischt dafür.“
„Richtig“, lächelte ich und fragte, um das Thema zu wechseln: „Is’ ’n das da für ’ne Sorte?“
Mein Gott, Walter, tausend andere Fragen wären wichtiger gewesen! Ich war eben noch immer nicht ganz bei mir.
Patty zuckte mit den Schultern. „Weiß net. Hab ich von Mello, was mein Bruder is’. Wohl irgend ’ne Mischung aus Dobermann und Bulldogge.“
„Ja? So. Ich hab keine Ahnung von Hunderassen.“
„Na ja“, gluckste sie. „Rasse is’ gut …“
Eine unbedachte Bewegung – meine Decke fiel aus dem Wagen. Ich wollte schnell die Tür schließen, erwischte jedoch den Griff nicht sofort.
„Oh Mann“, sagte sie mit großen Augen, ohne den Blick von meinem nackten Hintern zu wenden. „Sie sann net allein da drin, was?“
Die Tür fiel ins Schloss, dann erinnerte ich mich der toten Batterie, die mich die Scheibe nicht herunterfahren ließ und öffnete die Tür wieder einen Spalt.
„Hören Sie – eh – Patty – könnten Sie mir die Decke geben, ja? Meine Sachen sind sämtlich durchgeweicht worden letzte Nacht. Tut mir leid, dass ich Ihnen so …“
Sie lachte, kam heran, hob die Decke auf und reichte sie mir durch den Spalt. „Mann, Sie brauchen sich net zu schähnieren. Sann net der erste, den ich so zu sehen krieg’. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, sagen Sie’s nur.“
„Ich bin von der Straße abgekommen. Gestern Abend. Während des Gewitters.“
Und dann erzählte ich ihr in Kurzform von mir und meinem Pech. Als ich fertig war, stand sie noch eine Weile mit leicht geöffnetem Mund und abwesendem Gesichtsausdruck da, als fiele es ihr schwer, das eben Gehörte zu verdauen.
Die Sekunden, bevor sie aufzutauen begann, langten zu, sie mir näher zu betrachten: Sie trug schulterlanges, dunkelblondes, gelocktes Haar, war schlank, ja fast schon dünn zu nennen, hatte ein Allerweltgesicht und so gut wie kein „Holz vor der Hütte“. Darüber hinaus schien sie nicht viel von modischer Kleidung zu halten. Verblichene hellblaue Jeans, ein rot-weiß-kariertes Holzfällerhemd, dem man das Streunen durch Wald und Unterholz deutlich ansah und ein paar derbe Freizeitschuhe waren ihr Outfit. Alles in allem fühlte man sich als Mann von ihrem Anblick weder abgestoßen noch übermäßig angezogen. Sie war das, was man umgangssprachlich als „Graue Maus“ bezeichnet.
„Alter Falter“, entfuhr es ihr schließlich. „Wenn Sie das der Versicherung erzählen, kriegen Sie keinen Pfennig.“ Sie reckte den Kopf und betrachtete sich die Gegend hinter dem Wagen. „Reifenspuren sann da jedenfalls net. Das müssen Sie geträumt haben.“
Ich sprang aus dem Fahrzeug, lief ein paar Schritte zum Heck und blieb wie angewurzelt stehen. Sie hatte recht: Weit und breit keine Spuren zu sehen. Wie war das möglich? Hatte sich der Waldboden über Nacht bereits derart regeneriert, dass …
„Soll ich Ihnen wieder Ihre Decke bringen?“, hörte ich es hinter mir glucksen. „Oder kommen Sie auch so klar?“
Ich fuhr herum, bedeckte eine gewisse Stelle meines Körpers mit den Händen. Ein besonders geistreiches Gesicht mochte ich dabei nicht gemacht haben, denn sie lachte laut auf.
„Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Bis zur Mühle isses net allzu weit. Ich laufe zurück und hole Ihnen trockene Sachen. Sie bleiben hier und überlegen sich derweilen eine neue Erklärung. Denn mit der, die Sie mir da gerade auftischten, können Sie keinen Preis gewinnen. Höchstens ’nen lebenslangen Aufenthalt in ’ner Klappse. Komm, Harris, bei Fuß!“
Ich starrte ihr nach, in diesem Moment nicht ahnend, wie nahe sie der Wahrheit kam und hielt noch immer die Hände vor meinen – Sie wissen schon.
So stand ich eine ganze Weile, bis mir einfiel, wieder nach dem Handy zu sehen.
Kein Netz! Ich hatte nichts anderes erwartet. Und der Sprinter sagte auch keinen Ton. Meine Hoffnung, die Batterie könnte sich über die Stunden etwas erholt haben, wurde schmählich enttäuscht. Doch wozu das Fahrzeug starten wollen? Ich stand mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung, rings umgeben von undurchdringlichem Dickicht. Wohin hätte ich fahren sollen?
Die Stunden verrannen, und Patty ließ sich nicht blicken. Irgendetwas musste sie aufgehalten haben, wo doch die Mühle ganz in der Nähe liegen sollte. Ich gewann allmählich den Eindruck, dass sie gar nicht gewillt war, zurück zu kommen. Möglicherweise war ich ihr nicht geheuer. Wie auch die Situation, in der ich mich befand. Jedenfalls hatte ich nun genug Zeit, mir darüber klar zu werden, dass ich tief in der Scheiße saß. In der ich die letzten zwei Zigaretten rauchte und an Nadine dachte, die jetzt wohl meinen Umschlag auf dem Küchentisch gefunden haben mochte.
Hallo Nadine,
ich habe über alles gründlich nachgedacht. Ich werde dir den Gefallen tun. Wenn du eine Auszeit willst – bitte. Ich weiß zwar nicht, wofür die gut sein soll, da ich meine Meinung ohnehin nicht ändern werde, aber okay. Ich bin der Letzte, der sich dir – uns – in den Weg stellen will. Kann nur sein, dass diese Auszeit am Ende länger dauert, als du es dir wünschst. Hauptsache, du bereust es eines Tages nicht …
Die letzte Bemerkung hätte ich mir verkneifen können, das wurde mir gerade bewusst. Sie klang irgendwie kindisch. Nein, eher wie eine Drohung. Wie etwas nicht Umkehrbares. Und darüberhinaus wirklich reichlich albern. Was sollte sie an einer Auszeit – wie lange diese auch währen möge – bereuen? Sie hatte sie ja selbst gewollt. Ja, wenn ich vorhätte, niemals zu ihr zurückzukehren, dann bekäme dieser Zusatz immerhin einen gewissen …
… Sinn?!
Hundegebell riss mich aus dieser verzweifelten Rückbetrachtung. Ich war irgendwie dankbar dafür. Zunächst gewahrte ich Harris, der vorausrannte, sich wie toll gebärdete und an der Fahrertür hochsprang. Dann Patty mit einer Tüte in der Hand. Und schließlich ihren Begleiter.
Komische Konstellation der Gefühle: Eigentlich hätte ich mich mehr vor ihr als vor ihm genieren müssen, und doch wäre es mir lieber gewesen, wenn ich es nach wie vor mit ihr allein zu tun gehabt hätte. Und meinetwegen mit Harris.
„Ich hab hier was zum Anziehen. Nischt Besonderes, aber bis heim zu uns wird’s gehen. In der Mühle sehen wir dann zu, dass Ihre Sachen trocken werden.“ Sie schob mir die Tüte durch den Türspalt.
„Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen.“
„Ach woher denn. Aber ohne Harris hätt ich net mehr hergefunden. Und der war für einige Zeit net auffindbar.“
„Er war nicht – auffindbar?“, staunte ich.
„Na, Harris is nu mal kein Schoßhündchen. Der kann sich frei bewegen im Tal. Und wann er auf ’n interessantes Wild trifft oder Hunde, die er net leiden kann, da is er nu mal hin und weg. Ich hab ’ne Zeitlang gebraucht, ihn zu finden. Was glauben Sie, wo er war?“
„Ich denke, das entzieht sich meiner Kenntnis.“
„An den Fischteichen!“
„Ach was.“
„Ja, wirklich. Er hatte wohl gerade ’ne Spur verfolgt, die …“
„Patty!“
„Ja?“
„Das ist ja alles sehr interessant, aber Sie werden verstehen, dass ich jetzt andere Sorgen habe, als zu erfahren, was Harris bewegte, sich …“
„Oh, natürlich. Sorry. Da rede ich und rede und vergesse dabei …“
„Patty!“
„Hm?“
Ich nickte in Richtung des Mannes, der ein paar Meter vor dem Sprinter stehengeblieben war und die Szene misstrauisch und zugleich neugierig betrachtete.
„Ach – eh – mein Bruder“, lächelte sie. „Der war ganz begierig, den Typen kennenzulernen, der da nackt und mit ’nem Lieferwagen aus’m Nichts kommend einfach so im Wald rumsteht.“ Und flüsternd setzte sie hinzu: „Mello is’ ganz harmlos, es sei denn, dass er denkt, man würde ihn verarschen woll’n. Also überlegen Sie, was Sie sagen.“
Na toll, dachte ich, während ich eine verblichene, doch wenigstens saubere, graue Freizeithose und ein ebenso farbenfrohes T-Shirt aus dem Beutel zog – Unterwäsche war nicht dabei – und mir diesen Mello nebenbei betrachtete. Er war, wie seine Schwester, keine Schönheit, um es gelinde auszudrücken. Mit seinem Bullterrier-Gesicht, der plattgedrückten Nase und dem leicht vorgeschobenen Unterkiefer, vermittelte er keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Auch schien er von Ordnung und Sauberkeit nicht allzu viel zu halten. Insgeheim vermutete ich eine heimliche, Jahrzehnte zurückliegende, Liaison seiner Vorfahren mit denen des allerliebsten Harris.
So schmuddelig er auch aussah – auf ein Accessoire schien er stolz zu sein, und das war seine auffällige Gürtelschnalle, über welche seine Linke liebevoll strich: Ein handtellergroßes Oval mit ineinander verschlungenen Schlangenreliefs aus matter Bronze. Die tiefer gelegenen Stellen schimmerten wie schwarzer Onyx.
„Wenn Sie soweit sann, können wir los“, sagte Patty und setzte schmunzelnd hinzu: „Den Transporter müssen Sie allerdings hierlassen.“
„Kann ihn mir ja auch schlecht untern Arm klemmen“.
Ich hatte mich „in Schale“ geworfen und stieg aus. „Eigentlich müsste ich hierbleiben. Ich hab da jede Menge Pakete drin, und wenn jemand kommt und den Sprinter ausräumt, kann ich mich frischmachen.“
„Dann schließen Sie ihn doch ab.“
Ich musste angesichts ihrer Naivität lachen. „Das werde ich auch, aber wenn ihn jemand findet, hat er alle Zeit der Welt, ihn aufzubrechen und leerzuräumen.“
„Was ist denn so Wertvolles in den Paketen?“
„Keine Ahnung, ich liefre nur aus. Jedenfalls nichts, das wir nicht befördern dürften. Aber es geht ums Prinzip. Und wenn da nur Altpapier drin wäre – ich bin meinen Job los, wenn am Ende was fehlt.“ Und still bei mir dachte ich, dass mein Job wohl schon jetzt keinen Pfifferling mehr wert war.
„Wer sollte hier schon herkommen?“
Ich nahm meine Unterlippe zwischen die Zähne, zog die Brauen empor und sah sie mit schiefgehaltenen Kopf fragend an. Sie kam jedoch nicht auf das Naheliegende.
„Was denn?“, fragte sie.
„Na was wohl. Sie haben doch auch hierher gefunden.“
„Oh“, lachte sie. „Das lag nur an Harris. Der hatte wohl ’n Reh oder so was aufgescheucht und ist ihm nach. Ich kam kaum hinterher. Na, und dann standen wir vor Ihrem Fluggerät.“
„Fluggerät?“
„Wenn das Ding …“, sie zeigte auf den Sprinter, „… net fliegen kann, wie sann Sie dann hier gelandet? Oder hat Sie ’n Hubschrauber abgesetzt?“
Ich lächelte gequält. „Die Frage haben wir bereits unbeantwortet bleiben lassen müssen. Denken Sie, ich habe inzwischen eine Erklärung dafür? Sagen Sie mir lieber, wo die Mühlenstraße ist.“
Sie deutete über die Schulter hinweg schräg hinter sich, ohne den Blick von mir zu lassen. „Irgendwo dort hinten. Is aber ’n ganzes Stück weg.“
Ich folgte ihrer Geste und schüttelte gedankenverloren den Kopf.
„Na“, meinte sie, „vielleicht klärt sich ja später alles auf. Hierbleiben können Sie jedenfalls net.“
„Nein“, gab ich zu. „Warten Sie noch ’ne Minute, ja? Mir ist da gerade ’ne Idee gekommen.“
Ich riss ein Blatt aus meinem Notizblock, schrieb ein paar Zeilen darauf und heftete den Zettel gut sichtbar an die innere Seite der Frontscheibe. Dann kramte ich meine nassen Sachen zusammen, steckte Handy und Brieftasche ein und verschloss die Türen.
Patty trat näher an das Fahrzeug heran und reckte den Kopf. „Nicht berühren – Polizei ist informiert!“, las sie und ließ ihr allerliebstes Glucksen hören. „Alter Schwede! Wenn die Karre jetzt jemand findet, macht er bestimmt ’nen großen Bogen drum rum.“
Ich runzelte die Stirn. „Haben Sie ’ne bessre Idee?“
Patty wurde schnell wieder ernst. Nur ein verschmitztes Lächeln blieb. „Klar. Tarnung! Doch dafür ist die Kiste zu groß. Wir müssten den halben Wald abholzen.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Komm, Harris, machen wir, dass wir heimkommen. Damit wir dem Onkel seine Sachen trocken kriegen.“
Seufzend setzte ich mich in Bewegung, gefolgt von dem Bullterriergesicht, dem bisher noch kein Wort über die Lefzen, pardon, Lippen, gekommen war.
„Wenn wir in Ihrer Mühle sind, rufe ich die Firma an“, sprach ich gegen Pattys Rücken und tastete nach dem Handy. „Die werden schon wissen, was zu tun ist. Es sei denn, ich kriege noch unterwegs ein Netz.“
„Wir hamm kein Telefon“, knurrte Mello hinter mir.
Ah, dachte ich, sprechen kann er auch. Dann stutzte ich. „Sie haben kein Telefon?“
„Brauch ’n mar nich.“
„Auch kein Handy?“
„Nee.“
Einen Augenblick lang war ich sprachlos, während ich weiterging. Dann kam mir eine Erleuchtung: „Oh, ich weiß. Sie kommunizieren lediglich übers Internet per Mail und so. Okay, geht natürlich auch. Dennoch ist es verwunderlich, dass …“
„Hammar ooch nich“, fiel mir dieses Unikum ins Wort.
„Ach …“ Wieder war ich sprachlos, dann kratzte ich den Rest logischen Verstandes hervor, der noch in mir schlummerte. „Aber die Reservierungen beispielsweise. Wie sollen die funktionieren? Etwa nur durch Briefpost?“
Mello schwieg. Er schien seine Tagesration an Worten für heute aufgebraucht zu haben. Statt seiner fragte Patty, ohne sich umzudrehen: „Welche Reservierungen?“
„Na, Sie sprachen doch von einer Mühle. Gibt es da denn keinen Gaststättenbetrieb und keine Übernachtungsmöglichkeiten wie in vielen anderen Mühlen auch?“
„Ah, jetzt versteh ich“, lachte Patty und ich atmete auf. „Sie meinen die Gastwirtschaften im Mühltal.“
„Ja. Klar.“
„Da muss ich Sie enttäuschen. Mit denen haben wir nichts zu tun.“
Zu früh aufgeatmet, Walter!
„Ich dachte, Sie wären in einer der Mühlen angestellt, und …“
„Wir sann net angestellt. Die Mühle gehört uns selbst. Sie werden sie gleich sehen. Ist net mehr weit!“
Ich beschloss, es dem stumpfsinnig hinter mir her trottenden Mello gleichzutun und zu schweigen. Mir wären auch keine Fragen mehr eingefallen, auf die ich befriedigende Antworten hätte erhalten können.
Auf unserem Weg durch den Forst berührten wir weder Straßen noch regelrechte Wege. Nur ausgetretene Pfade und mitunter kleine Lichtungen. Ich blieb meinem Vorsatz treu und äußerte mich nicht dazu. Sicherlich handelte es sich um eine Abkürzung, deren Richtung der Hund vorgab. Und der sollte ja nun weit davon entfernt sein, sich zu verlaufen. Selbst wenn ihm, wie sich Patty ausdrücken würde, „ein interessantes Wild“ in die Quere käme.
Apropos: weit entfernt. Ich traute weder Patty noch Mello zu, etwas mit Einsteins Relativitätstheorie anfangen zu können; deren Prinzip indes schienen beide unterbewusst verinnerlicht zu haben: Es bedeutete noch eine geschlagene halbe Stunde Fußmarsch durch den Wald, bis sich die Worte Pattys „… net mehr weit!“ erfüllten.
Ich weiß nicht, ob die Aufregung der letzten Stunden oder mein leerer Magen schuld waren – mir wurde plötzlich übel. Das Unwohlsein ging jedoch schnell vorüber; innerhalb von Sekunden. Dafür wollten mich meine Beine im Stich lassen. Sie fühlten sich an, als seien sie aus Gummi. Ich bekam es mit einer unerklärlichen Angst zu tun. Angst, weiterzugehen.
„Is’ ’n los?“, fragte Mello hinter mir, der mein Zögern bemerkte und ebenfalls stehenblieb.
„Ich – ich weiß nicht“, antwortete ich. „Ich würde am liebsten wieder umkehren.“
Patty wendete sich nach mir um, tauschte einen Blick mit ihrem Bruder und nickte verstehend. „Glauben Sie mir, Ihr Fahrzeug ist gut aufgehoben, dort, wo es steht.“
„Darum geht es nicht. Irgendwie ist mir flau im Magen. Und ich habe …“ Ich traute mich nicht, zuzugeben, Angst zu haben. Ich hätte nicht begründen können, wovor.
„Sie haben lange nichts gegessen und getrunken, nicht?“
Ich nickte.
„Okay. Machen wir ’ne Pause.“ Sie nestelte an ihrer Umhängetasche herum, öffnete sie und holte eine kleine Flasche hervor. „’n Schluck Cola? Was anderes hab ich leider nicht.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Oder ’ne Zigarette?“ Sie hielt mir ein Plastiketui hin. „Beruhigt den Magen.“
Ein Internist hätte ob dieser im Brustton der Überzeugung hervorgebrachten Behauptung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, doch Patty meinte es gut, und mir waren die Zigaretten ohnehin ausgegangen, also griff ich zu.
„Danke. Oh, das ist die letzte, wie ich sehe.“
„Macht nichts, hab noch ’n Päckchen.“
Wir setzten uns auf einen liegenden Baumstamm und rauchten. Mello hockte abseits, spielte mit seiner Gürtelschnalle, kraulte Harris und warf dann und wann einen Blick zu uns herüber.
Bereits nach den ersten drei Zügen wich der Druck in mir, und ich fühlte mich mit jeder Sekunde etwas besser.
„Okay“, sagte ich schließlich und erhob mich. „Ich glaube, wir können weiter. Keine Ahnung, was mit mir los war.“
Sofort setzte sich Harris, als hätte er meine Worte verstanden, wieder an die Spitze unserer Gruppe.
„Wahrscheinlich nur Nikotinentzug“, schmunzelte Patty. „In der Mühle können Sie sich mit Zigaretten versorgen.“
„Haben Sie da auch was zu essen? Bezahl ich natürlich.“
„Sie werden bald was Kräftigendes bekommen. Da vorn ist schon das Teufelstal.“ Sie nickte mit dem Kopf in die Richtung. „Keine zweihundert Meter mehr.“
Sie hakte sich bei mir ein und zog mich mit sich. Dabei redete sie ununterbrochen auf mich ein. Das unerklärliche Gefühl der Angst war vollständig gewichen. Ich fühlte mich zwar noch immer mau, doch wollte ich mir vor einer jungen Frau keine Blöße geben und nicht als Schlappschwanz dastehen. Also riss ich mich zusammen. In meinem Rücken hörte ich Mello grunzen.
Der dichte, kalte Nebel, der das Tal – von der Anhöhe aus betrachtet – wie ein breiter, milchiger Fluss durchzog, lichtete sich zusehends, und als wir die Sohle erreichten, war er fast völlig verschwunden. Der Anblick, der sich mir jetzt bot, ließ mich den Schritt verhalten und die Hand mitsamt des – noch immer kein Netz findenden – Handys senken: Mittelalterlich wirkende Holzhütten und langgestreckte, einstöckige Blockhäuser zogen sich wie eine Kette durch den engen Grund, hier und da von Gattern und Gehegen unterbrochen, in denen sowohl Ziegen als auch andere Nutztiere gehalten wurden. Aus der Mitte der Dächer vieler größerer Häuser – Schornsteine im eigentlichen Sinne sah ich keine – quoll dünner Rauch und mischte sich in der Höhe mit dem Nebel. Unsere Sonne sah ich als matten Fleck am Himmel prangen, welcher das Auge nicht blendete. Die Lichtverhältnisse hier unten ähnelten somit denen, wie sie eine Morgendämmerung bei leichtbewölktem Firmament hervorzubringen imstande ist. Ein paar abgemagerte Hunde streunten umher und verzogen sich schleunigst mit eingezogenen Schwänzen, als Harris kurz Laut gab. Sie hatten wohl schlechte Erfahrung mit ihm gemacht.
„Weiter!“, knurrte es hinter mir, dann fühlte ich einen zwar sanften, doch mit allem Nachdruck geführten Stoß im Rücken. Mir lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch als ich mich nach Mello umblickte, verkniff ich sie mir und wandte meinen Blick wieder nach vorn. Er hatte ein Grinsen aufgesetzt, das wohl jovial und um Nachsicht bittend wirken sollte, doch gerade diese Emotion nicht in mir auslöste. Es war das Lächeln eines Menschen, der es seit Jahrzehnten nicht mehr praktiziert hatte und nun spontan zur Schau zu stellen versuchte.
„Unsere Mühle“, sagte Patty in diesem Moment und zeigte in Richtung eines größeren Fachwerkhauses, welches durch einen langgezogenen, überdachten, fensterlosen Übergang mit einem etwas niedrigeren Gebäude gleicher Bauart verbunden war. Rechts davon verbreiterte sich das schmale Tal zu einem kleinen Kessel mit mehreren Teichen inmitten üppig grüner Wiesen. Waren das die Fischteiche, die Patty erwähnt hatte?
„Die beiden einzigen Gebäude, die halbwegs in die Zeit zu passen scheinen“, sagte ich. „Alles andere wirkt uralt und etwas deplatziert. Als habe der Bauherr dieser Schauanlage nicht richtig recherchiert. Vielleicht war es ja auch nur eine Frage des Geldes.“
Patty sah mir eine Sekunde lang verwirrt ins Gesicht, dann vernahm ich ihr lang vermisstes Glucksen. „Oh, ich ahne, was Sie meinen, aber nein, das hamm wir alles selbst gebaut. Wir und unsere – Gehilfen. Hier soll nischt zur Schau gestellt werden. Die zwei Mühlengebäude standen allerdings schon, als wir das Anwesen übernahmen.“
Jetzt dämmerte es mir. „Verstehe. Hätte auch gleich drauf kommen können: Es ist ein Experiment, nicht wahr? Ich meine, so eines wie das der Marsmission, als eine Handvoll künftiger Astronauten, von der Außenwelt abgeschirmt, ein Jahr lang durchhalten und sich selbst versorgen mussten. In gewächshausähnlichen, abgeschotteten …“
„Ich weiß, was Ihnen da vorschwebt, doch es ist kein Experiment“, unterbrach sie mich.
„Oh, dann – dann seid ihr Aussteiger, ja?“
„Aussteiger?“
„Aus der Gesellschaft. Leute, die sich mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht arrangieren können oder wollen. Deshalb kein Telefon und keine Computer.“
Ich blickte mich demonstrativ um.
„Und wie ich vermute auch kein Strom, keine Autos, Zentralheizungen oder Ähnliches. Nur mit und von der Natur leben. Ohne technischen Schnickschnack. Ohne den geringsten Luxus. Na, ehrlich gesagt, das wäre nichts für mich.“
„Aussteiger“, sagte Patty mit in sich gekehrtem Blick. „Ja, so könnte man’s nennen.“ Dann sah sie mich an und lächelte. „Ja, Aussteiger. Das ist sogar treffend formuliert. Oh – Sie werden uns ja noch kennenlernen und sicherlich Ihre Meinung ändern. Warten Sie’s nur ab.“ Sie wollte weitergehen, doch ich ergriff einen Augenblick lang ihr Handgelenk.
„Hören Sie, Patty, ich bin Ihnen …“ Ich blickte mich kurz nach Mello um. „… beiden wirklich sehr dankbar. Und ich akzeptiere euer Konzept, ich meine, eure Weltanschauung oder wie man das nennen will. Aber – ich muss unbedingt mit der Zivilisation Verbindung aufnehmen, verstehen Sie? So schnell wie möglich.“
„Das sollen Sie ja auch“, nickte sie. „Aber ’n paar Minuten werden Sie sich noch gedulden müssen. Sobald Sie sich etwas ausgeruht und gestärkt haben und Ihre Sachen trocken sann, bringt Sie Mello hoch zur Autobahn. Einverstanden?“
Ich atmete durch. „Ja. Was bleibt mir auch übrig. Ich meine, nicht dass ich Ihre Gastfreundschaft nicht zu schätzen wüsste, aber …“
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Langsam drehte ich mich um. Mellos Grinsen entbehrte noch immer jeglicher Anziehungskraft, doch wirkte es nicht mehr so aufgesetzt wie zuvor. Ich nickte ihm zu und ergab mich in mein Schicksal.
Auf dem Weg zur Mühle trafen wir ein halbes Dutzend Gestalten, die, wie ich, graue Freizeitanzüge trugen. Der Unterschied: Mit dem meinen hätte ich auf dem Wiener Opernball wohl nur mäßige Aufmerksamkeit erregt. Es war jedoch nicht nur der Schmutz, der mich frappierte, sondern auch das Verhalten der Männer. Sie nahmen keine Notiz von uns, ja schienen uns überhaupt nicht zu bemerken. Diese abwesenden, stumpfsinnigen, in die Ferne oder auf den Boden gerichteten Blicke, die halb offenstehenden Münder, die bleichen, ausdruckslosen Gesichter, die langsamen, gleichförmigen Bewegungen – all dies wirkte roboterhaft, als stünden sie unter dem Einfluss von Medikamenten oder Drogen. Sie erinnerten mich an meinen Großvater im Altenpflegeheim. Er litt an Alzheimer und fortgeschrittener Demenz. Ein halbes Jahr vor seinem Ableben lief er genau so ziellos umher wie diese Typen. Nur dass er es auf dem Gang des Heims tat. Mit dem Rollator.
Ich hatte keine Zeit, diese Betrachtungen zu vertiefen. Auf meine Frage hin meinte Patty nur, dass es Bergarbeiter wären, die eine schwere Schicht gehabt hätten und nun nach Hause gingen, um ihren wohlverdienten Feierabend zu genießen.
„Wonach graben die denn?“, fragte ich.
„Oh, nach allem Möglichen. Ich weiß das selbst net so genau. Mit den Bergleuten hab ich net so viel zu tun. Kümmre mich eher um die Korbflechterei. Jetzt kommen Sie erst mal rein, damit wir Ihre nassen Klamotten trocken kriegen.“
Wir betraten das Mühlengebäude. Über der Tür war eine Inschrift aus verschnörkelten Buchstaben angebracht. Ich hatte keine Zeit, sie zu entziffern. Von einem engen Flur aus zweigten einige Türen ab. Patty wandte sich einer steilen, hölzernen Treppe zu und begann sie zu erklimmen. Es lag ein dumpfer, säuerlicher Geruch in der Luft.
„Stoßen Sie sich net den Kopf am Sturz. Hier sann die Decken sehr niedrig.“
„Sie arbeiten also in der Korbflechterei?“ Ich fragte nur, um etwas zu sagen. Um meine Sicherheit wieder zu gewinnen. Denn ich fühlte mich hier irgendwie deplatziert.
„Ja. Geht mit der Zeit ganz schön über die Finger. Und die Zehen.“
„Die Zehen?“ Ich war überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass man die dafür benötigt.“
„Dann haben Sie noch nie gesehen, wie ’n Weidenkorb entsteht, net wahr?“
„Ehrlich gesagt nicht. Ich nehme an, ihr verkauft die Körbe. Alles könnt ihr ja bestimmt nicht selbst herstellen, was zum Leben so benötigt wird.“
„Richtig. Aber auch Gemüse, Obst, Eier und Fleisch bieten wir auf den Märkten an. Dafür kaufen wir dann Salz, Seife, Werkzeuge und so ’n Zeugs. Ansonsten sind wir sehr genügsam. Wir brauchen keinen Luxus.“
„Ja, davon bin ich überzeugt“, sagte ich und folgte ihr in einen kleinen Raum im ersten Stock. Er war recht spärlich eingerichtet. Das Mobiliar schien obendrein bunt zusammengewürfelt zu sein – kaum etwas passte geschmacklich zueinander. Überdies gab es nichts, das unbeschädigt war. Ich hatte den Verdacht, dass Patty und ihre Gesinnungsgenossen regelmäßig die Sperrmüllplätze plünderten, denn selbst im An- und Verkauf wären hochwertigere Möbelstücke zu ergattern gewesen. Doch dafür reichte wohl das Geld nicht.
Ein Kaminofen, der auch bessere Tage gesehen haben mochte, verbreitete wohlige Wärme.
„Ruhen Sie sich aus“, sagte Patty und wies auf eine Couch, die allem Anschein nach ebenfalls von anno dazumal stammte. Immerhin lag eine saubere Decke darauf. Ich setzte mich, während Patty meine feuchten Sachen auf eine vor den Ofen gespannte Leine hing.
„Ich denke, in etwas über einer Stunde sann sie trocken. Möchten Sie was essen und trinken?“
„Ich will Ihnen keine Umstände machen“, sagte ich. „Den Hunger habe ich wohl übergangen, doch wenn Sie ’n Schluck Wasser hätten …“
„Haben wir“, lächelte sie und blickte in Richtung Tür, durch die eben eine Kreatur trat, bei deren Anblick ich unwillkürlich an die Hexe Baba Jaga aus den russischen Märchen erinnert wurde. Sie schien an die hundert Jahre alt zu sein und ging so gebückt, dass ich fürchtete, sie könne jeden Augenblick vornüber fallen. Der faltige Mund dieses Wesens hatte längst alle Zähne verloren, dünne, graue Haarsträhnen ragten zu beiden Seiten eines noch graueren Kopftuchs hervor, und sowohl Strickjacke als auch Rock waren wohl seit Jahrzehnten nicht gewaschen worden; es war unmöglich, die Farben zu deuten, welche diesen Kleidungsstücken ursprünglich eigen gewesen waren. In den klauenartigen Händen balancierte die Alte ein Tablett, auf dem ein Krug aus Steingut und ein ebensolcher Becher standen. Sie ging barfuß oder in Strümpfen – genau konnte ich das in Anbetracht des eingetrockneten Schlamms an ihren Füßen nicht erkennen.
„Das ist Melly“, sagte Patty. „Die gute Seele des Hauses. Sie hat was ganz besonders Leckeres für Sie.“
Ich bezweifelte angesichts der Attraktivität der Serviererin, dass es sich bei dem Inhalt des Kruges um etwas Leckeres im wörtlichen Sinne handeln könne und zog ein entsprechendes Gesicht, welches Patty Anlass bot, ihr Glucksen hören zu lassen. Sie nahm der Alten das Tablett ab und stellte es vor mir auf den Tisch.
„Danke Melly, du kannst gehen.“
