Das weiße Segel - Sergio Bambaren - E-Book

Das weiße Segel E-Book

Sergio Bambaren

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie »Der träumende Delphin«, der die Menschen auf der ganzen Welt begeistert hat, macht auch Sergio Bambarens »Das weiße Segel« Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen: Das junge Paar Kate und Michael lässt alles hinter sich, um mit einem Segelboot zu neuen Horizonten aufzubrechen. Was sie erleben, ist unendlich viel kostbarer als alles, was sie aufgeben mussten. Eine Entdeckungsreise zum Ich auf den weiten Meeren des Südpazifiks, »Gottes Lieblingsplatz auf Erden«.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Karen gewidmet, zum Dank für all die wunderbaren Erinnerungen.

Folge nicht dem vorgezeichneten Pfad.

Statt dessen wandle, wo kein Weg führt,

und hinterlasse eine eigene Spur.

Anonym

Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Röhl

Mit 10 farbigen Illustrationen von Heinke Both

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe

11. Auflage 2010

ISBN 978-3-492-95748-9

© Sergio Bambaren Roggero 2000 Titel der englischen Originalausgabe: »Distant Winds« Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München, 2001 erschienen im Verlagsprogramm Kabel Umschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagabbildung: Heinke Both Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Vorbemerkung des Autors

Nachdem ich »Der träumende Delphin« und »Ein Strand für meine Träume« veröffentlicht hatte, mußte ich mich mehr als einmal fragen lassen: Und jetzt, Sergio? Was haben Sie als nächstes vor?

Meine Antwort lautete, daß ich nichts mehr zu sagen hatte. Alles war bereits niedergeschrieben. Ich hatte die Geschichte eines ganz speziellen Freundes erzählt, den ich beim Surfen in den Weiten meines geliebten Ozeans kennengelernt hatte, eines Freundes, der mir gezeigt hatte, daß es das Wichtigste im Leben ist, seinen Träumen zu folgen. Und ich hatte von einem weisen Mann berichtet, dem ich vor langer Zeit begegnet war und der mir das Geheimnis des wahren Glücks enthüllt hatte.

Ich war damals 37 Jahre alt und widmete inzwischen den Großteil meiner Zeit dem Studium und der Erhaltung der Meere und ihrer Tierwelt. Und da ich der aufrichtigen Überzeugung war, bereits alles gesagt zu haben, glaubte ich, meine Tage als Schriftsteller seien vorüber.

Aber dann geschah etwas. Je ausgiebiger ich surfte und mit meinen Delphinen schwamm, um so deutlicher empfand ich eine Stimme aus meinem Inneren, die mir etwas zuflüsterte; Gedanken, von denen ich wußte, daß ich sie in Worte fassen und anderen mitteilen mußte. So entstand »Das weiße Segel«, in dem ich meine Überlegungen in die Gestalt eines Segelbootes, der Distant Winds kleidete.

Wir stehen am Beginn eines neuen Jahrtausends, und ich bin überzeugt, daß immer mehr Menschen einsehen werden, wie wichtig es ist, seinen Träumen zu folgen. Erst dann, an ihren Handlungen, werden die anderen ihre Einzigartigkeit erkennen. Das ist die Lehre von Mr. Blake, dem alten Buchhändler: Die Entdeckungsreise zum Ich beginnt in unserem Inneren und endet mit dem, was wir tun, um das Leben anderer zu bereichern. Nur indem wir geben und zugleich zu empfangen lernen, treten wir offen und positiv mit anderen Menschen in Verbindung.

Aus eigener Erfahrung kann ich mit absoluter Gewißheit versichern, daß wir so groß sind wie die Träume, denen wir nachstreben. Dabei kommt es nicht darauf an, was wir auf dieser Reise, die man das Leben nennt, von anderen hören oder erfahren. Nein, wenn wir unsere Träume von ganzem Herzen verfolgen, werden wir unserem Leben eine tiefe Bedeutung geben und ziemlich sicher das erreichen, was wir uns einst vorgenommen hatten. Dies habe ich gelernt, als ich mit Kate, die den Mut besaß, sich einigen der schlimmsten Stürme zu stellen, durch den Südpazifik segelte, jenen Ozean, den man auch »Gottes Lieblingsplatz auf Erden« nennt.

Wir leben nur einmal. Doch wir können dieses eine Dasein, das uns geschenkt ist, so gestalten, daß wir am Ende der Reise das Gefühl haben, Tausende von Leben gelebt zu haben.

Dies, so glaube ich, ist das Ziel, das wir mit aller Kraft anstreben sollten.

Sergio Bambaren

Prolog

Vorsichtig zog ich die Kajütentür unserer Yacht zu. Kate war endlich eingeschlafen, und ich wollte nicht, daß die helle Vormittagssonne sie störte. An die zwölf Stunden lang hatte der Sturm uns durchgeschüttelt, bis uns Hören und Sehen verging. Doch jetzt lag die Bay von Auckland friedlich vor meinen Augen. Sonnenlicht fiel zwischen den hohen grünen Bergen hindurch. Die schimmernden goldenen Strahlen tanzten über das leicht bewegte Wasser und berührten die Vögel, die hoch oben am Himmel kreisten. Kaum zu glauben, daß über dieser Bucht, die jetzt so friedvoll wirkte, ein solch entsetzliches Unwetter getobt hatte.

Bei dem Versuch, in die Bucht von Auckland einzulaufen, hatten wir im Sturm fast unser ganzes Hab und Gut verloren. Obwohl die Böen uns erbarmungslos das Salzwasser in die Augen und den Mund peitschten, bis wir fast blind waren, hatten Kate und ich es irgendwie zustande gebracht, uns mit aller Kraft an die Distant Winds zu klammern, unser geliebtes Segelboot, das uns auf einer magischen Reise durch den Südpazifik getragen hatte.

Da die Pumpen nicht mit dem Wasser fertig wurden, das in die Kajüte unseres Bootes schoß, hatten wir jedes einzelne Möbelstück und den Großteil unserer Besitztümer über Bord geworfen, damit die Distant Winds nicht unterging.

Angesichts des fast sicheren Endes war unser Leben vor unserem inneren Auge vorbeigezogen; doch selbst während wir gegen das Wüten der Natur kämpften, hatten wir es geschafft, unseren wertvollsten Besitz festzuhalten, von dem wir gelobt hatten, ihn auf unserer gesamten Reise zu bewahren. Müde, zerschlagen und entkräftet betrachtete ich nun das Behältnis, in dem sich unser Schatz befand: eine altertümliche, mit einem vergoldeten Vorhängeschloß gesicherte Holzschatulle.

Sorgfältig wischte ich das alte Kästchen mit einem weichen Tuch ab, um zu verhindern, daß Salzwasser eindrang. Dann nahm ich das Band ab, das um meinen Hals hing, und schaute auf den Schlüssel. Der grüne Stein, der darin eingelassen war, wirkte, als bündele er das Sonnenlicht. Ich hielt den Atem an, schickte ein Stoßgebet gen Himmel und steckte den Schlüssel ins Schloß. Behutsam drehte ich ihn nach rechts, bis mir ein trockenes Klicken verriet, daß der Mechanismus aufgesprungen war. Ich hob den Deckel an und zog den Schlüssel heraus. Dann nahm ich vorsichtig das Buch, das im Inneren lag. Lächelnd schlug ich die erste Seite auf und las:

Für Michael und Kate Thompson aus Auckland, Neuseeland.

In See gestochen auf der Distant Winds

zu einer spirituellen Entdeckungsreise

am heutigen Tage, dem dritten März 1998.

Mögen eure Tage von Glück erfüllt sein

und eure Nächte von Träumen.

Mögen euch diese Träume beim Erwachen

den Zauber schenken, der vor euch liegt.

Mögen eure Träume wahr werden

und sich später in süße Erinnerungen verwandeln.

Auf daß ihr niemals vergeßt …

Thomas Blake

Ich betrachtete das Buch und dachte zurück. Es kam mir vor, als hätte der alte Buchhändler mir erst gestern dieses Geschenk gemacht, das uns so viel bedeutete. Das ist jetzt fast ein Jahr her, dachte ich.

Wie hätten Kate und ich uns damals all die verschiedenen Welten vorstellen können, die wir in dieser Zeit entdecken würden? Die Herausforderungen, die das Leben an uns stellen würde, die vielen Gelegenheiten, bei denen wir gegen eine gewaltige Übermacht für das eintreten mußten, woran wir glaubten? Wer hätte geahnt, daß uns diese Reise einander wieder näherbringen würde, so, als wäre der eine das Spiegelbild des anderen?

Eine schwere Zeit lag hinter uns. Aber nun, da wir den sicheren Hafen erreicht hatten und Kate wie ein Engel schlief, wußte ich, daß wir eine ganz besondere Reise durch das Leben unternommen hatten, eine Pilgerfahrt auf der Suche nach uns selbst. Wir hatten eine echte Bewährungsprobe bestanden, die unsere Beziehung und unsere Liebe gerettet hatte. Und wir wußten, daß wir diese Erfahrung mit anderen teilen mußten, mit den Menschen, die genau wie wir nach dem wahren Sinn ihres Lebens suchten.

Ich schaute auf den Schlüssel hinunter und war fasziniert von meinem Spiegelbild. Das Gesicht, das jetzt meinen Blick erwiderte, schien einem ganz neuen Mann zu gehören. Ich sah braunes Haar und helle, glatte Haut – ein vollständiger Gegensatz zu meinen normalen grauen, dünnen Strähnen und der sonst fleckigen, welken Haut. Verschwunden waren die Furchen, die all die Nächte voller Streß eingegraben hatten, fort die Falten, die sich bilden, wenn man die Augen zusammenkneift, um das Kleingedruckte in Verträgen und Konzessionen zu entziffern. War dieser Bursche, der wie ein sportlicher Zwanzigjähriger wirkte, tatsächlich einmal ein spitzbäuchiger Mann mittleren Alters gewesen?

Ich steckte den Schlüssel in die Tasche, legte das Buch zurück in den Kasten und schloß behutsam den Deckel. Unser Schatz war sicher verwahrt. Wir hatten genug Zeit, um unsere Botschaft zu verbreiten. Aber jetzt mußte ich mich erst einmal um Kate kümmern, meine geliebte Ehefrau. Die Frau, die ich einmal auf persönlicher und spiritueller Ebene fast verloren und jetzt für immer wiedergefunden hatte.

In Neuseeland, dem wunderschönen Land, in dem ich geboren bin, liegt Auckland, die Hauptstadt dieses smaragdgrünen Inselreichs, das man oft auch »das Land der langen Wolke« nennt. Dort erstreckt sich, umgeben von üppigen, sanft gewellten Hügeln, eine der majestätischsten Buchten der Welt, die Bay von Auckland, wo die einlaufenden Segelboote wispernd Geschichten aus fernen Landen erzählen und andere auslaufen, auf der Suche nach magischen Welten …

An diesem Morgen ging ich wie immer aus dem Haus und versuchte, nicht an den Stapel Papierkram zu denken, der mich mit Sicherheit im Eingangskorb auf meinem Schreibtisch erwartete. Die ganze Nacht hindurch hatte es geschüttet, und an diesem triefnassen Montagmorgen schien der Verkehr noch dichter als sonst zu sein. Nach fast einer Stunde Fahrt kam ich endlich vor dem Büro an und wappnete mich innerlich gegen eine weitere, restlos öde Arbeitswoche.

Ich blickte zu dem düsteren Gebäude auf, das bedrohlich über mir zu lauern schien. Um meine Lücke auf der gegenüberliegenden Seite der Parketage zu erreichen, mußte ich erst um Kisten und Säulen herumkurven. Mein Platz war der schlechteste. Neben Farbeimern und Pinseln hatte ich mich in eine Ecke zu quetschen. Und das ausgerechnet mir, der ich seit mehreren Jahren als Finanzberater meiner Firma fungierte und dem Unternehmen zu den niedrigsten Kosten den höchsten Profit einfuhr. Ich öffnete die Wagentür und stolperte sofort über ein Brett, das jemand achtlos auf dem Boden liegengelassen hatte. Gott, wie ich meinen Job haßte!

Und trotzdem kann der Mensch sich an alles gewöhnen, wenn man ihm nur genug Zeit läßt, den wahren Kern seines Wesens zu vergessen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte ich geglaubt, alles sei möglich. Eines Tages würde ich die Welt erobern. Und jetzt saß ich hier und tat etwas, das nichts mit dem Träumer zu tun hatte, der ich in Wirklichkeit war. Oder war das schon unwiderruflich passé? Mußte man, wenn man erwachsen wurde und der Realität ins Auge sah, zwangsläufig die Träume vergessen, die man als Kind gehegt hatte?

Ich überquerte den Parkplatz, ging zur Treppe und schickte mich an, zur Firma hinaufzusteigen. Der Weg über die enge Wendeltreppe, deren düstere Stufen nur alle drei Meter von einer Glühbirne notdürftig erhellt wurden, trug auch nicht gerade dazu bei, meine langsam einsetzenden Kopfschmerzen zu lindern. Ich erreichte mein Büro, öffnete die Tür und trat ein.

Wie ich mir schon gedacht hatte, starrte mir ein riesiger Stapel Papierkram entgegen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und nahm mir sämtliche Briefe vor, die am Freitag noch mit der Spätpost oder am Wochenende per Kurier gekommen waren. Aus irgendeinem, allen Naturgesetzen widersprechenden Grund wurde der Stapel immer höher, je mehr ich mich bemühte, den Eingangskorb abzuarbeiten. Aber so ging es ja wohl allen vielbeschäftigten Menschen wie mir.

Mein Büro lag im achtzehnten Stock eines Hochhauses, mit Aussicht auf die Bucht von Auckland. Ich hatte von Anfang an gefunden, daß dieser Blick Segen und Fluch zugleich darstellte. Das Meer hat mich seit jeher fasziniert, und ich hätte den ganzen Tag lang dieses phantastische Panorama betrachten können. Aber gerade deswegen war mir manchmal, als verbrächte ich meine Tage in einem goldenen Käfig. Ich sah nur zu, wie die Schönheit an mir vorbeizog, ohne sie richtig zu genießen, wirklich in mich aufzunehmen oder ein Teil davon zu sein. Das Reisen war schon immer meine Leidenschaft gewesen, und früher war ich viel in Neuseeland und Australien herumgekommen. Aber in letzter Zeit hatte mein Job mich ziemlich mit Beschlag belegt. Ich hatte Überstunden gemacht und nicht einmal die Zeit gefunden, am Wochenende aus Auckland hinauszukommen, da meine Frau meist samstags und sonntags Dienst hatte. Schließlich war nichts Schlimmes daran, hart zu arbeiten. Doch zugleich hatte ich irgendwie das Gefühl, kostbare Lebenszeit zu vergeuden, mit der ich eigentlich etwas Besseres hätte anfangen müssen.

An einer der Wände meines Büros, die in einem sanften, pastelligen Beigeton gehalten war, hing eine alte Weltkarte. Sie war einfach und schmucklos gestaltet, aber sie erinnerte mich an all die fernen Länder, von denen ich wußte, daß sie auf mich warteten. Ich hatte Reisemagazine studiert und fasziniert die entsprechenden Fernsehsendungen verfolgt. Doch aus den verschiedensten Gründen war aus meinen Plänen nie etwas geworden.

Die Karte hatte ich in Mr. Blakes Buchladen auf der anderen Straßenseite gekauft, einem alten Geschäft direkt gegenüber dem Gebäude, in dem ich arbeitete. Ich liebte es, die alten Bücher zu durchstöbern, die mir aus den Regalen seines kleinen, aber gut sortierten Ladens entgegenblickten. Dann und wann entdeckte ich einen Band, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Den kaufte ich dann und nahm ihn mit nach Hause, um in den einsamen Momenten, die ich so sehr genoß, darin zu schmökern, während ich auf dem Balkon meiner Wohnung saß und zusah, wie die Sonne im tiefblauen Ozean versank.

Nachdem ich letzte Hand an einen Vertrag gelegt hatte, beschloß ich, Blakes Buchladen aufzusuchen. Doch auf dem Weg nach draußen lief ich dem neuen Chef vor die Füße. Gleich begann er, mich abzukanzeln: was mir einfalle, so früh zu gehen? Wir hatten schon wieder eine hitzige Auseinandersetzung. Der Mann war vor zehn Tagen angetreten und hatte seither eine so überhebliche Art an den Tag gelegt, daß ich ihm manchmal am liebsten eine geschmiert hätte. Aber schließlich waren wir hier im Büro, von dem meine finanzielle Zukunft abhing. Ich biß die Zähne zusammen, drehte mich gehorsam um und ging an meinen Schreibtisch zurück, um die letzte halbe Stunde abzusitzen.

In dem Moment, als meine Uhr acht zeigte, stürzte ich aus der Tür und die Treppe hinunter. Ich überquerte die Straße und betrat Mr. Blakes Buchladen. Wie üblich begann ich, die alten Regale zu durchstöbern, und versuchte, einen interessanten Titel zu entdecken.

Ein kleines Buch auf dem untersten Brett zog meine Aufmerksamkeit auf sich: »Tanz zu deiner eigenen Musik. Besinnliche Texte moderner und klassischer Autoren«. Ich schlug den Band auf. Er enthielt kurze Texte von verschiedenen Schriftstellern. Ich begann einen zu lesen, der von Henry David Thoreau stammte:

Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg,

noch dazu bei so waghalsigen Unternehmungen?

Wenn ein Mensch nicht Schritt hält

mit seinen Mitmenschen,

dann kommt das vielleicht …

»… vielleicht daher, daß er einen anderen Rhythmus hört. Soll er doch nach der Musik marschieren, die er vernimmt, einerlei, in welchem Takt und woher sie kommt. Eine gute Wahl, Mr. Thompson. Thoreau hat immer wieder so schön darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, sein Schicksal selbst zu wählen.«

Ich starrte den kleinen Mann mit dem langen grauen Bart an, der mich durch die dicken Gläser seiner alten Brille ansah. Sein abgetragener hellbrauner Anzug zeigte die Zeichen der Zeit. Er wandte sich um und begann, ein paar Bücher in einem der Stapel abzustauben, an denen »Sonderangebot« stand.

Mr. Blake arbeitete in diesem Buchladen, solange ich denken konnte. Zwar hatte das Alter seine Sehkraft stark geschwächt, aber sein Gedächtnis funktionierte so ausgezeichnet wie eh und je. Er schaute zu der Glastür, die seinen kleinen Laden von der Außenwelt abschloß. »Schlagen Sie Seite neunzehn auf, Mr. Thompson«, riet er mir. »Dort finden Sie eine weitere große Wahrheit aus der Feder unseres Freundes Thoreau.«

Ich tat, wie mir geheißen. Auf Seite neunzehn stand ein kurzer Text:

Ich bin in den Wald gezogen,

weil mir daran lag, bewußt zu leben,

es nur mit den wesentlichen Tatsachen

des Daseins zu tun zu haben.

Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könne,

was es zu lernen gibt,

um nicht, wenn es ans Sterben ging,

die Entdeckung machen zu müssen,

nicht gelebt zu haben.

Blake sah mich an. »Können Sie sich vorstellen, daß man Henry David Thoreau zu Lebzeiten für seine Ansichten nicht immer geschätzt hat? Erst nach seinem Tod begannen die Menschen, das Format des Mannes zu erkennen, der die Gesellschaft und alles, was er besaß, verließ und für mehr als zwei Jahre in die Wildnis zog, um zu erforschen, was im Leben wirklich wichtig ist. Aber geht das nicht immer so?«

»Wie meinen Sie das?« fragte ich zurück.

»Stellen wir nicht beinahe immer die Toten über die Lebenden? Es fällt so viel leichter, jemanden zur Legende zu erheben, von dem wir nur gehört, den wir aber nie persönlich kennengelernt haben. Vielleicht verwandeln wir solche Personen ja in Helden, weil wir ihre menschliche Dimension nicht wahrnehmen und nicht erkennen, daß sie Menschen waren wie Sie und ich.«

Ich lächelte. »Es ist immer wieder ein Vergnügen, Ihnen zuzuhören, Mr. Blake. Sie glauben gar nicht, wie angenehm es ist, nach einem langen, öden Tag im Büro in Ihren Buchladen zu kommen und einfach alles zu vergessen.«

»Nun, das freut mich zu hören. Vielen Dank, Mr. Thompson.«

»Ich glaube, ich nehme den Band«, erklärte ich. Ich reichte ihn Mr. Blake und ging in Richtung Ausgang, wo über einem Stapel staubiger Bücher eine alte Registrierkasse thronte.

»Ich mache Ihnen einen Sonderpreis dafür, Mr. Thompson. Er wird Ihnen bestimmt Freude bereiten.«

»Ja, dann bedanke ich mich, Mr. Blake!« Ich zog die Brieftasche heraus und reichte ihm das Geld. Er bediente die rostige Kasse. Die uralte Maschine schepperte, als wäre dies die letzte Transaktion, die sie noch zustande brachte.

»Nochmals danke, Mr. Blake, und bis demnächst.« Ich öffnete die Eingangstür und trat nach draußen.

»Warum empfinden Sie das eigentlich so, Mr. Thompson?« hörte ich Blake hinter mir fragen.

Die Hand an der Glastür, blieb ich im Eingang stehen und drehte mich zu ihm um.

»Was denn?« gab ich zurück.

»Wieso finden Sie es so angenehm, nach der Arbeit herzukommen? Macht Ihnen das, was Sie tagsüber tun, vielleicht keinen Spaß mehr?«

Den Türgriff in der Hand, blieb ich stehen. »Hmmm, ja und nein«, antwortete ich. »Eigentlich kann ich über meinen Job nicht klagen. Ich verdiene gutes Geld, und im Grunde mag ich meine Arbeit. Es ist nur so, daß ich mich manchmal frage, ob das alles ist, was ich je mit meinem Leben anfangen werde. Alles ist nur noch Routine, und oft denke ich, daß ich lieber etwas Lohnenderes tun würde. Nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, sondern eher etwas, das meiner Existenz einen tieferen Sinn verleiht und gleichzeitig mein Leben und das anderer Menschen bereichert. Jedesmal, wenn ich eines dieser Bücher aufschlage, erkenne ich, daß ich auch ganz anders leben könnte. Ich sehe all diese Orte, die ich besuchen könnte, all die Menschen, denen ich begegnen, und all die Dinge, die ich lernen könnte. Dann wünschte ich, ich könnte aus meinem Alltagstrott ausscheren und mir den Rest der Welt anschauen. Ich weiß nicht wieso, aber manchmal habe ich das Gefühl, daß mir etwas sehr Wichtiges entgeht.«

»Warum tun Sie es dann nicht einfach?« wollte Blake wissen.

»Na ja, im Grunde, weil ich bereits viel Zeit und Mühe in meine Laufbahn investiert habe. Außerdem habe ich eine Menge Geld beiseite legen können, um Kate und mich im Alter abzusichern, unseren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und …«

»Seite neunundvierzig, Mr. Thompson.«

»Wie bitte?«

»In dem Buch, das Sie gerade gekauft haben. Werfen Sie einen Blick auf Seite neunundvierzig, bitte.«

Gehorsam nahm ich das Buch aus der Papiertüte und schlug es an der betreffenden Stelle auf. Dort stand ein weiterer kurzer Text: »Wer …«

»… wer vertrauensvoll auf seinem Traumpfad vorwärts schreitet und bestrebt ist, das Leben, das er sich vorgestellt hat, zu leben, wird von einem Erfolg begleitet sein, der gewöhnlich nicht zu erwarten ist.« Der Alte lächelte. »Freund Thoreau hat einmal mehr den Nagel auf den Kopf getroffen, Mr. Thompson.«

Ein leichtes Unbehagen stieg in mir auf. Es war so einfach gewesen, meine Träume all diese Jahre lang als etwas zu betrachten, das weit außerhalb meiner Reichweite lag, das in meine Jugend gehörte. So wie wahrscheinlich die meisten Menschen ihre Träume gern verwirklichen würden, dies aber nicht konnten oder wollten. Aber nun fand ich mich mit der Tatsache konfrontiert, daß jemand es wirklich getan hatte, und aus der Art, wie ich mich fühlte und meine Haut prickelte, wußte ich, daß Mr. Blake und dieser Henry David Thoreau eine Saite in meinem Herzen angeschlagen hatten. Sie hatten mir klargemacht, daß sie etwas Besonderes entdeckt hatten, von dem ich wußte, daß es existierte, aber geglaubt hatte, es nicht erreichen zu können. Vielleicht war dieses Etwas ja gar nicht so unerreichbar, wie ich glaubte.

»Möglicherweise haben Sie ja versucht, Ausflüchte dafür zu finden, daß Sie Ihr Schicksal nicht erfüllen, Mr. Thompson. Kann durchaus sein, daß jetzt die richtige Zeit gekommen ist«, meinte Mr. Blake und schob seine Brille auf jene typische Weise hoch, wie es nur Buchhändler tun. »Jedenfalls hoffe ich, daß das Buch Ihnen Freude bereitet.« Er wandte sich ab, um ein paar andere Kunden zu bedienen.

»Danke, Mr. Blake.« Ich steckte das Büchlein zurück in die Papiertüte, ließ diese in meine Manteltasche gleiten und machte mich auf den Weg zu meinem Wagen. Die Zeit war schnell vergangen, und Kate würde sich schon Sorgen um mich machen. Zumindest hoffte ich das, denn unsere Ehe lag seit einiger Zeit ziemlich im argen. Bewußt hatte keiner von uns dazu beigetragen. Aber irgendwie war es durch unsere Jobs und unsere überquellenden Terminkalender so weit gekommen, daß unsere Beziehung nicht mehr so wichtig zu sein schien.

Auf die romantische Szene, die mich zu Hause erwartete, war ich überhaupt nicht gefaßt: Auf dem Tisch brannten Kerzen, eine Flasche Champagner lag auf Eis. Dampfende Lasagne, frisch gekochtes Gemüse – ein häusliches Festmahl.

»Alles Gute zum fünften Hochzeitstag!« begrüßte mich Kate.

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen, was sie sofort bemerkte.

»Du hast es vergessen!« rief sie ärgerlich aus. Ich sah den Schmerz in ihren Augen.

»Es tut mir leid, Kate. Aber im Moment mache ich anscheinend alles falsch. Ich kann nicht denken; ich hatte wieder einen schrecklichen Tag in der Arbeit, und ich bin zu müde, um einen klaren Gedanken zu fassen, und erst recht, um …«

»Und meinst du nicht, daß ich vielleicht auch einen harten Tag im Büro hatte, nur um dann nach Hause zu hetzen und all dies für dich vorzubereiten? Ich habe wenigstens an unseren Hochzeitstag gedacht!« Weinend lief sie die Treppe hinauf. Ich folgte ihr.

»Tut mir leid, Schatz.«

»Wohl wieder Streit mit deinem neuen Chef, stimmt’s?« fragte sie.

»Ja, Kate. Wir können uns einfach nicht riechen. Ich habe es ehrlich versucht, aber bei Gott, der Mann ist unmöglich.«

»Hast du sonst noch etwas?«

»Nein, wieso fragst du?«

»Ich kenne diesen Blick.«

»Was für einen?«

»Dieses Gesicht, das du machst, wenn du über etwas nachdenkst, das nach einer Antwort verlangt.«

Sie hatte recht. Kate hatte mich schon immer gut gekannt, und dies war eine der Eigenschaften, die ich an ihr am meisten bewunderte. Mit ihren wunderschönen grünen Augen fiel es ihr leicht, Menschen zu durchschauen und ihre Gedanken zu lesen.

Wir hatten uns im letzten Studienjahr an der Wirtschaftsschule kennengelernt und vom ersten Moment an eine machtvolle, geradezu magnetische Anziehung verspürt, die nun schon mehr als acht Jahre andauerte. Ich hatte das Gefühl, mit ihr das große Los gezogen zu haben. Die erste große Liebe verändere ein Leben für immer, hatte meine Mutter mir einmal erklärt. Diese Liebe würde einen für immer begleiten; ganz gleich, was man tue, dieses Gefühl würde nicht vergehen, bis man starb. »Du wirst es sofort erkennen«, hatte Mutter gesagt, »denn wenn du diese Frau zum erstenmal ansiehst, wird alles um sie herum plötzlich verblassen.« Dieses Gefühl, dieses Geschenk, diese Liebe trug für mich den Namen Kate. Sie war eine auffallend attraktive Frau mit braunem Haar, einem wunderbaren Lächeln und olivfarbener Haut; aber was mir für immer das Herz geraubt hatte, waren ihre Augen gewesen, diese tiefgrünen Augen, die den Blick in ihre sanfte, reine Seele freigaben.

Sie hörte auf zu weinen, aber der ganze Raum schien von ihrer Trauer erfüllt zu sein. »Du weißt, daß ich für dich da bin, falls du mich brauchst«, sagte sie.

»Ich weiß. Und ich danke dir.« Aber tief in meinem Inneren wußte ich, daß ich dabei war, sie zu verlieren. Ihre Worte hatten diesmal leer geklungen, so ganz anders, als sie vor langer Zeit mit mir geredet hatte. Das starke Band zwischen uns, das unsere ersten Ehejahre so wunderbar gemacht hatte, zerfaserte vor unseren Augen, und wir hatten nicht die geringste Ahnung, was wir dagegen unternehmen konnten. Irgendwie hatten wir inzwischen so viel zu tun und waren derart in unseren Jobs, unserer Karriere engagiert, daß wir kaum noch Zeit hatten, einander zu sehen. Reichte die Liebe denn nicht aus, damit zwei Menschen für immer glücklich zusammenlebten?

Ich wußte, daß Kate mühsam ihre Tränen verbarg und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Wir haben einen wunderschönen, sternenklaren Abend«, meinte sie. »Warum setzt du dich nicht auf die Veranda? Dort kannst du allein deinen Gedanken nachhängen.«

Ende der Leseprobe