Das Tränenhaus - Gabriele Reuter - E-Book

Das Tränenhaus E-Book

Gabriele Reuter

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Beschreibung

Abseits der Blicke der Außenwelt, draußen in der schwäbischen Provinz, führt eine patente Hebamme ein Frauenheim. Wer diskret ein Kind zur Welt bringen will, findet hier Unterschlupf. Auch die Schriftstellerin Caroline Reimann zieht sich hierhin zurück. Nur zeigt die Fassade bald Risse, rohe Schikanen nehmen ihren Lauf – und Caroline erkennt den hohen Preis ihres Wunsches, eine selbstbestimmte Mutter zu sein. Das Tränenhaus wurde bei Erscheinen 1908 zum Skandal und eröffnet heute eine einzigartige Perspektive auf die Ursprünge des Umgangs mit weiblicher Selbstermächtigung.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gabriele Reuter

Das Tränenhaus

Roman

Mit einem Nachwort von Annette Seemann

Reclam

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

 

RECLAM Nr. 962567

2026 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben

Coverabbildung: © Megan Gibbons

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2026

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962567-6

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011578-7

reclam.de | [email protected]

Inhalt

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Anhang

Zu dieser Ausgabe

Nachwort

Zeittafel

Erstes Kapitel

Hatte Cornelie geschlafen und hatte sie geträumt? Es geschah ihr in der letzten Zeit öfter, dass sie aus wachem Sinnen in einen Zustand halben Schlummers hinüberglitt, in dem dann seltsam deutliche Bilder von Dingen, die waren, und von solchen, deren Zusammenhang sie nicht zu enträtseln wagte, vor ihrem inneren Auge sich formten und oft schon, während sie sich bildeten, wieder zerrannen. Und so mochte es wohl auch jetzt gewesen sein. Sie ruhte unter einem großen alten Lärchenbaum, dessen hellgrüne Nadelbüschel an den graurissigen Zweigen bewegungslos über ihr hingen. Die Luft des südlichen Frühlingsmittages war still und warm. Ihre Augen blickten zwischen erzitternden Wimpern, geblendet von der sonnenflimmernden Helle, auf die üppige Farbenschönheit der Blumenwiese. Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge. Es war, als spielten über all den bräunlichen Rispen, den bunten Kelchen die Geister der Sonnenstrahlen eine auf- und abschwellende Melodie auf den Saiten der Luft. Und dieses leichte Klingen war der einzige Ton in Nähe und Weite. Die Felsen standen totenstill, die Häuser der Menschen in dem schönen Tal lagen weit von hier, der Himmel spannte sich in einer blassen milchartigen Helle über die Welt, lautlos stiegen die Wellen schweren Würzduftes aus Orchisblüten und Thymian.

Und alle Schmerzen schliefen. Sie waren betäubt von den Düften und der Wärme und der stillen Einsamkeit.

Cornelie lächelte entrückt. Sie sah es doch wieder … wie war das nur? Sie sah das Bild in zauberisch dünnen und doch deutlichen Umrissen inmitten der zitternden Luft über der Blumenwiese schweben.

Es war etwas wie ein hölzernes Gartengitter, mit einem Pförtchen … In dem geöffneten Pförtchen, die Hand am Schlosse, stand das Kind. Es war ein Mädchen. Sein Haar, von einer feinen Goldfarbe, in der ein silbernes Schimmern webte, schmiegte sich eng an das schmale Gesicht. Die roten Lippen waren geöffnet, aus Scheu und Schelmerei – so als wollten sie gern ein lustiges Wort sagen und getrauten es sich doch nicht. Am deutlichsten aber war der Blick der hellgrauen und sehr großen Augen, denen Vertrauen und Schüchternheit und das Glück des Spiels eine wunderlich holde Bedeutung gaben.

Um den Ausschnitt seines Kleides hatte das Kind kleine Büschel rosiger Blumen gesteckt, so dass das Köpfchen sich wie aus einem zarten Kranze erhob, aber als Cornelie mit den Augen blinzelte, um die Art der kleinen Blumen deutlicher zu sehen, da war das Bild zerronnen. Sie schloss die Lider und streckte sich in dem sonnenwarmen Grase aus, den Kopf auf den Arm gelegt. Das Lächeln war noch immer um ihren Mund, der in den letzten Wochen gramvoll und blass geworden war, wie der Mund einer alten Frau. Sie genoss das eben Geschaute – mochte es nun Traum oder Vision gewesen sein – in tief beseligter Erinnerung.

So schön würde ihr Kind werden, so hold und lieb würde es sie einmal anschauen. – Sie tat einen tiefen Seufzer, der nicht nur ein müdes Stöhnen dumpfen Leidens, der ein Verlangen war nach Stärke und Zuversicht.

Eine Weile später raffte sie sich auf, suchte das kleine Nähzeug, an dem sie nur wenige Stiche getan hatte, zusammen und erhob sich, um heimzukehren, denn es war Mittagszeit. In dem ländlichen Wirtshaus neben dem kleinen Bahngebäude wohnte sie. Während sie eintrat, begann sie zu denken, dass sie hierbleiben möchte, wo niemand sich um sie kümmerte, wo die Natur ihr lieb war und so traumverlorene Morgenstunden vor ihr lagen wie die heute genossenen, die auch dem kleinen Leben unter ihrem Herzen wohltun mussten. Das war doch nun das Einzige, worauf für sie noch etwas ankam.

Es schien ihr zum ersten Mal, dass auf diese Weise das Unmögliche möglich, das Unerträgliche erträglich werden könne – zum ersten Mal, seit sie – halb irrsinnig vor rasenden Schmerzen – geflohen war aus ihrem bisherigen Leben, geflohen, wie man mit Todesangst, mit wilder Hast aus einem Hause flieht, dessen Grundfesten in jähen Erdstößen erbeben, wo Mauern und Decken in erstickenden Staubwirbeln zu Trümmern um uns her zusammenstürzen.

Schon jetzt wusste Cornelie nicht mehr, wie sie auf den Bahnhof gekommen war, sie erinnerte sich nicht mehr, welcher Art der Abschied von ihrer Mutter gewesen und welche Worte dabei gesprochen wurden. Ihre Reise hatte kein Ziel gehabt. Man hatte ihr Adressen von Pensionen und Kurorten mitgegeben, aber sie sah sie nicht einmal an. Als der Abend dunkelte, erblickte sie, während der Schnellzug einige Minuten hielt, die einsame Station, neben der ein kleines Wirtshaus lag. Da stieg sie aus, man reichte ihr das Köfferchen aus dem Wagen, sie trat in das Haus und fragte, ob sie ein Zimmer haben könne. Ja, man hätte ein Zimmer für Touristen. Ob sonst noch Fremde hier seien? Nein, man wäre eigentlich nicht für Herrschaften eingerichtet.

Das war ihr genehm. So blieb sie. Nun schon drei Wochen. Niemand achtete auf ihr Kommen und Gehen. In der Gaststube wurde es nur abends lärmend, wenn die Bahnarbeiter dort ihren Schoppen tranken und die heißblütigen Südtiroler mit ihren italienischen Grenznachbarn in Streit gerieten. Desto stiller war’s im Herrenstüble. Dort wurde ihr das Gedeck am anderen Ende des Tisches gelegt, an dessen oberer Ecke der Stationsvorsteher seinen Platz einzunehmen pflegte. Ein alter schweigsamer Junggeselle, der seit fünfzehn Jahren die Strecke beaufsichtigte. Neben ihm saß stets ein stiller junger Mann, der, gleichfalls im Eisenbahndienste, die Strecke für die nächsten fünf Jahre zu besichtigen verpflichtet war. Einmal wollte sie den Jüngeren fragen, wie er solche Zukunftsaussicht ertragen könne. Aber schließlich war sie doch zu gleichgültig, um die Frage zu tun. Übrigens interessierte er sich für Botanik. Die beiden Männer rauchten schweigend nach den Mahlzeiten ihre Zigarren, dann gingen sie mit verdrossener Pünktlichkeit an ihre Cornelien völlig rätselhaften Obliegenheiten.

Sie lag die Nächte meist wachend, hörte die Schnellzüge, die zwei Welten miteinander verbanden, durch das dunkle weite Tal brausen und litt noch einmal in jeder qualvollen Einzelheit alles schon unzählige Nächte Durchlittene. Am Tage überfiel sie oft eine unbezwingliche Schlafsucht. Wenn sie bei ihrer begonnenen Arbeit saß, sank ihr mitten im Satz der Kopf auf das Manuskript, und sie wusste später kaum, wie lange sie in so unbequemer Lage geschlummert hatte. Auch wenn sie langsamen Schrittes in dem blühenden Lande, dessen Lieblichkeit sie sah, ohne sie zu empfinden, ziellos umherwandelte, musste sie sich oft niedersetzen. Eine Gleichgültigkeit kam über sie, die einem Entschwinden jeder geistigen Fähigkeit glich. Es war ihr schwer, danach den Weg zum Wirtshaus zurückzufinden, sie wusste auch am nächsten Tage nicht mehr, welche Straße sie eigentlich gegangen war. Nur dem Umstande, dass die Station so weithin sichtbar im breiten Talgrunde lag, hatte sie es zu danken, dass sie sich nicht öfter peinvoll verirrte. Sie machte deshalb auch keinen der Ausflüge, die ihr die Wirtin zuweilen empfahl, denn sie konnte sich nicht zum geringsten Interesse für die berühmten Punkte der Gegend ermuntern.

Sie wollte ja nur auf irgendeine Weise so viel Kräfte sammeln, um ihre Arbeit, ihr neues Werk zu fördern und in den nächsten Monaten zu beenden. Hatte sie um das Leben des kleinen Geschöpfes, das unter ihrem Herzen wuchs, so hart kämpfen müssen, hatte sie alles dafür hingegeben, was ihr bisher wertvoll geschienen, alle Reinheit und Ehre und Frauenwürde, und zuletzt auch alles Liebesglück, so durfte es nicht verhungern, wenn es auf die Welt kam. Sollte sie selbst bei seiner Geburt sterben, was sie erwartete und, soweit sie noch etwas zu wünschen vermochte, auch wünschte, so musste sie doch für ihr Kind sorgen. Ihr neues Werk sollte ihr die Mittel geben, um dem unaussprechlich verlassenen Wesen Freunde zu erwerben, die sich, wenn auch nicht aus Liebe, so doch um des Verdienstes willen seiner annahmen, es pflegten und großzogen.

So stark war dieser Instinkt, der den Vogel sein Nest bauen und die Füchsin für ihre Jungen ihre Höhle graben lässt, in Cornelie lebendig, dass ihre Arbeit, wenn auch langsam, doch stetig fortschritt. Freilich hatte sie sie in einer früheren Zeit komponiert, hatte sie seit Jahren energisch und oft durchdacht. Sie brauchte nun nur in das aufgespeicherte Material zu greifen, um es zu formen. Doch kam sie oft bis zu einem müden Verwundern, dass Worte und Sätze, die sie in einem Traumzustande niederschrieb, dennoch Zusammenhang und Farbe und Leben bekamen. Und sie irrte sich nicht – das Werk besaß ein blutwarmes Leben, für welches sie sich kaum noch verantwortlich fühlte. Es wuchs und wurde fein und stark, gleichsam aus sich selbst voraus genährt von einer Zeugung, welche weit zurücklag. Aber war nicht alles in diesem Dasein voll ungeheurer, verworrener Rätsel, warum sollte denn die geistige Produktion davon ausgenommen sein? Sie verstand nichts mehr davon. Es war eine vermessene Torheit gewesen, dass sie sich einmal für eine von den Auserwählten gehalten hatte, die den Menschen etwas von diesen Rätseln zu deuten vermochten. Nein, wenn sie ehrlich sein wollte, sie selbst hatte sich nie dafür gehalten. Man hatte sie, wie es ihr schien, mit allzu wenig Berechtigung zu dieser Ausnahmestellung unter den Frauen erhoben. Unter den Blinden ist der Einäugige König, hatte sie oft denken müssen, als die ersten Zeichen zu ihr gedrungen waren, dass ihr Buch »Beiträge zur Psychologie der Frau«, welches vor einigen Monaten erschienen war, ein ungewöhnliches Aufsehen, nicht nur unter den Frauen, sondern fast mehr noch unter den Männern erregte. Und dies geschah, trotzdem sie sicher war, nur ihr Selbstverständliches geschrieben zu haben, und trotzdem sie versucht hatte, ihrer ganzen Natur entsprechend, in der Art der Darstellung jede sensationelle Note zu vermeiden. Dachten die Menschen wirklich so wenig über sich selbst und ihre Beziehungen zueinander nach, dass schon die einfachen, zutage liegenden Beobachtungen, die Cornelie hier zusammengestellt hatte, hinreichten, sie in Erstaunen und Erschütterung zu versetzen?

Es musste wohl so sein.

Hatte sie doch selbst erlebt, dass ein kluger Mann und einer, mit dem sie aufs Innigste vertraut zu sein glaubte, dem sie ihr Wesen stets rückhaltlos erschlossen hatte, als der Augenblick kam, wo ein höheres Verstehn zur Notwendigkeit wurde, hilflos und töricht versagte. Hatte er sie nicht damit am zerstörendsten beleidigt, dass er alle Grundbedingungen ihrer Persönlichkeit, ihrer Naturanlage missachten zu können meinte?

War es ein absichtliches Nichtverstehenwollen, aus hartem Egoismus –? War es ein Unvermögen an Seelendelikatesse? Und worin lag die größere Hoffnungslosigkeit für sie?

Aber sie wollte den Mann jetzt gar nicht mehr erkennen oder beurteilen.

Sie konnte es einfach nicht mehr in dem rasenden Hass, der wie eine scheußliche Krankheit ihr Inneres zerwühlte, ihre Nächte peinigte mit dem unerträglichen Verlangen, ihn mit ihren Händen zu martern, seine Not in Blut und Todesgrauen mit ihren eigenen Augen zu sehen, in der eklen Gier nach Rache, wie nach einem letzten Besitzen …

Heut zum ersten Mal war es ihr gewesen, als schaue sie das Flimmern eines goldenen Fadens, an dem sie sich festhalten, sich hinauszutasten vermöchte aus dem unaufhörlichen Kreisen um denselben Jammer, aus demselben dumpfen Umherirren in den dunklen Gängen tausendfacher Qualen, mit dem sie ihre letzten Seelenkräfte erschöpfte. Es gab doch irgendwo noch hellere, reinere Lüfte … Wenn sie nur dort hingelangen könnte. Wenn sie nur einmal fertig werden und vergessen könnte … Vergessen, soweit das Hirn sich zum Vergessen zwingen lässt … Sie hatte eine so große Sehnsucht nach dem Vergessen.

Die erste Bedingung dazu war wohl, dass sie nicht wieder in die alten Lebensverhältnisse zurückkehrte. Das Einfachste war schon, sie blieb, wo sie sich befand.

Doch gab es ein Bedenken – eine sehr reale dumme Schwierigkeit. So einfach das Wirtshaus, so bescheiden der Preis für Zimmer und Mahlzeit auch sein mochte, es ging doch wahrscheinlich über ihre Mittel, für viele Monate hier zu wohnen. Sie musste alles klar und kühl überlegen. Ihre Selbständigkeit und damit der letzte Halt für ihre Selbstachtung ließ sich nur festhalten, wenn sie sich aufs Äußerste einschränkte. Sie musste scharf rechnen. Aber schon bei dem auftauchenden Willen, ihre Lage ganz klar und nüchtern zu bedenken, verwirrten sich ihre Sinne bis zur halben Ohnmacht. Wollte sie einen Plan machen, einen Entschluss fassen, so sank sie in hilfloser Schwäche zusammen. Dann begann sie zu weinen, bis sie nichts mehr von sich selbst und allem, was sie quälte, wusste und ihre Seele, losgelöst von Schmerz und Leid, sich nur noch in der Wollust der Tränen badete.

Zweites Kapitel

Cornelie wanderte einen staubigen Pfad an einer hohen Mauer entlang. Das Grün von Bäumen ragte über das weiße Steinwerk, Glyzinien rankten das feine Gefieder ihrer graugrünen Blätter und die blauen Blütentrauben über den oberen Rand. Aus einem Pförtchen traten zwei Priester und schritten, leise Gespräche führend, vor Cornelie her. Eine Frau in schwarzem Kleide mit mildem ergebenem Gesicht kam ihnen entgegen und neigte sich demütig über ihre Hände. Cornelie dachte, es müsse doch eine Erleichterung sein, Not und Reue so an eine bestimmte Stelle tragen zu können, um sie gleichsam auf diese Weise abzutun, statt allein einen Weg hindurchwühlen zu müssen.

Es war gegen Abend, als sie den Marktplatz erreichte. Die Schatten lagen schon kühl in den Lauben. Kleine Lädchen gab es hier unter den Steinbögen, mit bunten Tüchern, mit Bindfäden und Äpfeln, andere mit Kirchengeräten und vielen großen und kleinen Muttergottesstatuen von Porzellan, alle mit dem blauen Mantel und der vergoldeten Krone. Ein Hohn glitt Cornelien um den Mund. »Ja du – du – wie hast du dir deine Krone erschlichen?«, dachte sie voll Ingrimm. Und dann stand sie und sah lange auf die von Staub bedeckte Auslage einer Buchhandlung: »Thomas a Kempis, Nachfolge Christi«, las sie, und »Das wundertätige Wasser von Lourdes«, »Die Flora von Südtirol«, »Fahrten durch das Pustertal«. Wunderlich genug schauten zwischen den andern zwei Bändchen mit grellen Bildern heraus. »Militärhumoresken«. Sie trugen einen Schriftstellernamen, den Cornelie hatte nennen hören, als sie ein Kind war.

Fremde Welt – fremde vermodernde Welt …

Neben dem Brunnen hielt ein Wägelchen, in dem ein Priester und eine alte Frau saßen. An dem breiten grauen Steinbecken lehnten ein paar Kaiserjäger und schwatzten. Ein Offizier ging, die schlanken Beine in sehr engen Hosen, das Spazierstöckchen lässig in der Hand schwingend, über den stillen Platz und verschwand im Postgebäude. Es schien Cornelien, als ob in dem unter weißem Staub versinkenden Städtchen nur Priester und Soldaten hausten. Die Frauen und Mädchen trugen alle schwarze Kleidung, man begegnete auf ihren Gesichtern immer wieder demselben Ausdruck verschüchterter Demut.

Kaum zwei Stunden von hier lag ein großer Fremdensammelplatz. Dort zog sich das bunte Leben zusammen, und wie es denn oft im weiteren Umkreis solcher Brennpunkte doppelt öde zu sein pflegt, so fristete das alte Nest im schönen Tal sein Dasein nur durch die Residenz des Bischofs, durch ein Priesterseminar und eine stattliche Garnison, deren Offiziere und Mannschaften sich untereinander so gut vergnügten, als sie es eben vermochten, und, wenn es anging, zu den belebteren Orten hinüberfuhren.

Nach dem heitern Winterkurort hatte Cornelie ihre Hochzeitsreise richten wollen. Aber nun hingen die Kleider, die sie dazu vorbereitet hatte, daheim bei ihrer Mutter im Schrank und würden niemals getragen werden.

Plötzlich fiel es ihr ein, dass sie auch, wie vorhin der Offizier, über den Platz gehen und in dem Postgebäude nach Briefen fragen müsse. Sie hatte sich mehrere Tage lang nicht dazu aufraffen können. Aber nun wusste sie, dass sie doch wohl deshalb den Weg zur Stadt eingeschlagen hatte.

Sie nannte am Schalter mit einer heiseren, bedrückten Stimme ihren Namen, von dem sie vor drei Wochen geglaubt hatte, sie würde ihn nicht wieder nennen, sondern ihn für immer gegen einen anderen vertauschen. Der Beamte händigte ihr ein Paket Briefe und Drucksachen aus. Obenauf lag ein Schreiben in einem viereckigen grauen Hanfkuvert, von einer wunderlich-eigensinnigen Handschrift adressiert.

Sie trat einige Schritte beiseite und hielt sich an dem Rand des Schreibpultes fest. Ihr Herzschlag flatterte in ihrer Brust wie der Flügel eines gefangenen Vogels.

Sie sah die kleine skurrile Handschrift mit dem großen Schwung der Anfangsbuchstaben, gegen die sie eine leise Abneigung nie hatte überwinden können, auch damals nicht, als sie die Briefumschläge, welche sie trugen, an die Lippen gedrückt und innig geküsst hatte.

Was hatten sie sich nach jenen letzten Abschiedsworten noch zu sagen?

Cornelie blickte zum Schalter zurück, wo der Offizier mit dem Beamten unterhandelte.

Die Annahme des Briefes verweigern – und dann nichts mehr … Sie tat einen Schritt vorwärts – ein Schwindel befiel sie … Der Angststrom einer jähen Hoffnung durchrauschte ihr Blut. Sie ging schnell auf den stillen Marktplatz hinaus und dort, im Gehen, mit zusammengebissenen Zähnen, öffnete sie den Umschlag und las.

Es waren nur wenige Worte.

Er versicherte sie seiner Freundschaft und bot ihr seine Hilfe an für den Fall, dass sie dieselbe bedürfen sollte …

Ein Almosen …

Sie knirschte mit den Zähnen, zerknitterte das Blatt in der Hand – eine Welle blinden Hasses schlug über sie hin, und sie spie aus vor erstickendem, würgendem Ekel.

Dann zerriss sie den Brief in kleine Stücke und streute sie in die Luft und ging schnell weiter, atemlos, doch immer schneller und schneller. Vor ihren Augen drehten sich schwarze, rote und gelbe Ringe, zerflossen, wurden größer, kleiner, sausten durcheinander und lösten sich wieder, rote Fliegen, schwarze Punkte flogen durch die Kreise, haschten sich, vereinigten sich, trennten sich wieder.

Ihre Glieder zitterten in nervösem Frost, trotz der schnellen Bewegung in der lauen Luft und trotzdem von ihrer Stirne Schweißtropfen sich lösten und an den Schläfen niederrannen.

In ihrem Zimmer angelangt, riss sie den Hut vom Kopf, fiel auf den Diwan und lag dort lange totenstill. Im Kopf hatte sie ein Gefühl, als schlage sie jemand in regelmäßigen Pausen mit einem stumpfen, schweren Instrument auf den Schädel.

Endlich fühlte sie Hunger, den unbezwinglichen Heißhunger der schwangeren Frau. Ein bitterliches Lächeln der Selbstverachtung kroch über ihre erstarrten Züge. Schwer und widerwillig stand sie auf. Die Beine hingen ihr gleich Bleisäcken am Körper. Wie eine ganz alte Frau schlich sie zum Spiegel, ihre Kleidung zu ordnen. Sie fror noch immer so entsetzlich. Wild starrte das Haar um das ergraute, wie zu Asche gewordene Antlitz, ihre Augen sahen ihr aus dem Glase mit erloschenem Blick entgegen. Sie kämmte sich, setzte einen Hut auf und zog den Schleier hinunter. So ging sie in die Gaststube und ließ sich eine Omelette bereiten. Sie aß ein paar Bissen, versuchte etwas Brot und einige Schlucke Wein zu genießen und erhob sich dann wieder.

Langsam, ohne irgendetwas um sich her zu sehen, kehrte sie in ihr stilles Zimmer, wo niemand sie stören durfte, zurück. Sie war nun ganz ruhig geworden und sehr müde. Sie war fast gewiss, dass sie in der Nacht schlafen würde.

Der Brief hatte ja kommen müssen.

Sie wusste jetzt, dass sie ihn erwartet hatte, alle Tage und alle Nächte. Auch dieses war nun erlitten und konnte so nicht noch einmal gelitten werden.

Sie sah es erst an diesem Abend ganz deutlich, wie etwas in ihr noch immer geglaubt hatte, unter allen Irrungen und Krämpfen der Liebe müsse ein Unzerstörbares sie ewig verbinden …

Und wie sie immerwährend darauf gewartet hatte, dass es sich gerade jetzt in seiner Kraft offenbaren müsse. Ja – wirklich – sie hatte noch immer geglaubt, dass er sie nach dem letzten Kampf und Abschied dennoch rufen werde, ihm schwesterlich beizustehen in der Wirrnis, durch die sie beide sich tasten mussten … Und sie hatte tief geschaudert vor allem, was ihr in solchem leidvollen Verkehr an heimlichen Qualen bevorstand, und hatte doch gewusst, sie werde seinem Rufe folgen müssen, getrieben von dem Hass und der Liebe, die eins geworden waren in ihr.

Am offenen Fenster stand sie im Dunkel, streckte die Arme und sog die duftenden Lüfte der Frühlingsnacht in die von Schmerzen verbrannte, wunde Brust. Und sie wurde stiller und stiller. Sie hob die Hände, strich über Haar und Schläfen.

Vorbei – – vorbei – – vorüber …

Nun durfte sie den Namen des Mannes aus ihrer und ihres Kindes Zukunft löschen.

Nun lag das Zukünftige vor ihr als ein weißes leeres Blatt, mit frischen, noch nie versuchten Schriftzügen, noch unbekannten Figuren zu bedecken.

Ein neu Beginnen.

Cornelie atmete tief und befreit. Jetzt wollte sie das Dasein wieder leben. Wollte es mit ganzem Willen leben!

Sie zündete die Lampe an, um die übrigen Postsachen durchzusehen. Ein Briefchen ihrer Mutter handelte von kleinen häuslichen Dingen und fragte, wann Cornelie heimkehren werde. Ihre Mutter ahnte noch nicht, was vor ihr lag. Die Arme. Mein gutes, altes, liebes Kind, dachte Cornelie sorgend, wie kann ich dich am besten schonen – wie kann ich dich an allen Schrecken, die deiner warten, linde vorüberführen?

Während sie ihre Kleider abzulegen begann, versuchte sie sich das neue Leben vorzustellen.

War ihr Kleines erst geboren, so konnte sie in einem der Seitentäler dieses Berglandes ein bescheidenes Besitztum mietweise oder vielleicht auch zu eigen erwerben. Hier, wo keiner von ihnen wusste, wo sie sicher sein konnten vor Demütigung und Schande, waren ihnen friedevolle Tage doch wahrscheinlich. Der Winter war hier zeitig vorüber, wurde schnell abgelöst von einem üppig blühenden Frühling.

Die alte Frau konnte im Garten sitzen, sich an Sonne und Blumen laben. Das Kind würde in schöner Freiheit erwachsen, und die Menschen, vor denen Cornelien graute, blieben ihnen fern. Ihr schwebte etwas von einem Namenswechsel vor. Nur auslöschen alles Vergangene.

Die täglichen Bedürfnisse aufs Äußerste einschränken, um unabhängig und einsam bleiben zu dürfen.

Eine tägliche Arbeit, mit der sie Brot und Kleider verdienen konnte, würde sich finden lassen – davor war ihr nicht bange. Sie sah sich in ländlichem Schaffen, das ihr aus einer frühen harten Jugendzeit her nicht fremd war, sah sich im Garten und im Weingelände wirken, sah das kleine Mädchen im kurzen Röckchen und barfuß neben ihr traben, hörte sein Lachen … Cornelie Reimann, die eine kurze Weile von der Mode auf ihren bunten, üppigen Thron gehoben worden, war nur noch eine halb vergessene Erinnerung.

Wie schön, befreit zu sein – wiederholte sie einige Male, wie man eine Zauberformel murmelt oder einen Segensspruch.

Als sie sich niedergelegt hatte, nahm sie den Brief ihrer Mutter noch einmal zur Hand. Da traf sie auf eine Bemerkung, die quer über den Rand geschrieben, vorhin von ihr übersehen worden war und welche lautete:

»Weißt Du auch, dass Frau von Völkerling Dich in den nächsten Tagen aufsuchen wird. Sie hat sich in Deiner Nachbarschaft für einige Monate eingemietet, sie sucht doch immer etwas Besonderes! Ich fürchte, es wird Dir nicht lieb sein, dass ich ihr Deine Adresse gab, aber es war nicht möglich, sie ihr zu verschweigen, da ihr ja gute Freundinnen seid. Es ist auch wohl nicht recht, dass Du Dich so sehr in die Einsamkeit vergräbst.«

Cornelie legte mit kalten Fingern das Blatt auf den Nachttisch zurück und löschte die Lampe.

Nach einer Weile war ihr Gesicht nass von Tränen. Angst und Hilflosigkeit überwältigten sie nun wieder vollständig. Ein neues Versteck suchen? Sie weinte, bis Tuch und Kissen durchtränkt waren und sie mit einem salzigen Geschmack auf den Lippen plötzlich in die Bewusstlosigkeit eines schweren Schlafes sank.

Drittes Kapitel

Das kleine Haus lag in einer freundlichen Wiesengegend Württembergs. Oben auf dem höchsten Punkt des lang hingestreckten Hügels hob ein graues Grafenschloss seine Dächer über das Grün der Parkbäume, die Dorfstraße mit den Bauernhöfen zog sich auf dem Rücken der Erdhebung entlang. Unten, wo der helle junge Fluss durch Weidengebüsch und über weiße Kiesel plätscherte, gab es freilich noch eine zweite Straße. Hier wohnten nur arme Weiblein in bescheidenen Hütten, mit winzigen, blumenreichen Vorgärten.

Das kleine Haus aber lag ganz allein und abseits von den beiden Dorfstraßen, am linken Abhang des Hügels, in seine Flanke gleichsam verschüchtert hineingedrückt. Der Weg, der vom Dorf zu ihm hinunterführte, war steil und steinicht, voller Löcher und Pfützen. Rechts und links neben den Schlehdornhecken wuchs ein Gestrüpp von Brennnesseln. Alles zeigte, dass niemand ein Interesse daran nahm, den Pfad in gangbarem Zustande zu erhalten. Er führte ja auch nur zu einem Gehöft notorisch verkommener armer Leute, und weiter zu dem kleinen Häuschen, von dem die Frauen im Dorf mit einem gewissen halblauten Ton der Scheu redeten, und die Männer mit einem zweideutigen Grinsen.

Freundlich genug schaute es aus unter dem großen blühenden Birnbaum, durch den die Bienen summten. Helle Gardinen hingen vor allen Fenstern, und seine stattliche Eigentümerin stand meistens würdevoll vor ihrer Türe, irgendetwas Gutes zwischen ihren großen weißen Zähnen behaglich kauend, während die kleine Schar ihrer Gäste um sie her auf der Schwelle oder auf der Bank an der Hauswand zu hocken pflegte, gähnend, träumend oder schwatzend, wie es sich eben fügen mochte.

Die Gäste waren das Bedenkliche in diesem kleinen Hause, von dessen Türe man unendlich weit ins Land schauen konnte, über das heitere Flüsschen hinweg, bis zu den duftigen Umrissen der Schweizeralpen fern am wolkigen Horizont, und das doch trotz dieser weiten und freien Aussicht so schüchtern sich hinter der Hügelflanke versteckte.

Scheue und stille Gäste waren es, die das kleine Häuschen beherbergte. Meistens trafen sie in der Dämmerung bei der stattlichen Frau Uffenbacher ein. Sie trieben dann eine Weile in dem Hüttchen ihr geheimnisvolles Wesen, – blasse Mädchen mit unförmigen Gestalten, die zu zweien und dreien in den einsamen Feldwegen spazieren gingen, bis sie eines Tages wieder verschwunden waren. Gewöhnlich tauchte nach solchem Verschwinden in der unteren Straße bei den armen Witwen in einem der bunten Vorgärtchen ein neuer Kinderwagen auf, und der scheue Gast ließ dem Dorf einen munter krähenden Erdenbürger als Pfand seines Besuches zurück.

Frau Uffenbacher aber zählte zufrieden einige Goldstücke, schloss sie in ihre Kommode und harrte einem anderen Gast entgegen. Sie hatte kürzlich, um mit der Neuzeit fortzuschreiten und ihrer Anstalt einen höheren Aufschwung zu verleihen, Inserate in verschiedenen großen Blättern erscheinen lassen. Es waren auch Prospekte gedruckt worden. Gebildeten Damen höherer Stände, welche sich für eine Zeitlang von der Welt zurückzuziehen wünschten, waren darin alle Vorteile, die ein mehrmonatlicher Aufenthalt in dem gastlichen Hause von Frau Uffenbacher bot, mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit auseinandergesetzt worden.

Das verfallene und von der ärmsten Dorfmagd verachtete Hüttchen an der Hügelflanke nahm in diesen Darlegungen den Charakter eines heiteren buen retiro an, in dessen Lauben und Ruheplätzen ein weltabgeschiedener Friede herrschte, während alle Bequemlichkeiten an Fluss- und Wannenbädern, an vorzüglicher Kost, an sachgemäßer ärztlicher Pflege mit einer Art von fachmännischer Selbstverständlichkeit zugesichert wurden, ebenso wie den Damen die allerstrengste Diskretion und eine gewissermaßen über die allerstrengste Diskretion noch hinausgehende Geheimhaltung ihrer Lebensumstände treuherzig und zugleich mit geschäftlichem Ernste zugesichert wurde.

Frau Uffenbacher suchte einen dieser meisterhaften Prospekte aus der Schublade ihres Wohnzimmertisches hervor, wo sich außerdem zwischen Brotrinden und Wurstschalen, Haarnadeln und sehr fettigen Spielkarten ein Fläschchen Tinte, ein Löschblatt und ein Federhalter befanden. Sie setzte ihre gewichtige Brille auf und rief die zurzeit bei ihr weilenden jungen Mädchen, das Annerle von Pfaffenhofen, die Schweizer-Mari und die bayerische Toni herbei, sowie ihre Magd, die Hanne, die ein dickes rotes Ziehkind auf ihren dicken roten Armen schaukelte. Ohne alle diese Hilfe wäre es Frau Ursula Uffenbacher nicht möglich gewesen, einen so bedeutungsvollen Brief zu schreiben, wie es jetzt geschehen musste. Sie legte sich feierlich einen Papierbogen auf dem Löschblatt zurecht, rückte ihn rechts und rückte ihn links, leckte die Feder, putzte die Brille, schaute darüber hinweg auf das Annerle von Pfaffenhofen, ein molliges blondes Fräulein, das schmunzelnd in dem Prospekte las, und fragte etwas unsicher: »Sag, Annerle, meinscht, die Anfrag’ ischt von einem Herrn? Ja, soll ich da adressieren: Sehr geehrter Herr oder sehr geehrtes Fräulein? Eine bessere Herrschaft ischt’s jedenfalls – da müsst ihr euch schon zusammennehme, das sag ich euch, ihr Baggasch!«

»Zeigen Sie den Brief her, Frau Uffenbacher!«

Cornelies Anfrage, die sie auf das in der Zeitung gefundene Inserat hin an Frau Uffenbacher gerichtet hatte, ging von Hand zu Hand und erregte eine lebhafte Meinungsverschiedenheit.

»So sachgemäß fragt nur ein Herr – und zwar ein Geschäftsmann«, erklärte Annerle, »ich kenn mich da aus! Und die Handschrift – ja – und doch, wenn ich’s recht bedenk’ …«

»Sie werden doch nicht glauben, dass so eine Frau schreibt«, rief die Schweizer-Mari, »das ischt doch alleweil sicher, dass das ein Mann geschrieben hat! Das Maidli hat gewiss einen lieben Herrn, der sich um sie kümmern tut …«

»Am End’ ihr Vater!«, überlegte Annerle. »Wisset’s – so das nach allem fragen – nach dem Bad und so – das tut schon so leicht kein Liebhaber – macht mir nix weis …«

»Am End’ die Mutter!«

»Ach geh’ – kennst die Mütter! – Was tun denn die, als weine und schimpfe! Die kümmern sich doch den Teifi drum, was ihre Kinder gut täte in dere Zeit … Ja, die verheirateten Töchter – die werde gepflegt und gehegt – aber mir arme Luder … Ha!«

Das Annerle schwang sich auf die Tischkante, baumelte mit ihren Füßen, die in grauen Filzpantoffeln steckten, und las den Brief noch einmal aufmerksam von Anfang bis zu Ende durch. Ihre hellen und klugen, etwas hervorstehenden Augen bekamen dabei einen gesammelten Ausdruck von Nachdenklichkeit. »Ich mein’ doch, es ischt eine Frau«, sagte sie dann bestimmt. »Vielleicht eine Verheiratete. Eine Dame. Mädeles, passt auf! Das wird interessant!«