Das Wetter wird gesteuert - Manfried Heinrich - E-Book

Das Wetter wird gesteuert E-Book

Manfried Heinrich

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Beschreibung

Dr. Manfried Heinrich (geb. 1940) studierte in Kiel Meteorologie mit den Nebenfächern Ozeanographie, Mathematik und Physik. Nach seinem Diplom arbeitete er sieben Jahre als wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Meereskunde. Um seine Kenntnisse und Fähigkeiten praktisch anzuwenden, ging er 1975 zum Technischen Überwachungsverein Norddeutschland. Dort sorgte er über zwanzig Jahre durch Messungen luftfremder Stoffe und mit Ausbreitungsrechnungen bei Genehmigungsverfahren für den Umweltschutz in Sinne der Technischen Reinhaltung der Luft (TA-Luft). Seit 2000 befasste er sich intensiv mit der Erderwärmung. Er schlug vor zu erforschen, wie durch Modifizierung des Wetters die Auswirkungen von Extrema abgemildert werden könnten. Eine von ihm dazu bei der Meteorologischen Zeitschrift eingereichte Veröffentlichung wurde aus fachfremden Gründen abgelehnt. Das vorliegende Buch ist die Antwort darauf und befasst sich leicht lesbar und spannend mit den Möglichkeiten und Gefahren der Wettersteuerung. Seine Promotionsarbeit über Sonnen- und Wärmestrahlung an und in Wolken wurde 1972 mit summa cum laude (1) beurteilt. In dem vorliegenden Buch ehrt er mit dem Nachnamen des Protagonisten seinen Doktorvater.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Das Buch

Felix erbt einen Wald von seinem Großvater, der vorausgesehen hat, dass sich die klimatischen Lebensbedingungen auf der Welt dramatisch verschlechtern werden. Er erwartete Wetterkatastrophen wie Orkane, Überflutungen, Waldbrände und langanhaltende Hitzewellen mit Tausenden von Toten in den Ballungsgebieten durch die zunehmende Erderwärmung. Aus Verpflichtung dem alten Herrn gegenüber studiert Felix Wetterkunde, denn sein Opa hatte eine vage Idee, wie solche Extreme verhindert werden könnten.

Zusammen mit seiner Schulfreundin Linda, die das gleiche Fach studiert, entwickeln die beiden Wissenschaftler ein Konzept, um das Wetter zum Segen der Menschheit zu steuern. Aber die etablierten Meteorologen haben Angst vor Veränderungen und die Wetterdienste fürchten um ihre Arbeitsplätze. Felix, Linda und ihre Vorschläge werden kaltgestellt.

Ausgerechnet ein umstrittener weltumspannender Konzern verhilft der Wettersteuerung zum Durchbruch.

Nach anfänglichen Erfolgen treten plötzlich wieder Unwetter auf. Als Felix und Linda weitere Katastrophen verhindern wollen, lässt der verbrecherische Urheber die beiden durch eine Intrige einsperren.

Rettung kommt durch Cousine Louise, die in dem besonders unter der Hitze leidenden Australien eine religionsfreie Ethik für die moderne Welt ersonnen hat. Durch die Zähmung des Wetters und Mäßigung im Konsum atmet schließlich die Atmosphäre wieder auf!

Inhalt

Warum ich, Felix Hinzpeter, Meteorologe wurde

Meine Cousine Louise denkt in Australien an die Hölle

Rettung aus dem Weltraum?

Das Wetter wird gesteuert

Merkwürdige Pannen

Louise schreibt die Zehn Gebote neu

Die Likedeeler greifen durch

Die Atmosphäre atmet wieder auf

Anhang

Sind wir Wetterkatastrophen hilflos ausgeliefert?

Weather disasters can be prevented by controlling cyclones

Der Autor

»Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

(nach Arthur C. Clarke)

Warum ich, Felix Hinzpeter, Meteorologe wurde

Hell und grün ist im Jahre 2067 der Wald, den mein Großvater 1995 mit Buchen, Eichen, Kiefern, Fichten und Douglasien im Norden Deutschlands aufgeforstet und gepflegt hat. Inzwischen habe ich seine Arbeit übernommen und kann gelegentlich kerzengerade Stämme ernten und die großen Lücken im Blätterdach mit kleinen Wildlingen wieder auffüllen. Mein Alter von 62 Jahren ist meinem gebräunten, fast faltenlosen Gesicht nicht anzusehen. Meine kurzen Igelhaare sind allerdings grau; das ist kein Wunder nach meiner Gefängnishaft, aber meine blauen Augen strahlen noch immer.

Als mein Großvater lebte, trugen Wind und Vögel Birken- und Ebereschensamen zwischen die angepflanzten Bäume. Die Birken sägte er ab und fütterte damit seinen Kaminofen im Wohnzimmer, um weniger Heizöl zu verbrauchen. Als Kind verstand ich den alten Mann nicht, wenn er sagte: »Ich spare Öl für meine Nächsten.« Erst viel später wurde mir klar, dass er damit nicht nur mich, sondern auch die nächsten Generationen meinte.

Er hatte zudem damals schon eine vage Vorstellung von der Wettersteuerung, nur war die Zeit noch nicht reif dafür. Ich aber, Felix, der Glückliche, habe seine Idee umgesetzt, und nun ist das Leben auf der Erde wieder erträglich. Die Temperaturen sinken sogar langsam. Das gezähmte Wetter erzeugt jetzt keine Katastrophen mehr und ich bin wieder frei. Das habe ich meiner Cousine Louise zu verdanken, die auch große Teile dieses Buches verfasst hat; das meiste aber habe ich im Gefängnis selbst geschrieben und jetzt in der Ruhe meines Waldes überarbeitet.

Meine wiedergewonnene Freiheit genieße ich in einem 19-Fuß-Standard-Container, der innen mit hellem Holz elegant ausgestattet ist. Meine Kinder führen ihr eigenes Leben und meine Frau starb 2055 an den Folgen unserer Haft.

Einsamkeit ist heute ein seltener Luxus. Um meinen Wald werde ich von vielen beneidet. Die meisten Menschen wohnen jetzt in runden Hochhäusern, weil damit kostbarer Baugrund gespart wird. Die Appartements darin sind nicht größer als meine Bleibe, aber dort leben Hunderte zwischen dünnen Wänden in Lärm und Enge dicht nebeneinander.

Weil ich hier allein im Wald lebe, schnalle ich gelegentlich das Handy von meinem Handgelenk ab. Das ist streng verboten, weil dieses kleine, wasserdichte Gerät gleichzeitig jedermanns Personalausweis ist. Selbstverständlich dient es in erster Linie der Kommunikation, aber es lokalisiert auch ununterbrochen jeden Träger als ultimative Vorsorge gegen Terrorismus. An den Türen aller öffentlichen Gebäude und im Umkreis von Bahnhöfen, vor Kinos oder sonstigen Versammlungsorten registrieren Lesegeräte die auf dem Chip des Handys gespeicherte ID-Nummer jedes Passanten. So gibt es von jedem ein lückenloses Bewegungsprofil. Leute ohne Handy werden sofort verhaftet. Ein Tausch ist nicht möglich, weil diese teuflischen »Wachhunde« auf die DNA ihres Besitzers programmiert sind und sofort Alarm geben, wenn sie eine »fremde« Haut analysieren.

Nach langen erbitterten Auseinandersetzungen um die allgemeine Einführung dieses personalen Handys erkannten auch die Gegner deren Vorteile – steigt man z. B. in einen Bus, wird dies registriert, verlässt man das Fahrzeug, wird der Fahrpreis automatisch vom eigenen Konto abgebucht. Genauso wird es im Theater, im Kino und bei allen sonstigen Veranstaltungen gehandhabt. Man braucht kein Geld mehr mit sich zu führen. Da in den Geschäften alle Artikel einen Chip tragen, gibt es keine Kassen mehr; vor dem Verlassen des Ladens wird alles Gekaufte in einer Schleuse erkannt und dem Träger zugeordnet. Ladendiebstahl gehört der Vergangenheit an.

In meinem Blechgehäuse kann ich nicht viel unterbringen. Aber ich habe eine tolle Inneneinrichtung und besitze einen schnellen Laptop der neuesten Generation, der mir Zugriff auf Nachrichten, Kunst und Musik aus aller Welt verschafft. Gerade höre ich in den Nachrichten: »Madrid: Der große Waldbrand bei Don Benito, den dreihundert Feuerwehrleute nicht unter Kontrolle bringen konnten, ist erloschen, weil die Wetterkontrolle dort mit einem Tief ergiebigen Regen erzeugt hat.« Diese Nachricht erfüllt mich mit ebenso tiefer Befriedigung, als hätte ich das Feuer eigenhändig gelöscht.

Brot, Sojamilch und die neuen synthetischen Nahrungsmittel besorge ich mir aus dem nahe gelegenen Turm bei Gloobal Incorporation (GI) in Wacken. Dieser Ort wurde durch das Heavy-Metal-Festival »Wacken Open Air« weltberühmt. Als es durch die Erderwärmung auf den Weiden zu heiß und zu trocken wurde, baute man eine riesige Halle mit einem flachen Wasserbecken für die beliebten Schlammschlachten. Trotz des geschlossenen Gebäudes wird der Markenname »Wacken Open Air« weiter verwendet. Wegen des jährlichen Festivals ist der Wohnturm bei Wacken besonders gut ausgestattet; er hat sogar klimatisierte Gästeräume, in denen Tausende auf dreistöckigen Pritschen ihren Rausch ausschlafen können.

2015 war mein Großvater noch gesund und fit. Seine Erzählungen aus der Welt der Wissenschaft faszinierten uns. Gerne erinnere ich mich, wie Opa uns nach Verlöschen des Lagerfeuers die Sternbilder und den Einfluss des Mondes auf die Erde erklärte. Die Gestirne waren auf unserer Lichtung im dunklen Wald gut zu sehen, weil dort die Lichter der großen Städte nicht den nächtlichen Himmel verschmutzten.

Schon damals war die Erderwärmung ein beunruhigendes und wichtiges Thema. Er wusste aus seiner eigenen Forschung, dass die Sorgen darüber berechtigt waren, und erklärte uns den Treibhauseffekt in einfachen Worten. Das unsichtbare Gas Kohlendioxid lag schon viele Tausende von Jahren wie eine warme Decke über der Erde, denn ohne dieses Gas wäre unsere Erde nur ein unbelebter, minus 18 Grad kalter Eisball. Aber durch das Verbrennen von Kohle und Erdöl gelangte immer mehr Kohlendioxid in die Luft und die Decke wurde immer dicker. Dadurch wurde es auf der Erde immer wärmer.

Von den kontroversen Diskussionen über die Auswirkungen des erhöhten Treibhauseffektes bekamen wir Kinder damals kaum etwas mit. Erst später merkte ich, wie daraus ein Spielball verschiedener Interessen wurde; denn je nachdem, was ein Wissenschaftler beweisen wollte, konnte er die Ergebnisse von Klimaprognosen mit den Eingangsparametern beeinflussen: Bei einem höheren Bedeckungsgrad des Himmels wird mehr Sonnenstrahlung zurückgestreut und die Erde nimmt weniger Energie auf, sodass es sogar kälter werden könnte.

Kurz gesagt waren die Ergebnisse der Modellrechnungen nicht so sicher wie behauptet. Trotzdem, oder gerade deswegen, wurde viel Geld in die Forschung gesteckt. Überall wurden neue Institute gegründet. Jedes Land legte sich Berater zu. In Deutschland entstanden überall Institute für Klimafolgenforschung, und jedes Bundesland hatte eigene Klimaräte.

Als ich noch zur Schule ging, habe ich vieles nicht verstanden, was mein Opa sagte. Vieles wurde mir erst nach seinem Tod klar. Gerade als ich mich mit »work and travel« in Australien herumtrieb, erbte ich unerwartet seinen Wald, weil er überraschend gestorben war. Er hatte früher schon angedeutet, dass nur ein einziges seiner Enkelkinder den Wald bekommen sollte, damit notwendige Entscheidungen schnell und ohne langwierige Abstimmungen gefällt werden konnten.

Bei der Eröffnung seines Testaments wurde mir ein kleines grünes Buch überreicht, das mein Großvater eigens für mich geschrieben hatte. Ich zog mich damals von der Trauergemeinde zurück und las den Text sofort bis zur letzten Zeile durch. Es war Opas Testament als Wissenschaftler:

»Der globale Temperaturanstieg lässt sich nicht begrenzen, solange die Gier der Menschen über die Bescheidenheit siegt. Indem wir in wenigen Jahrzehnten verbrennen, was die Erde in Jahrmillionen angesammelt hat, erzeugen wir uns die Hölle selbst. Durch die Erderwärmung steigt der Meeresspiegel, und der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre nimmt zu. Dadurch wird das Wetter verrücktspielen. Hitzewellen werden Tausende dahinraffen, ganze Landstriche werden verdorren, während andere vom Meer überflutet werden. Um die zukünftigen Schäden wenigstens zu lindern, bleibt nur der mutige Schritt, das Wetter zu zähmen und zu steuern. Ein Hamburger Meteorologe mit dem Vornamen Felix wird zeigen, wie sich das Wetter aus dem Weltraum zum Wohle der Menschheit steuern lässt.«

Dieses Buch habe ich sofort in den nächsten Papierkorb geworfen! Ich wurde richtig wütend auf den Verstorbenen, weil er mir eine Aufgabe gestellt hatte, die mein Leben umkrempeln würde und der ich womöglich gar nicht gewachsen wäre.

Lange grübelte ich, aber dann sah ich ein, dass ich meiner Aufgabe nicht entrinnen konnte. Ich ging daher nicht zurück nach »down under«, sondern ergab mich in mein Schicksal, ein Meteorologe zu werden.

Also begann ich in Hamburg zu studieren. Ich freute mich, als ich meine Schulfreundin Linda Hase dort auf dem großen Campus der Uni entdeckte. Sie trug ein rotes Kleid, damit ich sie leichter finden könne, wie sie mir später gestand. Fast so groß wie ich war sie, und sie hatte kurzes, blondes Haar, weil das »so praktisch« sei.

Sie studierte bereits seit zwei Jahren Meteorologie. Ich wusste damals nicht, warum sie ausgerechnet dieses abgelegene Fach gewählt hatte. Erst viel später erzählte sie mir, dass ihr mein Opa einst zugeflüstert hatte, auch ich würde wahrscheinlich Meteorologie studieren. Also fasste sie ihren Entschluss aus Liebe! Ich erinnerte mich noch an unsere erste gemeinsame Reise, als ich Island vorschlug. »Du spinnst wohl, auf Island ist es viel zu kalt, und regnen tut es da auch immer«, wandte Linda ein. Doch ich entgegnete: »Das Islandtief ist schon lange Vergangenheit.«

Ich wusste, dass durch die globale Erwärmung diese Insel im Nordatlantik die frühere Stellung von Mallorca eingenommen hatte, wo es inzwischen so heiß war, dass Strandleben keinen Spaß mehr machte. Ich konnte Linda überzeugen, und sie stimmte einer Islandreise zu.

Die Fahrt dorthin mit einem der neuen Hochseekatamarane war preiswert, weil diese Fahrzeuge wesentlich weniger Treibstoff pro Passagier als Flugzeuge verbrauchten. Es war zwar unbequem, über 40 Stunden in einem Sessel genauso eingepfercht wie im Flugzeug zu sitzen, aber während der Stopovers auf den Shetland- und Färöer-Inseln konnten wir uns die Beine vertreten, bevor wir endlich im Hafen Seydisfjördur auf Island anlegten. Wir zelteten in der Nähe des größten Gletschers Vatnajökull, als plötzlich die Erde bebte. Der Vulkan Grimsvötn rumorte wieder einmal.

»Lass alles stehen und liegen«, rief ich Linda zu, »und komm mit!« Aber nein, sie wollte unser Zelt mit der Erinnerung an unsere gemeinsamen Nächte nicht im Stich lassen. »Renn doch vor, du Bangbüx«, rief sie zurück, während sie mit den besseren Nerven die Heringe aus der dünnen Grasnarbe zog. Als zehn Minuten später eine Kaskade von Wasser, Steinen und Staub aus dem Eis hervorbrach und genau an der Stelle hangabwärts schlitterte, an der wir zuvor noch geschlafen hatten, waren wir zum Glück schon weit genug davon entfernt.

Die Rückfahrt schien uns zwar erneut endlos lange zu dauern, aber wir waren jetzt sehr zufrieden, uns für den Katamaran entschieden zu haben, denn sämtliche Flüge waren wegen der Aschewolke des Grimsvötn gestrichen worden.

Unsere Freundschaft wurde auf eine harte Probe gestellt, als ich bald darauf für zwei Jahre nach Australien ging, wo ich mit »work and travel« mir die Zeit vertrieb, während Linda bereits in Hamburg studierte. Aber durch Opas Fügung kamen wir über die Meteorologie wieder zusammen!

Auch wenn ich es Linda zugesagt hatte, war ich mir damals noch nicht völlig sicher, ob ich tatsächlich dem Wunsch meines Großvaters nachkommen sollte. Daher wollte ich erst einmal mit dem bekannten Professor für Meteorologie Tetzelhof sprechen.

Der alte Tetzelhof war hager und trug einen Vollbart, zum Ausgleich hatte er allerdings keine Haare auf dem Kopf. Er saß fast unsichtbar in einer beißenden Tabakwolke. Selbstverständlich war die Uni eine rauchfreie Zone, aber der Professor hatte den Rauchmelder in seinem Studierzimmer unbrauchbar gemacht. Der winzige Raum war mit Papieren vollgestopft, obwohl Tetzel, wie er genannt wurde, selbstverständlich einen Computer besaß, der eigentlich alles speichern sollte. Es ging das Gerücht, dass er manche Publikationen dem Computer und damit dem Netz vorenthielt, weil einige seiner Untersuchungen von seinen Kollegen belacht wurden.

»So, so, Sie wollen also meteorolügen«, meinte Tetzel in seiner kauzigen Art. »Das wollen neuerdings alle, seitdem wir so schwitzen«, nuschelte er an seiner Pfeife vorbei, womit er auf die Erderwärmung anspielte. »Aber wir können nicht alle gebrauchen!« Mein Herz klopfte wild und mir wurde in dem Qualm fast übel, aber ich schaffte es, eine Story über meinen Großvater loszuwerden, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich erzählte, dass ich meinem Opa auf dem Totenbett hatte versprechen müssen, ein guter Meteorologe zu werden, um der Menschheit zu dienen. Das rührte Tetzel, vielleicht weil er keine Kinder hatte.

Die Besprechung war also gut verlaufen und ich wurde von ihm als Student angenommen. Glücklich atmete ich auf, als ich wieder neben Linda auf dem vertrockneten Campusgras an der frischen Luft stand.

Das Studentenleben war hart. Es gehörte viel Selbstdisziplin dazu, sich viele Stunden am Tag auf Vorlesungen zu konzentrieren und dazu noch die obligaten Tests zu bestehen. Manchmal wollte ich aufgeben, wenn ich wieder einmal eine der vielen Prüfungen nicht bestanden hatte, weil meine Gedanken zu Opas Wald abgeschweift waren und ich mich zum Beispiel an das Baumhaus erinnerte, von dem aus ich Ricken und Kitze bei der Äsung beobachten konnte.

Aber Linda und ich zogen die vorgeschriebenen Vorlesungen zügig durch, wobei ich von ihrem Vorsprung in Kybernetik, Physik, Ozeanographie, Chemie, Chaostheorie und natürlich dem Hauptfach Meteorologie profitierte. Bei den Praktika und Übungen brachte es mir viel Spaß, die leistungsfähigsten Computer der Welt mit Wetterdaten zu füttern. Die Meteorologie hatte in den letzten Jahren enorm an Anerkennung gewonnen, weil die Klimakatastrophe weltweit das alles beherrschende Thema war. Die Meteorologen waren Träger der Hoffnung.

Fast alle Professoren an meinem Institut arbeiteten an Klimamodellen. Einige beschäftigten sich mit der Modellierung der Vergangenheit, um die Verlässlichkeit der Rechenmodelle anhand der eingetretenen Entwicklungen zu testen. Mit den validierten Rechenmodellen sollte dann das Schicksal der Erde vorhergesagt werden.

Wie ich es aus den Vorlesungen verstanden hatte, brauchten die am weitesten fortgeschrittenen Modelle immer weniger fragwürdige Annahmen und Voraussetzungen. Man verwendete fast nur bekannte Parameter wie den Abstand Erde/Sonne, deren Strahlungsintensität und die Land/Seeverteilung der Erde. Deren Oberflächengestaltung über und unter Wasser sowie die optischen Eigenschaften von Gasen, Eiskristallen und Wassertröpfchen sollten ausreichen. Die Bildung der Wolken und Aerosole, die Entstehung der globalen Zirkulation in der Atmosphäre und in den Ozeanen, die Eis- und Wüstenbildung und schließlich das Klima selbst sollten sich aus den eingebauten physikalischen Gesetzen ergeben. Am wichtigsten für die Temperatur auf der Erde sind neben der Sonneneinstrahlung die so genannten Klimagase, besonders das Kohlendioxid. Aber auch Wasserdampf, Methan und Stickoxide tragen zum natürlichen Treibhauseffekt bei, ohne den die Erde so kalt wäre, dass sich Leben kaum hätte entwickeln können.

Damit standen diese Modelle im Gegensatz zu den Berechnungsverfahren der Wettervorhersage, bei denen die Menge und Dichte der meteorologischen Beobachtungen, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Anzahl der Gitterpunkte die Qualität des Ergebnisses bestimmten. Darin spielten die Klimagase damals noch keine Rolle.

Aber beiden Modellfamilien war eines grundsätzlich gemeinsam: Sie bildeten die Wirklichkeit nur asymptotisch ab. Dieser Ausdruck bedeutet in der Mathematik: Man kommt dem richtigen Ergebnis immer näher, aber man erreicht es nie. Die Politiker und das Publikum wollten aber endgültige Ergebnisse.

Die Erwärmung der Erde war für jedermann spürbar. Bücher wie »SIX DEGREES« rüttelten Leute wach, die über den Tag hinaus dachten. In diesem Buch beschreibt Mark Lynas die gravierenden Folgen der Erderwärmung in Stufen ab einem Grad von noch ertragbaren Zuständen bis zum katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels um 200 Meter bei sechs Grad. Er berichtet über 10 000 Menschen mit Kreislaufproblemen in Paris im Sommer 2003. Die Leichenhallen konnten damals die Hunderte von Toten nicht fassen. Er wusste aber noch nichts über die 6 500 Toten in Tokio 2020, als während der mittäglichen größten Hitze die Stromversorgung wegen eines Erdbebens zusammenbrach und alle Klimaanlagen ausfielen.

Meine Lehrer entwickelten immer aufwendigere Modelle, die sie auf unzähligen internationalen Konferenzen diskutierten. Es fehlte nur noch ein Gremium, das den Ausstoß an Kohlendioxid ermittelte, den die vielen Reisenden der verschiedenen Institutionen erzeugten. Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf, als wieder einmal das Seminar über saisonale Temperaturanomalien in der nördlichen Sahelzone wegen Abwesenheit von Professor Kultermann ausfiel. Die gewonnene Zeit verbrachte ich in der papierlosen Bibliothek und las dort via Bildschirm allerlei zum Thema Klimatologie. Natürlich hätte ich auch zu Hause lesen können, aber die Bildschirme der Bücherei hatten eine bessere Auflösung und die Zugriffszeiten auf die einzelnen Seiten waren kürzer. Der Hauptgrund aber war, dass die Bibliothek eine gute Klimaanlage besaß. In dem großen Leseraum mit den schmalen Tischen war es deutlich kühler als im Freien, wenngleich auch darin immer noch 28 Grad herrschten. Ich fiel mit meinen kurzen Hosen und dem freien Oberkörper keineswegs auf, weil alle Studenten und selbst die Professoren nur knapp bekleidet waren. Opa erzählte mir einmal, dass in seiner Jugend die Klimaanlagen so kalt eingestellt waren, dass man einen Pullover anziehen musste. Aber die Temperaturen auf der Erde stiegen seitdem laufend, und wegen der Knappheit an Elektrizität konnten die Anlagen nur eine geringe Temperaturabsenkung zur Umgebung bringen. Das weltweit angestrebte Ziel einer Erwärmung der Atmosphäre gegenüber 2010 von nur zwei Grad hatte man längst überschritten. Lediglich die