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Das wäre alles E-Book

Daniel Kröning

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Beschreibung

Deutschland. 2010. Morris, ein geheimnisvoller junger Brite, grübelt über die magischsten Momente der Menschheit, blickt dabei zugleich in Vergangenheit und Gegenwart. Zweifel schleichen sich ein, er betrachtet die Widersprüchlichkeit und Rasanz einer aus den Fugen geratenen Welt. Eine teuflische Theorie entsteht: Er stellt eine flammende Botschaft ins Web, mit der der gesamte Planet in Unruhe gerät. Ein illustres Kabinett aus skurrilen Figuren, irrwitziger Helden und unersetzlichen Genies ist schnell zur Stelle. Die Lawine unserer größten Legenden, Poeten und Ikonen wälzt sich zum Sensations-Schloss in Hamburgs Nähe. Die finale Party läuft an. Es wird ein schicksalhaftes Schaulaufen und Vorbeischauen, so bizarr, chaotisch und bewegend, wie es unsere Spezies noch nicht erlebt hat. Doch angetrieben von den Zeigern einer langsam sterbenden, mysteriösen Uhr, beginnt zugleich der Wettlauf mit dem Kostbarsten, was wir besitzen: Die Zeit, die uns bleibt.

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EPUB

Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Daniel Kröning

DAS WÄRE ALLES

Teil I

Ein gigantischer Witz

Wir leben nicht auf Dauer.

Wir ertragen nicht die Langeweile.

Wir brauchen faszinierende Geschichten.

Am besten sind die Dinge,

die ein wenig seltsam und irritierend beginnen,

dann aber mit Wucht zuschlagen und immer

größer und schöner werden.

DK

Dieses Werk ist euch gewidmet:

…euch allen da draußen...

Euch Optimisten, Pessimisten und Realisten.

Teil I

Kapitel

I - VI

I: Ein Unding der Möglichkeit

II: Das Lächeln des Mondes

III: Im Westen nur Neues

IV: Einsamer Schwan

V: „Baccs“ nach Mitternacht

VI: Der alte Mann vor dem Meer.

Kapitel I

Ein Unding der Möglichkeit

Als er die Welt anstößt, ist er der große Unbekannte, den niemand auf der Rechnung hatte.

Sieben Monate später, wenn das Licht der kommenden Tage prachtvoll in einer ganzen Nacht verglüht, zählt sein Name zu den meistgesuchten in jedem Kurznachrichtendienst. Irgendwann kommt jeder Mensch einmal an den Punkt, an dem man die Wahl hat, entweder den gesamten Mut zu vereinen, um etwas Außergewöhnliches zu tun, oder es lieber zu lassen.

Er hat sich für den Mut entschieden. Nun thront er über der Stadt, die man das Tor zur Welt nennt. Seine Fantasie hebt kurz ab. Dem geheimnisvollen Lächeln folgen demütig die Worte: „Hier oben spürt man den leisesten Wind.“ Jenes Tor zur Welt öffnet sich für einen Moment, ein schöner Gedanke fällt aus dem Himmel. Es ist der Himmel über Hamburg. Der Verwegene grinst und grübelt.

Auf ewige Zeit. Wie wäre das? Man hat sie nie. Sie ist wie ein flüchtiges Gut, vielleicht das kostbarste, was wir im Leben besitzen. Aber es gibt für alles eine perfekte Gelegenheit.

Sein stilles Feixen wird noch breiter, und der Planet langsam unruhig. Dafür sorgt bloß eine Theorie, aber eine brisante. Es ist seine Theorie. Doch sie ist verbunden mit einem Aufruf, einer monumentalen Order.

Kein Experte, kein Analyst oder Wettprofi kann bislang auch nur ansatzweise deuten, welche Lawine da heranwächst.

Ein weltweites Tosen und Toben. In wenigen Wochen bläst überall Wind.

Der Auslöser prüft die Uhr, die Zeiger drehen. Das Leben kann wieder ein kleines Stück weitergehen. Für das, was er vorhat, bleibt ein gutes halbes Jahr.

Früher hieß er Morris Fairfax, weil er gebürtiger Engländer ist. Heute heißt er Morris Philipp, weil die Mutter mit ihm nach Deutschland ging. Seitdem durfte er die gleiche Frage unzählige Male hören. „Morris Philipp? Wie der Tabak-Tycoon, nur umgekehrt? Ach was? Unglaublich. Tatsächlich?“ Ja, tatsächlich. Es ergab sich eben so.

Der Rausch allerdings, den Morris Philipp heute Nachmittag entfachte, dürfte in Kürze für einige Leute noch sehr viel bedrohlicher und ungesünder werden als tausend Tonnen Nikotin.

Es braucht dafür nur einen Paukenschlag, den es so bislang nie gab. Die gesamte Menschheit könnte ins Staunen geraten. Wird er es wirklich wagen? Der erste Schritt ist bereits getan, ein Zurück eventuell gar nicht mehr denkbar. Und ja, vielleicht wird es eines Tages ein finales Inferno. Schier unglaublich. Selbst die Götter würden ihm womöglich durch Donnergrollen Respekt zollen.

Seine Nachricht rast in Digitalgeschwindigkeit um die Erde. Die Zeit drängt. Weil es mittlerweile eine Frage gibt, die schlichtweg lautet: „Wie viele Chancen dürfen wir überhaupt noch verpassen?“ Eine Frage, die wir uns nur ungern stellen würden, denn die Antwort könnte vernichtend sein. Zumindest ist jetzt eine These unterwegs, an der sich die komplette Menschheit spaltet. Es ist nicht allein die These, die sie entzweit, sondern auch der damit verknüpfte Weckruf. Sobald sie das Getöse erreicht, werden sie sich vermutlich wie üblich in drei Gruppen formieren. Die erste Gruppe ist natürlich erwartungsfroh und abenteuerlustig. Keine Frage, sie wollen Glanz und Licht. Unbedingt. Das Projekt kann gewiss auf sie zählen. Die dritte Gruppe wiederum, meistens größer als die erste, wird die Unruhe hassen, weil sie sich insgeheim fürchten, vor der Wahrheit. Und die zweite Gruppe in der Mitte wartet einfach ab, was geschieht. Auch sie sind leicht verunsichert, aber nicht interesselos.

Der Sturm gewinnt an Fahrt, von Minute zu Minute ein klein wenig mehr. Es könnte extrem gefährlich werden. Dem jungen Kerl hier ist das völlig bewusst. Seit Tagen ringt er mit sich. Heute war‘s für ihn die einzig richtige Entscheidung. Er darf sie noch hundertfach bereuen, und mindestens genauso oft mit heimlichen Tränen dankbar sein für all den Wahnsinn, den er rief. Am Ende sogar würde Morris Philipp mit einem klaren Siegerlächeln alles genau so wieder machen. Nur wird es dann ein nächstes Mal nie mehr geben.

Vor knapp zwei Stunden ging es los. Der Text war fertig, die flammende Botschaft darin ungeheuerlich. Auf dem Bildschirm unten rechts stand die genaue Zeit: 16:07. Ein kurzes Zögern, höchstens fünf Sekunden lang. Es mag Situationen geben, in denen selbst fünf Sekunden epischen Ruhm einfordern. Diese fünf gehörten mit Sicherheit dazu. Mit ihnen verstrich das letzte Ultimatum zur Umkehr. Dann drückte der Zeigefinger die Taste. Nur eine kurze tippende Berührung. So leicht, so gewiss, so folgenschwer. 16:08: Start.

Im Monitor schossen zwei Zahlenkolonnen auf. Die obere setzte sich prompt in Bewegung, die Reise beginnt, die Zahlen rasen dahin. Mikrosekunden, Millisekunden, ganze Sekunden, Minuten, und es werden noch Stunden und Tage. Jedoch, sie laufen allesamt rückwärts. Ein Countdown läuft ab.

In der Reihe darunter standen die Ziffern auf null. Das war der Ausgangspunkt vor zwei Stunden. Es schien wie der berühmte Status Quo, ehe das Fieber klettert. Mittlerweile überspringt die Anzahl der Klicks die Marke von 10.000. Tendenz: steigend, schnell steigend. Anfangs ordentlich dynamisch. Später abartig rasant. Der Orkan wird kommen. So oder so. Auch der Brite hier oben auf dem Dach ahnt davon nichts. Zumindest nichts von solcher Dimension.

Bisher kann noch niemand wissen, weshalb ein müde gewordener Planet sehr bald in rege Unruhe gerät. Es wird nicht mehr lange dauern, in einem halben Jahr wird man Morris fragen: „Unverfroren? Oder berechnend?“ Und er wird antworten: „Neugierig unverfroren.“

„Aha. Sehr wagemutig. Sie haben ein brenzliges Spiel angefacht. Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?“

„Was ich dabei dachte? Na ja, ich schwankte irgendwo zwischen dem größten Unsinn der Geschichte und gleichzeitig ihrer genialsten, oder besser gesagt, ihrer vielleicht fabelhaftesten Idee. Ein dickes Ausrufezeichen! Ein fettes Fanal! Ja, verdammt, gewiss dachte ich auch an so eine Art dringend nötigen Neustart. Eine Revolution für uns alle. Den Umsturz dieses komplett krank gewordenen Systems.“ Schelmisch wird er sie anschauen. „Ein hochfliegendes Ziel, nicht wahr? Deswegen, um mal ganz ehrlich zu sein: In erster Linie wollte ich wohl eine unvergessliche Show.“ Für einen Moment hält er dann inne, als lausche er seiner Antwort noch einmal kurz nach. Darauf nickt er sie beinah dämonisch ab und grinst wieder.

Sie werden ihm sagen: „Respekt. Wenn dies im Plan das eigentliche Ziel war, so ist es Ihnen exzellent gelungen. Wir tun uns trotzdem schwer, das Motiv zu akzeptieren.“

„Sie tun sich schwer damit? Nein, glaube ich nicht. Tief im Inneren sehen Sie die Dinge wie ich. Sicherlich kaum vor mir. Vermutlich eher auf Partys, zu fortgeschrittener Stunde, wenn es um nichts mehr geht und die Masken eh langsam fallen. Falls ich komplett falsch liege, lassen Sie‘s mich bitte wissen. Ich kann loslegen. Glaube zu ahnen, was Ihre Kugelschreiber jetzt so gern zum Tanzen bringt.“ Seine Gegenüber bestehen darauf. Der scheinbar Wahnsinnige wird ihnen eine ganze Menge guter Gründe liefern, und den einzig wahren für sich behalten. Bis zum Schluss.

Was er ihnen bis dahin bietet, ist schon unbegreiflich genug. Sie werden ihm sagen: „Mit Verlaub, fühlen Sie sich nicht ein wenig größenwahnsinnig?“

„Ich glaube nicht, dass es dafür ein passendes Wort gibt, wie ich mich derzeit fühle. Da ist Glück, Zweifel, Schlaflosigkeit und auch eine Menge Angst. Das alles zusammen in jeder Sekunde.“

„Sie wollten es doch so.“

„Stimmt. Und die Einzigen, die einen dann so richtig aufbauen können, sind die vielen netten Journalisten, bei denen man auf jedes Wort achten muss.“

„Das Leben ist hart.“

„Ich werde froh sein, wenn ich es heil überstehe. Als wir die ersten Anfragen stellten, rechneten wir natürlich mit dicken Absagen. Nur hatte da schon längst das World Wide Web diesen unglaublichen Hype ausgelöst. Plötzlich sagten fast zeitgleich acht von den Allergrößten zu. Damit drehte sich der Wind mit einem Schlag. Seitdem gab es jedenfalls keine einzige deutliche Absage mehr. Wir nennen sie deshalb intern schon die glorreichen Acht. Die Ersten waren ja nun bereits da. Die Anderen werden folgen. Und sie erscheinen nicht allein. Versprochen.“

„Sie pokern hoch. Es könnte genauso gut schiefgehen.“

„Ja, natürlich auch das. Aber warum gehen Sie so zielstrebig davon aus?“

„Es ist ein tollkühner Plan, den sie da aufstellen. Hochfliegende Ambitionen enden recht oft in einer Bruchlandung. Sie leben in einem Land, wo Irrsinn strenger betrachtet wird, aus schmerzlichen Erfahrungen.“

„Nun, ob dieser Sinn so irre ist, darüber wird ja gerade weltweit heftig gestritten. Also, dass deswegen morgen schon Millionen mit dem Revolver aufeinander losgehen, ich glaube wohl nicht. Ich habe eine These aufgeworfen. Daraus entstand der Plan, weil es die Sache wert ist. Und danach leben wir hoffentlich glücklich bis ans Ende unserer Tage.“ Die Reporter werden es genügsam abnicken und jeden Trick anwenden, ihn in jede bittersüße Falle zu locken. Doch bis dorthin bleiben noch ein paar Monate. Noch ist es still.

Die Luft ist angenehm, der Abend leuchtet.

Nicht aus Notwendigkeit, sondern nur aus purer Gegenwartskrankheit überprüft Morris fix Empfang und Akkustand seines Taschentelefons. In der Tat zu erwarten, der Saft ist raus, lediglich ein schwacher Balken Rest-Erreichbarkeit wimmert auf dem Display. Er scherzt in sich hinein: ‘Oh ja. Hinter einer kleinen Plastikscheibe lauert die ganze Not der modernen Gesellschaft. Im Norden schmilzt das Eis, im Süden verbrennt die Erde, aber das sind keineswegs die Hauptsorgen unserer westlichen Hemisphäre. Denn die heißen vielmehr: Akku halb leer, Profilbild veraltet, Passwort erneuern. Wunderbar.‘

Morris schließt die Augen. Über die Lippen dringt ein Flüstern. „Ich wünschte, dich nur einmal wiederzutreffen. Erinnerst du dich? Es gab ein Versprechen.“ Die vage Gestalt in seiner kleinen Illusion sendet ihm das gleiche Zwinkern von damals. Morris murmelt: „Ich glaube, die Zeit ist gekommen, dass wir es vollenden. Ein Spektakel für unsere Spezies. Eine Geschichte für sieben Milliarden Menschen.“ In seine markigen Züge flattert erneut ein weiches Schmunzeln.

Der Traum reißt jäh wieder ab. Das späte Licht des Tages holt ihn in die Wirklichkeit zurück. Seine Augenlider öffnen sich. Panisch geht der erste Blick zum Handgelenk. Dort findet er die Uhr, die so unglaublich unmodern ist, dass man sie längst wieder futuristisch nennen muss. Der Blick darauf bleibt für eine kleine Ewigkeit wie fixiert. Sein Oberkörper vibriert, sein Herz pumpt, der Atem fast keuchend vor Aufregung. Drei Zeiger drehen unaufhaltsam weiter ihre Runden, zerteilen ihm den Zeitstrahl des Lebens in Stunden, Minuten und Sekunden. Erleichtert sackt der junge Mann nach hinten in den Stuhl. Die Anspannung fällt wieder ab, als wäre soeben nichts gewesen. Er grinst selig, als würde in der Wohnung nur eine Etage tiefer rein gar nichts geschehen. Auf einem Bildschirm, nur wenige Meter unter ihm, klettern unaufhaltsam die Klicks. Es wurde bloß eine Botschaft ins Netz gestellt.

Der Auslöser dessen sitzt friedlich hier oben und merkt davon nichts. Ihm ist nicht unwohl dabei. Ein herrliches Deck und ein abgelebter Liegestuhl. Heute bräuchte er kaum mehr für sein privates Nachdenk-Büro, hier oben über den Straßen von Hamburg. Die Weite, die Helligkeit, es gibt Stunden, da kann solch eine Aussicht durchaus inspirierend sein.

In einiger Entfernung sieht man die Stahlkräne des Hafens. Mit den krallenförmigen Stelzen wirken sie oft wie riesenhafte Wesen aus fernen Galaxien. Der frühe Abend wirft nun die Blautöne in seinen schönsten Facetten.

Ab und an steigt Morris gern auf dieses Sonnendeck, es liegt direkt über der Zehnzimmerwohnung, mitten in der großen noblen Stadt. Jene Stadt eben, von der man sagt, sie sei das Tor zur Welt. Solch ein harmloses Credo würde man in Zukunft eventuell etwas vorsichtiger nutzen. Es könnte zu schnell auf eine harte Probe gestellt werden. Doch davon weiß sie noch nichts, die gute alte Welt.

Nirgendwo sieht Hamburg weniger nach Hamburg aus als hier oben von diesem Dach. In dieser Stadt sitzt man für gewöhnlich auch nicht auf Dächern. Unter seinen Füßen ruht ein Stück feudale Ewigkeit. Es handelt sich dabei um ein ehemaliges Handelshaus. Sechs Etagen. Die sind hoch, sehr hoch. Am Ende wartet ein Dach, flach und eben wie ein Parkplatz. Irgendwann wurde das schlummernde Deck zur wunderbaren Bühne einer eingeschworenen Schar. Wer die Tür der Aussichtsluke öffnet, findet eine phänomenale Aussicht und ein halbes Dutzend Liegestühle, mindestens. Aber bei belebter Nacht wird auch gestanden, und zwar Schlange. Als Eintrittskarte empfiehlt es sich, über einen soliden Knall zu verfügen.

Gelegentlich, wenn er so wie jetzt hier oben ganz allein ist, macht er sich einen Spaß daraus, aufmerksame Touristen aus Asien in ihrem plötzlichen Anfall von Genuss nachzuahmen. Dann hält er voll konzentriert die Nasenflügel gegen den Wind, um sich auch mal für ein paar Sekunden einzubilden, die frischen Kaffeebohnen aus Südamerika zu schnuppern. Er weiß genau, dass es keinen Sinn ergibt, denn dafür landet die Fracht schon seit über 250 Jahren in viel zu fernen Speichern. So kamen einst die Segelschiffe, sie lieferten Tag für Tag die nächsten Kaffeesäcke, die Stadt wurde mit jeder Bohne noch ein klein wenig edler. Heute kommen Megafrachter mit geschlossenen Containern und offenen Schloten. Wer sich also anstrengt, wird zumindest noch mit Emissionen belohnt.

Seine Wangen überzieht ein ungläubiges Lächeln. Es ist Spätsommer. Die Luft ist noch ganz frisch vom warmen Regen, der vor einer Stunde sein kurzes Spielchen gab. Morris ist Engländer, und Regen, völlig gleich wie lang, macht ihm daher nichts aus.

Engländer und Hamburger sind sich im Grunde sowieso sehr ähnlich. Das meint zumindest seine deutsche Großmutter Lotte stets. Lieselotte Philipp, eine fantastische, vornehme Dame. Gleichwohl darf er sie einfach auch ganz entspannt Lotte nennen. Sie wohnt ziemlich allein auf einem verlassenen Burgschloss, weit draußen vor den Toren Hamburgs. Das Teil ist schon ein beeindruckender Tempel. Aber die Deutschen mögen den Ort nicht besonders. Nur sie selbst wissen, warum. Es hängt mit dem finstersten Fleck ihrer Geschichte zusammen. Sie leiden halt immer noch daran. Auch die charmante Lady Lotte hält das Thema im wahrsten Sinne gut verschlossen wie in einem Safe und schneidet lieber ihre Rosen. Sie hat Stil und Humor. Damit bewahrt sie sich eine unerschütterliche Gelassenheit. Nordic Walking, Rheumadecken und im Internet surfende Hundertjährige erscheinen ihr ebenso suspekt wie den ungläubigen jungen Leuten.

Leider mag sie sich genauso wenig mit ihrem Hörgerät anfreunden. Den Stöpsel setzt sie allenfalls taktisch ein, je nachdem, ob sie etwas dringend hören will oder eher nicht. Ständig verlegt sie es, die Zerstreuung nimmt zu. Früher schaute sie gern Krimis. Nun ist sie alt und versteht sie nicht mehr. Hin und wieder schreibt er ihr einen schönen Brief, kurze Geschichte zwar, dafür in großer Schrift. Das macht die Sache leichter. Klassisch schwarze Tinte auf elfenbeinfarbenem Papier. So wie immer, sie wünscht es rustikal. Für Morris kein Problem, er mag sie sehr, seine germanische Ersatz-Oma. Sicher hat sie es dort ganz gut auf ihrer Trutzburg.

Schon als kleiner Bursche fuhr er gern mit zu Besuch. Es hatte immer etwas Magisches. Diese sagenumwobene Anlage, und diese herrliche Dame, die wie eine zurückgelassene Königin über allem thronte. Einmal hat er ihr eine Karte geschickt und die Adresse nicht gewusst. Da schrieb er in das Feld für die Anschrift: An das große sandfarbene Schloss zwischen Hamburg und dem Atlantik. Die Karte ist angekommen.

Der Postbote soll daraufhin im köstlichen Norddeutsch zu ihr gesagt haben: „Joa, also unsere Sortieranlage ist mit derlei Scherzen reinwech überfordert, nech? Danach müssen unsere Profis sehen, was da manche meinen. Joa, aber die Beschreibung ist schon relativ konkret, nech? Ich meine, den Brocken hier, den kennt ja schließlich jeder, nech? In Zukunft lieber gleich korrekt. Sonst braucht‘s halt wieder ein bisschen länger, …nech?“, und Großmutter gab ihm recht: „Ich werde es ausrichten.“ Das war ein amüsanter Tag für Lotte, und ein denkwürdiger für den jungen Briten.

Besonders zwei Dinge sind ihm damit blitzartig klar geworden. Zum einen: Die Deutschen mögen zwar so manche Dinge nicht, doch sie erfüllen ständig ihre Pflicht. Und zum anderen: Maschinen sind fraglos schneller als Menschen, dafür verstehen sie kein bisschen Spaß. Mittlerweile können immerhin auch einige Roboter putzig drauf sein, doch sie bleiben seelenlose Apparate. Das zu ändern, daran tüftelt er jetzt mit seinen Kollegen an der Uni Hamburg.

Aber wer ist Morris Philipp?

Er selbst findet, zu viele Menschen denken viel zu oft über den Sinn des Lebens nach. Insbesondere natürlich über ihren eigenen darin. Gewiss kennt auch Morris solche Momente. Bis er dahinterkam: „Du musst nicht nach dem Sinn des Lebens suchen. Denn den wirst du niemals finden. Es ist nämlich genau andersrum: Das Leben fragt dich. Jeden Tag. Du musst nur antworten. Es geht allein um die Frage, was man daraus macht, wie man sich den Dingen stellt.“ Eventuell hat er heute eine Entscheidung getroffen, die allein für dreißig Leben reichen würde. Der Countdown läuft bereits.

Was hat Morris vor? Was treibt ihn an? Die Welt wird es erfahren, sich an ihm reiben und in die üblichen drei Lager teilen. Nur bei seinem eigentlichen Impuls werden sie alle bis zum Schluss herumtappen wie in einem dunklen Raum. Ruht tief in ihm der Fatalist? Der Realist? Oder gar ein Optimist? Keine Bange, er ist Physiker. Im Zweifel sicher am ehesten das Zweite.

Traurig ist er keineswegs. Nur nachdenklich. Er lächelt viel, aber lacht stets leise. Das Laute liegt ihm nicht. Er sieht nicht nur unverschämt gut aus, er legt auch ein solches Benehmen an den Tag. Seine raffinierten Manieren stehen ihm genauso perfekt wie die jederzeit tadellose Kleidung. Ein echter Gentleman. Trägt seit der Jugend am liebsten taillierte weiße Hemden, hin und wieder sogar mit Karls silbernen Manschettenknöpfen, sein Ziehvater hat sie in sämtlichen Ausführungen.

Doch verbirgt sich hinter seiner stillen Fassade noch etwas anderes.

Von ihm geht etwas Unheimliches aus, so als könnte er im nächstbesten Moment einen sorglos Unbeteiligten in den Abgrund stoßen, durch nicht mehr als einen Blick, eine Bewegung, das Hochziehen einer Augenbraue. Natürlich würde er es nie tun, weil er beinah beunruhigend ruhig bleibt, zumindest die meiste Zeit. Aber man spürt, er könnte, und das macht ihn irgendwie bedrohlich.

Da schnellt plötzlich sein Arm heran. So schnell, dass es schon wieder vorbei ist, bevor man, stünde man neben ihm, es begreifen würde. Oder besser gesagt, auch nur ansatzweise eine Ahnung hätte. Diese Handbewegung, nicht ungefährlich für jemanden, der ihn nicht kennt. Zumal auf diesem Dach. Man spürt für ein paar Sekunden nichts, nicht mal den eigenen Herzschlag. Dabei passiert nur eins. Das panische Prüfen der Uhr. Getrieben von einer Angst, die andere nicht kennen sollten. Die Zeiger laufen weiter.

Eine Manie von ihm. Er macht es so oft, dass es einen regelrecht anschreit: Wo ist hier das Rätsel?

Morris kehrt entspannt in die Lehne zurück und versinkt in Gedanken. Da baut einer die sensationellsten Geschöpfe zusammen und gestattet sich dennoch eine gewisse Schwäche für Nostalgie. Die Hand umschließt den gefalteten Brief, den er bereits am frühen Morgen für Tatjana geschrieben hat. Darin die weit größere Geschichte, aber hier in kleinerer Handschrift. Als wollte er den Inhalt extra noch einmal für sie verschlüsseln. Für Tatjana kein besonders schwieriger Akt, sie verherrlicht geradezu sein filigranes Geschnörkel. Was er ihr zu verstehen geben will, ist keineswegs ohne. Nur, wird sie ihn je bekommen? Zweifel ziehen auf, ihr Anruf beendete vorhin seinen Lauf.

Sie wünscht, das Wochenende mit ihm in Südfrankreich zu verbringen. Okay. Wieder eine ihrer aufwendigen Kurztripideen. Weniger Südfrankreich ist dabei die Überraschung, denn da fährt sie mit ihm ohnehin immer hin, sondern es jedes Mal in letzter Minute vor dem Aufbruch zu sagen. Wohlwissend, dass ein Engländer eine Reise in ein Land unter Sonne niemals ablehnen wird. Liegt in ihrer Natur. Seit Jahrhunderten schwärmen sie aus auf ferne Kontinente, so als könnten sie von dort ihre kühle Heimatinsel gleich ein bisschen mit wärmen.

Er wird nachher Karls geräumigen Wagen nehmen, Tatjana reist nicht gern mit Handgepäck. Sie wird in Düsseldorf auf ihn warten, um dann in Zweisamkeit vereint eine ganze Nacht die Autobahn gen Süden glatt zu bügeln. Mit Sicherheit wird Tatjana in den Lichtern der Nacht den Diamanten an der silbernen Halskette funkeln lassen, den sie vor etwa einem Jahr von Lotte geschenkt bekam. Ein afrikanischer Stein, uralt und goldgelblich schimmernd. Die tragbare Altersvorsorge für den lang ersehnten Familienzugang.

Bei dem Gedanken muss Morris innehalten. Das war mal wieder eine schöne altmodische Geste von Omi. Und das in einer Zeit, in der man inzwischen nach der Statistik viel länger mit ein und demselben Auto zusammen ist als mit ein und demselben Partner. Wie schräg, verrückt und herrlich zugleich ist das eigentlich?

Aber manche sagen auch, eine Frau unter vierzig sollte keine Diamanten tragen. Würden sie Tatjana sehen, gäbe es sicher diese eine Ausnahme von der Regel.

Es gibt vermutlich immer jenen einen Stern, der heller leuchtet als all die anderen. Damals auf dem Schulhof wanderten die ersten kleinen Zettelchen zwischen ihnen hin und her. Nichts Ernstes, nur Spielereien. Einer glich dem anderen. Jeder meist tausendfach gefaltet wie bei einem Talentwettbewerb für den Spionagedienst. Dabei schwärmte Morris eigentlich die ganze Zeit für dasselbe Mädchen und wagte nicht, es anzusprechen. Doch irgendeine höhere Macht muss wohl ein Einsehen mit ihm gehabt haben, und er bekam einen der besten Momente des Lebens geschenkt. Denn am Ende nahm der heimliche Stern die Sache selbst in die Hand. Er sieht noch genau, wie sie das erste Mal auf ihn zukam. Wie ein Zauberwesen. Ja genau, wie eine blutjunge Grace Kelly. Ihr Lächeln war unbeschreiblich, und sie überreichte den Umschlag. Solch ein Brief beinhaltet natürlich immer die Aufforderung, ihn mit Muße zu beantworten. Eine Aufgabe, die er anscheinend bravourös meisterte. Hätte Morris noch ein Wappen darauf gemalt, wäre Tatjana sicher in Ohnmacht gefallen.

Morris weiß, dass Tatjana sämtliche Briefe aufgehoben hat. Aber diesen hier, denkt er sich gerade, sollte er vielleicht aufklappen und auf die flache Hand legen. Der nächste Windstoß würde ihn forttragen, irgendwohin zu irgendjemandem. Das wäre wohl das Beste. Wer ihn findet und ihn liest, dürfte ins Staunen geraten. Wenn man es genau nimmt, hatte es schon immer etwas seltsam Beunruhigendes, dass die Zufälle in der Welt zwar getrennt marschieren, dafür aber vereint zuschlagen.

Morris steckt nun den Brief für Tatjana vorsorglich weg, für das Drama ist es vielleicht noch zu früh. Es heißt jetzt, unentdeckt bleiben, abwarten, was in den kommenden Tagen passiert. Er ahnt noch nicht, wie seine Idee alles rings um den Erdball zum Rumoren bringt. Viele werden seinen Mut bewundern, gleichzeitig vor seiner Entschlossenheit warnen, so wie etwa seine Freunde. Und in kaum einem halben Jahr wird es eine kluge Stimme im Tenor von Millionen Menschen folgendermaßen auf den Punkt bringen: „Ich würde sagen, da hat sich jemand die schier unglaublichste Mammutaufgabe vorgenommen, die man sich in unserer grotesken Zeit noch vornehmen kann. Wie er das schaffen will, bleibt dabei das größte Geheimnis. Ein extrem riskantes Wagnis. Selbst bei dem Gedanken daran besteht die Gefahr, schnell wahnsinnig zu werden. So verlockend es sich auch anhört, im Prinzip kann er nur scheitern. Ich denke, dass sich der Kerl zu viel zumutet. Dass er sich an dem Feuer verbrennt, steht außer Frage. Es wird die logische Konsequenz sein.“

Doch der in Kürze so hitzig diskutierte Rebell, der weilt hier oben mit klarem Verstand auf dem Dach und frohlockt dafür schon sehr entschieden vor sich hin.

Der Blick geht erneut zur Uhr. 18:22, die Sonne scheint, die Elbe glitzert, er möchte eine reale Chance. Die Sache ist es wert.

Ein lauer Wind fährt ihm durchs braune, leicht gelockte Haar. Das verleiht ihm noch immer etwas Schelmisches.

Still in seiner Erinnerung versunken, blinzelt er wieder in die Ferne. Zwei Heißluftballons gleiten dort am Horizont entlang. Er driftet für ein paar Sekunden weg.

Kapitel II

Das Lächeln des Mondes

Als er klein war, ging seine Mutter mit ihm einfach fort. Von der einst so mächtigen Insel hinüber aufs europäische Festland. Da war das englische Empire bereits Vergangenheit. Geboren in einem belanglosen Ort, etwa 60 Meilen nordöstlich von London. Es war zumindest nicht irgendein Tag. Sein Vater war Offizier bei der Royal Navy. Er gab ein Versprechen, was sich nicht mehr einlösen ließ. Es wäre ein tragischer Unfall gewesen. Als seine Mutter ihm das unter Tränen schließlich sagen musste, war er erst fünf. Aber das stimmte so nicht ganz. Es war kein Unfall.

Der Laden in der Baker-Street, der ihn danach so magisch anzog, war ein Plattenladen. In ihm gab es auch ein ganzes Arsenal von allen möglichen Instrumenten, die ihn schon damals faszinierten. Man hätte in diesem schmalen Laden ein komplettes Orchester ausstatten können. Es war die Zeit, als die brandneuesten Keyboards schwer in Mode waren. Manche von ihnen sahen aus wie eine Wand aus Tasten mit der dazugehörigen Armee aus Reglern und Knöpfen. Morris wünschte sich kaum etwas mehr, als auch darauf zu orgeln. Aber der Besitzer hielt das für keine so gute Idee. Er war ein Meister darin, die zahlungsunkräftige Horde nicht zu verstehen. Heute gibt es den Laden nicht mehr. Früher hat er die junge Generation mit Missachtung gequält. Später hat diese ihn damit zurückgequält. Auf dem Schild an der Tür steht jetzt für immer „Closed“, was Morris ausnahmsweise als verspätete Gerechtigkeit empfindet. Er weiß es nicht genau. Vielleicht war es noch ein anderer Grund, der ihn stets wieder zu dem Laden führte. Das Zitat von Beethoven gibt der Sache vielleicht einen Sinn. „Wenn du glaubst, dass du ganz tief unten bist, die Musik wird deine Rettung sein!“ Darin liegt viel Wahrheit. Gesagt von einem Mann, der eigentlich schon taub war. Das darf was heißen. Aber es stimmte. Hinter dem Ladenfenster wartete ein Piano. Schwarzer Lack, goldener Schriftzug. Mama muss ihm den Wunsch von den Augen abgelesen haben. Bis heute hat er jedenfalls nie mit ihr darüber gesprochen. In unzähligen Klavierstunden wurde der Verlust des Vaters weggetastet. Umso mehr der Kleine ihn vermisste, umso stärker wurde sein Spiel auf dem Flügel.

Nun steht er auf dem Dach, grübelnd, zweifelnd. Es ist, als würde er von hier aus bis zum Festland seiner alten Heimat sehen. An einem Tag, irgendwann Mitte der 80er, legte die Fähre ab. Ein Tag, ähnlich wie der heutige. Nur die damals noch viel zu große Armbanduhr hing trostspendend wie ein Talisman an seiner Brust. England und der gegangene Junge, sie sahen sich nicht mehr allzu oft wieder. Das wird sich demnächst ändern. Dabei muss er nicht mal den Reisekoffer packen. Denn gefühlt die halbe Insel wird ihn bald besuchen.

Die Luft frischt auf. Für ein paar Sekunden glänzen seine Augen. Man möchte meinen, eigentlich unmöglich bei diesem scheinbar aalglatten Techniker, von dem so manche sagen, er sei oft kälter als die Kunstwesen, die er für die Zukunft zusammenschraubt. Doch dem ist nicht so. Er spürt: Nichts wird mehr sein wie es war. Wie es war, bevor er die Starttaste berührte. Wie es war, bevor er mit einem kleinen Fingerdruck seine Ansage in die Welt entließ. Eine Etage unter ihm rasen die Zahlenkolonnen auf dem Monitor dahin. Die erste Ziffernfolge zählt rückwärts. Unaufhaltsam. Das ablaufende Zeitfenster birgt in sich das Ultimatum. Es bleiben noch 182 Tage. Das sind 4368 Stunden. Doch sie werden weniger. Die zweite Reihe hingegen wächst stetig an. Mit jeder Minute steigt die Geschwindigkeit. Immer mehr Menschen werden aufmerksam, klicken interessiert die bewegende Botschaft an.

Der geheime Stratege des Ganzen sitzt hier oben, kaum im Bewusstsein dessen, was da direkt unter ihm, nur sechs Meter tiefer passiert. Er schaut lieber gemütlich in den Himmel. Die beiden Heißluftballons gleiten weiter langsam am Horizont entlang, werden kleiner und kleiner. Sie schweben davon wie die letzten Relikte einer vergangenen Zeit. Ihm ist, als schwinden mit ihnen nun auch die übrigen Zweifel an seinem Projekt.