Das weiße Gewand - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der Pilot sieht bei einem Mord zu. Hell leuchtet Das weiße Gewand des Mörders im Mondlicht. Fiel Cecily Durant dem Haß zum Opfer? Der Eifersucht, der Rache? Wer hat ihren Tod auf dem Gewissen? Jeder der Bewohner der Schatteninsel wird verdächtigt. Am Tatort liegt eine Sammlung der verschiedensten Gegenstände. Findet Inspektor Mason bei ihnen wohl das richtige Indiz? (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:356


Mignon G. Eberhart

Das weiße Gewand

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen

FISCHER Digital

Inhalt

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel

1. Kapitel

Um sechs Uhr landeten sie in Miami; Judith und Winnie holten sie ab.

Wie jedesmal, brachte ihnen die duftende, feuchte Tropenluft, die sie wie Parfüm überflutete, als sie den Laufsteg herunterschritten, die große Distanz, die sie zurückgelegt hatten, stark zum Bewußtsein. Noch heute morgen in der modernen, zivilisierten Wolkenkratzer-Welt von New York-City – jetzt, nach ein paar Stunden, in den Tropen, dreihundert Meilen südlich von Kairo, genau gesagt. New York war sommerlich heiß und faul gewesen. Hier aber war es anders; der Himmel strahlte in sanfterem Blau, mit flutender Anmut zeichneten sich die wiegenden Palmen darauf ab; eine dunstige Rauchwolke stieg von einem Feuer irgendwo auf der Sumpfsteppe von Everglades empor, wie um an die seltsame, wilde Welt zu gemahnen, die dort draußen lag, noch ungezähmt und unerobert.

Ein unerwarteter und dunkel-beängstigender Gedanke stieg in ihr auf; Unsinn war es, und besaß doch eine gewisse Macht, stark genug, um Marny eine Sekunde lang zögern zu lassen, die Hand auf dem Geländer des Laufsteges, gepackt von dem verrückten Wunsch zu fliehen, sich umzudrehen, ins Flugzeug zurückzulaufen, wieder heim nach New York zu fliegen.

Angst? Aber Angst mußte doch ein Objekt haben, und da war ja keines … Alles war so ungreifbar wie die balsamische, feuchte Luft. Tim war schon voraus – und sie hielt die übrigen Passagiere auf.

Sie folgte Tim, der den Laufsteg hinunterschoß.

Tim Wales verließ ganz selbstverständlich als erster Passagier das Flugzeug, obwohl er auf dem von ihm gewählten Einzelplatz ganz vorne rechts gesessen hatte. Die Promptheit, mit der er als erster nach rückwärts zum Ausgang gelangt und als erster aus dem Flugzeug gestiegen war, hatte jedenfalls nichts mit der Tatsache zu tun, daß er Präsident der Wales-Luftfahrt-Linien war, welche die Erdkugel wie mit Silberfäden umzogen, ein Gewebe um den ganzen Planeten spannten, mit Tim Wales als Mittelpunkt. Niemand ließ ihm ehrerbietig den Vortritt; es war eines der gewöhnlichen Verkehrsflugzeuge der Gesellschaft. Aber niemand bis auf Marny und André (und natürlich das Flugzeugpersonal) wußte, daß er der große Tim Wales war. Als erster erreichte er den Laufsteg einzig deshalb, weil es in Tims Natur lag, allen anderen zuvorzukommen.

Diesmal erwarteten ihn Winnie, seine Tochter, und Judith, seine junge, schöne zweite Frau. Marny kannte ihn vielleicht besser als irgend jemand sonst, außer Judith und Winnie, aber sie wußte nie genau, was von ihm zu erwarten war. Bis auf seine Augen (granitgraue Augen mit kalten Lichtfunken darin) glich er stark einem dicken, blanken, etwas kahlen aber sehr rosigen und gesunden Kind. Er war unglaublich energisch, stets heiter und vereinte eine beschwingte Phantasie mit kaltem, wachem Geschäftssinn.

Jetzt nahm er den Hut ab und schwenkte ihn wild. Winnie stand innerhalb des Einfassungsgitters, winkte ebenfalls, lachte und glich so vollständig der ersten Mrs. Wales, daß es immer wieder verblüffend wirkte, außer natürlich, daß sie jung und anziehend war, mit ihrem schlichten braunen Haar in einem Knoten im Nacken, den frischen, starken Farben, den regelmäßigen weißen Zähnen und den gebräunten Beinen. Sie hatte abgenommen, seit Marny sie zuletzt gesehen, im Winter, gerade bevor Winnie und Judith in das Haus nach Florida gefahren waren.

Von Natur aus eher ein vierschrötiger Typ, war Winnie jetzt ziemlich schlank, was ihr gut stand. Ihr gesundes, lachendes Gesicht wies sehr reizvolle Linien auf; sie war starkknochig und wie sich jetzt zeigte, da einiges überflüssige Fleisch von diesen Knochen verschwunden war, auffallend gut gebaut.

Tim küßte seine Tochter herzlich und gab sie an Marny weiter.

«Liebste», rief sie, umarmte Marny und verbreitete den Duft eines neuen, sehr wirkungsvollen Parfüms. «Judith ist im Wagen. Wie geht’s dir, Vater? Marny, du siehst doch immer großartig aus! André …»

André Durant stieg hinter Marny aus, Winnie umarmte ihn herzlich und freundschaftlich, wie sie Marny umarmt hatte; er küßte sie und zog ihren Arm durch den seinen. Natürlicherweise sah dies Marny, und ganz unnatürlicherweise blickte sie rasch wieder fort. Andrés dunkler Kopf so über Winnie gebeugt …!

Aber jeder küßte jeden immer und überall bei einer Ankunft. Es hatte nichts zu bedeuten, und wenn auch – ihr war das egal. André Durant war ja nur ein Mann, den sie seit genau einer Woche kannte (weil Judith ihn Tim Wales mit einem Empfehlungsbrief nach New York geschickt hatte.) Marny und André hatten zusammen zu Mittag und zu Abend gegessen, waren in ein paar Variétés gewesen, hatten die Nachtklubs «absolviert» und getanzt. Weil Tim sie gebeten hatte, mit dem Gast auszugehen, weil André ein Freund von Judith war, weil Tim wollte, daß er sich in New York gut unterhalte … Wenn es ihr nicht paßte, daß André jemand andern küßte – auch nur leicht auf die Wange wie eben jetzt – dann standen ihr böse Zeiten bevor; denn André würde höchstwahrscheinlich sein ganzes Leben lang jede Frau küssen, der er begegnete.

«Vorwärts! Vorwärts!» trieb Tim sie an und eilte wiederum voraus, durch das Flughafen-Gebäude hindurch und auf den langen, blitzenden Wagen los, an dessen Schlag der Chauffeur lehnte und in dessen Fond Judith sie erwartete.

«Ihr Lieben!» sagte sie. Ihre Stimme war tief, verschleiert und wunderschön. «Wie herrlich! Winnie, hast du dich um das Gepäck gekümmert? Tim, mein Herz, du siehst phantastisch aus! Setz dich zu mir, Marny. André, wie hat Ihnen New York gefallen?»

Winnie hatte flott und hübsch geschienen, mit ihrem gesunden, frischen Gesicht, dem weißen Sportkleid, den Perlen um den Hals und in den Ohren, mit ihrer neuen relativen Schlankheit und ihrem neuen Parfüm – so lange, bis man Judith sah. Judith war so herrlich, so schimmernd, so stromlinienhaft elegant und so gepflegt bis ins letzte, feinste Detail, daß sich Winnie neben ihr in den dicken, tollpatschigen Backfisch zurückzuverwandeln schien, der sie noch kürzlich gewesen. Marny stieg zu Judith in den Wagen und fühlte deren schmale, kühle Wange sich gegen ihre eigene schmiegen in der einzigen zärtlichen Begrüßungsgeste, die Judith sich gestattete; und sie fragte sich, ob wohl auch sie selbst neben Judith in das schlaksige, unsichere, linkische Klein-Mädel-Stadium zurückglitte. Aber sie hatte Judith gern. Alle hatten sie gern: Winnie, von der man hätte erwarten können, daß sie der schönen jungen Frau, die den Platz ihrer Mutter eingenommen, keine Sympathie entgegenbrächte, hatte sie statt dessen von Anfang an geliebt, kopiert, ihr jede Gefälligkeit erwiesen und sie angebetet. Tim, der sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte, das Personal, die Diens deute, erzogen von der ersten Mrs. Wales, mit Widerwillen und Furcht vor dem Erscheinen der neuen und jungen Mrs. Wales erfüllt, hatten vor ihrer Schönheit und Freundlichkeit sogleich kapituliert.

Als Marny vor zwei Jahren zum ersten Mal von dem Heiratsprojekt gehört hatte, war sie skeptisch gewesen, hauptsächlich wegen Judiths Jugend und Tims Geld. Judith war jung, sie war Witwe, Tim hatte sie auf einer Reise nach Buenos Aires kennengelernt und sie geheiratet, sobald sie wieder in New York anlangten. Marnys sachter Skeptizismus überlebte ihre erste Begegnung mit Judith nicht.

Jetzt blickte sie die junge Frau an, während der Träger das Verstauen der Koffer im Gepäckbehälter des Autos beendete und der große Wagen geräuschlos anfuhr. Judith sah auffallend gut aus. Sie war nur ganz leicht gebräunt, als wüßte sie, daß eine gewisse Blässe ihr gut stand. Ihr schwarzes Haar war durch einen geraden weißen Scheitel in der Mitte geteilt und im Nacken zu einer Art Fächer frisiert, so glatt und ordentlich, daß man das Gefühl hatte, kein einziges Härchen liege am unrechten Platz. Auch sie trug ein weißes Kleid, einfach und gerade geschnitten, mit einem grünen Gürtel und grünen Sandalen, und der Smaragd, den Tim ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, glühte an ihrer langen, herrlichen Hand. Ihre Nägel waren perlmutterfarben lackiert anstatt rot oder rosa. Kein Detail der Kleidung war so klein, daß ihm nicht Judiths lebhafte, einfallsreiche Aufmerksamkeit gehört hätte. Tim hielt ihre andere Hand in der seinen. Sie wandte sich zur Seite, um ihm zuzulächeln, doch er saß vorgelehnt da, um durch den Zwischenraum zwischen Winnie und André, die auf den Klappstühlen saßen, durchzuspähen und im Geist mit zu chauffieren. Er erwiderte Judiths Lächeln nicht und sah – außer, daß er die Hand seiner jungen Frau umfaßt hielt – tatsächlich sehr in Anspruch genommen und grimmig drein. Schon seit einigen Tagen war er zerstreut gewesen, fuhr es Marny durch den Sinn. Wahrscheinlich braute und siedete irgend eine geschäftliche Unternehmung in seinem aktiven Hirn, und er war einfach nocht nicht so weit, ihr davon zu erzählen. So war es immer. Und doch war er auch wieder auf seltsame Weise von ihr abhängig.

Sie bogen in den Biscayne Boulevard ein. Der Geruch des Meeres drang durch das offene Fenster in den Wagen.

Winnie sagte: «Wir hatten keine Ahnung, daß du vorhattest herzukommen, Vater. Bist du geschäftlich da, oder nur, um uns zu besuchen?»

Einen Augenblick lang sagte Tim gar nichts. Judiths schönes Gesicht war sehr still. Plötzlich schien jeder in diesem Wagen zu lauschen. Winnie drehte sich um, ihr harmloses Gesicht zeigte Überrraschung, und sie wiederholte: «Warum bist du gekommen?»

«Hatte Lust», erwiderte Tim. «Freut’s dich, daß ich da bin?»

«Aber selbstverständlich!» rief Winnie. Judith sagte nichts. Winnie schwatzte weiter: «Charlie Ingram ist auch hier. In seinem Haus auf Silbereck. Er kommt heute zum Dinner.»

Marny erinnerte sich an Charlie Ingram, den sie gut leiden mochte. Er war ein eingefleischter Junggeselle in den Fünfzigern, von englischer Herkunft, der von einem ererbten Einkommen lebte, sich in der guten Gesellschaft herumtrieb und außerordentlich gutmütig, freundlich und beliebt war.

«Er hat wieder mit Tennisspielen angefangen», fuhr Winnie fort, «und entwickelt ein wirklich gutes backhand. Dies Jahr ist er einer von Judiths Verehrern.» Sie lachte Judith an, doch in ihrem Blick lag Bewunderung.

Warum waren sie eigentlich wirklich nach Florida gekommen? fiel es Marny mit großer Plötzlichkeit und Schärfe ein.

Es war Tims Entschluß gewesen – ein sehr plötzlicher Entschluß.

Heute war Montag. Sonntag, etwa um die Mittagszeit hatte er angekündigt, daß sie nach Florida fahren würden, er, Marny und André Durant, und das war alles. Montag um neun Uhr dreißig waren sie (mit etlichen Zeremonien und Begrüßungen) in eines seiner eigenen Passagierflugzeuge hineinbugsiert worden.

Für André freilich bedeutete es eine Rückkehr; in Miami hatte er ja Judith kennengelernt. Tim hatte jedoch, als er diese Reise proklamierte, kein einziges Wort hinzugefügt. Für gewöhnlich setzte er Marny den Zweck seiner Fahrten auseinander, erzählte ihr, weshalb er sie unternahm, was er durchzuführen gedachte, und umriß ihre eigenen Pflichten. Im Flugzeug hätte er Zeit gehabt, ihr all das zu erklären, er hatte es jedoch nicht getan.

Bis jetzt war ihr dies allerdings nicht besonders aufgefallen. Was immer Tim für einen Grund dafür haben mochte, es war ganz gewiß ein völlig sachlicher und vernünftiger.

Der Flug war eintönig gewesen und dennoch ermüdend. Dazu kam noch das scharf peinigende Bewußtsein von etwas Unausweichlichem, Drohendem in dem stetigen Näherrücken der Tropennacht – das alles riß ein wenig an Marnys Nerven. Ungerufen, unerwartet und gewiß unwillkommen drängte sich ihr noch ein anderer Einfall auf: hatte Tim es unterlassen, ihr den Grund dieser Reise zu nennen, weil er persönlicher Art war? Hatte er am Ende etwas mit Judith zu tun?

Sie blickte wieder nach den beiden hin; Judiths schöne Hand zwischen Tims derben, speckigen, starken Fingern; Tims gedankenverlorenes, verschlossenes Gesicht; war Judith dieser Ehe müde geworden?

Aber das war ungerecht; nur ein Gedanke ohne Sinn und Anlaß. Judith und Tim waren genau so, wie sie immer gewesen, glücklich und verliebt, trotz dem Altersunterschied, trotz Judiths Äußerem, voll Zauber und Durchseeltheit, trotz der romantischen Atmosphäre, die sie immer irgendwie zu umgeben schien, wo sie auch sein mochte.

Soviel Marny wußte … und sie würde es sicher gewußt haben – auch ohne Beweise – wenn es anders gewesen wäre … Wenn Judith Liebhaber hätte, würde es Winnie wissen; und Marny würde es wissen.

Und mehr noch, Tim Wales mit seiner Klugheit, seiner Intuition, der großen Sensibilität, mit dem er die Gefühle anderer erriet, würde es wahrscheinlich als erster gewußt haben.

Nein, der Anlaß für diese Reise hatte nichts mit Judith zu schaffen – wenigstens nicht in diesem Sinne.

Winnie drehte sich um und legte ihren langen, schönen Arm um die Lehne des Klappsitzes. «Du bist so still, Marny», bemerkte sie. «Müde? Wir sind bald daheim. Mit dem Haus haben wir Wunder gewirkt, Judith und ich. Freilich, bisher waren wir noch während keiner Saison lang genug in Florida, um etwas zu unternehmen. Aber es ist hier wirklich ganz reizend im Sommer, weißt du. Uns gefällt es ehrlich gesagt jetzt besser als in der Wintersaison. Es weht immer eine Brise und … Hier biegen wir ein!» Sie lehnte sich vor und stupste den Chauffeur kräftig. «Fahren Sie nach rechts, und dann über die Brücke.»

«Neuer Chauffeur?» fragte Tim.

«Seit einer Woche», erwiderte Judith träge. «Er kann nicht fahren, aber sei nur nicht nervös, Liebling. In ein oder zwei Minuten sind wir zuhause. Es ist so schwer jetzt, Personal zu bekommen. Aber Winnie treibt immer wieder jemand auf. Winnie ist wundervoll.»

Jetzt waren sie am Quai angelangt; Miami glitzerte hinter ihnen in der sinkenden Sonne, ein paar frühe Lichter flammten auf wie Juwele, vor ihnen erstreckte sich der Strand nach beiden Seiten der Bucht, grün, weiß und herrlich, und draußen lagen wie smaragdfarbene Tupfen die Inseln. Jetzt mußte eine Kurve kommen, noch eine, dann eine Brücke und schließlich die Schatten-Insel, der Besitz, den Tim vor einigen Jahren gekauft hatte.

Es sah aus, als sollte André mit ihnen auf die Insel gehen, und alle schienen das ganz selbstverständlich zu finden. Vielleicht war er dort schon Gast gewesen, ehe Judith ihn mit dem Brief zu Tim nach New York geschickt hatte. Es war seltsam, dachte Marny, daß sie trotz der vielen Gespräche, die sie während dieser Woche mit ihm gehabt hatte, eigentlich gar nichts darüber wußte.

Nein, sie wußte nichts davon, und, wenn man’s recht bedachte, auch herzlich wenig von ihm selbst. Ihr kam es so vor, als habe Judith Tim gebeten, ihm eine Stellung zu verschaffen; doch wie dem auch sei, Tim hatte ihr gegenüber nichts davon erwähnt. Sie wußte nur, daß er jung, ein guter Gesellschafter und von Judith empfohlen war. Etwas undurchsichtig Fremdes umgab ihn. Sie wußte, er hatte in Frankreich und auf den Karibischen Inseln gelebt und war überhaupt viel umhergereist. Er hatte einmal erwähnt, daß er nur kurz in England zur Schule gegangen sei; doch er sprach amerikanisch, und wenn er die Spur eines Akzents hatte, so war es ein französischer. Er war ein guter Schwimmer, Tennisspieler und Tänzer und wußte eine Menge über die verschiedensten Dinge. Er war anziehend – zu anziehend? – heiter und auf eine lässige, sorglose Weise schön.

Sie bogen vom Quai ab und überquerten die Brücke. Nur so konnte man auf dem Landweg zur Insel gelangen. In vergangenen Sommern, als das Haus nicht bewohnt wurde, war die Brücke mit einer Kette versperrt gewesen. Der Wagen fuhr durch ein Gitter, das von Korallenmeersträuchern umwachsen war, auf gewundener Allee, so herrlich und dicht mit tropisch blühenden Hecken gesäumt, daß es nur so leuchtete von purpurnem und scharlachfarbenem Rot. Noch eine Kurve, und sie erreichten das Haus. Es war groß, weiß, spanisch im Stil, mit kunstvollen, schmiedeisernen Gittern an den Balkonen, und seine Zimmer waren erleuchtet.

Ein schönes Haus. Es paßte so vollkommen zu den Palmen, dem dichten, raschelnden Bambus, den seltsamen, blütenreichen Bäumen und Büschen und zu dem blauen Wasser der Bucht, als wäre es hier gewachsen. Seine modernen, stilisierten Linien fügten sich harmonisch in die leuchtenden, kühnen Farben der tropischen Landschaft. Nach Süden zu, unmittelbar unter ihm lag die Bucht, nun in dämmriges Blau getaucht. Auf der Nordseite war ein blau gekacheltes Schwimmbassin. Durch die dichte Hecke konnten sie es einen Augenblick lang sehen.

Es sah kühl und einladend aus. Schnell vor dem Dinner einmal hineinspringen war genau das, was sie brauchte, dachte Marny. Etwas war nicht in Ordnung mit ihr, etwas, das vom tropischen Zwielicht, dem üppigen Grün, dem leuchtenden Rot und der süßen, feuchten Luft eher verschärft als eingelullt wurde.

2. Kapitel

Winnie nahm, als der Wagen hielt, nun alles mit Feuereifer in die Hand; das Dinner sollte um acht Uhr eingenommen werden, die Apéritifs auf der Terrasse über der Bucht, jetzt oder wann immer man wollte.

Bei Winnies lebhafter Führung und Geschäftigkeit gab es keine Aussicht auf weitere Gespräche. Ehe sie sich’s versah, befand Marny sich in einem der Gastzimmer, einem höchst geschmackvollen Raum mit modernen hellen Möbeln, dicken beigefarbenen Teppichen und zartrosa Kissen. Eine offene Tür ging auf den Balkon, von dem eine eiserne, weißbemalte und mit purpurner Bougainvillia umrankte Treppe im großen Bogen hinunterführte zu einem schmalen Rasenstreifen und zur Bucht.

Ein kleines dunkelhäutiges Hausmädchen, zierlich in Häubchen und Schürze, erschien, um Marny beim Auspacken zu helfen und Handtücher in das angrenzende seegrüne und scharlachrote Badezimmer zu bringen.

Diese Stille hier nach dem ständigen, eindringlichen Maschinenlärm des Flugzeugs wirkte beruhigend.

‚Unten im Bassin wird es noch stiller sein‘, dachte Marny.

Sie zog den weißen, zweiteiligen Badeanzug, den sie in aller Eile am Abend vorher noch eingepackt hatte, hervor und kleidete sich schnell um. Der schmale Hautstreifen zwischen Büstenhalter und Rockhöschen sah noch recht weiß aus, aber ein paar Tage in Floridas Sonne würden dem Übel bald abhelfen. Sie wand ihr dunkles Haar zu einem Knoten mitten auf dem Kopf und ging hinunter.

Sie kannte sich hier nicht genau aus. Ein Weg führte über den Balkon und die eiserne, schön geschwungene Treppe, dann um eine Ecke des Hauses, doch wahrscheinlich standen ein paar Menschen auf der weiten Terrasse, die just unter dem Balkon lag und von ihm überdacht wurde.

Deshalb nahm sie lieber den Weg über die Hintertreppe und die Halle, die vor der Küchentür lag. Hier traf sie niemand, hier gab es nur Schüsselgeklapper und Speisegerüche aus der Küche.

Lautlos ging sie über den Fahrweg, der zur Garage führte. Einmal hinter der Hibiskushecke mit den rotflammenden Blüten, die jetzt dunkelblau im Schatten stand, fühlte sie sich dem Hause seltsam fern.

Das Bassin war, wenn möglich, noch blauer. Sie setzte sich auf den Fliesenrand, der es einsäumte, und streifte gedankenversunken ihre roten Sandalen ab.

Sie blickte zurück auf die hohe, schützende Hecke und die Fenster des Hauses mit den grünen Läden. Konnte André sie sehen? Würde er kommen und mit ihr schwimmen – sie beide allein hier in dem kühlen blauen Wasser und dem dunkelnden ruhigen Himmel über ihnen?

Jäh unterbrach sie ihren Gedankengang, glitt ins Wasser, drehte sich auf den Rücken und schwamm sodann fast ohne die Hände zu rühren, fest entschlossen, nichts anderes zu fühlen als die leise Bewegung ihres schlanken Körpers und die Kühle des Wassers.

Sie wollte nicht an André Durant denken, sie wollte siegen über das so plötzlich aufgekommene Gefühl von – nun, von Angst.

‚Nun gut, schau ihm ins Gesicht und analysiere es‘, sagte sie halb ernst und halb spöttisch zu sich selbst. Angst? Wovor? Jedenfalls vor nichts Erklärbarem, vor nichts, das sie analysieren oder auch nur identifizieren konnte. Es war nur eine Unruhe, die sie so sanft, so ungreifbar und so unerbittlich umgab wie die immer tiefer werdenden tropischen Schatten.

Sie schwamm und trieb dahin. Gewöhnlich war es ihr ein Leichtes, sich für ein paar Augenblicke forttreiben zu lassen, fort von der Arbeit, fort von der Fassade, die sie, vielleicht unbewußt, vielleicht aus Selbstverteidigung für sich, errichtet hatte, hin zu der schlichten Marny Sanderson, die nicht ängstlich darauf bedacht sein mußte, fest auf der Sprosse der steilen Leiter zu stehen, die sie erklommen hatte.

Wie leicht konnte sie von dieser Sprosse stürzen! Durch Mißgunst, durch falsche Entscheidung, dadurch, daß sie eine Frau war! Durch André!

Da – nun war sie also wieder bei André und blickte wieder zurück auf die grüne Hecke zwischen sich und dem Haus.

Sie gab sich einen heftigen Stoß und wandte sich um, so daß sie das Haus nicht mehr sehen konnte.

Niemals erfuhr sie, wie lange der Mann an der Einfassung des Beckens schon dagestanden und sie beobachtet hatte. Ebenso wenig erfuhr sie je, was sie erkennen ließ, daß sie beobachtet werde und was sie dazu trieb, den Kopf zu heben und in die entgegengesetzte Richtung zu schauen, auf das andere Ende des Bassins unweit vom Fahrweg. Nun, aber sie tat es und zwar mit dem plötzlichen Gefühl, als habe sie jemand angesprochen.

Ganz in ihrer Nähe stand er; sie hatte sich fast bis ans Ende des Bassins treiben lassen. Er blickte über den schmalen Wasserstreifen unmittelbar in ihre Augen.

Er war in Uniform und hielt eine Mütze in der Hand. So vom Wasser aus gesehen, schien er über ungewöhnliche Kraft und Festigkeit zu verfügen, als habe er sich selbst hier hingepflanzt und könne unmöglich von der Stelle bewegt werden, es sei denn durch seinen eigenen Willen. Er war einen erschütternden Augenblick lang ein Teil jenes Traumes, in den sie sich hatte gleiten lassen, eine Gestalt, die aus dem Nichts kam und sich schweigend einfügte in ihre Phantasien.

Dann wurde ihr klar, daß bereits mehrere Sekunden vergangen waren und sie einander immer noch in die Augen sahen. Unmittelbar und höchst gespannt, fast so, als kennten sie einander oder seien im Begriff, einander kennenzulernen.

Aber das war nicht möglich; sie konnte ihn nicht kennen, denn seiner hätte sie sich bestimmt erinnert. Auf jeden Fall mußte sie jetzt etwas tun, die Stille und vor allem dieses starre, forschende Einander-Anschauen unterbrechen. Sie warf sich so schnell herum, daß ihr das Salzwasser in die Augen spritzte und ihre Haare näßte. Sie schob die feuchte Strähne zurück und fragte: «Wer sind Sie? Was wollen Sie?»

Das war nicht ihre amtliche Stimme – diese freundliche, kühle Stimme, die sie sich anerzogen hatte. Jetzt war ihre Stimme unsicher und fast atemlos.

Er fragte: «Sind Sie Marny Sanderson?» Und trotz ihrer heftigen Bewegung im Wasser schoß es ihr durch ihr betäubtes, doch erschrecktes und überraschtes Bewußtsein, daß er, als er die Frage stellte, die Hoffnung hegte, sie werde ‚nein‘ sagen.

Sie schwamm auf ihn zu. Laut und deutlich hörte man das Platschen ihrer Hände mit den roten Fingernägeln. Der Mann am Ende des Bassins rührte sich, als sie ankam, und streckte ihr eine Hand entgegen. Sie war sonnverbrannt und derb, mit einem Ring am Finger, und über alles Erwarten kräftig; denn er zog sie so schnell, so geschickt und so leicht aus dem Wasser und auf die Einfassung, daß sie abermals ein Gefühl von Überraschung und Atemlosigkeit befiel. Als sie nun dastand und zu ihm aufschaute, fühlte sie sich furchtbar klein. Er war beträchtlich größer als sie und sah immer noch so vierschrötig festgewurzelt aus wie da, als sie vom Wasser aus zu ihm hingeblickt hatte. Sie sehnte sich nach ihren üblichen hohen Absätzen, zog den nassen Rock ihres Badekostüms herunter, verfluchte schweigend ihr triefendes Haar und sagte laut: «Danke sehr.»

«Sind Sie Miß Sanderson?» fragte er erneut und schaute auf sie hernieder.

«Ja.»

Deutlich erschien etwas wie Mißbilligung in seinen schmalen, kühlen, graublauen Augen. Sein Mund war ziemlich knapp, fand sie, ein schottischer Mund, sein Gesicht braun. Die schwarzen Haare glänzten, als habe er reichlich Wasser benutzt, um sie glatt zu streichen, und zwar vor noch nicht langer Zeit. Das war tatsächlich entwaffnend, denn sie hatte nun auf einmal den Eindruck eines vierschrötigen, ehrlich dreinschauenden Knaben, der mit angeborener Konvention das tut, was man ihn geheißen hat, weil er es für richtig und herkömmlich hält. Nicht daß an diesem Mann in der grünen Uniform der Marineflieger, der da so stämmig und solid vor ihr stand, etwas Knabenhaftes gewesen wäre. Er sagte: «Das dachte ich mir. Man sagte mir im Haus, Sie seien hier. Ich gebe besser gleich zu, daß ich nicht erwartet werde. Ich erfuhr, daß Sie und Mr. Wales hier seien, und da kam ich auf gut Glück her, in der Hoffnung, Sie würden mich empfangen. Es tut mir leid, Sie zu stören.»

Eine aufflackernde Abneigung in seinem Blick – Abneigung? Aber er hatte sie doch noch nie vorher gesehen! – ließ sie barsch antworten: «Ich bin fertig mit meinem Bad. Aber Mr. Wales ist soeben erst angekommen und empfängt nicht gerne hier.»

Jeder, der Tim kannte, mußte wissen, daß er überall empfing, wo es ihm paßte, und der Mann vor ihr wußte es. Sein Gesicht wurde hart.

Sie fuhr schnell fort: «Wenn Sie morgen anrufen und etwas mit ihm vereinbaren wollen …»

Ein kurzes Schweigen folgte. Der Marineflieger sah ärgerlich drein. Zornige Röte stieg ihm langsam bis über die Backenknochen hoch, und sein Blick wurde so kalt und grau, daß sie den ihren senkte. Über seiner linken Rocktasche sah sie eine Reihe bunter kleiner Ordensbänder, genau gesagt, eine doppelte Reihe.

Einen Augenblick lang dachte sie daran, ihn zu Tim zu führen, verwarf diese Idee aber sogleich wieder. Dieser Mann, der ihren Namen kannte und nach der Schatten-Insel gekommen war, um Tim zu sprechen, wollte sicherlich irgend etwas. Ein Teil ihrer Arbeit bestand darin, die Leute loszuwerden, die etwas von ihm wollten.

Also sagte sie: «Ich wollte nicht unhöflich sein. Wenn Sie mir vielleicht mitteilen wollen, worum …»

Hier unterbrach er sie. Sein Gesicht war immer noch hart und zornig, aber er sprach gelassen. «Mir scheint, wir haben falsch angefangen, das ist ein schlechter Beginn. Ich – mein Name ist Cameron, Bill Cameron.»

Sie sah drei schwarze Streifen am Ärmel seiner grünen Jacke. Dann mußte er also Kapitän Bill Cameron sein. Sie fragte: «Wollten Sie mich sprechen oder Mr. Wales?»

«Ich, nun – ja, um die Wahrheit zu sagen, ich wollte Sie sprechen. Es ist wichtig.»

Wieder erschien dieser mißbilligende Blick in seinen Augen, als wünsche er, sie wäre irgend jemand anders. Wenn sie nur hinter ihrem Büroschreibtisch sitzen könnte! Wenn nur ihr Haar nicht so naß am Kopf und der Badeanzug nicht so eng am Körper geklebt hätte! Ehe sie sich zurückhalten konnte, sagte sie, aufgestachelt durch seinen seltsamen Blick: «Wichtig für Sie, meinen Sie?»

Der Ausdruck seines Gesichts änderte sich nicht, aber seine Pupillen wurden ganz dunkel. «Ja, wichtig für mich. Wichtig für jeden, der in diesem Krieg gekämpft hat und keine Lust verspürt, es gleich wieder in einem nächsten zu tun.»

Tim Wales haßte Sonderlinge. Und er hatte eine knappe, höchst unangenehme Art, mit Leuten, die auch nur den leisesten Verdacht aufkommen ließen, zu dieser Kategorie zu gehören, fertig zu werden. Sie wußte, daß Sonderlinge für gewöhnlich die Welt verbessern wollten, nur stellte sich meist heraus, daß sie es mit Hilfe einer Erfindung tun wollten, und sie kamen und baten ganz ehrlich – und manchmal mit einem geradezu herzzerreißenden Ernst – Tim Wales solle diese Erfindung einführen – und finanzieren.

Doch aus Gesicht und Stimme dieses Mannes vor ihr sprach Dringlichkeit, Wahrhaftigkeit und vor allem gesunder Menschenverstand. Langsam sagte sie: «Vielleicht erklären Sie mir etwas genauer, was Sie meinen.»

«Sehen Sie, Miß Sanderson, ich bin kein Diplomat. Und ich – nun, ich muß Sie und Mr. Wales unbedingt überzeugen.»

«Ich habe überhaupt keinen Einfluß auf die Entscheidungen von Mr. Wales. Ich bin nur …»

Er unterbrach sie. «Ich weiß nicht genau, welchen Titel Sie tragen, Chef der Öffentlichen Abteilung, oder so etwas. Augenblicklich sind Sie so nahe daran, Teilhaber zu sein, wie ein Mann von Tim Wales’ Format es zuläßt.»

«Das ist doch lächerlich …»

«Man wird Sie wahrscheinlich nächstes Jahr zum Vizepräsidenten machen. Sie haben es erreicht. Ich weiß. Ich habe Sie beobachtet. Ich habe mich erkundigt. Ich mußte das alles wissen. Sehen Sie …» Hier machte er eine Pause und sagte dann sehr langsam und bedächtig: «Sehen Sie, ich will nicht, daß es noch einmal Krieg gibt in den nächsten zwanzig Jahren, oder in zehn, oder in fünf. Ich will, daß Sie das vereiteln. Sie, Miß Sanderson.»

Er war doch ein Sonderling! Trotz seines festen Blickes, trotz seines klugen, starken Kinns, trotz seines Ausdrucks von Dringlichkeit und Wahrhaftigkeit. Das dachte sie und, als habe sie gesprochen, fuhr er fort: «Ich bin nicht verrückt. Lasen Sie jemals die ‚Nachtpost‘? Nein, natürlich nicht, das war vor Ihrer Zeit. Nun jedenfalls, es ist alles wahr geworden. Nur ist es heute schon wahr geworden, statt im Jahre zweitausend. Wer jetzt Flugzeuge macht, macht Planeten. Die Luftmacht kann Frieden schließen und Frieden brechen. Hören Sie, Miß Sanderson, diesen Krieg habe ich gesehen. Ich will keinen zweiten erleben. Ich spreche auch im Namen Vieler, die nicht mehr für sich selbst sprechen können.»

Sie glaubte ihm nicht, sie glaubte ihm nicht und konnte doch nicht umhin, ihm zuzuhören. Nachdenklich sagte sie: «Warum kommen Sie zu mir?»

«Weil Sie Marny Sanderson sind. Weil Tim Wales auf Sie hören wird. Weil Sie eine Frau sind. Weil es von Tim Wales und ein paar wenigen anderen abhängt, einen nächsten Krieg zu verhindern.»

«Ein paar wenigen anderen?» Andere Luftlinien, Konkurrenten, Rivalen? War er von ihnen geschickt worden? Warum? Um Tim Wales auf irgendeine Art einzufangen mit all diesen edelklingenden Gemeinplätzen? Verdacht durchkreuzte ihren unwillkürlich wachsenden Glauben an seine Aufrichtigkeit.

«Die anderen können es ohne Tim Wales nicht tun. Er ist der Zar. Er …»

«Sie meinen, er hat das, was sie brauchen, diese anderen. Von denen kommen Sie. Die haben Sie hergeschickt, die anderen Amerikalinien? Oder sind es ausländische? Und Sie dachten, ich würde Ihnen helfen, Mr. Wales die Augen zu verbinden? Wer hat Sie hergeschickt? Sagen Sie, wer?»

Sie war wütend über sich, weil sie überhaupt zuhörte, über Bill Cameron, weil er deshalb zu ihr gekommen war, weil er sie in so einer unvorteilhaften Situation ertappt hatte, weil er sie veranlaßte, ihm zuzuhören, weil er sie fast dazu gebracht hatte, an seine Aufrichtigkeit zu glauben, um sich dann als Abgesandten aus dem feindlichen Lager zu entpuppen.

Auf seine Antwort war sie nicht vorbereitet, denn er sagte einfach: «Sie werden es nicht glauben, aber es ist wahr. Persönlichkeiten von höchster Autorität haben mich hergeschickt …»

«Was?»

«Von nationalem und internationalem Einfluß.»

«Wer?»

«Das darf ich Ihnen nicht sagen», entgegnete er wiederum ganz schlicht.

«Aber was … Ich glaube Ihnen nicht …»

Da sagte jemand ganz in der Nähe lässig: «Störe ich?»

Mit einem Ruck drehte sie sich um. Es war André Durant im Badeanzug, ein Handtuch über der Schulter, eine Zigarette in der Hand. Sie hatte sich von dem, was Bill Cameron sagte, ganz gegen ihren Willen so einfangen lassen, daß sie gar nicht bemerkt hatte, wie André aus der Hecke getreten und über die Fliesen auf sie zugekommen war. Er sagte, auf Kapitän Cameron blickend: «Ein Freund von Ihnen, Marny?»

Automatisch stellte sie vor: «Kapitän Cameron – Mr. Durant ..»

André reichte eine Hand hin, die Kapitän Cameron zu übersehen schien. André zuckte die Achseln und fragte: «Ist das eine internationale Konferenz? Ich glaubte, irgend so etwas wie ‚Personen von Einfluß‘ zu vernehmen.»

Mit harten Augen und strengem Mund sagte Bill Cameron: «Sie glauben mir nicht, Miß Sanderson? Sie sagen sich, wenn das wahr wäre, besäße er Empfehlungsbriefe, man hätte seinetwegen telephoniert, der Weg wäre ihm im voraus geebnet worden.»

Genau so hätte es sich zugetragen. Und doch war er kein Schwindler. Er war nur, trotz seines so vernünftigen, derben Schottengesichts, ein Sonderling. Tim würde kurzen Prozeß mit ihm machen. Es wäre besser und freundlicher, ihn, wenn es so weit käme, ohne eine Begegnung mit Tim seiner Wege zu schicken. Sie sagte: «Mr. Wales ist hier in den Ferien. Ich weiß nicht genau, wie lange er hier bleiben wird, aber ich glaube wirklich, es wäre besser …»

Er war wieder wütend. Hart fiel er ein: «… zur Hölle zu fahren.»

«Aber, aber, Kapitän», beschwichtigte André. «Hier …» und hielt sein Zigarettenetui, ein goldenes, onyx-besetztes – ein wenig zu zierliches aber schönes Stück dem Marineflieger hin. «Rauchen Sie. Lassen Sie uns über das, was Sie wollen, in Frieden sprechen.»

Bill Cameron wandte sich plötzlich und hastig an André. «Sind Sie interessiert an den Wales-Fluglinien?»

«Nein, mein Lieber, nein. Ich dachte nur …»

«Dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich hier nicht einmischten.»

André zog die Brauen in die Höhe und zuckte leicht und mißbilligend die Achseln. «Kein Grund, sich aufzuregen, Kapitän. Essen Sie mit uns? Wie wäre es mit einem Bad vor dem Dinner?»

«Ich brauche kein Bad», sagte Bill Cameron und wandte sich an Marny: «Ich habe kein Beglaubigungsschreiben, wenn’s das ist, was Sie meinen. Ich hoffte, Sie würden auch so begreifen. Ich dachte, Sie seien vielleicht ein Mensch. Sie sahen so aus – vorhin, im Wasser. Ich dachte, Sie seien eine Frau. Nun, ich habe mich geirrt …»

«Das hat nichts mit meinem Beruf zu tun.»

«Nein», nickte er, «das sehe ich jetzt auch. Ich sehe überhaupt eine ganze Menge.»

Da waren wieder diese harten dunklen Pupillen in seinen Augen. Unerwartet nahm er mit seinem festen Griff ihre Hände in die seinen, beide, schaute sie einen Augenblick lang an und sprach: «Sie sehen aus wie ein kleines Mädchen, wie ein nettes, hübsches kleines Mädchen mit Ihrem wirren Haar und Ihrem weißen Badekostüm. Ihre Hände sind hübsch, ja, schmal und braun und wirklich sehr schön. Und nicht einen kleinen hübschen Finger werden Sie rühren, um zu vereiteln, daß diese blutige Angelegenheit sich wieder ereignet.»

Er ließ ihre Hände mit einer verächtlichen Geste fallen und wandte sich um. André sagte schnell: «Aber, mein Lieber, so dürfen Sie nicht zu meiner – zu Miß Sanderson sprechen.» Er legte seine Hand um Marnys Gelenk wie ein Besitzer und Beschützer. «Sie sollten sich entschuldigen, Cameron, und zwar schnell.»

Mit einem Ruck drehte Kapitän Cameron sich um, seine Augen blitzten, seine Hände ballten sich zu Fäusten. Dann wandte er sich jäh ab und ging fort.

Über den Grasstreifen ging er, durch eine Öffnung in der grünen Hecke und betrat dann den Fahrweg. Marny verfolgte seine feste, grüngekleidete Gestalt und sah sie hinter dem dunkelgrünen Wall verschwinden. Noch ein kurzer Laut von harten, zornigen Schritten auf dem Kies, und dann nichts mehr. Marny schaute plötzlich nieder auf ihre braunen Hände, streckte sie aus, drehte sie langsam um, als fühle sie sich gezwungen, das rosige Handinnere zu erforschen. Es wurde dunkler.

Andrés Stimme kam lässig aus dem Dunkel. «Netter Bursche», sagte er. «Gute Manieren. Dachte einen Augenblick lang, er werde mich schlagen. Wer ist er, und was bedeutet das alles?»

3. Kapitel

«Ich weiß es nicht», erwiderte sie langsam, «das heißt, doch, ich weiß es.»

«Marny, Liebling, nehmen Sie sich zusammen. Das sieht Ihnen gar nicht ähnlich.»

Wieder zog sie den Rock ihres Badekostüms herunter und drehte ihren nassen Haarknoten fester. Sie hatte sich in nachteiliger Situation von einem Mann überraschen lassen, der – nun, der ein Sonderling sein mußte. Persönlichkeiten von hohem Einfluß – Kriege vereiteln – und all das Zeug. Zu albern mußte sie ausgesehen haben, wie sie so auf dem Wasser gelegen hatte mit so gut wie nichts am Leib. Wirklich wie ein kleines Mädchen, dachte sie wütend.

André lachte. «Sie werden rot. Was hat der Kerl denn zu Ihnen gesagt? Wer ist er eigentlich?»

«Bill Cameron, Kapitän.»

«Ja, das weiß ich. Aber was bedeutet das? Was sollten Sie tun?»

«Ich weiß es nicht genau. Er wollte sich wohl hauptsächlich an Tim heranmachen.»

«Ah, ich verstehe. Natürlich. Durch Sie. Und als es ihm nicht gelang, wurde er wild und verschwand.» André zuckte die Achseln. «Denken Sie nicht mehr an ihn. Kommen Sie, wir wollen schwimmen.»

Sie lauschte. Sie wollte den Laut von Kapitän Camerons abfahrendem Wagen auf der Straße hören. Er mußte ihn in der Nähe des Tores stehen gelassen haben. «Ich bin schon geschwommen», sagte sie abwesend und drehte an ihrem Haarschopf.

«Ich sah Sie von meinem Fenster aus.» André zerdrückte seine Zigarette. «Ich dachte, was für eine gute Idee, und kam so schnell wie möglich herunter. Los! Wir haben noch viel Zeit.» Er trat an den Rand des Bassins und warf sein Tuch auf die Fliesen.

Noch immer hörte sie keinen Laut von Kapitän Camerons Wagen. Zerstreut sagte sie zu André: «Ja, hier kann man springen, es ist das tiefe Ende.»

Er warf ihr einen sonderbaren Blick zu. Seine Augen waren dunkel und lebhaft, aber es war nicht leicht zu erraten, was er dachte. Einen Augenblick lang stand er am Rand des Bassins, groß, von Floridas Sonne tief braun gebrannt, nicht zu muskulös, nicht zu schlaff. Dann lächelte er: «Ja, ich weiß. Kommen Sie?»

Klar, Kapitän Cameron war von der Straße her gekommen, doch das war nicht wichtig. Sie wandte sich dem Bassin zu und sah André hineinspringen. Sie wartete, bis sein Kopf wieder an der Oberfläche des Wassers erschien, glänzend, naß und schwarz. Er rieb sich das Wasser aus den Augen. «Kühl», rief er. «Kommen Sie ’rein. Ich fange Sie auf.» Da ihr Haar ohnehin naß war, konnte sie ja auch springen. Bill Camerons unerwartetes Erscheinen war an allem schuld!

Gerade als sie sprang, hatte sie das seltsame Gefühl, Bill Cameron sei an den Eingang der Hecke zurückgekommen und sähe sie an; ein Irrtum, denn als sie wieder auftauchte und André sie lachend umarmte, schaute sie sich nach der Hecke um, und da stand niemand.

«Ein guter Sprung», lobte André. «Was suchen Sie?»

«Ich dachte, da sei jemand, aber es ist nichts.»

«Oh», machte André wassertretend und behielt die dichte grüne Hecke im Auge. Sie schaute ebenfalls hin, doch an der Öffnung der Hecke war wiederum nichts anderes zu sehen als der helle Streifen der Fahrstraße. «Niemand da», André tauchte unter.

Aber beide hatten sich geirrt, denn jemand rief: «Gut getaucht, alter Junge.»

Es war Charlie Ingram. Er war jedoch vom Haus her durch die Hecke gekommen, denn er stand am anderen Ende des Bassins, ohne Hut, gebräunt, das weiße Sporthemd am Hals offen, in weißen Hosen und Tennisschuhen, und hielt einen Schläger in der Hand. Er strahlte Marny an: «Hallo, meine Liebe, hallo!»

«Hallo, Charlie!» Während er um die Ecke des Bassins ging, schwamm sie an die Längsseite und zog sich am Rand in die Höhe. Er schüttelte ihr herzlich die nasse Hand, wobei ihm, als er sich zum Gruß zu ihr hinunterbeugte, das Monokel aus der Tasche fiel und wild an seiner Schnur hin und her schwang.

«Schön, Sie zu sehen, meine Liebe, ich freue mich.» Er sah André, der lässig durch das Bassin schwamm. Sein Gesicht schien sich leicht zu verändern, aber er rief mit fast noch größerer Herzlichkeit: «War’s schön in New York, Durant?»

«Großartig! Wie steht’s mit Ihrem Tennis?»

«Sehr gut, alter Junge, ausgezeichnet, famos.» Er sah zu Marny nieder. Die forcierte Herzlichkeit in seiner Stimme verlor sich, und er sprach weiter in seiner natürlichen, freundlichen Weise: «Angenehm zu schwimmen, nicht wahr? Muß gut tun nach der heutigen Reise. Nun, ich muß weiter.» Er schwang den Schläger, den er bei sich hatte. «Kam nur herüber, um das Racket zu holen, das Winnie neu für mich bespannen ließ. Muß jetzt zurück zum Umkleiden. Auf Wiedersehen bei Tisch, meine Liebe.» Er winkte fröhlich mit dem Racket und ging zur gleichen Seite der Hecke wie vorhin Bill Cameron. Auf halbem Wege schien er sich Andrés zu erinnern, er wandte sich um, zögerte, sagte beflissen; «Auf Wiedersehen, Durant», zögerte abermals und ging dann hastig fort.

«Auf Wiedersehen», rief André zurück, fischte ein langes Hibiskusblatt aus dem Wasser und schwamm zur Ecke, um es über den Rand zu werfen. Er sah Marny nicht an, und beide schwammen schweigend und gemächlich eine Weile herum. Das Wasser war ruhig und kühl und hell, da es den Himmel widerspiegelte. Kein Laut vom Haus drang hierher. Die dichte Hibiskushecke schien sie von der ganzen übrigen Welt abzuschließen.

Sie mußte Tim von Bill Cameron und den albernen Dingen, die er gesagt hatte, erzählen, entschied Marny gerade. Tim haßte es zwar, mit etwas, das ihm unwichtig schien, behelligt zu werden, doch sie wollte es ihm trotzdem sagen. Sie crawlte, tauchte und kam ganz nahe bei André wieder herauf. Er lag auf dem Rücken, das glatte braune Gesicht zum Himmel gewendet.

André schwamm gut und geschickt, genau wie er ging oder tanzte, mit außergewöhnlicher, sichtlich müheloser Grazie und Ungezwungenheit. Seine Bewegungen, schoß es ihr durch den Sinn, waren fast so instinktsicher und vollkommen ausgewogen wie bei einem besonders schlanken und anmutigen Tier. Doch war er auch außergewöhnlich beherrscht, spitzfindig und, wie sie argwöhnte, gerissen.

Und ebenso wie ein Tier wußte er instinktiv, daß sie ihn ansah und an ihn dachte; denn er drehte sich um und schaute über die paar Meter klaren blassen Wassers zwischen ihnen zu ihr hinüber. Er lächelte, und schon war sein Gesicht voller Leben und Munterkeit, obgleich die Augen geheimnisvoll blieben wie immer.

«Sind Sie zufrieden?»

«Zufrieden?»

«Mit mir natürlich.»

Er sah wahrlich zu viel. Leichthin murmelte sie: «Warum nicht?»

Er lag einen Augenblick lang ruhig da, sah sie nachdenklich an und erklärte plötzlich: «Sie sind – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll – Sie sind so anders heute abend.»

«Anders?»

«Als hätten Sie über einer Sache sämtliche Wales-Fluglinien und Aktenschränke vergessen.»

Entschieden sah er zu viel. Lässig kam seine Stimme über das ruhige Wasser: «Die Wales-Fluglinien stehen doch bei Ihnen immer im Vordergrund.»

«Nun, das ist mein Beruf.»

«Ja, natürlich.» Seine Stimme klang, als habe er die Achseln gezuckt. Mit geschmeidigen, langsamen Bewegungen kam er näher. «Aber denken Sie denn niemals an etwas anderes? An Männer, zum Beispiel?»

Wenn er wüßte, wie oft sie an ihn dachte! Aber vielleicht wußte er es wirklich nicht. Sie sagte um eine Nuance zu hell: «Ich denke an nichts anderes.»

Er schwamm heran. Gelegentlich nahm er einen Augenblick lang alles wörtlich. Das machte ihn wie sein kleiner Akzent pikant und sozusagen fremd, unamerikanisch, obgleich er sogar amerikanisches Idiom leicht und fließend sprach. Mit einem Anflug dieses Wörtlichnehmens sagte er: «Sie übertreiben.»

«Aber gar nicht. Ich habe Männer gern.»

Er kam zu ihr. «Wir haben uns oft gesehen letzte Woche in New York. Ich kenne Sie besser, als Sie vielleicht ahnen. Möglich, daß ich Dinge über Sie weiß, die Sie selbst nicht einmal kennen.» Er unterbrach sich, seine Augen lachten, dann sagte er plötzlich: «Wer ist zuerst am anderen Ende vom Bassin?»

Er gewann haushoch und saß bereits auf dem Fliesenrand, als sie anlangte. Sie kletterte heraus und setzte sich neben ihn. Hastig atmete sie aus und ein und versuchte wieder, ihr nasses Haar zu ordnen.

«Ich glaube, wir gehen besser hinein. Ich muß noch etwas Kultur in mein Haar bringen vor dem Essen.»

«Es ist ja erst kurz nach sieben», widersprach er. «Der Diener brachte gerade die Drinks auf die Terrasse, als ich über die Balkontreppe herunterkam. Es war noch niemand da.»

Trotzdem stand er auf. «Wollen Sie Ihre Sandalen haben? Hier sind sie.»