Das Ultimatum - Simon Kernick - E-Book + Hörbuch

Das Ultimatum Hörbuch

Simon Kernick

4,9

Beschreibung

Fürchte jede Sekunde ...

London, ein ganz gewöhnlicher Tag. Geschäftiges Treiben, Touristen flanieren durch die Straßen. Plötzlich zerreißen Detonationen die Luft. Mehrere Bomben explodieren, Panik bricht aus. Doch dies ist erst der Anfang. Eine Bande Schwerbewaffneter stürmt das Luxushotel Stanhope. Sie stellen der Regierung ein Ultimatum: Fünf Stunden, um ihre Forderungen zu erfüllen – dann wird die erste Geisel sterben. Sonderkommissarin Arley Dale übernimmt die Einsatzleitung. Sie weiß: Auch ihre Kinder befinden sich in der Gewalt der Verbrecher. Für Dale beginnt ein Albtraum – und der Countdown läuft ...

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Zeit:10 Std. 43 min

Sprecher:Matthias Lühn

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ZUM BUCH

London an einem ganz gewöhnlichen Tag. Geschäftiges Treiben, Touristen flanieren durch die Straßen. Plötzlich zerreißen Detonationen die Luft. Mehrere Bombenanschläge erschüttern die Metropole, Panik bricht aus. Aber dies ist erst der Anfang. Eine Bande Schwerbewaffneter stürmt das Luxushotel Stanhope, verschanzt sich in dem Gebäude und stellt ein folgenschweres Ultimatum: Fünf Stunden hat die britische Regierung, um die Forderungen der Verbrecher zu erfüllen – danach werden die ersten Geiseln sterben.

Die junge Einsatzleiterin Arley Dale wird zum Stanhope geschickt, um den Gegenschlag zu leiten. Arley ist auf das Schlimmste gefasst, denn die Vorgehensweise der Verbrecher lässt ahnen, dass es sich um Profis handelt, die keine Gnade kennen. Doch auch im belagerten Hotel verschärft sich die Lage immer mehr: Zwischen den Verbrechern entstehen gefährliche Spannungen, und als zwei von ihnen getötet werden, wird den Geiselnehmern klar, dass ein unbekannter Gegner auf sie lauert.

Unterdessen beginnt für Arley ein Albtraum. Ein Fremder sagt ihr am Telefon, dass er ihre Familie entführt hat. Sollte sie weiter gegen die Geiselnehmer vorgehen, werden ihre Angehörigen sterben. Arley sieht sich vor die schwierigste Entscheidung ihres Lebens gestellt – und der Countdown läuft …

ZUM AUTOR

Simon Kernick, 1966 geboren, lebt in der Nähe von London und hat zwei Kinder. Die Authentizität seiner Romane ist seiner intensiven Recherche zu verdanken. Im Laufe der Jahre hat er eine außergewöhnlich lange Liste von Kontakten zur Polizei aufgebaut. Sie umfasst erfahrene Beamte des Special Branch, des National Crime Squad (heute SOCA) und der Antiterror-Abteilung. Mit Gnadenlos(Relentless) gelang ihm international der Durchbruch, mittlerweile zählt er in Großbritannien zu den erfolgreichsten Thrillerautoren und wurde für mehrere Awards nominiert. Seine Bücher sind in dreizehn Sprachen erschienen. Mehr Infos zum Autor unter www.simonkernick.com.

Am Ende des Buches findet sich ein ausführliches Werkverzeichnis aller im Wilhelm Heyne Verlag lieferbaren Simon-Kernick-Thriller.

SIMON KERNICK

DAS ULTIMATUM

Thriller

Aus dem Englischen

von Gunter Blank

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die Originalausgabe SIEGE

erschien 2012 bei Bantam Press, London

Vollständige deutsche Erstausgabe 11/2012

Copyright © 2012 by Simon Kernick

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Marcus Jensen

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-09014-2V002

www.heyne.de

Für die Jungs: Matthew, Danny und meinen Patensohn Jack

Dieser Roman ist Fiktion. Namen, Charakterbeschreibungen, Organisationen, Schauplätze und Ereignisse sind Produkte der Einbildungskraft des Autors. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen, Organisationen, Schauplätzen und Ereignissen wäre rein zufällig.

Donnerstagmorgen

1

07:45

Sie töteten sie sofort, als sie die Haustür öffnete.

Es lief alles glatt. Bull trug eine marineblaue Mütze der Königlichen Post sowie einen Pullover und ein Hemd in der gleichen Farbe. Damit glich er einem gewöhnlichen Postboten, und da er zudem einen mittelgroßen, leeren Karton mit dem Amazon-Logo in den Händen hielt, schöpfte das Mädchen keinen Verdacht.

Fox hielt sich bis dahin außer Sichtweite. Er war ähnlich gekleidet wie Bull und trug einen Rucksack. Außerdem war er mit einer halbautomatischen Pistole mit Schalldämpfer bewaffnet, die er gegen seinen Oberschenkel presste, damit niemand, der zufällig an der Tür vorbeiging, sie sehen konnte. Nicht dass man viel hätte sehen können, denn die hohe Lorbeerhecke versperrte fast vollständig die Sicht. Als das Mädchen aus der Tür trat, hob er die Pistole, und ehe sie von ihm Notiz nehmen konnte, schoss er ihr aus nächster Nähe in die Schläfe. Der Rückschlag war beträchtlich, doch dank des Schalldämpfers gab es nur ein sattes Plopp. Das Mädchen prallte gegen den Türrahmen, von der Schläfe strömte Blut über ihre Wange. Bull ließ den Karton fallen, griff ihr unter die Arme und fing sie auf, als ihre Beine einknickten.

Fox schob sich an ihm vorbei, streifte sich eine schwarze Motorradhaube über den Kopf und rückte, die rauchende Pistole schussbereit, in die mit Krimskrams übersäte Diele vor. Er schlich in den hinteren Teil des Hauses, von wo die typischen Geräusche einer frühstückenden Familie zu ihm drangen. Hinter ihm zerrte Bull das tote Mädchen in die Diele und schloss die Tür.

»Wer ist es, Magda?«, rief eine männliche Stimme aus der Küche.

»Niemand bewegt sich«, sagte Fox und betrat die Wohnküche, als gehörte sie ihm, was in diesem Augenblick wohl auch zutraf.

Ein stattlicher mittelalter Mann saß in Hemd und Krawatte am Tisch und hielt eine Tasse Tee. Ihm gegenüber saßen ein Mädchen und ein Junge in unterschiedlichen Schuluniformen. Die beiden waren Zwillinge, obwohl sie sich nicht besonders ähnlich sahen. Für seine wohl fünfzehn Jahre war der Junge hoch aufgeschossen und besaß schon die breiten Schultern seines Vaters. Sein glänzender Blondschopf machte ihn vollends zum Kandidaten für die nächste Boygroup. Das Mädchen dagegen war klein und mollig und wirkte um einiges jünger. Alle drei schauten schockiert auf Fox.

»Ich fürchte, Magda ist tot«, sagte der und richtete die Waffe auf den Vater. Seine Hand war absolut ruhig. »Und jetzt erwarten wir eure Kooperation, sonst seid ihr ebenfalls tot. Und das heißt, ihr werdet euch mucksmäuschenstill verhalten.«

Niemand bewegte auch nur einen Muskel.

Bull kam nun ebenfalls mit einer Motorradhaube maskiert in die Küche, blieb am Türrahmen stehen und wartete auf Anweisungen. Wie der Name suggerierte, war Bull ein gewaltiger Kerl. Andererseits war er nicht der Hellste und tat, was man ihm sagte, ohne Fragen zu stellen. Zudem schien er weder Mitgefühl noch sonst irgendwelche Gefühle zu hegen. Deshalb hatte man ihn für diesen Job ausgesucht. Fox warf ihm einen Blick zu und bemerkte den dunklen Fleck auf seinem Hemdkragen, wo er etwas von Magdas Blut abbekommen hatte.

»Bitte«, sagte der Vater und suchte Fox’ Blick. Um seiner Kinder willen versuchte er leise und beherrscht zu klingen. »Nehmen Sie, was Sie wollen, und gehen Sie. Viel haben wir nicht.«

Fox funkelte ihn an. Der Vater war siebzehn Jahre lang Sergeant bei der Polizei gewesen, ehe man ihn, nachdem er vor drei Jahren im Dienst niedergestochen worden war, in den Ruhestand versetzt hatte. Dennoch hatte er die Fähigkeit, Situationen unter Kontrolle zu bringen, nicht verloren, was ihn zu einem potenziellen Risiko machte. Fox’ Finger krümmte sich um den Abzug.

»Noch ein Wort, und ich jage dir eine Kugel in den Bauch. Verstanden? Wenn ja, dann nick mit dem Kopf.«

Der Vater nickte, stellte vorsichtig seine Tasse auf den Tisch und sah seine Kinder beruhigend an.

»Aufstehen, umdrehen, Gesicht an die Wand.«

»Tun Sie meinem Vater nichts«, sagte der Junge, der, wie Fox wusste, Oliver hieß. Er besaß eine tiefe, irritierend selbstsichere Stimme.

»Wenn ihr alle tut, was man euch sagt, wird niemand verletzt.« Fox klang kalt, aber entspannt. Er wusste, wie wichtig es war, zum einen nicht das geringste Anzeichen von Schwäche zu zeigen, zum anderen seine Geiseln nicht in Panik zu versetzen. Es war ein Balanceakt. Denn im Augenblick brauchten sie sie lebend.

»Wir werden keinen Widerstand leisten«, sagte der Vater. Er stand auf und drehte sich zum Fenster. »Sagen Sie mir wenigstens, worum es geht?«

»Nein.«

»Wir sind eine ganz gewöhnliche Familie.«

Nein, das seid ihr nicht, dachte Fox, denn sonst wären wir nicht hier. Laut sagte er: »Okay, weil es noch früh am Morgen ist, tu ich mal so, als wärst du noch verschlafen und hättest mich deshalb beim ersten Mal nicht verstanden. Ein weiteres Wort, und ich erschieße dich. Ich hätte euch gerne alle drei lebend, aber wenn’s sein muss, reichen auch zwei.«

Da merkte der Vater endlich, dass er es mit Profis zu tun hatte, und schwieg.

Fox ließ den Rucksack hinuntergleiten und warf ihn Bull zu, der den Reißverschluss aufzog und Plastikhandschellen und Kabelbinder für die Beine herausnahm. Während Fox ihn absicherte, ging Bull zum Vater, riss ihm grob die Hände auf den Rücken und begann, ihm die Handschellen anzulegen.

Dies war ein gefährlicher Moment. Wenn der Vater irgendetwas versuchen würde, dann jetzt.

»Die Waffe zielt nicht mehr auf deinen Kopf«, sagte Fox und bewegte den Lauf ein Stück nach links, »sondern auf den Kopf deines Sohnes. Merk’s dir.«

Der Vater erstarrte, wollte etwas sagen, nickte aber nur.

»Wo ist dein Handy?«

»In meiner Tasche.«

»Danke. Wenn du so nett wärst, es rauszuholen, Bull?«

Bull nickte. Er fesselte die Beine des Vaters und förderte nach einer kurzen Suche ein iPhone 4 zutage, das er Fox reichte.

»Wie lautet die PIN?«

Der Vater nannte sie ihm. Fox steckte das Telefon ein und notierte sich die Ziffern auf dem Unterarm.

»In Ordnung, Kinder. Jetzt ihr. Rüber an die Wand. Neben euren Vater. Wir werden euch ebenfalls fesseln.«

Der Vater zuckte, schien sich umdrehen und etwas sagen zu wollen, war aber klug genug, den Mund zu halten.

Die Zwillinge rührten sich zunächst nicht. Das Mädchen, von dem Fox wusste, dass es India hieß, starrte auf die Tischplatte, als könnte sie so das Grauen ungeschehen machen, während Oliver heftig atmend immer wieder die Fäuste ballte. Schließlich erhob er sich und stellte sich neben seinen Vater, wobei er Fox mit einem trotzigen Blick bedachte. Fox bewunderte seine Tapferkeit. Es gehörte schon etwas dazu, einem Mann, der eine Waffe auf einen richtet, einen herausfordernden Blick zuzuwerfen. Besonders wenn man erst fünfzehn ist. Bei India verhielt es sich anders. Sie blieb wie angewurzelt sitzen, sodass Bull sie auf die Beine stellen und rüber zur Wand stoßen musste.

Als alle drei verschnürt waren und in einer Reihe mit dem Rücken zu Fox an der Wand standen, nahm dieser das iPhone und machte ein Foto. Dann wies er sie an, sich umzudrehen, und schoss noch eins. India hatte Tränen in den Augen, der Vater wirkte ängstlich. Allerdings schien er sich seiner aufrechten Haltung und seinen mahlenden Kiefern nach zu urteilen vor allem um seine Kinder zu sorgen. Oliver starrte noch immer trotzig unter seiner blonden Mähne hervor, als sei er der unbesiegbare Superheld, der, nachdem der Schurke ihn in einem unachtsamen Moment überrumpelt hatte, bereits die Vergeltung plante. Zu spät, mein Kleiner, dachte Fox, du hattest deine Chance.

Dann befahl er ihnen, sich wieder umzudrehen, und als sich alle von ihm abgewandt hatten, reichte er Bull die Pistole.

»Behalt sie im Auge«, sagte er. »Wenn sich einer rührt, schieß ihm ins Bein.«

Fox war klar, dass das nicht nötig sein würde, aber er wollte sie mit seiner Drohung auch nur einschüchtern. Zartgefühl war bei einer Geiselnahme eher fehl am Platz.

Fox zog sich die Motorradhaube vom Kopf, stieg über Magdas Leiche und verließ das Haus durch die Haustür. Zügig legte er die paar Schritte zu ihrem Van zurück.

Die Straße war ruhig. Sie befanden sich in einer wohlhabenden Gegend, deren Einfamilienhäuser man in den Fünfzigern erbaut hatte, als Raumknappheit in den Londoner Vororten noch kein großes Thema war. Fox ging davon aus, dass die meisten Bewohner sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Er sah, wie dreißig Meter weiter die Straße hinauf ein übergewichtiger Mann in seinen neuen Lexus stieg. Der Mann bemerkte ihn nicht. Er wirkte müde und gestresst.

Ein fettes Schaf, dachte Fox verächtlich. Das nicht lebte, sondern nur vor sich hin vegetierte, unfähig zu kapieren, was in der Welt außerhalb seiner kleinen Vorstadtidylle geschah. Nun, heute würde es anders sein. Heute würde dieser Mann wie Millionen andere mitkriegen, was vor seiner Haustür passierte, denn die wirkliche Welt würde mit einem Donnerschlag über sie hereinbrechen.

Fox fuhr den Van rückwärts durch das Gartentor und über die Kieszufahrt bis vor die Haustür. Er öffnete die Hecktüren und ging zurück ins Haus.

»Okay, wir machen jetzt eine kleine Spritztour«, verkündete er, als er die Küche betrat. Zufrieden stellte er fest, dass niemand sich gerührt hatte.

»Können Sie uns sagen, wo wir hinfahren?«, fragte der Vater, ohne sich umzudrehen.

»Kann ich leider nicht«, erwiderte Fox. »Aber ich kann euch versichern, dass euer Aufenthalt dort nur zeitweilig sein wird. Heute Abend seid ihr wieder frei, und dann ist das alles nur noch eine ungute Erinnerung.«

Mit diesen Worten zog er einen Elektroschocker aus der Tasche und verpasste dem Vater einen Stromstoß. Der Mann ging krachend zu Boden, und die Kinder sprangen erschreckt zurück.

»Was machen Sie da mit meinem Dad?!«, schrie Oliver.

»Ihn eine Weile ruhigstellen.«

Einer der Schlüssel einer erfolgreichen Geiselnahme ist es, die Geisel sich nie an eine Situation gewöhnen zu lassen, was man am besten dadurch erreicht, dass man sie unablässig aus der Fassung bringt. Was Fox auch tat und Oliver mit der Faust auf die Schläfe schlug.

Der Junge hatte den Schlag nicht erwartet. Er stolperte und wäre fast gefallen, doch Fox packte ihn am Aufschlag seines Schulblazers und zerrte ihn in die Diele, während Oliver darum rang, mit seinen gefesselten Beinen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Gleichzeitig schlang Bull seine massiven Arme um den Hals der inzwischen fast hysterischen India, stieß ihr den Pistolenlauf in den Rücken und schob sie hinter Fox her.

Beim Anblick von Magdas Leiche japste Oliver nach Luft. Ihr Kopf war zur Seite gerollt, ihr Mund leicht geöffnet, ihre Unterlippe und ihre Zunge hingen herunter, als wollte sie eine Grimasse ziehen. Die Augen waren geschlossen, und ihr blondes Haar blutverschmiert.

»Sie ist tot«, sagte er, und zum ersten Mal schien seine Stimme zu brechen.

Ehe er etwas hinzufügen konnte, trat Fox ihm die Beine weg und zwang ihn zu Boden, sodass seine Schultern fast die von Magda berührten. Bull legte India auf die andere Seite der Toten, wobei er ihr die Pistole an die Schläfe hielt, um sie ruhig zu halten. Tatsächlich hörte sie auf zu weinen, wirkte aber vollkommen verstört.

Fox zog erneut das iPhone aus der Tasche und machte zwei weitere Aufnahmen. Dann schaltete er in den Videomodus und filmte, wie Bull den Lauf der Pistole von einem Kopf zum anderen bewegte. Die Botschaft war eindeutig.

Als er genug Material hatte, streifte er den Kindern Kapuzen über und sicherte sie, indem er ihnen einen Streifen Klebeband um den Hals wickelte. Dann führte er sie zum Van, schob sie hinein und zwang sie, sich nebeneinander auf den Boden zu legen. Ehe er die Türen des Vans zuschlug, durchsuchte er ihre Taschen, konnte aber keine weiteren Handys entdecken. Dann fuhr er das iPhone des Vaters herunter. Fox wusste genau, wie einfach Mobiltelefone zu orten waren, und für ihn war entscheidend, dass die Sicherheitsdienste nie erfuhren, wohin er dieses brachte.

Schließlich wandte er sich an Bull. »Du weißt, was du zu tun hast«, sagte er leise. »Es ist Zeit.«

Bull nickte, und die beiden gingen wieder nach drinnen.

Der Vater lag immer noch reglos am Boden; der Stromschlag hatte ihn zeitweilig außer Gefecht gesetzt, aber da er ein massiger Mann war, begann er sich bereits wieder zu erholen. Fox sah zu, wie sich Bull auf die Brust des Mannes setzte, mit den Knien dessen Schultern niederhielt und ihm den Lauf der Pistole gegen die Stirn drückte. Die Augen des Mannes weiteten sich vor Schreck, vergeblich versuchte er den Kopf wegzudrehen, war jedoch weitgehend gelähmt.

Bull sah zu Fox auf, wie ein Hund, der den Befehl seines Herrchens erwartet.

Fox nickte kurz, und Bull drückte ab.

Es hatte nie die Absicht bestanden, den Vater mitzunehmen. Das Risiko, dass er den Helden spielen wollte, war einfach zu groß, zudem waren die Kinder viel wertvoller als er.

»Jetzt bist du einer von uns«, sagte Fox, während Bull langsam aufstand.

Bull lächelte. Er schien geschmeichelt.

Fox nahm ihm die Waffe ab und schob sie sich hinten in die Hose. Auf dem Weg nach draußen sah er auf die Uhr.

07:51.

Vom ersten Klopfen an gemessen, hatte die ganze Angelegenheit nur sechs Minuten gedauert. Exakt nach Plan.

Doch gerade als sie in den Van einsteigen wollten, gab es die erste Komplikation. Eine alte Frau mit einem krausen weißen Haarschopf, der an Harpo Marx erinnerte, führte ein Paar rattenhafte Hündchen aus. Sie hatte die stets argwöhnische Miene einer überwachsamen Nachbarin, und als sie die Einfahrt passierte, verlangsamte sie prompt ihren Schritt und bedachte Fox und Bull mit einem langen Blick, der zum einen besagte »euch Burschen hab ich hier noch nie gesehen« und zweitens »deshalb merk ich mir eure Gesichter genau, nur für den Fall, dass ihr tatsächlich irgendein Ding dreht«.

Sie würde ebenfalls sterben müssen.

Fox besann sich darauf, dass er ein ziemlich gewöhnlich aussehender Mittdreißiger war und deshalb keine Gefahr für eine alte Vorstadtlady darstellte. Er setzte sein bestes Lächeln auf.

»Entschuldigen Sie«, rief er und ging auf sie zu. »Ob Sie uns vielleicht helfen könnten?« Die Waffe ließ er stecken.

Sein Plan war einfach: sie in den Garten hineinziehen, ihr mit einem Ruck das Genick brechen, die Leiche in den Büschen verbergen und sich dann um die fröhlich japsenden Hündchen kümmern.

Die alte Dame blieb stehen, sah aber nicht Fox an, sondern an ihm vorbei zum Van, wo Bull stand. Dies war die Schwachstelle des Plans. Bull. Obwohl Fox sicher war, dass der riesige Kerl sich Mühe gab, nicht verdächtig zu scheinen, würde er wirken, als hätte er mit beiden Händen in den Honigtopf gelangt. Oder schlimmer noch, vielleicht starrte er die alte Hexe auch mit seinem tödlichen Funkeln an.

Trotzdem ging Fox auf sie zu. Um ihren Verdacht zu zerstreuen, redete er einfach weiter.

»Wir sollen hier eine Waschmaschine abliefern, aber offenbar meldet sich keiner …«

Drei Sekunden noch, dann gehörte sie ihm.

Doch die alte Dame bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Sagte hastig: »Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen«, und bevor Fox nahe genug dran war, um sie zu packen, machte sie auf dem Absatz kehrt und entfernte sich mit schnellen Schritten vom Tor. Und in diesem Augenblick tauchte ein UPS-Transporter auf und bremste ab, um sich durch die auf beiden Straßenseiten parkenden Wagen hindurchzumanövrieren.

Fox fluchte und ging schnell zum Van zurück.

»Du hast sie nicht mit diesem typischen Blick von dir vertrieben?«, sagte er zu Bull, als sie einstiegen.

Bull schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich hab sie überhaupt nicht angeguckt, Fox. Ehrlich, Mann.« Obwohl seine Stimme tief war, schwang ein kindlich quengelnder Ton in ihr mit.

Fox seufzte. Es ergab keinen Sinn mehr, die Sache weiter zu verfolgen. Er ließ den Motor an und fuhr aus der Einfahrt.

Die alte Frau war inzwischen zwanzig Meter entfernt und kehrte ihnen den Rücken zu. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, als lauschte sie insgeheim auf mögliche Verfolger. Inzwischen war es fast hell und zu riskant, um noch etwas zu unternehmen, deshalb fuhr Fox in entgegengesetzter Richtung davon. Er hoffte, wenn ihr endlich die Bedeutung dessen, was sie eben gesehen hatte, bewusst würde, wäre es ohnehin zu spät.

Es begann zu regnen, ein kaltes Novembernieseln, das einem direkt in die Knochen fuhr. Fox sah zum bleiernen Himmel hoch und dachte, was für ein schrecklicher Tag.

Und für viele Menschen, nicht zuletzt die im Heck des Vans, würde er bald noch um einiges schrecklicher werden.

Sieben Stunden später

2

15:05

Endlich hatte sie sich dazu durchgerungen. Sie hatte sich verlobt. Sie war achtundzwanzig Jahre alt – in den Augen der Generation ihrer Eltern fast schon eine alte Frau. Tatsächlich hatte ihre Mutter mit achtundzwanzig bereits drei Kinder geboren. Doch im Unterschied zu ihrer Mutter, die jung geheiratet hatte und zu Hause geblieben war, um die Kinder großzuziehen, hatte Elena Serenko alles in ihre Karriere investiert. Seit sie vor zehn Jahren von Polen nach London gekommen war, hatte sie es vom Nachtportier in einem Loch in Catford zur jüngsten Duty Managerin des Stanhope Hotels auf der Park Lane gebracht, einem der prestigeträchtigsten Fünf-Sterne-Etablissements im West End mit 320 Zimmern. Nicht schlecht für ein armes Mädchen aus dem ländlichen Krasnystaw.

Und nun schien es, als würde sie das aufgeben. Ihr Freund – Verzeihung: Verlobter – Rod, mit dem sie seit achtzehn Monaten liiert war, war Australier und wollte, dass sie mit ihm in seiner Heimat lebte. Er drängte sie schon seit Monaten. Seine Familie lebte in einem Küstenstädtchen eine Autostunde südlich von Sydney, und Elena wusste, wie sehr er die Sonne und das Meer vermisste. Fairerweise gestand sie sich ein, dass auch sie bei dem Gedanken in Versuchung geriet. Doch Australien war weit, weit weg, Tausende von Kilometern von ihrer Familie und ihren engsten Freunden. Aber sie hatte schon immer reisen wollen, sie war mit einem Hang zum Abenteuer geboren, und sie würde es ewig bereuen, wenn sie dem Leben dort drüben nicht wenigstens eine Chance geben würde.

Als Rod ihr gestern Abend im Wohnzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte, hatte sie deshalb entzückt Ja gesagt. Denn trotz all seiner Fehler, von denen er wie jeder Mann eine Menge besaß, liebte sie ihn von ganzem Herzen. Daraufhin ließ er die zweite Bombe platzen: Er wollte Weihnachten in Australien sein. Für immer. Mit ihr.

Doch bis Weihnachten waren es nur noch fünf Wochen, was bedeutete, sie würde in den nächsten Tagen kündigen müssen. Sie hatte Rod um ein paar Tage Bedenkzeit gebeten, und da er ein Mann mit Prinzipien war, hatte er eingewilligt. Als sie jetzt die weiträumige Lobby des Stanhope durchquerte und instinktiv die Blumen in den Vasen entlang der Wände kontrollierte, traf sie ihre Entscheidung. Einfach so. Sie war eigentlich kein impulsiver Mensch, aber gleich nachdem die Entscheidung gefällt war, wusste sie, dass es die richtige war. Sie würde mitgehen und auf der anderen Seite der Welt ein neues Leben beginnen.

Der Gedanke erfüllte sie mit einer Mischung aus Erregung und Nervosität, und sie nahm sich fest vor, Rod anzurufen und mit der guten Nachricht zu überraschen, sobald sie eine freie Minute hatte. Im Augenblick jedoch musste sie ein dringendes Problem bewältigen. Mr. Al-Jahabi.

Mr. Al-Jahabi war Stammgast, ein wohlhabender Saudi, der oft geschäftlich in London weilte und zusammen mit seiner Familie meist den gesamten August über mehrere Penthouse-Suiten belegte, um der mörderischen Wüstenhitze zu entkommen. Deshalb war er ein hochgeschätzter Gast, zumal er üppige Trinkgelder verteilte. Allerdings besaß er auch einen Sexualtrieb, der, soweit Elena das beurteilen konnte, erheblich von der Norm abwich. Wenn seine Frauen nicht mit ihm reisten, nahm er Abend für Abend die Dienste mehrerer Prostituierter in Anspruch. Was an sich noch kein Problem darstellte. Viele alleinreisende männliche Gäste ließen sich – nicht nur im Stanhope, sondern in den meisten Hotels – Callgirls aufs Zimmer kommen, und jeder Versuch, diese Praxis zu unterbinden, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb regelte man diese Dinge diskret und drückte beide Augen zu. Das Problem mit Mr. Al-Jahabi war jedoch, dass Prostituierte ihm nicht genügten. Wenigstens drei Mal hatte er im vergangenen Jahr versucht, sich weiblichen Angestellten zu nähern. Und einmal hatte ein Zimmermädchen sexuelle Nötigung geltend gemacht und so lange gedroht, zur Polizei zu gehen, bis Mr. Al-Jahabi sie mit einem 1000-Pfund-Tip abgefunden hatte. Je nach Betrachtungsweise konnte man es auch Schweigegeld nennen. Das Zimmermädchen, eine Filipina, hatte das Hotel nur wenig später verlassen. Das Ganze hatte sich vor sechs Monaten zugetragen, und seither hatte Mr. Al-Jahabi sich anständig verhalten – oder zumindest die Kontrolle bewahrt.

Das heißt, bis vor Kurzem.

Laut Colin, dem Duty Manager der Frühschicht, hatte ein Zimmermädchen kurz nach dreizehn Uhr die Suite des Saudi betreten, um sauber zu machen, und war von einem nackt und mit erigiertem Glied paradierenden Mr. Al-Jahabi begrüßt worden, der – wie Colin es formulierte – »ein Happy End« verlangte. Das Zimmermädchen war aus der Suite geflüchtet und hatte sich sofort bei ihrem Boss beschwert, dem Maintenance Manager Mohammed, der wiederum Colin informiert hatte. Laut Colin war es gelungen, das Zimmermädchen zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass sie die Sache nicht weiter verfolgte. Colin hatte ihr versichert, sich darum zu kümmern, und ihr für den Rest des Tages freigegeben.

Nur dass er sich nicht darum gekümmert, sondern, unter dem Vorwand, sich mit einer Familie beschäftigen zu müssen, die sich weigere, ihr Zimmer zu räumen, Elena die Aufgabe hinterlassen hatte, sich mit Mr. Al-Jahabi auseinanderzusetzen. Was typisch für Colin war.

Niemand wollte Mr. Al-Jahabi verärgern, weil alle fürchteten, der extrem einträgliche Kunde könne seine Zelte sonst anderswo aufschlagen und die Angestellten dafür verantwortlich machen. Aber irgendwie musste Elena die Sache zur Sprache bringen. Sie wünschte sich nur, sie litte etwas weniger unter dem Kater, den sie sich nach der gestrigen Feier eingehandelt hatte. Wenn man am nächsten Tag arbeiten musste, sollte man sich nicht erst um fünf Uhr morgens schlafen legen. Auch nicht, wenn die Schicht erst um fünfzehn Uhr begann.

Auf dem Weg nach oben kontrollierte Elena noch das Mezzanin, um sich zu vergewissern, ob der Ballsaal ordentlich geputzt war, wo an diesem Morgen eine dreitägige Konferenz zu Ende gegangen war. Der Ballsaal sah untadelig aus, deshalb nahm sie sich die angrenzende Küche vor.

Wie alle großen Hotels verfügte auch das Stanhope über eine Reihe von Satelliten-Küchen, die an neuralgischen Punkten platziert waren, damit die in der Zentralküche zubereiteten Mahlzeiten noch einmal aufgewärmt werden konnten, ehe man sie den Gästen servierte. Nur so blieb garantiert, dass das Essen stets heiß auf den Tisch kam. Die Küche hinter dem Ballsaal hatte einen begehbaren Vorratsschrank, der bei den Angestellten beliebt war, um dort für ein kurzes Nickerchen abzutauchen. Unter dem Hauptregal befand sich eine Lücke, in die man bequem hineinschlüpfen konnte, ohne von draußen bemerkt zu werden. Das Örtchen war so begehrt, dass vor einigen Monaten zwei aus Bangladesch stammende Reinigungskräfte sich darum geprügelt hatten, was dem einen eine gebrochene Nase einbrachte, nachdem ihm sein Kollege eine Ananas ins Gesicht gedonnert hatte. Seitdem gab es Pläne, den Zwischenraum zuzunageln, doch bislang hatte noch niemand etwas unternommen, wohl auch deshalb, weil jeder der in Frage kommenden Angestellten bereits mindestens einmal dort eine Auszeit genommen hatte. Sogar Elena, allerdings nur für knapp zehn Minuten.

Lächelnd schlich sie auf Zehenspitzen zum Vorratsschrank und öffnete vorsichtig die Tür. Um besser sehen zu können, beugte sie sich im Dämmerlicht in den Schrank hinein, doch da hörte sie bereits das sanfte Schnarchen, das ihr sagte, dass jemand drinnen schlief.

Sie grinste. Es war Clinton, der alte Haushandwerker, der seit über dreißig Jahren im Hotel arbeitete. Er lag auf dem Rücken, den Werkzeuggürtel hatte er abgeschnallt und neben sich gelegt, und sein umfänglicher Bauch hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen. Er schlief wie ein Baby.

Hätte es sich um jemand anderes gehandelt, hätte Elena ihn aufgeweckt und ihm eine Gardinenpredigt gehalten, aber Clinton war ein zuverlässiger Arbeiter, und da sie gute Laune hatte, brachte sie es nicht über sich, ihn zu stören, zumal er so friedlich aussah. Sie ließ ihn schlafen und schloss sanft die Tür hinter sich.

Das Stanhope hatte im zehnten Stock vier Penthouse-Suiten, alle mit eigener Terrasse und Blick auf das Grün des Hydeparks. Sie kosteten im Schnitt 4000 Pfund pro Nacht, Peanuts für einen Mann wie Mr. Al-Jahabi, der die größte und teuerste bereits seit einer Woche bewohnte.

Elena hatte ihn zwar gelegentlich gegrüßt, wenn er mit seiner Entourage das Hotel betreten hatte, ansonsten aber noch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Und freute sich auch jetzt nicht darauf. Sie wappnete sich gegen das, was sie gleich erwartete, holte tief Luft und klopfte an der Tür.

Ein paar Sekunden lang geschah gar nichts. Sie wollte gerade ein zweites Mal klopfen, als die Tür sich einen Spalt öffnete und eine junge Frau herauslugte. Sie war kaum älter als achtzehn, besaß aber bereits den harten Blick derer, die das, was sie tun, abgrundtief hassen.

»Oh«, sagte sie und musterte Elena mit leichtem Abscheu. »Ich dachte, es wär der Zimmerservice. Wir haben Champagner bestellt.«

Elena schluckte ihre Irritation hinunter, bedachte die Prostituierte mit einem kühlen Blick und bat darum, Mr. Al-Jahabi zu sprechen.

»Werd mal sehen, ob er zu sprechen ist«, erwiderte die Prostituierte, gab den kühlen Blick zurück und schloss die Tür.

Es dauerte gut zwei Minuten, bis sie sich wieder öffnete, diesmal gab sie den Blick auf einen rundlichen schnauzbärtigen Araber frei, der die fünfzig überschritten hatte. Er trug lediglich einen schwarzen Seidenmantel. Obwohl es ihr lieber gewesen wäre, konnte sie die anstehende Diskussion schwerlich auf dem Hotelflur führen, deshalb sagte sie ihm, sie wolle mit ihm unter vier Augen reden.

Er lächelte, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, und bat sie in das geräumige Foyer. Die Türen zu den angrenzenden Räumen waren sämtlich geschlossen, doch aus dem Hauptschlafzimmer konnte Elena deutlich ein Kichern vernehmen.

»Setzen Sie sich, Fräulein …«, sagte er, deutete auf ein Ledersofa in der Ecke und schaute auf ihr Namensschild. »Serenko, nicht?« Er machte einen Schritt auf sie zu.

»Ja«, entgegnete sie und machte einen Schritt rückwärts.

Obwohl sie Pumps trug, war er immer noch einige Zentimeter größer als sie. »Und ich stehe lieber. Wir haben eine gravierende Beschwerde von einer unserer Angestellten.«

»Tatsächlich? Und worüber hat sie sich beschwert?«

»Offenbar haben Sie sich vor ihr entblößt und anzügliche Bemerkungen gemacht. Sie sind ein überaus geschätzter Gast, Mr. Al-Jahabi, aber das Stanhope kann ein solches Verhalten seinem Personal gegenüber nicht tolerieren.« Du dreckiger alter Sack, hätte sie am liebsten hinzugefügt, ließ es aber bleiben. Wenn sie wollte, war sie die Selbstbeherrschung in Person.

Mr. Al-Jahabi lachte, und Elena bemerkte, dass seine Augen leicht glasig waren und er Schwierigkeiten hatte, sich aufrecht zu halten. Es sah aus wie die klassische Kombination von Alkohol und Koks.

Gott, das hatte ihr noch gefehlt.

»Was genau behauptet sie? Dass ich ihr meinen Schwanz gezeigt hätte? Warum sollte ich das tun?«

»Das kann ich nicht sagen, Mr. Al-Jahabi, aber …«

»Ich habe da drin zwei wunderhübsche Mädchen, ich brauche keine von euren Putzen.« Er hielt inne und beäugte sie durch stecknadelkopfkleine Pupillen. »Andererseits, wenn sie ausgesehen hätte wie Sie, könnte ich in Versuchung geraten. Wie wär’s, wollen Sie sich mal richtiges Geld verdienen, Fräulein See-Renko?«

Er griff in die Tasche seines Morgenmantels und förderte ein dickes Bündel Scheine zutage. Dann trat er nahe an Elena heran.

Elena konnte seine Fahne riechen, und ihr wurde übel. Sie musste schnellstens hier raus und sofort mit Siobhan reden, dem General Manager, der sich auf einem Seminar befand. Sie wollte die Erlaubnis einholen, diesen Mann aus dem Hotel zu werfen, ganz egal wie geschätzt er als Kunde war.

»Das wollen Sie doch, oder?«, sabberte er. Er hatte sich jetzt so dicht an sie gedrängt, dass sein Mantel ihre Hose streifte. »Ein bisschen Party machen. Mit den anderen Mädels. Ein bisschen Pulver schnupfen. Das würde dir doch gefallen.«

Er begann Fünfziger von seinem Bündel abzublättern, jeder Schein mehr als die Hälfte ihres Nettogehalts während einer Schicht. Peanuts für einen Mann wie ihn. An seinem betrunken-berauschten Gesichtsausdruck konnte Elena ablesen, dass er es gewohnt war, sich Leute gefügig zu machen, indem er mit seinem Wohlstand prahlte.

Instinktiv und ohne nachzudenken rammte sie ihm das Knie in die Eier. So hart sie konnte.

Mr. Al-Jahabis Augen weiteten sich vor Schmerz und Schock. Auch Elena war schockiert. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares getan – abgesehen von dem einen Mal, als sie neun war und ihr Bruder Kris versucht hatte, ihr einen Wurm in den Mund zu stopfen –, und einen langen, surreal anmutenden Moment sah sie zu, wie Mr. Al-Jahabi sich mit beiden Händen in den Schritt fasste und in die Knie ging, während sein Mund ein dumpfes Grunzen von sich gab. Dann setzte ihr Verstand wieder ein, sie wandte sich um und verließ mit schnellen Schritten die Suite. Ihr wurde klar, dass sie soeben einen der hochkarätigsten Gäste des Stanhope attackiert hatte.

Auf dem Flur blieb sie stehen und versuchte sich zu beruhigen. Selbst wenn sie Siobhan den wahren Verlauf schilderte, glaubte sie nicht, dass sie damit ihren Job retten würde. Al-Jahabi war reich. Er besaß Macht. Deshalb hatte man ihm ja sein Benehmen durchgehen lassen. Er würde Vergeltung verlangen und sie bekommen. Das Hotel würde ihr keine Referenz mehr ausstellen, und das bedeutete, sie würde in Australien keinen anständigen Job finden. Es war so verdammt unfair, dass ihr so etwas am glücklichsten Tag ihres Lebens widerfuhr. Am liebsten hätte sie einfach losgeweint, doch sie zwang sich, sich zu beherrschen. Schon ihre Großmutter hatte gewusst, dass Tränen noch nie ein Problem gelöst haben.

Deshalb atmete sie tief durch und marschierte zu den Fahrstühlen. Und fragte sich, ob der Tag noch schlimmer werden konnte.

3

15:25

Das Westfield Centre in Shepherd’s Bush ist Londons größtes Einkaufszentrum. Eröffnet am 30. Oktober 2008, zählt es zu den neuesten und beherbergt auf einer Fläche von 150 000 Quadratmetern, was dreißig Fußballfeldern entspricht, 255 Läden.

Direkt unter dem Einkaufszentrum befindet sich eine Parkgarage mit 4500 Stellplätzen. Obwohl es noch fast sechs Wochen bis Weihnachten waren, gab es kaum freie Parkplätze, wie Dragon feststellen musste, als er mit seinem Ford Transit durch die obere Etage kurvte. Mit Glück fand er schließlich einen Platz neben einem der Gehwege, nur fünfzig Meter von der Kundensammelstelle und den Fahrstühlen entfernt.

Aus dem Augenwinkel sah er eine mitgenommen wirkende Frau in teuren Designer-Klamotten zwei kleine Jungen aus ihrem nagelneuen Geländewagen zerren und in einen Zwillingskinderwagen verfrachten. Einer der Kleinen wehrte sich mit aller Kraft gegen den mütterlichen Griff. Die Frau schrie ihn an, das Gesicht vor Wut, Frust und Stress verzerrt. Was genau sie schrie, konnte Dragon nicht hören, dazu war er zu weit entfernt.

Er beobachtete einen Moment lang die groteske Szenerie und fragte sich, welche Freude die Frau wohl aus ihrem materiellen Reichtum zog. Keine große, vermutete er. Denn das war das Problem mit diesen Leuten: Sie führten ein freudloses, leeres Dasein, und weil ihnen alles so leicht gemacht wurde, verweichlichten sie viel zu schnell, wurden fett und faul.

Im Heck seines Transits lagen, verdeckt von einer Tottenham-Hotspur-Flagge, sechzehn Propangasflaschen, jeweils siebenundvierzig Kilo schwer. Neben ihm auf dem Beifahrersitz befand sich ein Rucksack, der ein umgebautes, auf Vibration gestelltes Handy enthielt, das mit einem Satz Batterien und drei Kilo C4-Plastiksprengstoff verdrahtet war. Rief man es an, würde die Vibration einen elektrischen Kreislauf schließen, die Sprengkapsel würde detonieren und das C4 zur Explosion bringen, wodurch wiederum die Propangasflaschen in die Luft fliegen und einen gewaltigen Feuerball auslösen würden.

Tote und Verletzte würde es nicht unbedingt viele geben, die Bombe würde nur die erwischen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden; um das Einkaufszentrum selbst zu schädigen, war die Sprengkraft der Autobombe zu gering. Doch darum ging es auch gar nicht. Es ging darum, Panik und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten und die Sicherheitskräfte zu binden, damit sie, wenn die Hauptoperation begann, weniger schnell und zahlreich reagieren konnten.

Dragon beobachtete, wie die gestresste Schickimicki-Mutti ihre Kids Richtung Fahrstühle schob, und fragte sich, ob sie wohl unter den Opfern sein würden. Er hoffte nicht. Er mochte es nicht, wenn er den Opfern Gesichter zuordnen konnte. Er glaubte vielmehr an die anonyme Macht des Schicksals. Wenn deine Nummer dran war, dann war sie dran, und dagegen ließ sich nichts machen. Die Welt war nicht fair. Nie gewesen und würde es auch nie werden, allen Anstrengungen zumindest eines Teils der Menschheit zum Trotz. Das Einzige, was Dragon tun konnte, war, sich selbst zu schützen, und er war überzeugt, das ziemlich umfassend getan zu haben. Die Nummernschilder des Transits waren falsch. Und er hatte sie auf dem Weg hierher zusätzlich durch ein weiteres Paar falscher Schilder ersetzt, damit die Polizei den Wagen nicht mithilfe des Kennzeichenerfassungssystems zurückverfolgen konnte. Außerdem hatte er sein Äußeres verändert, damit die CCTV-Kameras, die ihn bei seinem Weg durch die Mall unweigerlich filmen würden, nicht identifizierten. Seine Haut hatte dank eines Schnellbräuners einen dunklen Olivton angenommen, Kontaktlinsen hatten seine Augenfarbe von hellgrau zu dunkelbraun geändert, und eine Perücke machte sein Haar länger und dunkler. Um die Gesichtserkennungssoftware der Sicherheitsdienste zu überlisten, hatte er seine Gesichtszüge modifiziert. Seine Nase war mithilfe von Silikon dicker und gebogener geworden, seine Wangen dank Wattebäuschen fülliger, und als Sahnehäubchen hatte er sich ein hervorstechendes geldstückgroßes Muttermal auf die linke Wange platziert, direkt unterhalb des Auges. Wenn man später die Zeugen befragte, würden sie sich vor allem an das Muttermal erinnern.

Erfolg kam nie von allein. Er bedurfte stets intensiver Vorbereitung. Und diese Sache hatten sie bis ins letzte Detail durchgeplant, was Dragon nun mit einer beflügelnden Mischung aus Selbstvertrauen und Erregung erfüllte, die er heutzutage nur noch selten verspürte. Er stieg aus und schloss sich dem dünnen, aber stetigen Besucherstrom an, der auf dem Weg ins Shopping-Nirwana an ihm vorbeizog.

4

Es gibt nichts, das einen darauf vorbereitet. In dem Augenblick, in dem der Arzt ins Sprechzimmer kommt und leise die Tür hinter sich schließt, siehst du auch schon seinen düsteren Blick. Seinen resignierten Gesichtsausdruck, während er sich sammelt, um dir die Nachricht mitzuteilen, auf die du gewartet hast, seit die ersten Proben genommen wurden. Und jetzt weißt du, dass er keine gute Nachricht bringt. Es ist, als hätte sie sich wie ein ungeladener Gast hinter ihm ins Zimmer geschlichen.

Du betest zum Allmächtigen. Wie in all den Nächten zuvor während der letzten beiden Wochen. Dabei bist du seit Jahren nicht mehr gläubig. Aber du hattest auch noch nie an den Tod denken müssen. Er war immer ein ferner, abstrakter Begriff für dich. Etwas, das anderen Leuten widerfährt. Und es ist nicht fair. Es ist beschissen unfair, verdammt. Du bist fünfundvierzig. Noch jung, eigentlich. Du hast vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Okay, du trinkst vielleicht zu viel, aber nicht mehr als die anderen, die du kennst. Du ernährst dich vernünftig – klar, du nimmst gerne diese Fertiggerichte, aber das machen doch heutzutage alle. Auf jeden Fall bist du nicht übergewichtig. Wenn überhaupt bist du zu dünn. Und du gehst regelmäßig ins Studio, ein-, manchmal zweimal die Woche, und wenn’s gut läuft, sogar dreimal. Du bist fit. Du bist kerngesund.

Oder eben doch nicht. Denn der Gesichtsausdruck des Arztes hellt sich nicht auf. Düster dreinschauend holt er tief Luft, spannt die Schultern, und …

»Ich fürchte, da können wir nichts weiter tun, Mr. Dalston. Ihr Krebs ist inoperabel.«

Merkwürdig, aber du reagierst nicht. Sitzt nur da, und nun, da die Worte gefallen sind, spürst du eine bleierne Ruhe. Wenigstens gibt es jetzt keine Überraschungen mehr.

Der Arzt, ein adrett gekleideter Asiate namens Mr. Farouk, der stets farbenfrohe Krawatten trägt, erklärt dir die Möglichkeiten einer lebensverlängernden Chemotherapie, doch du hörst ihm nicht wirklich zu. Du stellst nur eine Frage. Die offensichtliche. Die, die alle sofort stellen.

»Wie lange noch?«

Mit Chemotherapie eventuell zwei Jahre, wenngleich Mr. Farouk sofort darauf hinweist, dass es keine Garantien gibt. Es könne auch deutlich weniger sein. Ein Jahr durchaus. Aber selbst dafür garantiere er nicht.

»Und ohne Chemo?«

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. »Meiner Meinung nach maximal noch sechs Monate.«

»Und es gibt keine Hoffnung?« Du musst es fragen, obwohl du weißt, dass Mr. Farouk einer von Großbritanniens führenden Krebsexperten ist und du eine stattliche Summe aufgebracht hast, weil seine Aussagen als verlässlich gelten. Es ist lediglich der Überlebensinstinkt, der sich in dir regt. Die Hoffnung auf das kleine Licht am Ende des Tunnels.

»Nein«, erwidert er ruhig. »Ich fürchte nicht.«

Und das wär’s dann. Das Todesurteil.

Am Ende hatte sich Mr. Dalston gegen die Chemotherapie entschieden. Er konnte keinen Sinn darin erkennen, hauptsächlich deshalb, weil es am Ende nichts ändern würde. Für ihn hieß das nur, die Agonie zu verlängern. Als er es seiner Ex-Frau und seinem Sohn erzählte, der mit siebzehn alt genug war, sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, versuchten beide ihn umzustimmen.

»Man kann nie wissen, vielleicht finden sie währenddessen einen Weg, dich zu heilen«, hatte Sue einigermaßen optimistisch argumentiert. Doch Martin hatte genug über Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium gelesen, um zu wissen, dass das so bald nicht passieren würde. Er sagte ihnen, er wolle seine letzten Tage genießen, obwohl die Worte hohl klangen. Sue war seit zwei Jahren wieder verheiratet, er würde sie also nicht in seine letzten Tage einbeziehen, und wenngleich sie sich mitfühlend gezeigt hatte, glaubte er nicht, dass sie lange um ihn trauern würde.

Mit Robert war es anders. Bis er das Teenageralter erreichte, war ihr Verhältnis sehr eng gewesen. Doch als die Ehe in die Brüche ging, hatte Robert sich regelmäßig auf die Seite seiner Mutter geschlagen oder bestenfalls sie beide mit Verachtung gestraft. Manchmal hatte Martin das Gefühl gehabt, mit beiden im Krieg zu liegen, und darüber hinaus hatte er versuchen müssen, seine Firma am Laufen zu halten. Der Krebs hatte sie einander wieder nähergebracht. Sie waren für eine Woche zum Fischen am Ebro nach Spanien geflogen, wo sie bei gutem Essen, gutem Wein und guten Gesprächen als Männer zusammengefunden hatten. Der Urlaub war so erfolgreich verlaufen, dass Martin sogar Pläne für einen Australien-Trip geschmiedet hatte. Sie beide auf einer dreiwöchigen Tour durch das Outback, zum Barrier Reef und zur Great Ocean Road.

Doch dann war die Krankheit über ihn hereingebrochen. Die heftigen, in Wellen auftretenden Bauchschmerzen, die chronische Müdigkeit, die Schwindelgefühle und schließlich der unaufhaltsame Gewichtsverlust. Martin wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Wenn er die Behandlungsmöglichkeiten abwog, boten sich ihm nur zwei Alternativen: dem Krebs seinen Willen lassen und sein Tempo akzeptieren, während Robert hilflos an seiner Seite wachte, oder die Sache selbst zu Ende bringen.

Martin war nie ein besonders mutiger Mann gewesen. Konfrontationen war er stets aus dem Weg gegangen, und wenn man es genau betrachtete, hatte er sich auch immer vor schwierigen Entscheidungen gedrückt. Doch vielleicht – so dachte er, als er an diesem Nachmittag die Lobby des Stanhope Hotels betrat – besaß er ja doch so etwas wie innere Stärke. Denn heute war der letzte Tag seines Lebens, und dafür fühlte er sich erstaunlich gelassen.

Vor vier Tagen hatte er Zimmer 315 gebucht. Zunächst hatte die Rezeptionistin ihm gesagt, das Hotel könne kein bestimmtes Zimmer garantieren, doch dann hatte er erklärt, er brauche genau dieses Zimmer, weil er mit seiner Frau dort die Hochzeitsnacht verbracht hätte und nun den zwanzigsten Jahrestag ihrer Ehe feiern wollte.

Traurigerweise stimmte nichts davon. Martin hatte nie eine Nacht mit Sue im Stanhope verbracht. Trotzdem weckte Zimmer 315 auch nach all den Jahren eindrückliche Erinnerungen, und ironischerweise war seine größte Sorge, als er an die Rezeption trat, dass das Hotel es in der Zwischenzeit an jemand anderen vergeben hatte.

Aber das hatten sie nicht, und da es nach vierzehn Uhr war, konnte er das Zimmer sofort beziehen.

Die hübsche junge Rezeptionistin lächelte und wünschte ihm mit leicht akzentuiertem Englisch einen schönen Aufenthalt. Er dankte ihr und lächelte zurück. Dann ging er zum Fahrstuhl und hoffte, ihr würde nicht auffallen, dass er nur ganz wenig Gepäck mit sich führte.

Zum ersten Mal fühlte er sich schuldig für das, was er in diesem öffentlichen Hotelzimmer vorhatte, weil seine Leiche unweigerlich von einem bedauernswerten Angestellten gefunden werden würde. Er hätte es auch in der engen kleinen Wohnung, die er sein Zuhause nannte, tun können, aber irgendwie schien ihm das ein allzu einsames und trostloses Ende. Der Gedanke, Menschen um sich zu haben, obwohl es nur Fremde in den Fluren und Zimmern nebenan waren, hatte etwas Tröstliches.

Als er die Tür zu Zimmer 315 öffnete, überfluteten ihn die Erinnerungen an damals. Erinnerungen an das einzige Mal in seinem Leben, an dem er wirklich verliebt gewesen war. Unzählige Menschen hatten seit damals vor zweiundzwanzig Jahren in diesem Zimmer übernachtet, dennoch würde es immer ihr Zimmer bleiben. Er dachte an sie, sie, die wohl Tausende von Kilometern entfernt war, und fragte sich, ob sie überhaupt noch lebte. In den vergangenen Wochen hatte er ernsthaft überlegt, sie zu kontaktieren und ihr zu erzählen, was ihm widerfuhr. Doch am Ende hatte er sich beherrscht. Er wollte nicht riskieren, dass sie ihn abwies. Carrie Wilson war Geschichte, und es war viel besser, sich eine nachhaltige schöne Erinnerung zu bewahren.

Er stieß die Tür auf und ging hinein, bereit, die Erinnerung ein letztes Mal zum Leben zu erwecken.

5

Der Treffpunkt lag im ausgedehnten Park-Royal-Gewerbegebiet unmittelbar nördlich der A40 in einer alten Lagerhalle, die für drei Monate von einer nicht zurückzuverfolgenden Offshore-Firma gemietet worden war, die ihren Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte.

Fox traf als Erster ein. Es war 15:40. Er brauchte gut fünf Minuten, um die Hightech-Schlösser zu öffnen, die sie zur Erhöhung der Sicherheit angebracht hatten. Als er drin war und die laut Hersteller absolut einbruchsichere Alarmanlage ausgeschaltet hatte, schloss er die Türen wieder ab und checkte die Ladezone mit einem Wanzendetektor. Er war sich ziemlich sicher, dass niemand eindringen konnte, ohne dass sie es bemerkten, und noch sicherer, dass es in ihrer Zelle kein Leck gab, aber er zählte auch zu denen, die nichts dem Zufall überließen. Deshalb hatte er so lange überlebt.

Sobald er sich davon überzeugt hatte, dass die Halle sauber war, rief er von einem der drei Handys, die er bei sich trug, Bull an, den er mit den Kids in einem gemieteten Haus etwa fünf Kilometer entfernt zurückgelassen hatte.

Beim zweiten Klingeln meldete Bull sich mit einem einfachen »Ja«. Fox war angenehm überrascht, dass Bull sein Telefon direkt bei der Hand hatte und ohne etwas zu verraten antwortete, ganz nach den Anweisungen. Bull war wie gesagt nicht der Hellste, und Fox hatte eine Menge Zeit darauf verwendet, ihm die Rolle einzubläuen, die er heute auszufüllen hatte. Denn Bulls Rolle würde für den Erfolg des Unternehmens entscheidend sein.

»Ich bin’s«, sagte Fox und lief dabei in der Halle auf und ab. »Alles in Ordnung?«

»Alles in Ordnung. Ich hab gerade noch mal nach ihnen geschaut.«

Er klang aufmerksam, und Fox zweifelte nicht daran, dass er nicht zögern würde, wenn es an der Zeit war, das Nötige zu tun. Trotzdem wollte er sichergehen, dass Bull das Timing verinnerlichte. Denn Timing war heutzutage alles.

»Du weißt noch, um wie viel Uhr du am letzten Treffpunkt sein musst?«

»Klar. Wir sind es doch oft genug durchgegangen. Dreiundzwanzighundert.«

»Und keine Minute später. Sieh zu, dass du dir ausreichend Zeit nimmst, aber fahr nicht los, ehe du die letzte Bestätigung bekommst.«

Bull meinte, er habe verstanden. Und klang nicht im Geringsten genervt, weil Fox ihm in den vergangenen drei Tagen hundert Mal dieselben Fragen gestellt hatte. Im Gegenteil, er klang aufgeweckt und bemühte sich, Fox zu beeindrucken. Dies war der größte Tag seines Lebens. So viel begriff er.

Fox legte auf und schaltete das Handy ab.

Am Ende des langen Flurs, der aus der Ladezone führte, befand sich ein Büro. Fox schloss es auf, ging hinein und schaltete das Licht ein. Hinten an der Wand stand unter einem Stapel Kartons verborgen eine mit einem Vorhängeschloss gesicherte Kiste. Wie jedes Mal, wenn er herkam, checkte Fox auch heute den Inhalt, um sich zu überzeugen, dass niemand daran herumgefummelt hatte.

Die Waffen ihrer Operation stammten aus dem Kosovo. Es waren acht AK-47-Sturmgewehre, sechs Pistolen vom Typ Glock 17, manche mit Schalldämpfern, einige Tausend Schuss Munition, Handgranaten, kugelsichere Westen sowie fünfundzwanzig Kilo C4-Sprengstoff inklusive Zündkapseln. Das Arsenal hatten sie von einem ehemaligen Mitglied der Kosovo-Befreiungsarmee erworben; den Deal hatte ihr Auftraggeber arrangiert, und die Waffen waren im Hohlraum eines Sattelschleppers, der sonst für illegale Einwanderer genutzt wurde, in die EU geschmuggelt worden.

Aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen in den englischen Häfen und weil es dort trainierte Sprengstoffspürhunde gab, waren sie zu der Auffassung gelangt, der Sattelschlepper stelle ein Risiko dar. Sie hatten ihn in einem Lagerhaus in Antwerpen entladen und die Waffen über einen Kontakt des Transporteurs auf ein belgisches Fischerboot geschafft, dessen Kapitän gelegentlich Haschisch auf die Insel schmuggelte. Der Kapitän hatte sich gegen großzügige Honorierung bereit erklärt, die Waffen über den Kanal zu transportieren und mithilfe eines Schlauchboots an einem abgelegenen Strand nördlich des schottischen Peterhead an Land zu bringen. Dort hatten Fox und einige andere Teammitglieder die Kiste abgeholt und nach London gefahren.

Weil das C4 sich noch in Pulverform befand, hatte Fox es zusammen mit den Zündkapseln separat zu einer Schließgarage in Forest Gate gebracht, wo es von einer Gruppe Spezialisten abgeholt worden war, die die eigentlichen Bomben bauen sollten. Zwei Wochen darauf hatte er eine anonyme SMS erhalten, worauf er zur Schließgarage zurückkehrte, wo sechs identische schwarze North-Face-Rucksäcke sowie ein kleiner Trolley mit ihrem tödlichen Inhalt auf ihn warteten.

Fox machte sich nicht mehr die Mühe, die Kiste wieder zu verschließen, da er ihren Inhalt sehr bald brauchen würde. Er nahm eine der Kevlarwesten heraus, griff sich einen fleckigen marineblauen Overall aus einem der Regale neben der Tür und zog sich um. Die Zivilkleider, in denen er gekommen war und die er später wieder benötigen würde, verstaute er in einem Rucksack. Da er die ganze Zeit Handschuhe getragen hatte, machte er sich um DNS-Spuren keine großen Sorgen. Außerdem hatten sie eine Industriereinigung angeheuert, die die gesamte Halle am nächsten Tag einer Dampfreinigung unterziehen würde, die alle etwaigen Spuren beseitigte.

Langsam spürte Fox, wie die Spannung in ihm aufstieg. Das war’s. Die Kulmination monatelanger Planung. Hatte er Erfolg, gehörte die Welt ihm. Versagte er, wäre dies sein letzter Tag auf Erden.

Tod oder Ruhm. Nichts weniger stand auf dem Spiel. Das erinnerte ihn an seine Armeezeit, an die wenigen Momente, in denen er tatsächlich im Einsatz gewesen war. Es gab ihm das Gefühl, mit jeder Faser seines Körpers lebendig zu sein. Er liebte den Kick der Gewalt, hatte ihn immer gemocht. Und heute war es nach viel zu langer Zeit wieder einmal so weit. Er würde das Gefühl auf höchstem Niveau auskosten können.

Am Ende des Korridors hörte er, wie die Hecktüren eines Vans geöffnet wurden. Er lächelte.

Die anderen trudelten ein.

6

Cat Manolis ging nervös in ihrem Hotelzimmer auf und ab und fragte sich, ob es der Job war oder der staugeplagte Londoner Verkehr, der ihren Liebhaber aufhielt.

Ihre Affäre hatte ganz unschuldig begonnen. Ab und zu ein Lächeln, wenn sie sich im Büro oder im Fitnessstudio im Untergeschoss über den Weg liefen. Eine erste Unterhaltung, während sie um halb acht Uhr morgens nebeneinander auf dem Laufband schwitzten. Selbst danach hatte es Wochen gedauert, bis er sie auf einen Kaffee einlud. Alles musste streng geheim ablaufen. Es war die alte Geschichte: Er hing in einer klinisch toten Ehe fest, war aber immer noch ein gut aussehender, charismatischer Mann, der weibliche Zuwendung suchte. Und die fand er auch, da er über jene Art Macht gebot, die auf Frauen, selbst auf solche, die nur halb so alt waren wie er, aphrodisierend wirkte.

Schließlich trafen sie sich eines Samstagmorgens auf einen Latte in einem hübschen kleinen Café an der South Bank. Er hatte seiner Frau etwas vorgemacht und war in die City gefahren, wo sie ein paar prekäre Stunden miteinander verbrachten. Sie waren am Themseufer spazieren gegangen, und während sie sich unterhielten, hatte Cat sich bei ihm eingehängt. Sie erzählte ihm, dass sie in Nizza aufgewachsen war, als einziges Kind eines Vaters, der sich lange vor ihrer Geburt auf Französisch verabschiedet hatte, und einer Mutter, die ihr das nie verziehen hatte, so als trüge sie die Schuld an seiner Charakterlosigkeit. Wie sie auf die schiefe Bahn geraten war, wobei sie die hässlichsten Details aussparte, ehe sie sich zusammenriss und den Mann ihrer Träume geheiratet hatte, der eine Woche vor ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag tödlich verunglückte. Die Trauer um ihn hatte sie vor fünf Jahren nach London gebracht.

Er schien aufrichtig berührt von ihrer Geschichte und hatte ihr dann seine eigene, eher gewöhnliche erzählt. Er war seit der Universität mit derselben Frau zusammen, sie hatten sich einmal geliebt, doch nach dreißig Jahren und drei Kindern war ihre Liebe so stark abgekühlt, dass er verzweifelt nach einem Ausweg aus seiner Ehe suchte.

»Du bedeutest mir sehr viel«, sagte er zärtlich, als sie sich verabschieden mussten. Er sah ihr in die Augen, damit sie spürte, dass seine Worte von Herzen kamen.

Sie küssten sich leidenschaftlich. Der Kuss hatte sich angekündigt und schien nicht enden zu wollen.

Als sich ihre Lippen schließlich voneinander lösten, versprachen sie sich, einander wiederzusehen, sobald die Umstände es zuließen.

Seitdem hatten sie sich drei Mal an verschiedenen Orten getroffen, und jedes Mal waren sie nach dem Kaffee noch spazieren gegangen, und jedes Mal waren sie dem, was heute passieren sollte, ein Stückchen nähergekommen. Als sie sich offenbarten, dass sie miteinander schlafen wollten, hatte Michael Cats Wohnung vorgeschlagen, doch Cat hatte ihn überzeugt, dass dies kein guter Ort wäre, da sie ihr Apartment mit drei anderen Frauen teilte. Deshalb hatten sie sich für das weitaus romantischere Zimmer im Stanhope entschieden.

Cat hatte sich verführerisch zurechtgemacht, sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das knapp über dem Knie endete, schwarze halterlose Strümpfe und schwarze Pumps mit acht Zentimeter hohen Absätzen. Normalerweise zog sie sich viel zurückhaltender an, deshalb durchfuhr sie ein Schauer der Erregung, als sie sich in dem großen Spiegel betrachtete. Sie sah blendend aus. Daran bestand kein Zweifel. Michael würde nur so dahinschmelzen, wenn er sie sah.

Wenn er denn endlich auftauchte.

Sie sah auf die Uhr. Fünf vor vier. Er war fast eine halbe Stunde zu spät. Und hatte sich noch nicht einmal gemeldet. Sie konnte ihn nicht anrufen, denn sie hatte strikte Anweisung, das niemals zu tun. Dadurch würde man ihnen zu leicht auf die Schliche kommen, hatte er gesagt, und das wäre das unvermeidliche Ende ihrer Beziehung.

Cat versuchte ihre Besorgnis zu verdrängen und goss sich ein Glas Evian aus der Minibar ein. Sie nahm einen tiefen Schluck und überlegte, ob sie das Gesetz brechen und Michael verärgern sollte, indem sie sich eine Zigarette anzündete.

Wenn sie schon warten musste, konnte sie es sich schließlich so bequem wie möglich machen.

7

16:00

»Wenn wir am Leben bleiben wollen, müssen wir wie eine gut geölte Maschine funktionieren. Das bedeutet vor allem, die Befehle zu befolgen. Es werden unschuldige Menschen sterben. Das lässt sich nicht vermeiden. Doch das ist nicht unser Problem. Das sind Kollateralschäden in dem Krieg, den wir führen. Nicht mehr, nicht weniger. Das dürft ihr auf keinen Fall und zu keinem Zeitpunkt vergessen, auch Anwandlungen von Mitgefühl sind absolut unangebracht. Wenn ihr nur eine Sekunde zögert, den Abzug zu drücken, oder euch gar weigert, werdet ihr auf der Stelle tot sein. Ohne Ausnahme. Wir können es uns nicht leisten, dass die Maschine ins Stocken gerät. Wenn das geschieht, werden wir alle sterben oder, schlimmer noch, in die Hände des Feindes fallen, was bedeutet, dass wir den Rest unseres Lebens im Gefängnis verbringen. Und das werde ich nicht zulassen. Haben wir uns verstanden?«

Fox sah der Reihe nach jeden der vor ihm stehenden Männer an und suchte in ihren Augen nach etwaigen Anzeichen von Zweifel oder Schwäche. Doch keiner der vier ließ sich etwas anmerken. Sie hatten alle schon mit ihm zusammengearbeitet und drei Dinge gemeinsam. Erstens: langjährige militärische Kampferfahrung. Zweitens: keine Frauen, feste Freundinnen oder Kinder. Drittens und am wichtigsten: Sie waren alle kaltschnäuzige Männer, die einen tief sitzenden Hass gegen die zahllosen Ungerechtigkeiten dieser Welt hegten, einen Hass, der sich in gewalttätigem Extremismus Bahn brach. Es waren auch noch andere Motive im Spiel, die dazu geführt hatten, dass sie sich dieser Operation angeschlossen hatten, etwa Langeweile und das Verlangen, wieder einen blutigen Einsatz zu erleben, doch neben dem Geld, das sie bei der Operation verdienen sollten, war es vor allem der Hass, der sie zu dem antrieb, was sie heute vorhatten.

Auf zwei, so war sich Fox sicher, war absolut Verlass. Auf Dragon, den ehemaligen Pionier, dem er befohlen hatte, den Van mit der Bombe nach Westfield zu fahren. Er befand sich auf der Flucht, war aus der U-Haft ausgebrochen, wo man ihn wegen einer Reihe von Sprengstoffdelikten festgehalten hatte. Auf seiner Flucht hatte er einen Wagen in seine Gewalt gebracht und kurz darauf einen zehnjährigen Jungen überfahren, der noch am Unfallort verstorben war. Zuvor hatte er bereits einen Wärter schwer verletzt, sodass kein Zweifel bestand, dass er den Rest seiner Tage hinter Gittern verbringen würde, wenn man ihn erwischte. Der andere wurde Leopard genannt, ein kleiner, drahtiger ehemaliger Marine, der bei den SAS-Aufnahmeprüfungen als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen hatte und bei dieser Eliteeinheit allein deshalb abgelehnt worden war, weil es ihm an der richtigen Einstellung mangelte. Leopard war schließlich in Afghanistan vor einem Kriegsgericht gelandet, weil er die Einsatzbefehle missachtet hatte und auf eigene Faust zwei Taliban getötet hatte, die gerade eine Bombe legen wollten. Er war wegen Totschlags verurteilt worden und hatte über zwei Jahre in einem Militärgefängnis verbracht, nur weil er – wie er es sah – seine Arbeit getan hatte. Der Hass, der in ihm loderte, war echt.