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Iddensen in der Nähe von Hamburg im Jahr 1972: Famke und Nicklas, ein junges Geschwisterpaar, kehrt für ein Wochenende zurück auf den Familienbesitz Isernheide, eine luxuriöse, gleichwohl düstere und geheimnisvolle Villa auf dem Lande. Beide wollen Licht in eine dunkle Tragödie aus ihren Kindertagen bringen... DAS TRAGISCHE WOCHENENDE ist ein spannender und nostalgischer Nordkrimi aus der Feder des Schriftstellers Heinrich Goetz (Jahrgang 1985), basierend auf seinem gleichnamigen Theaterstück. Weitere Romane des Autors sind im Signum-Verlag in Vorbereitung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
HEINRICH GOETZ
DAS TRAGISCHE
WOCHENENDE
Roman
Signum-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Der Autor
DAS TRAGISCHE WOCHENENDE
Die Hauptpersonen dieses Romans
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Copyright © 2023 by Heinrich Goetz/Signum-Verlag.
Lektorat: Dr. Birgit Rehberg
Cover: Copyright © by Christian Dörge.
Verlag:
Signum-Verlag
Winthirstraße 11
80639 München
www.signum-literatur.com
Iddensen in der Nähe von Hamburg im Jahr 1972:
Famke und Nicklas, ein junges Geschwisterpaar, kehrt für ein Wochenende zurück auf den Familienbesitz Isernheide, eine luxuriöse, gleichwohl düstere und geheimnisvolle Villa auf dem Lande. Beide wollen Licht in eine dunkle Tragödie aus ihren Kindertagen bringen...
Das tragische Wochenende ist ein spannender und nostalgischer Nordkrimi aus der Feder des Schriftstellers Heinrich Goetz (Jahrgang 1985), basierend auf seinem gleichnamigen Theaterstück. Weitere Romane des Autors sind im Signum-Verlag in Vorbereitung.
Heinrich Goetz, Jahrgang 1985.
Geboren und aufgewachsen in Hamburg. Nach dem Abitur Studium der Germanistik in Heidelberg und der Informatik in Stralsund. Literarische Veröffentlichungen seit 2008, darunter zahlreiche Kurzgeschichten und Erzählungen sowie das Krimi-Theaterstück Das tragische Wochenende, uraufgeführt 2013 in Hamburg.
Seine Kriminal-Romane erscheinen exklusiv im Apex-Verlag.
Elisabeth Witken: Tochter des Millionärs Henrik Brakenhoff.
Simon Witken: Elisabeths zweiter Ehemann.
Famke Fellensiek-Gesen: Elisabeths Tochter aus erster Ehe.
Nicklas Fellensiek-Gesen: Elisabeths Sohn aus erster Ehe.
Valerie Theejen: Elisabeths Tante.
Willie Theejen: Elisabeths Onkel.
Jan Lodekamp: Butler in der Villa Isernheide.
Heike Lodekamp: Hausdame in der Villa Isernheide.
Anton Fricke: eine Studienkollege Famkes.
Daphne Kruse: ehemalige Schulfreundin von Famke und Nicklas.
Emanuel Toormann: ein enger Freund von Nicklas.
Dieser Roman spielt 1972 im Dorf Iddensen in der Nähe von Hamburg.
Als ich vor mir das mächtige, aus grauen Felssteinen errichtete Pförtnerhaus der Villa Isernheide, das die Zufahrt zum Park behütete, aus dem Nieselregen auftauchen sah, erfasste mich wieder dieselbe innere Spannung wie stets an dieser Stelle.
Ich rückte enger an meinen Bruder Nicklas heran und hielt mich an meiner Reisetasche fest, als sei das irgendein geheimnisvoller Talisman. Dann machte ich mich in dem von einem Chauffeur gefahrenen Wagen unseres Stiefvaters noch kleiner.
Ich versuchte unablässig, mich an Nicklas' beruhigende Worte zu erinnern: Famke, hatte er immer wieder gesagt, stell dir doch einfach vor, dass es sich um ein ganz gewöhnliches Wochenende auf dem Lande handelt. Während ich mich also bemühte, das Gespräch in Gang zu halten, hatten wir nicht einmal bemerkt, wie das triste Vahrendorf an uns vorbeigeglitten war. Was das Dörfchen Iddensen betrifft, musste man schon genauer hinsehen, wenn man überhaupt etwas erkennen wollte.
Das Dörfchen bestand hauptsächlich aus einem Friseurladen, einem Schnapsgeschäft und dem uralten Postamt aus Backstein. Hinter den wenigen Häusern, die sich darum gruppierten, lief die Eisenbahnlinie in Richtung Hamburg entlang, und auf der linken Seite führte eine steinerne Rampe zum einzigen Supermarkt des Dorfes, zu dem niedrigen Backsteingebäude der Bibliothek mit seinen kleinen, vielfach geteilten Fenstern und natürlich dem pseudo-historischen Gebäude, das im Erdgeschoss ein Haushaltswarengeschäft und im Obergeschoss einen Zahnarzt beherbergte. Erst als wir uns dem Park näherten, verstummten wir alle beide.
Vor zehn Jahren waren Nicklas und ich zum ersten Mal in die Villa Isernheide gekommen. Nicklas war damals zwölf und ich zehn. Nach dem Tod unseres Vaters – er war uns noch klar und schmerzlich in Erinnerung – sollten wir bei Großvater Brakenhoff untergebracht werden. Noch schmerzvoller waren die bitteren Erinnerungen an die nachfolgende Tragödie: Isernheide erwies sich für uns nicht als stiller Ort der Zuflucht, sondern als ein furchtbarer Alptraum.
Der Wagen näherte sich dem Wärterhaus, ein Mann blinzelte durch die beschlagene Scheibe, wischte sich mit dem Ärmel ein Guckloch frei und ließ dann mit einer Handbewegung den langen grauen Mercedes passieren. Durch das schmiedeeiserne Tor rollte der Wagen auf die Villa zu.
Ich wollte mir durch einen raschen Seitenblick von Nicklas Mut holen, aber er starrte geradeaus. So musste ich mich mit meinem eigenen Spiegelbild zufriedengeben, das mich aus der gegenüberliegenden Scheibe ansah. Es zeigte ein Mädchen, das viel jünger aussah, als meine Jahre vermuten ließen. Aber ich gewöhnte mich allmählich daran, stets für einen Teenager gehalten zu werden. Vielleicht lag das an meiner Art, mich zu kleiden, oder an meiner neuen Frisur – beides ließ mich nicht etwa erwachsener, sondern eher noch kindlicher erscheinen.
Die kurze Frisur, die man mir gemacht hatte, nannte man Swinger. Sonderlich beschwingt war mir allerdings nicht zumute. Auf jeden Fall war ich froh, dass ich mich für das kurze, gelbe Kostüm aus Baumwolle und passende Sandalen entschieden hatte. Es schien in der trist grauen Landschaft der einzige Farbpunkt zu sein.
Es hatte den ganzen Sommertag pausenlos geregnet, aber als wir nun den See umrundeten, fiel der Regen wie ein dichter Vorhang vom Himmel.
Dieser See...
Wieder warf ich Nicklas einen raschen Seitenblick zu und spürte den bösen Druck im Magen. Würde er den Mut haben, diese Wasserfläche überhaupt anzuschauen, während wir hier wohnten, jenen See, aus dem sie den zerbrechlichen Körper unserer schönen Mutter gezogen hatten?
So harmlos und ruhig lag die Wasseroberfläche jetzt vor uns, nur von den Regentropfen bewegt. Inmitten der üppig grünenden Landschaft glich die Szene einem impressionistischen Gemälde. Die Erinnerungen an das Durcheinander, an das Schreien und Zetern, welche Nicklas in seine jetzige Erstarrung gestürzt hatten, unterschieden sich fundamental von diesem Anblick. Zuerst glaubte ich schon, er würde nie wieder die Sprache finden. Es war ein so dramatisches Erlebnis gewesen, dass er es kaum hatte überstehen können.
Aber jetzt... ging es ihm schon wieder besser.
Ich rückte näher an ihn heran. Nur an ihn musste ich denken und alles andere vergessen.
Ich sah zur anderen Seite und tat, als interessierte mich die vorübergleitende Landschaft. Das Wasser tropfte von den Bäumen, die Scheibenwischer bewegten sich in monotonem Rhythmus, und die Wälder ringsum waren in nachtschwarze Wolken gehüllt. Ein Kombi-Wagen voller kleiner Kinder in leuchtenden Schul-Anoraks blinkte uns grüßend an.
Gelegentlich war von der Straße aus mitten im Grün ein Schornstein zu sehen oder ein graues Steingebäude. Gewundene Fahrwege führten zwischen Hecken zu den versteckten Häusern. Längst vergessene Namen fielen mir wieder ein: die Bruns, Heussens, Deterings, Hausnamen wie Möwennest oder Schattensee. Während wir weiter durch diesen Tunnel von nassem Laub fuhren, überlegte ich, welch ein weiter Weg es doch war – örtlich und auch zeitlich – von meiner kleinen Wohnung im Arnikastieg in Bramfeld bis hierher.
In dieser Wohnung lebte ich bereits seit zwei Jahren. Es war eine prima Wohnung. Ein modernisiertes Gebäude mit einem Laden im Erdgeschoss, in dem jetzt zwei junge Mädchen eine flotte, recht ausgefallene Boutique mit Kleidung aus ihrem eigenen Atelier betrieben, dann auf der anderen Seite ein Polsterer, dessen Schaufenster mit hölzernen Sesselrahmen und anderem Kram vollgepfropft war, während eine kleine Karte zu verstehen gab, der Besitzer sei täglich zwischen fünfzehn und achtzehn Uhr zu sprechen. Im Laufe der zwei Jahre, die ich hier wohnte, hatte ich ihn nie zu Gesicht bekommen. Auch keinen Kunden. Ich stellte mir unwillkürlich vor, dass er wahrscheinlich mit Mädchen oder Rauschgift oder mit beidem handelte.
Meine Wohnung lag im obersten Stock. Auf dem Korridor gab es eine Art Oberlicht. Da außer mir niemand diese Etage bewohnte, ließ ich meine Tür häufig offenstehen und benutzte den Flur als eine Art Foyer. Die Beleuchtung war gut, ich hatte einen Job bei der intelligenten Frauenzeitschrift Sortie und malte Skizzen in einem Club für Künstler. Ich sagte mir, solange ich meine Skizzenarbeit beibehielte, könnte ich als Künstlerin noch wachsen. Deshalb ging ich an drei Abenden in der Woche von meinem Büro in der Fabriciusstraße hinüber in die Abendschule, und die einzige Unterbrechung in meiner Routine war ein gelegentliches Abendessen mit Tante Valerie und Onkel Willie Theejen. Diese gemeinsamen Abendessen waren sicherlich nur Höflichkeitsgesten, denn weder Valerie noch Willie wollten etwas mit der exzentrischen Sippe Fellensiek-Gesen zu tun haben, dessen war ich ganz sicher. Nicklas und ich hatten diesen Familiennamen zu Gesen abgekürzt in der Hoffnung, dass damit ein Teil der Belastung durch diesen berüchtigten Namen verschwinden würde. Valerie hatte ebenso wenig wie Großvater Brakenhoff unserer Mutter je vergeben, dass sie Vater geheiratet hatte. All die Schicksalsschläge, die anschließend folgten, waren nach ihrer Überzeugung voraussehbar gewesen. Aber vielleicht beurteilte ich die beiden ungerecht. Unsere Beziehungen zueinander beschränkten sich auf jeden Fall auf gelegentliche Lippenbekenntnisse, da ich immerhin nach dem Tod unserer Mutter vorübergehend bei ihnen gewohnt hatte. Mein eigentlicher Lebensinhalt waren meine Kunst und meine Sorge um Nicklas.
Ich ging gelegentlich mit Männern aus, hatte aber keine ernsthafte Bekanntschaft. Vielleicht war Anton Fricke, ein Studienkollege aus der Kunstakademie, der einzige Mann, der mir gegenüber ernste Absichten hegte. Für unsere Begriffe war er unglaublich konservativ, und er tat mir manchmal leid, wenn er nach dem Unterricht aufgezogen wurde. Aber nachdem ich einmal eine seiner Arbeiten gesehen hatte, würde aus Mitleid Bewunderung: Er hatte ausgesprochenes Talent. Dadurch blieb er zwar trotzdem in mancher Hinsicht ein Außenseiter, auch wegen seiner etwas gezierten Sprechweise, aber sein Können wurde zweifellos von allen geachtet. Wenn wir ausgingen, verließ er sich stets darauf, dass ich ein Lokal ausfindig machte. Ich wollte ihn vor den Kopf stoßen, aber es wollte mir nicht gelingen: Treu und geduldig folgte er mir auch in die ausgefallensten Restaurants.
Dass ich mich mit Anton überhaupt traf, lag wohl daran, dass es schmeichelhaft ist, einen gutaussehenden jungen Verehrer zu haben. Außerdem bedeutete er für mich so etwas wie eine Aufgabe. Wenn er solche Werke hervorbringen konnte, musste doch mehr dahinterstecken. Einmal oder zweimal versuchte er, mich übers Wochenende nach Hannover einzuladen. Anscheinend sollte ich seiner Familie vorgestellt werden, aber dafür hatte ich nichts übrig. Schließlich gab er es auf. Ob er sich endlich mit meiner Einstellung abfand oder auf den Druck seiner Familie reagierte, ich weiß es nicht. Es spielte auch keine große Rolle, solange die Freundschaft zwischen Anton und mir bestehen blieb. Er war liebenswert und auf seine Weise ausgesprochen attraktiv.
Anton war überhaupt der einzige in meinem Kurs, bei dem ich Wert darauf legte, dass er sich Nicklas' Fotos ansah. Morgen war die Ausstellung. Auch aus diesem Grunde begriff ich nicht ganz, warum Nicklas auf dieser Fahrt hierher bestanden hatte. Seine Ausstellung war mir im Augenblick wichtiger. Die Villa bedeutete für mich ohnehin nichts als Unglück. Es war eine fremde Welt, die uns nichts anging.
Zum ersten Mal waren wir in die Villa Isernheide gekommen, nachdem unser Vater bei einem Überfall getötet worden war. In ihrer stillen Verzweiflung wusste unsere Mutter keinen anderen Weg, als mit uns in die klassizistische Villa ihres Vaters in Iddensen zu fliehen. Sie hoffte, dass zumindest ihre Kinder hier einen friedlichen Hort finden würden. Aber für uns gab es nirgendswo Frieden, eine Tragödie folgte der anderen.
Ich erinnere mich noch gut an unseren ersten Tag in der Villa. Auch damals hatte es geregnet. Der Herbst begann, die ersten bunten Blätter fielen von den Bäumen auf die Straße und auch auf unsere Kühlerhaube. Wasser strömte über die Fenster. Unsere Mutter sagte: Der Himmel weint um uns. Schlank und sehr gerade saß sie neben uns im Fond des Wagens und sah in ihrer schwarzen Witwentracht unglaublich jung und zerbrechlich aus. Es war sehr eng, weil wir Kartons und andere Dinge im Kofferraum nicht mehr hatten unterbringen können. Daraus schloss ich, dass wir Großvater Brakenhoff nicht nur besuchen wollten, sondern hierher übersiedelten.
Wir verließen für immer die große Stadtwohnung im fünfzehnten Stock, wo mich Neeltje, unser Kindermädchen, an den Tagen, an denen ich das Haus nicht verlassen konnte, hochhob, damit ich mir die Nase an der Fensterscheibe plattdrücken konnte, um Mami und Nicklas zu sehen, winzige Gestalten, die unten die Straße zum Eichtalpark überquerten. Wir waren glücklich in dieser Wohnung. Auf der Fahrt hierher lag selbst Amsel, der Hund unserer Mutter, zusammengerollt auf einem Regenumhang und schien auf irgendein Zeichen zu warten. Manchmal gab die Hündin leise wimmernde Töne von sich, dann beugte Mutter sich vor und kraulte ihre Nase oder das Ohr.
Weder Nicklas noch ich sagten etwas. Nicklas wirkte in seinem weißen Hemd unter dem grauen Blazer sehr bleich. Er trug einen schwarzen Binder. Diesen hässlichen schwarzen Binder werde ich nie vergessen.
Die Bäume in ihrer herbstbunten Farbenpracht glitten an uns vorbei, bis dann plötzlich an einer Straßenbiegung Fritz stand, am Fahrweg, der zur Villa führte, mitten im Regen mit einem gewaltigen Rosenstrauß in der Hand. Er deutete beinahe einen Kniefall an, als er meiner Mutter die Blumen überreichte.
Mami ließ Lodekamp anhalten und öffnete selbst die Tür. Ein Regenschauer peitschte herein, als sie sich hinausbeugte, um die durchnässten roten Rosen entgegenzunehmen. Er sagte mit weicher Stimme etwas zu ihr: Es war ein Willkommensgruß. Unsere Mutter bekam feuchte Augen. Fritz war die einzige frohe Erinnerung, die ich nach dem Tod unserer Mutter an die Villa hatte.
Nach Mamis Heirat mit Simon änderte sich alles. Die Tage, die wir gemeinsam im Gästezimmer verbrachten, waren vorbei. Hier malte sie gern, denn man hatte einen herrlichen Blick über die Gärten und die Wiesen bis hinüber zu den Wäldern. Unser Großvater wollte ihr immer das Gästehaus herrichten lassen. Er sagte zu ihr: Du kannst dir das ganze Häuschen als Atelier für dich einrichten lassen, wenn du möchtest. Dort könntest du ungestört arbeiten und wirklich etwas zustande bringen.
Ach, Papa... Mutter lehnte sich dann einen Augenblick an ihren Vater, und das lange, blonde, seidenweiche Haar fiel ihr ins Gesicht. Ich bin doch keine Künstlerin. Ich bin nur ein Amateur. In einem richtigen Atelier wäre ich gehemmt. Mir ist viel lieber, wenn ich einfach nur ein bisschen herummalen kann.
Das tat sie auch. Sobald die Schule vorbei war, stürzten wir ins Zimmer und freuten uns, sie an der Staffelei anzutreffen. Sie ließ uns dann Tee kommen und presste hinter Frau Lodekamps Rücken die Lippen zusammen. Für Frau Lodekamp schien jeder Handgriff eine Qual zu sein. Mami zwinkerte uns zu und nannte sie hinter ihrem Rücken eine trübe Tasse. Manchmal, wenn das Licht nach fünf Uhr zum Malen nicht mehr ausreichte, ließ Mami sich außer unserem Tee auch ihren Cocktail servieren. Später wurde die Cocktail-Stunde auf vier Uhr vorverlegt. Aber nachdem Simon aufgetaucht war, wurde überhaupt vieles anders.
Eines Abends brachte Opa diesen Simon zum Essen mit nach Hause. Er bemängelte, dass unsere Mutter nicht einmal mehr alte Freunde besuchte. Einige dieser alten Freunde sagten, dass der alte Brakenhoff besser diese Luxusvilla nicht gekauft hätte und dass Elisabeth in einer rustikaleren Umgebung wahrscheinlich rascher über das Andenken an ihren verstorbenen Mann weggekommen wäre. Etwas wussten Nicklas und ich natürlich nicht: Es war schwerer für unsere Mutter, als reumütige Tochter zurückzukehren, als sich mit der Tatsache abzufinden, dass ihr Mann nur zwei Straßen von zu Hause entfernt überfallen und erschlagen worden war.
Es war ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Manche Zeitungen brachten unseren Vater braungebrannt und elegant als Spieler des Tennis-Teams, aber es gab auch grässliche Fotos, die man Nicklas und mir vorzuenthalten versuchte: Fotos von seiner Leiche, die, mit einer grauen Decke zugedeckt, in der Gosse lag. Eine Sonntagszeitung brachte die Familienchronik. Daraus erfuhren Nicklas und ich, dass man ganz allgemein eine Heirat zwischen Simon Witken und unserer Mutter erwartet hatte.
In den Zeitungen erschienen die üblichen Debütantinnen-Bilder: die hübsche Elisabeth Brakenhoff, Tochter Henrik Brakenhoffs, Erbin des Brakenhoff-Brand-Vermögens in Begleitung von Simon Witken...
Wo immer sie auftauchte, Simon war ihr ständiger Begleiter, und die Leute wunderten sich schon darüber, denn Simon hatte bis dahin als Playboy gegolten. Connie Knickerbocker schrieb in seiner Klatschspalte: Man hört Gerüchte, dass schon in nächster Zeit Elisabeth Brakenhoff – die Erbin des Brakenhoff-Brand-Vermögens – am Arm von Simon Witken, des begehrtesten Junggesellen, vor den Altar treten wird... Ein paar Seiten vorher schrieb ein anderer Kolumnist über das Nachtleben der Stadt: Eine ganze Schar von Schönheiten der Nacht werden trauern, wenn es zur Eheschließung zwischen Brakenhoff und Witken kommt...
Aber unsere Mutter heiratete Vater. Es war eine Liebesheirat. Sie brauchten niemanden außer sich selbst, aber sie machten in ihrem Leben bereitwillig Platz für uns, ihre Kinder.
Die Villa hatten wir niemals auch nur besucht. Gelegentlich spielte Mutter auf ihre Kindheit in Iddensen an, auf ihr Pony und den Wagen, auf den Gärtner Fritz. Aber diese Geschichten waren für uns so etwas wie Märchen, die Eltern von ihrer glücklichen Kindheit erzählen. Vielleicht lag es daran, dass wir trotz unserer Trauer mit einem gewissen Gefühl der Erwartung kamen, in der Hoffnung, dass uns in der Villa ein wenig Freude begegnen würde.
Als Mutter schließlich Simon heiratete, raunte man sich zu, dass Großvater Brakenhoff, der mit seinem unglaublichen Ehrgeiz das Familienvermögen erworben hatte, die treibende Kraft hinter dieser Heirat war. Durch diese Heirat erreichte er endlich auf gesellschaftlichem Gebiet, was man mit Geld nicht kaufen konnte: Ansehen. Er kam gerade noch zum Sterben zurecht, aber für einen Mann wie Brakenhoff spielt letztlich nur der Erfolg eine Rolle.
Es war der erste der beiden Herzanfälle, die dann tödlich verlaufen sollten.
Damals heirateten Simon und Mutter. Brakenhoff wollte sicher sein, dass sein Liebling Elisabeth und die Kinder versorgt waren. Er hinterließ seinen gesamten Besitz und den größten Teil seines Einkommens meiner geliebten Elisabeth, damit sie in ihrer vertrauten Umgebung ein neues Leben beginnen kann.
Alle schienen die Meinung zu vertreten, dass er gegenüber Tante Valerie und Onkel Willie sehr fair war, da er ihnen Wertpapiere und etwas Bargeld hinterließ. Sie waren kinderlos und hatten sich mehr oder weniger auf ein Leben in Hamburg eingerichtet.
So jedenfalls standen die Dinge nach dem Tod unseres Großvaters. Wir sollten wieder in der Villa Isernheide leben, wie nach dem Tod unseres Vaters, nur war jetzt eben Simon ein Teil unseres Lebens.
Ich weiß noch, wie Mutter uns beinahe entschuldigend diese Heirat erklärte. Und ich erinnere mich an Nicklas' bleiches Gesicht. Er war noch blasser als auf der Beerdigung unseres Vaters und sah sehr schmal aus. Kinder sind manchmal so, wenn sie eine schwere Krankheit überstanden haben und plötzlich in die Länge schießen. Alle Kleider wirken dann ein bisschen zu dünn. Seine knochigen Handgelenke schauten aus dem Ärmel heraus, und seine Augen glänzten fiebrig. Er sagte kein Wort. Er lief nur einfach davon. Mami war sehr aufgeregt, aber ich versuchte Nicklas' Benehmen zu erklären: Wahrscheinlich spürte er die Tränen kommen und wollte nicht, dass jemand ihn weinen sah. Ich vermutete, dass es heiße Tränen der Wut waren. Aber ich fügte auch hinzu, dass er sich bald mit seiner Kamera trösten würde – dann, wenn er nach Motiven suchte, dauerte es meistens nicht lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Der Sturm war vorbei. Weder Mami noch ich konnten ihm in solchen Situationen helfen.
Es war überhaupt schwierig, Nicklas zu helfen. Selbst an jenem Tag, als er Hilfe am dringendsten nötig hatte. Damals, als es geschah. Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere. Das Gefühl hat man immer, wenn man sich an eine Tragödie zurückerinnert. Die Post kam pünktlich wie immer, ich führte den Hund wie immer hinaus, es war keine Schule. Ich schlief ein bisschen länger als sonst und zog ein Hemd und Shorts über, um nach Nicklas zu suchen. Aus einem Fenster des langen Korridors sah ich den Wagen in der Einfahrt parken. Ich hatte ihn nicht kommen gehört und wusste deshalb nicht, seit wann er schon dastand. Ich kannte den Wagen auch nicht, und die Nummer war mir fremd. Es war kein Hamburger Nummernschild. Als ich den zweiten Treppenabsatz erreichte, war der Wagen verschwunden. Ich hatte keine Stimmen gehört, aber in diesen alten Villen klingen alle Geräusche irgendwie gedämpft. Nur der Gong fürs Mittagessen hallte durch das ganze Haus, damit man ihn überall hören konnte. In unserem Flügel konnten Nicklas und ich nicht einmal das Läuten des Telefons vernehmen.
Als ich die breiten Marmortreppen hinunterging, hörte ich Stimmen. Ich blieb stehen. Ich wollte nicht lauschen, es wäre nicht der erste Streit gewesen. Es gab oft welche. Die Stimme unserer Mutter klang zornig – manchmal auch kläglich wie bei einem kleinen Kind, das Angst hat vor Simons Beschimpfungen. Irgendwie war ich froh, allein zu sein, wenn es schon Streit geben musste. Nicklas hielt sich mit seiner Kamera draußen im großen Park auf.
Es hatte schon einmal Streit gegeben, als Mami zu viel getrunken hatte. Vom oberen Ende der Treppe aus konnten wir hören, dass ihre Schritte unsicher klangen. Simon hatte nach Frau Lodekamp geläutet. »Geh nicht allein die Treppe hinauf«, hatte er zu Mutter gesagt, »du wirst dir das Genick brechen.« Wahrscheinlich griff er auch nach ihr, denn ich hörte sie lallen: »Lass mich los.« Ich spürte, wie Nicklas neben mir starr wurde, und ich musste meinen Arm ausstrecken, um ihn daran zu hindern, die Treppe hinunterzugehen.
