Das Weihnachtswunder - Karin Kaiser - E-Book
Beschreibung

Kurz vor Weihnachten vor ungefähr 100 Jahren ... Eigentlich wollen die Geschwister Linde und Jackie sich auf Weihnachten freuen wie so viele andere Kinder. Doch große Sorgen lasten auf ihren Schultern: die Mutter ist schwerkrank, der Vater arbeitslos und das Geld mehr als knapp. So knapp, dass die Familie sich die teure Medizin für die Mutter nicht leisten kann. In ihrer Verzweiflung besuchen die Kinder die Kirche ihres Stadtteils und bitten eine hölzerne Jesus-Figur um Hilfe. Wenig später begegnen die Kinder John und Madeline, die auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt Tannenbäume und Baumschmuck verkaufen. Von nun an ändert sich Jackies und Lindas Leben von Grund auf ...

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Seitenzahl:32


Das Weihnachtswunder

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Das Weihnachtswunder

Es war früher Morgen, irgendwann vor ungefähr 100 Jahren, es war noch dunkel, die Luft war kalt und klar und man konnte oben am Himmel noch viele Sterne sehen. In der großen Stadt London schlief alles noch. Fast alles. In einer Gasse in einem der weniger reichen Viertel traten zwei Kinder aus einem schmalen kleinen Haus heraus. Das Mädchen hieß Linda und war ungefähr elf Jahre alt. Sie war groß und schlank und hatte ihr hellbraunes Haar zu zwei Zöpfen geflochten. Die hellblauen Augen in ihrem schmalen, blassen Gesicht leuchteten schon munter und ihre feingeschwungenen Lippen pfiffen ein fröhliches Weihnachtslied. Ihr Bruder Jackie war etwa neun Jahre alt und ein aufgeweckter blonder Lockenkopf. Er war einen Kopf kleiner als seine Schwester und hatte dunkelblaue, spitzbübische Augen und einen Mund, der nur zu lächeln schien. Vor seinen Bauch hatte er eine kleine, alte Trommel geschnallt und schlug den Takt zur Lindas Lied.

   "Ach Jackie, die Trommel musst du schon zu Hause lassen. Wir müssen doch noch die Zeitungen austragen, bevor wir in die Schule gehen", sagte sie ungeduldig und verzog ärgerlich ihre dunklen Augenbrauen.

  "Oh, hab ich vergessen."

  Jackie stieß die Haustür, die zum Glück noch nicht ganz zu gegangen war, wieder auf und stellte die Trommel hinein. Er nahm seine Schultasche am Träger und schnallte sie sich auf die Schulter. Die beiden rückten noch ihre wollenen Mützen zurecht, zogen sich die Handschuhe an und stapften durch den frisch gefallenen Schnee zum Bürohaus der Zeitung, wo sie die heutigen Tageszeitungen zum Austragen abholen sollten. Sie schlüpften durch die Tür und gingen gleich nach rechts in den kleinen Raum, wo Frau Wilkins, eine junge, blonde, stets gut gelaunte Frau, dafür sorgte, dass keiner der Austräger auch nur eine Zeitung vergaß. In dem Raum war es angenehm warm, der kleine Holzofen in der Mitte des Raumes warf ziemlich viel Hitze ab.

  "Da seid ihr ja, ihr beiden", begrüßte sie die Kinder mit einem warmen Lächeln.

    "Ihr seid ein wenig zu früh. Wollt ihr mit mir noch eine heiße Schokolade trinken?" Die Augen der Kinder leuchteten erfreut auf. Heiße Schokolade bekamen sie zu Hause so gut wie nie, weil sich die Eltern das einfach nicht leisten konnten. "Ja, gerne", riefen sie wie aus einem Mund. Frau Wilkins lächelte wieder und stand

von ihrem Schreibtisch auf. Kurze Zeit später standen die Kinder mit zwei dampfenden Bechern vor dem Ofen und genossen die Wärme. Ihr Ofen zu Hause heizte nicht richtig und wenn, dann rauchte er die halbe Wohnstube voll, aber ein neuer Ofen war einfach ein Wunschtraum. Sie hatten ohnehin nicht in großem Reichtum geschwelgt, aber seit der Vater seine Arbeit in der Fabrik verloren hatte, lebten sie nur von dem Geld, das sie vom Austragen der Zeitungen bekamen. Die Mutter war krank und konnte zu Hause nur wenig tun, aber anständige Arznei oder einen Arzt konnten sie sich nicht leisten. Linda seufzte. Ein Wunder könnten sie schon gebrauchen.

"Kinder, ihr müsst jetzt gehen", holte Frau Wilkins Linda aus ihren Gedanken.

 Jackie hatte schon längst ausgetrunken und lachte über ihre Träumerei. Frechdachs. Aber sie konnte ihm nicht böse sein, schließlich half er ihr, die Zeitungen auszutragen. Manchmal half ihnen auch der Vater beim Austragen, aber das ging nur, wenn die alte Frau Plunkett, die unter ihnen im Erdgeschoß wohnte, nach der Mutter sah. Und das war nicht oft der Fall. Beide schulterten die schweren Taschen, die brechend voll waren. Frau Wilkins hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, als sie den Kindern nach sah, wie sie aus dem Haus wankten. Aber sie hatten das Geld bitter nötig. Trotzdem waren es nette, fröhliche Kinder und sie steckte ihnen häufig genug nette Kleinigkeiten zu, die Kinderherzen freuten. Alte Puppen von ihren Nichten oder die kleine Trommel, ohne die man Jackie selten sah. Sie seufzte. Hoffentlich kam das Glück wieder zu Lindas und Jackies Familie zurück.