Das Vermächtnis von Malvern Hall: Virginia Love - Band 2 - Patricia Matthews - E-Book

Das Vermächtnis von Malvern Hall: Virginia Love - Band 2 E-Book

Patricia Matthews

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Beschreibung

Zwei Frauen, zwei Schicksale: Die fesselnde Familiensaga »Das Vermächtnis von Malvern Hall« von Patricia Matthews jetzt als eBook bei dotbooks. Virginia, 1737. Seit dem Tod ihres Mannes lebt Hannah mit ihrer Tochter allein auf dem prächtigen Anwesen Malvern Hall. Doch während Michele nach Paris reist, um sich ihren Traum vom Leben als Balletttänzerin zu erfüllen, muss Hannah um die Zukunft ihrer Familie bangen, denn der Plantage droht der finanzielle Ruin: Der einzige Ausweg scheint die Hochzeit mit dem vermögenden Court Wayne. Wider Erwarten weckt der gutaussehende Gentleman bald leidenschaftliche Gefühle in Hannah. Aber ist seine stürmische Liebe aufrichtig – oder benutzt er sie nur, um Malvern Hall in seinen Besitz zu bringen? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde historische Liebesroman »Das Vermächtnis von Malvern Hall« von Patricia Matthews ist der zweite Teil der großen Südstaaten-Saga »Virginia Love«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 423

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Über dieses Buch:

Virginia, 1737. Seit dem Tod ihres Mannes lebt Hannah mit ihrer Tochter allein auf dem prächtigen Anwesen Malvern Hall. Doch während Michele nach Paris reist, um sich ihren Traum vom Leben als Balletttänzerin zu erfüllen, muss Hannah um die Zukunft ihrer Familie bangen, denn der Plantage droht der finanzielle Ruin: Der einzige Ausweg scheint die Hochzeit mit dem vermögenden Court Wayne. Wider Erwarten weckt der gutaussehende Gentleman bald leidenschaftliche Gefühle in Hannah. Aber ist seine stürmische Liebe aufrichtig – oder benutzt er sie nur, um Malvern Hall in seinen Besitz zu bringen?

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und »Der Traum von Malvern Hall«.

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eBook-Neuausgabe November 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1983 unter dem Originaltitel »Dancer of Dreams« bei Pyewacket Corporation, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1985 unter dem Titel »Dornen der Liebe« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1983 by Pyewacket Corporation, New York

Copyright © 2020 Robert Thixton

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1985 Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Anne Donnarumma, Coffeemill, Worraket, HTWE

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-96655-609-5

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Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Patricia Matthews

Das Vermächtnis von Malvern Hall

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ursula Pommer

dotbooks.

Kapitel 1

Deutlich drangen die Cembaloklänge aus dem oberen Zimmer durchs geöffnete Fenster und lenkten Hannah Verner von der Arbeit ab, mit der sie sich gerade beschäftigte.

Sie legte die Feder zwischen die Seiten des aufgeschlagenen Kontobuches und richtete den Blick zur Decke, als nunmehr Andrés Stimme die Musik übertönte: »Nein, nein, Michele! Anmutiger, anmutiger! Mon Dieu, du sollst einen Waldkobold tanzen und nicht ein Stück Holz. Bewege die Arme mit mehr Grazie, ja, so!«

Hannah rieb sich die verspannte Nackenmuskulatur und lächelte versonnen in der Erinnerung an die eigenen Unterrichtsstunden, die sie bei André genossen hatte. War das wirklich schon zwanzig Jahre her? Ja, mindestens. André Leclaire war im Jahre 1717 nach Malvern gekommen, um einem ungeschliffenen, unwissenden jungen Mädchen gute Manieren, Grazie und gesellschaftliche Formen beizubringen. Jetzt schrieb man das Jahr 1737.

Doch obgleich so viele Jahre vergangen waren, hatte André sich wenig verändert. Er war so lebensprühend und so entschieden wie eh und je. Äußere Veränderungen bestanden allenfalls darin, daß er etwas dünner geworden war und sein Gesicht ein paar Falten mehr aufwies. Aber wie unbedeutend war das doch im Vergleich zu der Länge der Zeit, die seitdem verflossen war.

Die Musik da oben wechselte nunmehr das Tempo, wurde langsamer, weicher, ganz wie die warme Frühlingsluft draußen, die sanft den spitzenbesetzten Fenstervorhang bewegte, wie eine Liebkosung. Und das ließ sie wieder an Michael denken. Der Schmerz, den sein Tod ihr bereitet hatte, war auch heute, nach einem halben Jahr, der gleiche. Michael, ihr lebensfroher, blendend aussehender Ehemann, war in einem sinnlosen Unfall ums Leben gekommen.

Mit einer müden Geste schloß Hannah das Kontobuch und erhob sich von ihrem Schreibtischsessel. Es hatte keinen Zweck mehr. Sie konnte sich heute nicht konzentrieren, wenngleich noch so viel Arbeit zu erledigen war. Alles Dinge, um die sich früher Michael gekümmert hatte. Nun mußte sie selbst damit fertig werden.

Sie trat ans offene Fenster und schaute hinaus in den blühenden Garten und über die langgestreckten Felder dahinter. Sie empfand dabei die gleiche Freude, die sie stets beim Anblick dieses Landes erfüllte, das ihr gehörte. Wenn auch Michael nicht mehr da war, Malvern war ihr geblieben. Sie mußte dafür Sorge tragen. Aber heute nicht mehr. Nicht in diesem Augenblick. Die Erinnerung an vergangene, glückliche Zeiten hatte sie überwältigt. Frühling sollte eigentlich verboten werden, dachte sie, zumindest für solche, die den Verlust eines geliebten Menschen betrauern mußten. Frühling, diese Jahreszeit brachte zu viele Erinnerungen mit sich.

Die warme Luft streichelte ihr Gesicht und fächelte ihr die Blumendüfte des Gartens zu. Im Geiste sah sie sich wieder als das junge Mädchen, das sie gewesen war, als sie zum ersten Mal nach Malvern kam. Hannah McCambridge, zerlumpt, verängstigt und erst sechzehn Jahre alt. Doch so jung wie sie war, hatte sie schon mehr ertragen müssen als manch andere Frau in ihrem ganzen Leben. Man hatte sie, ganz jung noch, verschleppt und an einen bösartigen Kneipenbesitzer, Amos Stritch, als Leibeigene verkauft. Aber sie hatte fliehen können. Wie wäre wohl ihr Leben verlaufen, wenn sich Malcom Verner nicht ihrer angenommen und sie, trotz des Alters- und Standesunterschiedes, geheiratet hätte? Ganz sicher wäre sie heute nicht die Herrin von Malvern, dieser Plantage, die sie vom ersten Augenblick an geliebt hatte. Ihre Erinnerung schweifte weiter zurück zu der Zeit, als sie noch ein Kind war. Damals war sie mit ihrer Mutter, auf dem Weg nach Williamsburg, hier vorbeigefahren. Der Anblick des großen, zweistökkigen, strahlend weißen Herrenhauses in der heißen Virginiasonne hatte sie mit Freude und Vergnügen erfüllt. Es lag inmitten alter schattenspendender Bäume, umgeben von großen Wirtschaftsgebäuden, zurückgesetzt von der Straße. Ein großes, schmiedeisernes Tor mit der kunstvollen Inschrift ›Malvern‹ verwehrte den Zugang.

Wer hätte damals gedacht, daß das Armeleutekind eines Tages die Erfüllung seiner Träume erleben und Herrin über all diese Herrlichkeit sein würde?

Hannah schüttelte unwillig den Kopf und versuchte, sich von den Gedanken an die Vergangenheit zu befreien … Malcom Verner war tot. Er war an den Folgen eines Herzanfalls gestorben. Das war nur kurze Zeit nach ihrer Hochzeit gewesen. Aber da war noch Michael Verner, Malcoms einziger Sohn, in den sie sich von Anfang an leidenschaftlich verliebt hatte. Diese tiefe Empfindung überschattete das Gefühl der Dankbarkeit, das sie dem Vater entgegenbrachte. In zweiter Ehe hatte sie dann Michael geheiratet und ihm eine Tochter geboren – Michele.

Und nun hatte Michael sie verlassen, sie und Michele waren zurückgeblieben. Doch das Leben mußte weitergehen, einerlei, wie tief ihr Schmerz über seinen Tod auch war. Geblieben waren ihr Michele und Malvern. Beiden wollte sie sich mit der ganzen Kraft ihres Herzens widmen.

Wieder wandte sie sich dem papierbeladenen Schreibtisch zu. Aber dann, einem plötzlichen Impuls folgend, überlegte sie es sich anders. Sie verließ den Raum, stieg die Stufen zum ersten Stock empor und strebte dem großen Zimmer zu, das mittlerweile als Übungszimmer für Michele eingerichtet worden war.

André war so ein guter Freund, dachte sie gerührt. Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen, daß er wieder bei ihnen war und nun Michele so unterrichtete, wie er seinerzeit sie unterwiesen hatte. Bei ihm lernte sie alle Fertigkeiten, die man als junges Mädchen aus gutem Hause beherrschen mußte, gutes Benehmen, Musik und Tanz. Gewiß war die Aufgabe mit Michele leichter als damals mit ihr selbst. Michele war gleich mit dem richtigen Hintergrund von Wohlhabenheit und Luxus auf die Welt gekommen. Wirkliche Not hatte sie – gottlob – nie kennengelernt.

Damals, als er Hannah unterrichtete, war es wie ein Kampf mit einer kleinen Wildkatze, die noch nie etwas von gesellschaftlichen Formen gehört hatte. Ein eigensinniges, unwissendes Kind war sie gewesen. Hannah mußte bei dem Gedanken lächeln, daß auch Michele es nicht an Eigensinn fehlen ließ und ihrem Lehrer gewiß auch hie und da das Leben schwermachte, so wie ihre Mutter es früher getan hatte.

Die Musik war lauter geworden, sie drang aus der offenen Tür des Übungszimmers, und Hannah konnte jetzt sogar das leise Geräusch der leichten Tanzschuhe hören, die ihre Tochter trug.

Sie stand im Türrahmen und betrachtete die beiden in dem großen, sonnigen Raum. André saß am Cembalo und nickte mit dem Kopf zum Takt der Musik, nach deren Tönen Michele sich im weißen wirbelnden Tanzkleid anmutig bewegte, so, als schwebe sie über den blankpolierten Fußboden dahin.

Hannah hielt den Atem an, während sie ihre einzige Tochter beobachtete. Michele wurde von Tag zu Tag hübscher. Sie war wie eine Rosenknospe, die jeden Tag ein neues Blatt öffnete. Ihr schien, als sähe sie in Michaels Gesicht, in Michaels dunkle Augen, die sie unter einer Flut rotblonden Haares anblickten, unter dem gleichen Haar wie Hannahs eigene Lockenfülle.

»Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei«, rief André, »halte den Takt, Michele. Takthalten!« Er schlug den letzten Akkord an und hob mit einer theatralischen Geste die Hände von den Tasten.

Er gestikuliert um so dramatischer, je älter er wird, wenn das überhaupt noch möglich ist, dachte Hannah, leicht amüsiert.

Michele, erhitzt und rosig, lief auf ihre Mutter zu. Ihre zarte Gestalt spiegelte sich dreifach an den Wänden. André hatte diese Spiegel anbringen lassen, damit Michele jede ihrer Bewegungen kontrollieren und ihre eigenen Fortschritte beobachten konnte. Das junge Mädchen trug ein weißes, ziemlich kurzes Kleid, dessen Saum schon bei der halben Wade endete und schwarze flache Schuhe an ihren winzigen Füßen.

Siebzehn Jahre, dachte Hannah seufzend. Mit achtzehn war ich bereits verheiratet, kurz darauf verwitwet und ein Jahr später schwanger mit Michele. Mein Gott, sie sieht so jung aus …

Und da hatte Michele sie bereits stürmisch umarmt und auf beide Wangen geküßt. Der Duft des warmen Mädchenkörpers und des Rosenparfüms, welches Michele besonders liebte, umhüllte sie.

»Mama, hast du zugeschaut? Wir üben einen neuen Tanz. Fandest du ihn gut?«

Hannah legte den Arm um ihre Tochter. »Ich habe nur den Schluß gesehen, aber es sah sehr hübsch aus. Du tanzt sehr gut, Michele.«

André schnalzte mißbilligend mit der Zunge: »Liebe Hannah, erzählen Sie ihr doch so etwas nicht! Sie hat diesen Tanz gerade erst einstudiert, und sie macht noch viele Fehler dabei. Sie sollten Ihr Lob besser für solche Gelegenheiten aufsparen, wo sie es auch wirklich verdient.«

Michele verzog das Gesicht. »Hör’ nicht auf ihn, Mama. Wenn es nach André ginge, bekäme ich niemals ein freundliches Wort. Aber jeder Mensch braucht nun mal Lob und Ermutigung.« Michele küßte ihre Mutter wiederum auf die Wange und tanzte zur Tür hinaus.

Hannah blickte ihr lächelnd nach.

»Da wir gerade von Ermutigung sprechen«, schalt André, »Sie, liebe Hannah, ermutigen Michele nur noch in ihrem Eigensinn. Mon Dieu, sie ist verwöhnt, schlichtweg verwöhnt!«

Hannah wandte sich ihm zu. Sie machte eine abwehrende Geste: »Mag sein, daß ich sie in dieser und jener Hinsicht verwöhne, ja, aber was machen denn Sie? Sagen Sie, André, ist es nur die Voreingenommenheit einer liebenden Mutter oder ist sie wirklich sehr begabt?«

André warf mit kritischem Gesichtsausdruck den Kopf nach hinten, dabei zwinkerte er jedoch ein ganz klein wenig mit den Augen. »Zwar sind Sie voreingenommen, Milady, aber andererseits haben Sie auch wiederum recht. Sie ist, wie ich Ihnen schon viele Male gesagt habe, ein Naturtalent, die geborene Tänzerin. Und unter meiner Leitung wird sie – naturellement – sogar noch sehr gut werden. Aber Sie dürfen ihr das nie sagen. Das Kind ist eitel genug. Sie ist die Tänzerin, die Sie hätten werden können, Hannah, wenn Sie früher begonnen und länger hätten daran arbeiten können.«

Hannah schüttelte den Kopf. »Nein, André, ich war niemals so graziös, so leicht auf den Füßen. Und selbst, wenn ich die gleiche Grazie gehabt hätte, ich bin zu groß gewachsen, zu robust. Michele hat alle drei Voraussetzungen, den richtigen Körper, die richtige Technik und die notwendige Anmut.«

»Was mich zur Erwähnung dessen bringt, was ich schon lange mit mir herumtrage«, André sprach plötzlich sehr ernst. »Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß es hier wenig Möglichkeiten zur vollen Entfaltung von Micheles Talent gibt, ganz abgesehen davon, daß man es hier auch nicht richtig zu würdigen wüßte …«

Hannah blickte ihn überrascht an. »Ja, das haben Sie allerdings schon öfters erwähnt, aber was soll’s, genügt es nicht, daß Michele gerne tanzt und ihre Freude daran hat? Genügt das etwa nicht?«

Er schüttelte den Kopf: »Nein, liebe Hannah, das genügt keineswegs. Zumindest nicht mehr. Michele ist Ihre Tochter. Sie ist ehrgeizig, sie will etwas aus ihrem Leben machen, und das bedeutet: Sie will tanzen, sie will Berufstänzerin werden.«

»Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß dazu hier in Virginia nur wenig Möglichkeit besteht.«

Er hob die Hand, als wolle er Einspruch erheben. »Ja, ich sagte ›hier, in Virginia‹. Hierzulande ist eine Tänzerin auch gesellschaftlich nicht geachtet, aber in Europa, in England und Frankreich, gilt Tanz als eine ganz besondere Kunstform. Es gibt Balletts, sowohl in Frankreich als auch in England, die nur allzu froh wären, ein Talent wie Michele in ihren Reihen zu haben. Und Sie, liebe Hannah, sollten auch endlich mal etwas mehr von der Welt sehen als das, was Sie bisher kennengelernt haben. Auch das habe ich Ihnen des öfteren gesagt.«

Hannahs erste Reaktion war, André Einhalt zu gebieten. Doch er fuhr fort zu sprechen und gab ihr keine Gelegenheit, ihm ins Wort zu fallen: »Ich habe dies alles schon mit Michele besprochen. Sie würde nur allzugerne fortgehen. Ich habe immer noch viele gute Freunde in Frankreich, die uns weiterhelfen könnten. Ich bin mit den meisten von ihnen über die Jahre hinweg in Briefwechsel geblieben, zum Beispiel auch mit Madame Dubois. Das ist eine Frau mit Vermögen und großem Einfluß. Seit dem Tode ihres Mannes fühlt sie sich einsam und hat uns deshalb schon wiederholt eingeladen. Da sie über ausgezeichnete Beziehungen verfügt, könnte sie Michele von großem Nutzen sein. Außerdem, meine Liebe, sollten auch Sie eine Weile Malvern fernbleiben. Es würde helfen, Ihren Schmerz zu lindern. Ich weiß, wie schwer es für Sie ist, wie sehr Sie Michael geliebt haben. Glauben Sie mir, eine Reise würde Ihnen helfen.«

Hannah, gerührt über seine Anteilnahme, kämpfte mit den Tränen: »Aber haben Sie mir nicht früher einmal gesagt, daß Sie Frankreich seinerzeit verlassen mußten, weil Sie in irgendwelche Schwierigkeiten geraten waren?«

André hob die Brauen und verzog den Mund zu einem kleinen, spöttischen Lächeln: »Ich glaube kaum, daß ich es so wortreich ausgedrückt habe, obwohl es grundsätzlich stimmt. Aber es ist schon so lange her, und ich bin ziemlich sicher, daß meine Jugendsünden von damals schon längst vergessen sind. Hannah, versprechen Sie mir, daß Sie es sich überlegen wollen, ja? Ich kann mir vorstellen, daß Ihr erster Impuls ist, ›nein‹ zu sagen, daß Sie den Gedanken nicht ertragen können, Malvern in der Obhut anderer zurückzulassen. Aber bitte, denken Sie darüber nach, und denken Sie auch an Michele. Sollte man ihr nicht die Chance geben, ein Leben zu führen, wie sie es sich erträumt? Die Chance, die Sie selbst, im gleichen Alter, nicht hatten? Denken Sie an ihre Begabung, die hier nur verschwendet wäre. Bitte, denken Sie gründlich darüber nach.«

Als er sich nun leicht vorbeugte, um sie auf die Wange zu küssen, fühlte sie sich nahezu machtlos dieser Bitte gegenüber. Als sie anschließend langsam die Treppe ins Erdgeschoß hinunterstieg, hörte sie den harten Schlag des Türklopfers an der Haupteingangstür. Wer konnte das um diese Zeit sein?

Sie hörte, wie Jenny, das Hausmädchen, die Türe öffnete, sah, wie das Mädchen sich wieder von der Tür abwandte, einen Briefumschlag in der Hand, den sie ihr jetzt entgegenhielt. »Das kam soeben, Mistreß, ein Bote brachte es aus Williamsburg.«

Hannahs Neugier war nicht allzugroß. Dennoch empfand sie einiges Unbehagen, als sie jetzt den Umschlag in der Hand hielt. Das Papier war zweifellos von teurer Qualität. Die Anschrift war mit zügiger, eleganter Handschrift auf die Vorderseite gesetzt.

Sobald das Mädchen gegangen war, öffnete Hannah den Umschlag und entnahm ihm ein einzelnes Blatt Papier. Zu ihrem Erstaunen handelte es sich um eine Rechnung und ein Revers. Ihr Unbehagen wuchs beim flüchtigen Durchlesen. Es handelte sich in der Tat um eine Rechnung, oder vielmehr um eine Mahnung, die eine überfällige Zahlung in Erinnerung brachte. Eine Zahlung? Sie hielt kurz den Atem an, als sie noch einmal die Schuldsumme las – ein beängstigend hoher Betrag! Als Nachschrift, am unteren Rande der Mitteilung, stand zu lesen: ›Bitte, suchen Sie mich, sobald es Ihnen möglich ist, auf. Hochachtungsvoll Courtney Wayne.‹

Kein Zweifel, hier mußte es sich um einen Irrtum handeln. Andererseits stand deutlich ihr Name auf dem Umschlag ›Mrs. Hannah Verner, Malvern.‹ Was hatte das zu bedeuten?

Voller Besorgnis steckte sie den Brief in ihre Tasche. Sie eilte in den kleinen Raum, der einst Michaels Arbeitszimmer gewesen war und nun als Büro für die geschäftlichen Abwicklungen der Plantage diente.

Hannah hatte noch längst nicht alle Geschäftspapiere gesichtet, die Michael, säuberlich geordnet, in einem Aktenschrank aufbewahrt hatte. Sein Tod hatte sie anfangs nahezu gelähmt. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie sich überhaupt zu irgendwelcher Tätigkeit aufraffen konnte und in der Lage war, die Bücher durchzusehen. Vielleicht gab es unter all diesen Geschäftsdokumenten eines, das ihr Aufklärung verschaffte und diese seltsame, beunruhigende Nachricht des mysteriösen Mr. Courtney Wayne aufhellte?

Es kostete sie den ganzen Nachmittag, bis sie endlich fand, was sie suchte und was sie vollends entsetzte. Es war die Kopie eines Schuldscheins für einen hohen Betrag, für den Michael Malvern als Sicherheit geboten hatte. Er war von Michael noch ganz kurz vor seinem Tode unterzeichnet worden.

Hannah fühlte, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich. Warum hatte er ihr niemals etwas davon gesagt? Doch gleichzeitig erinnerte sie sich, daß Michael sie eigentlich nie mit den geschäftlichen Angelegenheiten der Plantage behelligt hatte, wenngleich diese Geschäfte ihr gar nicht so fremd waren; denn kurz nach seines Vaters Tod hatte sie die Plantage eine Weile selbst führen müssen. Aber als Michael dann kam und sie heirateten, hatte er die Führung übernommen. Er wolle die Geschäfte ausschließlich und ohne die Hilfe eines Aufsehers in die Hand nehmen, hatte er gesagt. Sie hingegen solle sich um die Führung des Haushalts und Micheles Erziehung kümmern.

Die vordringlichste Frage aber war, warum hatte Michael Geld aufgenommen? Zwar hatte es im vergangenen Jahr eine schlechte Ernte gegeben, aber als sie ihre Besorgnis darüber äußerte, hatte Michael ihr versichert, es stünde alles zum Besten. Wenn das gestimmt haben sollte, wenn kein Versehen vorlag, hätte sie nunmehr in der Tat allen Grund, sich Sorgen zu machen.

Ihre Erinnerung ging zurück zu jener Zeit, als Michael mit seinem Vater allein hier lebte, bevor sie selbst nach Malvern kam. Malcom hatte ihr erzählt, daß es eine schlimme Zeit gewesen sei. Michael mußte ein ungestümer Jüngling gewesen sein, vom Spielteufel besessen. Er hatte hohe Schulden gemacht, um seiner Leidenschaft zu frönen. Schließlich hatten Vater und Sohn sich im Streit getrennt. Michael war von zu Hause weggezogen und erst wieder zurückgekommen, als sein Vater Hannah heiratete. War Michael vor seinem Tode der alten Spielleidenschaft verfallen? Sie zwang sich, nicht weiter über diese Möglichkeit nachzudenken. Es erschien ihr wie eine Entweihung ihrer Liebe, und außerdem war dies nicht der Zeitpunkt, um anzuklagen.

Sie mußte, so bald wie möglich, diesen Courtney Wayne aufsuchen. Und bevor sie nicht wußte, um was es sich handelte, würde sie niemandem etwas sagen, nicht einmal André oder Michele.

Michele war vom Übungszimmer sofort in ihr Zimmer am anderen Ende des langen Flures gegangen. Es war ein besonders heißer Tag heute, und sie fühlte sich wie in Schweiß gebadet, aber das war immer so nach dem Tanzen.

Sie wußte, daß André heute ihre Reise nach Frankreich mit ihrer Mutter besprechen wollte, und sie fühlte sich randvoll mit freudiger Erwartung. Ob Mama einwilligen würde? Das mußte sie einfach tun! Michele träumte von Frankreich, von Paris schon seit ihrer Kindheit. Andrés Erzählungen vom französischen Ballett, vom Königshof, vom Theater, von der Oper und dem aufregenden Pariser Leben wurden zur Grundlage all ihrer Kindheitswünsche. Und das waren sie bis heute geblieben.

Michele zog sich das schweißnasse Musselinkleid über den Kopf, streifte die flachen Tanzschuhe von den Füßen und entledigte sich ihrer Unterwäsche.

Lucy, das Zimmermädchen, hatte die Waschschüssel gefüllt und frische Handtücher bereitgelegt. Mit Genuß begann Michele die erfrischende Körperwäsche, während ihre Gedanken noch bei ihrem Lieblingsthema weilten: Sie würden nach Paris gehen, Mama mußte ›ja‹ sagen. Und wenn sie erst einmal in Paris waren, dann, das wußte Michele mit Bestimmtheit, dann würde ihr richtiges Leben seinen Anfang nehmen.

Kapitel 2

Kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages war Hannah bereits unterwegs nach Williamsburg. Immerhin betrug der Weg fast eine halbe Tagereise.

Sie saß allein in der Kutsche, die eine Menge Staub hinter sich ließ. Der Bedienstete auf dem Kutschbock hielt die vier Pferde im leichten Galopp. In der ersten halben Stunde ihrer Fahrt waren es noch die Felder von Malvern, die auf beiden Seiten die Landstraße säumten. Nachdenklich blickte Hannah hinaus in die Weite. Die Feldarbeiter, Männer wie Frauen, waren bereits draußen. Ursprünglich hatte man in Malvern nur Tabak angebaut, doch Tabakanbau laugte den Boden aus. Nach ein paar Ernten mußte man ihn brachliegen lassen, damit er sich wieder erholen konnte. Michael war das wie schiere Verschwendung erschienen, und so hatte er sich kurzerhand entschlossen, die Hälfte der Anbaufläche auf Baumwolle umzustellen. Das war für den amerikanischen Süden noch ziemlich ungewohnt, obwohl es immer mehr Nachfrage auf dem Markt gab.

Es bedurfte einiger Monate harter Arbeit von der Anpflanzung bis zur Ernte. Die zarten Baumwollpflänzchen mußten von Frühling an, durch den Sommer hindurch bis zum Herbst, sorgfältig gepflegt werden, bis endlich die reifen Früchte barsten und ihren flauschigen Inhalt freigaben. Eine Baumwollernte war durch Dürre, Unwetter, Krankheitserreger und Pflanzenschädlinge so leicht zu vernichten. Genau das war im letzten Jahr auch geschehen, kurz bevor Michael ums Leben kam. Ein Hagelschlag hatte zwei Wochen vor dem Pflücktermin alles zerstört.

Doch Michaels Optimismus war ungebrochen. »Es wird noch alles gut, Liebling«, hatte er zu ihr gesagt, »und schau, eines Tages wird ohnehin ein genialer Erfinder kommen, der irgendeine Mechanik konstruiert, die maschinell in der Lage sein wird, den Samen von der Baumwolle zu trennen. Glaub mir, Malverns Zukunft liegt in der Baumwolle.«

Lieber Michael, dachte Hannah wehmütig, er war immer so zukunftsfreudig gewesen, deshalb hatte er wohl auch keine Bedenken gehabt, Malvern als Sicherheit für eine Geldanleihe zu bieten. Ja, wenn er noch gelebt hätte, aber jetzt, wo sie allein war, jetzt bestand höchste Gefahr, Malvern zu verlieren. Sie fröstelte bei diesem Gedanken. Aber nein, das durfte einfach nicht geschehen, sie mußte und würde einen Weg finden, um es zu verhindern.

Als der Wagen schließlich den Außenbezirk von Williamsburg erreichte, saß sie aufrecht, mit angespannten Sinnen, bereit für alles, was noch kommen mochte.

Am Tag zuvor hatte sie John, den schwarzen Diener, nach Courtney Wayne gefragt, denn von allen ihren Angestellten war John derjenige, der am besten über Williamsburg und seine Bewohner Bescheid wußte.

»Master Wayne ist ein Geheimnis für sich, Mistreß«, hatte er geantwortet. »Es ist noch kein Jahr her, daß er sich in Williamsburg niederließ. Er gibt niemandem Auskunft über sich. Man weiß nur, daß er ein vermögender Mann ist. Er bewohnt ein sehr schönes Haus, hat viel Dienerschaft und will offenbar wohnen bleiben, wo er jetzt ist. Aber er ist sehr zurückhaltend, läßt sich mit den anderen Bürgern nicht ein, und über seine Vergangenheit weiß niemand etwas Genaues. Er ist immer fesch angezogen, wenn man ihn außerhalb des Hauses sieht. Und er ist auch kein häßlicher Mann, wirklich nicht, er mag so um die vierzig Jahre alt sein.«

»Aber was für eine Tätigkeit übt er aus? Was ist sein Beruf? Er muß doch irgend etwas tun.«

John hatte nur die Achseln gezuckt. »Er ist eben ein Gentleman mit Vermögen. Mehr weiß man nicht über ihn. Natürlich gibt es auch Gerüchte, daß er der Erbe eines reichen Vaters sei oder auch, daß er einen geheimen Schatz entdeckt und ausgegraben habe. Aber nichts Genaues. Mehr weiß ich auch nicht.«

Hannah blickte aus dem Kutschenfenster, als der Wagen jetzt zum Stehen kam. Sie befanden sich noch etwas außerhalb von Williamsburg, in einer baumbestandenen breiten Straße. Vor ihnen lag ein imposantes, zweistöckiges Ziegelgebäude, dessen kurzgeschorener Rasen von einer niedrigen Hecke begrenzt wurde.

John öffnete die Wagentür und half ihr heraus. Sie strich ein paar Knitterfalten aus ihrem braunen Reisekleid, schüttelte eine Locke aus der Stirn und schritt entschlossen die Stufen zur Eingangstür empor. Auf das Geräusch des Türklopfers erschien sofort ein livrierter Schwarzer, um sie einzulassen.

»Sagen Sie Ihrem Herrn, Hannah Verner wünsche ihn zu sprechen«, ihre Stimme klang schärfer, als sie es beabsichtigte.

Der Mann verneigte sich. »Jawohl, Mistreß Verner, wollen Sie mir bitte folgen?«

Hannah konnte ihre Verblüffung kaum verbergen. Das sah ja aus, als hätte Courtney Wayne sie mit Bestimmtheit erwartet. Sie raffte ihre Röcke und folgte dem Diener einen langen Flur entlang. Der Mann blieb stehen, öffnete eine große Tür und sagte: »Hier ist Mistreß Verner, Sir.«

Eine tiefe Stimme antwortete: »Laß sie eintreten, Noah!«

Noah hielt ihr mit einer Verbeugung die Tür auf, und sie überschritt die Schwelle zu einem riesigen Bibliotheksraum einer hellen Fensterfront, welche den Blick hinaus in einen üppig blühenden Garten freigab.

All dies beobachtete Hannah eher aus dem Augenwinkel heraus, weil ihre volle Aufmerksamkeit vor allem durch den hochgewachsenen Mann beansprucht war, der dort neben einem Schreibtisch stand. Intensiv blaue Augen unter einem dunklen Haarschopf, in dem sich bereits erste Silberfäden zeigten. Eine eher kräftige, gerade Nase beherrschte das gutgeschnittene, kantige Gesicht. Er war, wie Hannah mit einem Blick feststellte, tadellos gekleidet. Spitzenjabot und Spitzenmanschetten am Hemd aus feinem Linnen, Samtweste und Samteskapins, dunkle Strümpfe und mit goldenen Schnallen verzierte Schuhe. Ein Geck, dachte Hannah abfällig, aber andererseits mußte sie zugeben, daß seine männlichen Gesichtszüge und seine beherrschte Haltung gegen diesen flüchtigen ersten Eindruck sprachen. Dieser Mann war eine Persönlichkeit und alles andere als geckenhaft.

»Mistreß Verner?« fragte er verbindlich und deutete eine Verbeugung an. »Ich bin Courtney Wayne. Wollen Sie mir das Vergnügen machen und mein Mittagsgast sein?«

Er wies auf einen reichgedeckten Tisch am offenen Fenster, schneeweißes Linnen und funkelndes Kristall blinkten in der Sonne. Doch Hannah schüttelte entschlossen den Kopf. Was dachte der Mann sich? Glaubte er ernstlich, daß sie unter diesen Umständen mit ihm speisen würde. »Nein, danke«, erwiderte sie kurz, »ich bin nicht hierhergekommen, um mit Ihnen zu dinieren, Sir.«

Er streifte sie mit einem amüsierten Blick. »Aber eine Tasse Tee werden Sie doch gewiß nicht ablehnen, Madame?«

»Nein, danke.« Sie öffnete ihren Beutel und zog sowohl die Mahnung als auch den Schuldschein heraus.

Er indessen überging ihre Distanziertheit. »Darf ich Ihnen meine aufrichtige Anteilnahme ausdrücken?«

»Anteilnahme? Sieht dies etwa nach Anteilnahme aus?« fragte sie empört und warf die Dokumente vor ihm auf den Schreibtisch.

»Nun ja«, meinte er seufzend. »Es tut mir leid, Mrs. Verner, aber ich bin nun einmal Geschäftsmann. Und bei allem Respekt vor Ihrer Trauer, ich habe lange über die Zeit gewartet, fünf Monate, um genau zu sein. Ich hatte, offen gestanden, gehofft, eher etwas von Ihnen zu hören.«

»Ich hatte doch keine Ahnung. Weshalb hat mein Mann dieses Geld überhaupt geliehen, falls er es geliehen hat.«

»Falls er es geliehen hat? Zweifeln Sie an meinem Wort? Sie haben doch wohl eine Kopie des Schuldscheins, den Ihr Mann unterschrieben hat, oder etwa nicht? Ich habe gleichfalls einen solchen Schuldschein, wie Sie sich denken können.«

»Das beantwortet nicht meine Frage. Warum ist mein Mann an Sie herangetreten mit der Bitte, ihm das Geld zu leihen?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, Madame. Wenn er sich schon nicht seiner Ehefrau anvertraute, hatte er erst recht keinen Grund, mich darüber zu informieren. Und falls Sie fragen, warum er zu mir kam, statt zu einem Geldverleiher zu gehen, so kann ich nur sagen, daß ich ihm meine Bereitschaft zu diesem Geschäft von mir aus erklärt habe. Nun ja, nachdem er mir die Plantage als Sicherheit geboten hat, sind Sie als seine Erbin nun auch meine Schuldnerin. Und so hart es Ihnen auch erscheinen mag, ich muß auf der Rückzahlung dieser Schuld bestehen.«

»Dazu muß mir eine gewisse Zeit gelassen werden. Ich weiß doch erst seit Erhalt Ihres Briefes davon.«

Er betrachtete sie kühl. Sein Lächeln war ohne Freundlichkeit: »Wenn Sie wirklich glauben, diese Summe aufbringen zu können, nun wohl, ich bewundere Ihren Mut, Mrs. Verner, und erkläre mich noch einmal bereit, weitere zwei Monate zu warten. Aber dies ist dann auch ein für allemal mein letzter Termin. Und ich werde nicht davon abrücken, haben Sie mich verstanden?«

Sie nickte erleichtert, ihr war, als müßten ihr die Knie versagen, doch sie versuchte, Haltung zu bewahren, und sagte mit fester Stimme: »Bis dahin werden Sie Ihr Geld haben, Sir. Ich verspreche es Ihnen.«

Sie steckte beide Schriftstücke wieder in ihren gehäkelten Beutel und wandte sich zum Gehen.

Courtney Wayne versuchte, sie aufzuhalten: »Meine Einladung besteht nach wie vor. Nun, da der geschäftliche Teil erledigt ist, könnten wir uns doch erfreulicheren Themen zuwenden.«

Hannah schluckte eine scharfe Antwort hinunter und sagte statt dessen nur kühl: »Nein, vielen Dank. Ich muß mich jetzt auf den Heimweg machen.«

Er zuckte die Achseln. »Wie Sie meinen, Madame. Ich werde nach Noah läuten, damit er Ihnen den Weg weist.«

Er blickte der Davonschreitenden lächelnd nach. Stets hatte er intelligente, entschlossene Frauen bewundert, und diese war eine solche. Die meisten Frauen waren für seinen Geschmack viel zu schnell bereit, sich den Männern zu fügen. Es war erfreulich, zur Abwechslung einmal eine Frau kennenzulernen, die eigene Entscheidungen traf.

Außer Hannah Verner hatte er in seinem Leben nur eine einzige solche Frau gekannt, Katharina, seine Frau für drei glückliche Jahre. Rein äußerlich hatten die beiden Frauen nichts gemeinsam. Hannah war groß und eher kräftig gebaut, hellhäutig und rotblond, während Katharina klein und zart gewesen war, eine dunkelhaarige Schönheit, aber beide Frauen besaßen wohl die gleiche Intelligenz und Charakterstärke.

Seufzend wandte Courtney Wayne sich zum Fenster und starrte schwermütig in die blühende Pracht da draußen, verloren in den Gedanken an die geliebte Frau, die ein tückisches Fieber dahingerafft hatte. Er hatte, bevor er Katharina kennenlernte und heiratete, und auch nach ihrem Tode, nie eine andere Frau geliebt. Keine Frau hatte bisher den Vergleich mit ihr standgehalten. Er strich sich über die Stirn, wie kam er jetzt bloß so plötzlich auf diese Gedanken? Und außerdem, hatte ihn der Teufel geritten, als er Hannah Verner noch einen weiteren Zahlungsaufschub zubilligte? In gewisser Weise tat sie ihm ja leid, denn ihre Situation als alleinstehende Frau war schlecht genug. Aber war das ein Grund dafür, daß er sich hatte erweichen lassen? Sie würde den Termin nicht einhalten, würde überhaupt nicht zahlen können. Dann mußte er ohnehin handeln. Denn das stand fest, heutzutage war es für eine Frau ihres Alters einfach unmöglich, so einfach 1500 Pfund aufzubringen.

Weshalb war er überhaupt nach Virginia zurückgekehrt? Er hatte sich doch geschworen, es nie wiedersehen zu wollen. Aber das Heimweh war stärker gewesen. Er hatte sich so lange ohne Wurzeln gefühlt – heimatlos. Er brauchte einen Fleck in der Welt, wo er sich zu Hause fühlen konnte. Und dies war sein Zuhause. Außerdem war hier auch noch einiges zu begleichen, wozu er bisher keine Zeit gefunden hatte.

Ein leises Hüsteln hinter ihm brachte ihn in die Gegenwart zurück. Er wandte den Kopf: »Was ist, Noah?«

»Soll ich das Essen jetzt servieren, Sir?«

»Ja – oder vielmehr nein, ich habe es mir anders überlegt. Ich habe keinen Hunger mehr. Bring mir statt dessen eine Flasche Brandy.«

Als er den Ausdruck der Mißbilligung auf dem dunklen Gesicht bemerkte, ging das Temperament mit ihm durch: »Schau mich nicht so unverschämt an, verdammt noch mal, und tu’, was ich dir sage. Wer ist denn hier der Herr im Haus?«

Rastlose Überlegungen quälten Hannah auf dem Rückweg nach Malvern. Wie sollte sie das Geld für Wayne innerhalb so kurzer Zeit beschaffen? Wie konnte sie Malvern retten? Zum erstenmal bedauerte sie es, daß sie sich den Nachbarn gegenüber immer so reserviert verhalten hatte. Andererseits war sie aber auch nicht willens, sich vor ihnen zu demütigen. Was sie jedoch noch weitaus mehr irritierte, war der Zwiespalt ihrer Gefühle Wayne gegenüber. Zweifellos war er ein Mann ohne Herz, dennoch fand sie ihn, rein äußerlich, äußerst anziehend. Zum erstenmal fühlte sie sich nach dem Tode ihres Mannes zu einem anderen Mann hingezogen. Daß es ausgerechnet ein Mann vom Schlage Courtney Waynes sein mußte, machte sie zornig gegen sich selbst.

Als sie sich endlich Malvern näherte, zwang sie sich, nicht mehr an Courtney Wayne zu denken. Statt dessen überließ sie sich dem tiefen Gefühl der Geborgenheit, das sie immer ergriff, wenn sie des stattlichen Herrenhauses ansichtig wurde. Auch wenn sie nur für ein paar Stunden abwesend war, das Wiedersehen mit Malvern erfüllte sie mit dem immer gleichen Entzücken. Dies war ihr Zuhause.

Aber wie lange noch? mußte sie in plötzlichem Entsetzen denken. Lieber Gott, wie lange noch?

Bedrückt betrat sie die Diele, in der André und Michele sie bereits erwarteten.

»Mama, André hat mir alles gesagt«, jauchzte Michele und erdrückte ihre Mutter fast in ihrer Umarmung.

»Was, um Gottes willen, hat er dir gesagt?« fragte Hannah finster und versuchte, sich aus den Armen ihrer Tochter zu lösen.

»Daß er mit dir über unsere Reise nach Paris gesprochen hat, daß wir alle dorthin gehen und daß du damit einverstanden bist.«

»So, das hat er dir gesagt?« fragte Hannah mit einem erzürnten Seitenblick auf André, der sich aber völlig unbeeindruckt zeigte. »Ich habe mich überhaupt noch nicht damit einverstanden erklärt, Michele. Ich habe nur gesagt, daß ich darüber nachdenken wolle.«

»Das Kind wünscht sich diese Reise so innig, Milady, daß sie natürlich in Übereifer gerät«, versuchte André zu besänftigen. »So hat sie das, was ich ihr sagte, nach ihren Wünschen ausgelegt. Man kann ihr deshalb keine Vorwürfe machen.«

Michele war blaß geworden. »Sagst du etwa nicht ›ja‹, Mama?« fragte sie erschrocken.

»Liebes Kind, ich sagte weder das eine noch das andere, ich wollte erst einmal darüber nachdenken.«

»Aber ich gehe so oder so«, entgegnete Michele in plötzlich erwachtem Trotz und warf den Kopf zurück, »auch wenn du es nicht erlaubst. Du kannst mich nicht aufhalten, Mama.«

Hannah betrachtete ihre Tochter eine Weile schweigend. Wie ähnlich Michele ihr doch war. Im gleichen Alter war Hannah genauso entschlossen, genauso eigensinnig gewesen. Schließlich sagte sie nur noch müde: »Du kannst davonlaufen, wenn du magst, es sei denn … Die Schiffspassage nach Frankreich ist teuer, meine liebe Tochter, wie willst du zu dem erforderlichen Geld kommen?«

»Das wird sich schon finden.«

Hannah war nunmehr total erschöpft: »Falls du so einfach an Geld kommst, Michele, verrate mir doch bitte, wie du das machst, es könnte auch für mich außerordentlich nützlich sein.«

Sie schritt durch die Diele zum Arbeitszimmer.

»Hannah?« André war hinter ihr hergelaufen, einen Ausdruck tiefer Besorgnis in den Augen. »Liebe Hannah, was ist los? Sind Sie in finanziellen Schwierigkeiten?«

Einen Augenblick war sie in Versuchung, sich ihm anzuvertrauen. Er war in all den Jahren so zuverlässig gewesen. Andererseits besaß er nicht den geringsten rechnerischen Sinn. Wozu sollte sie ihn also mit ihren Sorgen belasten?

Beruhigend tätschelte sie seine Hand: »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, André. Sie und Michele – ihr beide – sollt ruhig nach Paris gehen, meinen Segen habt ihr.«

Er lächelte strahlend: »Ist das wirklich wahr, Hannah?«

»Natürlich ist es das, oder habe ich Ihnen jemals schon etwas versprochen, was ich anschließend nicht hielt?« Und im gleichen Augenblick bedauerte sie auch schon, so impulsiv und überstürzt eine Zusage gemacht zu haben. »Nur um eines bitte ich dringend«, fuhr sie fort, »ich werde ein paar Tage, vielleicht auch länger, brauchen, um das Geld für die Schiffspassage aufzubringen. Deshalb wäre ich euch beiden sehr dankbar, wenn ihr mich in dieser Zeit nicht weiter mit Fragen quält, abgemacht?«

»Aber natürlich, Hannah, natürlich«, André strahlte über das ganze Gesicht, »doch Sie haben noch nicht gesagt, daß Sie mit uns reisen.«

»Einer muß hierbleiben und die Geschäfte führen. Außerdem braucht ihr mich dort auch gar nicht, und nun, André, habe ich zu tun.« Sie nickte ihm freundlich zu und schloß die Tür direkt vor seiner Nase. Den Rest des Abends verbrachte sie mit der Durchsicht der Bücher und vorhandenen Geschäftsunterlagen. Es stand schlecht um Malvern, viel schlechter, als sie geahnt hatte. Es war kaum Bargeld vorhanden, aber dafür eine Menge Rechnungen von allen möglichen Geschäftsleuten, und nirgendwo ein Weg, schnell zu Geld zu kommen, keine eigenen offenen Forderungen, nichts. Für gewöhnlich verkaufte ein Pflanzer, wenn er in finanziellen Druck geriet, einige seiner Sklaven. Sie hatte jedoch selbst sehr bald dafür gesorgt, daß die Leibeigenschaft in Malvern aufgehoben wurde. Die Arbeitskräfte, die ihr zur Verfügung standen, waren nun alle freie Menschen und Angestellte des Plantagenbesitzers. Im Gegenteil, sie würde noch Mühe haben, ihnen die Löhne zu zahlen, die ihnen zustanden.

Es gab nur eine Möglichkeit, sie mußte von jemand anderem so viel Geld borgen, um ihre fällige Rate an Wayne pünktlich zu zahlen und bis zur nächsten Baumwollernte irgendwie über die Runden zu kommen. Aber woher? Von wem?

Für die Dauer der nächsten drei Tage war Hannah Tag für Tag in Williamsburg und verbrachte Stunden mit Bittgängen zu den einzelnen Geldverleihern. Einmal begegnete sie dabei Courtney Wayne. Höflich lüftete er seinen Dreispitz und deutete lächelnd eine Verbeugung an. Sein Gesichtsausdruck verriet, daß er sich denken konnte, warum sie hier war.

Am Ende des dritten Tages war sie der Verzweiflung nahe, als sie den Heimweg nach Malvern antrat. Überall war sie mit stets wechselnden Ausreden zurückgewiesen worden. Und hinter jeder Absage, dessen war sie sich sicher, stand der gleiche Grund: Niemand wollte einer Frau Geld leihen.

Sie überlegte, ob sie sich weiter in die Umgebung hinauswagen sollte, nach Jamestown etwa, nach Norfolk oder in die erst kürzlich neugegründete Stadt Richmond. Doch vermutlich war das nur Zeitverschwendung. Wenn die Geldverleiher aus Williamsburg, wo der Name ›Verner‹ doch zumindest bekannt war, sie schon abschlägig beschieden, dann war kaum zu hoffen, daß völlig Fremde anders reagieren würden.

Sie fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Was sie jetzt dringend brauchte, war ein heißes Bad. Als sie aus dem Wagenfenster sah und von ferne André auf den Eingangsstufen des Herrenhauses erblickte, erschrak sie. Sie würde ihm und Michele erklären müssen, warum sie nicht in der Lage war, sie nach Paris reisen zu lassen. Es würde für ihre Tochter eine schlimme Enttäuschung sein, das stand fest, aber je länger sie die Erklärung hinauszögerte, um so schlimmer wurde es.

Als die Kutsche zum Halten kam, eilte André herbei und öffnete den Schlag, um ihr herauszuhelfen, bevor noch John vom Kutschbock geklettert war.

»Hannah«, sagte André hastig und mit gedämpfter Stimme, »ich wollte Ihnen nur sagen, bevor Sie ins Haus gehen, daß Sie drinnen einen Besucher haben, der schon den halben Nachmittag da sitzt und auf Sie wartet. Ich sagte ihm, Sie seien nicht zu Hause. Aber er war eigensinnig wie ein Muli, ließ sich nicht abweisen und sagte, er würde warten. Ja mehr noch, er behauptete, Sie wünschten sogar, ihn zu sehen.« Er zog abfällig die Mundwinkel herab. »Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, warum Sie das wünschen sollten. Er ist ein widerwärtiger Bursche.«

»Wie heißt er denn?«

»Jules Dade.«

Sie runzelte die Brauen und dachte nach. »Tut mir leid, den Namen habe ich noch nie gehört. Aber ich sollte ihn mir zumindest mal ansehen, nachdem er schon so lange gewartet hat.«

»Wenn Sie meinen«, André zuckte die Achseln. »Ich habe ihn in den kleinen Empfangssalon geführt. Da kann er nicht herumschnüffeln. Und ich werde mich in der Nähe aufhalten, meine Liebe, solange Sie mit ihm reden, falls er frech wird und Sie Hilfe brauchen.«

Als Hannah das kleine Empfangszimmer betrat, erhob sich ein untersetzter, ganz in Braun gekleideter Mann, selbst seine Perücke war kaffeebraun. Zwar bewegte er sich betont langsam, als er nunmehr auf sie zutrat, dennoch wirkte er ungeheuer nervös. Auch das Gesicht des Mannes war vierschrötig. Es wirkte verschlossen. Hannah schätzte sein Alter auf Anfang Fünfzig.

»Mrs. Hannah Verner?« fragte er mit ausdrucksloser Stimme.

Ein Blick in diese grauen, eiskalten Augen ließ Hannah unwillkürlich schaudern. »Ja«, bestätigte sie, »ich bin Hannah Verner.«

»Mein Name ist Jules Dade.« Er verneigte sich mit übertriebener Höflichkeit und schwenkte seinen Dreispitz.

»Ihr Name ist mir nicht vertraut, Mr. Dade«, fuhr Hannah fort, »sind Sie fremd hier in Virginia?«

»Ich bin erst kürzlich nach hier zurückgekehrt, Madame. Ursprünglich stamme ich von hier, aber ich war lange abwesend. Ich fuhr jahrelang zur See.«

Immer noch verwundert, stellte Hannah die vorsichtige Frage: »Und was führt Sie zu mir?«

»Ach so«, Dade wippte auf den Fußspitzen, »ja, ich bin hier, um Ihnen meine Dienste anzubieten. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Ihre Dienste? Wie darf ich das verstehen?«

»Es ist mir zur Kenntnis gekommen, daß Sie dringend einen Kredit suchen.«

Sie unterbrach ihn: »Und von wem haben Sie das erfahren?«

»Ach, wissen Sie«, er lächelte dünn, »ich habe da meine Quellen. Geldverleih ist mein jetziger Beruf. Mein finanzieller Hintergrund reicht aus, um hohe Summen zu günstigen Zinsbedingungen abzugeben. Ich weiß zudem, daß Ihre bisherigen Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt waren.«

»Sie scheinen ja gut über meine Angelegenheiten Bescheid zu wissen, Sir.«

Er ignorierte ihre Empörung. »Mrs. Verner, ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen ein generöses Angebot zu einem Zinssatz von drei Prozent machen zu können.« Wieder lächelte er, aber seine Augen blieben gletscherkalt. »Nun, ist das fair oder nicht?«

»So einfach aus der hohlen Hand?« Sie hatte diesem Besucher gegenüber immer noch die größten Bedenken, aber die Aussicht, ihr Problem damit gelöst zu sehen, ließ ihr Herz schneller klopfen. »Und Ihre Bedingungen?«

»Nun ja«, er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und bewegte den Oberkörper langsam vor und zurück: »Natürlich muß ich dafür eine Sicherheit verlangen, Madame, aber das ist lediglich eine Formsache, ähnlich der Absicherung, die Courtney Wayne von Ihnen hatte.«

»Sie kennen Mr. Wayne?«

»Flüchtig, ja.«

»Eine Absicherung …«, sie konnte ihr Mißtrauen nicht verbergen.

»Oh, keine Angst, das ist geschäftsüblicher Brauch. Ich bin sicher, daß Sie in der Lage sein werden, die Schuld zu begleichen. Aber ziehen Sie doch auch bitte in Betracht, Madame – Gott behüte, daß so etwas einträte … Aber es könnte Ihnen ja etwas zustoßen, und deshalb brauche ich eine gewisse Absicherung für die Zukunft.«

»Tja, das ist wohl unumgänglich«, sagte Hannah zögernd.

Ein kaltes Leuchten glomm in Dades Augen. »In der Tat, so ist es der Brauch«, bestätigte er. Er breitete weit seine Hände aus. »Sie werden keine monatlichen Raten zu zahlen haben, Madame. Es ist mir bewußt, daß Sie, als Plantagenbesitzerin, von der Qualität der Ernte abhängen, die Sie einbringen. Deshalb können Sie wohl auch keine Zwischenzahlungen leisten. Ich werde bis zum Zeitpunkt der Ernte auf den vollen Betrag warten. Das ist doch fair, oder?«

Hannah schwieg. Sie zögerte noch. Dade war ihr von Herzen unsympathisch. Aber konnte sie sich eine solche persönliche Abneigung in ihrer augenblicklichen Situation leisten?

»Und welche Sicherheit wollen Sie?«

Er zuckte die Achseln, aber seine Antwort kam prompt, fast überstürzt:

»Für den Fall, daß Sie mir den Betrag schuldig bleiben, oder auch nur einen Teilbetrag, überschreiben Sie mir, zum Ausgleich für nicht erledigte Verbindlichkeiten, die Plantage Malvern.«

Es überraschte Hannah nicht mehr. Das war ja zu erwarten gewesen. Und sie kam sofort zu einer Entscheidung; denn plötzlich war sie sich sicher, fühlte sich stark, wußte, daß sie die Schuld würde zurückzahlen können.

»Also gut, Mr. Dade«, sagte sie kurz, »machen wir das Geschäft.«

»Ah, ausgezeichnet, Madame, ganz ausgezeichnet!« Wieder wippte er auf den Fußspitzen und rieb sich dabei voller Genugtuung die Hände. »Sie werden es gewiß nicht zu bereuen haben!« Kurze Zeit darauf waren die von Dade schon vorbereiteten Papiere unterzeichnet, und Hannah hielt einen Scheck in der Hand.

Als sie Jules Dade hinausgeleitet und die Tür hinter ihm geschlossen hatte, lehnte sie sich erschöpft mit dem Rücken dagegen. Dann hob sie den Kopf und rief: »André, Michele!«

André erschien so schnell, als ob er auf diesen Ruf schon gewartet habe, aus dem Seitenflur. Michele schaute über das Treppengeländer vom ersten Stock herunter: »Was ist, Mama?«

»Packt eure Koffer, ihr beiden. Sobald ich die Passage gebucht habe, könnt ihr nach Frankreich reisen!«

Kapitel 3

Hannah hatte André und Michele bis zum Norfolker Hafen und zum Schiff begleitet. Auf dem Rückweg bat sie John, einen Umweg über Williamsburg zu machen, damit sie Courtney Wayne einen Teil der Summe zurückzahlen konnte, die Michael von ihm geliehen hatte. Sie hatte in letzter Zeit immer häufiger an Wayne denken müssen und war zu dem Schluß gekommen, daß nur ihre Schulden an ihn der Grund dafür seien. Wenn sie die erst einmal los sein würde, gäbe es auch keinen Anlaß mehr, weiter über ihn nachzudenken. Dann würde sie sich mit vermehrter Kraft und Konzentration der Arbeit in Malvern widmen, um auch ihre Schuld an Jules Dade schließlich bezahlen zu können.

Der schwarze Diener Noah öffnete auf ihr Klopfen und zögerte, sie eintreten zu lassen. »Master Wayne ist im Augenblick gerade – beschäftigt, Mistreß Verner. Könnten Sie vielleicht später noch einmal vorbeikommen?«

Hannah schob ihn beiseite. »Ganz unmöglich, ich wohne eine halbe Tagereise von hier entfernt. Außerdem bin ich sicher, daß Mr. Wayne mich gerne empfangen wird. Sagen Sie ihm bitte, daß ich in dringenden Geschäften hier sei.« Sie hatte ärgerlich ihre Stimme erhoben.

Und tatsächlich öffnete sich eine Tür, Courtney Wayne stand in deren Rahmen, sein Haar war ungekämmt, seine Wangen gerötet. Hinter ihm konnte Hannah, im Gegenlicht eines Fensters, eine andere Gestalt erkennen – mit weiblichen Umrissen und offensichtlich unbekleidet.

Wayne schloß hastig die Tür hinter sich. Ganz deutlich war ihm der Schreck in die Glieder gefahren, als er Hannahs ansichtig wurde. »Oh, Mrs. Verner. Wie geht es Ihnen, Madame? Was führt Sie her?«

Insgeheim amüsierte es Hannah, ihn in Verlegenheit zu sehen. Bei ihrem ersten Besuch in diesem Hause war er, ganz im Gegensatz zu heute, die verkörperte Selbstsicherheit gewesen, nahezu arrogant. Immerhin gelang es ihm sehr schnell, auch jetzt seine Fassung zurückzugewinnen.

»Was kann ich für Sie tun, Madame?«

»Oh«, erwiderte Hannah, nicht ohne Bosheit, »ich muß mich wohl entschuldigen, daß ich Sie in Ihren – Geschäften gestört habe, Mr. Wayne. Aber der Anlaß ist immerhin erfreulich. Ich komme, um meine Schulden zu bezahlen.«

Er hob erstaunt die Augenbrauen. »Vielleicht sollten wir in meinem Arbeitszimmer darüber reden. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Oder vielleicht ein Glas Sherry?«

»Nein, danke.«

Er legte die Hand leicht unter ihren Ellbogen und führte sie den Flur entlang zu seinem Arbeitszimmer, und Hannah konnte es nicht ändern, so sehr sie es auch gewünscht hätte – sie empfand einen tiefen, aber angenehmen Schauer bei dieser Berührung.

Sobald sich die Tür des Arbeitszimmers hinter ihnen geschlossen hatte, entnahm sie ihrem gehäkelten Beutel einen Umschlag und zählte ihm hastig die Scheine auf den Tisch. »So, ich glaube, das wär’s. Kann ich bitte eine Quittung darüber haben?« fragte sie kühl.

Er blickte voll Verwunderung auf das ausgebreitete Geld. »Das ist ja unglaublich«, sagte er, »haben Sie im Tresor Ihres verstorbenen Gemahls etwa noch verstecktes Geld gefunden?«

Nun war es an Hannah zu staunen. Der Gedanke, daß Michael irgendwelches Geld vor ihr versteckt haben könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen.

»Nein«, entgegnete sie brüsk, »ich habe es mir irgend woanders geliehen.«

»Geliehen? Soviel mir bekannt ist, hat niemand Ihnen Geld leihen wollen.«

»Sie mögen zwar gut informiert sein, Mr. Wayne«, erwiderte sie gereizt, »aber offenbar doch nicht gut genug.«

»Das scheint so«, bestätigte er trocken, »aber ich hätte jede Summe gewettet …«

»… daß niemand einer Frau auch nur einen Cent leiht«, vollendete sie seinen Satz.

»Ja, genau. Dies erscheint mir sehr ungewöhnlich.«

»Und hierin irrten Sie.«

»Ja, das muß ich zugeben.«

»Sie haben offenbar eine äußerst geringe Meinung von Frauen, Mr. Wayne.«

»Unsere Gesellschaft schließt Frauen vom Geschäftsleben aus, Madame. Das müssen wiederum Sie zugeben.«

»Aber es gibt Ausnahmen«, erwiderte sie stolz, »und ich betrachte mich als eine solche Ausnahme.«

»Dennoch«, er blickte nachdenklich auf das Geld auf seiner Schreibtischplatte, »ich kann es kaum glauben, daß einer der hartgesottenen Williamsburger Geldverleiher das Prinzip gebrochen hat, nach welchem eine Frau eben keinen Kredit erhält.« Er blickte ihr in die Augen, und der Gedanke, der ihm soeben gekommen war, schien ihn zu erleichtern: »Gewiß haben gute Freunde Ihnen ausgeholfen?«

»Nein. Sie irren auch hier, Sir. Da gibt es einen Mr. Dade, der vermutlich mehr Zutrauen zu der Geschäftsfähigkeit einer Frau hat als Sie, Mr. Wayne.«

Er zuckte förmlich zusammen: »Dade? Doch nicht etwa Jules Dade?«

»Genau der.«

»Mrs. Verner«, seine Stimme klang gequält, »Sie haben einen schweren Fehler begangen. Jules Dade hat einen außerordentlich schlechten Ruf: Er ist absolut skrupellos. Das Geld, das er als Verleiher verdient, ist beileibe kein ehrenwert verdientes Geld.«

Ein flüchtiges Gefühl des Entsetzens stieg in ihr auf, aber dann überwog der Zorn: »Auf mich machte er nicht diesen Eindruck, Sir.«

»Na ja.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

Ihr Zorn steigerte sich zur Wut. »Sie scheinen wenig Achtung vor Frauen zu haben, Mr. Wayne.«

»Madame, ich empfinde mehr Respekt und Wohlwollen für Frauen als für Männer.«