Das tickende Herz - Rebecca Wild - E-Book
Beschreibung

»Mit einem Gentleman weiß ich leider nicht zu dienen, du musst wohl mit einem Piraten vorliebnehmen.« Clock, die seit ihrer Notoperation nichts mehr fühlen kann, führt mit ihrem Freund Elliot ein verstecktes Leben an Bord eines Handelsluftschiffs. Mit dem Auftauchen des geheimnisvollen Luftschiffpiratens Hawk und seiner Windmagie kehren jedoch all die verloren geglaubten Emotionen in die Kammern ihres mechanischen Herzens zurück. Als Hawk sie entführt, um an einen magischen Stein zu gelangen, muss sich Clock die Frage stellen, ob alles Eisen ist, was Elliot damals in ihrem Herzen verbaut hat …

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Seitenzahl:405

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REBECCA WILD

Das tickende Herz

STEAMPUNK ROMANCE

DAS TICKENDE HERZ

REBECCA WILD

© 2014 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © Sturmmöwen

Titelabbildung: © Gabriel Georgescu, © diuno

Korrektorat: Melanie Reichert, www.lekorrektorat.de

ISBN-Taschenbuch: 978-3-902972-37-8

ISBN-EPUB: 978-3-902972-53-8

www.romance-edition.com

Für meinen Bruder Kevin,der für mich mit Schild und Schwert gegen ein Wespennestgekämpft und tapfer verloren hat.

INHALT

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fuenf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwoelf

Dreizehn

Vierzehn

Fuenfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fuenfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Prolog

Eine Fabrik ist kein Ort für junge Damen, hörte Chloey die missbilligende Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf widerhallen, als sie sich zum dritten Mal in dieser Woche auf das Fabrikgelände von Davis Industries stahl.

Der Wachmann am Tor nickte milde lächelnd zur Begrüßung. Harris wusste ebenso wie sie, dass sie nicht allein hier sein sollte, aber er unternahm nichts, um sie aufzuhalten. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie er nach dem Telegrafen tastete, der auf dem Schreibtisch in seiner Hütte stand. Spätestens in einer halben Stunde würde ihr Vater hier auftauchen. Mr. Davis mochte es nicht, wenn seine zwölfjährige Tochter unbeaufsichtigt auf dem Fabrikgelände spielte.

Die Schultern gegen die Kälte eingezogen, rannte Chloey die grob asphaltierte Straße hinunter, die zu den einzelnen Fabrikhallen führte. Sie vergrub ihre Hände tief in den Manteltaschen, um ihre taub gewordenen Finger zu wärmen. Es war einer der ersten Frühlingstage, aber der Wind war noch kalt und beißend. Er kratzte Chloey über die Wangen und zerrte an ihrem dünnen Mantel. Es war einer dieser Tage, die man lieber mit einer heißen Tasse Tee vor einem Dampfkamin verbrachte, die Decken eng um sich geschlungen und ein Buch in der Hand. Trotzdem bereute Chloey es nicht, sich mit der Ausrede von Schmerzen in der Brust vor dem Besuch der Ashtons gedrückt zu haben. Mr. Ashtons bellende Stimme war ihr zuwider und am Ende würde sie sich eine halbe Stunde lang Miss Lucy Ashtons schiefes Geklimper am Klavier anhören müssen. Eine halbe Stunde, in der Chloey dem schmallippigen Gesichtsausdruck ihrer Mutter begegnen musste – die stumme Anschuldigung, wieso ihre Tochter kein Instrument beherrschte.

Zwischen den Hallen drei und vier blockierte eine Dampfkutsche aus nachtblau lackiertem Stahl den Weg. Der einarmige Bill stand daneben, die Pfeife schief im Mundwinkel hängend und wies mit dem verbliebenen rechten Arm wild fuchtelnd zwei Automaten wegen der Übersiedlung einer neuen Dampfkutsche in Halle vier ein. Die mit Zahnrädern betriebenen Maschinen ähnelten in ihrer Form grob einem Menschen, denn sie besaßen einen Kopf, zwei Greifarme und einen Rumpf. Anstatt Beine prangten jedoch Räder am unteren Ende, die sich für die Fortbewegung besser bewährt hatten. Die Automaten waren eins der ersten Gerätschaften, die bei Davis Industries hergestellt worden waren. Das Modell, mit dem Bill gerade zu kämpfen hatte, war veraltet. Sie waren nicht nur ungelenk, sondern auch etwas schwer von Begriff.

Bill schimpfte laut, als einer der Apparate ein Rad falsch packte und die Kutsche daraufhin ins Schwanken geriet. Im nächsten Moment erklangen das dumpfe Geräusch von hallendem Blech und das protestierende Summen des Automaten, als Bill mit einer Zeitung nach ihm schlug.

Leise schmunzelnd, ging Chloey um das Stahlgerüst der Dampfkutsche herum und schritt den Pfad zum unbenutzten Teil des Geländes hinab.

In den Industriehallen eins bis fünf herrschte der vertraute rege Betrieb von klapperndem Metall und ratternden Maschinen. Dampf zischte von Ventilen an den Wänden nach draußen und mischte sich in einem zweifarbigen Schleier mit den Fabrikabgasen. Nur die sechste Halle lag still und unbeachtet da. Die Öfen dort heizten schon lange nicht mehr, nachdem vor zwei Jahren eine Hitzewelle eine unvorhersehbare Reaktion von Chemikalien verursacht hatte. Die Explosion hatte das Gebäude erschüttert und einen Teil der Innenräume in Schutt und Asche gelegt. Nur ein paar Räume waren noch stabil genug, um als Lager benutzt zu werden. Das Kellergeschoss war unbeschädigt geblieben, dennoch stand die Fläche dort unten lange leer, bis ihr Vater beschlossen hatte, in der Stille dieses Geschosses seine Werkstatt zu errichten. Ein Labor, ausgelegt mit Platten aus Stahl, weshalb sie den Raum bald nur noch die Stahlkammer nannten.

Dorthin war Chloey an diesem Vormittag unterwegs. Unterhalb des teilweise eingestürzten Fabrikgebäudes arbeitete sie mit ihrem Vater an einem Prototyp für einen Tanzautomaten. Der Gedanke an den Skandal, den die Einführung einer solchen Maschine in die Ballsäle der Londoner Gesellschaft mit sich bringen würde, erheiterte sie beide.

Am Eingang der geschlossenen Halle nahm Chloey eine Öllampe vom Sockel und entzündete die Flamme. Vorsichtig schob sie sich an den Trümmern vorbei ins Innere. Staub, den sie mit jedem Schritt aufwirbelte, legte sich um ihren Mantel und flimmerte im dämmrigen Licht. Ihre Schritte hallten laut und unwirklich inmitten der leeren Räume. Diesen Teil des Gebäudes hatte sie noch nie gemocht. Schnellen Schrittes betrat sie die Treppe, die ins Kellergewölbe hinabführte. Der Stahl des Treppengeländers presste sich kalt gegen ihre Fingerspitzen. Am unteren Ende angekommen, tastete Chloey nach den Streichhölzern in ihrer Rocktasche, um die Öllampen an der Wand zu entzünden, doch ein Blick auf die eisenummantelte Tür zur Stahlkammer ließ sie in der Bewegung erstarren.

Die Tür stand offen, ein schwaches Licht flimmerte durch den Türspalt nach draußen. Chloey stockte der Atem. Was war das? So ein Licht hatte sie noch nie gesehen … Wie ein tanzender Regenbogen flackerte es über den verstaubten Boden. Ein leuchtendes Rot in diesem einen Moment. Ein elektrisierendes Blau im nächsten. Es pulsierte wie ein Herzschlag, weitete sich aus und zog sich wieder zusammen.

Geisterhaft. Überirdisch.

Chloey schüttelte sich. Sie hatte davon gehört, aber es war das erste Mal, dass sie es wirklich sah: Magie.

Sie fröstelte noch immer, aber als sie die Tür ganz aufschob, waren ihre Handflächen warm und feucht.

Die Stahlkammer war ein Chaos durcheinandergeworfener Werkzeuge und Maschinenteile. Der Tanzautomat lag vornübergebeugt in einer Ecke; eine faustgroße Delle drückte das Kupferblech seiner rechten Gesichtshälfte ein, wo man ihn gegen die Stahlwand gestoßen hatte.

Unterhalb des Stahltischs in der Mitte des Raums lag ein erschöpft zusammengebrochener Junge, die helle Haut blass und kränklich. Er konnte nicht viel älter als sie selbst sein. Höchstens vierzehn. Trotz der eisigen Temperaturen trug er nur eine Weste aus rotem Samt und eine knielange Hose. Die Füße waren nackt und bläulich verfärbt. Die Hände hatte er vor sich zusammengeschlagen. Bunte Lichter brachen zwischen seinen Fingern hervor, wo er etwas an seine Brust gedrückt hielt, als wäre es sein letzter Halt auf Erden.

Ein Ring aus Eisenschrauben war sorgfältig um den Jungen ausgelegt worden.

Chloeys Knie zitterten, als sie sich niederhockte und dabei versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Es war nicht gut für ihr Herz, wenn sie sich aufregte, hatte der Doktor gesagt. »Hallo?«, fragte sie vorsichtig. Sie stellte die Öllampe mit einem dumpfen Klonk neben sich auf dem Boden ab.

Der Junge rührte sich nicht.

Ob er tot war? Am liebsten wäre sie nach oben gerannt, um ihren Vater zu holen, aber was, wenn der Junge verletzt war und ihre Hilfe benötigte? Zaghaft rutschte Chloey näher an ihn heran und griff nach seinen blonden Strähnen. Dabei durchbrach ihr Knie den Ring aus Eisenschrauben; die Augen des Jungen öffneten sich schlagartig, stahlgrau und dunkel vor Entsetzen.

Von der Furcht in seinem Blick überwältigt, rang Chloey nach Luft. Sie wollte wegrutschen, aber die Hand des Jungen schloss sich um ihren Arm und hielt sie zurück. Flehentlich. Auf der Innenfläche seines Handgelenks glänzte eine bläulich schimmernde Zeichnung: dunkle Kringel und ein Vogelauge. Aus dem Augenwinkel sah Chloey einen Gegenstand aus seinem Griff herausrollen, an ihren Knien vorbei und über den Ring aus Schrauben hinaus. Eisen klirrte, die bunten Lichter erloschen und der Junge begann zu schreien.

Es war ein panischer, hilfloser Laut, der sich wie eine Gewehrkugel in ihr Herz fraß. Seine Finger gruben sich fester in ihren Oberarm; es tat weh, aber anstatt zu flüchten, kam Chloey näher. Sie legte ihren freien Arm um seine Schultern, zog ihn an sich, hielt ihn, während er wimmerte und zitterte, entschlossen, ihn zu beschützen, wovor auch immer er sich inmitten der Schatten fürchtete.

Fast zwanzig Minuten harrten sie so aus, bis ihr Vater die Stahlkammer betrat und nach einem Arzt schickte.

Das war ihre erste Begegnung mit Elliot Green.

Eins

Leere Sekundenschläge

Sieben Jahre später …

Clock rutschte absichtlich beim Kartoffelschälen ab. Das Messer hatte sie erst am Tag davor frisch geschliffen. Die Klinge war scharf; sie schnitt in das weiche Fleisch ihrer Daumenkuppe, als wäre sie aus Wachs.

Abwesend beobachtete sie, wie sich die Wunde mit Blut füllte. Ein feiner roter Strich, nicht viel breiter als ihr Daumennagel. Clock hatte es vor Monaten aufgegeben, auf den Schmerz zu warten. Da waren nur Leere, die Ahnung von Verlust und das tickende Geräusch ihres Herzens.

»Chloey?«, ertönte es hinter ihr. Die Menschenstimme wirkte laut und unwirklich neben dem Rattern des Luftschiffmotors und dem schrillen Zischen entweichenden Dampfs.

Clock brauchte sich nicht umzudrehen, um Elliot im Türrahmen stehen zu sehen. Selbst wenn ihr seine Stimme nicht ebenso vertraut wie ihre eigene gewesen wäre, hätte sie sofort gewusst, dass er es war. Er war der Einzige, der sie noch bei ihrem menschlichen Namen nannte. Ironisch, wenn man bedachte, dass er es gewesen war, der sie ihrer Menschlichkeit beraubt hatte.

»Chloey? Bist du verletzt?« Elliots blonder Wuschelkopf schob sich in ihr Blickfeld. Ein Chaos wilder Strähnen, die aussahen, als würden sie ständig unter Strom stehen. Sorge blitzte ihr aus seinen Augen entgegen. Stahlgrau. Die Farbe von Eisen. Wenn Elliot sie auf diese Weise ansah, war es, als würde er bis in die verstecktesten Tiefen ihres Ichs blicken. Konnte er ihr deshalb kaum mehr in die Augen sehen? Erschreckte ihn, wer sie jetzt war?

»Es ist nur ein kleiner Schnitt«, versicherte sie ihm und versuchte, ihre Hand unter dem Ärmel ihrer Bluse zu verstecken.

Elliot wollte davon aber nichts wissen. Er hatte ihren verletzten Daumen bereits in seine schwieligen Hände genommen und inspizierte ihn mit der gleichen Konzentration und Ernsthaftigkeit, die er sonst der Entwicklung seiner Maschinen vorbehielt. Seine Hemdsärmel waren fleckig vom Schmieröl; Elliot krempelte sie bis über die Unterarme hoch und enthüllte die bleiche Haut darunter. Ein kleines Tattoo kam auf der Innenseite seines rechten Handgelenks zum Vorschein. Die Jahre hatten es zu einem grauen Schimmer verbleichen lassen, aber Clock hatte die Zeichnung seit dem Tag, als sie Elliot in der Stahlkammer gefunden hatte, nicht mehr vergessen. Sie sah sie immer noch – die zarte Kontur des geschwungenen Kreisels und das Vogelauge in seiner Mitte.

Sie hatte nie herausgefunden, was die Zeichnung bedeutete. Genauso wenig, wie Elliot ihr je von seiner Kindheit erzählt hatte. Bevor er wie aus dem Nichts in der Stahlkammer aufgetaucht war und ihr Vater ihn aufgenommen hatte. Verliebt wie sie gewesen war, hatte sie sich – damals noch Chloey – nie an Elliots Geheimnissen gestört. Doch heute war sie jemand anderes. Clock, wie sie mittlerweile alle nannten. Und als diese stellte sie sich immer öfter Fragen.

»Vielleicht«, bemerkte Elliot. Sein Blick war auf ihre Schnittverletzung gerichtet, während er in seine Gürteltasche griff. Sie war aus verwittertem braunem Leder. Seit dem Tag, als er sie von Mr. Davis bekommen hatte, hatte Clock ihn selten ohne sie gesehen. Sie war damals erst zwölf gewesen – der Herzschlag lebendig, wenn auch kränklich in der jungen Brust und sie erinnerte sich noch ihrer Ehrfrucht vor den vielen Wundern, die Elliot aus der Tasche gezaubert hatte. Als Kind war sie der festen Überzeugung gewesen, die Tasche sei mit einem Feenzauber verhext worden – was man auch brauchte, man konnte sicher sein, es in Elliots Gürteltasche zu finden. Ein Bonbon gegen Kummer. Streichhölzer gegen die Dunkelheit. Schrauben und Zahnräder gegen ein nicht mehr schlagen wollendes Herz.

»Aber man sollte die Wunde trotzdem säubern, sonst könnte sie sich infizieren«, sagte Elliot und zog ein Fläschchen Alkohol aus einem der vielen Fächer. Er tränkte die Spitze eines Taschentuchs mit der beißenden Flüssigkeit und tupfte anschließend ihre Schnittwunde damit ab. Seine Finger waren so behutsam, als könnte der Kontakt Schmerzen bei ihr hervorrufen.

»Du solltest vorsichtiger sein«, sagte er und klebte ein Pflaster auf ihren Daumen. Die Dutzende anderer Schnittwunden auf ihren Händen kommentierte er nicht. Eine Reihe fehlgeschlagener Versuche, etwas zu fühlen, alle mit dem gleichen Ergebnis. Egal, wie oft sie sich verletzte, sie spürte immer nur die gleiche eintönige Leere.

Clock fand Elliots Behandlung ein wenig übertrieben, aber ihm schien so viel daran zu liegen, sich um sie zu kümmern, dass sie es nicht über sich brachte, ihn abzuwimmeln. Er mochte sie zwar ihrer Menschlichkeit beraubt haben, aber selbst mit Gefühlen wäre es ihr schwergefallen, einen Groll gegen ihn zu hegen. Er hatte ein so offenes, freundliches Gesicht. Ein Lächeln genügte und selbst der ungehobelteste Rüpel wollte sein Freund werden. Es war dieses Lächeln, in das sie sich verliebt hatte, als sie zu solchen Gefühlen noch imstande gewesen war. Mit dem blonden Wuschelkopf und einer Brille, die mehr Linsen besaß, als Clock zählen konnte, hätte Elliot nicht harmloser aussehen können. Es war einfach, zu vergessen, dass sich hinter den grauen Augen ein Verstand verbarg, der noch viel schärfer als das Messer war, mit dem sie sich verletzt hatte.

Sie musste es wissen.

Sie trug Narben, die das bewiesen.

»Ich sollte dir Messerklingen an die Finger schweißen«, sagte Elliot, während er seine Utensilien in der Gürteltasche verstaute. »Dann müsstest du nicht immer so viel Zeit mit Kartoffelschälen verschwenden.«

Clock sah ihn unbewegt an. Elliot hob den Blick, ließ ihn kurz über ihre versteinerten Züge gleiten und senkte ihn schließlich wieder in deutlichem Unbehagen. Die Spitzen seiner Ohren verfärbten sich rot, wie immer, wenn ihm etwas peinlich war. Sie wusste noch, wie sie das einmal zum Lächeln gebracht hatte und wie sich dieses Lächeln auf den Lippen angefühlt hatte. Manchmal versuchte sie noch, die Regung nachzuahmen, aber das bemühte Verziehen ihrer Mundwinkel schien Elliot noch mehr zu verschrecken, als wenn sie gar nicht lächelte, also ließ sie es inzwischen bleiben.

»Gott, Chloey, das war ein Scherz. Ich würde nicht …«, er stockte. »Du weißt doch …«

Ihr Herz besaß mehr Schrauben als Muskeln. Also nein, sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass Elliot so gehandelt hatte, um sie zu retten, daher würde sie es ihm nicht vorwerfen.

»Mir macht das Schälen nichts aus«, wechselte sie das Thema und war zufrieden, Elliots erleichtertes Ausatmen zu hören. Sie schien einmal das Richtige gesagt zu haben. »Ich bin gern hier unten.«

Es mochte merkwürdig erscheinen – sich hier unten neben dem Gestank von Metall und dem tiefen Grollen der Motoren zu verstecken, wo sie doch solche Umwege gegangen waren, der Industrieverpestung auf der Erde zu entkommen. Aber hier konnte sie wenigstens sie selbst sein. Was auch immer das noch bedeutete. Die Maschinen stellten keine Erwartungen an sie. Niemand beäugte sie komisch, wenn sie die falsche Antwort gab oder vergaß, über einen Witz zu lachen. Niemand, den ein Herz aus Metall gestört hätte.

»Dann tut es mir leid, dich von hier weg zu bitten, aber deine Meinung wird an Deck gebraucht.«

»Schon wieder?«, fragte Clock und erhob sich von dem kümmerlichen Holzhocker, auf dem sie den gesamten Vormittag verbracht hatte. Es dauerte seine Zeit, Kartoffeln für eine ganze Schiffsmannschaft zu schälen. Insofern hatte es auch seine Vorteile, keinerlei Empfindungen zu haben, sonst könnte sie sich vor Rückenschmerzen wohl gar nicht mehr rühren.

Clock klopfte sich Erde und Schalenreste von ihrer Hose, dann nahm sie den Abfalleimer in die Hand und leerte den Inhalt in den Zerkleinerer.

»Um was geht es diesmal?« Sie zog den schweren Messingdeckel über die Luke und begann mit dem linken Stiefel das Pedal am unteren Ende des Apparats zu pumpen. Durch die Bewegung ihres Fußes drehte sich die Klinge am Boden des Zerkleinerers und hackte seinen Inhalt auf Millimetergröße. Als sie sicher sein konnte, die Kartoffelreste ausreichend zerkleinert zu haben, zog sie am Hebel, der den Abfall auf die Erde rieseln lassen würde.

Der Zerkleinerer war nur eine von Elliots unzähligen Erfindungen, die man im gesamten Luftschiff verteilt fand. Seinem Scharfsinn war es zu verdanken, dass der Kapitän überhaupt zugestimmt hatte, Clock mit an Bord zu nehmen. Frauen waren nur ungern auf solchen Schiffen gesehen, aber Elliots Hirn war sein Gewicht nun mal in Gold wert und Murray war klug genug gewesen, das ebenfalls zu erkennen. Der Kapitän der Sterntaler schreckte jedoch nicht davor zurück, seiner Abneigung gegen sie mit kleinen Böswilligkeiten Ausdruck zu verleihen – sie verrichtete mehr Drecksarbeit als der niedrigste Maat.

»Henry hat mal wieder beim Kartenspielen geschummelt. Man vermutet, dass er Dexter mit einem geklauten Flaschenzauber aus der Schiffsfracht verhext hat. Nichts Gröberes als einer der billigen Pechzauber, aber Grund genug für Dexter, eine Prügelei anzuzetteln.«

Clock war Elliot in den Gang hinaus gefolgt, doch nun hielt sie inne. Henry hatte versucht, Dexter zu betrügen? Der Mann musste Testikel aus Stahl haben, sich mit dem Muskelmann anzulegen.

»Jetzt wollen die Jungs wissen, wer mehr im Unrecht ist und wie die Strafe ausfallen soll«, sagte Elliot.

Clock nickte und setzte sich wieder in Bewegung. Seit sie vor knapp eineinhalb Jahren an Bord der Sterntaler angeheuert hatten, hatte es sich immer mehr eingebürgert, Clock bei Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichterin hinzuzuziehen. Das Fehlen jeder Emotion machte sie wohl zu einer geeigneten Kandidatin für diese Rolle. Leider war es auch der Grund, weshalb Clock jeden Morgen mehr fürchten musste, von Kapitän Murray über Bord geworfen zu werden. Bei zweitausend Metern Höhe konnte man mit keiner sanften Landung rechnen.

Schlimm genug, dass sie eine Frau war, trug sie zusätzlich noch so skandalöse Sachen wie Hosen und besaß den Charme eines Steins. Murrays abgrundtiefen Hasses war sich Clock aber erst sicher gewesen, als ihm seine Männer eine junge Frau von neunzehn Jahren als Richter vorgezogen hatten.

»Weißt du schon, wie du stimmen wirst?«, erkundigte sich Elliot und hielt die stahlummantelte Tür zum oberen Deck auf.

»Gegen Henry«, entgegnete Clock und trat nach draußen. Sie blinzelte im hellen Licht der Sonne. Nach all der Zeit, die sie unter Deck verbracht hatte, erschien ihr das Tageslicht grell und störend. »Wer dumm genug ist, Dexter beim Kartenspiel mit einem Flaschenzauber zu betrügen, gehört einfach bestraft.«

Clock saß auf der Reling, den Kopf in den Nacken gelegt und beobachtete den Himmel durch die orange gefärbten Gläser ihrer Schutzbrille. Der gelb gebleichte Ballon der Sterntaler schwebte über ihr im Wind und trug das Luftschiff über die Küste auf Liverpool zu und zurück nach England, wo Murray hoffte, seine neueste Fracht zu verkaufen. Nicht die Kisten billigen Fusels, die als offizielles Handelsgut des Luftschiffs eingetragen waren, sondern die wahre Fracht. Die verbotene Fracht. Die, die sie in grün getönten Flaschen zwischen dem Rotwein lagerten. Abgefüllte Zauber und Flüche, die sie auf dem illegalen Feenmarkt erstanden hatten und teuer weiterverkauften.

Der letzte Marktstandort war ihnen sehr kurzfristig übermittelt worden und als sie an den Klippen der Dubliner Küste eingetroffen waren, waren die besten Zauber schon weg gewesen. Ein paar Flaschen Haarwuchstränke, Einhornspeichel und einige fragwürdige Liebeszauber waren alles, was sie noch hatten ergattern können. Kurz darauf waren die Fae wieder durch ihre Portale nach Annwn zurückgekehrt und der Feenmarkt war verschwunden gewesen, als hätte es ihn nie gegeben. Da sie empfindlich auf das viele Metall der Menschenwelt reagierten, blieben die Fae nie länger als notwendig.

Sie hatten kaum genug Gewinn gemacht, um das Luftschiff in Betrieb zu halten. Murray hatte seitdem die Laune eines Tanzbären und sie waren alle darauf bedacht, ihm aus dem Weg zu gehen.

Ihre Mannschaft bestand zu einem Großteil aus Gaunern und ihr Kapitän war der größte Gauner von allen. Jedoch war er der Einzige gewesen, der überhaupt bereit gewesen war, sie anzuheuern. Schon verrückt, welche Wendungen das Leben nehmen konnte …

Es war schon immer Elliots Traum gewesen, auf einem Luftschiff den Himmel zu erkunden. Für Clocks Vater war Elliot wie der Sohn gewesen, den er sich immer gewünscht hatte. Kaum hatten sie ihn im Kreis der Familie aufgenommen, hatte er begonnen, mit der Hilfe ihres Vaters – Mr. Davis – einen Flugapparat nach dem anderen zu entwerfen. Die meisten seiner Entwürfe hatten sich als zu gefährlich entpuppt, um einen Testlauf zu riskieren, aber Elliot hatte in seinem Streben niemals aufgegeben. Für die alte Chloey war es einer der Gründe gewesen, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte. Und selbst heute – als Clock – fand sie diese Eigenschaft an ihm bewundernswert. Nicht viele Menschen besaßen diesen Kampfgeist und unerschütterlichen Optimismus.

Clock schüttelte die Erinnerung an ihr altes Ich mit einem Ruck ihres Kopfes von sich. So vieles war damals anders gewesen. Sie war anders gewesen. Als die neureiche Göre, die sie gewesen war, hatte sie nie eine Kartoffel jenseits ihres stets gefüllten Tellers zu Gesicht bekommen. Und hier war sie nun Dienstmädchen auf dem schäbigsten Handelsluftschiff der englischen Luftströme. Eine Fluchschmugglerin.

War es klug gewesen, mit Elliot durchzubrennen? Wahrscheinlich nicht. Sie besaßen kaum eigene Mittel, aber als ihr Herz noch gefühlt hatte, war es immer ihr Wunsch gewesen, ihr Leben Seite an Seite mit Elliot zu verbringen und in der piekfeinen Londoner Gesellschaft hätte man ihr dies niemals erlaubt.

»Und ich dachte, wir wären Freunde«, sagte ein recht übel zugerichteter Henry und hockte sich neben sie auf die Reling. Der Wind peitschte wütend hier oben und es war schwer, die eigenen Worte zu verstehen. Von einer Konversation ganz zu schweigen. Anfangs hatte Clock gemeint, die kehlige Stimme vieler Luftschiffarbeiter stamme von einem Hang zu dramatischen Auftritten. Jetzt wusste sie, dass es daran lag, dass jedes zweite Wort gebrüllt wurde.

»Du bist selbst schuld, wenn du dich mit Dexter anlegst«, sagte sie und lehnte sich nach hinten.

Mit ihrer linken Hand hielt sie ein Seil umklammert, ansonsten schwebte sie von der Hüfte aufwärts in der Luft. Eine plötzliche Wendung des Windes, ein kleiner Riss im Seil und sie würde zweitausend Meter in die Tiefe stürzen.

Clock ließ ihren Blick über die weiten Landmassen unter ihr schweifen, über die schwarzen Rauchschwaden, die alles verschluckten und den dunklen Schleier schmutzigen Öls, der sich wie ein gewaltiger Tropfen verschütteter Tinte von der Küste in den Ozean ausbreitete.

Vor der Sterntaler war sie nur ein einziges Mal an Bord eines Luftschiffs gewesen – der Holy Anne. Damals, als sie noch Chloey gewesen war. Admiral Sutherland hatte sie mit seinem Geld und Besitztümern beeindrucken wollen und ihre Familie zu sich eingeladen. Sie hatte sich nicht näher als zwei Meter an die Reling des gewaltigen Luftschiffs herangewagt, weil sie so große Angst vor der Tiefe gehabt hatte.

Diese Angst existierte heute nicht mehr. Ob das gut oder schlecht war, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen.

Wie von selbst glitt ihre Hand ein Stück am Seil entlang nach unten. Ob sie Angst empfinden würde, eine Sekunde vor dem Aufschlag?

Plötzlich zog sie jemand zurück und ehe sie sich versah, stand sie wieder auf dem Deck, den Boden sicher und höhnend unter ihren Füßen.

»Clock, was soll der Unsinn?«, fragte Henry aufgebracht, eine Hand noch immer um ihren Oberarm geklammert. »Elliot wird rasend, wenn er erfährt, dass du so leichtsinnig deinen Hals riskierst.«

»Mein Hals. Meine Angelegenheit«, erklärte Clock.

»Du machst es einem echt schwer, dich zu mögen, weißt du das?« Scheinbar irritiert fuhr er sich durch die dichten Locken. »Und ich kann nicht glauben, dass du mir eine ganze Woche Deckschrubben aufgebrummt hast.«

Clock betrachtete Henry mit schief gelegtem Kopf. Er hatte ein blaues Auge und eine Nase, die aussah, als wäre sie gebrochen und kurz danach wieder zurechtgerückt worden.

Wäre in ihr nur ein mitfühlender Knochen, hätte sie für ihn gestimmt. Er war der bessere Mann von den beiden. Mit seiner schmächtigen Gestalt und dem klugen Kopf war er vollkommen ungeeignet für die harte Arbeit an Bord eines Handelsschiffs, aber Henry hatte schnelles und gutes Geld gebraucht. Seine Schwester war sehr krank gewesen, hatte man ihr erzählt – gequält von der gleichen Lungenkrankheit, die schon so viele in England dahingerafft hatte.

Niemand, der an Bord der Sterntaler anheuerte, war mit einem leichten Schicksal gesegnet. Sie hatten alle ihre Geschichten, jeder ein anderes Klagen.

»Es tut mir leid«, sagte Clock, weil sie es für angebracht hielt.

»Schon gut. Ich weiß, dass du … anders denkst.«

So konnte man es höflich ausdrücken.

»Ryder! Mason!«, schallte Kapitän Murrays Stimme über Deck. »Habt ihr keine Arbeit zu erledigen oder wieso steht ihr so faul in der Gegend rum? Wir kommen morgen in Manchester an, da gibt es mit Sicherheit noch genug für euch zu erledigen, meint ihr nicht?« Der schwarze Bart des Kapitäns zitterte mit jeder hervorgeknirschten Silbe. Er besaß einen rauen Südseeakzent, der mehr an einen Piraten als an einen respektablen Handelsschiffkapitän der englischen Krone erinnerte. Andererseits war respektabel auch kein Wort, das mit Murray leicht in Verbindung gebracht wurde. Sollten seine Schmugglergeschäfte auffliegen, war ihm der Strick so gut wie sicher. Schwarze kleine Augen funkelten Clock finster aus dem wettergegerbten Gesicht an. Murray bestand nur aus harten Linien, krausem dunklen Haar und ledriger Haut. Die Augen funkelten weiter und Clock wurde bewusst, dass sie ihm nicht geantwortet hatte. Henry war längst mit einer gemurmelten Entschuldigung davongehuscht und band zwei Kisten mit Hungerflüchen zusammen.

Die meisten Mannschaftsmitglieder hatten Angst vor ihrem Kapitän, aber dafür fehlte es ihr an dem nötigen Selbsterhaltungstrieb. Clock brachte außerdem wenig Lust auf, Murrays Speichellecker zu spielen.

Das Gesicht ihres Kapitäns wurde mit ihrem anhaltenden Schweigen immer roter und langsam hatte sie auch keine Lust mehr, ihn weiter anzusehen. Den Kopf in den Nacken gelegt, ließ sie den Blick über den azurblauen Himmel schweifen. Schon als kleiner Junge hatte Elliot von der smogfreien Luft und der Freiheit in den Lüften geschwärmt. Clock war sich in vielen Bereichen ihres Lebens unsicher geworden, aber eins wusste sie: Das hier war keine Freiheit.

Murray zerrte an ihrem Ärmel. Er schrie etwas, aber seine Worte wurden von einer plötzlichen Windböe verschluckt und ins Nichts davongetragen. Der Wind roch süß und blumig – wie in den Gewächshäusern, die ihre Mutter so gern kultiviert hatte. Ein merkwürdiges Bild lockte in Clocks Augenwinkel. Murray zerrte weiter an ihrem Ärmel, kraftvoller als zuvor. Sie musste sich an der Reling festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dennoch hielt sie ihren Blick stur gen Himmel gerichtet – auf die weiße Wolke über ihnen und die märchenhafte Erscheinung in ihrer Mitte.

»Kapitän Murray«, sagte sie ruhig. Nicht einmal das verzauberte Bild vor ihren Augen ließ ihr Blut schneller fließen.

»Was?«, keifte er.

»Die Wolke.« Sie deutete nach oben. »Die Wolke hat Flügel.«

Zwei

Angriff der Harpyie

Hawks Blick war wie gebannt auf den funkelnden Steinsplitter an der Spitze der Kompassnadel fixiert. Sieben Jahre lang war Hawk durch die Lüfte sämtlicher Kontinente gesegelt und nie hatte der Splitter eine einzige Regung von sich gegeben. Schwarz und leblos hatte er gemeinsam mit Hawks Hoffnung sein Strahlen verloren. Jetzt leuchtete er wieder in dem vielfältigen Spektrum der Farben der Magie. Ein helles Violett im einen Moment und ein schillerndes Grün im nächsten. Das plötzliche Vibrieren der Nadel lief wie Feuer durch seine Venen.

Ein Grinsen breitete sich über Hawks Gesicht aus. Er lehnte sich weit über die Reling, bis sein Kopf den magischen Schild um die Golden Harpy durchbrach und der Wind ungehindert durch sein Haar fuhr. Mit einem seligen Seufzer ließ er die Luftströme seine Wangen kitzeln und hieß sie willkommen wie einen alten Freund. Unter ihnen segelte ein Luftschiff, so schäbig und unscheinbar, dass Hawk niemals geplant hätte, dort zu suchen.

Sterntaler, las er die abgeblätterten Buchstaben am Bug des Schiffes. Wie gerissen von Elliot, sich in Hawks eigenem Element zu verstecken. Dort, wo er ihn am wenigsten vermutet hätte. Aber gerissen hin oder her – Hawks Blick glitt über die vibrierende Kompassnadel, deren Spitze direkt auf den Ballon der Sterntaler gerichtet war – am Ende hatte er ihm doch nicht entkommen können. Nach all den Jahren hatte er den Dieb Elliot Green endlich gefunden und der Gedanke daran, ihn für seinen Verrat endlich bestrafen zu können, erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung.

Hawk stieß einen lauten Pfiff aus, ließ ihn vom Wind über das gesamte Deck tragen und gab das Signal zum Angriff. Unter dem Gebrüll seiner Männer stieß die Harpyie in die Tiefe.

Wie sich herausstellte, besaß die Wolke keine Flügel, dafür aber das Luftschiff, das wie ein Pfeil aus ihr herabgestürzt kam. Clock hatte nie dergleichen gesehen. Gewaltige Schwingen, die anstelle eines Ballons den Schiffskörper durch die Lüfte trugen. Goldene Federn, die wie Feuer unter den Strahlen der Sonne glühten. Clock war von der Schönheit des Anblicks gebannt, deshalb bemerkte sie erst, dass sie angegriffen wurden, als der erste Aufprall die Seite der Sterntaler traf.

Es war kein Angriff, wie ihn Clock jemals erlebt hatte. Keine Kanonenkugel, keine Waffe, die mit dem bloßen Auge erkennbar gewesen wäre, sondern ein Luftschwall, der sie Steuerbord erwischte und das Schiff zum Beben brachte.

Ein Warnschuss, wurde ihr bewusst. Hätte man auf den Ballon gezielt, würden sie nun abstürzen. Die Wucht des Aufpralls brachte Clock dennoch zu Fall und auf einmal hielten Arme ihre Taille umklammert und ein Geruch von Schmieröl und Metall stieg ihr in die Nase.

»Chloey«, rief Elliot an ihrem Ohr. »Bist du in Ordnung?«

Sie nickte und ließ sich von ihm nach oben ziehen. Ihr Blick glitt über das wachsende Chaos an Deck und das Luftschiff über ihren Köpfen. »Was ist das für ein Schiff?«

Elliot antwortete nicht. Er sah sie auch nicht an. Die stahlgrauen Augen waren auf die magische Erscheinung über ihnen fixiert, während seine Finger unruhig an dem Eisenring in seiner Augenbraue drehten. Er wirkte verloren.

Clock starrte ihn an. Elliot war nie verloren. Nicht mehr seit dem Tag ihrer ersten Begegnung in der Stahlkammer.

»Das ist Hawks Schiff«, beantwortete Henry ihre Frage und zog sich an der Reling nach oben. »Die Golden Harpy. Ich habe Bilder von ihr gesehen.« Er musste etwas unsanfter als sie gestürzt sein. Eine blutige Schramme klaffte auf seiner Stirn.

»Hawk?«, fragte Clock. »Der Pirat aus den Kindergeschichten?«

Henry nickte. »Bei euch Landratten mag er vielleicht nichts weiter als das sein. Ein Schreckgespenst, von dem Mütter ihren Kindern erzählen, um sie von so gefährlichen Orten wie dem Himmel fernzuhalten.« Ein bitterer Ausdruck huschte über Henrys Gesicht. »Aber hier oben ist er harte Realität.«

»Aber ich dachte, er ist ein Fae«, beharrte Clock. »Die Fae können in unserer Welt nicht überleben. Die Abgase und das viele Metall töten sie.«

»Genug davon«, warf Elliot dazwischen. »Wir haben keine Zeit zum Schwatzen.« Er zog an ihrem Handgelenk, aber Clock rührte sich nicht. Ihr Blick war wieder an die Silhouette des geflügelten Schiffes gefesselt.

Sie konnte einfach nicht glauben, dass es kein Trick war. Keine Illusion. Sie mochten vielleicht Flüche in Flaschen schmuggeln, aber die Hälfte der Zauber, die sie kauften, war billig und nutzlos. Kaum mehr als Taschentrickspielereien. Aber dieses Schiff war anders, seine Form von Magie erschreckend real. Ihr ganzes Leben hatte Clock umgeben von Flugmaschinen und sonstigen Apparaten verbracht und alles Mögliche über sie gelernt; ihr Verstand sagte ihr, dass das geflügelte Schiff über ihnen gar nicht existieren konnte. Wie hielt es sich in der Luft? Es musste mehrere Tonnen wiegen und die Flügel wirkten nicht groß genug, um das ganze Gewicht zu tragen. Dennoch konnte es durchaus nichts weiter als ein besonders ausgeklügelter Apparat sein. Gebaut, um Menschen zu erschrecken und zu verunsichern, aber tief in ihr spürte Clock, dass sie falschlag.

Hilfe suchend blickte sie zu Elliot. Sie kannte niemand Bodenständigeren als ihn. Gleich würde er anfangen, zu lachen, ihr sagen, dass Henry abergläubischen Unsinn redete und ihr die genaue Funktion des Apparats erklären.

Aber Elliot blieb stumm.

»Mich wundert nur, dass Hawk Interesse an einem einfachen Handelsschiff wie unserem hat«, fuhr Henry fort. »Seine Beute besteht normalerweise aus reich beladenen Luxusschiffen und die Sterntaler hat nicht mehr als billigen Fusel und Altweiberzauber zu bieten.«

»Und was machen wir jetzt?«

Henry zuckte mit den Schultern. »Viel bleibt uns nicht übrig. In solchen Situationen ist es am besten, sich zu ergeben und zu hoffen, am Leben gelassen zu werden.«

Elliot zuckte unter Henrys Worten wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen. Etwas wie Furcht huschte über seine Züge. Seine Hand schloss sich um Clocks und drückte zu. »Wir müssen verschwinden.«

»Wie willst du das anstellen? Hast du gesehen, wie schnell dieses Schiff ist? Die Sterntaler kann dem niemals entkommen.«

Elliot ignorierte ihre Einwände; beharrlich zog er an ihrem Handgelenk. »Komm.«

Sie ließen Henry zurück und liefen über das Deck, wo Männer immer noch in einem wilden Getümmel hin und her huschten. Murray stand im Zentrum des Chaos und brüllte Befehle. Einige der Männer bewaffneten sich mit Gewehren, da erst begriff Clock, dass er sich auf einen Gegenangriff vorbereitete. »Ist er wahnsinnig?«

Elliot schüttelte über Murrays Sturheit den Kopf. »Ein Grund mehr, von hier zu verschwinden.«

»Ryder!«, rief Murray ihnen nach, doch Elliot tat, als hörte er ihn nicht und verschwand mit Clock hinter einer Ecke. Sie hatte nie gern auf diesen Namen gehört, aber Elliot hatte damals darauf bestanden, Ryder anzunehmen, als sie gemeinsam fortgelaufen waren. Ein neuer Nachname würde es schwieriger machen, sie aufzuspüren, hatte er beharrt. Außerdem zog man als Paar weniger Blicke auf sich, wenn die Leute glaubten, man wäre verheiratet. Einer der Vorteile an Bord der Sterntaler anzuheuern, war, dass niemand nach gültigen Papieren verlangte.

Sie stürmten durch eine Luke unterhalb des Decks. Männer liefen ihnen entgegen, allesamt ausgerüstet mit Schusswaffen und eiserner Entschlossenheit im Gepäck. Ein paar riefen ihnen zu, was sie denn vorhätten, wohin sie liefen. Aber Elliot ignorierte sie alle und zerrte Clock weiter durch Gänge und Windungen, während der Boden unter ihren Füßen ächzte und bebte.

Ein besonders heftiger Schlag ließ das gesamte Schiff sich auf die Seite neigen. Sie stolperten und kamen hart auf dem mit Metall ausgelegten Boden auf.

»Was verheimlichst du mir?«, keuchte Clock, als Elliot sie wieder auf die Beine zog.

Schweigen.

»Elliot?«

»Lass uns später reden«, wimmelte er sie ab. »Vorher müssen wir von diesem Schiff runter.«

So leicht gab sie nicht auf. Aber ihre nächste Frage wurde von einem Beben unterbrochen und ehe sie sich versah, hatte Elliot sie wieder am Handgelenk gepackt und zerrte sie weiter.

Etwas regte sich in ihr. Sie verspürte ein Brennen, wo seine Finger sie hielten und ein Ziehen in ihrem Schultergelenk. Zwei, vielleicht drei Sekunden, länger dauerte es nicht an.

Konzentriert versuchte Clock, diese Empfindung festzuhalten, aber als da nichts mehr war, wuchs die Befürchtung, sich alles nur eingebildet zu haben.

Elliot führte sie tief unter Deck, dort wo die Motoren der Sterntaler untergebracht waren und das Zischen von Dampf jedes andere Geräusch übertönte. Die Feuchtigkeit im Raum war auf der Zunge zu schmecken und es dauerte keine Minute, da waren ihre Kleider feucht von Schweiß und kondensiertem Wasser.

In einem hinteren Zimmer, das niedriger und enger als die übrigen war, schienen sie endlich an ihrem Ziel angelangt zu sein. Der Großteil des Raums war von einem grotesk geformten Objekt eingenommen, dessen scharfe Kanten von einer weißen Plane bedeckt waren. Daneben lag ein großzügig ausgestatteter Werkzeugkasten, den Clock von Elliot kannte und einige säuberlich angeordnete Maschinenteile. Mehr als zwei Personen hatten hier keinen Platz.

»Was ist das?«, wollte Clock wissen.

Anstatt zu antworten, zog Elliot an der weißen Plane und warf sie hinter sich. Was darunter zum Vorschein kam, hätte die Chloey von damals nach Luft japsen lassen, verursachte bei Clock aber nicht einmal ein schnelleres Ticken ihres Herzens. Der Skyrider war eine der ältesten Erfindungen von Elliot. Über die Jahre hatte er das Aussehen des Skyriders immer wieder verändert, hatte Funktionen verworfen und hinzugefügt, aber Clock hätte das unförmige Monstrum einer Maschine dennoch überall wiedererkannt.

Es sah aus wie eine gewaltige mechanische Wespe, mit einem großen Hinterteil – die Turbine, wie Elliot ihr einmal erklärt hatte – und einem Paar elastischer Flügel, die durch Schlaufen an den Seiten rausgezogen werden konnten und das Gerät durch die Lüfte gleiten ließen. So zumindest der Plan. Elliot hatte den Skyrider noch nie länger als zwei Minuten in der Luft halten können. Das Ende des Flugs war immer sehr dramatisch ausgefallen, mit Flammen, verbogenen Maschinenteilen und einem sehr unglücklichen Elliot.

»Sag mir, dass du nicht vorhast, auf dem Ding da zu fliegen«, sagte Clock mit einer Ruhe, die sie früher niemals zustande gebracht hätte. Könnte sie so etwas wie Wut empfinden, wäre sie ausgerastet.

Elliot starrte sie wortlos an.

»Das ist Selbstmord. Das Ding hat doch noch nie funktioniert.«

»Ich habe seit den letzten gescheiterten Versuchen wieder einige Änderungen vorgenommen. Ich habe das Material der Flügel verbessert. Ein synthetischer Stoff aus der Werkstatt eines Alchemisten, der selbst beim stärksten Wind keinen Schaden davontragen sollte«, erklärte Elliot und begann, an einigen Ventilen zu schrauben. »Das größte Problem ist noch der Wassertank. Ich kann ihn nicht zu groß machen, weil der Skyrider sonst zu schwer werden würde. Dadurch sind nur kurze Flugstrecken möglich.«

»Du weißt also nicht, ob wir es zur Küste schaffen.«

Elliot nickte ernst. Er steckte die Spezialbrille mit den vielen Linsen und Rädchen zurück und tauschte sie gegen eine Flugschutzbrille aus der Gürteltasche aus.

»Wieso das Risiko eingehen?«, fragte Clock. Elliot war solche Umwege gegangen, ihr Leben zu retten, Clock konnte sich nicht vorstellen, wieso er es nun so leichtfertig riskieren wollte. »Sollte es nicht reichen, sich hier unten zu verstecken? Und selbst wenn die Piraten das Schiff übernehmen, vielleicht lässt sich mit ihnen verhandeln. Zur Not könnte ich immer noch meine Familie mit ins Spiel bringen. Von unserem Reichtum erzählen und mit einem guten Lösegeld auf unsere Befreiung locken.«

Elliot schüttelte den Kopf. Resignation lag in der Bewegung. »Hawk wird dein Geld wenig interessieren und verstecken wird uns auch nicht helfen. Nein, der Skyrider ist unsere einzige Chance, wenn wir vor den Piraten entkommen wollen.«

Clock begegnete Elliots Blick mit neuem Misstrauen. »Was verschweigst du mir?«

»Später«, sagte er forscher, als Clock es von ihm gewohnt war und klappte eine Seitentür am Skyrider auf. »Aber zweifle nie daran: Wenn Hawk dich in seine Finger bekommt, bist du so gut wie tot.« Ein Streichholz zischte in der angespannten Stille zwischen ihnen. Elliot drehte die Gaszufuhr auf und entflammte die Feuerstelle unterhalb des Boilers. Dann klappte er die Seitentür wieder zu.

Elliot beendete seine Vorbereitungen. Die Maschine war einsatzbereit und nun wollte er Clock auf den Skyrider schieben, aber sie machte einen abwehrenden Schritt zurück. Sie mochte nicht mehr ihr altes Temperament besitzen, aber rumschubsen ließ sie sich auch nicht.

»Oh, jetzt steig schon auf, Chloey«, schimpfte Elliot, offenbar am Ende seiner Geduld. »Es ist ja nicht so, als würde dir die Vorstellung von einem kleinen Rundflug Angst einjagen.«

Clock konnte keine Schmerzen mehr fühlen und dennoch war ihr, als habe Elliot sie geohrfeigt. Sie wandte den Blick ab und im nächsten Moment stand er vor ihr, umfasste ihr Gesicht sanft mit seinen Händen.

»Es tut mir leid, Chloey. Ich meinte das nicht so.« Elliot lehnte den Kopf gegen ihre Stirn und entließ einen tiefen Seufzer. »Ich könnte es nur nicht ertragen, wenn dir etwas zustoßen würde.«

Dann beugte er sich hinab und küsste sie auf den Mund. Die Berührung war sanft und liebevoll und hätte ihr einmal warme Schauer über den Rücken gejagt.

»Und glaub mir, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, würde ich dein Leben niemals so gefährden«, versicherte er und blickte ihr tief und voller Gefühl in die Augen, ein Spiegel all dessen, was sie nicht mehr war. »Ich liebe dich.«

Elliot starrte sie an und Clock wusste, dass er von ihr die gleichen Worte hören wollte. Wie leicht waren sie der alten Chloey früher über die Lippen gekommen, aber Clock konnte ihn nicht belügen und in ihrem eisernen Herz existierten solche Empfindungen nicht mehr.

Schmerz wallte kurz in Elliots Augen auf, dann wandte er sich ab und sagte ihr mit einer Stimme, so leer und mechanisch wie das Ticken ihres Herzens, sie solle aufsteigen.

Diesmal widersprach Clock ihm nicht.

Die Harpyie hielt die Sterntaler fest in ihrem Griff. Mit Seilen und Ankern hatte sie das Luftschiff an sich gekettet und machte eine Flucht unmöglich.

Hawk sah zufrieden auf den Kampf hinab, der unter ihm stattfand. Die meisten seiner Männer waren auf das Handelsschiff hinuntergesprungen und drängten die Besatzung zusammen, um sie später einzeln zu durchsuchen. Niemand hatte jedoch mit der Hartnäckigkeit und Verbissenheit gerechnet, mit der die Mannschaft sich zur Wehr setzte. Die Männer konnten an ihrer drohenden Niederlage keinen Zweifel haben und dennoch gab es keinen Einzigen, der die Waffe vor einem Kampf niedergelegt hätte.

Hawk konnte nicht anders, als Bewunderung für einen so sturen Haufen zu empfinden. Vielleicht würde er nachher eine kleine Runde unter ihnen drehen und ein paar für seine eigene Mannschaft rekrutieren.

Vorher aber gab es andere Probleme zu bewältigen.

Ein weiterer Blick auf seine Kompassnadel verriet, dass sich der Besitzer des magischen Steins Lia Fail immer noch nicht unter den zusammengetriebenen Menschen befand. Hawks Ungeduld wuchs und obgleich seine Magie von den Angriffen auf die Sterntaler geschwächt war, rief er sie erneut zu sich. Mit einer gezielten Handbewegung sandte er sie aus, befahl den Wind und jagte ihn durch die Kabinen und Gänge des Luftschiffs, auf dass er finden möge, was er begehrte.

Clock musste verrückt sein, sich auf dieses Höllengerät zu setzen. Verrückt, lebensmüde, vollkommen ohne Verstand. Das hier würde ihrer beider Ende sein.

Elliot zog an der Startschnur. Die Griffe an ihren Seiten fest umklammert, wartete Clock auf das Geräusch zischenden Dampfs und das brummende Erwachen des Motors. Das Einzige, was jedoch folgte, war lautstarkes Fluchen.

»Gestern hat es doch noch funktioniert!«, schimpfte Elliot. Dann kramte er einen Schraubschlüssel aus seiner Gürteltasche hervor und untersuchte den Dampfmotor auf Fehler.

Clock lauschte derweil den Geräuschen über ihren Köpfen. Die Beben hatten aufgehört, dafür erklangen nun hektisches Fußgetrappel und aufgeregte Rufe. Sie meinte sogar, den einen oder anderen Schuss zu hören. Es schien, als hätten die Piraten die Sterntaler erobert.

Elliot kam offenbar zu der gleichen Schlussfolgerung, denn seine Finger arbeiteten hektischer. Vor Sorge vertiefte sich die Falte zwischen seinen Augenbrauen.

Ein hohes Pfeifen ertönte, dann wurde plötzlich die Tür zum Hinterzimmer aufgerissen. Elliot wirbelte mit einem überraschten Ausruf herum, den Schraubschlüssel als Waffe erhoben, bereit, sich einem Haufen wilder Piraten entgegenzustellen. Aber alles, was ihnen entgegenschlug, war eine kräftige Windböe. Ein harziger Geruch haftete an ihr. Süß und blumig, wie die Böe, die Clock kurz vor der Entdeckung des geflügelten Schiffs, wahrgenommen hatte. Nur war der Geruch noch viel intensiver, reicher an Düften und Bildern.

Clock roch weite Wälder und freie Himmel. Bäume, die bis in den Himmel wuchsen und Wasser, das rein und klar floss. Die Böe schmiegte sich wie in einer Umarmung um sie, fuhr Clock durch das Haar und kitzelte ihre Wangen.

Sie war auf den Ansturm der Gefühle, die sie plötzlich erfassten, nicht vorbereitet. Das monotone Ticken ihres Herzens geriet in Vergessenheit, bis es zu verstummen schien. Stattdessen spürte sie einen pochenden Schmerz in ihrer Daumenkuppe, wo sie sich geschnitten hatte. Ein Kribbeln durchströmte ihren Bauch – eine unbeschreibliche Euphorie, die sich langsam in ihr breitmachte.

Sie fühlte etwas. Sie fühlte alles. Ein Wunder? Die vielen unterschiedlichen Emotionen und Eindrücke wurden Clock bald zu viel, während unzählige Gedanken durch ihren Kopf rasten. Was geschah hier? Wurde sie verrückt? Der Schlag ihres eisernen Herzens verdoppelte sich und Panik kroch ihre Kehle empor. Ein Schrei sammelte sich in ihrer Brust, der einen Weg nach draußen suchte, ein Ventil, um all diesen Gefühlen Luft zu machen.

Auf dem Skyrider sitzend, versetzte Clock dem Ding einen ordentlichen Tritt in seine blecherne Mitte. Schmerz brannte ihre Zehen hinauf und für einen kurzen, wundersamen Augenblick meinte sie, Funken sprühen zu sehen, wo ihr Fuß das Metall berührte.

Im selben Moment zog Elliot an der Startschnur, der Motor heulte auf und erwachte stotternd zum Leben. Mit einem Aufschrei des Triumphs sprang Elliot vor ihr auf den Skyrider und zog an einem Hebel, der die Klappe unter ihren Füßen öffnete.

Dann stürzten sie mehrere Hundert Meter in die Tiefe.

Drei

Hawk

Die ersten entsetzlichen Sekunden ihres Flugs war Clock der festen Überzeugung gewesen, sie würden wie ein Stein zur Erde fallen und an den spitzen Felsen der Küste zerschellen. Dann startete Elliot die Turbinen und zog an den seitlichen Schlaufen des Skyriders.

Mit einem lauten Wusch spreizte die Maschine ihre Flügel und drosselte das Tempo mit einem Ruck, dass ihr Gefährt ins Schwanken geriet. Das Fluggerät gab ein Ächzen von sich und für den Moment sah es so aus, als würden sie zur Seite kippen und eines grausamen Todes sterben. Kurz war Clock, als müsste sie schreien und sich Hilfe suchend an Elliots Rücken klammern, aber ihr Herz tickte wieder monoton und mit einer völligen Gleichgültigkeit ihrer lebensgefährlichen Situation gegenüber.

Was auch immer vorhin im Maschinenraum Besitz von ihr ergriffen hatte und für all diese Empfindungen verantwortlich gewesen war, es war weg.

Vermutlich sollte Clock enttäuscht sein, wieder nur diese Eintönigkeit zu empfinden, diese seltsame Leere, dieses Nichts in ihrer Brust. Aber sie fühlte keine Enttäuschung – und auch keine Erleichterung, als Elliot den Skyrider endlich unter Kontrolle bekam und sie sanft durch die Lüfte zu segeln begannen.

Ohne nach etwas Bestimmtem Ausschau zu halten, blickte Clock zurück. Es war ein Bild der Trauer. Die Sterntaler, die ihr immer groß und mächtig erschienen war, hatte keine Chance, gegen das Piratenschiff zu bestehen. Es war deutlich kleiner als ihr Handelsschiff und dennoch war die Sterntaler dem Zauber seines Gegners deutlich unterlegen; wirkte klein, unbedeutend und schäbig. Selbst wenn das Piratenschiff keine Flügel besäße, würde es imposant wirken. Eine wahre Schönheit – mit all dem hellen, blankpolierten Holz, das wie goldener Honig in der Sonne strahlte und den mächtigen weißen Segeln aus glänzendem, perlschimmerndem Material. Diese Flügel setzten dem majestätischen Anblick nur noch die Krone auf. Sie waren wunderschön.

In diesem Moment entdeckte Clock ihn am Bug des Schiffs. Groß und imposant stand er dort; zu weit entfernt, um sein Gesicht zu sehen und dennoch spürte sie, dass er sie direkt ansah. Es waren nur Sekunden, so flüchtig, sie könnte es sich eingebildet haben, aber als sie ihn dort erblickte, machte ihr Herz einen Satz. Er entzündete etwas in ihr und dann waren sie für einen Augenblick wieder da – all diese seltsamen Empfindungen, die sie vor langer Zeit für immer verloren geglaubt hatte. Furcht. Erregung. Zweifel. Und eine Freude, die sie schwindelig machte.

Unmöglich. Wer oder was war …

Es dauerte nur einen Wimpernschlag, dann schob sich eine Wolke in ihr Blickfeld. Das Band zwischen ihnen wurde gekappt und die Gefühle verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

»Liu Mi!«, brüllte Hawk über Deck. Seine Vizekapitänin führte das Kommando unten auf der Sterntaler, weit genug weg, dass sie ihn eigentlich unmöglich hätte hören können. Der Wind aber trug Hawks Stimme so weit, wie er wollte, bis an Liu Mis Ohren und überbrachte seine Botschaft mit unsichtbaren Lippen.

Es dauerte keine Minute, da war Liu Mi die Strickleiter zu ihm nach oben geklettert und schwang ihren zierlichen Körper über die Reling. Hinter ihrem porzellanartigen Teint, der ihrem Aussehen etwas Anmutiges, Unschuldiges verlieh, vermutete auf den ersten Blick niemand eine Frau, die den Titel einer Vizekapitänin verdiente. Hawk hatte bei ihrer ersten Begegnung den gleichen Fehler gemacht. Ein Fehler, der ihn fast das Leben gekostet hatte.

Die Chinesin war damals vor ihrem tyrannischen Ehemann geflohen und hatte sich auf einem Handelsschiff auf dem Weg nach England versteckt. Hawk hatte ihren Plänen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht, als er besagtes Schiff abgefangen und nach Seide und anderen Edelgütern durchsucht hatte. Von dem plötzlichen Auftauchen der Piraten in Panik versetzt, war Liu Mi auf die Golden Harpy geflüchtet, hatte die dort positionierten Wachmänner mit Giftpfeilen getötet und sich mit seinem Schiff davongemacht.

Hawk aber wurde nicht umsonst König der Winde genannt. Liu Mi hatte so viele Steuerversuche unternehmen können, wie sie gewollt hatte, ohne die Zustimmung seiner launischen Navigatorin Valeria segelte die Golden Harpy nur dorthin, wo Hawk es wollte. Und das war genau zu ihm zurück gewesen.

Die Scham, sein eigenes Schiff vor der Nase entführt zu bekommen, war gewaltig gewesen. Als Hawk gesehen hatte, dass der Unruhestifter auch noch ein Mädchen gewesen war, hatte unbändige Wut ihn übermannt. Er hatte sie angegriffen, ohne nachzudenken oder zu kalkulieren und hatte sich dabei einen ihrer Giftpfeile eingefangen. Er hatte diese Frau eindeutig unterschätzt, war voreilig und unvorsichtig gewesen und hatte ihr Gegenmanöver mit all den Konsequenzen verdient.

Durch das Faeblut in seinen Adern war er stark genug, dass gewöhnliches Gift ihn nicht sofort tötete, dennoch hatte es ihn so sehr geschwächt, dass er tagelang ans Bett gefesselt war. Als er wieder kräftig genug gewesen war, um an Deck zu treten, hatte man ihm die Chinesin vorgeführt. Seine Leute waren davon ausgegangen, dass Hawk die Bestrafung für ihren Angriff selbst ausführen wollte und hatten mit ihrer Exekution gewartet.