Das Wasser gehört uns allen! - Maude Barlow - E-Book

Das Wasser gehört uns allen! E-Book

Maude Barlow

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Beschreibung

In diesem Buch, erklärt die international renommierte Wasseraktivistin Maude Barlow die Grundprinzipien des »Blue Communities Project« und zeigt Schritt für Schritt, was wir alle tun können, um unser Wasser zu schützen. Das »Blue Communities Project« folgt drei grundlegenden Prinzipien: Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist ein Menschenrecht. Wasser gehört in die öffentliche Hand. Einwegwasserflaschen sollten an öffentlichen Orten nicht erhältlich sein. Mit diesem einfachen, zielführenden Ansatz konnte die Bewegung in den letzten zehn Jahren weltweit wachsen. Heute sind Berlin, München, Paris, Montreal und Bern nur ein paar der Städte, die sich zu »Blue Communities« gemacht haben. In Das Wasser gehört uns allen! rekapituliert die international renommierteWasseraktivistin Maude Barlow ihren jahrzehntelangen Kampf für den Schutz unseres Wassers in einer sich erwärmenden Welt und zeigt uns Schritt für Schritt, wie auch wir dazu beitragen können, unser Wasser zu schützen.

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Seitenzahl: 173

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Zum Buch

In diesem Buch, erklärt die international renommierte Wasseraktivistin Maude Barlow die Grundprinzipien des »Blue Communities Project« und zeigt Schritt für Schritt, was wir alle tun können, um unser Wasser zu schützen.

Das »Blue Communities Project« folgt drei grundlegenden Prinzipien: Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist ein Menschenrecht. Wasser gehört in die öffentliche Hand. Einwegwasserflaschen sollten an öffentlichen Orten nicht erhältlich sein. Mit diesem einfachen, zielführenden Ansatz konnte die Bewegung in den letzten zehn Jahren weltweit wachsen. Heute sind Berlin, München, Paris, Montreal und Bern nur ein paar der Städte, die sich zu »Blue Communities« gemacht haben. In Das Wasser gehört uns allen! rekapituliert die international renommierte Wasseraktivistin Maude Barlow ihren jahrzehntelangen Kampf für den Schutz unseres Wassers in einer sich erwärmenden Welt und zeigt uns Schritt für Schritt, wie auch wir dazu beitragen können, unser Wasser zu schützen.

Über die Autorin

Die Kanadierin Maude Barlow ist die weltweit führende Aktivistin zum Thema Wasser; als erste wirkte sie darauf hin, Wasser als Menschenrecht in der UN-Charta zu verankern. Sie leitet den Council of Canadians sowie Food and Water Watch in Washington, ist Mitglied im World Future Council, wirkte als Beraterin der UN und wurde mit internationalen Preisen wie dem Right Livelihood Award und dem EarthCare Award ausgezeichnet. In Deutschland wurde sie durch ihr mit Tony Clarke geschriebenes Buch Blaues Gold bekannt. Maude Barlow lebt in Ottawa, Ontario.

Maude Barlow

DAS WASSER GEHÖRT UNS ALLEN!

Wie wir den Schutz des Wassers in die öffentliche Hand nehmen können

Aus dem Englischen von Wolfgang Müller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Für Andrew, der immer da ist

INHALT

Einführung

1. Der Kampf gegen die Wasserkonzerne

2. Die Entstehung des Global Water Justice Movement

3. Erste Blue Communities in Kanada

4. Blue Communities machen Hoffnung für Europa

5. Going Blue – eine Community nach der anderen

Nachwort

Danksagungen

Anhang: Musterdokumente

EINFÜHRUNG

Wasser hat ein vollkommenes Gedächtnis. Es versucht immer, zu seinem Ursprungsort zurückzukehren.

Toni Morrison

Dies ist ein Buch über Hoffnung.

Es ist eine Geschichte über normale Menschen, die die Wasserressourcen ihrer Gemeinden und das allgemeine Menschenrecht auf Wasser verteidigen. Sie wollen sicherstellen, dass es jetzt und für immer ein öffentliches Gut bleibt und niemals unter die Kontrolle privater, gewinnorientierter Interessen gerät.

Es ist ein Buch über eine Graswurzelbewegung, die sich mit der globalen Wasserkrise beschäftigt. Diese sei am besten zu meistern, so das gängige Argument, wenn man das Wasser kommerzialisiere und dem Markt die Entscheidung über den Zugang überlasse.

Aber es ist keine Geschichte über blauäugige Menschen. Sie stellt sich frontal einigen höchst beunruhigenden Tatsachen, ohne deren Anerkennung es keinen Fortschritt gibt.

Im Mai 2016 veröffentlichte das Umweltprogramm der UNO (UNEP) die umfassendste Umweltstudie in der Geschichte der Vereinten Nationen. Bei ihrer Vorstellung bezeichnete UNEP die Wasserknappheit als die Geißel der Menschheit und stellte einen direkten Zusammenhang her zu der fortgesetzten Ausbeutung der Böden und Wälder, die die Süßwasserspeicher der Welt wieder auffüllen. Im März 2018 verband die UN-Wasser die Veröffentlichung ihres jährlichen Weltwasserberichts mit einer düsteren Warnung: Wenn wir unsere Gewohnheiten nicht ändern, könnten in dreißig Jahren fünf Milliarden Menschen unter ernstem Wassermangel leiden. Schon heute leben 3,6 Millarden Menschen in Gebieten, wo in mindestens einem Monat pro Jahr Wasserknappheit herrscht. Diese Zahl könnte bis zum Jahr 2050 auf 5,7 Milliarden anwachsen.

Zusätzlich zum Wassermangel haben in vielen Weltgegenden die Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom April 2017 warnte, dass mindestens zwei Milliarden Menschen auf der Welt täglich mit Fakälien verschmutztes Wasser trinken und dass jedes Jahr mehr als eine halbe Million Menschen daran sterben. Laut WaterAid stirbt alle zwei Minuten ein Kind unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen, die durch verseuchtes Wasser und unzureichende Toiletten verursacht werden. Und laut UNO werden überall auf der Welt noch immer 80 % der durch menschliche Aktivitäten erzeugten Abwässer vollkommen ungeklärt in Flüsse geleitet.

Manche machen den Klimawandel für die Wasserkrise verantwortlich. Zwar stimmt, dass von Menschen verursachte Treibhausgasemissionen dem Wasserkreislauf und den natürlichen Wasserspeichersystemen schaden, allerdings stimmt auch, dass unser aktiver, kollektiver Wassermissbrauch ein weiterer wesentlicher Grund für die sich verschärfende Krise ist. Wir verändern nicht nur das Klima, indem wir den Planeten aufheizen, wir verseuchen auch dessen Wassersysteme, stauen und brauchen sie auf, zapfen sie an, leiten sie um. Wir verändern Landschaften und die lokalen hydrologischen Kreisläufe, schaffen in manchen Gebieten Wüsten und verursachen in anderen katastrophale Fluten. Gemeinden, die wegen Armut, Ungleichheit und Diskriminierung ohnehin schon ohne sauberes Wasser leben müssen, sehen sich jetzt zusätzlichen Gefahren ausgesetzt, wenn Wasserquellen vor Ort austrocknen oder für gewinnorientierte Ziele benutzt werden.

Zwei Bevölkerungsgruppen trifft die globale Wasserkrise besonders. Die Versorgung der Familie mit Wasser gehört in vielen Weltgegenden zur vornehmlichen Aufgabe der Frauen, die dafür jeden Tag stundenlang zu Fuß gehen müssen. Oft nehmen sie dabei ihre Töchter mit, die deshalb die Schule versäumen. Mädchen verweigern manchmal den Schulbesuch auch deshalb, weil sie dort keine sanitären Einrichtungen vorfinden, die angemessen und sicher sind. Laut UNO sind Frauen allein im subsaharischen Afrika insgesamt 200 Millionen Stunden täglich bzw. 40 Milliarden Stunden jährlich damit beschäftigt, Wasser zu holen. In einer Welt, in der mehr Menschen Zugang zu Mobiltelefonen haben als zu einer Toilette, müssen Frauen und Mädchen, die ohne Toilette leben, jeden Tag insgesamt 266 Millionen Stunden dafür aufwenden, um einen Ort mit Toilette aufzusuchen.

Besonders indigene Völker sind überall auf der Welt von der Wasserkrise bedroht. Sie leben öfter in kleineren und abgelegeneren Gemeinden und verfügen über weniger kollektive Macht, um sich gegen große Rohstoffkonzerne wehren zu können, die auf ihrem Territorium die lokale Wasserversorgung beeinträchtigen. Zusammen mit Landarbeitern ohne Grundbesitz und kleinen Bauern gehören die indigenen Völker zu den gefährdesten Randgruppen, die für die industrielle Verschmutzung ihrer Wasserversorgung und einer mangelhaften Sanitärversorgung besonders anfällig sind. Zusammen mit extremer Armut sind es diese Faktoren, die ihnen den Zugang zu sauberem Trinkwasser vorenthalten. Diese Zustände sind aber nicht auf den Globalen Süden beschränkt. Doppelt so viele amerikanische Ureinwohner wie der Rest der amerikanischen Bevölkerung leben in Armut, und 7,5 % ihrer Häuser verfügen nicht über die grundlegenden sanitären Einrichtungen oder sauberes Trinkwasser. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Häuser in den Gemeinden der Ureinwohner Kanadas nicht über fließendes Wasser oder Toiletten verfügen, ist um 90 % höher als in der kanadischen Bevölkerung im Allgemeinen.

In meinen vorherigen Büchern habe ich darauf hingewiesen, dass wir alle zusammen zwei Dinge bekämpfen müssen: die ökologische Bedrohung eines Planeten, auf dem immer weniger Menschen Zugang zu sauberem Wasser haben, und die schreiende Ungerechtigkeit, die die Statistiken offenbaren. Außerdem müssen wir unbedingt begreifen, dass die Wasserkrise nicht nur in armen Ländern ein Problem ist, sondern weltweit. Viele Industriestaaten machen die Erfahrung ernster Wasserknappheit, und die im Globalen Süden existierende Ungleichheit tritt zunehmend auch in den wohlhabenderen Staaten des Globalen Nordens auf.

Das heißt, wir können und wir müssen eine internationale Bewegung schaffen, die für Wassergerechtigkeit für alle kämpft.

In meinem Buch aus dem Jahr 2013, Blaue Zukunft. DasRecht auf Wasser und wie wir es schützen können, habe ich dargelegt, dass eine wassersichere und wassergerechte Zukunft auf der Umsetzung von vier Grundsätzen fußt:

1. Wasser ist ein Menschenrecht und eine Frage der Gerechtigkeit, nicht von Almosen.

2. Wasser ist ein Menschheitserbe und ein öffentliches Gut. Deshalb darf über den Zugang zu Wasser nicht von privaten, profitorientierten Interessen entschieden werden.

3. Wasser hat Rechte über den Dienst am Menschen hinaus, es muss für das Ökosystem und andere Lebewesen respektiert und geschützt werden.

4. Wasser darf nicht zu Konflikt und Spaltung führen, es kann ein Geschenk der Natur an uns sein. Es kann uns lehren, auf diesem Planeten leichter und in Harmonie zusammenleben zu können.

Tatsächlich hat es bei einigen Punkten Fortschritte gegeben. Nach einem langen, erbitterten Kampf hat eine Mehrheit der Länder in der UNO anerkannt, dass Wasser und sanitäre Versorgung fundamentale Menschenrechte sind. Der Widerstand gegen die Übernahme von lokalen Wasserversorgern durch private, transnationale Wasserkonzerne ist gewachsen. In vielen Fällen konnten Kommunen die Kontrolle über ihre Wasserversorgung zurückerlangen. In den letzten Jahren ist auch der Widerstand gegen Flaschenwasser gewachsen. Vor allem junge Menschen wissen inzwischen um das Ausmaß des ökologischen Fußabdrucks dieser Branche. Auch sind überall auf der Welt Bewegungen wie die Global Alliance for the Rights of Nature entstanden, die die Anerkennung von Rechtsordnungen vorantreiben, welche die ureigenen Rechte der Natur achten und fördern.

Das markiert den Fortschritt auf der Makroebene, aber auch auf der kleineren, lokaleren Ebene ist Fortschritt zu verzeichnen – durch die um sich greifende Blue-Community-Bewegung. In den letzten zehn Jahren haben sich immer mehr Kommunen und zivilgesellschaftliche Institutionen zu Blue Communities erklärt und verpflichtet, das Menschenrecht auf Wasser zu verteidigen und die Verschmutzung durch Plastik einzudämmen. Das ist eine spannende und hoffnungsvolle Entwicklung, ein wesentlicher Aspekt der facettenreichen Bewegung zum Schutz des Wassers, der echte und positve Ergebnisse zeitigt.

Eine Blue Community beachtet drei fundamentale Grundsätze.

1. Eine Blue Community verpflichtet sich, Wasser und Sanitärversorgung als Menschenrechte zu schützen und zu fördern. Dies steht in Einklang mit der Resolution der Vereinten Nationen von 2010, die beinhaltet, dass Wasser und Sanitärversorgung fundamentale Menschenrechte sind und dass diese Wasserdienstleistungen niemandem verweigert werden dürfen, weil er sie nicht bezahlen kann.

2. Eine Blue Community verpflichtet sich, Wasser als öffentliches Gut zu schützen, indem sie im Besitz der öffentlichen Hand befindliche, von dieser finanzierte und betriebene Wasser- und Abwasserdienste fördert. Alle Entscheidungen über den Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung müssen von den Menschen und ihren gewählten Vertretern und dürfen nicht von einem gewinnorientierten Investor getroffen werden.

3. Wo der Zugang zu sauberem, öffentlichem Wasser gewährleistet ist, untersagt eine Blue Community Flaschenwasser in kommunalen Einrichtungen und bei kommunalen Veranstaltungen oder stellt deren Verkauf schrittweise ein. Stattdessen fördert sie das eigene Leitungswasser als sichere und verlässliche Quelle von Trinkwasser. Diese Maßnahme allein wird die Plastikkrise des Paneten nicht lösen, aber sie spielt doch eine wichige Rolle, um den verheerenden ökologischen Fußabdruck der Wasserkonzerne zu verringern.

Das Blue-Community-Projekt begann 2009 in Kanada als Reaktion auf die Politik der damaligen konservativen Regierung, die die Privatisierung der Wasserversorger mit dem Argument vorantrieb, dadurch könnten die Kommunen Geld sparen. Allen Städten und Gemeinden, die sich zur Verbesserung ihrer Wasserinfrastruktur einer öffentlich-privaten-Partnerschaft (ÖPP) verweigerten, strich die Regierung die Bundesmittel. Das Council of Canadians (eine Bürgerrechtsbewegung) verbündete sich mit der Canadian Union of Public Employees (eine Gewerkschaft für den Öffentlichen Dienst) und der Eau Secours in Quebec (eine Organisation für verantwortungsvolle Wasserwirtschaft), um das Blue-Community-Projekt ins Leben zu rufen und die Kommunen bei der Abwehr der unerwünschten Privatisierung zu unterstützen. Bis jetzt haben sich 22 kanadische Kommunen den Prinzipien der Blue Communities verpflichtet.

Aber das Konzept blieb nicht auf Kanada beschränkt. Anfangs überraschte es uns, dass es auch in anderen Weltgegenden Fuß fasste: Städte wie Bern, Paris, Thessaloniki und Berlin erklärten sich in öffentlichkeitswirksamen Zeremonien zu Blue Communities. Die Bewegung dehnte sich weiter aus. Universitäten, Gewerkschaften und glaubensbasierte Organisationen übernahmen unsere Grundsätze, wurden ebenfalls Blue Communities und verpflichteten sich, Wasser und das Menschenrecht auf Wasser auf vielfältige Weise zu schützen. Viele halten das Konzept für vielversprechend, weil sie es angesichts der vielen Bedrohungen für Umwelt und Menschenrechte als einen positiven Schritt nach vorn empfinden.

Für mich persönlich ist der Kampf für Wassergerechtigkeit eine gewaltige Reise gewesen. Die Suche nach der Lösung für die Wasserkrisen, die die Ökologie und alle Lebewesen des Planeten bedrohen, hat mich von den Vereinten Nationen und internationalen Konferenzen bis in die schrecklichsten Slums geführt.

Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass wir auf allen Regierungsebenen gute und starke Gesetze brauchen, um die Ökosysteme und die Menschen vor der bevorstehenden Weltwasserkrise zu bewahren, so finden die von uns selbst unternommenen, wirksamsten Schritte auf lokaler Ebene statt.

Dieses Buch spiegelt den Traum von einer Welt, die BLUE wird, eine COMMUNITY nach der anderen.

KAPITEL EINS

DER KAMPF GEGEN DIE WASSERKONZERNE

Seit 1985 bin ich von Wasser besessen. Brian Mulroney war gerade zum kanadischen Premierminister gewählt worden. Seine politischen Verbündeten, der amerikanische Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher, waren die lautesten Globalisierungstrommler und Verfechter einer konzernfreundlichen Politik der Privatisierung, der Deregulierung und des Freihandels. Kurz nach seinem Amtsantritt hielt Premierminister Mulroney im Economic Club in New York City eine Rede vor der versammelten Wirtschaftselite. Dort verkündete er, dass Kanada »open for business« sei, lobte Präsident Reagan und versprach neue militärische Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern und ein Ende der Beschränkungen für amerikanische Investitionen in Kanada.

Es kam also nicht überraschend, dass Reagan und Mulroney schon bald Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Kanada und den USA ankündigten, das erste der modernen Freihandelsabkommen und Muster für das spätere Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA), die Welthandelsorganisation (WTO) und Tausende andere bilaterale Handels- und Investitionsabkommen zwischen Ländern. Anders als bei früheren Freihandelsabkommen ging es jetzt aber weniger um die Senkung von Warenzöllen – von denen die meisten ohnehin schon abgeschafft waren –, sondern mehr um den Aufbau eines integrierten nordamerikanischen Marktes, in dem die Grenzen fast völlig beseitigt wären und die Regierungen sich aus geschäftlichen Belangen heraushalten würden.

Ronald Reagan konzentrierte sich voll auf seine Agenda: erhöhte Militärausgaben, Deregulierung des Umweltschutzes, Steuererleichterungen für Reiche und Konzerne sowie Förderung des jüdisch-christlichen Weltbildes der Bevölkerungsmehrheit. Aus Angst, ein Freihandelsabkommen könne Reagan die Macht bescheren, das Sozialversicherungssystem sowie die Außen- und Rohstoffpolitik Kanadas infrage zu stellen, begannen viele Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten, sich zu wehren. Wir gründeten das Council for Canadians, um unabhängige Sozial-, Rohstoff-, Kultur- und Außenpolitik für unsere Land zu unterstützen und der rechten Agenda der Regierung Reagan Widerstand zu leisten. Ein besonders sensibles Terrain war die Frage, ob das geplante Handelsabkommen den Amerikanern Zugang zu Kanadas Rohstoffen verschaffen würde – vor allem zu Energie und Wasser. Während die Auseinandersetzungen um den Zugang zu Kanadas Wasservorräten zunehmend erbitterter geführt wurde, begann ich diesen Punkt genauer zu beobachten.

Ich las den umfangreichen Text des geplanten Freihandelsabkommens und stolperte im Anhang über die Liste aller Güter, die unter die Regeln des Vertrags fielen. Zu meiner großen Überraschung waren da auch »Wasser, einschließlich […] Mineralwasser […] Eis und Schnee« aufgeführt. Da in dem Vertrag eindeutig festgelegt war, dass keines der Unterzeichnerländer den Handel oder Export der aufgeführten Güter einschränken könnte, läuteten bei mir sämtliche Alarmglocken. Schon seit Generationen waren immer wieder verschiedenartige Pläne bekannt geworden, große Wassermengen an die USA zu verkaufen und mit Pipelines und Aquaedukten, Tunneln und Staudämmen abzuleiten. Diese ersten Versuche zur Kommerzialisierung unserer Wasserressourcen hatten die Kanadier jedoch abgewehrt. Dass so ein Plan - die Kommerzialisierung von Wasserexporten, erlaubt und geschützt durch ein Freihandeslabkommen – wieder seine Fratze zeigte, erschreckte mich und war der Anlass, warum ich mich auf eine Entdeckungsreise nach den Hintergründen begab.

Es stellte sich heraus, dass ich recht hatte. Dieses und andere Freihandelsabkommen stellen tatsächlich eine ernste Bedrohung dar für das Wasser als öffentlichem Gut und den Schutz des Wassers an sich. Allerdings dauerte es einige Jahre, bis das offenbar wurde.

In der Zwischenzeit fragte ich mich: Wem gehört das Wasser, und wer hat die Entscheidungsgewalt über diese wertvolle Ressource? Ich hatte immer angenommen, dass das Wasser uns allen gehört. Aber ich sollte lernen, dass die Welt ihre Wasserreserven schon damals strapazierte und dass eine Anzahl privater Unternehmen sich anschickte, die wachsende Wasserknappheit zu kontrollieren und von ihr zu profitieren. Ich machte mich genau zu der Zeit auf meine Entdeckungsreise, als die weltweite Kommerzialisierung des Wassers ernste Formen anzunehmen begann.

Privatisierung von Wasserversorgern

In den späten 1980ern verkaufte Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher im Rahmen des Kürzungsprogramms ihrer Regierung die öffentlichen Wasserversorgungsunternehmen von England und Wales. Seitdem sind die Wasserpreise um über 40 % gestiegen, und die Konzerne, die die Wasserversorgung übernommen hatten, wurden berüchtigt für ihre fürchterliche Verschmutzungsbilanz, ihre astronomischen Vorstandsgehälter und -boni und ihre umfangreichen Steuervermeidungstricks. Dreißig Jahre später haben laut einem Artikel im Independent vom Juni 2017 die in Großbritannien tätigen privaten Wasserunternehmen Milliarden an ihre Anteilseigner ausgeschüttet und zur Finanzierung der Gewinne ihre Staatschulden erhöht. Sie erzielten in den letzten zehn Jahren einen Gewinn nach Steuern von insgesamt fast 25 Milliarden US-Dollar. In jener Zeit wurde die Wasserprivatisierung als eine wagemutige neue Frontier der wirtschaftlichen Globalisierung betrachtet, mit der Regierungen Geld sparen würden. Thatchers Experiment löste einen weltweiten Dominoeffekt bei Wasserprivatisierungen aus.

Die Weltbank spielte schnell mit: Sie machte die Privatisierung der Wasserversorgung zu einer Bedingung für die Unterstützung armer Länder im Globalen Süden. Das gehörte zum Programm einer »Strukturanpassung«, die diesen Ländern den Zutritt zur globalen Marktwirtschaft ermöglichen sollte, indem sie im Gegenzug für einen Schuldenerlass lebenswichtige Dienstleistungen privatisierten. Im Laufe der 1990er Jahre steigerten die Weltbank und andere regionale Entwicklungsbanken die Darlehen dramatisch, die an die Verpflichtung des Empfängerlandes gekoppelt waren, Wasserwirtschaft und -versorgung zu privatisieren. In vielen Fällen wählten die Banken die privaten Wasserversorger aus – oft waren das die Wasserabteilungen der beiden französischen Großkonzerne Suez Environment und Veolia Water. Sie unterzeichneten sogar die Verträge und ließen die Regierungen vor Ort komplett außen vor.

Große Institutionen begannen, von Wasser als einer Ware zu sprechen. Auf einer Konferenz in Dublin 1992 erklärten die Vereinten Nationen zum ersten Mal, dass Wasser als »im Wettbewerb stehend« einen »ökonomischen Wert« habe und als »ökonomisches Gut« begriffen werden solle. Diese Definition benutzte die Privatwirtschaft, um für private Wasserversorgung zu werben, und sie war das erste Signal, dass die UNO sich dem Standpunkt annäherte, Wasser als Ware und nicht mehr als Gemeingut zu betrachten. Suez und Veolia schlossen sich dem UN Global Compact an – eine umstrittene Initiative, die einige der schlimmsten Umweltverschmutzer unter den Konzernen zu freiwilligen Umwelt- und Menschenrechtsstandards verpflichten will – und beteiligten sich schon bald intensiv am Entwurf der im Jahr 2000 bei einer Konferenz der Vereinten Nationen postulierten Millenniums-Entwicklungsziele.

1993 präsentierte die Weltbank mit Verweis auf den »Widerwillen« der Armen, für ihre Wasserversorgung zu bezahlen, eine neue Politik und erklärte, Wasser solle wie ein Wirtschaftsgut mit der Gewichtung auf Effizienz, Finanzdisziplin und volle Kostendeckung behandelt werden. Die Absicht war, in arme Länder investierenden Wasserunternehmen zu garantieren, dass sie sowohl ihre Investitionskosten erwirtschaften als auch ihren Investoren durch je nach Bedarf erhöhte Wasserpreise einen Gewinn bescheren konnten.

Neue Institutionen entstanden. Der Weltwasserrat, der sich selbst als internationale Denkfabrik für Wasserpolitik bezeichnet, wurde 1997 gegründet, um die Interessen der privaten Wasserunternehmen voranzutreiben. Er wird von der Weltbank sowie einigen Organisationen und Interessengruppen in der UNO finanziert, was ihm eine hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Alle großen privaten Wasserversorger sind Gründungsmitglieder, ebenso viele Investmentbanken und die International Water Association, in der über 500 Unternehmen vereinigt sind. Alle drei Jahre veranstaltet der Weltwasserrat das Weltwasserforum, ein Vorzeigeprojekt der privaten Wasserwirtschaft. Tausende Regierungsbeamte aus aller Welt reisen an, um sich über die »Vorteile« der Wasserprivatisierung schlau zu machen.

2008 schuf die Weltbank auch die 2030 Water Resources Group, um sich von ihr zu Wasserpolitik im Globalen Süden beraten zu lassen und wie das Wasserziel für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zu realisieren sei. Zu ihren Partnern zählen die großen Wasserversorgungsunternehmen wie Suez, die großen Flaschenwasserproduzenten Nestlé, Coca-Cola und PepsiCo, Biergiganten wie Anheuser-Busch und Chemieunternehmen wie Dow. Alle sind große transnationale Konzerne, die das Wasser des Planeten privatisieren, kommerzialisieren, ausbeuten und verschmutzen. Ihnen allen verleiht die Tatsache Glaubwürdigkeit, dass auch die Weltbank, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und das Weltwirtschaftsforum (die Stiftung, die jedes Jahr die Konzern- und Regierungseliten in die Schweiz nach Davos einlädt) Gründungsmitglieder der 2030 Water Resources Group sind.

Diese Geschichte der Privatisierung der Wasserversorgung ist gut dokumentiert. Um ihre Gewinnziele zu erreichen, sparten die privaten Wasserunternehmen beim Schutz der Wasserqualität, bei den Diensteistungen und bei den Investitionen in den Gewässerschutz. Auch wenn sie vertraglich zusichern, die Preise auf einem bestimmten Niveau zu halten, erhöhen sie üblicherweise die Wasserpreise und entlassen im Durchschnitt einen von drei der Beschäftigten des übernommenen öffentlichen Unternehmens.

Die Allgemeinheit hat das Nachsehen, wenn Kommunalbeamte die Verantwortung für und die Kontrolle über diese lebenswichtige öffentliche Dienstleistung abgeben. Private Wasserunternehmen sind gegenüber ihren Anteilseignern verantwortlich, nicht gegenüber den Menschen, die sie versorgen. Oft informieren sie die Öffentlichkeit nur eingeschränkt über ihre Arbeit.

Private Wasserdienstleister verlangen höhere Preise. In einer Studie von 2016 stellte die Food & Water Watch aus Washington D.C. fest, dass Privatunternehmen für Trinkwasser 59 % und für Abwasser 63 % mehr verlangten als öffentliche Versorger.

Trotz scharfen Widerstands gegen die Privatisierung von Wasserdienstleistungen wachsen die Unternehmen weiter. Sie erobern sich in Ländern wie Indien, Brasilien und China neue Märkte. Laut ihren Webseiten beschäftigen die beiden größten transnationalen Wasserkonzerne – Suez und Veolia – zusammen 250.000 Menschen und verbuchten 2017 einen Nettogewinn von über 60 Milliarden US-Dollar.

Steigende Wasserpreise

Die Privatisierung von Wasserversorgern trägt dazu bei, dass überall auf der Welt die Wasserpreise steigen, was wiederum dazu führt, dass Haushalten, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können, das Wasser abgestellt wird. Global Water Intelligence, das führende Sprachrohr der internationalen pivaten Wasserindustrie, stellte in seinem Jahresbericht vom Oktober 2017 fest, dass die Wasserpreise weltweit doppelt so stark gestiegen seien wie die globale Inflationsrate.