Das Verlangen - Evelyn Holst - E-Book

Das Verlangen E-Book

Evelyn Holst

4,5

  • Herausgeber: Virulent
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Von der Elternzeit direkt in den Kiez: Als Alexa Martini zurück in den aktiven Dienst der Kripo will, wird sie von ihrem "liebenswerten" Vorgesetzen an den familienunfreundlichsten Arbeitsplatz gesetzt, den die Hamburger Polizei zu bieten hat: das Revier rund um den Hauptbahnhof. Der erste Fall nach der Babypause führt die Kommissarin mit den unkonventionellen Ermittlungsmethoden direkt ins Milieu. Gefahr vorprogrammiert!

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Seitenzahl: 396

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Evelyn Holst

 

Im Blute lodert das Verlangen, der Seele brennst du Wunden ein. Umarme mich, denn deine Wangen sind süßer mir als Öl und Wein.

 

Alexander Puschkin

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Leseprobe – Evelyn Holst, Der Liebe Last

1. Kapitel

2. Kapitel

Impressum

E-Books von Evelyn Holst

Weitere Krimis

 

Kapitel 1

 
 

Blöße

 

Wage es nicht, zu viel zu spielen.Auf jede Grenze folgt der Abgrund. Du wirst hineinfallen.Du wirst fallen, gemeinsam mit der Angst.Jede kleine Gegenwehr Wird zu doppeltem Leid.Und dann, irgendwann, werde ich dich zerren.Dich vor fremden Augen entblößen, weil du nicht gehorchen willst.Jede Bitte, es nicht zu tun, wird im Nichts verhallen.Stellst du meine Autorität in Frage, dann stelle ich dein Sein in Frage.

 

Vanessa Z. Goy: Qualvolle Liebe

 

1

 

Das saugende Schmatzen an ihrer rechten Brust war so wonnevoll, dass Alexa Martini kurz die Augen schloss. Unglaublich, was dieser kleine Mund für eine Kraft hatte. Die Lippen auf ihrem Nippel waren weich wie Daunenkissen, aber kräftig wie … eine Männerfaust? Kein stimulierender Vergleich.

Mit noch immer geschlossenen Augen griff sie auf die Konsole, die Gretha, die Praktische, kurz vor der Geburt hinter dem Sofa angebracht hatte. Für die Fläschchen der nächsten Jahre, hatte sie gesagt, mit schmalen Augen und noch schmaleren Lippen. Augen und Lippen, die sie seit jener Nacht hatte, als Alexa mit einem „Gretha, wir müssen reden“ ihre vorerst letzte Weinflasche entkorkt hatte. Es war ein schwieriges Gespräch geworden, voller Vorwürfe und Tränen, aber danach hatten sie sich trotz allem beide auf das Kind gefreut. „Du brauchst keinen Vater für dein Kind“, hatte Gretha gesagt, „zwei Mütter reichen.“ Und der energische Ausdruck in ihren klaren grauen Augen hatte Widerspruch ausgeschlossen. Auf Gretha war immer Verlass. Immer. Was gelegentlich auch anstrengend sein konnte.

Alexa seufzte, griff mit der rechten Hand nach der eigentlich strikt verbotenen Weinflasche und entkorkte sie geübt mit den Zähnen. Die Saugbewegungen an ihrer Brust hatten aufgehört, der kleine Kopf sackte zur Seite. Mariele Martini schlief tief, durch ihre noch fast transparenten Augenlider pulsierten winzige Äderchen.

„Ich trinke nur einen einzigen Schluck, meine Süße“, flüsterte Alexa und küsste den dunklen Flaum auf dem Babykopf, sog diesen unverwechselbaren Babyduft nach Milchschorf und Penatenöl ein, „aber wenn Mami zu heilig lebt, wird sie einfach unausstehlich. Ein bisschen Spaß muss sein, oder?“

„Sag mal, spinnst du?“ Mit drei großen Schritten stand Gretha vor ihr und riss ihr die Flasche aus der Hand. „Du säufst, während du dein Kind stillst? Bist du denn …?“

„Nein, ich bin nicht wahnsinnig geworden, ich hatte einfach Durst.“ Alexa seufzte, löste Mariele mit einem kleinen Schmatzlaut von ihrem Nippel und legte sie neben sich auf ein Kissen. Gretha setzte sich daneben. Gemeinsam betrachteten sie das schlafende Mädchen.

„Ich wusste nicht, dass ich so lieben kann“, flüsterte Alexa, und erst, als Grethas Schweigen länger dauerte, wurde ihr bewusst, wie verletzend dieser Satz von ihr gedeutet werden konnte. Sie hob die Hand, wollte Grethas Arm streicheln, aber die zuckte zurück und stand auf.

„Schon gut“, ihre Stimme klang müde, „leg sie schlafen, damit wir endlich essen können. Du siehst aus wie eine ausgemergelte Bergziege!“

 

Das Telefon klingelte. Die Frauen sahen sich an. Beide schüttelten den Kopf. Geh du. Keine Lust, geh du. Keine ging. Es klingelte noch ein paarmal, eine schrille Empörung, die sie ignorierten, bis sie endlich verstummte.

In der Küche verkündete die Mikrowelle mit einem lauten Pling, dass die Lachs-Spinat-Lasagne fertig war. Gretha hatte sie von zu Hause mitgebracht, eine magenschleimhautschonende Vorsichtsmaßnahme, denn Alexa kochte gern, aber so grauenhaft, dass, so formulierte ihre Mutter Louisa, „eine von ihr gekochte Mahlzeit dem Vorkreis der Hölle gleichkommt“. Zum Glück hatte sie, seit ihr ehemaliger Pflegesohn Alex wieder im Heim war, eine vorübergehende Kochpause eingelegt. Jetzt, nach der Geburt ihrer Tochter, fürchtete Gretha einen hormonbedingten kulinarischen Rückschlag. Ihr graute davor.

Wenn sie nur an Alexas Hirseauflauf mit zerquetschten Auberginen dachte, an ihre bleigraue Brokkolisuppe mit Käseflocken überbacken, an ihren Nudel-Fleischwurst-Erbsen-Salat nach einem Partyrezept aus den frühen Achtzigern, wurde ihr ganz flau. Bei ihrer Liebsten ging die Liebe wirklich nicht durch den Magen.

„Guten Appetit.“ Sie stellte den dampfenden Teller auf den Küchentisch und schlug Alexas Hand weg, die zu einer wie zufällig hinter die Servietten gerutschten Zigarettenschachtel greifen wollte. „Eine Mutter, die stillt, raucht nicht. Oder soll dein spätgezeugter Nachwuchs schon im Babyalter nikotinsüchtig werden?“ Alexa seufzte tief und griff zur Gabel.

„Du hast ja Recht“, sagte sie friedlich mit lasagnevollem Mund, „obwohl ich glaube, dass meine Tochter nicht so zimperlich ist wie andere Babys. Ab und zu ein Gläschen Wein, eine kleine Zigarette, das steckt sie weg.“ Sie sah Grethas strengen Blick und schob einen Bissen Lasagne zwischen die Lippen.

„Mindestens drei“, befahl Gretha, „zum vollständigen Gerippe kannst du werden, wenn du abgestillt hast.“

Sie aßen in der stummen Vertrautheit ihrer bislang viereinhalb gemeinsam verbrachten Jahre. Gretha fand es angenehm, dass sie so gut mit Alexa schweigen konnte, als Psychologin redete sie den ganzen Tag, da war ihr abends oft jedes Wort zu viel. Alexa stippte ihren Finger in die Bechamelsauce und betrachtete ihre Freundin. Sie war eine starke Frau, die viel hinter sich hatte. Zu viel. Einen prügelnden Ehemann, eine drogenabhängige Tochter, eine schwere Depression. Gretha war eine schwerblütige Frau, manchmal zu schwerblütig. Das Leben bestand schließlich nicht nur aus dunklen Grautönen.

„Weißt du, wann eine Frau merkt, dass sie das Mittelalter erreicht hat?“, fragte sie, und an den leichten Lachfältchen um Grethas Augen erkannte sie zu ihrer Erleichterung, dass sich die dunkle Wolke auf deren Gemüt langsam verflüchtigte.

„Du wirst es mir gleich sagen.“ Gretha lehnte sich zurück und griff zum Weinglas.

„Hab ich heute im Internet gefunden. Also – im Mittelalter haben die Frauen keine Arme mehr, sondern Fettflügel. Wir sehen nicht mehr aus wie Frauen mit kurzen Ärmeln, sondern wie Eichhörnchen im Flatterhemd. Wenn wir nackt vor dem Spiegel stehen, können wir unseren Hintern sehen, ohne uns umzudrehen …“ Gretha grinste breit, unwillkürlich tätschelte sie ihre Rückseite, die den Gesetzen der Schwerkraft auch immer weniger gehorchte. „Mittelalter ist, wenn die Mammographie die einzige Situation ist, wo uns jemand oben ohne sehen will.“

„Hör auf“, seufzte Gretha und trank ihr Weinglas leer, „meine Theorie ist eine andere. Im Mittelalter werden die Frauen dicker, damit in ihren Körpern genug Platz ist für all die Liebe und die Weisheit, die sie in jungen Jahren angesammelt haben.“

„Klingt gut, meine Süße“, Alexa hob ihr Glas, „darauf trinken wir. Auf unsere mittelalterlichen Liebesgefäße. Auf dass wir dick und prall werden.“

Das Telefon klingelte erneut, und diesmal klang die Drohung penetranter.

„Geh ran“, Grethas Stimme klang unbeteiligt, gerade weil sie ahnte, wer dran war, „bevor er das Kind aufweckt.“

Alexa ging zum Telefon. Zwischen ihren Augenbrauen, schwarz wie Rabenflügel, hatte sich eine kleine Zornesfalte gebildet, die sich zu einem wütenden Strich vertiefte. Verdammt, warum ließ er sie nicht endlich in Ruhe? Wann begriff er endlich, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte?

Das Klingeln klang wie Hohn. Nimm mich endlich ab, raunte es ihr zu, hör mich an, trau dich endlich. Du willst mich doch auch.

Sie riss den Hörer hoch: „Ich will dich nicht sprechen. Lass mich in Ruhe. Ruf mich nie wieder an.“ Aufgelegt. Ihr Gesicht fühlte sich plötzlich heiß und schuldig an.

„War ER es?“ Gretha war ihr nachgegangen, und ihr Versuch, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen, wirkte angestrengt.

„Ja“, meinte Alexa knapp und zündete sich jetzt doch eine verbotene Zigarette an, inhalierte tief, ließ, wie zum Trotz, die Lungenflügel vibrieren, „er weiß es ja sowieso.“

„Er hat keine Beweise.“

„Er braucht keine Beweise, er kriegt auch so, was er will.“

 

Kapitel 2

 
 

Vanilla, Vanille Freundliche Bezeichnung für Menschen, die Sex am liebsten ohne SM-Elemente betreiben (Vanilla-Sex, Blümchensex). Abgeleitet von Vanille als der beliebtesten Eissorte und der Tatsache, dass es trotzdem eine Menge Leute gibt, die Pistazie oder Zitrone-Amaretto-mit-rohem-Kuchenteig vorziehen. Der Ausdruck „Stinos“ (von „stinknormal“) gilt dagegen als eher unhöflich, und „Normalos“ wird ausschließlich von Journalisten gebraucht, die ihre Insiderkenntnisse unter Beweis stellen wollen.

 

Kathrin Passig, Ira Strübel: Die Wahl der Qual.

 

2

 

Ihre Stimme. Sie tat die merkwürdigsten Dinge mit ihm, diese Stimme. Dieses weiche Gefühl von Schwäche und Sehnsucht, das er sofort ärgerlich verdrängte und das ihn trotzdem zu den unpassendsten Momenten heimsuchte – im Gespräch mit Geschäftspartnern, wenn es um Immobilien und Ostkontakte und die Zukunft des Kiez, also um weiß Gott wichtigere Dinge ging als um diesen rauchzarten Samt, der sich in seinem Ohr verfing, diese sündige, orale Verheißung … Wenn sie nur seinen Namen sagte, hätte er vergehen können. Fjodor. Keine sprach seinen Namen so aus wie sie, den Mund erst spitz, dann zu einem sexy Rund geformt.

Jedes Mal, wenn sie es tat, sah er sie nackt. Sah er sie beide … sah sie … Es war wie ein Fluch. Ein Fluch, der auf ihm lastete, seit er sie vor sieben Jahren zum ersten Mal getroffen und sie auf den allerersten Blick rasend begehrt hatte. Eine Frau wie ein feuchter Traum: groß, schlank, mit auch im Winter sonnengeküsster Haut und diesen ungebärdigen dunkelbraunen Haaren, die immer aussahen, als käme sie aus einem Sturm, auch wenn sie sie gerade gebürstet hatte. Wie er ihre Haare liebte!

Es war bei einer Razzia in einem seiner Puffs in Hamburg-Harburg gewesen. Seitdem war der Laden geschlossen, weil es zu viel Ärger mit der Ausländerbehörde gegeben hatte, genauer gesagt mit einer ganz besonders akribischen Sachbearbeiterin namens Dorrit Strenge, die inzwischen allein erziehende Mutter war und die Buchhaltung für ihn machte, ein ärgerliches Kapitel, das er nicht verdrängen konnte, zumal Teja, ihr Sohn, ihm leider sehr ähnlich sah und trotz seiner gerade mal sechs Jahre und einer schwächlichen Gesamtverfassung zu ausgesprochen russischen Jähzornsanfällen neigte.

„Die Ausweispapiere bitte“, das war ihr erster Satz, nicht an ihn gerichtet, sondern an eins seiner Mädchen, und klar waren die gefälscht, aber von einem Könner aus Usbekistan, niemand hatte bis jetzt etwas gemerkt, selbst die damalige Sachbearbeiterin Strenge nicht. Alexa hatte nur einen flüchtigen Blick auf die Papiere geworfen und sie mit einem „Gut gefälscht ist auch verboten“ grinsend in ihre Jeanstasche gesteckt.

„Kleines Schnäpschen auf den Schreck?“, hatte er cool erwidert und auf ihr Grinsen hin einen selbst gebrannten Kräuterschnaps aus der Tasche gezogen, scharf und hitzig wie ein Steppenbrand. Während ihres „Ich darf im Dienst lei…“ hatte er die Flasche entkorkt, beim „… der“ trank sie den ersten Schluck ohne zu husten, bei „keinen“ den zweiten, bei „Alkohol“ auf ex. Dabei verzog sie keine Miene. Er sah sie an und wusste, dass sie die einzige Frau war, die er sein Leben lang gewollt hatte. „Du gefällst mir gut, Mädel“, hatte er lässig gesagt, um dieses fast beängstigend intensive Gefühl zu verscheuchen, „willst du nicht für mich arbeiten?“ Sie hatte nur laut gelacht. „Du gefällst mir auch, Lude“, hatte sie erwidert, „zu schade, dass ich erstens nicht auf Männer stehe und zweitens bei der Kripo bin. Sonst hätten wir beide sicher viel Spaß miteinander.“

Den hatten sie trotzdem. Sie wurden Freunde, vertrauten einander, sie lachten, tranken, zockten zusammen. In der Anfangsphase ließ er sie gewinnen, dann gewann sie ohne seine Rücksicht, was ihn ärgerte. Wenn in einem seiner Läden eine Razzia drohte, informierte sie ihn rechtzeitig, dafür gab er ihr heiße Tipps, wenn eine Spur erkennungsdienstlich erkaltet schien. Zusammen waren sie unschlagbar.

Alexa war der wichtigste Mensch in Fjodors Leben, er hätte alles für sie getan. Sie aus einem brennenden Haus gerettet, ihr beide Nieren gespendet, auf Sex mit seinen Mädels verzichtet. Alles. Er hätte sie sogar geheiratet.

Doch sie wollte ihn nicht. Nicht als Mann. Alles hatte er probiert. Haare lang, Haare blond, Haare ab. Er hatte sogar Deutschunterricht genommen, obwohl sie seine russischen Grammatikfehler niedlich fand. Sogar auf seinen Kampfhund Dimitri hatte er verzichtet, sich stattdessen einen rotzhässlichen Mischling aus dem Tierasyl von ihr andrehen lassen, der vermutlich auf einer Hundeorgie entstanden war und nun auf den Namen Blödmann hörte.

Es hatte nichts genützt. Sie war freundlich, witzig, erzählte ihm sogar Details aus ihrem Liebesieben. Einmal, als er sie im Revier besuchte, hatte sie sich im Umkleideraum lässig vor ihm ausgezogen. „Guck nicht so, das bist du doch gewöhnt“, hatte sie geflachst, während er fast wahnsinnig geworden war vor Sehnsucht und Wut.

Und dann war sie eines Nachts bei ihm aufgetaucht, einfach so, vom Leben und von der Liebe ein bisschen frustriert. „Ich will mich mit dir besaufen, Fjodor“, hatte sie geseufzt, ihre Schuhe ausgezogen und die Füße auf seinen Schoß gelegt, „und jetzt zeig mir, ob du massieren kannst.“ Noch vor Mitternacht war sie so betrunken, dass sie nackt in seinem Bett lag.

In dieser Nacht zeugte er seine Tochter. Er war sich sicher. Hundertpro, dass er der einzige Mann in Alexas Leben war, obwohl er sie seit jener denkwürdigen Nacht nur noch einmal gesehen hatte. Vor dem Präsidium hatte er sie abgefangen und ihr einen Heiratsantrag gemacht wie ein liebestoller Idiot. Als Antwort hatte sie auf seine Füße gekotzt. Nicht absichtlich. Das muss ein Virus sein, hatte sie gesagt und war aus seinem Leben verschwunden. Zumindest hatte sie es versucht.

Natürlich wusste er trotzdem, wo sie war und was sie machte. Sie hatte keine Geheimnisse vor ihm, denn er hatte gute Leute für so was. Jeden Morgen, genauer gesagt, jeden späten Vormittag, wenn er in seiner Stammkneipe sein Frühstück verzehrte, Eier mit Speck und tintenschwarzem Kaffee, erstatteten sie ihm Bericht. Um seine Laune zu verbessern, zählte er dabei seine Nachteinnahmen. Er kannte ihre Arzttermine, die fette Yogatante, bei der sie ihre Geburtsvorbereitungen machte, er wusste, dass sie noch immer mit dieser Lesbenschlampe Gretha zusammen war, was ihn mit ohnmächtiger, eifersüchtiger Wut erfüllte. Es gab keine Frau, die ihn so klein machen konnte wie Alexa. Noch nicht einmal seine Mutter Irina, die seine Fingernägel noch kontrolliert hatte, als er achtzehn war. Er hatte sogar ihre Gynäkologin, eine hässliche Kuh mit dünnem Haar und einem langen schwarzen Haar am Hals, gevögelt, weil er sonst den Geburtstermin seiner Tochter nicht erfahren hätte. Als es soweit war, schlief er im Auto vor dem Krankenhaus. Drei Tage lang, dann kam sie heraus, mit ihrem Baby. Mit seinem Baby. Er hatte seinen Feldstecher dabei, und als er seine winzige, rot verknautschte Tochter zum ersten Mal sah mit einem Muttermal am Hals, genau wie er, da fuhr er nach Hause und betrank sich, so wie er sich noch nie betrunken hatte. Dann rief er sie an.

Als Alexa seine Stimme hörte, knallte sie den Hörer auf. Zog das Kabel aus der Steckdose, lud den Akku ihres Handys nicht mehr auf, zerfetzte sämtliche Kontaktmöglichkeiten. Sie muss mich sehr lieben, um mich so zu hassen, tröstete er sich. Ein kalter Trost.

Nach drei endlosen Wochen passte er sie vor der Kinderarztpraxis ab wie ein peinlicher Liebeskasper mit einem Rosenstrauß und einer Elefantenrassel, aber es war in einer Gegend, wo ihn keiner kannte. Sein Herz klopfte so hart und aufdringlich, dass es fast schmerzhaft war. „Zufall?“ Ihre kühle, desinteressierte Stimme traf ihn wie ein fieses Kneifen. Er war sprachlos, sah sie nur an. Sie war so schön wie nie. Sie hatte einen Tragesack umgeschnallt, aus dem dunkler Haarflaum lugte. Seine Tochter. „Ich wiederhole, Fjodor, Zufall?“ Sie strich sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn, ihre samtolivfarbene Haut, die sie von ihrem italienischen Vater geerbt hatte, schimmerte. Die Mutterschaft bekam ihr so gut, dass er ihren Anblick, ihre Unerreichbarkeit spürte wie einen körperlichen Schmerz.

„Nein“, sagte er und wunderte sich selbst, wie kühl, wie unbeteiligt seine Stimme klang, „kein Zufall. Ich will mein Kind sehen.“

Sie sah ihn durchdringend an und schaffte es, laut und unbeschwert zu lachen.

„Welches deiner vielen Kinder meinst du? Hat Teja ein Geschwisterchen bekommen?“

Er ließ sich nicht täuschen von ihrem lockeren Ton, er kannte sie zu gut. Merkte genau, wie unruhig ihre Augen flackerten, wie gepresst ihr Atem klang. Er ging um sie herum, und ehe sie es verhindern konnte, zog er sein Baby aus dem Tragesack und betrachtete es. „Wie heißt sie?“

„Mariele.“

„Sie ist wunderschön“, sagte er leise.

„Ja, das ist sie“, ihr Ton war brüsk, als sie ihm das Kind wieder abnahm, „und du hast nichts mit ihr zu tun. Also, lass uns bitte in Ruhe.“

Sie wollte gehen, er hielt sie zurück, sie riss sich los, baute sich vor ihm auf, eine Flamme der Empörung. „Nur damit eins klar ist, mein Lieber. Meine Tochter ist entstanden in einem Moment der …“

Scheiße, dachte sie, als ihr bewusst wurde, dass sie soeben seine Vaterschaft zugegeben hatte.

„Extremen Alkoholvergiftung? Totalen Unzurechnungsfähigkeit?“, fragte er sanft.

„Ja, so war’s leider“, nickte sie, unangenehmen Wahrheiten war sie noch nie aus dem Weg gegangen, das liebte er an ihr. Es sei denn, diese bezogen sich auf ihn. „Ich kann mich an die Zeugungsnacht nicht mehr erinnern.“ Sie sah ihn an und wusste, wie weh sie ihm damit tat, aber es war die Wahrheit. „Doch da ich dieser Nacht meine Tochter verdanke, möchte ich sie auch nicht rückgängig machen. Ich danke dir für ein einzigartiges Baby. Und nun lass mich bitte gehen.“

Wie schön sie war. Wie unerreichbar. Die Mutter seiner Tochter. Die Frau, die ihn nicht liebte.

„Hättest du auch mit mir geschlafen, wenn du nicht betrunken gewesen wärst?“ Die Frage war ihm entschlüpft, ehe er es verhindern konnte. Aber sie hatte in ihm gebrannt, seit es passiert war.

„Vermutlich nicht“, erwiderte sie, doch dann erkannte sie den Schmerz, den sie ihm zufügte. „Ich habe gesagt, vermutlich“, sie lächelte versöhnlich und nahm seine Hand, „bitte versteh mich, ich möchte einfach nicht, dass meine Tochter mit einem Vater aufwächst, der ein stadtbekannter Zuhälter ist.“ Sie sah ihn bittend an. „Mein Ruf ist eh ruiniert, aber Mariele ist ein Baby. Sie kann nichts für ihre Eltern. Versprich mir, dass du uns in Frieden lässt.“

„Und wenn ich das nicht tue?“, fragte er, „weil ich der Meinung bin, dass ich ein guter Vater wäre? Wenn ich darauf bestehe, meine Tochter zu sehen?“

„Dann schalte ich meinen Anwalt ein“, sagte sie, und trotz der Kühle ihrer Worte klang ihre Stimme warm.

Ihre Stimme. Sie machte ihn völlig verrückt.

Als sie an jenem Abend wieder den Hörer aufknallte, wusste er plötzlich, was er sich schuldig war. Seinem Stolz, seiner Würde als Mann. Seinem Recht als Vater. Lange, viel zu lange hatte er sich von ihr zum Idioten machen lassen. Das Telefon klingelte. Na also, war sie doch noch zur Vernunft gekommen. Er wartete das dritte Läuten ab, sie sollte nicht denken, dass sie ihn an der Leine hatte. Dann riss er den Hörer von der Gabel. „Hallo, bist du endlich … Dorrit, was gibt’s? Ist was mit Teja?“ Er schaffte es nicht, die Ungeduld aus seiner Stimme zu verbannen. Dieses Kind, ein weinerlicher, ständig vor sich hin kränkelnder Sechsjähriger, der täglich eine andere Allergie zu haben schien, hatte er nicht gewollt, mit der Mutter nur geschlafen, damit sie ihm nicht länger mit ihrer lächerlichen Paragraphenreiterei die Geschäfte vermieste. Sie war unangemeldet in einer seiner Wohnungen aufgetaucht, um zu kontrollieren, ob die hygienischen Voraussetzungen für einen kundenfreundlichen Puff gegeben waren, später, leider zu spät gestand sie ihm, dass das nur ein Vorwand war, um an ihn heranzukommen.

Da er eine sehr penible Putzfrau hatte, die die Kachelritzen mit einer Zahnbürste bearbeitete, manchmal, so fürchtete er, sogar mit seiner eigenen, hatte die Sachbearbeiterin Strenge nichts zu beanstanden, aber damit sie endlich Ruhe gab, hatte er sie beruhigen müssen, auf seine Art, und gleich beim ersten Mal war sie schwanger geworden. Genau wie Alexa. Sein russisches Bauernsperma war ein Fluch. Vielleicht sollte er sich sterilisieren lassen. Gleich morgen würde er einen Termin bei seinem Urologen machen. Gleich übermorgen.

Er schaute auf die Uhr. Viertel nach neun. Gute Zeit für einen Mutterkindbesuch.

Er verließ das Haus, beschnüffelte sich kurz, ging zurück, besprühte sich mit Gaultier for Men überall dort, wo sein Blut pulsierte. Er wollte gut riechen für seine Tochter.

 

Kapitel 3

 
 

Du wirst mich in Zukunft siezen, sagte er.Du wirst mich nur noch mit Herr und Meister anreden. Wenn ich dich besuche, wirst du nicht mehr auf einem Stuhl sitzen, sondern auf dem Boden.Dein Bett, dein Stuhl, dein Sofa sind tabu, wenn ich bei dir bin.Ohne meine Erlaubnis wirst du nicht mehr auf die Toilette gehen.Du wirst vor jeder Begrüßung vor mir niederknien.Du bist sexuell jederzeit für mich verfügbar.Ja, mein Herr und Meister.

 

3

 

Die Türglocke klingelte Sturm, als Mariele mit geschlossenen Augen ihren Nachtisch trank. Alle paar Sekunden schnappte sie nach Luft, dann trank sie weiter. Alexa seufzte genervt. Wer wollte denn jetzt etwas von ihr? Sicher der alkoholkranke Nachbar, der seinen Schlüssel wieder verschusselt hatte.

Gretha war gegangen, sie schlief lieber in ihrer eigenen Wohnung, fühlte sich nach drei erwachsenen Kindern und, wie sie sagte, „einer Million durchgekreischter Nächte“ mehr ihrem eigenen Schlaf als der Fürsorge für Alexas Baby verantwortlich. Alexa protestierte der Form halber, in Wirklichkeit war sie erleichtert. Sie war gern allein mit ihrer Tochter, es war gemütlicher. Keine Tugendwächterin, die ihr ständig den heiligen, deshalb nikotin- und alkoholfreien Stand der Mutterschaft vorhielt.

So friedlich, so still, bis auf das leise Nuckelgeräusch an ihrer Brust und die rauchige Stimme ihrer Lieblingssängerin Sade aus den Lautsprechern: „You came along when I needed a saviour, someone to pull me through somehow …“ Nee, ich brauche keinen Retter, dachte Alexa, ich kann mich ganz alleine retten. Ich brauche jetzt überhaupt keinen. Ich will einfach nur mit meinem Baby an der Brust einschlafen.

Das Klingeln wurde penetrant. Mariele öffnete die blanken Augen, während ihr Mündchen noch am Nippel festhielt. Alexa liebte dieses Gefühl, obwohl es ihr fast peinlich war, wie sehr sie es liebte. War es verwerflich, als Mutter von seinem Baby in dieser Form, nun ja, erregt zu sein? Na ja, erregt vielleicht nicht, einfach nur wohlig beglückt.

Das Klingeln hörte einfach nicht auf. Mit Mariele an der Brust ging Alexa zur Haustür: „Keine Lust auf niemand.“ Stille, dann ein leises Männerlachen. Sie trat einen Schritt zurück, eine dunkle, unerfreuliche Ahnung beschlich sie. Unerfreulich? Wem machte sie etwas vor? Sie fühlte, wie ihr Herz anfing, drängender zu klopfen. Plötzlich merkte sie, wie sehr sie ihn trotz ihres Widerstandes, trotz der widrigen Umstände vermisst hatte. Sie legte ihr rechtes Auge an den kleinen Türspion, sehr vorsichtig, so als könne seine Hand dadurch greifen. Ihm traute sie alles zu.

„Das gilt auch für dich, Fjodor.“ Keine Antwort.

In diesem Moment hörte sie seine Stimme, direkt hinter dem Spion. „Mach auf, Süße, ich geh sowieso nicht wieder weg.“ Das wusste sie.

Also öffnete sie die Haustür. Er stand da, sein mittelgroßer, kräftiger Körper verdeckte den gesamten Türrahmen. In der Hand hielt er eine Magnumflasche. Trotz seiner normalen Größe wirkte er gewaltig. Wenn schon Mann, dann auch richtig, hatte sie seinerzeit gedacht, als er sich trotz ihres Verbotes auf ihre erotische Richterskala schob. Für androgyne Männer hatte sie noch nie eine Schwäche gehabt. Nur Eindeutiges turnte sie an,

„Hallo, Mama, du siehst fantastisch aus“, sagte er und sah sie an, wie nur er sie ansehen konnte. Ruhig, unbeirrbar, seiner Sache völlig sicher. Ein Mann, für den viele Frauen alles taten. Sich verkauften, sich verzehrten. Ein Erfolgslude. Ein Mann, der alles bekam, was er wollte.

Sie konnte ihm nicht länger ausweichen. Und zu ihrem eigenen Erstaunen merkte sie, dass sie es auch nicht mehr wollte. Jedenfalls nicht in dieser Nacht.

„Komm rein“, sagte sie, „aber eigentlich wollten wir gerade ins Bett.“

Er lächelte. Sanft, zärtlich, unwiderstehlich. Sie hatte es fast vergessen. „Umso besser“, sagte er, „dann sing ich euch ein Schlaflied.“

 

*

 

Vor ihrer Haustür, nach endloser Parkplatzsuche, stellte Gretha fest, dass sie ihren Schlüssel bei Alexa vergessen hatte. Verflixt und zugenäht. Den ganzen Weg noch einmal zurück.

Müde stieg sie aus ihrem Auto aus und wunderte sich, als sie bei ihrer Freundin noch Licht brennen sah. Normalerweise schlief Alexa längst um diese Zeit. Hoffentlich plagte Mariele nicht wieder eine ihrer nächtlichen Koliken. Als sie ihren Zweitschlüssel ins Schloss steckte, hörte sie ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sein Lachen, unverkennbar. Er hatte es tatsächlich geschafft, sich wieder in Alexas Leben hineinzudrängen! Eine mörderische Wut kroch in ihr hoch. Und eine wahnsinnige Verlustangst. Sie zog ihren Schlüssel leise aus dem Schloss und ging hinters Haus. Leise knackten die heruntergefallenen Zweige unter ihren Schuhen, niemand bemerkte es.

Die Vorhänge von Alexas Wohnzimmer waren nicht zugezogen. Wie oft schon hatte Gretha sie ermahnt, als allein lebende Mutter möglicherweise im Gebüsch herumlungernden Sittenstrolchen und Spannern keinen Einblick zu gewähren in ihre Privatsphäre. Es war Gretha unbegreiflich, wie sorglos ihre Liebste war, schließlich kannte sie die Statistiken besser als sie, wusste, dass die Gärten beliebter Tummelplatz für Gesindel waren. Und dass dies oft die Einstiegsdroge für sexuell gestörte Männer war, die als nächstes in ihr Schlafzimmer einsteigen und sie vergewaltigen würden. Alexa lachte nur.

„Denen schneid ich den Schniedel in dünne Scheiben“, grinste sie, „und zwar mit einem stumpfen Kartoffelschälmesser. Mach dir keine Sorgen um mich.“

Gretha seufzte. Sie stand im Dunkeln und kam sich selbst wie eine Spannerin vor. Allerdings eine, die hoffte, dass sie nichts Stimulierendes sehen würde. Warum musste sie sich ausgerechnet in eine so konfuse Lesbe verlieben? Sie trat etwas näher. Die Blätter raschelten laut und vorwurfsvoll. Was tust du hier, schienen sie ihr zuzuraunen, mach dich doch nicht lächerlich. Aber sie konnte nicht anders.

Sie saßen auf dem Sofa, eng aneinander geschmiegt. Alexas Kopf ruhte auf Fjodors Schulter, er hatte den Arm um sie gelegt und sah sehr zufrieden aus. Mariele lag auf seinem Oberschenkel, das Köpfchen auf seinem Knie. Mit der freien Hand kraulte er ihren rosigen Speckhals. Eine glückliche Familie. Vater, Mutter, Kind.

Sie konnte diesen Anblick nicht ertragen. Nie hatte sie sich einsamer gefühlt, nie ungeliebter, nie überflüssiger.

Sie ging zu ihrem Wagen zurück, es war ihr egal, wie laut das Laub jetzt raschelte, alles war ihr egal, sie ließ den Motor an und fuhr an die Elbe. Die Nacht würde sie am Strand verbringen und in den Wind schluchzen, die Sterne über sich. Und zwei Schachteln Zigaretten rauchen. Und morgen Abend würde sie so lange im Camelot bleiben, bis sie die tollste Frau im Laden abgeschleppt hatte.

 

Kapitel 4

 
 

Sag Danke. Zähl meine Schläge und sag Danke.Ja, mein Herr und Meister.Du bist eine Schlampe und eine billige Nutte. Du bist es nicht wert, dass ich dein Meister bin. Trotzdem ist es reizvoll, dich zu beherrschen.Danke, mein Herr und Meister.Leg dich über meine Beine. Heb deinen Rock. Höher. Jeder meiner Schläge ist eine Liebeserklärung, die du nicht verdienst.Ja, mein Herr und Meister.Eins.Danke.Zwei.Danke.Drei.Danke.Warum sagst du nichts mehr?

 

4

 

Fjodors Schlaf war so tief, dass er das Klingeln seines Handys erst hörte, als Mariele zu schreien anfing. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren, dann sprang er mit Alexa gleichzeitig aus dem Bett, tastete nach seinem Gerät, fand es endlich in seinem Schuh, und ein paar Augenblicke später lagen sie wieder nebeneinander, sie stillte, er klappte sein Handy auseinander.

„Stell nächstes Mal bitte dein Ding ab“, sagte sie streng, „mein Nachtschlaf ist mir heilig. Er ist eh kurz genug.“ Aber sie klang friedlich, während sie schimpfte, ihre Augen waren sanft, sie schien das Stillen zu genießen. Er betrachtete sie voller Sehnsucht. Sie hatte „nächstes Mal“ gesagt. Das war ein Fortschritt. Ein großer Fortschritt.

„Willst du nicht endlich …?“ Sie hob kurz den Kopf und nickte Richtung Handy.

„Hallo?“, raunte er, um das Stillglück nicht zu verschrecken. Wer konnte es sein um diese gottverdammte Zeit? „Lenny, alter Schwede, was ist los?“

„Wir haben Ärger, Chef“, Lenny kontrollierte seine Läden bis Bremen und Hannover, „eins der Mädels …“

Fjodor seufzte ungeduldig. „Fass dich kurz. Schwanger? Ohne Papiere? Abgehauen?“ Er lauschte mit gerunzelter Stirn, während Wut und Ärger in ihm hochstiegen. Verfluchte Schweinerei. Wie konnte so etwas passieren? Wozu hatte er seine Leute?

Alexa betrachtete ihn amüsiert. So sieht mein Kindsvater also bei der Arbeit aus, dachte sie. Andere Männer haben Ärger im Büro, Fjodor hat ihn im Bett. Das ist der einzige Unterschied.

Fjodor wollte jetzt keine Probleme hören. Nicht hier, nicht in Atemnähe seiner Tochter, die Alexa zwischen sie gelegt hatte und deren winziges Mündchen wie eine kleine Rosenknospe puckerte. Er wollte sich nicht mit beruflichem Schmuddelkram beschäftigen, jetzt, wo er es endlich geschafft hatte, neben Alexa im Bett zu liegen, auch wenn er wusste, dass er dieses Privileg vermutlich nur einer vorübergehenden Schwäche zu verdanken hatte.

„Hörst du mir überhaupt noch zu, Meister?“ Noch nie war ihm Lennys Stimme so ordinär vorgekommen.

„Ich komme“, sagte er kurz, „lass alles, wie es ist. Rühr sie nicht an.“

Alexa zog eine Augenbraue hoch, während er in seine Kleider sprang. Kleines Bäuchlein, der Gute, dachte sie, und seine Knie sind ziemlich knorpelig, aber sonst ist er noch gut in Schuss. Sie mochte das leicht Prollige an ihm. Wie hatte es Woody Allen mal so schön gesagt? Das Herz ist ein sehr dehnungsfähiger kleiner Muskel.

„Probleme?“

Er sah sie an, sie sah ihn an, und nichts hätte er lieber getan als zurückzuschlüpfen in ihre mütterliche Wärme. Nie war sie ihm so begehrenswert erschienen wie in diesem Augenblick.

„So sieht’s leider aus“, erwiderte er und stockte, gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass sie zwar noch im Mutterschaftsurlaub, aber danach wieder bei der Kripo sein würde. Also ganz eindeutig auf der anderen Seite stand. „Ich muss nach Burgdorf“, er beugte sich vor, küsste sie aufs Haar, „die Klos sind verstopft.“

„Und da muss der Meister selbst erscheinen?“, grinste sie. „Schon mal was von Abflussfrei gehört?“

Ihr Lachen begleitete ihn bis auf die Straße. Verdammt, fluchte er und ballte die Faust in den Himmel, der kalt und klar und voller Sterne war, verdammt, verdammt. Warum liebe ich diese Frau so sehr? Und dann schaltete er um. Auf Krise.

Als er nach neunzig rasenden Minuten in die stille, spießige Burgdorfer Seitenstraße einbog, wusste er genau, wie er sie lösen würde. Er parkte direkt vor dem Haus, im absoluten Halteverbot, aber die örtliche Polizei war Dauerkunde, er hatte nichts zu befürchten. Er ging auf sein Etablissement zu, hinter dessen trügerisch kleinbürgerlicher Fassade sich ein diskreter, sehr erfolgreicher Puff verbarg.

Die Tür stand halb offen, ein Versäumnis, das er bestrafen würde. Später. Jetzt waren andere Dinge wichtiger. Er stand im Flur und sah sich um. „Lenny, wo ist sie?“, rief er laut. Er wusste, dass er um diese Zeit keine Kunden mehr verschreckte. Langsam öffnete sich eine der Schlafzimmertüren, Lenny kam heraus und winkte ihn herein.

Das Zimmer war, wie in allen seinen Häusern, nur mit dem Notwendigsten eingerichtet, denn Fjodor wusste aus Erfahrung, dass ein Mann, der in den Puff ging, keinen Wert auf Einrichtung legte. Die gab’s zu Hause bei Mutti. Was es hier gab, brauchte keinen opulenten Rahmen. Das für horizontalen Spaß erforderliche Minimum war ausreichend: breites Bett, verspiegelte Zimmerdecke, kleines Waschbecken. Und Musik.

„Sieh dir diese Scheiße an“, murmelte Lenny, in dessen breitem Gesicht sich Gemütlichkeit und Gefahr vereinigten, als er in die Ecke zeigte, wo sich der Arbeitsplatz befand.

Das Mädchen lag auf dem Bett, nackt auf zerwühlten Laken, gekrümmt wie ein Embryo im Mutterleib. Ihre langen, blonden Haare waren blutverkrustet, ihr Oberkörper bis hin zum Hals mit blauen Flecken übersät. Sie wimmerte leise.

„Wie ist denn das passiert?“, fragte Fjodor und gab sich keine Mühe, seinen Unwillen zu verbergen.

„Ein Freier“, erwiderte Lenny. Er wusste, dass er seine Aufsichtspflicht grob vernachlässigt hatte, und rechnete mit sehr unangenehmen Konsequenzen.

„Ich höre.“ Fjodor setzte sich neben das junge Mädchen und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Atem war flach und ruhig, so als wünsche sie sich weit weg aus diesem kleinen Zimmer, aus dieser feindlichen Welt. „Wie heißt sie?“, fragte Fjodor, während die Müdigkeit in seine Knochen kroch, auch er wünschte sich weg. „Woher kommt sie?“

Lenny zuckte die Schultern: „Rumänien, Bulgarien, was weiß ich? Sie ist neu, und ich hab noch nicht in ihre Papiere geschaut.“ Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung packte Fjodor seinen Geschäftsführer am Nacken wie eine nasse Katze. Da er durchtrainierter war als Lenny, konnte er ihn mühelos durchs Zimmer schleifen.

„Wenn du den Laden nicht besser im Griff hast“, sagte er so seidenweich, dass es wie die Drohung klang, als die sie gemeint war, „dann suchst du dir besser einen neuen Job.“

Er stieß Lenny von sich und ging zu dem Mädchen zurück, untersuchte sie sanft und geübt, das hatte er während des Wehrdienstes als Sanitäter in Russland gelernt. „Kak tebja sowut?“, fragte er auf Russisch. Sie öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. „Jestes Polski?“, versuchte er es auf Polnisch. Sie nickte, ihre Augen waren fest zusammengekniffen, das hatte er als kleiner Junge auch immer gemacht, wenn seine Mutter nach dem Gebet kontrollierte, ob er schon schlief.

Sie war eine strenge Mutter gewesen und er ein sehr unartiger Junge. Wäre er sein Sohn gewesen, hätte er sich jeden Tag einmal durchgeprügelt. Sie, Gott habe sie selig, hatte es nur einmal pro Woche getan.

Er berührte das Mädchen sanft an der Schulter, sie wimmerte wieder, aber sie bewegte sich nicht.

„Kannst du mir sagen, was passiert ist?“ Sie schüttelte den Kopf, und Fjodor kannte Mädchen wie sie gut genug, um zu wissen, dass sie schweigen würde. Sie vertrauten nichts und niemandem, das hatte das Leben sie gelehrt.

„Ich beschütze dich“, sagte er, „sag mir, wer es war, damit ich ihn bestrafen kann.“

Sie öffnete die Augen: „Policja.“ Dann schloss sie die Augen wieder. „Sehr müde, möchte bitte schlafen. Policja.“

 

Er seufzte und verließ das Zimmer. Er sollte die Polizei rufen, na, das fehlte ihm gerade noch. Wie kam sie auf diese Schwachsinnsidee? Als er die kleine Küche betrat, saß Lenny missmutig vor einem Teller Bratkartoffeln, die er mit gierigen Bissen in sich hineinschaufelte. Lenny aß eigentlich immer. Dass er nicht noch fetter war, konnte als metabolistisches Wunder gelten. Fjodor setzte sich neben ihn und zog Lennys Teller in seine Richtung, bediente sich ungefragt. Lenny sah dies als Zeichen, dass ihm verziehen und sein Chef sehr hungrig war, wie meist nach größerer körperlicher Anstrengung. Fitnessclub? Oder Spaß? Wortlos ging er zum Herd und schlug drei Eier in die Pfanne. „Tut mir Leid, Chef.“ Er griff zur Maggiflasche und würzte die Eigelbe, dann wendete er sie, weil Fjodor seine nach einem Las-Vegas-Urlaub nur noch „over easy“ verlangte. Ein paar Minuten kauten sie schweigend. Bis auf das verletzte Mädchen war die Wohnung leer.

„Hast du eine Ahnung, wer der Scheißer war?“ Fjodor wischte die Eireste mit dem Finger auf, leckte ihn ab, griff zur Bierflasche, öffnete sie mit den Zähnen. „Die Kleine will zur Polizei, das hat uns gerade noch gefehlt. Ist sie denn legal?“

„Natürlich nicht“, beruhigte Lenny, „das fehlte gerade noch, dass die Mädels uns dann frech kommen, womöglich noch krankenversichert werden wollen. Wir haben schließlich die besten Spezialisten für unsere Papiere.“

„Aber wieso wollte sie dann die Polizei holen? Ihr habt doch nicht etwa …?“ Lenny lachte. „Sondernummer für die Bullen?“, fast hätte er sich am letzten Bissen Ei verschluckt. „Nee, heute nicht. Das ist doch deine Spezialität, Chef.“

An dem eisigen Schweigen, mit dem Fjodor seinen Teller zur Seite schob, sich erhob und ohne ein weiteres Wort die Küche verließ, erkannte Lenny, dass er zu weit gegangen war. Scheiße, dachte er reuevoll, nicht meine Nacht heute. Alexa war ein absolutes Tabuthema. Noch absoluter als Teja. Wenn Dorrit anrief, war Fjodor nie da. Sein Scheck erreichte sie pünktlich, da ließ er sich nichts nachsagen, seinen Sohn holte er einmal im Monat, lieferte ihn, mit Weißmehl und Zucker abgefüllt und reich beschenkt mit Kriegsspielzeug, bei seiner Mutter wieder ab. Mehr war nicht drin.

Fjodor stand bereits in der Tür, als Lenny hinter ihm her eilte. „War Scheiße von mir, Chef“, sagte er, „kommt nicht wieder vor.“

Fjodor nickte, drehte sich kurz um, gab ihm eine kurze, sehr schmerzhafte Kopfnuss. Lenny verzog keine Miene. Damit war die Sache ausgestanden.

„Pass auf die Kleine auf.“ Fjodor ging ins Treppenhaus, schaute kurz hoch. „Und frag sie mal, warum sie unbedingt die Polizei rufen wollte.“

 

Kapitel 5

 
 

Safeword, Codewort, Sicherheitswort Wenn das Safeword fällt, ist erst mal Schluss mit lustvoll. So ungefähr jedenfalls ist Safeword für die meisten definiert: als Signal, sofort aufzuhören mit dem, was gerade passiert. Mit dem Safeword signalisiert der Top (der Aktive) oder der Bottom (der Passive), dass etwas nicht stimmt – sei es nun gesundheitlich oder emotional – und dass das Spiel sofort abgebrochen werden soll. Viele benutzen beim Safeword auch das Ampelsystem mit den Codeworten „Grün“, „Gelb“ und „Rot“, bei dem Gelb „mach langsamer“ oder „wir müssen kurz reden“ bedeutet. Ein Safeword zu benutzen ist umso ratsamer, je weniger man seinen Spielpartner kennt. Wenn Knebel im Spiel sind, sollte man sich auf ein anderes Signal einigen.

 

Kathrin Passig, Ira Strübel: Die Wahl der Qual

 

5

 

Das war knapp, dachte er, als er das Autokennzeichen FJ des silbernen Roadster erkannte, der ihm mit überhöhter Geschwindigkeit entgegenkam. Dass Luden immer so offensichtlich waren, amüsierte ihn, denn natürlich wusste er, dass FJ für Fjodor stand. Im Rückspiegel sah er, wie Fjodor parkte und ins Haus ging. Dumm gelaufen, mein Lieber, murmelte er, such dir halt in Zukunft deine Häschen ein bisschen sorgfältiger aus. Berufstaugliche, taffe, starke Häschen, die nicht bei jeder Sondernummer anfangen zu jaulen. Was für ein vergeudeter Abend. Zum Glück hatte er nichts gekostet.

Er seufzte und stellte den Klassiksender lauter. Vivaldi, das Cellokonzert in D-Dur, nichts beruhigte und befriedete ihn mehr. Er musste ruhig werden, bevor er nach Hause kam, die Tür aufschloss, kurz zu den Kindern ging und ihnen über die schlafenden Gesichter streichelte, ein Ritual, das er nie vergaß, egal, wie spät er nach Hause kam. Ruhig sein, wenn er sich im Dunkeln auszog, um seine Frau nicht zu wecken, sich dann neben sie legte, ruhig, ganz ruhig, aber sie würde so tief schlafen wie immer, mit dem Gesicht eines gealterten Babys und leichten Schnarchtönen, die von ihren Lippen perlen würden wie … in einem anderen Leben, in einem anderen Zimmer das Blut des Häschens …, was für ein lächerlicher Vergleich. Was für eine lächerliche Figur er abgegeben hatte heute Abend, als er versucht hatte, sie zum Spielen zu überreden, diese dumme, unerfahrene Nuss, lächerlich seine Wut, als er es nicht schaffte, als sie sich wehrte, was ihn erst erregte, dann nur noch wütend machte. Rasend wütend machte.

Er stieß die Luft aus, zwei-, dreimal hintereinander, ließ das Fenster herunter und die kühle Nachtluft ins Auto. Der Gedanke an ihr Blut machte ihn wieder unruhig, angenehm unruhig. Sie war so schön gewesen in ihrem Schmerz, so hingegeben, seine kleine Sklavin. Ganz sicher war er gewesen, dass sie es genauso genossen hatte wie er. Er hatte ihr ein Halsband mit Schloss mitgebracht. Sie hatte tatsächlich nicht gewusst, was sie damit machen sollte. „Fürr deine Hund?“, hatte sie ihn gefragt. Er hatte ihr ein Slowword erlaubt, ein Wort also, mit dem sie die Intensität des Spieles steuern konnte. Rhabarbergrütze, ein schönes Wort, umso schöner, als sie es kaum aussprechen konnte, die kleine Polackin. Ein Safeword, ein Wort, das das Spiel hätte unterbrechen können, hatte er ihr nicht gestattet. Er wollte nicht, dass sie das Spiel unterbrach. Er wollte weiterspielen, so lange, bis er genug hatte. Er, nicht sie durfte über das Ende entscheiden.

Leider war sie trotzdem schwierig geworden, hatte sich gegen seine Schläge gewehrt, ihm die Leine aus der Hand gerissen. Er hatte sie bestrafen müssen, die Spielverderberin. Es hatte ihm Spaß gemacht, obwohl er lieber weiter mit ihr gespielt hätte. Als er das Zimmer verließ, sah sie ziemlich mitgenommen aus. „Polizei“, flüsterte er ihr zu, bevor er die Tür öffnete, „ich bin die Polizei.“ Und das Schöne daran war, dass es stimmte.

Er bog in die stille Villenstraße ein, in dem das Haus lag, das er mit seiner Familie bewohnte. Seine andere Welt. An das Mädchen verschwendete er keinen Gedanken mehr. Um die konnte sich ihr Zuhälter kümmern. Und morgen würde er sich eine neue Spielgefährtin suchen.

 

*

 

„Und jetzt wirst du deinen Bruder Alex kennen lernen“, sagte Alexa, als sie vor dem Kinderheim am Stadtpark aus ihrem Auto stieg und Mariele aus dem Kindersitz schälte, „und wenn wir beide uns gut benehmen, dürfen wir ihn vielleicht wieder mit nach Hause nehmen.“

Mariele gurgelte ihre Zustimmung. Wie immer, wenn Alexa ihre Tochter betrachtete, segnete sie nachträglich die glücklichen Umstände, die zu ihrer Empfängnis geführt hatten. Wie gut, dass ich damals so betrunken war, dachte sie oft, ein, zwei Gläschen weniger und ich hätte ihn womöglich zurückgestoßen. Und dann hätte ich diesen kleinen Knuddel nicht. Sie setzte Mariele auf ihre rechte Hüfte und ging auf das rot geklinkerte Kinderheim zu.

Alex stand am Fenster, hinter der halb zugezogenen Gardine, bewegungslos wie ein kleiner, stummer Vorwurf. Sie fand es rührend, dass er tatsächlich glaubte, sie könne ihn von der Straße aus nicht sehen, dabei presste er sich so dicht an die Scheibe, dass er seine kleine Stupsnase und seine Lippen richtig platt quetschte. Sie wusste, wie sehnsüchtig sie erwartet wurde. Trotz allem, was sie in seinem Leben vermurkst hatte.

Er war jetzt sieben und hatte es ihr nie verziehen, dass er nicht mehr bei ihr leben durfte. Sie hatte es sich ja selbst nicht verziehen, hatte gefleht und gebettelt, aber Charlotte Pipp, die strenge Jugendamtsleiterin, war unnachgiebig geblieben. „Sie haben einen Beruf, der sich mit der Erziehung eines sehr verletzten und deshalb sehr verletzbaren Kindes nicht vereinbaren lässt“, das waren ihre Worte, bevor sie Alex abholte. Der Abschied war schrecklich gewesen, herzzerreißend. Er hatte sich an sie geklammert, so fest, dass Frau Pipp ihn kaum von ihr losreißen konnte. „Mama, ich will bei dir bleiben, ich will nicht weg“, noch von der Straße, noch während sie ihn ins Auto zerrten, hatte sie seine schrille, flehentliche Stimme hören können. Ihr Pflegschaftsantrag, von dem sie hoffte, dass er in eine Adoption übergehen würde, war auf unbestimmte Zeit ad acta gelegt worden und in ein zwar regelmäßiges, aber behördlich überwachtes Besuchsrecht umgewandelt worden.

Alexa seufzte. Es war ihre Schuld. Aber wie hätte sie auch ahnen können, dass sich Alex ausgerechnet mit dem kleinen Marcus Sander anfreunden würde, dessen Mutter Marlinde am Münchhausen-by-Proxy-Syndrom litt, einer sehr seltenen psychischen Störung, die sie ihren Sohn und ihre Babytochter quälen ließ, um selbst Aufmerksamkeit als fürsorgliche Mutter zu erlangen. Unwissend wie sie war, hatte sie sich mit Marlinde Sander angefreundet, sich sogar ein wenig in sie verliebt. Und Alex der kranken Mutter überlassen, weil sie selbst auf einer anderen Fährte war. Und während sie einen Mörder verhaften konnte, wäre er fast das Opfer von Marlinde Sander geworden. Seine Rettung vor dem Tod war in allerletzter Sekunde erfolgt.

Durch ihre Dummheit und Sorglosigkeit hatte sie Alex akut gefährdet, und dafür waren sie beide bestraft worden. Alex war wieder im Heim, und sie lebte mit dem bedrückenden Gefühl, versagt zu haben. Ihre Besuche, das wusste sie, waren kleine Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Aber sie waren ein Anfang.

„Auf in den Kampf, mein Schnurzel“, flüsterte sie in Marieles winziges Marzipanöhrchen, schnullerte an ihrem Ohrläppchen. Dann holte sie tief Luft, straffte sich, schob Mariele zurecht und betrat das Kinderheim.

 

Ich werde nicht mit ihr sprechen, dachte der stumme Vorwurf. Kein Wort. Kein einziges. Und lächeln werde ich auch nicht. Soll sie doch sehen, wie schlecht es mir geht. Wie fies mich hier alle behandeln, seit sie mich verlassen hat. Wie gut, dass sie nicht weiß, dass ich jede Nacht weine, wenn sie das Licht ausmachen, und manchmal, zum Glück nur ganz manchmal mach ich auch ins Bett. Dann schleich ich und hol einen Föhn, mit dem ich das Nasse wieder trocken puste. Alles ihre Schuld.

Kein Wort. Kein einziges.

 

„Alex?“ Da war sie schon. Aber er hatte sich unter dem Bett ganz flach gemacht, so würde sie ihn nicht sehen und wieder Weggehen. Warum kam sie überhaupt noch? Sie hatte jetzt schließlich ein neues Baby, sie brauchte ihn nicht mehr.

„Alex, ich hab dir deine Schwester mitgebracht“, sagte sie, „und ein neues Pokemonspiel für deinen Gameboy.“

„Das Goldene?“ Es war ihm rausgerutscht, obwohl er doch nie wieder mit ihr reden wollte. Mist, sie war schlauer als er. Sie hatte ihn ausgetrickst mit Pokemon. Er blieb liegen, wartete auf sie. Mal sehen, ob sie sich die Mühe machte, vor ihm auf die Knie zu gehen. Und ob sie wirklich das Spiel dabei hatte.

Er hörte, wie sie näher kam und sich vors Bett legte. Und dann war ihr Gesicht auf einmal dicht vor seinem. Und neben ihr … „Das ist Mariele“, sagte sie. Er betrachtete das winzige Gesicht mit den riesigen Augen. Es war okay, obwohl er mit Babys nichts anfangen konnte. Im Heim gab es auch ein paar, aber sie blieben nie lange, weil sie sofort adoptiert wurden. Er war schon zu alt, ihn wollte keiner mehr. Außer Alexa. Sie hatte ihn sofort gewollt. Aber genützt hatte das auch nix. Blödes Baby. „Sie mag dich“, sagte sie, „sie lacht dich an.“

„Das Silberne hab ich nämlich schon“, so leicht wollte er sich nicht ablenken lassen. Sie lachte.

„Das weiß ich doch“, sagte sie, „deswegen kriegst du ja auch das Goldene. Aber du musst es dir schon holen.“

Er wälzte sich unter dem Bett hervor. Sagte nichts. Stand nur trotzig da und fand es gut, als er in ihren Augen las, wie Leid er ihr tat. Das rosa Teil auf ihrem Arm, das hin und her ruckelte, ignorierte er. „Komm mal her“, forderte sie, und als er einfach stehen blieb, ging sie auf ihn zu, und bevor er sich wehren konnte, hatte er das Baby auf dem Arm und sie war mit einem „Ich muss mal ganz kurz für kleine Mädchen, schau mal nach, was Mariele über der Windel hat“ einfach abgehauen.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dieses blöde Baby festzuhalten, bis sie wiederkam. Er streichelte seine beiden Fäuste, Mensch, waren die winzig, und die Fingernägel, die er erst sehen konnte, als er die Minifingerchen vorsichtig glatt bog. Das Teil maunzte wie ein Kätzchen. Hörte sich witzig an. Vorsichtig griff er in die Strampelhose. Und da fiel auch schon das Spiel heraus. Es war tatsächlich das Goldene, das sah er sofort, und sein Herz wurde heiß vor Glück. Sie hatte es nicht vergessen! Er traute sich nicht, sich mit dem Baby auf dem Arm zu bücken, nachher fiel er hin und auf das Baby drauf und erstickte es. Das würde ihm Alexa nie verzeihen.

Er riskierte einen Blick …, ob es schon Zähne hatte in diesem kleinen rosa Fischmaul? Er steckte seinen Finger hinein, wollte ihn wieder herausziehen, aber es ging nicht, er steckte fest, das rosa Teilchen hatte sich richtig festgesaugt. Er musste kichern. „He, gib mir meinen Finger wieder, du blödes Baby“, sagte er und zog noch einmal. Das Baby machte seinen Mund auf, der Finger flutschte heraus und plötzlich lächelte es. „Na, du Scheißbaby“, sagte er, und es lächelte wie bescheuert und auf einmal fühlte er sich so leicht wie damals, als er zum ersten Mal in seinem Leben glücklich war. Bloß nicht dran denken.

Alexa stand hinter der offenen Tür und beobachtete die Szene. Und während sie mit den Tränen kämpfte und nach einem Taschentuch suchte, das sie wie immer nicht fand, schwor sie sich, alles zu tun, um ihn wiederzubekommen. Alles.

 

Kapitel 6