Beschreibung

Als Avner Carmi von seinem Großvater zum ersten Mal vom faszinierenden Siena-Klavier hört, ist seine Lebensgeschichte vorgezeichnet. Der Sage nach soll es aus dem Holz des Tempels von König Salomon gebaut sein, sein Klang soll dem der Harfe Davids gleichen. Für Carmi steht fest: Er muss dieses Instrument finden! Zunächst lernt er Klavierbau und entwickelt eine eigene Methode des Stimmens – die Jerusalemer Methode –, mit der er zahlreichen namhaften Pianisten neue Klangwelten erschließt. Artur Rubinstein, Rudolf Serkin, aber auch Albert Einstein wollten niemand anderen mehr an ihre Instrumente lassen. Nach einer unglaublichen Odyssee gelangt das Klavier zuletzt tatsächlich in seine Hände und tritt seine Reise um die Welt an …

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Avner und Hannah Carmi

Das unsterbliche Klavier

Die abenteuerliche und wahrhaftige Geschichte des verschollenen und wiedergefundenen Siena-Klaviers

Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Maria Jokl

Inhalt

Cover

Titel

Präludium

DES KÖNIGS KLAVIER

Die Feuersäule

Der Bote des Messias

Die Rohrflöte

»Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen«

Die Harfe

Der Auszug

Die gefährliche Reise

Sodom

Der Musikant von Damaskus

Im Schatten des Galgens

König Davids Harfe

Die letzte Reise

DIE SUCHE

Rom − Berlin

Die Jerusalemer Methode

Manda

Hoffnungen

Wie schön sind deine Zelte, o Jakob

Vatikan und Quirinal

Hannah

Paris und Pleyel

Der Prophet gilt nichts …

Der König auf dem Fischmarkt

Der schreckliche Preis

Von Mirakeln und Wundern

Die Wiege der Renaissance

In einer vergangenen Welt

Kriegsgefahr

Flüchtlinge

Eine jüdische Meuterei

DIE WIEDERHERSTELLUNG

Der fehlende General

Das große Opfer

Mein Sieg bei El Alamein

Die Abenteuer eines verkrusteten Klaviers

Das Siena-Klavier ist gestohlen!

Ein Klavier ist kein Pferd

Hannah als gerichtliche Sachverständige

Das Problem unserer Kinder

Die Kruste bricht

»Und Süßigkeit ging von dem Starken«

Beauftragter und Werkzeug

Finale

Nachwort

Impressum

Newsletter

Präludium

Der Besuch des weltberühmten Klavierpädagogen Professor Lazare Lévy in Tel Aviv, wohin er 1951 als Gast der israelischen Regierung gekommen war, hatte für mich besondere Bedeutung, denn ich wollte ihn mit meiner Entdeckung, dem Klavier von Siena, nun das »Unsterbliche Klavier« genannt, bekannt machen.

Als ich ihn aber darum bat, das Klavier zu besichtigen, lehnte er ab mit der Begründung, ein derart altes Klavier könne keinen so außerordentlichen Klang haben, wie ich behauptete. Auch die Geschichte des Klaviers, die bis zum Jahr 1800, ja, vielleicht sogar bis ins biblische Jerusalem zurückreicht, schien ihn wenig zu beeindrucken.

Seit ich in meiner Kindheit zum ersten Mal von meinem Großvater, dem bekannten Pianisten Mattis Janowsky, von jenem legendären Klavier gehört hatte, war ich davon besessen. Auf seinem Sterbebett hatte ich dem Großvater gelobt, das Klavier aufzufinden. Denn seit jenem Tage im Jahre 1880, da er vor dem italienischen König Umberto gespielt und dieser ihm von dem unbeschreiblichen, harfengleichen Klang des Klaviers erzählt hatte, träumte er davon, auf dem Instrument spielen zu dürfen. Mein Gelübde hat mich dann auf eine seltsame Odyssee geführt, die die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen umspannte, drei Kontinente berührte und viel Enttäuschung, vergebliche Mühe und mancherlei Tragödien mit sich brachte.

Davon erzählte ich Professor Lévy auf der Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem, wohin ich ihn als sein technischer Klavierberater begleitete. Er verhielt sich, wie erwähnt, so unverbindlich, dass ich zunächst nicht wusste, ob sein Interesse geweckt war. Doch als wir am folgenden Tag aus Jerusalem zurückkehrten, sagte er lächelnd: »Schauen wir uns also König Umbertos Harfe an« und kam in mein Haus. Als er endlich vor dem Klavier saß und spielte, war er so verzaubert, dass er meiner Bitte, darauf ein Konzert für die »Gesellschaft der Freunde des Siena-Klaviers« zu geben, augenblicklich zustimmte.

Als er nach dem Konzert stürmisch gefeiert wurde, streichelte der Maestro das Klavier und sagte: »Ich muss Ihnen ein Geständnis machen: Zuerst dachte ich, Herr Carmi übertreibt aus Begeisterung, weil er ein altes Klavier gefunden hat. Nun aber muss ich sagen: Nie bin ich einem so außerordentlichen Instrument begegnet. Die Werke von Couperin und Scarlatti klingen, als wären sie speziell für dieses Klavier geschrieben. Bach und Mozart klingen darauf weit interessanter als auf jedem anderen Klavier. Die größte Überraschung aber ist es, die impressionistische Musik eines Debussy darauf spielen zu können.«

Am darauffolgenden Wochenende hatten Lazare Lévy und ich im Kreise meiner Familie eine lange Unterhaltung. Als Professor Lévy von der Pflicht sprach, die Aufmerksamkeit der Welt auf dieses Musikinstrument zu lenken, begriff ich, dass dies eine Mission war, die ich zu übernehmen hatte. Und bei einem Glas Wein erzählte ich ihm, wie ich das »Unsterbliche Klavier« gesucht, wie jedoch das »Unsterbliche Klavier« mich gefunden hatte.

Avner Carmi / ​New York, 1965

DES KÖNIGS KLAVIER

Die Feuersäule

Fast von der Zeit an, da ich sprechen lernte, erinnere ich mich an erregte Unterhaltungen über ein Klavier, das sich im Palast des Königs zu Rom befand. Man sagte bei uns zu Hause, das Instrument klinge so süß, dass die Leute es für die Wiederverkörperung der Harfe des Königs David hielten. Vater erzählte uns sieben Kindern, dass der König von Italien selber diese Geschichte unserem Großvater, Mattis Janowsky, erzählt habe; und Großvater Mattis, sagte Vater, sei ein Konzertpianist, der in ganz Europa gespielt hätte; manchmal seien auch Könige und Königinnen zu seinen Konzerten gekommen.

In der Pionier-Siedlung von Petach-Tikwa in Israel, in der ich um die Jahrhundertwende aufwuchs, hatte ich nie ein Klavier gesehen oder gehört. Aber meine Fantasie war aufgerührt, wenn Vater von dem wunderbaren Ton des königlichen Klaviers im Palast erzählte und uns beschrieb, wie es klang: Er verglich seinen Ton mit dem einer Glocke. Ich nahm dies so wörtlich, dass ich hinterherlief, wenn Karawanen vorbeizogen, und zum Gebimmel der Kupferglocken der Kamele glückselig in die Hände klatschte und schrie: »Das Klavier! Das Klavier! Das Klavier!«

Das war wohlgemerkt vor der Zeit, in der die große Flut der Einwanderer Israel in den modernen, zukunftsorientierten Staat von heute verwandelte. Damals war Petach-Tikwa − heute eine richtige, lebhafte Stadt − eine primitive Siedlung, ähnlich einer Grenzsiedlung in den frühen Tagen des amerikanischen Westens. Welten schienen uns von der Zivilisation zu trennen: Wo heute Orangenhaine und Weingärten grünen, dehnten sich nur weite, malariaverseuchte Sumpfgebiete. Wasser musste in Blechkanistern auf Eselsrücken vom Fluss herangeschafft werden. Wenn die Winterregen die Wadis überfluteten, waren wir in unseren kleinen Lehm- und Holzhütten tagelang von der Umwelt abgeschnitten. Schuhe waren in unserer Familie eine Kostbarkeit, nur Vater besaß ein Paar, das er sich für gelegentliche Reisen nach Jaffa oder Jerusalem aufhob. Und ringsum herrschte die mörderische Malaria, an der meine Mutter starb, als ich erst vier Jahre alt war.

In die Härte und Kargheit dieses Lebens brachten die Erzählungen vom Klavier des Königs und vom Großvater den Abglanz des Wunderbaren, besonders die vom Großvater, der zu Ruhm gekommen war, obwohl er den Makel trug, im Ghetto der kleinen Stadt Zelda in Russland geboren zu sein, wo man Juden unterdrückte. Dank seiner Kunst, und weil er vor dem »heiligen« Zaren gespielt hatte, gehörte er zu der Handvoll Juden, die in Russlands »heiliger Hauptstadt«, St. Petersburg, leben durfte. Ich erinnere mich der heißen Tränen, die mir die Wangen herunterrollten, wenn Vater von Großvaters tiefstem Schmerz erzählte: wie seine ganze Familie − Großmutter Rachel und vier ihrer fünf Kinder − bei einem Pogrom in Kiew im Jahr 1880 niedergemetzelt wurde und nur der älteste Sohn, mein Vater Abraham Janowsky, am Leben blieb.

Nachts lag ich wach und durchlebte noch einmal die Geschichten, die mein Vater erzählt hatte: Mein Großvater war mit seinem Kummer und dem einzig verbliebenen Sohn aus Russland geflohen. Eine Weile lebten sie in London, wo Großvater eine Schwester hatte; aber das feuchte englische Klima war unzuträglich für Großvaters Gesundheit, die unter dem Schock des schweren Verlustes zerbrochen war. Die Ärzte rieten ihm zu dem sonnigen Klima Italiens, und so ging er nach Rom und ließ meinen Vater bei den Verwandten in London zurück.

Während er sich in Rom erholte, überlegte Großvater lange, wo er sich niederlassen sollte. Aber Israel kam ihm dabei nicht in den Sinn, da die moderne zionistische Bewegung damals noch nicht existierte und das Heilige Land eine Wüste war. Zum damaligen Zeitpunkt wanderten dorthin nur alte religiöse Juden aus, um dort ihr Leben zu beenden, oder weltfremde Narren, die damit die prophezeite Wiedergeburt Israels zu beschleunigen hofften.

Anlässlich eines Besuches bei der russischen Gesandtschaft in Rom schlug der Gesandte, der den Ruhm seines Gastes wohl kannte, ihm vor, Konzerte in den Häusern italienischer Adeliger zu geben. Großvater war einverstanden, und die Konzerte wurden arrangiert.

Als Großvater einige Wochen später im Haus des Gesandten am Klavier saß und für ein Konzert probte, das am gleichen Abend stattfinden sollte, erinnerte er sich plötzlich, dass es der Jahrestag des Blutbades von Kiew war − ein Tag, den er immer in Gebet und Trauer hatte verbringen wollen. Unvermittelt hörte er zu spielen auf. Ich werde heute Abend nicht spielen, sagte er zu sich, neigte den Kopf über das Klavier und betete: »Allmächtiger, gib mir die Kraft, den Verlust meiner Lieben zu ertragen. Gib mir den Mut, mein einsames, entwurzeltes, gequältes Leben zu tragen. Nicht um meinetwillen, mein Gott, sondern um des einzigen Sohnes willen, der mir geblieben ist.

Mein junger Baum, meine junge Eiche − wohin soll ich ihn verpflanzen? Gott Israels, führe mich. Zeig mir den Weg.«

Großvater bemerkte weder das leise Klopfen an der Türe des Musikzimmers noch das Öffnen der Tür und blickte also erstaunt auf, als er angesprochen wurde. Neben ihm stand die Frau des Gesandten. Eine Weile sagte keiner ein Wort, dann vertraute er ihr beklommen den Grund seiner Traurigkeit an.

»Ich fühle mit Ihnen, Maestro«, sagte sie. »Aber ich kam, um Ihnen eine aufregende Nachricht zu bringen: Soeben erfahren wir vom Quirinal, dass König Umberto und Königin Margherita zu Ihrem Konzert kommen werden.« Als Großvater schwieg, fuhr sie fort: »Es wäre sehr peinlich, wenn wir das Konzert verschieben müssten.«

»Sicherlich«, erwiderte Großvater hilflos. »Aber meine Erinnerungen überwältigen mich.«

»Ich verstehe, Maestro«, sagte sie. »Aber darf denn ein Künstler seine Musik − sei es in Kummer, Sorge, Krankheit oder Schmerz − preisgeben, solange seine Finger noch spielen können?«

Großvater fühlte, er habe nicht das Recht, den Menschen, die ihm so viel Gastfreundschaft erwiesen hatten, Unannehmlichkeiten zu bereiten. Und so gab er nach und das Konzert fand, wie geplant, statt. Da es nicht in seiner Absicht lag, die Anwesenden seinen Kummer merken zu lassen, war es ihm nicht bewusst, dass er an diesem Abend machtvoller und ergreifender spielte als je zuvor und dass das Musikzimmer zum Tempel seines Schmerzes wurde.

Nach dem Konzert wünschte das Königspaar, ihm seinen Dank auszusprechen. »Ihr Spiel hat uns in der Seele bewegt«, sagte der König. Und die Königin: »Sie haben mich Gott nähergebracht. Möge der Herr Sie segnen.« Dann fügte sie hinzu: »Ihr Spiel ließ uns an ein wunderbares Klavier denken, das wir besitzen. Dieses Instrument ist Ihrem Temperament und Geist gemäß.«

»Das ist richtig«, stimmte der König zu. »Dieses Klavier haben wir von unserem Volk als Zeichen der Wertschätzung zu unserem Hochzeitstag bekommen.«

»Was für eine Art Klavier ist es?«, fragte mein Großvater interessiert.

»Die Legende sagt«, erklärte der König, »dass es aus den Säulen gebaut sei, die von König Salomons Tempel stammen. Als vor fast zweitausend Jahren die römischen Legionen Jerusalem zerstörten, brachte Titus nicht nur die heiligen Geräte des Tempels nach Rom, sondern auch zwei seiner berühmten Säulen und ließ sie bei der Errichtung eines heidnischen Tempels verwenden. Später, als das Christentum sich weiter ausbreitete, und nach der Zerstörung des heidnischen Tempels wurde auf seinen Grundmauern eine Kirche erbaut, wozu wiederum Salomos Säulen verwendet wurden. Diese Kirche stand einige Jahrhunderte, bis sie durch ein Erdbeben zerstört wurde. Daraufhin baute ein Musikliebhaber aus dem heiligen Holz ein Klavier. Und dabei − so erzählt die Legende − trat die Seele der verlorenen Harfe König Davids, die heimatlos in den Lüften schwebte, in das Holz ein, um es seither zu bewohnen.«

»Und darum wird unser Klavier ›König Davids Harfe‹ genannt«, fügte die Königin hinzu.

»König Davids Harfe …« Langsam, sinnend wiederholte Großvater diese Worte. Es war, als hätten sie in seinem Herzen die Funken, die in jedes Juden Herz für Jerusalem glimmen, zum Lodern gebracht − sie waren wie eine Antwort auf sein Gebet. Dankbar rief er aus: »Eure Majestäten! Ihre Geschichte hat mir eine Erleuchtung gebracht.«

Der Wunsch, auf des Königs legendärem Klavier zu spielen, war plötzlich vergessen, denn wie eine unendliche Melodie summte in seinem Herzen das Wort ›König Davids Harfe‹. − Und am nächsten Tag schon ging ein Eilbrief nach London ab: »Mein lieber Sohn, komm sofort nach Rom. Wir ziehen nach Jerusalem, in die Stadt Davids, des Königs von Israel!«

Der Bote des Messias

Den ersten Blick in ihr Gelobtes Land warfen Großvater Mattis und sein Sohn Abraham, als das Schiff, das aus Italien kam, in den biblischen Hafen Jaffa einlief, der sich in zwei Jahrtausenden kaum verändert hatte. Und es bot sich ihnen ein Anblick, den sie nie wieder vergaßen.

Vor dem Hintergrund alttestamentarischer Bauten säumte eine Menschenmenge das Ufer und winkte den Einwanderern ein Willkommen zu. »Schalom! Schalom!«, riefen sie, den hebräischen Friedensgruß.

Dann teilte sich die Menge, und durch sie hindurch schritt eine seltsame Prozession. Sie bestand aus nur drei Menschen, die sich dem Landeplatz jedoch mit einem solchen Pomp näherten, dass das Wort »Prozession« ihre Haltung am besten beschreibt. Voraus schritt ein farbenprächtig gewandeter Wächter mit einem Keulenstab, den er bei jedem Schritt auf die hölzernen Planken stieß − mit einer Autorität, die in jeder Sprache nur »Platz da!« bedeuten konnte. Ein zweiter Stabträger, der ebenfalls bei jedem Schritt aufpochte, beschloss den Zug. Zwischen den beiden schritt ein Ehrfurcht gebietender, bärtiger Beamter, der an seiner Amtskette fingerte und würdevoll nach rechts und links grüßte.

Mattis und Abraham erfuhren, dass dies Chaim Goldberg war, der Muchtar, der jüdische Bürgermeister von Jaffa. Die Kavasse, die Ehrengarde, gehörte gemäß der türkischen Herrschaft, der das Land unterstand, zur protokollarischen Form, und der Pomp, mit dem der Muchtar sich offiziell bewegte, war eine Konzession an die Bräuche des Regimes. Doch gab es, von seiner goldenen Amtskette einmal abgesehen, an Chaim Goldberg nichts Bombastisches. Sein Herz war erfüllt von Hilfsbereitschaft für den immer stärker anwachsenden Strom jüdischer Flüchtlinge, die infolge der russischen Pogrome nach Israel strömten. Diese Flüchtlingshilfe machte er zu seinem Lebenswerk. Jedes Schiff, das neue Einwanderer brachte, empfing er am Kai, lud die Fremden in sein eigenes Haus ein und bestand darauf, dass sie so lange seine Gäste blieben, bis sie ein eigenes Heim im neuen Land gründen konnten.

Als Mattis und Abraham ankamen, hatte Chaims selbstlose Gastfreundschaft bereits bemerkenswerte Ausmaße angenommen, und da der Strom der Einwanderer immer mehr anschwoll, wurde seine Hilfsbereitschaft auf die härteste Probe gestellt. Doch konnte er nicht vergessen, wie sehr er selbst um seinen Lebensunterhalt hatte kämpfen müssen, als er 1860 aus Karlsbad in Böhmen ins Heilige Land gekommen war und ihm niemand die kleinen hilfreichen Winke über die Bräuche der Bewohner Hebrons gegeben hatte, für die er Brot buk.

Darum reichte er nun tapfer und unermüdlich allen seine helfende Hand. Er führte sein Ein-Mann-Programm so erfolgreich durch, dass Baron Benjamin Edmond de Rothschild, als er Jahre später die jüdische Kolonisierung Israels zu unterstützen begann, Chaim Goldberg zu seinem persönlichen Beauftragten ernannte.

Was mich betrifft, so hatte die Großherzigkeit des Muchtar ein weiteres wichtiges, wenn auch indirektes Ergebnis: Er wurde einer meiner Vorfahren. Abraham war ein gut aussehender junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, und der Muchtar hatte eine reizende siebzehnjährige Tochter namens Zipporah. Mein Vater erzählte später, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Nach kurzer Zeit heirateten Abraham und Zipporah und beschlossen − wie viele andere in jenen Pionier-Tagen −, ihr Heim der Wüste abzuringen. Sie schlossen sich ein paar Dutzend jungen Flüchtlingen an, die landeinwärts von Jaffa in den Sümpfen nahe dem Fluss Yarkon die winzige Siedlung Petach Tikwa gründeten.

Der Name Petach-Tikwa bedeutet Tor der Hoffnung. Es war die Hoffnung dieser ernsthaften jungen Siedler, in einer freien jüdischen Gemeinde zu beweisen, dass sie selbst nach fast zweitausendjährigem Exil und Heimatlosigkeit zur Lebensform ihrer Väter zurückfinden konnten − durch die Lehre der Thora und die Arbeit ihrer Hände. Die Leute von Petach-Tikwa lieferten einen so überzeugenden Beweis für ihr Können, dass diese erste jüdische Kolonie im modernen Israel zum Vorbild für weitere Siedlungen wurde. Die in Petach-Tikwa entwickelten Lebensformen lieferten das Beispiel, das in weniger als zwei Generationen Israel in seiner biblischen Größe wiedererstehen ließ.

Jene frühen Tage in Petach-Tikwa aber waren ein bitterer Kampf um die nackte Existenz. Sümpfe mussten trockengelegt werden, um Weiden für den kleinen Viehbestand und Ackerland zum Anbau zu schaffen. Mithilfe der anderen Siedler musste Vater sein eigenes dreizimmeriges Haus aus Holz und Lehm erbauen. Doch waren es für Abraham und Zipporah auch Jahre der Erfüllung. Ihre Ehe wurde mit sieben Kindern gesegnet, drei Mädchen und vier Jungen, die alle in dem kleinen Haus zur Welt kamen. Es waren das Mosché, Pesach, Naomi, Jakob, Pnina, Avner Carmi (ich) und Miriam. Unsere biblischen Namen zeugten von der Frömmigkeit unserer Eltern.

Es gibt mehrere Versionen dafür, wie der Ort ausgewählt wurde, an dem Petach-Tikwa entstand. Die paradoxeste ist der, dass der Grund und Boden niemandem gehörte, da wegen seiner Unwirtlichkeit niemand etwas mit ihm anfangen wollte. Dies aber wussten die jungen Pioniere nicht. Als sie sich nach dem Besitzer erkundigten, gab sich ein findiger Araber als Eigentümer der ganzen Gegend aus und verlangte dafür mehr, als sie zahlen konnten.

Während der ersten dreißig Jahre forderte die Malaria viele Opfer innerhalb der kleinen Gemeinschaft. Ständig lagen einige von uns krank im Bett und kämpften mit dem Fieber, und eine Zeit lang schien der Friedhof schneller zu wachsen als die Siedlung. Schließlich brachte der Tod aus den Sümpfen auch in unser Haus großes Unheil: Meine Mutter starb mit Anfang der Dreißig und hinterließ sieben Waisen und einen auf immer untröstlichen Mann, der an ihrem Grabe gelobte, den Rest seines Lebens dem Kampf gegen die Seuche zu widmen, die ihr Leben gefordert hatte. Und so begann er, Eukalyptusbäume zu ziehen − Bäume, die im Jahr fast drei Meter hoch wachsen und die Feuchtigkeit so gierig aus dem Boden saugen, dass sie, wenn man Haine daraus pflanzt, ganze Sümpfe auszutrocknen imstande sind. Tag für Tag und Nacht für Nacht arbeitete er in seiner improvisierten Baumschule und säte und düngte die Eukalyptussprösslinge. Er nannte sie ›Vögel‹ (Zipporim) im Gedenken an meine Mutter − denn ihr Name Zipporah bedeutet im Hebräischen ›Vogel‹.

Manchmal, so erzählte uns Vater, erschien Mutter ihm bei seiner Arbeit und flüsterte ihm zu: »Pflanz’ mehr, Abraham, pflanz’ mehr Eukalyptus. Es wird dir helfen, unseren Kindern helfen und unseren Kindeskindern.«

Als die Sämlinge zu hohen Bäumen emporgeschossen waren, machte Vater es sich zur Gewohnheit, am Sabbat und an den Feiertagen mit uns in den Eukalyptushainen spazieren zu gehen und zu beobachten, wie die Bäume sich entwickelten, ihren betäubenden Duft einzuatmen und in ihrem Schatten zu sitzen − wie in Mutters bergendem Arm.

Mit eigenen Händen pflanzte Vater über zwei Millionen Eukalyptusbäume, und sie halfen, die Sümpfe auszutrocknen und die Malaria auszurotten − nicht nur in Petach-Tikwa, sondern auch im übrigen Israel. Im ganzen Land stehen heute die Haine, die er gepflanzt hat, von Dan im Norden bis nach Beer-Schewa im Negev. Und allmählich erlangte Vaters Leistung auch offizielle Anerkennung. Als Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg das Mandat über das Land übernahm und Sir Herbert Samuel als ersten Hochkommissar nach Judäa sandte, wurde Vater nach Jerusalem ins Regierungshaus eingeladen, wo Sir Herbert ihm in einer offiziellen Amtshandlung den Ehrentitel ›Vater des Eukalyptus‹ verlieh.

Die Rohrflöte

Meine Begeisterung für die Musik, die mich schließlich auf die lange Suche nach dem Klavier des Königs schickte, wurde durch eine Hirtenflöte erweckt, die mein Vater von einem Besuch bei Großvater Mattis in dessen Jerusalemer Atelier nach Hause brachte. Auf dem Heimweg, entlang der historischen Straße nach Jaffa, hörte mein Vater einen Beduinen-Schafhirten, wie er, auf einem Felsen sitzend, seiner Herde auf einer primitiven Rohrflöte etwas vorspielte. Meinen Kindern wird sie Freude machen, dachte mein Vater, auch wenn die Flöte primitiv ist. Er kaufte sie dem Jungen ab und brachte sie uns heim, um uns in die Wunder der Musik einzuführen. Es hatte ihn bedrückt, dass seine mutterlosen Kinder ohne Musik aufwuchsen.

Die strohfarbene Flöte war so dick wie ein Finger und vierzig Zentimeter lang. Sie hatte sechs eingebrannte Fingerlöcher und trug den Duft der Einöde in sich, doch uns vermittelte sie die Magie der Musik. Sieben Geschwister jagten einander die Flöte, um auf ihr spielen zu können, in so heftigen Kämpfen ab, dass Vater beschloss, jeder von uns müsste eine bekommen. Und so ging er zum Flussufer, schnitt sechs Schilfrohre nach dem Muster des Originals zurecht und brannte Fingerlöcher hinein, wie es der Araberjunge gemacht hatte.

Die ersten Flöten, die Vater uns machte, waren nicht gut gestimmt, aber das machte uns nichts aus. Wir sieben flöteten mit solcher Freude und Ausdauer, dass Vater begriff: Wir waren alle begabt. Daher stellte er in unverdrossener Mühe einen Satz von sieben Flöten her, die er auf Sopran, Alt, Tenor und Bariton einrichtete, sodass wir mehrstimmig musizieren konnten.

Wenn Vater sich auch ganz der Landwirtschaft zugewendet hatte, um »die Erde zum Blühen zu bringen«, so hatte er in seiner Jugend echte musikalische Begabung gezeigt und bei Großvater Mattis Klavierspielen gelernt. Darum war er imstande, mit uns, die wir so unermüdlich herumzirpten, ein einigermaßen harmonisches Flötenorchester zu schaffen.

Unser Repertoire bestand zumeist aus religiösen Liedern, die wir von Einwanderern aus den verschiedensten Ländern aufgeschnappt hatten und die Vater für uns arrangierte. Später, als Vater unsere Fähigkeit des Improvisierens entdeckte, legte er oft die handgeschriebene Partitur zur Seite und ließ uns miteinander spielen, wie es uns gerade einfiel. Daran hatten wir viel Spaß.

Obgleich weder Niveau noch Klang unseres ›Orchesters‹ hohen Ansprüchen genügte, betrachtete Vater es als eine Leistung. Denn damals, um die Jahrhundertwende, war Israel noch in jeder Beziehung arm − außer an Ideen und Idealen.

Aber wir hatten nicht nur das Flötespielen entdeckt, sondern auch das Singen. Wir sangen die Melodien, wir summten und pfiffen sie, wir ahmten die Stimmen der Natur nach − die Stimmen des Windes und der Wellen und aller Arten von Vögeln und Tieren.

Unsere besten Leistungen kamen zustande, wenn wir an Vaters Arbeitsplatz spontan lossangen, während wir ihm beim Umpflanzen der »Vögel«, der Eukalyptusschösslinge, halfen. Es konnte dann geschehen, dass uns beim Singen die Begeisterung überkam und Vater von der kleinen Miriam den Korb mit den Rohrflöten holen ließ, damit wir weiter musizieren konnten. Dann stellte er uns im Halbkreis auf und dirigierte. Natürlich hatte sich bald eine große Gruppe der Einwohner von Petach-Tikwa eingefunden, um uns zuzuhören und unsere musikalische Leidenschaft zu genießen.

Ein so kompliziertes Instrument wie ein Klavier war uns natürlich völlig unvorstellbar. Damals gab es in ganz Israel vielleicht zehn Klaviere, selbst wenn man Großvaters kleines Pianino mitzählte.

Ich erinnere mich noch, wie Vater auf meine Fragen einmal ein Klavier beschrieb. Er sagte, es sei ein großer Schrank mit vielen kleinen Hämmerchen innen, die wie Entenköpfe aussähen.

»Entenköpfe?«, schrie ich und rannte sofort zum Bauernhof, um die Köpfe dieser eindrucksvollen Kreaturen aus jeder erdenklichen Perspektive zu studieren − konnte aber keinerlei Verbindung mit der Musik entdecken.

Ein andermal verglich Vater das Klavier mit der Bundeslade. »Wenn es geöffnet ist«, sagte er, »kann man darin so etwas wie weiße und schwarze Finger sehen, die die Töne und Melodien machen.«

Wunder über Wunder, dachte ich. Und als wir am Sabbat in den Tempel gingen und die heilige Lade zur Lesung der Thora geöffnet wurde, drängte ich mich durch die Rabbiner und Leviten nach vorn, um in die Lade zu sehen und zu entdecken, woher die Musik käme.

Auch pflegte ich stundenlang das Bild an unserer Wand zu betrachten, das den in Schwermut versunkenen König Saul darstellte, vor dem der junge David die Harfe schlug.

»Wie hat sie geklungen, die Harfe Davids?«, fragte ich eines Tages meinen Vater.

»Ihre Töne waren so voller Seele, dass man sie nicht beschreiben kann«, erwiderte er. Ein andermal sagte er: »Davids Harfe war so wundersam, dass sie von selber spielte.«

»Von selber!«, rief ich verwundert.

»Ja, tatsächlich«, sagte Vater. Erst nach einer Weile fuhr er fort: »Es war die Harfe, die König Davids Tod ankündigte; sie begann von selber zu erklingen.« Dann erzählte er mir diese Geschichte:

»Als König David alt wurde, bat er Gott, er möge ihm mitteilen, wann er sterben würde. Aber Gott erwiderte: ›Nein, mein Sohn. Das ist etwas, das ein Sterblicher nicht vorher wissen darf.‹ König David beugte sich Gottes Willen, aber er bat, wenigstens zu erfahren, an welchem Tag der Woche er sterben würde. ›Wie du willst‹, antwortete Gott. ›Es wird ein Sabbat sein.‹

König David erhob Einspruch, er wolle nicht an einem Sabbat sterben, er wolle nicht, dass die Überlebenden an diesem heiligen Tag trauern müssten. Und er bat, es möge ein Sonntag sein. Aber Gott war unerbittlich. Er sagte zu David: ›Dein Sohn Salomon wird dein Nachfolger, und jeder Tag seiner Herrschaft ist für die Geschichte wichtig.‹

›Ich bin glücklich, das zu hören, Allmächtiger‹, sagte König David. ›Dann lass mich eben einen Tag vor dem Sabbat sterben.‹

›Nein, David, auch jeder Tag deiner Herrschaft ist wichtig.‹

Da dankte der alte König Gott für seine Umsicht. Aber da er wusste, dass der Todesengel keine Gewalt über einen Menschen hat, der die Thora studiert, beschloss David, den heiligen Boten zu überlisten. Und so widmete er von diesem Tage an vom Beginn des Sabbats bis zum Ende seine ganze Aufmerksamkeit der Thora.

Als endlich der vorherbestimmte Sabbat kam und der Todesengel herabstieg, um den König zu holen, saß dieser und lernte aufmerksam in der Thora-Rolle. Da der Engel ihn dabei nicht unterbrechen durfte, aber ebenso wenig zurückkehren konnte, ohne seinen Auftrag erfüllt zu haben, beschloss er, vor dem Haus zu warten, bis David die heilige Rolle für einen Augenblick aus der Hand legen würde. Wie aber Stunde um Stunde verging und der Engel begriff, dass David nicht von der Thora aufschauen würde, sann er nach, was zu tun sei. Er ließ einen mächtigen Sturm durch die Bäume des Gartens gehen.

Als der König das Schlagen und Brechen der Äste hörte, rief er aus: ›Wer bricht am Sabbat Äste?‹, legte die Thora nieder und eilte zum Fenster. Sofort ergriff der Todesengel die Gelegenheit. Zärtlich nahm er die Seele des Königs an sich und entschwand mit ihr himmelwärts. Die Familie des Königs aber hörte von nebenan Davids Harfe tönen; erstaunt schauten sie einander an. ›Es kann nicht sein!‹, riefen sie. ›Kann unser Vater vergessen haben, dass Sabbat ist?‹ Und sie liefen ins Gemach des Königs und fanden ihn tot auf dem Boden liegen. Das Fenster stand offen, und der hereinwehende Wind ließ die Harfe traurig und melodisch aufklingen.«

»Wie herrlich!«, sagte ich. »Warum leben solche Menschen nicht ewig?«

»Sie tun es«, erwiderte mein Vater. »König Davids Seele wandert von Generation zu Generation und sucht nach dem Richtigen, sucht einen David, der Israels Ehre wieder aufrichten wird. Ebenso sucht er die Seele der Harfe. Und wenn dieser Tag kommen wird, wenn die Seele Davids und die Seele der Harfe wieder zusammenfinden − dann wird Israels Erlösung nahe sein, und die Harfe wird wieder ertönen.«

»Und wann, Vater, glaubst du, dass das sein wird?«

»Ich wünschte, ich könnte alle deine Fragen beantworten, mein Kind. Bevor das geschieht, müssen viele Juden wieder nach Israel zurückkehren, und sie müssen zur Lebensweise ihrer Vorväter zurückkehren − zur Thora und zur Arbeit ihrer Hände.«

»Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen«

Das Passah-Fest des Jahres 1910 wurde zum Wendepunkt meines Lebens. Kurz vor den Feiertagen erreichte uns ein Brief von Großvater Mattis aus Paris, in dem er uns mitteilte, er käme nach Israel zurück und würde das Fest mit uns verbringen.

Der Brief erweckte unbeschreibliche Aufregung. Die meisten von uns Kindern hatten unsern Großvater, den großen Pianisten, der vor Königen und Königinnen gespielt hatte, noch nie gesehen, da für ihn ein Besuch in Petach-Tikwa mit Lebensgefahr verbunden war, denn noch immer war die Gegend ein Seuchenherd. Während eines kurzen Aufenthalts vor dreizehn Jahren hatte Großvater Malaria bekommen und sich nur schwer wieder davon erholt. Außerdem war er oft für längere Zeit fort aus Israel, um seinen Forschungen nachzugehen. Nach dem Verlust seiner Familie in Kiew hatte er das Konzertieren praktisch aufgegeben und sich ausschließlich der Auffindung vernachlässigter oder vergessener Klavierkompositionen gewidmet. Zu diesem Zweck reiste er durch Europa und stöberte in Bibliotheken, Museen, Klöstern und sogar in Privathäusern. Dann brachte er seine Funde nach Jerusalem zurück, wo er sie überarbeitete.

In Erwartung von Großvaters Besuch setzte in ganz Petach-Tikwa eine fieberhafte Tätigkeit ein. Alle Häuser wurden auf Hochglanz poliert, unser eigenes Drei-Zimmer-Häuschen erstrahlte wie neu, ebenso der Stall, die Scheune und das Hühnerhaus. Alle Haustiere, einschließlich Balaam, der kleine weiße Esel, und die schlammliebenden Enten wurden im Fluss gebadet. Zu den wichtigsten Vorbereitungen aber gehörten in diesen emsigen Tagen die Proben unseres Orchesters, da Großvater natürlich noch nie das »Philharmonische« seiner Enkelkinder gehört hatte. Vater eilte nach Tel Aviv − die in jenem Jahre neu gegründete Stadt − und kaufte ein großes Bild von Theodor Herzl, dem Begründer der zionistischen Bewegung, die um diese Zeit jüdische Einwanderer in einer Anzahl nach Israel brachte, die eine Generation früher noch unvorstellbar gewesen war. Als Vater das Bild an der Wand befestigte, drängten wir uns alle heran und lasen die Unterschrift, ein Wort, das Herzl geprägt hatte: »Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.«

Als Vater meine Verwunderung bemerkte, zog er mich zu sich und versuchte eine Erklärung. »Manchmal scheint einem ein Traum ganz unerfüllbar«, sagte er. »Wenn man es sich aber von ganzem Herzen wünscht, dann kann er sich erfüllen. Mit anderen Worten: Wenn etwas sehr schwer zu erreichen ist, aber du entschließt dich dazu, dann gibt es keine Macht der Welt, die dich von deinem Wunsch abhalten kann.«

»Wie wunderbar!«, rief ich beglückt. »Heißt das, dass ich Großvaters Klavier sehen werde, wenn ich es mir immer und immerfort weiter wünsche?«

»Natürlich!«, riefen meine älteren Geschwister und lachten. »Wünsch du nur immer weiter!«

Obgleich mich ihr Lachen verletzte, war ich von Herzls Ausspruch gebannt, und je älter ich wurde, desto mehr wurde er ein Stück von mir.

Als der große Tag kam, mussten alle verfügbaren Pferde, Maulesel und Esel aus dem Fluss Wasser heranschleppen, um damit die staubigen Wege der Siedlung vom äußersten Ende bis zur riesigen Ehrenpforte, die vor unserem Haus errichtet worden war, zu besprengen. Die Pforte war reich mit Blättern, Blumen und Fahnen geschmückt, trug an der einen Seite eine große Davidsharfe, an der anderen einen Davidsschild und dazwischen die Inschrift:

WILLKOMMEN AM TOR DER HOFFNUNG!

Als Großvaters Wagen endlich in Sicht kam, rannten wir, die Mitglieder des Ensembles, mit klopfenden Herzen auf unsere vorgesehenen Plätze, um bei der Ankunft des Wagens die ›Hatikwa‹ zu spielen.

Der Plan war, die Hymne nur mit den Flöten zu intonieren, um Großvater schon beim Aussteigen das Orchester vorzuführen, doch die Leute von Petach-Tikwa konnten ihre Begeisterung nicht zurückhalten und begannen mitzusingen.

Als die Hymne beendet war, liefen alle an den Wagen heran, und der tief gerührte Großvater tauschte Küsse mit allen, ohne eine Ahnung zu haben, wer es war und ob er einen Verwandten vor sich hatte oder nicht. Erst zu Hause, als Vater einen nach dem anderen vorstellte, konnten wir persönlichere Begrüßungen tauschen. Als ich an der Reihe war, konnte ich Großvater genau ansehen und er mich. Vater hatte ihm erzählt, dass von der ganzen Familie ich ihm am ähnlichsten sähe, und so schaute mir Großvater nun forschend in die Augen, nickte bejahend und erklärte: »Es stimmt.«

Großvater war noch schöner, als sein Foto es hatte vermuten lassen. Er war mittelgroß, trug wallendes Künstlerhaar und einen Schnurrbart, und seine leuchtenden Augen, der aufrechte Gang und das einnehmende Lächeln ließen vergessen, dass er schon in seinen Siebzigern war.

Am späteren Nachmittag, nachdem wir von einem Gottesdienst im Tempel zurückgekommen waren und Großvater die Bilder meines ältesten Bruders, die im ganzen Hause hingen, besichtigt hatte, mussten wir ihm alle unsere musikalischen Kunststücke vorführen, denn Vater hatte sich vor Großvater gebrüstet, dass wir alle das absolute Gehör besäßen. Zum Beweis holte er dreizehn Gläser herein, die unterschiedlich so mit Wasser gefüllt waren, dass sich die chromatische Tonleiter ergab. Wir Kinder standen aufgereiht vor dem Großvater, der ein Glas anschlug und zugleich einen unserer Namen aufrief. Zu Vaters Freude bezeichneten wir alle, vom Ältesten bis zum Jüngsten, den angeschlagenen Ton richtig. Dann schlug Großvater gleichzeitig zwei Gläser an, dann drei, vier, fünf und schließlich sechs − aber er konnte uns nicht verwirren. Schließlich krempelte er seine Hemdsärmel auf und ließ den Bleistift über die Gläser streichen, hin und her, während wir Kinder blitzschnell die Töne benannten.

»Kol-lo-sal-nye!«, rief Großvater, der vor Begeisterung in seine russische Muttersprache verfiel und Vater beglückwünschend am Bart zupfte.

An diesem Abend fand bei uns ein herrliches Fest mit vielen Gästen statt. Endlich kam auch der Moment, den wir so heiß herbeigesehnt hatten − unsere »Kleine Nachtmusik« unter dem Sternenhimmel, an dem auch der Mond leuchtete. Vater und meine älteren Brüder hatten für unser Orchester eine Bühne aus Eukalyptusholz errichtet, die eine riesige Harfe mit acht Saiten darstellte. Die »Saiten« wurden durch kleine Säulen von zunehmender Höhe gebildet, und oben auf jeder Säule stand, in Form einer Leier, ein Öllämpchen. Den Hintergrund der Bühne bildeten rote Banner, und als die sieben Mitglieder unseres Ensembles in verschiedenfarbigen biblischen Kostümen zwischen den Säulen standen und das Lampenlicht auf den roten Bannern flackerte, bot unsere Bühne einen wirklich begeisternden Anblick.

Das Programm begann damit, dass Naomi − seit Mutters Tod unsere »kleine Familienmutter« − mit einer Fackel die Öllämpchen entzündete und unser geliebter Rabbi Citron einen Segen sprach. Dann kam mein Auftritt: Ich sollte die »Harfe« zum Tönen bringen. Mit zwei kleinen stoffbezogenen Hämmerchen hatte ich auf den Säulen das zionistische Lied HOOSHU ACHIM HOOSHU (»Kommt, Brüder, kommt, wir wollen nach Israel ziehen«) zu spielen.

Die Entfernung zwischen den Säulen betrug ungefähr sechzig Zentimeter, und um das Tempo der Melodie zu halten, musste ich blitzschnell von einer »Saite« zur anderen hüpfen. Wir hatten uns während der Proben darüber Sorgen gemacht, dass die Zuschauer deshalb lachen könnten − andererseits wäre es falsch gewesen, das Tempo zu verlangsamen. Und so hatte Vater beschlossen, eher das Gelächter zu riskieren, als das korrekte Tempo zu vernachlässigen. Er behielt recht, denn trotz meines grotesken Hüpfens lauschten die Petach-Tikwaner aufmerksam und applaudierten am Ende kräftig.

Nun war das Ensemble an der Reihe. Wir stellten uns dem Alter nach auf und marschierten als biblische Figuren, die Rohrflöten wie Dolche im Gürtel, auf die Bühne und nahmen unsere vorgesehenen Plätze zwischen den Säulen ein. Vater trat ans »Dirigentenpult«. Als er den Taktstock hob, zogen wir unsere Flöten, und die Vorstellung begann mit der bekannten Melodie »Der alte Baum in Judäas Bergen«.

Berauscht von dem Gedanken, im Publikum einen Musiker von hohem Rang zu haben, spielten wir wie nie zuvor. Nach unserer Gewohnheit begannen wir zu improvisieren − und der »Alte Baum« war bald kaum mehr zu erkennen, wenn jede Flöte mit einer neuen Variation einsetzte, die die vorige übertraf. Jeder wollte von Großvater bemerkt werden, jeder wollte sich als besonderes Enkelkind erweisen. Und die Petach-Tikwaner, die unsere Art zu musizieren kannten, fühlten sich als Teil von uns und beobachteten gespannt die Reaktion des großen Kenners in ihrer Mitte. Großvater lachte oft und herzlich darüber, was wir aus dem »Alten Baum« machten, aber an seiner strahlenden Miene war abzulesen, dass unser Musizieren ihn beeindruckte. Seine Freude befeuerte uns zu höchsten Leistungen. Selbst Vater war von unserem Wettstreit mitgerissen. Zwar hatte er uns vorher eingeprägt, das Musikschiff sicher in den Hafen zu steuern und die Nummer mit einem hübschen Tutti zu beenden − aber jetzt vergaß er seine eigene Anweisung, dirigierte wie ein von der Musik Berauschter und ermunterte uns zu immer weiteren Variationen. Als endlich die Nummer beendet war oder, besser gesagt, als sie plötzlich abbrach, stürmte Großvater auf die Bühne, um uns alle zu umarmen und zu küssen, und die Luft erzitterte von tumultartigem Applaus. Niemals vorher waren wir so glücklich gewesen!

Als wir nachts heimkehrten, nahm Großvater die Geige heraus, die er aus Paris für meinen Bruder Mosché mitgebracht hatte, der in Tel Aviv das Gymnasium besuchte und Geigenstunden nahm. Beim Anblick des schimmernden Instruments gingen mir die Augen über. Es war die erste Geige, die ich in meinem Leben sah, die da in ihrem Kasten wie auf einem königlichen Purpurbett ruhte. Und als Mosché das Instrument nahm und uns darauf vorspielte, war ich wie verzaubert.

Als am nächsten Tag nach dem Mittagessen alle schliefen, holte ich heimlich die Geige aus dem Kasten und lief damit in den Stall. Zwischen den Kühen stellte ich mich auf, schob das Instrument unters Kinn und »spielte«. Augenblicklich vergaß ich die peitschenden Kuhschwänze, so gebannt war ich. Doch bald wurde ich unruhig, denn ich fühlte mich beobachtet. Und das war auch der Fall: Durch die Holzritzen des Stalls guckte mir die ganze Familie zu.

»Mach auf!«, schrien sie, als ich sie anstarrte. »Mach sofort auf und gib die Geige her!«

Erstarrt vor Angst verkroch ich mich hinter die Kühe. Da hörte ich Großvater sagen: »Hab keine Angst, Carmi. Du hast nichts Böses getan.« Ermutigt durch seine lieben Worte, kroch ich heraus und lief in seine Arme, die er mir entgegenstreckte.

Zum ersten Mal nahm Großvater mich so herzlich in den Arm. Noch heute kann ich mich deutlich an seinen gestreiften Anzug und an den Druck seiner Arme um meine Schultern erinnern.

Schon seit Tagen hatte ich Großvater sagen wollen, wie sehr ich ihn liebte, doch kam ich nie an ihn heran. Immer hatte er mit dem Vater zu reden oder wurde von den älteren Geschwistern mit Beschlag belegt, die mich beiseiteschoben und sagten: »Lass den Großvater in Ruhe, hörst du!« So konnte ich nur stumm dabeistehen, während mein Herz vor Eifersucht fast zerbarst. Sogar nach dem Geigen-Abenteuer, nach dem Rückweg ins Haus, den ich an Großvaters Hand zurücklegte, war es dasselbe − er war stets von den anderen umringt.

So nahm ich meine Rohrflöte, ging wieder in den Stall, hockte mich auf den Boden und blies mir meine Einsamkeit und Verzweiflung vom Herzen. Nach einiger Zeit hörte ich Schritte herankommen. Sofort hörte ich zu spielen auf und legte die Hand ans Ohr, um festzustellen, wer da kam. Als ich begriff, dass es Großvater war, wurde ich schrecklich verlegen und wäre weggelaufen, wenn das möglich gewesen wäre. So aber blieb ich wie angewurzelt auf der Erde sitzen und senkte beschämt den Kopf.

Großvater entdeckte mich in meiner Ecke, kam langsam auf mich zu, lächelte milde und fragte, ob er zuhören dürfe. Ich konnte nur ängstlich lächeln. Er breitete ein blütenweißes Taschentuch auf den Boden und setzte sich darauf. Dann legte er mir die Hand auf die Schulter, beugte sich herunter, um mir in die Augen sehen zu können, und fragte, ob ich sein Freund sein wolle. Wortlos nickte ich. Dann fragte er, ob ich mit ihm in Jerusalem leben wolle, und mein eifriges Kopfnicken und meine strahlenden Augen waren ihm Antwort genug.

An diesem Abend, da meine Zukunft besprochen wurde, war auch mein anderer Großvater, Chaim Goldberg, bei uns. Ich hörte, wie Großvater Mattis sagte: »Du, Chaim, hast den Ältesten, Mosché, zu dir nach Jaffa genommen, damit er Geigespielen lernt. Warum soll ich nicht den Jüngsten, Carmi, zu mir nach Jerusalem nehmen, damit er Klavierspielen lernt?«

Nun begann eine Zeit wunderbarer neuer Erfahrungen. Der erste Schritt bestand darin, dass ich über Petach-Tikwas Grenzen hinausgelangte, was bis damals, also bis zu meinem zehnten Jahr, noch nicht geschehen war. Der zweite Schritt war, dass ich per Bahn nach Jerusalem fuhr.

Vater hatte mir von diesem seltsamen Transportmittel erzählt, das mit atemberaubender Geschwindigkeit ganz von selbst auf zwei eisernen Schienen dahinführe. Ich hatte es kaum glauben können, aber jetzt sah ich, dass Vater die Wahrheit gesagt hatte. Die rauchende Lokomotive am Kopf der langen Wagenreihe pfiff lauter als tausend Rohrpfeifen zusammen. Und je mehr sie rauchte und je schneller sie den Takt schlug, umso rasender jagte der Zug auf Jerusalem zu.

Wenn man heute dieselbe Strecke entlangfährt, kommt man an vielen blühenden Siedlungen und Städten vorüber und sieht riesige Bagger, die neue Straßen ausheben. Heute sind die steinigsten Hügel von unzähligen Bäumen bewachsen, und die nicht ganz so steinigen sind terrassenförmig mit Weingärten und Obsthainen bepflanzt. Doch damals, 1910, war alles noch eine Wildnis, baumlos und wüst oder nur von hässlichem Unkraut bedeckt.

Der schnaubende Zug brachte uns in knapp drei Stunden nach Jerusalem − eine Entfernung, für die man mit einem Pferdefuhrwerk zwei Tage brauchte. Am Bahnhof mietete Großvater einen Wagen, der uns in seine Wohnung in Zichron Mosché, dem jüdischen Teil der Neustadt Jerusalems, brachte. Und nun erfüllte sich auch mein Herzenswunsch!

Ich sah Großvaters Klavier. Natürlich war es nur ein altes, hohes Ebenholz-Pianino russischen Fabrikats (Becker) mit einem vergoldeten Kerzenhalter an jeder Seite. Aber für mich war es das Herrlichste, was ich je gesehen hatte, und ich starrte es in stummer Ehrfurcht schweigend an. Großvater wartete, bis ich mich sattgesehen hatte.

»Wie wunderschön es ist!«, rief ich endlich. »Und es sieht wirklich aus wie die Bundeslade − genau wie Vater sagte.«

Großvater lächelte über diesen Vergleich.

»Komm her, Carmi, schlag es an.«

Ich gehorchte, wenn auch zögernd, und zuckte vor dem Ton, der aufklang, zurück. Da griff Großvater in die Tasten und begann mir vorzuführen, was für Musik ein Klavier hervorbringen konnte. Seine flinken Finger liefen die Tasten hinauf und herunter, schwarze und weiße, und sie erzeugten laute und leise Töne, die mich an Vögel und Wind und Donner erinnerten. Und das Erstaunlichste war, dass er mich beim Spielen anschaute oder die Augen schloss, und dass seine Finger alles scheinbar ohne sein Zutun vollführten. Es war für mich der Tag aller Tage.

An den Wänden rund um das Klavier hingen Bilder von Tschaikowsky, Rimsky-Korsakoff, Nicolai und Anton Rubinstein, Mussorgsky, Dargomyzhski und anderen großen Komponisten, die Großvater ihre Fotos gewidmet hatten. Zwar sagten mir ihre Namen nichts, doch da sie Großvaters Freunde waren, betrachtete ich sie ehrfurchtsvoll.

In einer Ecke stand ein Schrank mit Partituren. Großvater erklärte mir, dass dies aufgeschriebene Musik sei.

»Die Melodien, die du beim Flöten und beim Singen erfunden hast, sind in der Luft verloren gegangen. Hier aber ist Musik, die ich aufgeschrieben habe, damit man sie immer wieder spielen kann.«

So begann sich mir die Welt zu eröffnen, die ich bisher nur durch meinen angeborenen musikalischen Sinn wahrgenommen hatte. Erfüllt von den Eindrücken des Tages, lag ich abends im Bett und dachte voll Mitleid an meine Geschwister, die Großvater nicht hatten spielen hören. Nun liebte ich ihn noch mehr als zuvor und war sehr stolz auf ihn. Ohne an den Altersunterschied von sechzig Jahren zu denken, hatte ich nur einen Wunsch in der Welt: sein Freund zu sein.

Sobald die Wohnung für den neuen Mitbewohner umgestellt war, unternahm Großvater mit mir einen Spaziergang in die alte Stadt Davids, des Königs von Israel, um mir die Zeugnisse unseres großen biblischen Erbes zu zeigen. Vom Davidsturm, den wir erkletterten und der weithin das Land überschaut, sahen wir auf die Landschaft, in der sich so viele Geschehnisse der Bibel abgespielt hatten. Im Osten blauten die Berge Moabs, dort lag die Wüste Juda, die vielleicht ödeste und verlassenste Gegend der Welt; das Tote Meer, 400 Meter unter dem Meeresspiegel, in das sich der Jordan ergoss; Jericho, eine der ältesten Städte der Welt. Im Süden lag Bethlehem mit seinen vielen Kirchen und Klöstern und Mutter Rachels Grab. Im Westen lag das Mittelmeer. Und unter uns sah ich die alte Stadtmauer, die von König Agrippa, dem Enkel des Herodes, im Jahre 44 nach Christi Geburt auf den ehemals von König Salomo erbauten Grundmauern errichtet worden war.

Am tiefsten beeindruckte mich die Klagemauer, dieser mächtige Überrest der Westmauer des Salomonischen Tempels, zu der seit Jahrhunderten Juden pilgern, zum Gedenken an das bittere Schicksal ihrer Vertreibung. Großvater streichelte die gewaltigen Blöcke und sagte: »Diese Steine sind lebende Dokumente; sie sind nicht so stumm, wie es scheint. In ihnen lebt der Geist, der den Himmel anruft. Die Seele unseres Volkes ist in sie eingegangen. Wenn wir diese Steine küssen, so küssen wir damit unsere Lieben.«

Die Harfe

Ich liebte meinen Klavierunterricht. Jede Stunde, die ich mit Großvater am Klavier saß, wurde zu einem Erlebnis. Er forderte Musik, selbst in Tonleitern und Etüden.

»Das Klavier«, sagte er mit Nachdruck, »ist ein Instrument mit einer großen Seele. Du musst es mit dem Herzen spielen, Hände und Finger sind nur Werkzeuge.«

Um mich immer tiefer für Musik zu interessieren, machte mich Großvater nicht nur mit seinem eigenen reichen Klavier-Repertoire bekannt, sondern schickte mich auch in den Chor des Hurvah-Tempels in der Jerusalemer Altstadt, nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem einst der Salomonische Tempel gestanden hatte. Wenn ich dort sang, stellte ich mir immer vor, ich sänge im Tempel König Salomos.

Nicht weniger erregend waren unsere Spaziergänge auf den Hügeln Jerusalems. Während Großvater mir die bewegenden Geschichten aus Israels glorreicher Vergangenheit erzählte, machte er mir die längst vergangene Musik hörbar, die die Luft des Heiligen Landes erfüllt. Waren wir nach solchen Spaziergängen wieder zu Hause, musste ich mich ans Klavier setzen und improvisieren, was ich am Berg Zion, am Berg Moria oder an Mutter Rachels Grab gehört hätte. Und wenn ich in solchen Momenten einen falschen Akkord oder Disharmonien produzierte, entmutigte er mich nie. Im Gegenteil, er sagte: »Spiel, was du fühlst, und höre mit deiner Fantasie.« Und er erzählte mir diese kleine Geschichte:

Der russische Komponist Alexander Borodin zeigte einmal dem zur Zeit des Geschehens bereits arrivierten Franz Liszt eine Symphonie, die er geschrieben hatte. Langsam blätterte Liszt Seite um Seite durch, lächelte, sagte aber nichts. Schließlich konnte sich der ungeduldige junge Borodin, der herbe Kritik erwartete, nicht länger zurückhalten und gestand dem Meister kleinlaut, er hätte nie Theorie oder Harmonielehre studiert. »Ach, darum ist Ihre Musik so großartig!«, rief Liszt aus.

Neben den üblichen Schulfächern und Musik lernte ich bei Großvater auch Französisch, Englisch und Deutsch. »Man soll von jeder wichtigen Weltsprache etwas können«, meinte er.

Doch gewann ich in diesen erregenden, geschäftigen Tagen auch schmerzvolle Einsicht in das menschliche Herz. Wenn ihn seine Erinnerungen überkamen, konnte Großvater nicht schlafen. So erzählte er mir eines Nachts viele Stunden lang vom gewaltsamen Tod seiner Frau und seiner Kinder.

»Sie war Ärztin und hatte in Paris studiert. Mehr als einmal wurde sie zu Ihrer Majestät der Zarin gerufen. Meine beiden Jungen Michael und Gershon waren damals zwölf und vierzehn Jahre alt. Sie spielten so gut Klavier, dass ihnen eine große Zukunft bevorstand, während die sechzehnjährige Olga, die ebenfalls gut spielte und eine Schönheit war, Ärztin werden wollte wie ihre Mutter. Und die sechsjährige Saritschka … sie war ein Engel.« Großvaters Augen füllten sich mit Tränen, während er lächelnd weitersprach: »Sie lief immer von Zimmer zu Zimmer, um all die Musik zu hören, die bei uns im Haus gespielt wurde.«

Offensichtlich raubte der Kummer Großvater oft den Schlaf, denn häufig, wenn ich nachts erwachte, fand ich ihn am Schreibtisch über seinen Partituren.

Trotz des Glücks, das ich über mein neues Leben und meine Liebe zu Großvater empfand, kannte auch ich schlaflose Nächte – bei mir allerdings war es das Heimweh. Manchmal überkam mich große Sehnsucht nach Petach-Tikwa, nach meinem Vater und meinen Geschwistern, nach unserem Orchester und der Baumschule und den Eukalyptus-Vögeln. Wehmütig erinnerte ich mich dann an die Laute frühmorgens beim Aufwachen in Petach-Tikwa, wenn die Hennen gackerten, der weiße Esel Balaam iahte und die Kühe muhten. Den Kühen und ihren verspielten Kälbern war ich besonders zugetan. Hier in Jerusalem gab es nur Ziegen, Ziegen und nochmals Ziegen.

Eines Tages beim Klavierspiel hörte ich ein Muhen.

»Eine Kuh! Eine Kuh!«, schrie ich entzückt und rannte auf den Balkon, um zu sehen, ob ich mich auch nicht irrte. Und tatsächlich, da kam eine Kuh die Straße entlang! Eine wirkliche Kuh mit hellen Hörnern, einem herrlichen Schwanz und einem Fell, das einer majestätisch leuchtend-roten Decke glich. Wie der Blitz schoss ich auf die Straße, und Großvater oben auf dem Balkon lächelte mir verständnisvoll zu, wie ich dort unten traurig der Kuh nachsah, die in der Ferne langsam kleiner und kleiner wurde.

Den Mechanismus eines Klaviers sah ich zum ersten Mal, als Großvater sein Instrument öffnete, um darin etwas zu richten. Nun begriff ich, warum Vater die Hämmerchen mit Entenköpfen verglichen hatte. Und ich konnte kaum fassen, welche Unmenge an Saiten ich dort sah. Großvater bemerkte mein Erstaunen.

»Siehst du, als Gott die Welt erschuf, gab er uns die Musik, damit wir nicht nur vom Brot allein leben müssten. Und er gab sie uns in der Form einer siebensaitigen Harfe − wie die Harfe, die David immer mit sich trug, als Hirtenjunge, als Dichter, als Richter und als König. Aber im Laufe der Zeit und im Wandel aller Dinge wurde auch die Harfe größer. Schau hin! Erkennst du, dass der Metallrahmen mit den vielen Saiten im Klavier wie eine Harfe geformt ist?«

»Ja richtig!«, rief ich begeistert. »Das Klavier muss der König aller Instrumente sein.«

»Da magst du recht haben, mein Junge«, erwiderte Großvater liebevoll. »Das Klavier kann für sich allein bestehen, es bedarf keiner Begleitung, wie es etwa bei der Violine der Fall ist. Es ist ein König mit einem ganzen Königreich, einer ganzen Armee von Saiten, die viele Töne und Zwischentöne und Nuancen hervorbringen können, vom tiefsten Bass bis zum höchsten Sopran.«

Plötzlich hörte ich einen Summton. Er kam aus dem geöffneten Innenleib des Klaviers, das nahe am Fenster stand. Großvater sah mein Erstaunen und öffnete das Fenster noch weiter, sodass der Wind stärker über die Saiten streichen konnte.

»Ich hatte mich auch gewundert, woher die Töne kommen«, sagte er und lächelte mir, der ich mit offenen Augen und Mund lauschte, zu. »Das müssen wohl die Stimmen unserer Väter sein, die in der Luft schweben. Vergiss nicht, dass zwischen König David und den Kindern Israel unsterbliche Bande bestehen; wenn ihre Stimmen irgendwo auf eine Harfe, irgendeine Harfe, treffen, so beginnen die Saiten zu klingen.«

An diesem Tage stimmte Großvater das Klavier, und ich stand daneben und schaute gespannt zu. Ich horchte auf das Höher- und Tieferstimmen der Töne, begriff aber nicht, warum Großvater mit seinem feinen Gehör die Tonabstände nicht genau einhielt, wo ich sie doch ganz deutlich wahrnahm. Zuerst hielt ich an mich, doch dann fasste ich mir ein Herz.