Das wahre ´Drama des begabten Kindes` - Martin Miller - E-Book

Das wahre ´Drama des begabten Kindes` E-Book

Martin Miller

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Beschreibung

Mit Büchern wie "Das Drama des begabten Kindes"(1979) oder "Die Revolte des Körpers" wurde Alice Miller als Kindheitsforscherin weltberühmt. Ihr Ansatz von der Macht des verdrängten Kindheitstraumas prägte Millionen. Verborgen blieb dabei, dass sie im Umgang mit den eigenen Kindern vollkommen versagte. In diesem Buch meldet sich nun Martin Miller zu Wort und erzählt erstmals die tragische Lebensgeschichte seiner Mutter, die dem Warschauer Ghetto entkam und nach dem Krieg in der Schweiz ein neues Leben begann, in dem der Sohn weder als Kind noch als Erwachsener Platz hatte. Es ist das spannende Zeugnis einer verzweifelt-zerrütteten Mutter-Sohn-Beziehung.

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Seitenzahl: 189

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Martin Miller

Das wahre ›Drama des begabten Kindes‹

Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken

Impressum

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagfoto: © dpa Picture Alliance / Julika Miller

Fotos im Innenteil: © privat

ISBN (E-Book) 978-3-451-80041-2

ISBN (Buch) 978-3-451-61168-1

Inhalt

Brief meiner Mutter vom 22. November 1987

I. Vorwort

II. Das Ende – kein Grab für Alice Miller

III. Geerbte Identität – die Jüdin

Was meine Mutter erzählte: Die Schmerzen der Kindheit

Was ich herausfand: Alicija Englard und ihre Familie bis 1939

Das wahre Selbst und die subjektive Welt

IV. Verleugnetes Trauma – die Überlebende

Was meine Mutter erzählte: »Ich musste mich umbringen.«

Was ich herausfand: Alice Rostovska – Überleben in Warschau 1939–1945

Überleben mit dem falschen Selbst

V. Erzwungene Liebe – die Ehefrau

Gebändigter Hass – die Ehe meiner Eltern

Die Liebe und das Stockholmsyndrom

VI. Gewählte Fremdheit – die Emigrantin

Das neue Leben in der Schweiz 1946–1985

Sehnsuchtsort Provence 1985–2010

Virtuelle Botschaften aus dem Versteck – das Internet

Von der Unmöglichkeit des Neuanfangs

VII. Gefundene Freiheit – die Kindheitsforscherin

Meine Mutter als Psychoanalytikerin 1953–1978

Der Weg in die Freiheit

Das Glück des Schreibens – »Das Drama des begabten Kindes«

Variationen eines Lebensthemas: Alice Millers Krieg gegen die Eltern

VIII. Vererbtes Leid – die Mutter

Der stumme Zeuge – meine Kindheit und Jugend 1950–1972

Konrad Stettbachers Jüngerin – der verfolgte Sohn 1983–1994

Brief meiner Mutter vom 28. Mai 1998

Der Sohn als Verfolger – die Macht des Kriegstraumas

Das Ende 2009/2010

IX. Geprüftes Wissen – die Therapeutin

Der Wandel der Zeit seit dem »Drama des begabten Kindes«

Das Wissen um die eigene Biografie

Mentalisierung – die Theorie zur Methode Alice Millers

Der wissende Zeuge – die Beziehung zwischen Therapeut und Klient

Was bleibt vom »Drama des begabten Kindes«?

Der letzte Brief meiner Mutter vom 9. April 2010

X. Vom Brechen der Schweigemauer – ein Nachwort von Oliver Schubbe

Danksagung

Brief meiner Mutter vom 22. November 1987

St. Rémy, d. 22.11.87

Lieber Martin,

ich habe 30 Jahre gebraucht, um herauszufinden, dass ich so lange mit einem Mann lebte und 2 Kinder hatte, der mir in diesen vielen Jahren nicht ein einziges Mal zugehört hat + der mich niemals als das, was ich bin, je wahrgenommen hat. Im letzten Moment konnte ich mich vor der endgültigen Selbstzerstörung retten + zum Glück auch Julika. Dich konnte ich nicht retten; ich hatte es versucht: Ich wollte Dir eine Therapie bezahlen, die mir geholfen hat, Realitäten zu sehen, nachdem ich ihnen 60 Jahre lang ausgewichen bin und blind für sie war. Du hast mein Angebot mit großen Gesten ausgeschlagen und wolltest nichts darüber hören. Stattdessen beginnst Du immer mehr das Verhalten deines Vaters zu imitieren, offenbar ohne es zu merken, denn Du bestreitest das heftigst, wenn ich Dich damit konfrontiere.

Warum brauchte ich 30 Jahre, um die Augen zu öffnen? Warum brauchte ich 60 Jahre, um zu sehen, wie grausam, zerstörerisch, ausbeuterisch, durch und durch verlogen und lieblos meine Mutter war? Dass sie systematisch die Liebe und das Leben in mir zerstörte und später d. Gleiche mit meiner Schwester und meinen Neffen tat?

Weil die Verdrängung der Schmerzen aus der Kindheit so unheimlich stark ist + weil ich, um sie aufrechtzuerhalten, lernen musste, nichts zu merken, nicht zu fühlen + den verlogenen Versicherungen, sie würde mich »lieben«, zu glauben. Ich musste auch sehr früh lernen, zu helfen und verstehen zu wollen, wo nur Abscheu die einzige adäquate Reaktion gewesen wäre: Abscheu und Flucht zu anderen, liebesfähigeren Menschen. Aber mein Schicksal gab mir diese Möglichkeit nicht. Es gab für mich kein Entrinnen; ich wurde schließlich noch zur Retterin meiner Mutter, und als ich nach d. Krieg meinte, mich ihr endlich entziehen zu können, flüchtete ich zu einem Menschen, der ähnlich wie sie mit mir umging und den ich wieder retten + zum Leben erlösen wollte, damit er mich und die Kinder endlich leben ließe.

Aber man kann dem anderen nicht helfen, wenn er sich gar nicht in Frage stellen kann und sich großartig fühlen muss. Man kann auch den anderen nicht ändern, nur einzig und allein sich selber. Und nur, wenn man es wirklich will.

Diesen Willen hatte ich, weil ich trotz meiner Blindheit irgendwie ahnen musste, dass nicht alle Menschen so zerstörerisch sind wie meine Mutter und dass es verbrecherisch ist, auf Kosten der eigenen Kinder oder anderer Menschen, seine Macht aufzubauen. Ich sage jetzt, ich ahnte es, weil ich seit je auf keinen Fall so werden wollte, wie meine Mutter. Jede, auch die leiseste Ähnlichkeit, brachte mich in Verzweiflung, wenn ich sie realisierte, und ich ruhte nicht, bis ich sie auflösen konnte, indem ich die Situation mit dem anderen klären konnte – etwas, was meine Mutter niemals tat. Aber ich wusste im Grunde nicht, warum ich mich nicht mit ihr identifizieren wollte. Ich hatte Angst vor diesem Wissen. Niemals hätte ich früher denken und sagen dürfen: meine Mutter war ein grausamer Mensch, sie hat das Leben ihrer beiden Kinder ohne eine Spur des schlechten Gewissens zerstört und hielt sich für liebend und sorgend. Doch ich trug diese Wahrheit in mir, ich ahnte sie und suchte mein Leben lang nach Mitteln, die mir geholfen hätten, die Verdrängung aufzuheben.

Ich suchte sie vergeblich. In der Philosophie und in der Psychoanalyse. Dank dem Schreiben und Malen bekam die Wahrheit zuerst vage Konturen, und schließlich gelang es mir, in meiner Therapie, die volle Wahrheit über meine Kindheit zu entdecken.

Unter den vielen Menschen, die mir schreiben, finden sich immer wieder einzelne, die unbedingt wissenwollen, was ihnen einst geschah, und sehr viele, die auf keinen Fall wissen wollen, die sich mit d. Verdrängung ihrer Wahrheit gut arrangiert haben, sei es durch intellektuelle Abwehr, sei es durch destruktives Verhalten auf Kosten anderer, sei es durch Selbstzerstörung in Sucht. Sehr häufig finden sich alle drei Arten der Abwehr bei der gleichen Person.

Als Du im Juni hier warst, lebte in mir die Hoffnung auf, dass Du die Kraft + den Willen finden willst, Deine Gefühle zu leben, Deine Geschichte zu finden, Dein Kindheitsleiden aufzuspüren, es zu erkennen und Dich schließlich so von Deinen destruktiven und selbstdestruktiven Mustern zu befreien, bevor du selber Kinder hast und eine Familie gründest. Es schien mir, dass sich dein Herz in dieser Landschaft hier öffnen könnte und Du dem kleinen Martin vielleicht erlauben würdest, zu leben. Diese Hoffnung hat sich bei Deinem letzten Besuch nicht mehr aufrechterhalten lassen. Du scheinst es nicht, oder noch nicht, zu ahnen, was Dir eigentlich geschehen war. Du bist daher in Gefahr, andere für Deine Blindheit leiden zu lassen und dies als ganz richtig und normal zu empfinden.

Nach einer Pause von einigen Monaten fängst Du wieder an, mir die mir so bekannten Muster vor Augen zu führen: bei mir Deine geballte Wut auszulassen und dies umso mehr und ungehemmter, je freundlicher und herzlicher ich Dir begegne. Und jeder Versuch einer Klärung prallt an Deinem Geschrei ab – das Dich vorm Zuhören schützt.

Dieses Verhalten haben Deine Zellen früh gespeichert, aber Du hast dessen Bosheit offenbar nicht durchschaut, sonst wärst Du jetzt nicht so ahnungslos, wenn man Dich damit konfrontiert: Wie jetzt meine Herzlichkeit bei Dir, ist auch einst Deine kindliche Herzlichkeit mit Schlägen guttiert worden. Dass diese Schläge mit Versicherungen der Liebe und »Sorge um Dich« einhergingen, machte die Verwirrung noch größer. Denn du glaubtest diesen Versicherungen! Wie jedes Kind musstest du bei der Bratwurst vergessen, wie die Schläge wehgetan hatten. Aber Dein Gehirn hat das eine mit dem anderen gekoppelt und gespeichert: die Schläge und die Bratwurst (oder Schoggi oder Mohrenkopf). Und in Deinem Verhalten mir gegenüber lässt Du mich beides spüren, als wäre ich der kleine Martin und Du der große Boss, der mir nach Lust und Laune abwechselnd »Liebe« und Schläge verteilt und ahnungslos bleiben will.

Du leistest Dir dieses Verhalten bei mir nur, weil ich das Kind vertrete, keine Macht ausübe, Dich nicht erpresse, Dir keine panischen Ängste einjage und für das Gespräch mit Dir immer wieder bereit bin. Ich stehe zu meiner Haltung, aber die Rolle des Opfers kann und will ich nicht übernehmen. Ich lasse mich nicht mehr quälen und verführen, nicht einmal von meinem Sohn, zumal ich weiß, dass ihm das überhaupt nicht nützen würde. Solange Du Opfer findest, bleibt der kleine Martin eingesperrt und gefühllos, und Du meinst dem anderen etwas vorführen und vormachen zu können, das kaum jemand Dir auf die Länge abkaufen wird. Denn die Leere ist allzu deutlich spürbar, wenn das Kind in einem selber endgültig erdrosselt ist. Das habe ich zu Genüge erfahren. Auch die »tollsten« Rollen sind nur Fassaden + bleiben erbärmlich, wenn nicht lächerlich.

Du behandelst mich manchmal mit einem derart spürbaren Hass, als wäre ich einst Dein Verfolger gewesen. Das war ich aber nicht. Mit Sicherheit habe ich Deine Bedürfnisse nach Geborgenheit und Schutz nicht befriedigt, habe Dir vieles nicht geben können, was du brauchtest, und habe selber unter dieser Unfähigkeit gelitten. Dass ich als ungeliebtes Kind unfähig war, Dir genug Liebe zu geben, kann ich heute sehen. Aber dass entband mich nicht von der Verantwortung, die ich einging, als ich ein Kind haben wollte.

Du sagtest mir einmal, dass Dich dein Vater stets in meiner Abwesenheit geschlagen hatte. Das hätte ich erraten oder ahnen müssen und Dich nicht allein dieser Macht fahrlässig ausliefern dürfen. Und wäre ich selber einst ein beschütztes Kind gewesen, meine Antennen hätten mich gewarnt! Denn ich hatte ja genug gesehen, was sich in meiner Anwesenheit abspielte. Ich hätte Dich also als Kind unbedingt vor den Schlägen Deines Vaters schützen müssen. Dass ich zu wenig Mut hatte, die Wahrheit zu sehen und zu ertragen, vermindert nicht meine reale Schuld Dir gegenüber. Ich würde daher den Vorwurf akzeptieren, dass ich Dich tatenlos Misshandlungen überließ, weil dieser Vorwurf berechtigt und begründet ist. Auch alle anderen Vorwürfe, die begründet sind, kannst Du mir machen und sie überprüfen. Ich würde Dir Rede und Antwort niemals verweigern.

Aber ich weigere mich, für die unterdrückte Wut, die seine Schläge in Dir verursacht haben, das Ventil zu sein. Und ich weigere mich, das Kind zu sein, das Du auf den Kopf schlägst, aus welchen Gründen auch immer Du es tun musst. Denn ich war nicht Dein Verfolger.

Es war sehr traurig für mich, dass all meine Versuche, mit Dir hier ins Gespräch zu kommen und Fakten zu klären, an einer dicken Mauer abgeprallt sind. Aber das ließ sich noch als Abwehr meiner Vorwürfe irgendwie einordnen. Denn schließlich habe ich Dir Vorwürfe gemacht; dazu stehe ich.

Doch viel trauriger war für mich die Feststellung, dass Du mich manchmal aus heiterem Himmel angefahren hast, ohne dass ich Dir den geringsten Anlass dazu gegeben hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, Du würdest mich so behandeln, wie Dein Vater mich behandelt hatte, sondern dass Du mich in der gleichen Art traktierst, wie er mit Dir umgegangen ist. Denn ich fühlte mich plötzlich, einen Moment lang, wie ein von ihm total zerstampftes Kind, was ich ja selber nie bei ihm war; aber ich habe beobachten können, wie er mit Dir umging.

Es hat mich erschreckt und sehr nachdenklich gemacht, dass Dir Deine neu erworbenen und daher reversiblen Automatismen gar nicht aufzufallen scheinen (man würde meinen: überhaupt nicht), dass du Dein heutiges Verhalten als ganz normal und richtig einzuschätzen scheinst (und damit auch seines rechtfertigst) und kein Interesse zeigst, irgend etwas daran zu ändern. Hast Du Dich je gefragt, welchen Preis Du für Deine Verdrängung zahlst?

Es ist ein tragisches Schicksal, einen Vater zu haben, der ein hilfloses Kind schlägt. Dafür kannst du nichts. Aber als Erwachsener nicht sehen zu wollen, wie er ist, und für diese Blindheit seine Entwicklungschancen und Reifungsmöglichkeiten zu opfern, sich langsam selber in diesen Vater zu verwandeln, um ihn zu schützen und zu schonen – das ist nicht Schicksal. Das muss nicht so sein. Es ist vielmehr eine destruktive und selbstdestruktive Entscheidung, für die Du als Erwachsener selber die volle Verantwortung trägst.

Ich wollte Dir diesen Brief zum Testament legen, um mir Dein Nichtverstehen zu ersparen, weil ich weiß, wie Du bei der leisesten Erwähnung Deines Vaters reagierst. Du schließt Deine Ohren ab und denkst: »Die beiden sollten sich ohne mich bekämpfen.« Weil Du von beiden Seiten nur Böses über den anderen hörst. Aber so sehr dieser Vergleich und diese Gleichstellung für einen fremden Ahnungslosen stimmen mag, für mich hinkt er gewaltig. Denn ich habe seit langem kein Bedürfnis mehr, mich an diesem Mann zu rächen. Aber ich habe ein Bedürfnis, + dies umso stärker je mehr ich sehe, meine Kinder zu schützen.

Daher entschloss ich mich, Dir diesen Brief jetzt zu schicken. Ich will, wenn irgendwie möglich, Deine Kinder davor bewahren, für den Fluch meiner und Deiner Kindheit auch noch leiden zu müssen. Dies lässt sich nur vermeiden, wenn du einmal aus Deinem Schlaf erwachst + anfängst, die Realitäten um Dich herum + in Dir zu sehen.

Das wünscht Dir von Herzen Deine Mutter

I. Vorwort

Als ich einige Wochen nach dem Tode meiner Mutter die Gelegenheit erhielt, dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel ein Interview zu geben, entwickelte sich folgender kurzer Dialog mit den Interviewern Elke Schmitter und Philipp Oehmke, der mich bis zum Schreiben dieses Buches nicht mehr losließ:

»SPIEGEL: Sie sagen, Ihre Mutter hat eine Lebensarbeit darauf begründet, Wege zu finden, Traumata bei anderen Menschen freizulegen, und hat bei sich selbst keinen Weg gekannt, über ihre eigenen mit ihrem Sohn zu sprechen?

Miller: Ich habe unzählige Versuche unternommen, mit ihr darüber zu reden. Genau wie Sie jetzt mit mir. Aber ich habe auf Granit gebissen. Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen. Ich bin nicht nur ihr Sohn, ich bin auch Therapeut, also jemand, der Biografien studiert und sich damit auseinandersetzt, aber ich bin nicht durchgedrungen. Irgendwann akzeptiert man das. Dieses Abblocken hat es mir auch unmöglich gemacht, meiner Mutter in den letzten 30 Jahren näherzukommen. Das musste ich hinnehmen.

SPIEGEL: Ihre Mutter schuf ein einzigartiges Werk, das sagt: Dem Traumatisierten kann die Psychoanalyse nicht helfen. Aber es gibt einen anderen, selbständigen Weg, die Verdrängungen der Kindheit aufzulösen und wieder lebendig zu werden – und ich versuche ihn euch zu zeigen. Jetzt stellen wir fest, nachdem wir zehn Minuten miteinander geredet haben, dass Ihre Mutter einen wichtigen Punkt ihrer Biografie in ihrem Werk nicht einmal berührt. Dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte.

Miller: Auch wenn sie so viele Dinge richtig gesehen hat in ihren Büchern. Es ist meine persönliche Tragödie, dass ich es als Kind von Eltern der Kriegsgeneration nicht geschafft habe, eine emotionale Beziehung zu meinen Eltern aufzubauen.

SPIEGEL: Helfen Sie uns: Ist Beziehungslosigkeit nicht genau das, was Ihre Mutter als elterliche Grausamkeit und Grund für Deformationen gebrandmarkt hat?« (Der Spiegel, 18/2010)

Damals wäre mir nicht im Traum in den Sinn gekommen, über meine Mutter ein Buch zu schreiben. Zu fremd war sie mir als beschreibbare Person. Erst nachdem ich im Herbst 2010 bei der Buchmesse in Frankfurt einen amerikanischen Verleger ihrer Bücher kennengelernt hatte, begann ich ernsthaft darüber nachzudenken. Er vermittelte mir den Eindruck, dass es für mich und die Leser meiner Mutter ein großer Gewinn sein könnte, ein Buch über sie zu schreiben. Dieses Gespräch arbeitete in mir und löste sehr widersprüchliche Gefühle aus. Zunächst spürte ich eine starke Ablehnung und hielt die Idee, ein Buch zu schreiben, für vollkommen absurd. Doch trotz der immensen emotionalen Widerstände ließ sie mich nicht mehr los und ich beschloss widerstrebend, dieses schwierige Projekt in Angriff zu nehmen.

Ein erstes Problem war – ich wusste viel zu wenig über meine Mutter: Alice Miller – ich werde in diesem Buch über meine Mutter oft in der dritten Person sprechen – hat ihre Lebensgeschichte Zeit ihres Lebens unter Verschluss gehalten, aus ihrem Privatleben ein gut gehütetes Geheimnis gemacht. Vor allem die Jahre während des Krieges behielt sie für sich. Meine Mutter hat, so viel ist bekannt, als Jüdin den Zweiten Weltkrieg in Warschau überlebt. Aber gesprochen hat sie über diese Zeit eigentlich nie, höchstens verklausuliert oder literarisch verfremdet. Auch mir hat sie davon kaum etwas erzählt, erst mit 41 Jahren erfuhr ich das eine oder andere Detail. In meiner Kindheit und Jugend wurde alles Jüdische, aber auch alles Polnische, von mir ferngehalten. Weder die polnische Sprache, die Muttersprache meiner Eltern, lernte ich, noch wurde mir irgendetwas über jüdische Kultur beigebracht. Ich wuchs quasi als kulturelles Kunstprodukt auf und wurde als Schweizer erzogen, als Bürger eines für meine Eltern im Grunde fremden Landes. Wie bei Überlebenden typisch, repräsentierte ich den sogenannten Neuanfang nach dem Überleben. Das ist die eine Seite.

So wenig ich also über diese Fakten wusste, so viel habe ich, das ist mir heute nach den Recherchen zu diesem Buch klar, vom nie thematisierten Elend meiner Mutter mitbekommen. Aus Studien über Kinder, deren Eltern den Holocaust überlebt haben, weiß man, dass sie von ihren Eltern sehr vereinnahmt werden. Sie müssen das emotionale Gegenüber repräsentieren, das in der schlimmen Zeit gefehlt hat. Die Kinder werden Halt und Existenzgrundlage der Eltern. Man nennt diesen Vorgang, die Umkehrung des Eltern-Kind-Verhältnisses, Parentifizierung. Eltern greifen, geplagt durch traumatisch bedingte Intrusionen, auf die emotionale Unterstützung durch ihre Kinder zurück. Wie meine Mutter in ihrem ersten Buch »Das Drama des begabten Kindes« ja hervorragend beschrieb, haben Kinder eine außerordentliche Begabung, elterliche Bedürfnisse auch nonverbal genial zu erfassen. Sie verstehen perfekt, was von ihnen erwartet wird, und verhalten sich entsprechend. Das habe ich auch getan.

Die Beziehung zu meiner Mutter – so kann ich es heute endlich verstehen – hatte alle Charakteristika einer solch verdrehten Beziehung. Dazu kam die Weitergabe der verdrängten Verfolgungstraumatisierung. Sprich, meine Mutter und ich waren uns auf eine neurotische Weise sehr nahe, hatten eine enge Bindung durch eine vereinnahmende Nähe. Auf diese Weise wurde ich emotional ein Teil der Holocausterfahrung meiner Mutter – natürlich ohne es zu wissen. Als Kind und als Erwachsener. Ich wurde Zeuge, ja, Teil des Kriegstraumas, ohne zu wissen, was eigentlich passiert war. Ich wurde Teilnehmer einer Leidensgeschichte, obwohl oder gerade weil sie mir unbekannt war. Ich durchlebte quasi die Verfolgung meiner Mutter durch die Nazis, die Folgen dieser Verfolgung im Blindflug.

Henryk Broder (geboren 1946), der deutsche Buchautor und Publizist, schildert 1982 in dem Film »Leben nach dem Überleben« von Erwin Leiser sein Schicksal als Kind von Eltern, die den Holocaust überlebten, folgendermaßen: »Ich hatte das immerwährende Gefühl, als ob ich in ein mir unbekanntes, unsichtbares, aber mich schwer belastendes Koordinatensystem des Schreckens eingespannt wäre, gegen das ich mich nicht wehren kann.« Ich erkenne mich wieder in diesen Sätzen.

Ich erinnere mich, dass wir Verwandte in Zürich besuchten und dass ich in deren Wohnung Gegenstände sah, die mir fremd waren. Magisch zogen mich die Holzfiguren auf der Anrichte an, die orthodoxe jüdische Männer darstellten. Dort stand ebenfalls ein Chanukkaleuchter. Doch nie habe ich gewagt, jemanden zu fragen, was das alles zu bedeuten habe. Das unausgesprochene Verbot zu fragen wirkte total. Immer wieder, auch als Erwachsener, wurde ich mit der Angst meiner Mutter konfrontiert, dass jemand etwas Privates von ihr erfahren könnte. Bis zu ihrem Tod achtete sie peinlichst darauf, dass nichts Persönliches an die Öffentlichkeit geriet.

Erst das erwähnte Spiegel-Interview und die Idee des amerikanischen Verlegers erschütterten diesen absoluten Gehorsam gegenüber meiner Mutter nachhaltig.

Denn trotz aller Schuldgefühle ahnte ich, dass es um viel mehr ging als um die Frage, ob es richtig sei, den Lesern meiner Mutter ihre Lebensgeschichte weiter vorzuenthalten. Es ging für mich vielmehr darum, ob ich es endlich wagen würde, meine eigene Geschichte zu erforschen, ob ich es wagen konnte, meine biografischen Wurzeln zu entdecken.

Ich kenne ja die Bücher meiner Mutter. In »Abbruch der Schweigemauer« (1990) empfiehlt Alice Miller allen Lesern, ihre Wahrheit, ihre Geschichte aufzudecken und Verdrängungen aufzulösen. Ich stellte nun fest, dass ich trotz langjähriger eigener Therapie und jahrzehntelanger Erfahrung in der Arbeit als Therapeut für ein solches Projekt nicht nur eine Schweigemauer zu überwinden hatte, sondern auch eine riesige Mauer von Schuldgefühlen.

In dieser emotionalen Verfassung nahm ich den ersten Anlauf zu diesem Buch. Beim Schreiben kamen viele lang vergessene Erinnerungen hoch, und ich glaubte tatsächlich, ich würde das Leben meiner Mutter beschreiben. Erst in der Diskussion mit meiner Lektorin Evamaria Bohle wurde mir bewusst, dass ich in einer Rollenkonfusion steckte, dass ich vorwiegend mein emotionales Erleben mit meiner Mutter schilderte und dass die »Fakten« durchtränkt waren von den Wertungen, die meine Mutter an mich weitergegeben hatte.

Ich begann noch einmal von vorne, besuchte Zeitzeuginnen, noch lebende Verwandte meiner Mutter – ihre Cousinen Irenka und Ala in Amerika. Es eröffnete sich mir eine wundersame, interessante und bis dahin unbekannte Welt, in der meine Mutter vor dem Krieg aufgewachsen war und die dann durch den Zweiten Weltkrieg und die Verfolgung der Juden durch die Nazis brutal vernichtet wurde. Heute bin ich davon überzeugt, dass die Unfähigkeit Alice Millers, für mich eine liebevolle Mutter zu sein, in dem fest abgekapselten Trauma der Verfolgungsjahre von 1939 bis 1945 begründet liegt. Ich wundere mich inzwischen schon, wie es meine Mutter schaffen konnte, in ihrem Buch »Am Anfang war Erziehung« (1980) so sachlich über die Kindheit von Adolf Hitler zu schreiben. Besonders absurd wirkt es auf mich, wie in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Kritiken zu diesem Buch meiner Mutter immer wieder der Vorwurf gemacht wurde, die Taten Hitlers zu bagatellisieren. Besser kann man seine eigene Vergangenheit nicht mehr verstecken und verdrängen.

Der Abbruch der Schweigemauer, ein komplexes Unterfangen

Neben die faktischen Probleme der Recherche gesellten sich immense Schuldgefühle. Mit dem Schreiben des Buches beging ich eine Grenzverletzung, ich brach ein Tabu, überschritt eine Linie, die zu überqueren mir immer verboten gewesen war. Wie sehr meine Mutter bemüht war, ihre Lebensgeschichte unter Verschluss zu halten, und wie rabiat sie werden konnte, wenn jemand ihrem Geheimnis auf die Spur kam, zeigt das Erlebnis des amerikanischen Schriftstellers und Psychoanalytikers Jeffrey Masson. Im Internet kommentierte Masson einen Artikel von Daphne Merkin mit dem Titel »Private Drama. Alice Miller was an authority on childhood trauma, but she stayed mum about her own« (2010): »Sehr interessanter Artikel! (…) Nur eine kleine Anmerkung: Ich habe nicht nur »geglaubt«, Alice Miller wäre jüdisch, ich wusste es, sie hat es mir gesagt. Sie hat mit meiner damaligen Frau, Therese Claire Masson, die ja auch Jüdin war und aus Warschau stammte (sie war als Kind im Warschauer Getto), viel über dieses Thema geredet. Obwohl sie meistens Polnisch sprachen, habe ich mich oft dazugesellt, weil ich vom Thema Holocaust geradezu besessen war. Als Alice Miller mich dann bat,