Verlag: Kiepenheuer & Witsch eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Tal im Nebel E-Book

Lenz Koppelstätter  

(0)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen E-Book-Leseprobe lesen

E-Book-Beschreibung Das Tal im Nebel - Lenz Koppelstätter

Gefangen im Labyrinth der südtiroler Apfelbaumplantagen. Im Spätherbst, als der Nebel zwischen den zahllosen Apfelbäumen hängt, werden im Unterland die Leichen zweier Frauen gefunden. Da unten, in der breiten Talsenke zwischen den Weinhängen, hat kein Bürgermeister und kein Pfarrer das Sagen. Da unten regieren die Bauern. Schnell präsentieren diese Commissario Grauner und seinem neapolitanischen Kollegen Saltapepe den Mörder: Der Zwölfer-Heinrich soll es gewesen sein. Doch ein rätselhafter Fetzen Papier lässt die Ermittler zweifeln. Während Grauner sich unter den Obst- und Weinbauern umhört und unversehens auf einem Symposium für Gewürztraminer landet, vernimmt Saltapepe nachts die Prostituierten an der Staatsstraße. Er bemerkt die Schatten nicht, die sich zwischen den Apfelbäumen an ihn heranschleichen …In seinem vierten Fall bekommt es der beliebte Commissario und Viechbauer Johann Grauner mit finsteren Mächten zu tun, die weit über die Grenzen Südtirols hinaus für Unheil sorgen.

Meinungen über das E-Book Das Tal im Nebel - Lenz Koppelstätter

E-Book-Leseprobe Das Tal im Nebel - Lenz Koppelstätter

Lenz Koppelstätter

Das Tal im Nebel

Ein Fall für Commissario Grauner

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Lenz Koppelstätter

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

 

Hinweis für E-Reader-Leserinnen und Leser

Wenn Sie sich die Karte in Farbe und zoombar ansehen möchten, dann geben Sie bitte die folgende Internetadresse im Browser Ihres Computers oder Smartphones ein:

 

kiwi-verlag.de/tal-im-nebel

 

Hinweis für Leserinnen und Leser auf dem Smartphone/Tablet oder am Computer

Sie möchten sich die Karte zoombar anschauen? Dann tippen bzw. klicken Sie bitte auf die Karte. Es öffnet sich ein neues Fenster mit der entsprechenden Website-Ansicht.

Inhaltsverzeichnis

HinweisProlog27. Oktober1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel28. Oktober1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel29. Oktober1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel30. Oktober1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelEpilogDanke
zurück

 

 

 

Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden.

Und vieles Wahre verbirgt der Nebel.

 

In Bezug auf Ortsbeschreibungen nimmt das Buch sich Freiheiten heraus.

zurück

Prolog

Sie kommen mit dem Nebel, sagen die Bauern aus dem Unterland. Zwischen den Apfelbäumen schleichen sie umher, zwischen den grauweißen Schwaden, die sich oft erst nach Stunden im Sonnenlicht auflösen.

Die Stimmen im Nebel, sagen die Bauern aus dem Unterland, das sind die Stimmen der Flüsterer, der Toten. Jener Toten, die da unten im Sumpf liegen, tief unter der Erde, tief unter den Wurzeln der Bäume, vor Jahrhunderten ins Moor geworfen, damals, als die breite Talsohle des Unterlands noch nicht kultiviert worden war, kein Gottesland war, sondern ein Teufelsmoor. Damals, lange bevor Maria Theresia, Fürstin aus dem Hause Habsburg, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn, Kaiserin der Habsburgermonarchie, Thereserl, Gott hab sie selig, das Moor entsumpfen ließ und in fruchtbaren Boden verwandelte.

Jene Bauern, die noch an den lieben Gott glauben, danken ihm bei jeder Frühmesse mit einem Gegrüßet seist du, Maria und mit einem Fünfer im Klingelbeutel, dass er ihnen damals, anno 1717, die Kaiserin schenkte. Weil sie aus dem fernen Wien, das die treuen Südtiroler so oft im Stich gelassen hatte, den Sumpf austrocknen ließ. Den Sumpf, in dem so mancher seine letzte Ruhe gefunden hatte. Mancher im Streit Erschlagener, mancher Wegelagerer, von der Gendarmerie erschossen, mancher Besoffener, der unter freiem Himmel eingeschlafen und erfroren war. Manche untreue Magd, mit der Mistgabel erstochen, mancher Knecht, der eine Bäuerin geschwängert hatte. Als der Sumpf zu Anbauland wurde, da wurden die Weinbauern zu Maisbauern und später zu Apfelbauern, und so soll es bleiben, bis in alle Zeit.

Im Nebel, sagen die Bauern des Unterlands, gehört die Talsohle den Toten. Im Nebel, das erzählen die Bauern beim Kartenspielen, bist du besser nicht da unten, da bleibst du lieber in einem der Dörfer. Dort an den Berghängen, wo früher die alten Römerstraßen verliefen, die in die Alpen und über die Pässe führten, zum Roen, zum Schwarzkopf, zum Schwarzhorn, zum Weißhorn.

Im Nebel hast du unten bei den Apfelanlagen nix zu suchen, warnen die kartenspielenden Bauern, und die Buben aus dem Dorf lauschen mit großen Augen.

Sie erzählen Gespenstergeschichten, die Bauern, und sie lachen und grinsen dabei, sie schenken sich noch ein Glas ein, aber sie haben, auch wenn sie es nie zugeben würden, schreckliche Angst. Angst vor dem Nebel im Tal, vor den Flüsterern, vor den schmerzverzerrten Gesichtern, die sie im Schatten zu sehen glauben, vor dem teuflischen Zischen, vor den Klagelauten.

 

Der Zwölfer-Heinrich, da sind sich die Bauern aus dem Unterland einig, hat keine Angst vor dem Nebel, vor den Flüsterern. Der Zwölfer-Heinrich, der so heißt, weil sein Stück Land am Ende des Zwölfer-Weges liegt, lässt sich selten blicken im Dorf. Selbst wenn der Nebel kommt, bleibt er in seiner Blechhütte, die Wohnung und Geräteschuppen zugleich ist, unten, bei den Apfelbäumen, die akkurat aufgereiht ihre schwere Last tragen, Gala, Elstar, Fuji, Jonagold, Morgenduft. Fett und saftig ziehen die Früchte die Äste zu Boden.

Der Zwölfer-Heinrich, sagen die Bauern, ist lieber bei den Flüsterern als bei den Menschen, lieber bei den Toten als bei den Lebendigen. Der Zwölfer-Heinrich, sagen die Bauern, deren Obstwiesen an die seine grenzen, tanzt mit den Toten. Nackt tanzt er, der Heinrich, nackt im Nebel, nackt und völlig außer sich.

Er schaute die Apfelbaumreihe entlang. Ein Speicheltropfen löste sich dort, wo er sich immer löste, dort, wo die Oberlippe, etwas rechts der Mitte, einen tiefen Spalt aufwies. Er habe ihn, so erzählte er es jenen, die fragten, weil er über einen Zaun geklettert und an einem losen Stück Draht hängen geblieben war.

Er beachtete den Tropfen nicht, der auf seinem grünen Gummistiefel zerplatzte. Heinrich Tanner, gelborangenes Borstenhaar, den die anderen nur den Zwölfer-Heinrich nannten, schritt schweren Schrittes durch sein »Moos«, wie die Südtiroler Bauern die trocken gelegten Felder bezeichneten, er hob die zerfurchten Hände, in deren Falten winzige Erdkrümel klebten. Zeugen der sich dem Ende zuneigenden Erntezeit. Der Morgenduft-Zeit.

Er spürte die Blätter an den rauen Fingerkuppen. Er spürte, wie ihm die dünnen Ästchen gegen die zerkratzten Unterarme klatschten. Angenehmer Schmerz. Er blickte auf die Apfelgroßkisten, die im Abstand von einigen Metern zwischen den Bäumen standen. Blaues Plastik. 650 Liter Volumen pro Kiste. Platz für rund 1500 Äpfel. Bei der Sorte Morgenduft etwas weniger. Morgenduft waren größer als andere Äpfel.

Er ging von Großkiste zu Großkiste, prüfte die oberste Schicht der darin liegenden Früchte. Der Herbstnebel, der in den vergangenen Oktobertagen besonders dicht war, umhüllte ihn, legte winzige Tropfen auf sein Gesicht. Tanner freute sich, dass die harte Arbeit bald beendet war.

Am Nachmittag, wenn der Nebel sich längst verzogen hatte, wenn auch die Nachbarsbauern längst auf dem Moos waren, wollte er sich einen Stapler leihen, um die verbliebenen Großkisten auf den Traktoranhänger zu hieven. Er wollte zu einem der Magazine fahren, die wie überdimensionale Weltraumstationen inmitten der Felder lagen, er wollte seine Äpfel abgeben, bei einem Glas Vernatsch zuschauen, wie sie abgeladen wurden.

Er kam zu der letzten Kiste. Blickte prüfend hinein, sah schöne, große, rotbackige Morgenduft. Keine Druckstellen. Er berührte die feste, kalte Schale einer der Äpfel. Er hob ihn hoch, legte ihn wieder hin, ließ die Hand weiterwandern zu einem zweiten Apfel. Gleiches Prozedere. Zu einem dritten. Er hob ihn hoch. Dann erstarrte er. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder.

Unter der Frucht war ein Haarbüschel zum Vorschein gekommen.

Er wich zurück. Stolperte, fiel rücklings in den Matsch. Robbte zu einem der Bäume, zog sich hoch, schüttelte sich, wischte den Speichel ab, der wie aus einem verkalkten Wasserhahn aus der Lippenspalte tropfte.

Er näherte sich erneut der Großkiste. Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen, er hielt die Luft an, sah sich um, doch es war niemand da, der ihm hätte helfen können.

Er griff wieder hinein, die Finger glitten von Apfel zu Apfel, sein Atem wurde ein Schnaufen, das Schnaufen ein Stöhnen, er schob mit dem Ärmel der nach Spritzmittel stinkenden, alten und löchrigen Windjacke ein Dutzend Früchte zur Seite.

Heinrich Tanner, den alle nur den Zwölfer-Heinrich nannten, warf die Äpfel in hohem Bogen hinter sich. Da sah er goldblondes Haar, einen schneeweißen Scheitel, der Bauer japste und spuckte und brüllte, nichts Menschliches hatte dieses Brüllen, es tönte über die Anlagen, es ließ die Amseln und Rotkehlchen hochschrecken, hochflattern, es tönte durch den Nebel bis hinüber zur Straße, welche die Weindörfer des Unterlands miteinander verband, es tönte über die Etsch hinweg, deren grünbraunes Wasser stumm der fernen Adria entgegenfloss.

Der Zwölfer-Heinrich grub die zarten Falten einer Stirn frei, zwei starr und weit geöffnete Augen, hohe Wangenknochen, einen kirschroten Mund, einen schmalen Hals, in dessen Schlagader nichts mehr pochte, nichts mehr pulsierte. Dann hielt er inne. Er spürte sein Herz rasen, er zog den Rotz hoch, er spürte, wie kalt und trocken sein Gaumen war. Fahrig fummelte er in seiner Hosentasche herum, zog sein altes, zerkratztes Handy hervor, vertippte sich zweimal, drückte schließlich auf den Knopf mit dem grünen Hörer. Dann wartete er auf das Freizeichen.

zurück

27. Oktober

1

Grauner atmete tief ein. Dann aus. Dann wieder ein. Dann wieder aus. Wie gut das tat. Dieser schwere, würzige Stallgeruch.

Grauner unterbrach die Atemübung, die ihm der Viechdoktor gegen den Büro-Stress, den Bozen-Stress, den Commissario-Stress empfohlen hatte. Er hielt kurz inne, ignorierte das Brummen der Fliegen, die über ihm und seinen Kühen kreisten. Er schnupperte. Eine zarte Note von Löwenzahn, ebenso von Klee, beides spross wild auf der Almwiese, zu der er Sommer für Sommer seine Viecher brachte. Damit sie sich von den düsteren Stallwintern erholen konnten. Damit sie Kraft tankten. Damit sie nahrhafte, dickflüssige Milch gaben.

Wieder schnupperte er. Ja, da war auch ein Hauch von Tannenzapfen, die am Rande der Wiese, wo der Mischwald begann, in der Sonne vertrockneten. Ein genüssliches Muhen und das Klatschen eines Fladens mischten sich in den Geigenreigen von Mahlers Vierter, die Grauner während des Melkens hörte. Beim Muhen war er sich unsicher. Ein Bariton, das war es wohl. Aber das Muhen im Bariton beherrschten mehrere seiner Kühe. Das Platschen aber war unverkennbar. Erst ein donnernd lauter Knall, dann ein schnelles Schwappen. Schwapp, schwapp. Schließlich das Tropfen vom rostigen Stallgitter. Plopp. Plopp. Plopp.

»Brav, Mitzi, brav«, rief er, ohne sich zu ihr umzudrehen, weiter der Mara den borstigen Rücken massierend, weil die Mara schon seit ein paar Tagen nicht mehr richtig schiss, kein Klatschen, kein Schwappen, kein Tröpfeln.

Das Wimmern der Geigen wurde langsam stärker, Grauner lehnte die Stirn an den warmen Bauch der Kuh, ihr Fell kratzte an den Wangen, er schloss die Lider, er spürte, wie sich ihr Wanst mitsamt der vier vollen Mägen hob und senkte, er spürte das Leben, ihr Leben, sein Leben, er spürte das Glück, er spürte die Existenz Gottes, mit dem er zunehmend seinen Frieden machte, seitdem er die Ermittlungen um den Tod seiner Eltern abgeschlossen hatte.

Wie er diese Passage liebte, heller, lauter, schneller Geigengesang, er merkte, wie sich Maras Bauch langsam zusammenzog, zuckte, wie es dann in ihr brodelte, wie es knallte, platschte, tröpfelte.

»Ja, Mara, brave Mara«, sagte er erleichtert, wie der Vater eines Säuglings, dessen vom Fieber erhitzte Stirn langsam erkaltete, »gute Mara.«

Mahlers Geigen wimmerten nur noch erschöpft, bald würden die Bläser übernehmen. Als die Musik plötzlich verstummte, unter dem protestierenden Muhen der Kühe, dachte Grauner zuerst, der mit Tesafilm festgeklebte Stecker wäre wieder einmal aus der Steckdose gerutscht. Er fluchte, weil Mahler nicht einfach so verstummen sollte, weil das seiner nicht würdig war.

Er zwängte sich an der Mara und der Margarete vorbei, da sah er sie in der Stalltür stehen. Erst nur als Schatten. Schon wollte er eine Schimpftirade loslassen, weil er ihr schon hundert Mal gesagt hatte, dass sie nicht einfach den Stecker ziehen solle, dass sie, wenn es schon sein müsse, bitte schön die Anlage vom Holzbalken heben und die Lautstärke langsam runterdrehen solle, sodass es sich anhörte, als entfernte man sich gemächlichen Schrittes von den Musikern, bis sie nicht mehr zu hören waren.

Als Grauner näher trat, schwand sein Zorn. Ihm wurde klar, dass es jetzt nicht an der Zeit war, einen sinnlosen Streit anzuzetteln. Sie musste nicht sprechen, ihr Gesicht sagte alles.

2

Als er die Serpentinenstraße hinter sich gelassen hatte, die von seinem Bauernhof und den Dörfern an den Berghängen des Eisacktals hinunterführte ins Tal, bog er in die Staatsstraße in Richtung Süden ein, fuhr durch Bozen hindurch, südlich an der Questura vorbei, von wo aus die Kollegen ihn angerufen, aber nicht erreicht hatten, weil er sich seit jeher weigerte, sein altes Handy mit in den Stall zu nehmen.

Weil dieses Ding die Kühe verstrahlte, weil kein Klingeln Mahlers Werke stören sollte. Deshalb hatte ihm Alba, seine Frau, die Nachricht überbringen müssen, dass im Unterland ein Mord passiert sei. Dass er schnell losfahren solle, seine Kollegen seien bereits unterwegs, sie erwarteten ihn am Tatort, im Unterlandler Moos, irgendwo zwischen Tramin, Auer und Neumarkt, irgendwo in der Nähe des Etschdamms, er würde sie schon finden, er solle nach Blaulichtern Ausschau halten.

Sie hatte ihn zum Abschied geküsst und ihn dann aus dem Stall geschoben. »Geh schon«, hatte sie gesagt, »ich melke zu Ende.«

 

Kurz nach acht fuhr er die Weinstraße entlang. Das Autoradio empfahl es ihm, da die schnellere Strecke auf einer Spur gesperrt war. Neuer Teer. Langer Stau. War ihm lieber so. Die Fahrt über Eppan war viel idyllischer.

Bei Kaltern tat sich einer der schönsten Panoramablicke auf, die Südtirol zu bieten hatte. Eine wellenförmige Weinberglandschaft, ein See, der türkisgrün in der Sonne glitzerte. Weiße Segel darauf. Links der Mitterberg, auf dem die Ruine der Leuchtenburg thronte und der im Vergleich zu den hohen Gipfeln, die ihn umzingelten, die Bezeichnung »Berg« kaum verdiente. Er wirkte wie ein Schildkrötenpanzer zwischen Ungetümen.

Als der Commissario bemerkte, welchen Fehler er begangen hatte, gab es schon kein Zurück mehr. Jetzt im Spätherbst, jetzt, wo jeder Unterlandler Bauer auf seinem Traktor saß, lange, mit Apfelkisten beladene Anhänger hinter sich herziehend, fuhr man auf der Weinstraße im Schneckentempo. Da blieb nur eins: Ruhe bewahren, tief einatmen, langsam ausatmen, wie es der Viechdoktor ihm geraten hatte, die Flucher hinunterschlucken, da er mit dem lieben Gott ja schon vor Jahren vereinbart hatte, nur einmal am Tag zu fluchen, und zwar morgens auf dem Klo.

Grauner tuckerte in seinem Panda der Herbstkarawane hinterher, kurz nach dem Kalterer See, kurz vor Tramin, bog er links ab, hinein in das dunkle Grün des nicht enden wollenden Mooses. Eine fremde Welt. Er war Viechbauer, Bergbauer, hier im Unterland lebten fast ausschließlich Apfel- und Weinbauern. Talbauern.

Ein Labyrinth aus Apfelbäumen erstreckte sich über die Ebene, durchschnitten von der Autobahn und der Etsch, vereinzelt machte Grauner das Dach eines Hauses oder einer Hütte zwischen den Ästen aus. An den Hängen wurde Wein angebaut, neben den Reben ragten Zypressen in die Höhe, nirgendwo wirkte Südtirol mediterraner als hier.

Der Commissario kannte nicht viele Unterlandler, vier, fünf vielleicht. Einen Polizisten aus der Abteilung für Wirtschaftskriminalität. Einen Finanzer. Einen ehemaligen Schulfreund, der am Waltherplatz in einem Versicherungsbüro arbeitete. Alles feine Leute, einem Espresso und einem Glas Blauburgunder nie abgeneigt, sie verfielen beim Sprechen manchmal ins Italienische, denn das Trentino war nicht weit.

Obstbauer. Das hätte sich Grauner im Leben nicht vorstellen können. Äpfel und Weintrauben kauten nicht, muhten nicht, gaben einem nicht das Gefühl, gebraucht zu werden, gerne getätschelt, gestreichelt zu werden. Sie genossen es nicht, Liebesbekundungen zugeflüstert zu bekommen. Ein echter Bauer, so war er überzeugt, brauchte einen Stall, Viech, Melkmaschinen, Milchkannen. Äpfel pflücken, Trauben lesen, das war für ihn nichts anderes als Büroarbeit.

 

Halb links, etwa ein Kilometer vor ihm, hatte der Commissario ein blaues Blinken entdeckt, er bog auf gut Glück in einen Moosweg ab, lenkte den Panda kurz darauf in einen noch schmaleren Schotterweg, links und rechts klatschten die Ästchen der Bäume gegen das weiße Blech.

Dort, wo die Einsatzwagen standen, war der matschige Boden mit einer weißen Plane bedeckt. Menschen in Schutzanzügen schlichen um eine Apfelgroßkiste herum. Etwas abseits warteten einige Männer. Bauern. Das erkannte Grauner sofort. Stolze Bauernbäuche unter blauen Schurzen. Stolze Bauerngesichter mit dunkler, von der Sonne gegerbter Haut schauten stumm auf die Szenerie. Ein halbes Dutzend war es.

Ein Polizist steckte mit einem rotweißen Flatterband ein Viereck zwischen den Bäumen ab. Langsam wichen die Bauern zurück, ohne sich umzudrehen, starrten weiter auf das, was vor der von der Sonne ausgeblichenen hellblauen Apfelkiste lag. Grauner erkannte Staatsanwalt Belli, der heftig gestikulierend telefonierte, er sah seinen Kollegen Saltapepe, der am Rande der Plane scheinbar gelangweilt in einen Apfel biss. Er stoppte den Panda, stieg aus, kam näher. Er erblickte das fleischfarbene Etwas, das auf dem Boden lag. Zwei junge Frauen, nackt, eng umschlungen.

3

Max Weiherer, der Chef der Scientifica, nickte anstelle eines Grußes. Grauner war das ganz recht. Was sollte man auch sagen angesichts dieses Schreckens? Guten Morgen? Was sollte gut an diesem Morgen sein? Grüß Gott? Gott musste weit weg gewesen sein, als die zwei jungen Frauen ermordet worden waren. Grauner schaute schweigend auf die Toten. Zwei der Spurensicherer drehten sie vorsichtig auf den Rücken, legten ein Leintuch über sie. Nur die Köpfe schauten noch hervor.

Die eine hatte kurzes, blondes Haar. Die andere schulterlange, kastanienbraune Locken. Er musterte sie, ihre Gesichter mussten geschminkt gewesen sein, schwarze Farbe zog sich über ihre Wangen. Die Haut der blonden Frau war zart und hell, die der anderen etwas dunkler. Sie hatte blaue Hämatome. An der Nase, über den Wangenknochen und auf den Augenlidern.

»Todesursache?«, fragte Grauner knapp.

»Du weißt schon, dass ich das hier, jetzt, noch nicht …«

»Mögliche Todesursache?«, verbesserte sich der Commissario, um der ewig gleichen Standpauke zu entgehen.

»Bei der Brünetten vielleicht Gewalteinwirkung«, antwortete Weiherer. »Sie wurde wohl geschlagen. Aber keine offenen Wunden, kein Blut. Die Blonde hat auf dem Rücken …«, er schlug sich mit der Hand auf die betreffende Stelle, »… unterhalb der Schulterblätter eine Wunde. Ich weiß noch nicht, woher die stammt, wie frisch die ist, wie tief … Aber es könnte sein, dass sie erstochen wurde.«

Er atmete aus, verzog das Gesicht zu einer Oberlehrerfratze und fügte hinzu: »Könnte! Wohlgemerkt. Und sie haben beide …«, er schien kurz zu überlegen, »Sie haben beide … das hier …« Weiherer bückte sich, hob das Leintuch hoch, drehte die Blonde auf die Seite, zeigte auf ihre Hüfte. Grauner ging in die Knie. Er erkannte eine Verbrennung, die eine merkwürdige Form aufwies.

»Ein Brandmal«, sagte Weiherer. »Die andere Tote hat exakt das gleiche, an exakt der gleichen Stelle. Es scheint ein umgedrehtes U zu sein. Und in der Mitte eine Art Blume. Oder ein Stern. Ich werde nicht schlau daraus.«

Sie erhoben sich wieder. Grauner nickte einem der Spurensicherer zu. Der verstand, zog das Tuch nun auch über die Köpfe der Leichen. Ein Knacken drang in die Stille, die nach Weiherers letzten Worten eingetreten war. Jemand hatte lautstark von einem Apfel abgebissen.

»Seit wann sind die denn tot?«, fragte Saltapepe schmatzend.

»Schwer zu sagen. Sie sind beide wie tiefgefroren, deshalb ist der Totenstarre nicht zu trauen. Es könnte auch eine Kältestarre sein. Heute Abend können euch die Kollegen im Spital sicher mehr sagen.«

Saltapepe warf den Apfelputzen achtlos vor einen der Baumstämme und erntete böse Blicke von den Spurensicherern.

»Wer sind die beiden Frauen, sind sie aus einem der Dörfer hier?«, fragte Grauner in die Runde.

Saltapepe hob die Schultern. Die umstehenden Polizisten ebenso. Dann blickte der Commissario sich um, er suchte nach dem Sovrintendente Marché, doch er sah ihn nirgends. Grauner erteilte Befehle an die Polizisten. Sie sollten den Fundort der Leichen weiträumig abstecken und ausschwärmen, um die Schaulustigen zu befragen und so vielleicht Zeugen der Tat zu finden.

Grauner entdeckte Marché schließlich vor einer kleinen Hütte zwischen den Bäumen, neben der Staatsanwalt Belli seine nachtblaue, gepanzerte Lancia-Limousine geparkt hatte. Der Staatsanwalt telefonierte nicht mehr, er stand gebückt da, die Karosserie nach Kratzern absuchend, dann warf er einen bösen Blick auf seinen Chauffeur, der stramm wie ein Soldat neben ihm wartete.

Marché winkte Grauner herbei. Der Sovrintendente zeigte mit dem Daumen auf eine kleine verzogene Tür, mit Wellblech verkleidet, wie auch die Wände und das Dach. Der Commissario kannte diese Hütten. Er wusste, dass die Unterlandler Bauern sie zum Unterstellen nutzten. Treibstoff, Werkzeug, Arbeitsgeräte.

»Heinrich Tanner«, murmelte Marché, als Grauner ihn erreicht hatte, »aber alle nennen ihn nur den Zwölfer-Heinrich …«

Grauner unterbrach den Sovrintendente.

»Warum die Zwölf?«

Spitznamen, so banal sie auch sein mochten, verwiesen immer auf etwas, auf bestimmte Eigenschaften, auf die Persönlichkeit des so Genannten.

»Einige Anbaugebiete im Tal sind nummeriert. Das hier ist das Zwölfer-Moos, dem Tanner gehört ein halbes Hektar davon. Er hat die beiden Frauen heute in aller Herrgottsfrüh entdeckt.«

Grauner blickte Marché zweifelnd an. Das konnte nicht die einzige Begründung sein. Sonst würde ja vielen Bauern aus dem Unterland eine Zahl vorangestellt. Siebener-Markus, Sechzehner-Walter, Fünfer-Albert.

»Noch mal, Marché, warum dieser Spitzname? Da muss es mehr geben.«

Der Sovrintendente schaute auf, rüber zu den Bäumen, an denen die Nachbarn standen.

»Die Bauern«, murmelte er schließlich, »sie sagen, der Tanner besitzt das Stück Moos hier nicht nur. Er lebt hier. Das ist alles, was er hat. Diese Hütte …«, er pochte gegen das Blech, das so laut schepperte, dass selbst Belli kurz aufschaute, »… das ist sein Zuhause.«

Grauner musterte den Schuppen. Er schätzte ihn auf höchstens fünf Quadratmeter. Auf dem flachen Betondach lagen Rohre, daneben stand eine verrostete Blechbadewanne, um das Regenwasser aufzufangen.

»Die beiden Frauen, wer sind sie?«

Der Sovrintendente schüttelte den Kopf. »Wir konnten es nicht herausfinden. Tanner schweigt – und die Bauern, die drüben am Fundort stehen und gaffen, sie sagen, sie kennen sie nicht.«

Der Commissario bedeutete ihm, einen Schritt beiseitezutreten, dann zog er die Tür auf, sie quietschte, modrige Luft schlug ihm entgegen. Ein wildes Etwas flatterte an seinem Kopf vorbei, er fuhr erschrocken zurück. Erst dachte er, eine Amsel wäre aus der Hütte geflogen, er drehte sich um, dann sah er, dass zwei kleine Fledermäuse verwirrt über den Baumwipfeln kreisten und schließlich verschwanden. Er trat ein.

4

Saltapepe war den schmalen Pfad zwischen den Apfelbäumen entlanggegangen, bis er an einen Graben gelangt war. Der Graben stank nach fauligem Wasser, das nicht zu sehen war, weil eine grüne Schicht aus Algen sich auf die Oberfläche gelegt hatte.

Der Ispettore schaute sich um, er schnappte sich einen matschigen Apfel, der unter einem der Bäume lag, er trat an den Rand des Grabens und ließ ihn hinunterplumpsen. Der giftgrüne Pflanzenteppich verschluckte ihn langsam und blubbernd, bevor er wieder hochkam. Nun schaukelte er im dickflüssigen Grün.

Auch wenn es hier völlig anders aussah, flach und nicht hügelig, die Bäume akkurat aufgereiht und nicht wild in die Landschaft gepflanzt waren, auch wenn es anders roch, nicht trocken-süß, eher feucht-sauer, der Wind weniger lieblich rauschte und die Vögel frecher sangen, dachte Saltapepe plötzlich an einen Picknickausflug in das Hinterland von Neapel. Eine Kindheitserinnerung, die er lange Zeit verdrängt hatte. Er war dort mit seinen Eltern und seinem Bruder hingefahren.

Sein Vater, Besitzer einer kleinen Tabaccheria in den Quartieri Spagnoli, hatte ihren alten Fiat Uno in den Schotterweg inmitten eines Olivenhains gelenkt, sie waren ausgestiegen, seine Mutter hatte die Picknickdecke unter einem der jahrhundertealten, verwachsenen Olivenbäume ausgebreitet, sie hatten grobe Salami aus einer neapolitanischen Metzgerei gegessen, Essiggürkchen aus dem Salernitano, sie hatten das Weißbrot in kalabresisches Olivenöl getunkt, Pomodorini vom Gemüsehändler in ihrer Straße zwischen Zunge und Gaumen zerplatzen lassen, die Eltern hatten Nero d’Avola getrunken, Saltapepe und sein Bruder frisch gepressten Orangensaft.

Saltapepe musste an seinen Vater denken, als er nun, sich immer weiter vom Tatort entfernend, zwischen den Bäumen umherlief. Er war nach langem Krebsleiden gestorben, als er selbst gerade einmal vierzehn gewesen war, kein Kind mehr, noch kein Erwachsener.

Die Krankheit hatte ihm zuletzt die Sprache geraubt. Saltapepe hatte den Tod seines Vaters immer als Erlösung empfunden. Als Erlösung von den Schmerzen. Er war froh, dass sein Vater nicht mehr hatte erleben müssen, dass er Polizist geworden war. Er hätte dessen Sorge, dessen Angst nicht ertragen. Er war Gott dankbar, dass er Zeit gehabt hatte, sich von seinem Vater zu verabschieden.

Er sah sich um. Wie unter Hypnose war er weitergelaufen, war immer tiefer ins Labyrinth des Mooses eingedrungen. Er schaute hoch zu den Bergen, er kannte sie nicht, sie sagten ihm nichts. Er vermutete, die Bauern hier orientierten sich an ihnen. Die Berge sagten ihnen wohl, wo Westen und wo Osten war.

Er hörte ein Knacken. Er drehte sich um. Nichts. Wieder ein Knacken. Noch immer sah er niemanden. Er spürte ein eigenartiges Unbehagen in sich aufsteigen. Knack. Noch einmal. Lauter. Näher. Instinktiv huschte er hinter einen der Bäume, lugte zwischen den Blättern hervor. Vielleicht lief der Mörder der beiden Frauen noch herum. Beobachtete sie. Beobachtete ihn. Vielleicht war der Mörder einer der Bauern, die sich in diesem Labyrinth blind zurechtfanden.

Um ihn herum nur Bäume, Erde, Äpfel. Er legte die Hand auf die Jacke, unter der sich seine Beretta befand. Er zog vorsichtig den Reißverschluss nach unten. Das Geräusch kam ihm ohrenbetäubend laut vor. Er hörte kein Knacken mehr. Kein Rascheln. Nur den Wind und das freche Singen der Vögel.

Er drehte den Kopf nach links, zwischen zwei Ästen glitzerte ein Spinnennetz, darauf ein schwarzer Punkt, lange, dünne Nadelbeine, Saltapepe spürte Gänsehaut am ganzen Körper.

»Fermo! Keine Bewegung«, flüsterte eine Stimme.

5

Die Glühbirne erhellte nur die hinterste Ecke des Schuppens. Die Luft war sauerstoffarm und voller Staub. Grauner unterdrückte ein Niesen und blinzelte mehrere Male. Er sah verrostete Ölfässer, Werkzeug in einer Ecke, einen vergilbten Pin-up-Kalender an der Wand. Das März-Mädchen des Jahres 2007.

Unter einem vergitterten Fenster stand ein schwarzer Holzofen. An der gegenüberliegenden Wand machte Grauner ein simples Holzbett mit einer Matratze aus. Darüber hing ein hölzerner Rosenkranz an einem Nagel. Links davon war ein Waschbecken montiert. Verrostet. Der Wasserhahn tropfte. Vor der Tür hatte der Commissario kurz überlegt, Belli aufzufordern, ihn zu begleiten. Aber der war schon wieder telefonierend auf und ab gelaufen. Er hatte es bleiben lassen.

Am kleinen Tisch saßen zwei Polizisten. Sie fixierten einen Mann mit Blicken, der den Kopf gesenkt hatte. Vor ihm stand ein Krug. Wasser darin. Die Gläser der beiden Polizisten waren leer, das des Mannes, es musste Tanner sein, war voll. Auf einem Teller lagen zu Dreiecken geschnittene Apfelstücke. Als die Polizisten sich umdrehten und Grauner erkannten, standen sie auf und entfernten sich vom Tisch. Der Commissario zog einen der Stühle zurück und setzte sich. Beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Treber. Das, was er für Wasser gehalten hatte, war klarer Schnaps. Der Bauer, der die beiden toten Frauen auf seinem Grundstück gefunden hatte, der vielleicht der Mörder war, regte sich immer noch nicht.

Das fettige Haar hing ihm übers Gesicht, sodass Grauner nicht sehen konnte, ob er die Augen geöffnet oder geschlossen hatte. Etwas tropfte zu Boden. Grauner wusste nicht, ob es Tränen waren. Die Hände hielt der Mann unter dem Tisch versteckt. Der Commissario war sich sicher, dass er die Initiative übernehmen musste, dass Tanner nicht von sich aus den Kopf heben und sprechen würde. Er dachte nach, er ließ ein, zwei Minuten verstreichen.

»Herr Tanner, mein Name ist Johann Grauner. Ich bin Kommissar der Staatspolizei. Ich ermittle in diesem Fall. Mir wurde gesagt, Sie hätten die beiden toten Frauen heute am frühen Morgen gefunden. Nach dem jetzigen Ermittlungsstand ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie ermordet worden sind. Wir befinden uns hier auf Ihrem Grund und Boden, Herr Tanner. Ich frage Sie frei heraus: Haben Sie den beiden Frauen etwas angetan?«

Keine Reaktion. Wieder tropfte etwas von Tanners Gesicht unter den Tisch, es war ein zu großer Tropfen, um eine Träne zu sein.

»Zwölfer-Heinrich, Sie müssen mit mir reden …«, sagte Grauner sanft. Nicht fordernd.

Der Bauer zuckte zusammen. Es war eine Reaktion auf seinen Spitznamen, wahrscheinlich hatte ihn schon seit Jahren keiner mehr bei seinem richtigen Nachnamen gerufen. Kurz blickte er auf, kurz wurde sein blasses Gesicht unter den strähnigen Haaren sichtbar. Grauner schnappte sich den Krug, schenkte sich ein und erhob das Glas.

»Prosit!«

Wieder das Zucken des Bauern. Wenn einer einen Trinkspruch sprach, wenn einer das Glas erhob, dann hob der andere ebenso sein Glas, es war ein Reflex, das steckte in den Genen der Südtiroler, in denen der Bauern ganz besonders.

Tanner strich sich das fettige Haar aus der Stirn, dann griff er nach dem Glas, hob es an, führte es zum Mund. Beim Trinken lief ihm der Treber übers Kinn und tropfte auf sein rotschwarz kariertes Flanellhemd.

»Ich kenne die Frauen nicht.«

»Noch nie gesehen?« Grauner beeilte sich, das Gespräch am Laufen zu halten.

»Noch nie gesehen.« Tanner nahm erneut das Glas, trank den Schnaps in mehreren Schlucken leer.

So trank kein sorgenfreier Mensch seinen Schnaps. Bei Schnaps nahm man einen Schluck, pausierte, nahm wieder einen. In mehreren Schlucken, ohne das Glas abzusetzen, so tranken Menschen, in denen die Angst wütete. Tanners Augen waren glasig.

»Bis wann waren Sie gestern hier auf dem Moos?«

»Ich … ich …«

»Sie leben hier unten, nicht wahr?«

»Ich …«

Tanner schaute wieder zu Boden. Grauner war klar, dass der Mann sich schämte. Etwas sagte ihm, dass Tanner Schlimmes im Leben wiederfahren war. Er beschloss, ihn nicht zu fragen, warum er hier unten wohnte, er würde es früher oder später sowieso erfahren.

»Wann sind Sie gestern Abend zu Bett gegangen? Wann haben Sie die Lichter ausgemacht?«

Tanner schaute überrascht auf. Er hatte wohl mit einem anderen Fortgang des Gesprächs gerechnet. In seinem Blick lag Dankbarkeit. Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Lippen.

»Gegen Mitternacht.«

»Ist Ihnen gestern Abend irgendetwas aufgefallen hier unten?«

Kopfschütteln.

»Oder im Laufe des Tages? Haben Sie Menschen gesehen, die hier nichts zu suchen haben? Auf Ihrem Grundstück? Auf den nebenan liegenden?«