Das Winterweihnachtswunder - Poppy Alexander - E-Book
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Beschreibung

Brauchen wir nicht alle ein kleines Wunder?

Seit dem Tod ihres Mannes ist Weihnachten für Kate und ihren Sohn Jack kein schönes Fest mehr. Der traurige Jack braucht dringend ein Winterweihnachtswunder, und Kate überrascht ihn mit einem Adventskalender, der ihm jeden Tag einen kleinen Wunsch erfüllt. Um sich das leisten zu können, verkauft sie als Weihnachtselfe verkleidet Weihnachtsbäume. Vor lauter Kälte bemerkt sie Daniel nicht, der täglich an ihr vorbeiläuft und sich hoffnungslos in sie verliebt hat. Er schafft es einfach nicht, sie anzusprechen. Doch als der erste Schnee fällt, hat Daniel eine Idee...

Warmherzig, charmant und mit ein bisschen Magie - der perfekte Roman fürs Fest

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EPUB

Das Winterweihnachtswunder

Die Autorin

Im Alter von fünf Jahren schrieb Poppy Alexander ihr erstes Buch. Während ihrer Schulzeit ruhte ihre Karriere als Autorin. Nach ihrem Studium der klassischen Musik hatte sie die Erkenntnis, dass es der Musik ohne sie besser ginge. Stattdessen stürzte sie sich in verschiedene PR-Jobs, entwickelte Marketingkampagnen, machte Lobbyarbeit und ein bisschen Journalismus. Sie lebt mit ihrem Ehemann, ihren Kindern und anderen Haustieren in West Sussex im Süden Englands.

Das Buch

Früher war Weihnachten für Kate Thompson die schönste Zeit des Jahres. Schon im September hatte sie alle Geschenke gekauft, und im Oktober wurden Weihnachtsplätzchen gebacken. Die Adventszeit war voller Liebe, Wärme und Vorfreude. Aber dann änderte sich von einem auf den anderen Tag alles. Kates Ehemann war Soldat und kam von einem Auslandseinsatz nicht zurück. Seitdem ist der Dezember schwer auszuhalten für sie. Kate glaubt nicht, dass sie jemals wieder einen Mann in ihrem Leben lieben kann. Nur für ihren Sohn Jack möchte sie die Weihnachtszeit schön machen. Für ihn denkt sie sich ihr ganz eigenes Weihnachtswunder aus: Sie bastelt einen Adventskalender für ihn. Jeden Tag bekommt er eine kleine Überraschung mit seiner Mutter – zum Beispiel eine Schlittenfahrt oder einen Besuch des Weihnachtsmarkts.Daniel lebt auf einem Hausboot, er ist Englands nettester Immobilienmakler und seit dem Tod seiner Schwester sehr einsam. Beim täglichen Gang ins Büro gibt es nur einen Menschen, der ihn zum Lächeln bringt: die schöne unbekannte Weihnachtsbaumverkäuferin mit den traurigen Augen ...

Poppy Alexander

Das Winterweihnachtswunder

Ein Adventsroman

Aus dem Englischen von Elfriede Peschel

Ullstein

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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Oktober 2019© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019© 2018 by Sara Waights Titel der englischen Originalausgabe: 25 Days in DecemberFirst published by The Orion Publishing Group on 1 Nov. 2018Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, MünchenE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten. ISBN 978-3-8437-2149-3

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

DANIEL

KATE

25 Tage bis Weihnachten

24 Tage bis Weihnachten

23 Tage bis Weihnachten

22 Tage bis Weihnachten

21 Tage bis Weihnachten

20 Tage bis Weihnachten

19 Tage bis Weihnachten

18 Tage bis Weihnachten

17 Tage bis Weihnachten

16 Tage bis Weihnachten

15 Tage bis Weihnachten

14 Tage bis Weihnachten

13 Tage bis Weihnachten

12 Tage bis Weihnachten

11 Tage bis Weihnachten

10 Tage bis Weihnachten

9 Tage bis Weihnachten

8 Tage bis Weihnachten

7 Tage bis Weihnachten

6 Tage bis Weihnachten

5 Tage bis Weihnachten

4 Tage bis Weihnachten

3 Tage bis Weihnachten

Heiligabend

Weihnachtstag

Social Media

Cover

Titelseite

Inhalt

DANIEL

Widmung

FÜR JONATHAN

DANIEL

Als er in seinen Mantel schlüpfte, fiel sein Blick auf den Kalender. Schon fast Dezember. Noch immer staunte er, wie unbeirrt die Zeit verstrich, die Erde sich um ihre eigene Achse drehte und jeder Tag ihn weiter von jenem schrecklichen Moment vor zehn Monaten entfernte. Jenem Moment, als sie ihn verließ.

Es heißt, der Tod sei immer ein Schock, auch wenn man ihn erwartet hat, und das stimmt. Er war erstaunt gewesen. Wobei das Nicht-glauben-Können noch der leichteste Teil war. Richtig schwer wurde es danach, die Trauer, die ihn in Wellen überkam, jeder erste Jahrestag wieder ein Schmerz … ihr Geburtstag, sein Geburtstag und jetzt dieses Großereignis. Weihnachten.

Er fragte sich, ob das Christbaummädchen wohl wieder am üblichen Platz war. Das wäre dann schon das vierte Jahr, lang genug, es eine Tradition zu nennen, wenn er zweimal am Tag an ihr vorbeiging und ihren Blick suchte. Meist war sie viel zu beschäftigt gewesen, hatte mit anderen Kunden zu tun, sodass er unbemerkt vorbeiging, was jedes Mal eine merkwürdige Enttäuschung zurückließ, die seinen ganzen Tag bestimmte. Dann – an einem Samstag Anfang Dezember – war es Zeit für das Zeremoniell: »Wir kaufen einen Weihnachtsbaum.« Zoe bestand Jahr für Jahr auf dem ersten Samstag im Dezember, Daniel hätte den zweiten bevorzugt aus Sorge, der Baum könnte am Weihnachtstag dann schon vertrocknet und kahl sein. Das Geplänkel darum begann schon Ende November, und im Allgemeinen trug Zoe den Sieg davon. Im letzten Jahr hatte er sie im Rollstuhl hinbringen müssen, dick eingemummelt gegen die Kälte, weil ihr Kreislauf so schwach war. Ihre Lippen waren immer blau, als hätte sie gerade Brombeeren gegessen, die Wangen gerötet, als wollten sie gute Gesundheit vortäuschen, was die langsamen Bewegungen und die schwache Stimme jedoch Lügen straften.

Das Christbaummädchen hatte Zoe dennoch begrüßt wie immer und sie wegen ihrer Mütze aufgezogen und war, ohne den Rollstuhl zu erwähnen, unbefangen in die Hocke gegangen, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen und zu verstehen, was Zoe ihr flüsternd mitteilte. Als sie Zoe dennoch bitten musste, das Gesagte zu wiederholen, machte sie sich über ihre eigene Dummheit lustig, denn das Christbaummädchen gab nie vor, Zoe zu verstehen, wenn sie es nicht tat. Sie war nicht wie die anderen Leute, die sie vor lauter Verlegenheit mit einem übertriebenen Lächeln und einem Nicken abfertigten. Zoe hielt diese Leute für Idioten, und Daniel konnte ihr nur zustimmen. Nein, das Christbaummädchen war anders gewesen.

Wie immer war auch im letzten Jahr die schwierige Frage, welchen Baum man nehmen sollte, heiß diskutiert worden. Zahllose Bäume waren gemustert und Wuchs, Höhe, Buschigkeit und allgemeines Erscheinungsbild gründlich untersucht worden. Man traf eine engere Wahl und ging erneut die Auswahlkriterien durch, bis – endlich – die Entscheidung fiel und Daniel sich den Baum auf seine Schulter hieven und zurück zum Wagen schleppen konnte. Im letzten Jahr hatte das Christbaummädchen rasch die Geldkassette an sich genommen, den Rucksack geschultert und die Griffe des Rollstuhls gepackt. Bis Daniel den Baum auf seiner Schulter richtig ausbalanciert hatte, war auch sie abmarschbereit gewesen.

»Wo steht das Auto?«, fragte sie.

»Das geht doch nicht … was wird aus den Bäumen?«

»Die kommen schon klar. Sie schaffen das nicht allein.«

Sie liefen den kurzen Weg zu seinem geparkten Wagen und plauderten dabei über dieses und jenes. Wäre der Weg doch nur länger gewesen. Es war ein peinlicher Moment, als sie sich zum Gehen wandte.

»Frohe Weihnachten«, sagte sie und winkte Zoe durchs Fenster zu, als das Mädchen es sich im Wagen bequem machte.

»Frohe Weihnachten«, erwiderte er und hätte ihr unheimlich gern einen Kuss auf die Wange gedrückt. Doch er bremste sich und hielt ihr stattdessen die Hand hin. »Frohe Weihnachten«, sagte er noch mal und kam sich dabei wie ein Volltrottel vor. Sie ergriff seine Hand und grinste schief – der rechte Mundwinkel höher als der linke –, aber ihre Augen blieben traurig.

Jetzt blinzelte er entschieden gegen diese Erinnerung an. Dieses Jahr konnte er sich diesen Samstagsbesuch sparen. Er würde keinen Baum brauchen … wollte das Christbaummädchen aber unbedingt den Grund dafür wissen lassen. Wollte ihr – dieser Frau, von der er nicht einmal den Namen kannte – erzählen, dass er Zoe verloren hatte, für immer verloren hatte, und wie unerträglich ihm das war. Er wollte es ihr erzählen, weil er ihr in die Augen geschaut und dabei etwas gesehen hatte, das ihm jetzt auch sein eigenes Spiegelbild zeigte.

Das Christbaummädchen kannte sich aus mit Verlust.

KATE

»Wir freuen uns schon alle darauf«, beendete Mr Wilkins seinen Vortrag und rückte dabei mit einem selbstgefälligen Grinsen seine unsagbar hässliche Krawatte zurecht.

»Sie wollen damit also sagen«, erwiderte sie und lenkte ihren Geist widerwillig in den drögen Raum mit dem beigen Teppichboden zurück, in dem Mr Wilkins sich hinter den Lagerräumen sein kleines Reich geschaffen hatte, »dass Sie – obwohl Sie mir im letzten Jahr versprochen haben, es würde das letzte Mal sein – von mir erwarten, mich wieder vor dem Laden zu postieren und diese Christbäume zu verkaufen.«

»Genau! Ihr Talent und die Begeisterung, mit der Sie sich in den vergangenen drei Jahren der Aufgabe angenommen haben, haben beim Managementteam der Portman Brothers Eindruck gemacht«, erläuterte er, ganz offensichtlich in der Annahme, sie würde sich dankbar gebauchpinselt fühlen. »Und in diesem Jahr erwartet Sie eine besonders befriedigende Herausforderung. Denn mit unserem vollen Lager an zwei Meter hohen Norwegischen Blautannen – zu einem Ladenpreis höher denn je, wie ich hinzufügen möchte – zielen wir darauf ab, dieses Jahr unseren besten Umsatz damit zu machen.«

»Bekomme ich denn einen Bonus?«

»Nein.«

»Muss ich Überstunden machen?«

»Ja.«

»Bekomme ich diese bezahlt?«

»Nein.«

»Gibt es unterstützende Werbemaßnahmen?«

»Ja.«

»Meinen Sie damit tatsächliche Werbemaßnahmen, oder heißt das, Sie möchten, dass ich in der Eiseskälte ein sexy Elfenkostüm mit Schläppchen und einer bis zum Schritt reichenden Tunika trage? Wieder?«

»Ja.« Mr Wilkins machte eine Pause. »Letzteres«, ergänzte er. »Sie werden sich einen fellgefütterten Schlüpfer besorgen müssen«, schlug er vor und grinste anzüglich.

Recht hatte er ja, sagte sich Kate. Der vom Fluss kommende Wind fegte eisig durch die High Street und trieb einem die Kälte in die Knochen. In den vergangenen Jahren hatte nie viel zu einer Unterkühlung gefehlt.

»Gibt es denn ein Budget für fellgefütterte Hosen?«, erkundigte sie sich, ohne sich Hoffnungen zu machen.

»Nein. Für eine Ausstattung, die nicht zur Uniform gehört, kommt der jeweilige Angestellte selbst auf.«

Hab ich’s mir doch gedacht, überlegte sie finster. »Und was genau soll mich nun ohne einen umsatzbezogenen Bonus und andere Anreize dazu motivieren, Ja zu sagen?«

»Ich denke«, meinte Mr Wilkins mit kaum verhohlener Häme, »dass es allen Angestellten mit Verträgen, die im Januar auslaufen, gut zu Gesicht stünde, sich nicht zu fragen, was Portman Brothers für sie tun kann, sondern was sie für Portman Brothers tun können.«

»Mein Vertrag läuft aus?«

»Zum einunddreißigsten Dezember«, bestätigte Mr Wilkins. »Wie schnell die Zeit doch vergeht, wenn man Spaß hat … Sie haben, wie Sie zweifellos wissen, einen bedingten Vertrag, der sich mit Ende des Geschäftsjahres unabhängig vom Eintrittsdatum verlängert. Das steht alles hier. Wissen Sie das nicht mehr?«

»Ja schon«, erwiderte Kate, weil sie sich undeutlich erinnerte, dass es da eine Klausel gab. Die Vertragsbedingungen waren ganz allgemein sehr schlecht gewesen, das wusste sie mit Sicherheit, Lohn, Urlaubstage und Zusatzleistungen beschränkten sich auf das absolute Minimum, aber der Job war eine Notlösung gewesen, und sie hätte nie gedacht, noch immer hier zu sein. »Aber er hat sich doch jedes Jahr automatisch verlängert, deshalb dachte ich …«

»Weil es ein bedingter Vertrag ist«, erklärte er geduldig, »aber jetzt ist es schon bald vier Jahre her – kaum zu glauben, nicht wahr? –, seit ich mit Ihnen das Einstellungsgespräch geführt habe. Sie haben Max mitgebracht, wie ich mich erinnere, er war erst wie alt? Drei?«

»Zwei«, korrigierte Kate ihn matt. »Er war zwei. Und er heißt Jack.«

»Ja, nun egal.« Er verlor das Interesse. »Wie gesagt, alles in allem vier Jahre, wir müssen alle den Gürtel enger schnallen, Kürzungen und so weiter und so fort … da ist es immer klug, einen guten Eindruck zu machen, nicht wahr? Sie wollen doch sicherlich nicht ohne Beschäftigung ins neue Jahr starten, schon gar nicht bei Ihrer Verantwortung für den Kleinen.«

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete Helen die Tür zu ihrem hellrosa Reihenhaus.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte Kate. »Ich hatte nach der Arbeit noch eine Besprechung. Ich habe auch überlegt anzurufen, als ich rauskam, habe aber dann beschlossen, sofort herzukommen.«

»Kein Problem«, meinte Helen, die von Haus aus ein sonniges Naturell hatte, deren Lächeln aber durchaus einen handfesten Grund hatte: Sie hatte für alle Eltern, die ihre Kinder nach der von ihr festgesetzten Zeitschranke von neunzehn Uhr abholten, eine Strafgebühr von fünfzehn Pfund festgelegt, und jetzt stand der Minutenzeiger entschieden auf zehn nach.

Sie hatte es nicht anders verdient, sagte Kate sich grollend, aber das Geld fehlte nun anderswo. Dennoch war Helen ein Rückhalt, ohne den Kate überhaupt nicht hätte arbeiten können, und die vielen Gefallen, die sich im Lauf der Jahre angehäuft hatten, wogen viel schwerer, als dass sie der älteren Frau diese kleine Aufbesserung ihres Einkommens hätte missgönnen können.

»Es lief gut mit ihm«, sagte Helen. »Er hat seine Hausaufgaben gemacht und anständig zu Abend gegessen, jetzt ist er aber ein wenig müde. Mrs Chandler bat mich, Ihnen auszurichten, sie wolle Sie morgen sprechen, wenn Sie ihn bringen. Jack wird Ihnen sagen, warum …«, ergänzte sie und schnitt dabei eine Grimasse. »Jedenfalls seine Version dazu.«

»Gekämpft!«, empörte sich Kate, als sie mit Jack draußen war. »Was habe ich dir übers Kämpfen gesagt?«

»Dads Beruf war es zu kämpfen«, meinte er eingeschnappt. »Und Onkel Stuart sagte, er sei ein ›verdammter Held‹.«

»Du sollst nicht fluchen. Und das tut hier nichts zur Sache. Dad war Soldat. Das ist nicht das Gleiche. Worum ging es eigentlich bei diesem Kampf?«

»Lucas und Krishna sagten, der Weihnachtsmann komme nur, wenn man einen Dad hat.«

»Und wie kommen sie da drauf?«

Seufzend erklärte Jack es ihr. »Es ist ganz einfach. Weißt du, der Weihnachtsmann kann doch unmöglich in einer Nacht in alle Häuser kommen, oder?«

Kate musste blinzeln. »Kann er nicht?« Sie spielte auf Zeit.

»Offenbar nicht«, sagte Jack geduldig. »Realistisch ist das doch nicht, oder? Also muss er was tun, wozu er die Väter braucht, verstehst du? Es ist also – irgendwie – so, als wäre er es selbst, ist es aber nicht, weißt du. Die Väter …«, er suchte nach einer logischen Lösung, »die helfen ihm. Verstehst du?«

»Oookay«, erwiderte Kate, »aber dann ist doch alles gut, denn du hast ja einen Daddy, oder?«

»Ja, aber er ist doch nur ein dummer Stern, oder nicht?«, sagte Jack und zeigte hoch in den Himmel. »Wie soll er denn dem Weihnachtsmann von dort oben helfen, mir die Geschenke zu bringen?«

Inzwischen waren sie zu Hause angekommen. Sie und Jack wohnten in Stokes Croft, dem trendigen Viertel, das eigentlich im Kommen war, aber es doch nicht ganz schaffte. Architektonisch dominierten spätviktorianische Häuser – nunmehr überwiegend in Wohnungen umgewandelt –, durchsetzt von der Architektur im Stil des Brutalismus aus den Sechzigerjahren, die das ersetzte, was infolge verirrter Kriegsbomben, die eigentlich für die Hafenanlagen bestimmt gewesen waren, kaputtgegangen war. Es war der einzige Stadtteil in der Nähe des Zentrums – und somit ihrem Arbeitsplatz –, der nicht völlig überteuert war. Das war einer der Gründe, weshalb Kate so froh gewesen war, diese halbwegs bezahlbare kleine Wohnung über der Wäscherei zu bekommen. Außerdem fand Kate, dass die behaglichen Gerüche von Seifenpulver und heißer Wäsche, die über die Treppe hinauf zu ihrer Haustür waberten – die nur durch die Wäscherei zu erreichen war –, einen weiteren Pluspunkt ausmachten.

»Zeit fürs Bett«, sagte sie, als sie beim Öffnen der Haustür bemerkte, wie der kleine Junge sich die Augen rieb, und sie schob ihn vor sich her, während sie mit ihren Tüten hinterherkam.

»Kann ich nicht einen heißen Kakao bekommen?«

Sie überlegte kurz. Es war kaum noch Milch da, aber für einen Becher reichte sie noch, vorausgesetzt, sie gab ihm zum Frühstück ein Toastbrot und kein Müsli und trank ihren Tee am Morgen schwarz. »Natürlich bekommst du den«, gab sie lächelnd nach.

»Willst du denn keine?«, fragte er, als sie die restliche Milch in den Becher goss und ihn in die Mikrowelle stellte.

»Nein danke, Liebling, ich will keine.«

»Kann ich Marshmallows haben?«

»Es sind keine mehr da«, gab sie zu, »aber sobald ich meinen Lohn bekomme, hole ich welche.«

»Juhu! Ich liebe Marshmallows … aber ich mag den heißen Kakao auch ohne«, fügte Jack rasch hinzu, als er die traurige Miene seiner Mama bemerkte.

Bis er seinen Schlafanzug anhatte, den Kakao getrunken, das Gesicht gewaschen und unter Kates Aufsicht gründlich die Zähne geputzt hatte, konnte er kaum noch die Beine heben und gähnte laut. Sie bugsierte ihn in sein Schlafzimmer, das gar kein richtiges Zimmer war, und redete ihm gut zu, bis er im Bett lag. Kate hatte sich schon gewundert, dass eine Zweizimmerwohnung angeboten wurde, die ihrem Budget entsprach, doch als sie zur Besichtigung kam, wurde der Grund für die niedrige Miete offensichtlich: Das sogenannte »zweite Schlafzimmer« war praktisch nur ein Schrank oder, besser gesagt, eine Schlafnische, die man vom eigentlichen Schlafzimmer durch eine dünne Wand abgetrennt hatte. Sie verfügte über eine eigene Tür, die vom kleinen Flur abging, hatte aber keine Außenwand und demzufolge auch kein eigenes Fenster. Dass Jack dort ohne Tageslicht oder Ventilation untergebracht war, bekümmerte Kate, aber sie hatte das Zimmerchen gemütlich eingerichtet – mit einer kleinen Kommode und vielen Bücherregalen, auf denen sich Kinderbücher stapelten, die überwiegend aus Secondhandläden stammten, und auf dem schmalen Bett lag buntes Bettzeug mit Raumfahrtmotiven.

Kaum hatte Kate angefangen, Jack vorzulesen, fielen ihm schon die Augen zu. Sie las noch ein wenig weiter und senkte ihre Stimme dabei nach und nach zu einem Flüstern, bevor sie das Buch zuklappte, aber kaum erhob sie sich, riss er die Augen wieder auf.

»Ich brauche einen Kolander«, verkündete er, plötzlich wieder hellwach.

»Du meinst wohl einen Kalender?«, sagte sie, setzte sich wieder und strich ihm eine Haarsträhne aus den Augen. Die Haare mussten geschnitten werden. »Einen besonderen Kalender?«

»Einen Wendkalender.«

»Für die Wand?«

»Neiin …«, erwiderte er frustriert und verzog das Gesicht. »Einen Wendkalender … damit wir wissen, wann Weihnachten ist.«

»Ah!«, sagte Kate, als der Groschen fiel. »Einen Adventskalender.«

»Genau. So einen«, bestätigte Jack erleichtert. »Ich glaube, es gibt welche mit Schokolade«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

»Hab ich auch gehört«, meinte Kate lächelnd. »Mal sehen, was ich tun kann.«

Rasch bewegte sie sich durch das hässliche kleine Wohnzimmer mit den schäbigen Möbeln und einer kleinen Küchenzeile an der Wand, um Jacks Sachen im Licht der Straßenlaterne aufzuheben, das durchs Fenster einfiel. Sie musste Ordnung schaffen und sich dann wenigstens noch ein paar Stunden mit ihrer Schmuckherstellung beschäftigen. Es war mehr als ein Hobby. Als Jack noch klein war, hatte sie damit angefangen, aber schon bald erwies sich dieses Kunsthandwerk als Möglichkeit, zusätzliches Geld zu verdienen, nur dass es ihr nach einem ohnehin schon anstrengenden Arbeitstag oft an Motivation mangelte.

Während sie den achtlos abgelegten Schulpullover zusammenlegte, schaute sie aus dem kleinen rechteckigen Fenster in den Nachthimmel. Ein Schmutzschleier aus Abgasen und Straßenstaub hatte sich von außen auf die Scheibe gelegt, doch der Himmel war klar, Kate konnte den Mond und sogar einige der hellsten Sterne sehen.

War es falsch gewesen, Jack zu erzählen, dass sein Vater vom Himmel auf ihn heruntersah? Ihr war es tröstlich erschienen, ihm etwas sagen zu können – vielleicht glaubte sie sogar selbst daran –, aber wenn sie jetzt auf die stecknadelgroßen Lichtpunkte schaute, die so viele Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt waren, fragte sie sich … könnte Tom tatsächlich auf irgendeine Weise dort bei ihnen sein? Tat es ihm leid, dass er sie allein zurückgelassen hatte, sie, verwitwet mit sechsundzwanzig, und den zweijährigen Jack? Sie presste ihre Stirn gegen das kalte Glas. Wie sie diese Zeit des Jahres hasste. Vor vier Jahren, nur wenige Tage vor Weihnachten, hatte es an ihrer Tür geklopft. Sie war davon ausgegangen, es sei eine der Frauen von der Armeebasis, die auf einen Kaffee vorbeikam, sich Milch ausborgen oder einfach nur plaudern wollte, aber als sie die beiden Offiziere in Ausgehuniform sah, die Käppis unter die Arme geklemmt, die Handschuhe in den Händen, wusste sie Bescheid.

Anfangs war man vonseiten der Armee mehr als entgegenkommend gewesen, hatte sie eingeladen, »so lange wie für sie nötig« in ihrem Quartier zu bleiben, aber es dauerte nur wenige Wochen, bis einer der anderen Männer – Toms Kamerad – ihr überdeutlich zu verstehen gab, dass er sie nur zu gern in ihrer Trauer »trösten« wollte, und seine Belästigungen unerträglich für sie wurden. Gleichzeitig ließ die Unterstützung der anderen Frauen rapide nach. Wo zuvor Mitgefühl war, wurde sie nun mit Argusaugen beobachtet aus Eifersucht, die hübsche junge Witwe könnte ihren Männern gefährlich werden. Kate hatte die Anzeichen zu deuten gewusst. Die Pension, die sie von der Armee bekam, war gering und reichte gerade mal für die Zusatzausgaben in dem guten, aber teuren Pflegeheim, in dem Toms Großmutter Maureen – die ihn großgezogen hatte – nur wenige Monate nach seinem Tod untergebracht worden war, nachdem ihre Demenzerkrankung, die bereits seit Jahren an ihrem Verstand zehrte, sich durch den Kummer erheblich verschlechtert hatte. Kate besuchte sie noch immer gelegentlich mit Jack, aber es war eine lange Fahrt dorthin, und Maureen erkannte außerdem niemanden mehr. In Jack sah sie den kleinen Tom, was für Jack beängstigend und verwirrend war.

Kate hatte sich aufgerafft und war nach Bristol gezogen, wo sie sich einen beschissenen Job gesucht und ein Dach über dem Kopf organisiert hatte. Der Alltagstrott hatte ihr keine Zeit zum Nachdenken gelassen und ihr geholfen weiterzumachen. Seit Toms Tod verband sich bei ihr mit Weihnachten ein besonders starkes Verlangen, sich unter einer Decke zu verkriechen und erst wieder aufzutauchen, wenn alles vorbei war. Stattdessen nahm sie all ihre Kraft zusammen und sorgte dafür, dass Jack einen schönen Weihnachtstag hatte, aber dieses Jahr war er älter, bekam viel mehr mit und wusste deshalb schon viel früher, dass Weihnachten vor der Tür stand. Morgen war bereits der erste Dezember. Überall machte sich Vorfreude breit, und Kate würde das Verlangen nach einer Decke einen ganzen Monat lang unterdrücken müssen. Allein der Gedanke daran entlockte ihr ein lautes Stöhnen.

War das wirklich alles, was das Leben für sie beide nun in petto hatte? Die Armut, die Müdigkeit, die Freudlosigkeit …? Vor Toms Tod hatte sie Weihnachten geliebt. Er hatte gelacht über ihre Rituale, ihre Pläne, die bereits im Oktober mit Geschenkelisten begannen, worauf dann im November das Plätzchenbacken folgte und sie zu schnulzigen Weihnachtsliedern ihrer Playlist auf dem iPad – Slade, George Michael, Mariah Carey – durch die Küche tanzte … wo war diese alte Kate geblieben? Sie starrte aus dem Fenster in den Himmel. Das war sie jetzt.

Selbst auch ein Stern: kalt, fern, distanziert und einsam.

Jack hatte bereits einen Elternteil verloren. Er durfte nicht noch den anderen verlieren. Sie musste die Weihnachtsfreude mit ihrem Sohn teilen, ihm eine richtige Mutter sein, da sein … Genau das hatte er verdient, aber woher sollte sie die Kraft dazu nehmen?

Sie brauchte ein Weihnachtswunder.

25 Tage bis Weihnachten

Auf ihrem Weg zur Arbeit machte sie einen kurzen Abstecher zum 1-Pound-Discounter, aber ohne Erfolg. Es gab zwar Kalender, aber keine mit Schokolade. Außerdem waren sie billig und schlecht gemacht. Zudem musste sie bis zum Freitag mit gerade mal zwölf Pfund und zwanzig Pence auskommen, und heute war erst Montag. Mindestens vier Pfund musste sie dafür einplanen, ihre kleine Wohnung mit Gas und Strom zu versorgen, und weitere vier Pfund für den Bus, der Rest musste für die ganze Woche fürs Abendessen reichen. Es würde wohl oft Pasta mit Dosentomaten und Käse geben, weil es billig war. Natürlich bliebe immer noch die Tafel an der Kirche gleich bei ihr um die Ecke. Darauf hatte sie noch nicht zurückgegriffen. Noch nicht. Dank eiserner Entschlossenheit und unermüdlicher Planung war sie mit ihren mageren Ressourcen bisher zurechtgekommen.

Und in diesem Sinne war die ganze Adventskalendergeschichte ein Ding der Unmöglichkeit. In ihrem eigenen Laden nach einem Kalender zu suchen würde gar nichts bringen, denn die wären auch mit ihrem Personalrabatt noch viel zu teuer. Die großen dreidimensionalen Kreationen aus Pappe waren was für die reichen Kinder. Es gab sogar welche für Erwachsene mit handgeschöpfter Schokolade und Schönheitsprodukten für die Frau, edlem Duschgel und kleinen Whiskyflaschen für die Männer.

Jack hatte sie heute Morgen noch mal gezielt darauf hingewiesen – schließlich habe man jetzt Dezember –, worauf Kate ihn abgewimmelt und ihm erklärt hatte, sie selbst habe das Türchen ihres Adventskalenders immer erst am Abend geöffnet, und auch er müsse sich bis heute Abend gedulden, dann werde er schon sehen.

Und jetzt sah es ganz danach aus, als gäbe es nichts zu sehen, überlegte Kate verzweifelt.

»Alles in Ordnung mit dir, meine Liebe?«, erkundigte sich Pat, als Kate erschöpft zu ihrer zwanzigminütigen Pause in den Mitarbeiterraum kam. »’n Tässchen?«

Sie nickte, ließ sich wortlos auf den harten Plastikstuhl fallen und schloss für einen Moment die Augen. Mühsam hob sie den Kopf, als wäre er tonnenschwer, und nahm Blickkontakt zu ihrer älteren Kollegin auf.

»Hi Pat. Ja bitte, Tee wäre ganz wunderbar, ’tschuldigung.«

»Schon gut«, sagte Pat und schob ihr einen Becher zu. »Stark und süß, genau wie du.«

»Bis Weihnachten werde ich ganz bestimmt stark sein«, stimmte Kate ihr zu. »Die Bäume sind riesig. Und die Stämme sind wie – na ja – Baumstämme.«

»Du solltest so etwas nicht herumschleppen müssen. Du bist so klein. Das ist nicht richtig. Wo bleiben da Gesundheit und Sicherheit?«

»So klein bin ich nun auch wieder nicht«, empörte sich Kate energisch.

»Doch, das sind Sie«, sagte Wayne, der zu ihnen stieß, breitbeinig eine ganze Tischseite für sich in Anspruch nahm und eine Pranke um seinen Becher mit Instantkaffee legte, dessen Aufschrift sie alle aufforderte: »Ruhe bewahren und Kaffee trinken«. »Sie sind winzig.«

»Nur neben Ihnen. Neben Ihnen sieht jeder klein aus, Sie sind wie King Kong.«

»Alles Muskeln, meine Liebe«, bestätigte Wayne.

»Und warum schleppen dann nicht Sie diese Bäume für Kate?«, hakte Pat hitzig nach. »Sie würden das doch in zwanzig Minuten schaffen.«

»Ich mach doch schon die Beleuchtung. Das ist ein höchst anspruchsvoller Job. Nicht jeder kann die Weihnachtsbeleuchtung anbringen. Das erfordert ganz besondere Fähigkeiten«, erklärte er bedeutungsvoll und tippte sich dabei an die Nase. »Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Mr Wilkins mich in ihrem Elfenkostüm sehen möchte.«

»Wir auch nicht«, versicherte Pat ihm prompt.

»Mir will nicht einleuchten, was so schwer daran sein soll, einen Stecker in eine Steckdose zu stecken«, zog Kate ihn auf, brachte dabei aber ein Lächeln zuwege. Wayne war zwar nicht der Hellste, aber ein freundlicher junger Mann, der Jack an den meisten Samstagen beim Fußball coachte und fast alles für einen tun würde, wenn man erst mal zu seinem weichen Kern vorgedrungen war.

»Du warst spät dran heute Morgen«, sagte Pat zu Kate ohne jeden Vorwurf. »Mr Wilkins habe ich erklärt, du seist da, aber aufs Klo gegangen. Hab durchblicken lassen, dass es was mit Frauenkram zu tun hat. Entschuldige.«

Wayne rutschte verlegen herum und räusperte sich. Frauenkram war definitiv nicht sein Ding.

Kate bedachte ihn mit einem amüsierten, aber verständnisvollen Blick und berichtete dann erschöpft von ihrer Kalendersuche.

»Also, ich hab da was«, triumphierte Pat. »Wenn das kein Glück ist! Moment mal …« Sie sprang auf, so schnell ihre arthritischen Knie das zuließen, und begann, in ihrem Spind zu kramen.

»Also, fast hätte ich das heute Morgen gar nicht mitgenommen, aber dann habe ich überlegt, na gut, schließlich gehe ich ja vielleicht direkt dorthin …«, sie redete weiter, aber ihre Worte blieben unverständlich, »würde das Anfang Dezember haben wollen«, schloss sie, als sie triumphierend aus dem Spind auftauchte.

Mit einer Hand strich sie ihr Haar glatt, in der anderen hielt sie eine Papiertüte mit einer Kordel. Sie knallte sie auf den Tisch und schob sie Kate zu.

»Wahrscheinlich findest du es hässlich. Ist nicht gerade das, was du suchst, aber in der Not tut es das vielleicht … ich würde mich aber nicht gekränkt fühlen …«

Kate schob ihre Hand in die Tüte und zog etwas Gestricktes in Grün, Weiß und Rot heraus, das, aufgerollt über ein Stück Bambus, wie eine Biskuitroulade aussah. Entrollt erwies es sich als ein großes rotes Rechteck, das an einem Bambusstock hing. Es war mit weißen Schneeflocken bestickt, aber vor allem sprangen einem die gestrickten Taschen ins Auge, die in fünf Quer- und fünf Längsreihen angeordnet waren, insgesamt fünfundzwanzig, jede mit einer ordentlich aufgestickten Zahl und einem Weihnachtsmotiv versehen: Rentier, Kerze oder Adventskranz. Auf der Tasche für den Weihnachtstag befand sich keine Zahl, nur ein großer, kunstvoll gestickter Stern aus durchsichtigen Perlen und schimmernden Pailletten.

»Es ist ein Adventskalender«, rief Kate. »Oh mein Gott, jetzt sag bloß nicht, den hast du selbst gestrickt. Der ist ja umwerfend!«

Pat zog errötend den Kopf ein: »Mir ist oft langweilig«, gestand sie. »Letztes Jahr habe ich ein paar davon gemacht, und die schienen gut anzukommen. Du weißt ja, im letzten Jahr war der Weihnachtsmarkt schon ganz früh. Dieses Jahr werde ich sie wohl nicht mehr verkaufen können. Zu spät, wie gesagt.«

»Aber das ist doch nichts nur für ein Jahr«, sagte Kate und musterte ihn bewundernd.

»Wir leben jetzt in einer Wegwerfgesellschaft, aber nein – ich würde mir wünschen, dass er länger Freude macht«, gab Pat zu und strahlte angesichts der offensichtlichen Zustimmung ihrer Freundin. »Man steckt dann jedes Jahr was Neues in die Taschen …«

»Da ist ja bereits was drin«, bemerkte Kate und sah erst jetzt, dass die kleinen Taschen ein wenig ausgebeult waren.

»Nur Schokolade«, meinte Pat. »Nicht sehr originell. Ich hatte ein paar Schokotaler …«

»Das ist genau das, was er sich wünscht«, freute sich Kate und sank auf ihrem Stuhl wieder in sich zusammen, diesmal aber vor Erleichterung. »Ich muss dir was dafür geben. Damit wolltest du Geld für wohltätige Zwecke sammeln.«

Pat winkte ab. »Nun sei nicht albern. Nächstenliebe beginnt zu Hause. Die Christian Mission würde sich sicherlich freuen, wenn sie wüsste, dass den ein so reizender kleiner Junge bekommt. Das ist absolut gut so.«

»Ich danke dir«, sagte Kate und schluchzte dabei. Sie wischte eine Träne weg und lachte über sich.

Für Wayne war das alles zu viel. »Oh Mann … Stricken, Frauenkram und Tränen«, brummelte er vor sich hin und stand auf. »Ich bin weg.«

»Also gut«, sagte Kate und gab sich einen Ruck. »Ein Problem hätten wir gelöst. Weiter mit dem nächsten.«

Das Elfenkostüm, das ein Jahr lang im großen Vorratsschrank des Mitarbeiterraums in einer Tragetasche gesteckt hatte, war nicht besser geworden. Kate hätte darunter nur zu gern eine Thermoweste und Leggins angezogen, aber das war Geld, das sie dann nicht mehr für Jacks Geschenke zur Verfügung hatte. Stattdessen zog sie unter der grünen Tunika zwei alte T-Shirts an und eine zusätzliche Strumpfhose über die, die ohnehin schon Löcher hatte, und beeilte sich beim Umziehen für den Fall, dass Wayne noch mal zurückkam und den Schock seines Lebens bekam, wenn er sie in Unterwäsche sah, oder – Gott bewahre – Malcolm Wilkins, der das sicherlich erregend fände. Was die ersten Tage betraf, hatte sie Glück, denn es war noch immer mild draußen.

»Es ist eine Schande, dass du im Dezember so hart arbeiten musst«, sagte Pat, während sie ihren Tee austrank. »All die Überstunden … mit deinem Kleinen.«

»Jack gefällt es bei Helen«, entgegnete Kate und band den Gürtel über der Tunika fest, »ich denke, sie machen heute Weihnachtsschmuck aus Salzteig. Sie kann mit Kindern wirklich gut umgehen.« Von den Mühen, eine Kinderfrau zu finden, die bereit war, an Abenden und Wochenenden zu arbeiten, erzählte Kate nichts. Dazu waren die wenigsten bereit. Helen verlangte allerdings einen Zuschlag, wenn sie samstags aufpasste, der Kates Verdienst fast ganz verschlang, aber man hatte ihr zu verstehen gegeben, dass Samstagsarbeit – sofern ihr der Job was bedeutete – ein absolutes »Muss« war.

»Du hast keinen bedingten Vertrag, oder?«, wollte Kate von Pat wissen, weil ihr das beunruhigende Gespräch mit Mr Wilkins wieder in den Sinn kam.

»Was soll ich haben, Liebes?«

»Einen bedingten Arbeitsvertrag? Endet dein Vertrag auch automatisch am Endes dieses Jahres?«

»Du meine Güte, ich hoffe nicht«, sagte Pat und runzelte besorgt die Stirn. »Wie kommst du denn darauf?«

»Vergiss es … ich hab einen, weil man mir damals nichts anderes angeboten hat, und ich habe ihn unterschrieben, was ich jetzt bereue. Du bist schon seit Jahren hier, da sieht das wahrscheinlich anders aus.« Sie berichtete Pat kurz von ihrem Gespräch mit Malcolm Wilkins.

»Oh mein Gott.« Pat war bestürzt. »Das ist ja schrecklich.« Sie hielt inne und überlegte sichtlich, ob sie mehr sagen sollte. »Wie ich gehört habe …«

»Sprich weiter.«

»Ich hörte, es läuft nicht gut. Die Leitung war mit den Umsätzen nicht zufrieden. Vermutlich wird es dieses Jahr Weihnachten kritisch. Wenn das Geschäft nicht gut läuft, könnte es offenbar, nun ja, Entlassungen geben.«

Kate schluckte. »Entlassungen«, wiederholte sie. »Ich weiß nicht, wie es funktioniert, und konnte gestern Abend die Unterlagen nicht finden, aber wenn ich wirklich einen bedingten Arbeitsvertrag habe, können die mich rauswerfen, und das ohne irgendeine Abfindung. Ich werde die Erste sein, die gehen muss.« Ihr war übel, das Käsesandwich, das sie sich von zu Hause mitgebracht hatte, lag ihr wie ein Stein im Magen.

»Dazu wird es nicht kommen«, meinte Pat mitfühlend und legte beruhigend ihre Hand auf die von Kate. »Aber sprich doch mal mit der Personalabteilung«, fügte sie mit besorgter Miene hinzu. »Damit du erfährst, wie die Situation wirklich ist.«

»Du machst dir viel zu viele Sorgen«, hatte Tom immer gesagt. Der Wunsch, er möge hier sein und ihr das auch jetzt sagen, sie an sich drücken, sie wärmen und trösten, wie er das immer tat, indem er sein Kinn auf ihrem Kopf ablegte, war so übermächtig, dass sie körperlichen Schmerz empfand. Eine verirrte Träne lief ihr über die Wange, als sie den Kopf ans Busfenster lehnte. Sie richtete sich auf, wischte sie ab und schniefte. Ich mache mir zu viele Sorgen, sagte sie sich und nahm sich vor, morgen gleich in ihrer ersten Pause in die Personalabteilung zu gehen. Es wäre doch besser, die Tatsachen zu kennen, als sofort vom Schlimmsten auszugehen.

»Sie sind noch nicht raus«, sagte Seema zur Begrüßung, als Kate angeschlittert kam. »Hol tief Luft, alles ist gut.«

Kate warf ihrer Freundin einen dankbaren Blick zu. »Wie war dein Tag?«

»Aufgestanden, Kinder und den Ehemann angeschrien, Kinder hergebracht und in aller Öffentlichkeit erneut angeschrien, arbeiten gegangen, heimgekommen, stinkende Socken aufgehoben, Gemüse weggeschmissen, das ich für eine Gemüsepfanne verwenden wollte, Anil angerufen, um ihn zu bitten, stattdessen fürs Abendessen was vom Imbiss mitzubringen, mich – wieder – gegen einen Hundespaziergang entschieden, hierhergekommen, um darauf zu warten, erneut die Kinder anzuschreien. Und bei dir?«

Kate lächelte. Seema war in ihren makellos drapierten Saris und mit tadellosem Augen-Make-up eine unheimlich elegante und selbstsichere Erscheinung. Eine Schönheit. Dass sie andere anschrie, war Kate unvorstellbar. Sie arbeitete Teilzeit bei der Meldebehörde, um sich nach Schulschluss um Krishna kümmern zu können. Sie bedrängte Kate ständig, sich auch um einen Job bei der Behörde zu bemühen, da man dort sehr kinderfreundlich eingestellt sei. Eine Zeit lang hatte Kate die Stellenanzeigen verfolgt, aber nachdem sie monatelang nichts entdeckt hatte, wofür sie qualifiziert gewesen wäre, ließ sie es sein. Eigentlich war sie für gar nichts qualifiziert, das war das Problem. Ihre einzige Fähigkeit, die sie von anderen Müttern unterschied, die sich um eine mit den Schulzeiten verträgliche Arbeit bemühten, war die, Schmuck zu machen. Sie hatte zum Zeitvertreib damit angefangen, aber Tom hatte sie darin bestärkt und ermuntert.

An ihrem nächsten Armeestützpunkt sollte sie eine kleine Werkstatt bekommen. Einen Raum für sich. Das war alles schon geplant gewesen. Aber dann hatte sich der Plan – hatten sich alle Pläne – in Rauch aufgelöst …

»Oh-oh«, entfuhr es Seema, sie packte Kate am Arm und nuschelte aus dem Mundwinkel. »Guck mal, wer da kommt.«

Das Alphaweibchen, die Vorsitzende des Eltern-Lehrer-Ausschusses Anastasia Green, die immer eine halbe Stunde früher kam, um ihren Minivan direkt vor dem Schultor parken und sich dort den eingegangenen Textnachrichten widmen zu können. Jetzt war sie – nachdem sie ihr Make-up im Fahrerspiegel überprüft hatte – anmutig ausgestiegen und kam auf sie zugeschlendert. Sie trug wie üblich Designer-Sportklamotten, in denen ihre straffe, im Fitnessstudio gestählte Figur bestens zur Geltung kam.

»Oh mein Gott, ich kann mich immer wieder für Ihr schönes traditionelles Kleid begeistern«, lobhudelte sie vor Seema, die das mit einem gepressten Lächeln quittierte. Worauf Kate – die wusste, was Seema von Anastasia hielt – ihre Freundin anrempelte, um Seemas sorgsam gewahrte Fassade durch Lachen ins Wanken zu bringen.

»Oh mein Gott, ja«, schwärmte Anastasia unbeirrt weiter, »es sieht einfach so elegant aus … Ob ich das wohl auch tragen könnte?« Ihr Blick wanderte an ihrem perfekt definierten Körper entlang. »Ich weiß nicht, ob es an mir so gut aussähe wie an Ihnen.«

»Ich würde ja vorschlagen, dass wir tauschen«, erwiderte Seema mit einem bezwingenden Lächeln in Kates Richtung, »aber ich kann mir ganz ehrlich nicht vorstellen, dass mich jemand in Ihren Sportklamotten sehen wollte.«

Anastasia warf erfreut über dieses Kompliment den Kopf in den Nacken. »Ich musste es mir schicken lassen«, erklärte sie mit falscher Bescheidenheit. »Ich bin ja leider so klein, dass normale Klamotten an mir dranhängen. Das ist so frustrierend. Ihnen geht es sicherlich genauso, Kate, oder?«

»Sie meinen wohl, weil wir beide etwas kurz geraten sind?«, hakte sie überflüssigerweise nach. »Nee, wissen Sie, was ich mache«, gestand sie und beugte sich vor, als wolle sie ein wertvolles Geheimnis verraten, »ich esse einfach ganz viel Kuchen, dann passe ich nämlich, obwohl ich klein bin, mit meiner untersetzten Figur trotzdem in Normalgrößen, sofern ich die Hosen hochkremple. Überlegen Sie mal, was ich da an Geld spare.«

Sie nickte eifrig dazu. »Indem ich weniger an ›Kylie‹, sondern eher Richtung ›Gartenzwerg‹ denke«, ergänzte sie zur weiteren Erklärung. Seema schnaubte wenig damenhaft, und Anastasia, unsicher, ob man sie auf den Arm nahm oder nicht, verzog den Mund zu einem fratzenhaften Grinsen.

»Egal.« Seema nahm wieder Haltung an und schaute auf ihre Uhr. Mit einem Blick auf den Haupteingang der Schule, aus dem sich jeden Moment eine Flut blau gekleideter Grundschüler ergießen würde, fragte sie: »Was können wir für Sie tun?«

»Nun«, antwortete Anastasia mit einem Blick himmelwärts, während sie mit ihren Fingern eine Aufgabenliste abhakte, »das ganze Komitee des Eltern-Lehrer-Ausschusses ist gerade völlig überlastet, wir ersticken in Arbeit, und dabei brauchen wir für den Weihnachtsmarkt noch Helferinnen für die Tombola, das Verpacken der Geschenke, die Gestaltung der Grotte für den Weihnachtsmann und den Glückstopf.« Dabei sah sie beide anklagend an. »Wisst ihr, Mädels, wir sind alle ein wenig angefressen, dass die anderen Mütter uns damit alleinlassen. Ich weiß schon, was ihr jetzt sagen werdet.« Mit erhobener Hand wehrte sie die Flut der Worte ab, die weder Seema noch Kate in den Sinn kamen, »ihr arbeitenden Mütter seid für das alles viel zu eingespannt, aber ich habe auch zu tun, wisst ihr, und es gibt andere Möglichkeiten …«, ergänzte sie finster.

»Wie etwa?«, tastete Kate sich nervös vor.

»Na ja, Kais Mama hat wirklich eine Spitzenposition in der City, aber sie hat einen ihrer hochvermögenden Klienten dazu gebracht, als Lospreis einen Helikopterflug zu spenden. Nur mal als Beispiel.«

»Ich denke nicht, dass viele meiner Kunden ›hochvermögend‹ sind«, murmelte Kate und stellte sich den typischen Kunden vor, meist eine Frau in einem gewissen Alter, auf der Suche nach fleischfarbenen Stützschlüpfern oder einer netten zweckmäßigen dunkelblauen Strickjacke.

»Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf wenig Verständnis stoßen würde, wenn ich Menschen, die zu mir kommen, um einen Todesfall zu melden, um ein Geschenk bitten würde«, schob Seema nach, um deren Mundwinkel noch immer ein kleines boshaftes Lächeln spielte.

»Ja gut, dann eben was anderes«, erwiderte Anastasia verärgert. »Aber was ist mit Ihnen, Kate, man hat Sie heute offenbar vor Portman Brothers Christbäume verkaufen sehen«, dabei zuckte ihr Mund kurz verächtlich, »das Kaufhaus wird doch sicherlich gern bereit sein, einen Baum für die Aula zu spenden.«

Kate war sich sicher, dass dem nicht so wäre. »Ich werde mich erkundigen«, versprach sie und trat von einem Bein aufs andere.

»Schön«, blaffte Anastasia, »wäre nett.« Und abrupt machte sie auf dem Absatz kehrt und entfernte sich mit einem verstohlenen Blick auf einen der Väter, den sie beim bewundernden Starren ertappte, woraufhin er sich errötend abwandte.

»Puh«, sagte Seema und wischte sich theatralisch die Stirn. »Ich dachte schon, sie würde uns tatsächlich was aufs Auge drücken. Dann hätte ich zu meiner nuklearen Ausrede greifen müssen.«

»Und die wäre?«

»Wir sind verflucht noch mal Hindus, oder?«

»Das ist ja wirklich brillant!«, begeisterte sich Kate. »Ich wünschte, ich könnte das auch sagen. Das müsste sie ohne Theater einfach akzeptieren. Um nicht als ethnisch unsensibel dazustehen.« Sie überlegte: »Moment mal, ihr feiert doch Weihnachten, das tut ihr doch …«

»Natürlich feiern wir«, erwiderte Seema. »Du glaubst doch nicht, dass Krishna uns das durchgehen ließe? Wir lieben eure pittoresken kleinen, wild wuchernden Konsumtraditionen. Und außerdem muss man sich doch den örtlichen Gepflogenheiten anpassen … und so. Ach übrigens, was habt ihr beiden jetzt vor? Wollt ihr nicht zu uns mitkommen?«

»Könnte ich«, sagte Kate und war sofort besserer Stimmung. »Wir wollten nur nach Hause, mehr nicht.«

Krishna hatte eine neue DVD, und schon bald saßen die beiden Jungs einträchtig vor dem Fernseher. Während Seema in der Küche herumwuselte, um Tee zu kochen, ging Kate Jacks Schulranzen durch und nutzte die Gelegenheit, angewidert eine schwarz gewordene Bananenschale loszuwerden.

»Was ist das denn?«, fragte sie und zog ein zerknülltes gelbes A4-Blatt heraus. Die Schule kommunizierte mit Papier in unterschiedlichen Farben, und bei Gelb handelte es sich um einen Brief aus dem Direktorat. Selten ein gutes Zeichen.

»Jack kommt nun immer donnerstags in einen speziellen Kurs für Lese- und Schreibfähigkeit«, sagte sie, während sie las. »Hat Krish auch so was mitbekommen?«

Seema guckte Kate über die Schulter. »Ich glaube nicht«, und ergänzte dann, als sie die besorgte Miene ihrer Freundin sah, »aber das ist doch gut, oder? Schön zu sehen, dass die Schule ihr Geld wert ist und differenzierten Unterricht anbietet.«

»Ja, aber warum benötigt Jack differenzierten Unterricht?«, bohrte Kate nach.

Seema sagte nichts, sondern sah ihre Freundin nur mitfühlend an.

»Was meinst du, ist Jack okay?«

Seema schnaubte. »Natürlich ist er okay. Woran denkst du dabei?«

»Manchmal denke ich …«

»Hör zu, alle unsere Kinder sind vollkommen verschieden. Sie unterscheiden sich untereinander und auch von ihren Brüdern und Schwestern, von jedem. Sie sind die, die sie sind«, erklärte sie. »Und sie sind alle ›okay‹«, ergänzte sie mit Nachdruck und legte dabei ihren Arm um Kates Schultern. »Mach dir keine Sorgen.«

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich an Jack irgendetwas nicht bemerke, was mir auffallen sollte.«

»Wie solltest du etwas bemerken, was dir gar nicht aufgefallen ist?«, hakte Seema vollkommen logisch nach.

Kate schnalzte mit der Zunge. »Du weißt doch, was ich meine … Ich bin einfach in Sorge, dass ich – bei allem, was mir manchmal durch den Kopf geht – derart auf mich bezogen bin, dass ich manches nicht sehe, was für andere offensichtlich ist. Wichtiges«, gestand sie. »Dass ich im Grunde genommen nicht tauge zur Mama, und jetzt haben wir gleich Weihnachten …« Sie unterbreitete Seema ihre Überlegungen vom Vorabend, ihren ehrgeizigen Plan, Weihnachten dieses Jahr für Jack zu etwas Besonderem zu machen.

»Das ist hervorragend«, lobte Seema und lächelte ihre Freundin aufmunternd an. »Ich warte schon lange darauf, dass du das sagst. Und wir brauchen dafür einen klugen Plan.«

»Wie bitte? Ich meinte doch nicht, jetzt gleich«, erklärte Kate müde. Sie lehnte, die Hände um den Teebecher gelegt, erschöpft an der Küchentheke. Beinahe fielen ihr die Augen zu.

»Warum nicht jetzt gleich?«, entgegnete Seema. »Warte.«

Sie verschwand im Stauschrank unter der Treppe und kam mit einem Packen Papier zurück.

»So«, sagte sie und legte alles auf den Küchentisch. »Setz dich.«

Kate setzte sich.

»Such dir eine Farbe aus«, befahl Seema und fächerte eine Handvoll farbigen Kartonpapiers auf, damit sie wählen konnte.

»Äh, warum?«

»Für die Planung. Zur Planung gehört immer Papier. So viel weiß ich. Und ich habe von dem Zeug immer genügend im Haus.«

»Das soll also kein Scherz sein. Verwendet Krishna das auch?«

»Nur über meine Leiche. Das sind meine Sachen.«

»Dann fühle ich mich geehrt«, sagte Kate und wählte aus dem Papierfächer einen roten Karton.

»Gute Wahl. Und jetzt«, verkündete Seema und griff zu einem Silberstift, »als Erstes die Überschrift.«

Rasch hatte Seema mit Bleistift ein paar Linien gezogen und arbeitete nun an einer kalligrafischen Überschrift mit einem Stift, aus dem eine dicke silberne Linie floss.

»Jack und Kates Weihnachtswunder«, las Kate laut die von Seema rasch und geschickt erschaffenen Worte.

»Du bist so gut darin«, staunte Kate. »Ich hatte auch schon überlegt, so etwas zu machen, aber – na ja – dazu fehlt mir zuallererst schon mal das Werkzeug.«

»Ich weiß. Also jetzt brauchen wir nur …«, sie begann die nächste Zeile – diesmal mit einem Goldstift – und schrieb die Worte: In 25 einfachen Schritten. »Und dann haben wir noch die hier.« Sie wedelte mit einer Packung länglicher Sticker. »Die sind für die alltäglichen Vorhaben. Welche sollen das sein?«

»Was soll was sein?«

»Die fünfundzwanzig einfachen Schritte. Nun komm schon, du sagtest doch, du wolltest dir die Weihnachtsbeleuchtung ansehen? Das wäre doch schon mal was.« Sie nahm einen Stift und schrieb es auf den Sticker. »Was noch?«

»Weiß nicht. Vielleicht das Krippenspiel in der Schule?«

»Perfekt.« Seema schrieb es auf und klebte den Sticker auf den roten Karton.

»Stimmt das Datum?«

»Natürlich.«

Kate bewunderte voller Ehrfurcht Seemas Organisationstalent. Hätte man sie gefragt, wäre ihr vielleicht noch zufällig eingefallen, dass das Krippenspiel während der Schulzeit – und wahrscheinlich vor Weihnachten – stattfinden würde, aber das wär’s dann auch schon gewesen.

»Was noch?«

»Ein großer Plan – Rückkehr ins Leben«, erklärte Kate ihrer Freundin in der Hoffnung, sich ihr verständlich zu machen. »Ich bin mir nicht mal sicher, was ich damit meine, aber danach streben? Also die kleinen Dinge, oder? Einfach etwas, das glücklich macht … Freude bereitet …« Sie nahm den Stift und schrieb ein paar von den Späßen auf, die sie mit Tom oder als Kind erlebt hatte. Auch ernste Vorhaben streute sie ein, die sie vor Weihnachten ohnehin würde erledigen müssen, die Hausarbeiten, die Kleinigkeiten, die aus dem alltäglichen Rahmen fielen. Ein kleines Überraschungspäckchen – eins für jeden Tag bis zum Weihnachtstag, für den sie nur zwei Worte aufschrieb: »Sei glücklich.«

Seema schaute ihr über die Schulter, während sie schrieb. »Schön«, sagte sie. »Du brauchst noch mehr. Wie wär’s mit Schneeballschlacht oder Schlittenfahren?«

»Dazu brauchen wir Glück«, entgegnete Kate. »Hier in Bristol? Wir hatten schon seit Jahren keinen Schnee mehr. Keinen richtigen Schnee.«

»Könnte aber passieren. Nimm es mit dazu«, forderte Seema sie auf. »Du kannst es ganz einfach wieder abziehen, die lösen sich ganz leicht.« Ihre Stimme brach.

Kate blickte auf und entdeckte, dass ihre Freundin nicht nur merkwürdig lächelte, sondern auch Tränen in den Augen hatte.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie lange ich schon darauf warte, dich bei solchen Unternehmungen zu sehen.« Ihre Stimme schwankte vor Rührung. »Seit ich dich kennengelernt habe – das ist jetzt fast vier Jahre her, ist dir das klar? –, habe ich darauf gewartet.«

»Worauf? Was soll ich deiner Meinung nach tun?«

»Dass du«, Seema wedelte mit den Armen, suchte nach Worten, »aufhörst, dich abzuschotten. Du hast dich auf Jack konzentriert und dir selbst keine Gefühle erlaubt. Er? Ihm geht es gut, außer dass er sich mit einem winzigen Teil von dir zufriedengeben muss. Du bist nur halb lebendig, Kate. Es ist Zeit zurückzukommen.«

Kate blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also fuhr Seema fort: »Dieser Tom – ich denke, ich hätte ihn gemocht, wenn ich ihn gekannt hätte – hätte es schlimm gefunden, sehen zu müssen, was du dir antust – euch beiden antust.« Seema holte tief Luft und sah ihre Freundin eindringlich an. »Pass auf«, sagte sie, »du kennst doch die Sicherheitsanweisungen, wenn du in ein Flugzeug steigst?«

»Ja. Was hat das damit zu tun?«

»Wenn die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, musst du dir doch als Erstes selbst eine aufsetzen, oder? Das sagen sie einem. Bevor du etwas unternehmen kannst, um deine Lieben zu retten, stimmt’s?«

»Okay, ich kapier’s«, murmelte Kate. »Der Vergleich ist etwas weit hergeholt, aber trotzdem. Ich kapier’s. Um Jack zu helfen, muss ich mir erst selbst helfen. Aber worauf genau willst du hinaus? Ich bastle Weihnachtskarten mit Jack, wir gehen raus, gehen einkaufen, singen … das mache ich doch auch alles.« Sie fühlte sich von ihrer Freundin kritisiert, und diese Seite von Seema hatte sie bisher noch nicht kennengelernt. Es tat weh. »Ich versuche es ja, Seema«, sagte sie.

»Das stimmt«, versicherte Seema ihr, setzte sich wieder an den Tisch und griff nach dem Stift. »Du bemühst dich sehr. Jetzt hol uns ein Glas Wein. Für das hier braucht es was Besseres als Tee, und ein paar Lücken in deinem Wunderplan müssen noch gefüllt werden.«

Mit zwei großen Gläsern Pinot Grigio aus Seemas gut bestücktem Kühlschrank – Prosecco war nur was fürs Wochenende, wie Seema meinte – stand Kate hinter ihrer Freundin und betrachtete, was diese noch dazugeschrieben hatte.

»Das mache ich nicht«, beschwerte sie sich und verschüttete Wein, als sie auf einen der Sticker zeigte, den Seema beschriftet hatte.

»Oh mein Gott, das werde ich ganz sicher nicht tun«, erklärte sie und zeigte auf das Papier. »Ihr seid mir viel zu ausgeflippt.«

Seema und ihre Freundinnen waren es gewohnt »um die Häuser zu ziehen«. Das bedeutete, dass sie bei einer von ihnen zu Hause »vorglühten«, sich mit allem Drum und Dran in Schale schmissen und sich dann in Nightclubs mit Cocktails die Kante gaben, was üblicherweise erst im Morgengrauen ein Ende fand, wenn eine heulte, eine andere sich übergeben musste und sie alle mit dem Taxi nach Hause fuhren.

»Still«, widersprach Seema. »Du solltest auf jeden Fall mit uns um die Häuser ziehen. Anil wird aufpassen. Du kannst Jack herbringen. Also habe ich nun das Sagen oder nicht?«

»Nicht wirklich«, meinte Kate, aber sie war richtig aufgewühlt, hatte Herzklopfen und feuchte Hände.

Seema legte eine Hand auf ihren Arm. »Kopf hoch«, sagte sie.

»Aber das sind alles Ideen, die ich nicht …« Sie hielt inne und presste die Hand auf den Mund.

»Es sind alles Ideen, die dich aus deiner Wohlfühlzone holen, ja.«

»Na ja, Glühwein trinken vielleicht nicht, darin bin ich recht gut«, scherzte sie halbherzig.

Seema ging nicht darauf ein. »Es ist alles mühsam, weil Veränderung mühsam ist. Es geht hier nicht darum, fünfundzwanzig halbwegs lustige Aktivitäten zu finden, die sich zwischen jetzt und Weihnachten einschieben lassen, hier geht es darum, dein Leben zu verändern – Jacks Leben zu verändern – zum Besseren.«

»Ich weiß«, sagte Kate. »Es war ja meine Idee«, aber sie sackte ein wenig zusammen. Sie war müde. Das war schwer. »Wann also soll ich zu dieser ›Aufreißtour‹ mitkommen?«, fragte sie resigniert.

»Vor Weihnachten, das liegt doch auf der Hand«, erwiderte Seema, »aber das ist eigentlich die Krönung, ich möchte, dass du dich zuerst um die anderen Dinge kümmerst. Und langsam darauf hinarbeitest.«

»Du meinst den Schönheitssalon? Den Friseur? Die Maniküre? Das ist etwas zu ehrgeizig, ich habe kein Geld dafür.«

»Keine Sorge«, meinte Seema, die als Königin der Schönheitsbehandlung absolut entschlossen war, das für Kate zu regeln. »Ich habe einen schlauen Plan.«

»Ach du liebe Zeit«, sagte Kate und war jetzt wirklich in großer Sorge.

»Aufgegessen!«, rief Jack und hielt Kate seinen Teller hin. »Bekomme ich jetzt meinen Adventskalender?«

»Du hast sogar die Haut mitgegessen, guter Junge«, lobte Kate lächelnd. Sie hatte ihm beigebracht, kein Essen zu vergeuden. Das konnten sie sich nicht leisten. »Na, dann los, wo ist die Eins?« Es war ihr gelungen, den Zettel mit dem ersten Weihnachtswunder in die Tasche zu stecken, während er aß.

»Da!«, rief er und richtete sich zu ganzer Körpergröße auf, um mit seiner kleinen Hand hineinzufassen. »Jah!« Er zog die funkelnde Goldmünze heraus und versuchte, die Folie abzuziehen. Als ihm das nicht gelang, biss er einfach so hinein.

»Lass mich das machen«, schlug Kate vor und nahm sie ihm ab, um erst die eine Seite und dann die andere abzuknibbeln. »Was ist sonst noch drin? Kommst du mit deinen Fingern bis ganz nach unten?«

Jack steckte sie wieder in die Tasche und zog einen Sticker heraus.

»Was steht drauf?«

»Oh Mann«, beklagte er sich. »Ich hab heute doch schon genug gelesen«, aber er zog den Papierstreifen auseinander und betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Besuch der We … Wei …«

»Weihnachts …«, gab Kate ihm leise das Stichwort.

»Oh ja, ›Besuch der Weihnachtsbe – le … leuc …‹«

»Du kriegst das hin, gerade hattest du auch schon den Laut für das ›ch‹.«

»Ich weiß es nicht.« Jack war den Tränen nah.

Kate gab nach. »Es heißt: Besuch der Weihnachtsbeleuchtung«, sagte sie und drückte ihn mit seinem Mund voller Schokolade und dem Sticker in der Hand an sich. »Morgen ist Dienstag, da gehst du nach der Schule doch zu Helen? Ich könnte dich also von dort abholen, und wir gehen dann zurück in die Stadt und sehen zu, wie die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet wird«, erläuterte sie. »Das wäre doch lustig, oder? Ich glaube, der Mann, der im Fernsehen einen Arzt spielt, übernimmt den Countdown und drückt auf den Knopf, sodass die ganze Straße hell erstrahlt für die Weihnachtseinkäufe.«

»Werden wir noch spät draußen sein? Ist es dann schon dunkel?«