Das Vermächtnis des Toten - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der englische Originaltitel dieses Krimis von Mignon G. Eberhart lautet ›Dead Men’s Plans‹. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:311


Mignon G. Eberhart

Das Vermächtnis des Toten

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Karl Hellwig

FISCHER Digital

Inhalt

Titel des Originals: «Dead [...]12345678910111213141516171819202122232425

Titel des Originals: «Dead Men’s Plans»

1

An dem Tag, an dem Reg Minary mit seiner jungen Frau nach Hause kam, empfing die Neuvermählten ein Wetter, wie es für Chikago Anfang Oktober typisch war. Der See und der Himmel waren blau, die Bäume goldgelb und rot. Geißblatt zeichnete sich, scharlachrotem Maßwerk gleichend, vor den Mauern der alten Häuser in der Game Street und in der Astor Street ab. Durch die Luft schwebte ein bläulicher Dunst wie der leichte Rauch, der in alter Zeit von den Lagerfeuern der Indianer aufgestiegen war.

Um die Mittagszeit indessen verschmolzen Himmel und See zu einem undurchsichtigen Grau. Am späten Nachmittag glich der Nebel zerstäubter Milch. Er wirbelte vom See herein und verwischte die Umrisse der oberen Stockwerke der Wohnhäuser an der Uferpromenade. Bürgersteige und Asphalt glänzten. Der Straßenverkehr stockte.

Im Minaryhaus in der Game Street traf man Vorbereitungen, um Reg und seine junge Frau, die noch keiner von den Bewohnern des Hauses gesehen hatte, in ihrem Heim willkommen zu heißen. Die Game Street liegt in der Nähe des Sees und der Uferpromenade. Es ist eine kurze, schöne Straße. Vom Wandel der Zeiten spürt man hier nur wenig. Die alten Chikagoer Häuser mit ihren roten Ziegelsteinmauern und Granitquadern, ihren hohen Stufen vor dem Eingang, ihren schimmernden, messingnen Türklopfern, ihrer würdevollen, vornehmen Abgeschlossenheit, scheinen sich seit den Tagen, da sie gebaut wurden, kaum verändert zu haben.

Sewal rief gegen Mittag im Flughafen an und dann noch einmal am späten Nachmittag. Dann ging sie Amy suchen. Das Minaryhaus war lang und schmal. In einem ganz am Ende nach rückwärts gelegenen Zimmer – blickte man durch die Bogenfenster, so sah man den von einer Ziegelsteinmauer umgebenen Garten und die ehemalige Remise – fand sie die Gesuchte. Amy lag auf einem Liegestuhl aus Korbgeflecht und rauchte.

Sie hielt ihren Kopf so geneigt, daß das Licht der Tischlampe ihr Haar hell erglänzen ließ und sie gleichsam mit einer goldenen Krone schmückte. Sewal dachte: ‚Amy wird von Tag zu Tag hübscher!‘ Laut sagte sie: »Ich habe mit dem Flughafen telephoniert. Man sagte mir, alle Flugzeuge landen planmäßig. Der Nebel beschränkt sich einstweilen auf die nähere Umgebung des Sees.«

Amy machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Ich möchte nur wissen, wie Zelie ist«, sagte sie langsam. Amy war Reg Minarys Schwester. Der Klang ihrer melodischen Stimme verriet eine gewisse Nervosität. »Sie ist jetzt meine Schwägerin, und ich habe sie noch nie gesehen!«

»Das geht uns allen so.«

»Ja, aber bei dir ist das etwas anderes. Sie ist ja nicht wirklich deine Schwägerin.«

Sewal war tatsächlich mit Reg und Amy nicht verwandt. Der Vater der beiden Geschwister war ihr Stiefvater gewesen. Julius Minary hatte zweimal geheiratet. Seine erste Frau hatte ihre Tochter Sewal mit in die Ehe gebracht. Sewal liebte aber Amy und Reg genau so, als wären sie ihre richtigen Geschwister, wie sie ihren Stiefvater geliebt hatte, als wäre er ihr richtiger Vater gewesen. »Eigentlich ist es wohl das gleiche«, sagte sie.

Amy hatte ein Zucken in Sewals Gesicht wohl bemerkt. Sie bereute sogleich, was sie gesagt hatte. »So meinte ich das nicht … Natürlich ist es genau so, als wären wir wirkliche Schwestern. Es ist ja immer so gewesen, und auch Reg sieht in dir seine Schwester. Aber ganz das gleiche ist es doch nicht. Ich meine – zum Beispiel hinsichtlich der Erbschaft. Denke an Regs Geld! Es gehört der Familie. Ich mache mir Gedanken darüber, was Zelie damit anfangen wird.«

Julius Minary, Regs und Amys Vater, war vor fast zwei Monaten gestorben. Sein einst sehr großes Vermögen – die Erbschaftssteuern hatten es zwar etwas verringert, es war aber immer noch recht bedeutend – erbten Reg und Amy. Sewal sagte: »Darauf hast du keinen Einfluß.«

»Das ist noch nicht sicher. Ich habe Einfluß auf Reg!«

Weil Sewal wußte, daß das wahr war und weil sie im geheimen wünschte, Reg hätte eine größere Charakterstärke besessen, sagte sie kurz: »Vielleicht ist das jetzt anders.«

Amy richtete sich aus ihrer liegenden Stellung auf, drehte sich herum und stellte ihre Beine auf den Fußboden.

»Das ist es ja gerade! Sie hat ihn unter dem Pantoffel. Reg ist zweiundzwanzig Jahre alt und dabei immer noch ein kleines Kind …«

»Du bist auch erst zwanzig.«

»Und dabei älter, als Reg es jemals sein wird. Ich sage dir, sie hat ihn einfach genommen. Bisher konnte sie mit ihm machen, was sie wollte. Aber jetzt hat sie mit mir zu rechnen!«

»Urteile nicht vorschnell! Vielleicht gefällt sie dir.«

»Wir hätten Reg niemals allein fortlassen sollen.«

»Der Vater dachte …«

»Er war altmodisch. Und er glaubte an die Erweiterung des Gesichtskreises durch Reisen.«

»Ich wünschte«, sagte Sewal langsam, »Reg wäre hier gewesen, als er starb.«

Reg verlebte damals gerade seine Flitterwochen in Ägypten. Julius Minary war so schnell gestorben, daß Reg kaum rechtzeitig hätte in Chikago eintreffen können. Auch litt Zelie, wie er kabelte, an einer ernsten Kehlkopfinfektion. Er könne sie unmöglich allein lassen. Da auch Barny Ingram, der mit den Geschwistern zusammen aufgewachsen war, nicht rechtzeitig hatte kommen können, waren bei Julius’ Begräbnis nur die drei Frauen zugegen gewesen: seine Tochter, seine Stieftochter und Mrs. Ingram. Cara Ingram hatte dem Toten seit vielen Jahren das Haus geführt und die drei kleinen Kinder, zu denen noch ihr eigener Sohn Barny gekommen war, großgezogen. Barny war genau so gehalten worden, als wäre er eines von Julius’ Kindern gewesen.

Amy nahm wieder das Wort: »Zelie war schuld, daß Reg bei Vaters Tode nicht hier war. Jetzt kommt sie, um die Erbschaft an sich zu bringen.«

»Sage das doch nicht!«

»Ich sage, was ich denke. Ich bin nicht länger Regs kleine Schwester.«

Sewal lachte: »Für mich bist du immer noch meine kleine Schwester!«

Amy zündete sich eine neue Zigarette an. »Eigentlich haben wir alle keine Mutter gehabt … Mein Vater hatte mit seinen Frauen kein Glück.«

Das klang nicht gerade schön, entsprach aber der Wahrheit. Sewals Mutter war eine junge Witwe gewesen, als Julius Minary sie geheiratet hatte. Nach ihrem Tode – Sewal war damals erst drei Jahre alt – hatte Julius zum zweiten Male geheiratet. Die zweite Gattin gebar ihm zuerst einen Sohn, Reg, und dann Amy. Von der Geburt des Mädchens hatte sie sich nie wieder erholt. Julius Minary war viel älter gewesen als seine beiden jungen Frauen. Er hatte nach dem Tode der zweiten nicht mehr geheiratet.

Sewal hatte sich immer für die kleine Schwester, die ja in Wahrheit gar nicht ihre Schwester war, verantwortlich gefühlt. Sie sah in diesem Augenblick Amy vor sich, wie sie in ihrem Kinderwagen mit der rosafarbenen Wolldecke lag. Mrs. Diccon, die englische Köchin, hatte den Wagen geschoben. Plötzlich fiel Sewal ein, daß sie etwas vergessen hatte. Sie wandte sich nach der Tür: »Ich vergaß, Diccon wegen des Champagners Bescheid zu sagen.«

»Champagner? Zu Ehren der jungen Frau? Ich sehe nicht ein, wozu das nötig sein sollte.«

Sewal kehrte zu Amy zurück.

»Vergiß nicht: Sie ist Regs Frau!« sagte sie ernst.

»Und was wissen wir von ihr?« Amy spreizte ihre hübschen Hände. »Er lernte sie in London kennen. Sie ist eine Französin, arbeitete in dem Büro des alten Willinger und war ganz tüchtig. Das ist alles, was wir von ihr wissen. Und Reg brachte es fertig, sie zu heiraten!«

Der alte Willinger war der Seniorchef der Firma Willinger und Söhne in London. Es war ein Anwaltsbüro, das die Interessen der Minary-Linie seit vielen Jahren in Europa vertrat. Reg hatte sich sofort nach seiner Ankunft in London zum alten Willinger begeben. Und in seinem Büro hatte er Zelie kennengelernt. Bei Amys Worten hatte Sewal aufgehorcht. »Amy! Hast du an Willinger geschrieben?« fragte sie.

Amy errötete leicht, blickte aber Sewal herausfordernd in die Augen. »Ja. Natürlich.«

»Wann?«

»Bald nach Vaters Tode.«

»Davon hast du mir und Cara nichts gesagt.«

»Warum auch.« Amy schien sich ein wenig zu schämen, behielt aber ihre trotzige Miene bei. »Reg ist mein Bruder. Ich hatte ein Recht, über die Frau, die er geheiratet hatte, Erkundigungen einzuziehen. Ich habe dir nichts davon gesagt, weil ich wußte, du würdest es nicht billigen.«

»Reg hätte es auch nicht gebilligt.«

»Reg braucht es nicht zu wissen. Es ist mir eben nur so entfahren, und du brauchst es ihm nicht zu sagen. Übrigens«, fuhr Amy etwas ärgerlich fort, »wußte der alte Willinger entweder nichts von Zelie, oder er wollte mir nicht sagen, was er wußte. Er antwortete sehr zurückhaltend. Er schrieb nur, Zelie habe sich beworben, als sie jemand suchten, der französisch sprechen und schreiben konnte. Er sagte, sie habe für sie ungefähr zwei Jahre gearbeitet und keine Veranlassung zu Unzufriedenheit gegeben. Im übrigen hätte er Reg wegen der beabsichtigten Eheschließung gar keinen Rat geben können, weil er davon erst erfuhr, als sie schon geheiratet hatten. Ich vermute, er dachte, wir würden ihm wegen der Heirat Vorwürfe machen.«

Nach einer kurzen Pause sagte Sewal: »Auf jeden Fall spricht das nicht gegen sie.«

»Alles spricht gegen sie«, brauste Amy auf. »Tatsache ist, daß sie Reg einfach genommen hat!« Amys für gewöhnlich so sanfte Augen flammten auf. »Und wenn sie versuchen sollte, in geschäftlichen Dingen ihren Willen durchzusetzen, werde ich dafür sorgen, daß sie es bereut.«

»Warum sollte sie es versuchen?«

Amy krauste ihre Stirn. »Ich habe dir doch schon gesagt, daß ich entschlossen bin, die Minary-Linie zu verkaufen. Ich lasse mich von Zelie nicht daran hindern.«

Sewal trat an eines der tiefen Fenster und ließ ihren Blick auf den vom Nebel halbverhüllten Büschen und nassen Fliesen ruhen.

»Du willst nicht, daß wir verkaufen«, sagte Amy plötzlich. »Ich vermag aber wirklich nicht einzusehen, was es für dich ausmachen kann, ob wir verkaufen oder nicht.«

Es machte Sewal sehr viel aus. Die Minary-Linie mit ihren schönen, soliden Frachtdampfern, die große Erzladungen transportierten, war für die von einem Kriege bedrohte Welt sehr wichtig. Und sie war in der Hauptsache von Julius aufgebaut worden. Als Kinder hatten sie sie wachsen sehen. Sie hatten die Kämpfe, die ihr drohenden Gefahren und die Krönung von Julius’ Werk miterlebt. Es war ein stolzes Erbe. Wenn Sewal einen der Dampfer das Wasser des Sees durchpflügen oder seine Fahne sich vom Himmel abheben sah, schwoll ihr Herz vor Stolz und Liebe, als wäre die Minary-Linie ihr eigen Fleisch und Blut gewesen. Aber natürlich hatte sie kein Recht, so zu fühlen. Daher sagte sie nur: »Ich wünschte, ihr würdet nicht verkaufen.«

»Ich bin dazu entschlossen.«

»Reg gehören einundfünfzig Prozent der Aktien.«

»Ach was – Reg!« sagte Amy verächtlich. »Seine Einwilligung bekomme ich leicht. Er hat sich nie für die Geschäfte interessiert. Daher wird er froh sein, wenn er die Firma los ist.«

»Aber, Amy …« Sewal überlegte. Schließlich sagte sie langsam: »Ich glaube nicht, daß das Verkaufen so einfach ist. Selbst wenn Reg sich einverstanden erklärt. Die Firma ist eine Aktiengesellschaft …«

»Die Aktien gehören Reg und mir«, erwiderte Amy schnell.

»Es ist ein langes und kompliziertes Verfahren …«, wandte Sewal ein.

Amy sagte: »Ich habe an alles gedacht. Aber es läßt sich machen … wenn Reg einwilligt …«

»Warum möchtest du verkaufen?«

Amy lachte. »Ich brauche das Geld!«

»Aber du leidest doch wirlich keinen Mangel! Und die Minary-Linie bedeutet etwas, sie ist mehr als bloßer Besitz, Schiffe und Docks und …«

»Ich will unabhängig sein«, erwiderte Amy. »Ich will etwas von meinem Leben haben. Reg und ich teilen den Erlös des Verkaufs, und dann kann jeder mit dem Gelde machen, was ihm gefällt.«

Sewal beobachtete einen etwas zerzaust aussehenden Sperling, der in der Hoffnung, etwas Freßbares zu finden, unter einem Lorbeerbusch herumhüpfte. »Es ist ein gutes Geschäft. Erz wird gebraucht. Der Transport bringt viel ein.«

Sewal merkte, daß Amy gereizt war. »Wie gesagt, ich bin entschlossen. Und wenn Zelie versucht, sich da einzumischen, soll sie mich kennenlernen! Ich bin nicht wie Reg. Ich lasse mich nicht einfach beiseite schieben. Wenn Zelie versuchen sollte, Reg zu beeinflussen … Ich kenne ihn besser als sie. Ich werde ihn auf meine Seite herüberziehen und ihn dazu bringen, daß er verkauft. Außerdem«, schloß Amy, »geht es dich gar nichts an.«

Der Sperling hüpfte unter dem Lorbeerbusch hervor, schüttelte sich und versuchte sein Glück unter einem anderen Busch. Die Tür der Remise öffnete sich, und Diccon, der im Dienste der Familie alt geworden war, trat heraus und wandte sich nach der Küchentür. Die Remise war schon vor langer Zeit in ein Wohnhaus für Diccon und seine Familie umgebaut worden. Eines der Zimmer im oberen Stock war für das Dienstmädchen bestimmt, stand im Augenblick aber leer. Das Mädchen, das jünger und weniger seßhaft als die Diccons gewesen war, hatte sich eine andere Stellung gesucht, und ihre Nachfolgerin sollte erst am nächsten Tage kommen.

Sewal hörte an dem Knarren des Liegestuhls, daß Amy aufstand. »Verzeih mir, Sewal«, sagte sie. »Ich habe das nicht so gemeint. Natürlich geht es dich etwas an. Alles, was uns betrifft, geht dich etwas an. Und im übrigen …« Sie stockte und fuhr dann erregt fort: »Ich finde, es war recht schofel von Vater, daß er dir nichts hinterlassen hat. Sobald ich das Geld in Händen habe, werde ich mit dir teilen. Verlaß dich darauf!«

»Amy!« sagte Sewal mit etwas unsicherer Stimme. »Das ist sehr lieb von dir. Aber du kannst es nicht tun.«

»Er hätte für dich in seinem Testament sorgen sollen.«

»Er war nicht mein Vater. Er hat mir ein Heim gegeben und …«

»Ich werde es gutmachen. Das heißt, wenn …« Amy runzelte die Stirn, »wenn Reg einwilligt, daß wir das Geschäft verkaufen.« Sie legte ihre Hand auf Sewals Arm und streichelte ihn.

»Du wirst bei Reg deinen Einfluß geltend machen, nicht wahr?«

Es war schwer, Amy zu widerstehen. Sewal sagte langsam: »Ich glaube, dein Vater wünschte, Reg solle die Minary-Linie weiterführen.«

»Aber, Sewal …«

»Warten wir, bis er da ist. Dann wollen wir sehen, was er sagt.« Sewal wandte sich wieder nach der Tür.

»Wohin willst du?«

»Ich will Diccon wegen des Champagners Bescheid sagen. Und dann möchte ich einen Spaziergang machen.«

»In diesem Nebel?«

»Komm doch mit!«

»Das kannst du wirklich nicht verlangen. Nein. Ich will mich auf die Begrüßung der jungen Frau vorbereiten.«

»Tritt ihr nicht gleich mit einem Vorurteil entgegen!« sagte Sewal versöhnlich.

Fünfzehn Minuten später trat sie in Tweed-Mantel und weichem Hut aus dem Hause. Die beiden Hunde, die sie freudig umtanzten, verwirrten immer wieder ihre Leinen. Geduldig entwirrte Sewal sie und wandte sich nach dem See.

Der Nebel war jetzt so dicht, daß die Straße einem von Bäumen und Gittern eingefaßten Tunnel glich, der sich in der Dunkelheit verlor. Auf dem Bürgersteig lag welkes Laub. Die Häuser traten schemenhaft aus dem Nebel hervor. Als Sewal die Uferpromenade erreichte, verschwanden die Häuser in einem wogenden hellen Grau. Alle Straßenlaternen brannten. Die Verkehrsampeln bildeten rote und grüne Flecken. Die Scheinwerfer der Autos glichen mattem Bernstein.

Die Hunde zerrten an den Leinen. Sie kannten offenbar genau den Weg. Zuerst ging es ein paar Stufen hinunter, dann durch eine Unterführung, die den Fußgängern das Überschreiten der breiten Fahrbahn ersparte, und schließlich durch einen Park, der sich am Seeufer entlangzog und im Sommer stets von Badenden und Spaziergängern belebt war.

Auch Sewal kannte diesen Weg nur zu gut. Wie immer, wenn sie ihn ging, mußte sie daran denken, wie oft die vier Kinder – sie selber, Reg, Amy und Barny Ingram – ihn gegangen waren.

Aber es war besser, nicht an die Vergangenheit, nicht an – Barny zu denken. Was würde die Zukunft ihr bringen? Vielleicht würde sie eines Tages Steve heiraten – vorausgesetzt, sie wünschten es beide. Aber Barny? Nein! Es war besser, nicht an ihn zu denken. Und sicherer.

2

In jenen Tagen hatten die vier Kinder eine feste Einheit gebildet. Sie hatten in demselben Hause gewohnt, der Tagesablauf war für sie alle der gleiche gewesen, und sie waren zusammen aufgewachsen.

Sewal war zuerst dagewesen. Eine Zeitlang war sie das einzige Kind. Und als ihre Mutter gestorben war, war niemand auf den Gedanken gekommen, Sewal fortzuschicken. Man hätte auch gar nicht gewußt, wohin man sie hätte schicken sollen. Der Hauptgrund aber war, daß sie damals als Kind des Hauses angesehen wurde. Als Julius zum zweiten Male heiratete, wäre Gelegenheit gewesen, diese Frage noch einmal aufzunehmen. Das war aber nicht geschehen. Julius’ zweite Gattin brachte dem Kinde die gleiche Liebe entgegen, als wäre es ihr eigenes gewesen. Regs und Amys Geburt hatten an Sewals Stellung im Hause nichts geändert.

Barny war das vierte Kind, das ins Haus kam. Er war indessen schon zwölf Jahre alt, als Cara Ingram ihre Stellung als Haushälterin, Hausdame und Pflegemutter der beiden kleinen Minarys und Sewals antrat. Sie brachte ihren eigenen Sohn mit und war fortan die Frau im Hause. Und sie sollte den Kindern die Mutter ersetzen. Früher war sie mit Sewals Mutter befreundet gewesen. Nach dem Tode ihres Mannes war es ihr wirtschaftlich nicht gutgegangen. Als Julius Minary daher einem Haushalt vorstand, der aus zwei kleinen Kindern und einem Baby bestand, hatte er sich der sympathischen und jetzt verwitweten Cara erinnert.

Sie tat sicherlich ihr Bestes, um ihren Platz auszufüllen. Sie liebte die Kinder und wurde von ihnen geliebt. Und sie sorgte dafür, daß Julius sich in seinem Heim nicht mehr so einsam fühlte. Eine wertvolle Stütze hatte sie in Mrs. Diccon, der gefühlvollen englischen Köchin, die nicht nur vortrefflich für alle sorgte, sondern auch ein ausgezeichnetes Kindermädchen abgab.

Keines der Kinder kam jemals auf den Gedanken, daß sie sich im Laufe der Zeit einmal würden trennen müssen. Barny aber war der erste, der von ihnen ging. Zuerst besuchte er die Schule, dann die Universität, wurde zum Heeresdienst eingezogen und ging schließlich nach Südamerika. Er war also weit von Chikago entfernt. Sewal fand das im Grunde genommen gut. Denn sie wollte durchaus nicht an Barny denken.

Der Weg, den sie verfolgte, führte zwischen Büschen hindurch, hinter denen sie sich als Kinder oft versteckt hatten, und mündete auf der breiten Esplanade. Abgesehen von ihr selber und den Hunden, schien sie verlassen zu sein. Hier, am Rande des Sees, war der Nebel so dicht, daß man in keiner Richtung weit blicken konnte. Sewal ging bis dicht an das Wasser heran, so dicht, daß es hätte gefährlich werden können. Von dem See waren nur wenige Meter sichtbar, dann verschwand er in einem dichten, undurchdringlichen Grau. Das Nebelhorn klagte heiser. Es klang, als befände es sich in ihrer unmittelbaren Nähe. Sewal aber wußte, daß es auf dem weit in den See vorspringenden Marine-Kai stationiert war. Bei nebligem Wetter war sein tiefer, sich in regelmäßigen Abständen wiederholender Klagelaut in dieser Gegend Chikagos ein Ton, an den die Einwohner gewöhnt waren. Man hatte sich so sehr an ihn gewöhnt, daß man ihn eine Zeitlang gar nicht mehr hörte, bis er einem dann plötzlich wieder zum Bewußtsein kam. Julius Minary hatte das Nebelhorn sein ganzes Leben lang von seinem Schlafzimmer im Minaryhause aus hören können.

Hin und wieder hörte Sewal einen anderen Klageton, das tiefe, schwere »Hier bin ich – Vorsicht! Hier bin ich …« eines Seedampfers, der sich dem Ufer mehr genähert hatte, als es bei einem solchen Wetter üblich war. Dichter Nebel auf den Seen war gefährlich. Wie sie es schon als Kind getan hatte, gedachte Sewal auch jetzt in einem kurzen Stoßgebet der Sicherheit der Minaryschiffe. Dabei wußte sie, daß das Schiff, dessen Nebelhorn sich in diesem Augenblick meldete, gar kein Minaryschiff sein konnte. Die Minaryfrachtdampfer verkehrten zwischen Duluth und Gary. In Duluth holten sie das Erz, dann kehrten sie nach Gary zurück, um ihre Ladung zu löschen. Sewal hatte dem Löschen viele Male zugesehen und dabei rötlichen Staub in Kleider und Haar bekommen. Oft hatte Julius sie, als sie noch Kinder waren, zu Dampferfahrten auf den Seen mitgenommen. Sie hatten in den überraschend luxuriös ausgestatteten Kabinen der Offiziere gewohnt. Sewal hatte diese Fahrten sehr geliebt und sie hatte den Michigansee in seiner gewaltigen Ausdehnung und Launenhaftigkeit und auch die kalten Gewässer des Oberen Sees kennengelernt. Sie kannte auch die Gebirgszüge, aus denen das Erz gewonnen wurde, wie das mächtige Mesabi-Gebirge mit den offenen Gruben, die man einst für unerschöpflich gehalten hatte, das Gogebic-, das Marquette- und das Gebirge des Menomonee-Distrikts. Sie lernte auch die Schiffahrtswege und die Linien kennen. Die meisten Frachtschiffe gehörten den Stahlgesellschaften selber. Es war sehr ehrenvoll für die Minary-Linie, daß sie ihre Unabhängigkeit hatte behaupten können.

Ebenso ehrenvoll war es für die Minary-Linie – oder für Julius Minary –, daß sie die lange Depressionszeit überlebte, wo ein ganzes Jahr lang weniger als zwei Millionen Tonnen Erz verschifft wurden, um die Hüttenwerke Amerikas zu füttern. Sewal wußte – Julius hatte es ihr gesagt –, wie niedrig diese Zahl gewesen war, wenn man sie mit den neunundneunzig Millionen Tonnen während eines Spitzenjahres verglich. Sie ahnte, wie er hatte kämpfen müssen, um seine Schiffe, seine Leute, die Minary-Linie behalten zu können. Und er hatte gesiegt. Er hatte nicht nur diese schrecklichen Jahre überlebt, er hatte sogar die Flotte seiner Frachtdampfer vergrößert. Und als der Krieg gekommen war, hatte die Minary-Linie viel dazu beigetragen, Amerika das Erz zu liefern, das es zur Führung des Krieges benötigte.

Sie hatte über die Tonnen Buch geführt, die das nach ihr benannte Schiff »Sewal Blake« transportiert hatte. Das nächste neue Schiff wurde »Amy Minary« getauft. Auch bei der Benennung der Schiffe hatte Sewal als das erste Kind, als die ältere Tochter, gegolten.

Sie spazierte langsam den Uferweg hinunter und dachte an ihr Gespräch mit Amy. Sie wollte und konnte kein Geld von Amy annehmen. Sie hatte schon mehr von Julius empfangen, als sie hatte beanspruchen können. Amys Worte, die ganz impulsiv gewesen waren, beglückten sie aber doch. Sie hoffte nur, Amy würde Reg nicht bereden, die Minary-Linie zu verkaufen.

Sie war noch ein gutes Stück von der Wegbiegung entfernt, bis zu der sie hatte gehen wollen, als Wichtel, der alte Dachshund, plötzlich heftig an der Leine zog, und die Gestalt eines Mannes aus dem Nebel vor ihr auftauchte. Wichtel riß ihr die Leine aus der Hand und schoß davon. Der Mann, der so plötzlich aufgetaucht war, blieb stehen und pfiff. Diesen Pfiff kannte Sewal. Er beugte sich über den sich windenden, den Körper verrenkenden, winselnden Hund, der ihm durchaus das Gesicht und die Hände ablecken wollte. Es war Barny Ingram. Er lachte: »Hallo, Sewal!«

Sein Gesicht, das jetzt deutlicher aus dem Nebel heraustrat, war braun und straff. Seine graugrünen Augen lachten. Seine Brauen bildeten eine dunkle Linie über ihnen. Wichtel sprang immer wieder hoch, um ihm das Gesicht zu lecken. Schließlich nahm Barny ihn in die Arme. Bald war er so nahe herangekommen, daß Sewal ihn hätte berühren können. Jetzt berührte sie ihn. Er war also wirklich und nicht eine durch den Nebel bewirkte Augentäuschung. Er legte seinen freien Arm um ihren Leib, und während der Pudel heftig an der Leine zog und Wichtel vor Wiedersehensfreude quietschte, küßte er sie. Dann stellte er Wichtel auf den Boden und begann die miteinander verflochtenen Leinen zu entwirren. »Wichtel! Gib Ruhe! Ist schon gut, alter Junge! Und du? Was bist du denn für ein kleiner brauner Mop? Bist du etwa der Pudel?«

Sewal hatte sich etwas gefaßt. »Ich kann es nicht glauben … Wann bist du angekommen?«

»Vor etwa einer Stunde. Wenn ich den Nebel hier sehe, dann scheint mir, wir haben Glück gehabt. Wir konnten gerade noch landen, bevor es zu spät war.« Es schien, als wäre er niemals fort gewesen. Er war völlig der alte. Sie kannte jede Linie seines Gesichts, den Ausdruck in seinen Augen, den Klang seiner Stimme.

»Du hast dich nicht verändert«, sagte sie.

»Du auch nicht.« Er schob seinen Arm unter ihren und drehte sie herum. Die Hundeleinen nahm er in seine andere Hand und pfiff. Wichtel machte einen neuen stürmischen Angriff. Der junge französische Pudel, der Barny noch nie gesehen hatte, wußte zwar nicht recht, was eigentlich los war, machte aber mit. »Wenn Mutter uns vor drei Jahren verheiratet hätte, glaubst du, wir würden noch immer miteinander sprechen?« sagte Barny lachend.

Das war echt Barny. Ohne Umschweife spielte er auf ihre letzte Unterredung an. Sie sagte: »Wichtel, kusch dich! Giselle …«

»Es ist nur gut, daß du es rechtzeitig gemerkt hast«, sagte er munter und scheinbar unbeteiligt. Aber sie sah wohl den schnellen Blick, den er ihr zuwarf.

»Du hast es gemerkt.« Sie blickte vor sich hin in die weiße Nebelwand.

Es entstand eine kurze Pause. Er preßte ihren Arm fester an sich wie in den alten Zeiten, da sie so zusammen gegangen waren und von der Zukunft geplaudert hatten. »Mutter wollte uns durchaus an den Altar schleppen. Einer von uns mußte sie bremsen.«

Ja, Cara hatte seit ihrer Kindheit immer wieder von ihrer Heirat gesprochen. »Barnys kleine Braut«, hatte sie Sewal genannt. Vielleicht hätte sie ihren Willen auch durchgesetzt, wenn sie weniger hartnäckig darauf bestanden hätte. Das glaubte Sewal auch heute noch, und sie hatte sich das schon viele Male gesagt. Aber Barny zog es, wie jeder Mann, natürlich vor, sich seine Frau selber auszusuchen.

»Nun ja«, sagte sie ziemlich trocken: »Du hast sie ja tatsächlich gebremst. Weißt du noch, was du sagtest?«

»Weißt du es noch?«

»Du sagtest: ‚Ich muß es dir wohl sagen, Sewal. Ich kann in dir immer nur meine Schwester sehen und dich nur wie eine Schwester liebhaben.‘«

»Spotte nur! Aber du fandest das ja ganz in der Ordnung. Oder nicht?«

Auf diese Frage wollte sie nicht antworten. Sie rief: »Barny, du hast mir ja noch gar nichts erzählt! Was ist denn los? Warum bist du nach Hause gekommen? Warum hast du uns nichts davon geschrieben? Cara …«

»Oh, sie weiß es.«

»Cara weiß es?«

»Du willst doch nicht etwa behaupten, sie habe dir nichts davon gesagt? Warum schwieg sie?« Seine Augen blickten unruhig. »Sie hat mir gekabelt. Sie sagte, sie wünsche, daß ich nach Hause käme. Höre, Sewal! Sie ist doch nicht krank? Oder ist sonst etwas mit ihr los?«

»Oh, nein. Sie ist wie immer. Vaters Tod war für sie ein großer Schock. Aber sie ist ganz wohl.«

Sein Gesicht erhellte sich. »Sie wollte dich überraschen. Das wird es sein. Ich hatte sowieso die Absicht, nach Hause zu kommen. Vor einer Woche habe ich ihr gekabelt. Da bin ich auf ein paar Tage nach New York geflogen, um Geschäfte abzuwickeln, und jetzt bin ich hier. Ich wünschte, ich hätte kommen können, als Julius starb.«

»Das wäre gar nicht möglich gewesen. Es kam so plötzlich.«

»Als ich noch jünger war, habe ich wohl gar nicht recht begriffen, wieviel er für mich und meine Mutter getan hat. Er behandelte mich, als wäre ich eines seiner eigenen Kinder. Er schickte mich zur Schule, kleidete mich und gab mir alles, was ich brauchte. In mancher Hinsicht aber war er wieder gar nicht großzügig.«

Julius Minary war tatsächlich gleichzeitig großzügig und kleinlich gewesen. Er pflegte mit der einen Hand zu geben und mit der anderen wieder wegzunehmen. Das zeigte sich in manchen Kleinigkeiten. So machte er den Kindern zwar unerwartete größere Geldgeschenke, wollte ihnen aber niemals ein regelmäßiges Taschengeld zusichern. Auch prüfte er jeden noch so kleinen Betrag in den Haushaltsbüchern nach, leistete aber sich und den Kindern unbedenklich manchen Luxus.

»Jeder Mensch ist inkonsequent«, sagte Sewal.

»Tatsache aber ist, daß ich alles, was ich jemals besaß, von ihm bekommen habe. Ich wünschte, ich hätte ihn noch einmal gesehen. Übrigens weißt du ja, daß er mir einen Posten anbot.«

»Bei der Minary-Linie?«

Er nickte. »Aber ich nahm ihn nicht an.«

Das hatte Sewal nicht gewußt. Sie blieb stehen und blickte ihn verwundert an. »Warum nicht?«

»Ja, siehst du …« Er zögerte. »Eigentlich war es ja töricht, aber ich dachte, ich hätte schon zuviel bekommen. Es klingt etwas kindlich. Aber ich dachte, ich müßte ihm und auch allen anderen zeigen, daß ich auf meinen eigenen Füßen stehen könne. Ich wollte, daß niemand mir dabei helfen sollte.«

»Oh!« Sie starrte ihn an. »Ich dachte …« Sie brach ab.

»Was dachtest du?«

Sie hatte gedacht, er wäre ihretwegen fortgegangen. Weil Cara zu hartnäckig darauf bestanden hatte, er solle sie heiraten. Weil er Cara nicht hatte verletzen wollen. Und weil er sie nicht hatte verletzen wollen. Da er sie aber auch nicht hatte heiraten wollen, hatte er, wie sie glaubte, die erste beste sich bietende Gelegenheit benutzt und war nach Südamerika gegangen. Sie erwiderte ausweichend: »Ich hatte gedacht, du wolltest von zu Hause fort.«

»In einer Art wollte ich es auch. Aber jetzt … Weißt du, was wir jetzt am dringendsten brauchen? Erz!«

»Und deshalb bist du nach Hause gekommen?«

»Ich gehöre zur Reserve. Vielleicht werde ich eingezogen. Falls ich aber nicht eingezogen werde oder bis dahin, dachte ich, wenn Reg und Steve mich brauchen können …« Er vollendete den Satz nicht, sondern fuhr fort: »Mutter sagt, Steve mache seine Sache ausgezeichnet.«

Steve war Steve Forsyth, der geschäftsführende Vizepräsident der Minary-Linie und einer ihrer Direktoren. Tatsächlich war er alles. Julius Minary hatte ihn angeleitet. Er war mit fünfzehn Jahren als Laufjunge in die Firma eingetreten. Zäh hatte er sich emporgearbeitet und sein ganzes Leben der Minary-Linie gewidmet. Jetzt, wo Julius tot war, war er der einzige, der das Geschäft weiterführen konnte. Reg würde erst noch viel lernen müssen.

»Ich werde mit Reg sprechen«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. »Vielleicht kann er mich einarbeiten …«

»Amy will verkaufen«, unterbrach Sewal ihn.

»Verkaufen? Sie will die Minary-Linie verkaufen?«

»Jedenfalls will sie mit Reg darüber sprechen.«

»Aber das …« Mit gerunzelter Stirn ging er weiter. »Das hätte Julius niemals gebilligt. Es kann unmöglich Amys Ernst sein. Im übrigen kann man eine solche Firma nicht so leicht verkaufen wie eine Tüte mit Erdnüssen. Wo ist Reg jetzt?«

»Er kommt heute nachmittag heim. Er und seine junge Frau. Oh, Barny …« Sie drückte seinen Arm. »Ich kann es nicht glauben. Ich mache nur einen kleinen Spaziergang mit den Hunden und laufe dir in den Weg!«

»Es ist ein richtiger Chikagoer Nebel.« Er seufzte zufrieden. »Ich habe meine Sachen vorausgeschickt und bin zu Fuß gegangen. Ich mußte unbedingt den Nebel und den See genießen. Paß auf! Hier ist der Weg! Beinahe wären wir falsch gegangen. Weißt du noch, Sewal, wie wir uns immer ausmalten, in einer Felsenhöhle hinter dem Buschwerk wären Gangster versteckt?«

‚Ob ich es noch weiß!‘ dachte Sewal. Sie hatte wahrlich nichts vergessen.

Der Weg bis zur Game Street war so kurz, daß Sewal den Eindruck hatte, sie wären gleich nach ihrem Zusammentreffen auch schon zu Hause angelangt. Und doch hatte Barny sie nach vielem gefragt. Und sie hatte ihm geantwortet. Wie geht es Amy? Sie ist schöner denn je. Hat sie viele Freunde? Oh, ja. Und du selber, Sewal? (Diese Frage hatte sie nicht beantwortet. Sie hatte gefühlt, wie es ihr heiß in die Wangen stieg. Aber er hatte sie nicht angeblickt. Er hatte nur weiter gefragt.) Wie geht es Mrs. Diccon? Was macht ihr Mann?

Das Minaryhaus mit seinen Granitquadern und seinem Maßwerk von Ranken und den hohen Fenstern schien nachdenklich auf sie niederzubücken. Barny sagte: »Drollig! Dieses Haus ist für uns beide unser Heim, und doch hat keiner von uns einen Anspruch darauf. Wie oft habe ich mich nach ihm zurückgesehnt!« Er blickte auf Wichtel nieder. »Sie haben dich überfüttert. Komm, alter Junge!«

Wichtel stand wie gewöhnlich am Fuß der Treppe und machte keine Miene, weiterzugehen. Sewal sagte: »Auch ich habe immer dieses Gefühl gehabt.« Sie bückte sich und nahm den alten Hund in die Arme.

Barny warf ihr einen schnellen Blick zu. »Es ist doch aber auch dein Heim, Sewal. Ich sagte, wir hätten beide keinen Anspruch darauf. Aber das stimmt natürlich nicht. Nicht für dich. Du warst ja schon vor uns allen hier. Das entfuhr mir wohl so, weil ich mir gerne einbildete, wir beide säßen in demselben Boot. Das schien uns beide miteinander zu verbinden, so daß wir, ebenso wie Reg und Amy, zueinander gehörten. Es tröstete mich wohl etwas.«

»Genauso fühlte ich dir gegenüber, Barny. Aber wir wollen hineingehen. Cara wird schon auf dich warten.«

Sie schritten die Stufen hinauf, öffneten die Außentür und traten in die Vorhalle mit ihren schönen spanischen Fliesen. Sewal langte schon in ihre Tasche, um den Schlüssel für die innere Tür herauszunehmen, als sie sah, daß Barny einen Schlüssel in der Hand hielt und in das Schloß schob. »Ich trage ihn immer bei mir«, erklärte er lachend.

Aber bevor er noch die Innentür aufschließen konnte, wurde sie aufgerissen. Amy, ein Wirbelwind von golden schimmerndem Haar und roten, leuchtenden Lippen, warf sich auf ihn.

»Barny! Ich habe auf dich schon gewartet. Dein Gepäck ist angekommen. Ich konnte es nicht glauben! Barny!« Sie quietschte vor lauter Freude, als er sie hochhob, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn wild.

Sewal führte die Hunde ins Haus und schloß die Tür.

3

Das Haus war nicht länger einsam. Überall hörte man Stimmen, überall wurde das Licht eingeschaltet, überall herrschte Aufregung. Barnys Gepäck mit den bunten Klebezetteln der amerikanischen Luftlinien lag aufgestapelt in der Diele. Diccon kam herbeigewatschelt. Sein Gang glich dem Wichtels. Er drückte Barny die Hand. Und nun kam auch seine Frau herbeigeeilt. Sie schloß Barny in ihre Arme und küßte ihn. Oben auf dem Treppenabsatz erschien Cara. So schnell sie konnte, lief sie die Treppe hinunter. »Barny!«

Barny eilte ihr entgegen. Seine Arme und seine breiten Schultern verbargen die kleine Cara fast ganz, als sie ihn küßte, lachte und weinte und ihn gleichzeitig mit Fragen überhäufte. Wann war er angekommen? Wie war die Reise? War er auch wirklich ganz gesund? Er würde nun doch nicht wieder fortgehen, nicht wahr?

Barny beruhigte sie. Er wolle dableiben, sagte er. Cara lächelte glücklich und fuhr sich über die Augen. Diccon wandte sich dem Gepäck zu. Er machte einen sehr würdevollen Eindruck, zeigte aber keinen übertriebenen Eifer. Barny sagte: »Das hier nehme ich«, und er griff nach dem schwereren Gepäck. Das leichtere überließ er Diccon, der zweifellos damit gerechnet hatte. »Ich nehme an«, sagte er, während er hinter Barny die Treppe hinaufkeuchte, »Sie werden Ihr altes Zimmer haben wollen, Sir?«

Das »Sir« war ein Zugeständnis in Anbetracht des Umstandes, daß Barny drei Jahre lang fort gewesen und inzwischen älter geworden war. Mrs. Diccon fühlte sich nicht zu einem solchen Zugeständnis verpflichtet. Sie sagte: »Barny, wie steht es mit dem Essen?«

Barny erklärte, er habe vor einiger Zeit im Flugzeug gegessen, aber er habe sehr das Bedürfnis, sich zu waschen. Er verschwand im oberen Stockwerk mit Diccon, der hinter ihm herkeuchte. Cara betupfte wieder ihre Augen mit dem Taschentuch und blickte die anderen mit einem ungewissen Lächeln an. »Er hat sich nicht die Spur verändert. Ich dachte, wir sollten im Salon essen.«

Sie wollte damit sagen, Barnys Rückkehr und Regs Eintreffen mit seiner jungen Frau wären Umstände, bei denen eine gewisse Feierlichkeit wohl angemessen sei. Man mußte das beste Silberzeug auflegen, den besten Wein aus dem Keller holen und das Begrüßungsmahl in dem feierlichen Salon einnehmen. Sewal stellte fest, daß Cara auch ihr neuestes, elegantestes Kleid trug – es war schwarz und so gearbeitet, daß es ihre im Verhältnis zu ihrer Größe etwas gar zu vollen Formen geschickt verhüllte – und daß sie auf ihre Wangen etwas Rouge gelegt hatte.

Sewal zog ihren Mantel aus und machte die Hunde von den Leinen los. Der Pudel stürmte die Treppe hinauf, Wichtel aber überlegte sich die Sache erst und folgte schließlich langsam. Auch Amy rannte nach oben. »Ich werde dir beim Auspacken helfen, Barny«, rief sie.

Mrs. Diccons Gesicht strahlte vor Zufriedenheit. »Es ist wie in alten Zeiten. Alle Kinder sind wieder beisammen.«

»Ja.« Sewal stand auf den Zehenspitzen und blickte in den Spiegel, der hoch über dem Kamin hing. Ihre Augen waren dunkel und unruhig, ihr Haar war wirr und mit Nebelperlen bedeckt. Mrs. Diccon sagte: »Hast du geweint?«

Sewal hatte nicht geweint, aber merkwürdigerweise war ihr nach Weinen zumute. »Nein. Ich bin nur etwas aufgeregt.«

Mrs. Diccon war von dieser Antwort nicht befriedigt. Sie legte sachverständig ihre Hand auf Sewals Wange. »Erkälte dich nur nicht!« Ihre Gedanken wandten sich besorgt nach der Küche. Sie lächelte Sewal liebevoll, aber etwas zerstreut zu und schritt durch die Halle, Sewal folgte Cara in den Salon. Cara stocherte so aufgeregt und energisch in dem Kohlenfeuer herum, daß es auszugehen drohte. Sewal nahm ihr den Feuerhaken aus der rundlichen kleinen Hand.

Eines Tages wurde dieser Raum »Salon« getauft. Aber niemand, der bei Verstand war, konnte auf den Gedanken kommen, ihn einen Wohnraum zu nennen. Julius Minary hatte ihn einrichten lassen, als er Sewals Mutter geheiratet hatte.

Überall sah man glitzernde Kristalleuchter. Elfenbeinfarbene und mit Gold durchwirkte Vorhänge, die der Chikagoer Nebel und Rauch in den verflossenen einundzwanzig Jahren etwas dunkler gefärbt hatte, hingen in eleganten Falten vor den Fenstern. Ein Spiegel reichte von dem Kaminsims aus rotem Marmor bis zur Decke und warf das Licht zurück. Auf dem Kaminsims tickte eine vergoldete französische Stutzuhr unter ihrer Glasglocke. Hier und da sah man elfenbeinfarbenen Satin und blaßgelben Samt. Alles war leicht verblichen. Es war ein sehr zeremonieller Raum. Er stammte aus einer Zeit, wo man es geliebt hatte, sich mit einer solchen Eleganz zu umgeben, wenn man sich zu einer Gesellschaft zusammenfand. Früher hatte hier auch ein Porträt von Julius’ Großmutter gehangen. Er hatte es dem Kunstinstitut zum Geschenk gemacht. Es wurde auch angenommen. Julius war indessen der Meinung gewesen, man habe es nicht mit der Begeisterung begrüßt, die es wohl verdient hätte. Trotzdem versäumte er es nie, die Kinder von Zeit zu Zeit in das Museum zu führen, mit ihnen das Porträt zu betrachten und seine Ansichten darüber zu äußern, wie es eigentlich gehängt werden müßte.