Das Wolfskind und der König - Bettina Szrama - E-Book

Das Wolfskind und der König E-Book

Bettina Szrama

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Beschreibung

Der aufsehenerregende Fall des »Wilden Peter« von Hameln 1724: Das Auftauchen eines verwilderten Knaben nahe Hameln sorgt für Spekulationen und Mutmaßungen am kurfürstlichen Hof von Hannover. Der Kommissar Aristide Burchardy ermittelt in der mysteriösen Angelegenheit. Doch der »Wilde Peter«, wie er fortan von den Hamelnern genannt wird, will nicht sprechen und führt sich wie ein Wolf auf. All dies interessiert Aristide allerdings weniger als das kurfürstliche Wappen auf dem Hemdfetzen, den der nackte Wilde um den Hals trug. Peter wird im Armenhaus untergebracht und trifft dort auf Grete, die Tochter des Aufsehers. Unbemerkt bringt sie sich in den Besitz des einzigen Nachweises über Peters Herkunft. Der armen Kreatur verbunden, flieht sie mit Peter und begleitet ihn auf seinem abenteuerlichen Weg bis an den englischen Königshof Georg I. Nicht nur dieser, auch ein Celler Zuchthausaufseher, ein englischer Lord und eine hannoversche Prinzessin hegen ein auffälliges Interesse an dem Wilden. Immer wieder kreuzen sich dabei Aristides und Gretes Wege, bis er ihr, in seinem Bestreben in den Besitz des Hemdfetzens zu kommen, das Leben rettet. Als er endlich hinter Peters Geheimnis kommt, muss er erkennen, dass er selbst ein wichtiger Teil in dieser Geschichte um Macht, Mord und Intrigen ist. Hat seine Liebe zu Grete trotzdem eine Chance?

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Bettina Szrama

Das Wolfskind und der König

Bettina Szrama

Das Wolfskind und der König

Roman

Das Buch ist bereits 2015 unter dem Titel Das wilde Kind von Hameln erschienen.

Copyright: © 2020 Bettina Szrama

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-347-12726-5 (Paperback)

978-3-347-12727-2 (Hardcover)

978-3-347-12728-9 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Obwohl diesem Buch wahre historische Begebenheiten, Schauplätze und Namen zugrundeliegen, soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass sämtliche geschilderten Ereignisse frei erfunden sind. In besonderen Maße gilt das für die meisten Handlungen und Äußerungen der auftretenden oder erwähnten Personen, auch wenn einige von ihnen in historischen Quellen belegt werden.

Darüberhinaus sind Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig.

Die Protagonisten

Peter, das wilde Kind

August Müller, Aufseher des Armenhauses St. Spiritus

Müllers Tochter Grete, spätere Lady Tichtbourn, Kammerfrau der Königin Caroline

Aristide Burchardy, Kommissar und Sohn der Eleonore von Knesebeck,

Jacob Bertram, Aufseher Tollhaus Celle/Verlobter von Grete

Georg I., englischer König und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg

Georg August II., Prince of Wales, Sohn von Georg I., sein Nachfolger auf dem englischen Thron

Königin Caroline von Ansbach, Princess of Wales, seine Frau

Dr. Charles Arbuthnot, Leibarzt/Wissenschaftler und Lehrer

Lord Monbotto, Schotte und Wissenschaftler

Die Jagd

Nur wenige Minuten lang schenkte der Bär den dicht an seinen Fersen kläffenden Hunden Aufmerksamkeit. Während er sich tiefer in den Wald zurückzog, wurden die Jagdhunde mutiger, und schließlich lief einer von ihnen dem Rest der Meute voraus und vergrub seine Fänge im Bein des Fliehenden. Wäre der Wind aus einer anderen Richtung gekommen, hätte der Bär den Verfolgern entkommen können. Die Attacke des Hundes beantwortete der Bär mit wütendem Gebrüll und verfolgte die Meute einige Meter zurück, bevor er erneut weiterstürmte. Plötzlich stellte er sich aufrecht auf die Hinterpranken und witterte mit hocherhobener Nase. Er verharrte einen Augenblick, wie zur Säule erstarrt, bevor er zum Erstaunen der Jäger die Richtung änderte und auf die mit Jagdlappen eingegrenzte Lichtung zulief. Der König und sein englischer Leibarzt sahen ihn aus hundert Metern Entfernung und begannen zu schießen. Die erste Kugel pfiff dicht über seinen Kopf hinweg. Einen Augenblick später knallte das zweite Gewehr. Der zweite Schuss wirbelte fünf Meter vor ihm eine mächtige Schneewolke auf. Mit letzter Kraft schwenkte das mächtige Tier nach rechts. So stand es mit der Breitseite zu den Schützen. Ein dritter Schuss donnerte in das Gebell der Hunde, und während die Explosion zwischen den Berghängen und Baumriesen verhallte, bohrte sich das Geschoss direkt in seinen Schädel. Der Bär ging zu Boden wie ein gefällter Baum.

„Was für ein Schuss, Your Majesty!“, jubelte der königliche Leibarzt Doktor Arbuthnot und sprang fast gleichzeitig neben seinem Herrn vom Pferd.

„Oh, Karl, lasst doch das englische Geschwafel. Ihr wisst doch, wie sehr ich es verabscheue. Nennt mich, wie Ihr wollt. Um unserer Freundschaft willen, nur nicht Your Majesty“, keuchte Georg Ludwig, der nicht nur seine britischen Begleiter, sondern auch den hannoverschen Hof zu dieser spektakulären Jagd eingeladen hatte.

Sie hatten die Pferde hinter sich gelassen und stapften nun um die Wette durch den Schnee. Der Leibarzt wollte etwas entgegnen, unterließ es aber.

Schlimm, dass der König nach so vielen Jahren noch immer auf Kriegsfuß mit der englischen Sprache steht, ansonsten würde ihm sicherlich auffallen, dass ich „Charles“ heiße und nicht Karl, dachte er verärgert. Aber das behielt er lieber für sich. Der König hatte jetzt sowieso kein Auge für ihn, geschweige denn für die zahlreiche Jagdbeute an erlegten Säuen, Keilern und Hirschen, die aufgereiht zwischen Zelten, Netzen und Tüchern den Schnee rot färbten. Stattdessen murmelte er, sein Glück noch immer nicht fassend: „Ein Bär, Karl, wie kommt der König der Wälder nur in unser schönes Weserbergland? Der letzte seiner Gattung wurde, glaube ich, vor einhundert Jahren im Harz erlegt.“ Der sonst zurückhaltende, eher kühle Georg wirkte heiter und ausgelassen wie lange nicht.

„Das ist ebenso selten wie ein König im Weserbergland, Hoheit“, antwortete der Angesprochene, angeregt durch die gute Laune seines Herrn, während er die Hunde verscheuchte. “Er befand sich auf der Jagd, so wie Majestät. Möglich, dass er über die Grenze vom Harzgebirge in den Sollinger wanderte.“

„Mitten im Winter?“ Georg warf ihm einen ungläubigen Blick zu und winkte seinen Oberhofjäger aus dem am Waldesrand wartenden Gefolge herbei. Der Mann trat mit dem Pferd an der Hand unterwürfig näher. „Eure Lordschaft, blast die Jägerschaft zusammen, der Bär muss auf den Rücken gedreht und ausgeweidet werden.“

Der Angesprochene, Lord Monbotto, antwortete dem Kurfürsten von Hannover und König von England mit einer knappen Verbeugung, bevor er das Horn an die Lippen setzte und zum Sammeln blies. Es dauerte nicht lange und die herbeigerufenen Jäger scharrten sich um den Bären. Sie begannen den leblosen Körper mit Stangen zu traktieren, bis sie sich sicher waren, dass kein Leben mehr ihm war. Dann drehten sie ihn mit vereinten Kräften auf die Seite, während Georg Ludwig neben dem Bären kniete und den Einschuss untersuchte.

„Ein glatter Durchschuss“, stellte Lord Monbotto an seiner Seite fest, während Charles Arbuthnot das Tier nach weiteren Einschüssen abtastete. „Was für ein prächtiges Tier, Majestät. Es ist eine Bärin.“

„Normalerweise halten Bären zu dieser Zeit ihren Winterschlaf. Was haltet Ihr davon, Lord Monbotto?“, fragte der König und fasste den Lord scharf ins Auge.

„Vielleicht ist die Bärin vorzeitig geweckt worden? Oder der diesjährige Winter ist zu warm?“, antwortete Monbotto, worauf der König entgegnete: „Der Herbst war sehr mild. Möglich, dass sie zu lange gewartet hat. Ich werde William beauftragen, ein Porträt von der Bärin zu malen. Zur Erinnerung an unsere erste und wohl einzige Bärenjagd. Eure Lordschaft, Ihr sorgt dafür, dass das Fell noch heute abgezogen und entsprechend präpariert wird. Ich möchte das Tier ausstopfen lassen. Was für ein Zufall, dass man erst in deutschen Wäldern jagen muss, um einem wilden Bären zu begegnen.“ Die letzten Worte ernteten den Beifall seiner Minister, Höflinge und Jäger, die im Halbkreis um ihn herum standen.

„Mit dieser Annahme, Hoheit, wäre ich vorsichtig“, äußerte sich Arbuthnot, sparsam im Umgang mit vorzeitigem Jubel. Er besah sich schon geraume Zeit nachdenklich die mächtigen Bärentatzen. „Seht, Majestät! Die vernarbten Verbrennungen an seinen Sohlen. Es könnte sich hier auch um einen Tanzbären handeln.“

„Ein Tanzbär?“ Das Leuchten auf dem alternden Gesicht des Monarchen verschwand. Enttäuscht hob er den Kopf. „Das wäre unter unserer Würde, Karl. Dann haben wir keinen König gejagt. Eher ein von Zigeunern verblödetes Tier. Kein Wunder, dass er es uns so leicht gemacht hat.“

„Nein. Wir haben durchaus eine wilde Bärin gejagt, Majestät. Jetzt unterliegt Ihr einem Irrtum, wenn Ihr glaubt, die Zigeuner hätten die Bärin dressiert und aus ihr ein zahmes Tier gemacht. Die ausgerissene Nase zeugt von Tierquälerei. Regelrecht zerfetzt ist sie. Sie muss einmal einen Nasenring getragen haben und ihre Fußsohlen hatten Kontakt mit einer glühenden Eisenplatte. Die Vernarbungen jedoch lassen darauf schließen, dass sie schon länger in den Wäldern lebt. Das heißt, die Bärin wurde wieder ein wildes Tier, das es bestimmt nicht zu den Menschen zurückgezogen hat. Mehrere Jahre in der freien Wildnis …“

„… haben sie wieder ihren Urinstinkten nähergebracht. Das wolltet Ihr doch damit sagen Doktor“, unterbrach ihn Lord Monbotto. „Höchst interessante Geschichte. Die Bärin hätte mir wichtige Erkenntnisse für meine wissenschaftlichen Studien liefern können.“

„Mylord. Eure Studien über die Lehre der angeborenen Begriffe sind von recht zweifelhaftem Ruf. Ihr betreibt Eure Studien an Menschen und Tieren. Dieser wilde Bär hier ist für solche Wissenschaften eher zwecklos. Was ihn allerdings in unsere Fangnetze getrieben hat, das würde mich brennend interessieren.“

„Es ist schon lange her, dass eine Zigeunertruppe durch unser Land zog. Den letzten Tanzbären sah ich in der Zigeunertruppe des Zaren Peters des Großen, bei meinem Kuraufenthalt in Bad Pyrmont. Das war vor acht Jahren“, beendete der Monarch das Geplänkel zwischen den beiden Wissenschaftlern, bevor es in ein Streitgespräch ausartete. Er kannte das hitzige Gemüt seiner beiden engsten Vertrauten und wusste, dass sie nur schwer ein Ende fanden, was ihn letztendlich zu langweilen begann. Er verlor das Interesse an der Bärin, sah hinüber zum Waldesrand, hob den Arm und schickte einen Gruß zu dem weiblichen Geschlecht außerhalb der Abgrenzungen. Die Damen vom Hof, eingemummt in ihre dicken Pelze, unter ihnen seine Mätresse Melusine, grüßten mit ihren Fächern und lächelten huldvoll zurück. Kurze Zeit später sah man ihn in ihrer Mitte, galant scherzend, zwischen Wein und Wildbret seinen Jagderfolg feiern.

Währenddessen sammelte sich die Jägerschaft zum Aufbruch. Zwischen den Rufen, dem Stampfen und Wiehern der Rosse und dem Bellen der Hunde wurde das Jagdzeug verladen. Zelte, Netze und Waffen nebst dem ganzen Küchenzubehör, Kochgeräten, Tischzeug, Geschirr, Tischen, Bänken und sonstigem Mobiliar wurden auf Wagen und Packpferden verstaut. Das erlegte Wild lag bis zuletzt aufgebahrt im Schnee.

Der englische Doktor stand mit dem Weinglas in der Hand allein bei seinen Hunden und sah gedankenverloren hinüber zu der Lichtung, wo die Bärin in ihrem Blut lag. Der König hatte ihr der Jagdsitte gemäß, das Herz herausgeschnitten und es gemeinsam mit einem Eichenzweig unter seinen Jägern verteilt. Er zollte ihr damit großen Respekt. Arbuthnot dagegen grübelte immer noch über ihre Herkunft nach, als er sich plötzlich mit der Hand über die Augen fuhr und einen Schritt nach vorn machte. Träumte er oder narrte ihn ein Spuk? Er hatte plötzlich das Gefühl, als ob sich in der Nähe der Bärin etwas bewegte. Jetzt sah er es ganz deutlich. Aufgeregt streckte er den Hals vor und trank hastig das Glas leer. Da war es wieder – ein kleiner Schatten, der an dem Bärenkörper auf und nieder sprang, um gleich darauf mit ihm zu verschmelzen, als suchte er Wärme und Schutz. Ein Bärenjunges?

„Da bewegt sich etwas! Da bei dem Bären!“, schrie er und warf vor Aufregung das Glas in den Schnee. Der König wandte ihm ungläubig sein Gesicht zu. Seine überraschte Frage, was er denn gesehen hätte, hörte Arbuthnot nicht mehr. Den Blick fest auf die Bärin gerichtet, rannte er den Abhang hinunter. Je näher er dem Bärenkadaver kam, umso mehr fand er sich in seiner Annahme bestätigt, auf ein Junges zu treffen.

Der Oberhofjäger hatte auf Befehl des Königs die Hunde wieder losgemacht und folgte ihm überstürzt. Doch der erneute Tumult verscheuchte das angebliche Bärenkind. Arbuthnot stoppte enttäuscht seinen Lauf, als er es nur wenige Meter vor ihm mit einem leisen Kreischen aufspringen und auf einen Baum flüchten sah.

„Was war das?“, hörte er den Lord in seinem Rücken keuchen, während die ersten Kugeln in den Baum krachten. Doch anstatt ihm zu antworten, schrie der Doktor aufgebracht: „Sie sollen aufhören! Es ist ein Jungtier! Sie töten es ja!“

Das vermeintliche Bärenjunge suchte, vor den Kugeln fliehend, im Geäst des nächsten Baumes Schutz. Dann verschwand es auf Nimmerwiedersehen im undurchdringlichen Dickicht des Waldes. Die Jäger und Hunde verfolgten es noch einen Moment, während Arbuthnot den Lord daran hinderte, die Spuren zu zertreten. Aufgeregt wühlte er mit den Fingern im Schnee: „Ihr zerstört ja alles, Mylord, mit Eurem Gehopse. Die Fußabdrücke im Schnee … Es hat eher den Anschein, als gehörten sie … ich kann es kaum fassen … zu einem Menschenkind. Seht Ihr den Abdruck der Zehen. Die beiden kleineren Zehen des rechten Fußes sind offenbar zusammengewachsen.“

„Ein Kind?“ Lord Monbotto schüttelte ungläubig den Kopf. „Ihr habt einfach zu tief ins Glas geschaut, Doktor. Wo sollte ein Kind hier in der Wildnis herkommen? Und wie sollte es den Winter überlebt haben? Der Wald steckt voller gefährlicher Tiere. Sie hätten es längst zerrissen. Ein Bärenjunges käme eher infrage. Aber wahrscheinlich ist Euch eher ein Waldgeist begegnet.“

„Ihr habt es doch auch gesehen, Mylord?“, entgegnete der Doktor ärgerlich. Doch sicher war er sich nicht mehr. Dennoch gingen ihm die kleinen Fußabdrücke lange nicht aus dem Kopf. Er schwor mehr als einmal zur Belustigung des Königshofes, dass er ein Menschenkind bei der toten Bärin gesehen hatte. Dass er damit vielleicht nicht ganz unrecht hatte, brachte ein halbes Jahr später ein höchst seltsamer Fund zutage, der jahrzehntelang die Gemüter bis in die höchsten Kreise beschäftigen sollte.

Ein höchst seltsamer Fund

Jürgen Meyer schlug auf die Ochsen ein. Die massigen Tiere stemmten sich in das Joch. Aber sie liefen bei aller Mühe keinen Schritt schneller.

„Ich hätte die Pferde nehmen sollen“, murrte der Bauer und Gildemeister der Brauerei und warf einen sorgenvollen Blick zum Himmel hinauf, an dem sich die ersten dunklen Wolken zusammenzogen. „Die Ochsen sind zu langsam. Wir haben die Fuhre zu voll gepackt, Johannes!“, rief er zurück. „Ich glaube, wir schaffen es nicht mehr, das Heu trocken einzufahren.“

„Ich habe Euch geraten den größeren Wagen zu nehmen, Meister. Die Frösche in meinem Wetterglas hockten heute Morgen auf der untersten Leitersprosse. Das bedeutet immer schlechtes Wetter“, antwortete ihm der Knecht, der mit der Forke hinter dem Fuhrwerk lief, um das heruntergefallene Heu aufzulesen.

„Aber heute Morgen schien die Sonne. Wer konnte denn wissen, dass das Wetter so schnell umschlägt. Wenn es nass wird, ist das schöne Heu verdorben.“ Ärgerlich pfiff die Peitsche abermals über die massigen Rücken. Das machte die Ochsen noch sturer und anstatt anzuziehen, blieben sie einfach stehen. „Was ist denn nun schon wieder los? Dumme Viecher!“, murrte der Braumeister ärgerlich und schickte sich an vom Wagen zu klettern, als er plötzlich den angehobenen Fuß wieder zurücksetzte und zur Säule erstarrte. „Hast du das auch gehört, Johannes?“

„Was, Meister?“, kam es hinter dem Wagen hervor.

„Das Geräusch. Es klang wie ein Rascheln im Unterholz, nur lauter.“ Er durchbohrte mit den Augen den Waldesrand zu seiner Rechten und warf dann einen ängstlichen Blick über die Schulter zurück. „Hier schleicht etwas durch das Unterholz. Wahrscheinlich Wölfe.“ Die Flanken der Ochsen begannen unmerklich zu zittern. Mit gerunzelter Stirn sah Meyer auf den Hund, der das Fuhrwerk gerade noch spielerisch umsprungen hatte. Dabei hatte das glatte blaugraue Fell samtig in der Sonne geglänzt. Jetzt ähnelte der Rücken der Dogge auffällig einer dunklen Bürste. „Der Hund hat es auch gehört!“, rief er zurück und behielt das Tier im Auge, das ein paar Meter vorlief und vor dem Gespann witternd stehen blieb. Die Nase gegen den Wind gestreckt begann die Dogge leise zu knurren. „Ruhig, mein Guter“, beruhigte ihn Meyer. Gleichzeitig rief er nach dem Knecht: „Johannes, komm nach vorn und bring die Gewehre mit!“ Gleich darauf hörte er das bekannte Klacken des Gewehrschlosses. Johannes kletterte zu ihm auf den Wagen. „Es umkreist uns“, flüsterte Meyer. „Eben war es noch neben den Ochsen, nun ist es vor uns. Hörst du das Kratzen?“

„Die Wölfe werden immer dreister. Nicht nur, dass sie bei Nacht in die Stadt kommen und unsere Heimstätten heimsuchen, jetzt verfolgen sie uns auch schon am Tag“, pflichtete ihm der Knecht leise bei.

Wind kam auf. Er blies ihnen das Heu in die Augen. Die ersten Tropfen klatschten auf die Haut.

„Es kann sich höchstens um ein Wolfspärchen oder eine säugende Wölfin auf Futtersuche handeln. Wir haben Juli. Da treten sie nicht in Rudeln auf“, versuchte Meyer die eigene Angst zu bekämpfen.

Plötzlich wies der Arm des Knechtes nach vorn. „Da Meister! Auf dem Acker! Der Teufel!“ Ängstlich duckte er sich hinter den breiten Rücken seines Herrn.

„Aberglaube!“, schimpfte Meyer. „Es ist ein Wolf, schieß schon!“ Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da senkte er mit der Hand den Gewehrlauf. „Warte! Ich glaube, ich habe mich geirrt. Das sieht nicht aus wie ein Wolf. Komm, lass uns nachsehen!“

Die Gewehre in der Hand kletterten die Männer vom Wagen. Meyer pfiff nach dem Hund und griff in das breite Lederhalsband. Das Tier an seiner Seite gab ihm Sicherheit. Denn nur wenige Meter vor ihnen glaubte er in dem aufkommenden Regen eine Gestalt zu erkennen, die auf sie zugelaufen kam.

„Wenn es nun doch der Teufel ist?“, grunzte der Knecht und wurde hinter Meyer noch kleiner.

„Warte hier, wenn du Angst hast. Aber wenn ich den Arm hebe, schießt du! Du bist meine Rückendeckung“, flüsterte Meyer. Einen Augenblick später sah der Knecht, wie der Bauer in gebückter Haltung auf das unbekannte Wesen zulief, sich dann hoch aufrichtete und wie vom Blitz getroffen stehen blieb.

„Es ist doch der Teufel“, stellte Johannes ängstlich fest, kam aber dennoch neugierig näher.

„Nein, nicht der Beelzebub“, kam es ungläubig aus Meyers Mund. „Eher ein Waldschrat?“

Dem Knecht blieb vor Staunen der Mund offen stehen.

Mitten auf dem abgeernteten Feld, aber noch soweit am Waldesrand, dass er das dichte Gehölz als Fluchtweg nutzen konnte, stand ein nackter Knabe von einer seltsamen Hautfarbe. Seine Haut sah aus wie gegerbtes Leder oder Baumrinde. Er war nicht groß, eher von kleinem Wuchs und Meyer schätzte, dass sein Scheitel ihm höchstens bis zum Gürtel reichte. Sein Gesicht sahen sie nicht. Es war von einer wilden schwarzen Mähne überwuchert. Eigentlich bestanden Kopf und Hals des Knaben nur aus verfilzter schwarzer Wolle. Wäre da nicht dieses schmutziggraue Hemd gewesen, das ihm um den Hals hing – die Männer hätten tatsächlich geglaubt, vor dem Leibhaftigen zu stehen. Doch da nirgendwo ein Pferdefuß zu sehen war, wurden sie mutiger und Meyer machte ein paar Schritte auf den Knaben zu.

„Wer bist du? Woher kommst du?“, sprach er ihn mutig an und wartete einen Moment, in der Hoffnung, dass der Knabe ihm antworten würde. Doch seine Frage schien an dem Jungen abzuprallen. Unverändert, mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper, stand er vor ihnen und zeigte keinerlei Reaktion.

„Wer bist du?“, wiederholte Meyer und warf seinem Knecht einen hilflosen Blick zu. „Er antwortet nicht. Ob er mich wohl nicht verstanden hat?“

„Vielleicht versuche ich es mal, Meister“, antwortete darauf der Knecht. Zur Verblüffung seines Herrn zog er sich die Jacke aus und lief damit zu dem Knaben. „Hier, meine Jacke. Bedecke damit deine Blöße“, sagte er und hielt ihm das Kleidungsstück auffordernd hin. Aber auch darauf zeigte das Kind keine Reaktion.

„Kannst du den Mund nicht aufmachen, Fremdling?“, rief Meyer nun ungeduldig. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

Als ahnte er, dass der Knabe auch darauf nicht antworten würde, kam ihm eine Idee. „Ich muss noch ein paar trockene Äpfel bei mir haben. Hole mir mal den Korb vom Wagen, Johannes.“ Nachdem der Knecht der Aufforderung nachgekommen war, griff Meyer in den Tragekorb und zog einen Apfel hervor. „Hier“, forderte er den Knaben auf. „Wirst sicher Hunger haben. Hast bestimmt tagelang nichts zu essen bekommen, so wie du aussiehst.“ Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als ihm der Apfel auch schon aus der Hand gerissen wurde. Noch ehe er sich versah, war das Obst hinter dem Haarwust verschwunden.

„Hast du das gesehen, Johannes? Er … hat den Apfel ganz hinunter geschlungen.“ Der Knecht stellte mit einem seltsamen Gefühl in der Magengrube fest: „Habt Ihr die Zähne gesehen, Meister? Wie von einem Wolf. Mir deucht, mit dem Fremden stimmt etwas nicht. Wir sollten lieber gehen.“

„Du hast recht, Johannes. Überlassen wir den Wilden seinem Schicksal. Soll sich doch darum kümmern, wer will. Bringen wir unser Heu ins Trockene.“

In diesem Moment regte sich etwas in dem Knaben. Sein Rücken richtete sich auf und die Mähne gab einen schmalen Gesichtsausschnitt frei. Eine kleine gerade Nase und ein festes, energisches Kinn kamen zum Vorschein. Das Bemerkenswerteste waren die großen, dunklen Augen. Gar nicht ängstlich ruhte ihr Blick auf den Männern. Schmutzige Finger mit langen, eingewachsenen Nägeln wiesen auf den Schlund, in dem gerade der Apfel verschwunden war, so als wollte der Knabe ihnen etwas mitteilen, zu was er aber aus irgendeinem Grund nicht fähig war. Nach vielen Mühen entrangen sich seinen Lippen seltsame Laute, die sich wie ein „Ala, Ala“ anhörten. Gleichzeitig warf sich der Junge blitzschnell vor ihnen zu Boden und küsste die Erde. Die Männer tauschten ratlose Blicke.

„Hast du verstanden, was er gesagt hat?“, fragte Meyer.

Johannes zuckte mit den Schultern. „Ich habe eine solche Sprache mal bei den Muselmanen gehört“, antwortete der Knecht. „Ich glaube, sie beten auf diese Weise zu ihrem Gott Allah.“

Meyer kratzte sich hinter den Ohren. „Hm, ich werde nicht schlau aus dem Geschöpf. Wie ein Junge aus dem fernen Afrika sieht er nicht aus. Eher wie ein Wesen, das unter wilden Tieren aufgewachsen ist. Ich habe mal davon gehört, dass Wölfe auch Menschenkinder aufziehen. Es könnte sich aber auch um ein verblödetes Kind handeln.“

„Vielleicht ist es auch eines von den Kindern des Rattenfängers und es ist aus dem Berg zu uns zurückgekehrt?“, mutmaßte der Knecht und sah sich ängstlich um.

„Nach vierhundert Jahren …“, Meyer schüttelte den Kopf. „Jetzt erzählst du Unsinn, Johannes. Der Junge ist schätzungsweise elf, zwölf oder vielleicht auch dreizehn Jahre alt. Genau kann man das bei dem mageren Körper nicht sagen. Die Kinder, die damals verschwanden, sind längst in einer anderen Welt. Dieser hier bewegt sich wie ein Tier oder ein Idiot und sein Körper ist übersät mit Ungeziefer. Mich interessiert, wie er in die Wildnis gekommen ist. Weißt du was, du wirst ihn einfangen und wir werden ihn mit in die Stadt nehmen. Ich glaube, er wird die Sensation von Hameln.“

Gehorsam lief Johannes auf den Knaben zu, um ihn huckepack zu nehmen. Doch als er nach ihm greifen wollte, sprang dieser plötzlich vom Boden auf und küsste Johannes Hände immer und immer wieder, bis der Knecht sie ihm förmlich entriss und seinen Herrn anflehte, ihm zu helfen.

„Wenn man nicht alles selber macht“, murmelte Meyer und zog einen weiteren Apfel aus dem Beutel. „Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch einen verblödeten Idioten“, grinste er und winkte dem Knecht sich zum Fuhrwerk zu begeben, während er selbst mit dem Apfel in der Hand rückwärts zum Wagen lief. Sein Plan gelang. Denn wie vermutet folgte ihm der Knabe in einigem Abstand. Den Apfel ließ er dabei nicht aus den Augen.

Angekommen am Wagen rief der Brauer: „Das Netz zum Abdecken des Heus, schnell, wirf es über ihn!“ Der wilde Knabe attackierte seine Hand mit dem Apfel immer heftiger. Als sich das Netz um den mageren Körper zog, heulte und biss das verschreckte Kind so heftig in die Seile, dass Meyer bezweifelte, ob die Stricke bis zu den Stadttoren halten würden. Er sprang rasch auf den Bock und rief nach dem Knecht, während der Knabe, gebändigt mit Stricken, nur bewacht von der Dogge, hinter dem Fuhrwerk her stolperte. Er heulte und spuckte den ganzen Weg lang. Aber sein Widerstand half ihm nichts. Wenn er nicht fallen und hinterher geschleift werden wollte, musste er laufen. Die große Dogge fuhr ihm bisweilen mit ihrer langen feuchten Zunge über das Gesicht, als wollte sie ihm damit ihr Mitleid bekunden. Vor dem Hund fürchtete der Wilde sich nicht.

Tötet den Idioten

Grete hatte gerade die Färberei des Hugenotten Pierre verlassen, in welcher der Vater seine ausgeblichenen Hosen auffärben ließ, als ein Geselle sie anrempelte und die Hose in die Schmutzlache fiel. Nun suchte sie ängstlich den groben Stoff nach Schmutzflecken ab, während sie am ganzen Körper zu zittern begann. Die Frau des Bäckermeisters vom Scharren an der Ecke zur Bäckerstraße sah es und trat mit einer Brezel in der Hand zu ihr.

„Es wird schon nicht so schlimm werden, Grete. Lege einfach dein Schultertuch darüber. Dann wird sie nicht noch nass vom Regen. Hier, iss eine Brezel.“

Mit einem aufmunternden Blick auf das Mädchen schob sie ihre Rundungen am Verkaufsstand des Knochenhauers vorbei, der seine Wurst und sein Fleisch hinter einem Scharren feilbot. Sie kannte die Grete, wie viele hier auf dem Markt, als ein fleißiges und aufgewecktes Kind. Sie wusste auch, dass sie unter den Wutausbrüchen ihres Vaters August Müller, dem Aufseher des Armenhauses, litt. Dennoch schürte sie mit ihrem losen Mundwerk das Gerücht, dass die fünfzehnjährige Grete gar nicht seine Tochter sei, sondern dass er sein Weib Marie einst mit dem Kuckuckskind geheiratet habe und er seine Älteste deshalb so schlecht behandelte. Denn dass sie für ihre kranke Mutter den kinderreichen Haushalt führte und von ihrem meist betrunkenen Vater mehr Schläge als Liebe erfuhr, pfiffen schon die Spatzen von den Dächern. „Das arme Mädchen wird für die verdorbene Hose bestimmt wieder Schläge bekommen“, begrüßte sie den Knochenhauer und wies auf die kauende Grete, deren Blick nun vom Getümmel auf dem Marktplatz angezogen wurde.

„Ja, seitdem der August sich die teuren, englischen Stoffe nicht mehr leisten kann, achtet er umso mehr darauf, dass ihm das niemand ansieht. Nun auch noch die einzige gute Hose verdreckt – die Grete wird’s ausbaden müssen“, antwortete ihr der Knochenhauer knurrend. „Es ist schon ein Graus mit dem August. Ein Weib und sieben Kinder und er schafft ständig das Geld ins Wirtshaus.“

„Ach, der heutige Markttag ist kein Gewinn für uns, Meister Bernard“, lamentierte die Bäckersfrau. „Erst vergrault uns der Regen die Käufer und nun braut sich auch noch etwas auf dem Marktplatz zusammen. Seht Euch das an, Nachbar.“ Sie wies mit einer Handbewegung zum Stadttor, wo ein Ochsengespann von einer johlenden Schar halbwüchsiger Burschen verfolgt wurde. „So viele junge, kräftige Burschen. Sie werden wieder eine handfeste Schlägerei vom Zaun brechen und wir sind gezwungen, unsere Waren vor ihnen zu retten. Daran sind nur die Hugenotten schuld. Immer mehr Bürger der Gilde lassen ihre Söhne bei ihnen als Lehrlinge arbeiten. Und was kommt dabei heraus? Hanswurste, die glauben, die Welt verändern zu müssen.“

„Ach Gevatterin, warum seht Ihr immer so schwarz?“, versuchte sie der Knochenhauer zu bremsen. „Unsere Söhne lernen doch auch von den französischen Fabrikanten. Viele der jungen Burschen führen bereits eigene Manufakturen.“

„Aber unsere Burschen heiraten auch ihre Töchter! Gott sei Dank hat man dafür gesorgt, dass die Hugenotten einen eigenen Friedhof und eine eigene Kirche bekamen. Diese Leute leben in den Tag hinein, mögen kein Bier, nur Wein, essen nur Weizenbrot und trinken sogar zweimal des Tages Kaffee.“

„Ich habe etwas anderes gehört. Dass sie fleißig sind und unserem Kurfürsten Georg Ludwig gute Waren liefern, feine Stoffe, Spitzen, Bänder, gewebte Strümpfe und Seidenhüte. Aber sie sind auch Hitzköpfe, Gevatterin. Spiel- und Trunksucht greifen unter den Jungen immer mehr um sich. Sogar Duelle wie die hohen Herren liefern sie sich schon. Das kann einem schon zu denken geben.“

Die Bäckerin erinnerte sich wieder an Grete. Sie trat zu ihr, strich ihr übers Haar und seufzte: „Na, dem Herrgott sei Dank, gibt es noch Mädchen wie dich, Grete, hübsch anzusehen und sittsam. Du wirst einmal einen guten Mann finden.“ Aber da ihr nichts in der Stadt entging, galt ihre Aufmerksamkeit rasch wieder dem Fuhrwerk, das nun, umringt von der Menge, mitten auf dem Marktplatz stehen geblieben war. „Seht doch, Meister Bernard! Das ist ja Jürgen Meyers Gespann. Er führt etwas am Wagen mit. Es sieht aus wie ein Wolf.“ Neugierig reckte sie den Hals.

Der Knochenhauer warf einen mitleidigen Blick auf die Bäckerin und dann einen kurzen auf das Geschehen, während er Grete aufforderte: „Du solltest dich beeilen, dass du nach Hause kommst!“ Dann schwang er das Beil über einem Kotelettstück und antwortete der Bäckerin. „Wenn es ein Wolf ist, soll er ihn gleich zu mir bringen, damit ich Wolfslende aus ihm mache. Gestern Nacht hat so ein verfluchter Isegrim meine letzte Kuh gerissen.“

So schnell, wie der Regen gekommen war, so rasch riss nun die Wolkendecke wieder auf. Ein farbenprächtiger Regenbogen teilte den Horizont. Grete beobachtete so fasziniert das Schauspiel, dass sie die Worte des Knochenhauers überhörte und erst aufschreckte, als sie die Hand der Bäckerin auf ihrem Arm spürte. „Das müssen wir uns ansehen, Kind. So etwas erlebt man nicht jeden Tag.“

Grete sah verwirrt auf. „Was meint Ihr, gute Frau?“

„Na, das seltsame Tier am Fuhrwerk auf dem Markt. Es muss eine besondere Bewandtnis damit haben. Fast alle Burschen unserer Stadt sind seinetwegen auf den Beinen.“

„Das Mädchen wird Ärger bekommen, Gevatterin“, hörte Grete den Knochenhauer im Rücken, der es gut mit ihr meinte. Doch die Bäckersfrau hatte bereits nach ihrer Hand gegriffen und drängte sie zur Marktmitte. Grete folgte ihr zögernd, den Korb mit der Hose fest an sich gedrückt. Das Grölen der Burschen vor ihr ängstigte sie. Doch ihre Neugierde gewann die Oberhand und so folgte sie ihr trotz der Schelte, die sie erwartete. Sie hatte am Morgen kein Frühstück bekommen. Die Brezel der Bäckerin hatte ihren Hunger gestillt. Sie war es der Frau schuldig.

„Ich weiß nicht, ob der Vater es gutheißt, wenn ich ihn noch länger warten lasse …“, unternahm sie einen letzten Versuch den Weg nach Hause zu nehmen.

Doch die Bäckerin rauschte unbeirrt über das Pflaster, den Blick fest auf das Geschehen gerichtet. Während sie mit den Ellbogen Platz schuf, zerstreute sie Gretes Bedenken. „Hab keine Angst, Grete. Dein Weg führt dich doch sowieso hier vorbei. Dann kannst du den Vater wenigstens mit interessanten Neuigkeiten ablenken.“ Dabei entging ihr, dass sich das Mädchen von ihrer Hand losgemacht hatte und von der Menge abgedrängt wurde. Grete rief noch nach ihr. Doch ihre Worte gingen im Geschrei der Burschen unter. Den Korb an die Brust gedrückt, kämpfte sie sich nun allein durch die aufgebrachte Menge.

„Um Gottes willen, was ist das für ein Tier? Sie werden es noch umbringen“, dachte Grete laut und bekreuzigte sich, als sie bis fast vor die Füße der seltsamen Gestalt geschoben wurde. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das verwilderte Geschöpf, das sie für einen verwunschenen Wolfsjungen hielt und das, wie ein Hund an das Fuhrwerk angebunden, sich verzweifelt gegen die Spötteleien und tätlichen Übergriffe wehrte. Rasch suchte sie Schutz in der Nähe eines der Wagenräder, wo sie tief Luft holte. Gleichzeitig beäugte sie mitleidig aber auch ängstlich den seltsamen Wolf, der den Körper eines Knaben hatte und der nur wenige Schritte vor ihr an seinen Seilen zerrte und bei jedem Stein, von dem er getroffen wurde, aufheulte. Der Anblick der geschundenen Kreatur und seine spitzen, gequälten Schreie gingen ihr nahe. Nur zu gut konnte sie sich in die Schmerzen und die Demütigungen hineinversetzen, die er erlitt. Mittlerweile war sie dem Knaben so nahe gekommen, dass sie diesen hätte berühren können, wenn sie es gewollt hätte. Doch sie zögerte, weil sein Verhalten sie gerade jetzt an ihren vierbeinigen Freund „Pepe“ erinnerte, der sich ähnlich verhalten hatte, als der Vater ihn in ihrem Beisein in einem Wutanfall erschlug, weil der kleine Mischlingshund es gewagt hatte ein Stückchen Brot vom Tisch zu stehlen. Der Wolfsknabe war splitternackt. Beschämt und zugleich nach Abhilfe suchend, sah sie sich um. Dabei kam sie ihm unvorsichtigerweise näher. In diesem Moment traf ihn ein Stein direkt an der Stirn. Er schüttelte sich. Durch die ungestümen Bewegungen teilten sich die Haare über seiner Stirn und ihre Blicke kreuzten sich. Für einen Moment schien es, als erstarrte er. Verwundert stierte er sie an, begann sie zu hypnotisieren. Sie sah die Verzweiflung und die Angst in seinen Augen. Am liebsten hätte sie ihm die Hose zugeworfen, damit er sich bedecken konnte. Das Geschrei der Burschen wurde immer dreister.

„Das soll ein Wolf sein? Ein Depp ist das. Seht doch, er ist splitternackt und schämt sich nicht einmal! Springt auf allen Vieren umher, dass man ihm zwischen die Backen sehen kann! Pfui, wie er stinkt!“

Die Menge wieherte. Man wollte sich ausschütten vor Lachen. Selbst als einige böswillig forderten: „Von solchen Deppen haben wir schon genug in der Stadt! Tötet den Idioten!“, ebbte der Lachsturm nicht ab. Aber auch ängstliche Rufe wurden laut. „Der Jürgen Meyer führt die Ausgeburt der Hölle mit sich! Steinigt sie beide!“

Vor Angst versuchte das Wolfskind, sich unter dem Wagen zu verstecken. Es schaufelte wie ein Maulwurf mit den Krallen in der Erde, sodass sie links und rechts von ihm aufspritzte. Meyer sah es und feuerte vom Bock aus einen Schuss in die Luft. „Macht Platz! Ihr seid die Idioten!“, brüllte er so laut er vermochte über die Köpfe hinweg und verschaffte sich Gehör, während der Knecht alle Hände voll zu tun hatte, einige besonders Mutige davor zurückzuhalten, das Fuhrwerk zu besteigen.

„Seht nur, was macht er denn jetzt? Der Tölpel küsst die Erde“, tönte es nach einem Moment der Stille aus der Menge der Unverbesserlichen. Schon bald erntete der vorwitzige Rufer neue Lacher, als er das Gehabe des Knaben possenhaft nachzuahmen begann. Dabei kam er dem Wilden einen Schritt zu nahe. Der Wolfsknabe stürzte sich auf ihn und riss ihm das Hemd über der Brust auf. Der Angegriffene war starr vor Entsetzen und auch die Burschen hinter ihm hielten den Atem an. Erst als Meyer wütend brüllte: „Lasst uns endlich durch, damit ich ihn ins Armenhaus bringen kann! Sonst rufe ich die Stadtwache“, endete das Spektakel.

Verhaltene Drohungen der um ihren Spaß gebrachten Jugend begleiteten das Fuhrwerk noch einen Moment, das sich nun langsam seinen Weg durch sie hindurch bahnte. Diesen Augenblick nutzte Grete, um dem Knaben die Hose zuzuwerfen. Doch gerade, als sie den Arm ausstrecken wollte, spürte sie einen eisernen Griff am Handgelenk. Als sie erschrocken aufblickte, sah sie in die verblüfften Augen des Vaters. Einem Reflex gleich, duckte sie sich, um eventuellen Schlägen zu entgehen.

Diese Unachtsamkeit nutzte der Knabe. Blitzschnell sprang er nach vorn auf die Hose zu, riss sie ihr aus den Fingern und biss ihr dabei in den Unterarm. Blut tropfte aus der Wunde und Grete schrie vor Schmerz auf. Der Knabe zog sich mit seiner Beute in den Schutz des Fuhrwerks zurück, beroch die Hose mit der Nase und zerfetzte sie dann wie ein Wolf mit den Zähnen.

„Hier finde ich dich also. Dein Ungehorsam wird dir noch leidtun“, hörte sie den Vater schimpfen und sah, wie er die Hand zum Schlag erhob. Schützend hielt sie den gesunden Arm über den Kopf. Doch die erwartete Strafe blieb aus. Stattdessen erklangen herrische Stimmen, und als sie vorsichtig unter ihrem erhobenen Arm hervorblinzelte, sah sie die Männer der Stadtwache, wie sie zu Pferd die Menge auseinandertrieben. Gleichzeitig ratterte eine Kutsche über das Pflaster und hielt neben dem Fuhrwerk. Eine Hand in einem Spitzenhandschuh winkte Meyer vom Fenster aus zu sich. Der Brauer sprang flink vom Bock und warf Johannes die Zügel zu.

„Was bringt Er uns da, Mann?“, schnarrte eine Stimme und Grete sah eine vogelartig gebogene Nase, zwei buschige Brauen und einen geschminkten Mund. „Einen Findling, den ich im Holz gefunden habe, Euer Ehren“, hörte sie Meyer mit einer Verbeugung antworten. Wie alle jungen Mädchen war Grete neugierig auf den hohen Herrn in der Kutsche und richtete sich auf, um besser sehen zu können. Da mit dem Eintreffen der Kutsche alle, selbst der Vater, eine unterwürfige Haltung angenommen hatten, fürchtete sie keine weiteren Schläge. Für einen Moment vergaß sie sogar den Vater und stellte sich auf die Zehenspitzen. Doch seine Pranke, wie eine Zange fest im Nacken, holte sie wieder auf den Boden zurück. Er roch nach Bier und knurrte leise: „Wirst du wohl unten bleiben und unserem Bürgermeister und dem Herrn Stadtschulzen die gebührende Ehrerbietung entgegenbringen, dumme Trine?“ Er drückte sie neben sich so tief zu Boden, dass sie mit der Nase fast den Boden berührte. An der Festigkeit des Griffes spürte sie, welches Vergnügen es ihm bereitete, sie die Macht spüren zu lassen, die er über sie besaß. Doch gerade, als sie glaubte vornüberzufallen, tauchten zwei blank gewichste Stiefel vor ihr auf und nun war es plötzlich der Vater, der neben ihr unterwürfig die Erde küsste.

„Will Er dem Mädchen das Genick brechen, Amtsaufseher Müller? Mein Gott, wie Er wieder nach Wirtshaus stinkt. Widerlich!“, schnarrte es über ihr und sie vermutete den Stadtschulzen, der den Knaben in Augenschein nehmen wollte. „Hat Er sich den Wilden schon mal angesehen, ob wir ihn im Spital unterbringen können?“, schnarrte es von neuem und Grete spürte, wie ihr Kinn angehoben wurde. Sie fühlte weichen Stoff an der Wange und atmete den Geruch eines süßlichen Parfüms ein. „Ist es Seine Erstgeborene?“

Grete sah in ein dickliches, von einer weiß gepuderten Perücke umrahmtes Gesicht. „Ja, Euer Ehren. Die Grete ist die Älteste von meinen sieben Kindern. Sie ist die Freude meines Alters, mein Augenstern, meine Rosenblüte.“

„Schneide Er nicht so auf, Amtsaufseher. Wir wissen, wie Er seine Kinder behandelt, dass sie mehr Dresche kriegen als seine Bediensteten. Aber schön ist sie. Soviel natürliche Anmut bekommt man nicht oft zu sehen. Was für zauberhafte, blaue Augen, die noch kindliche kleine Nase und ach diese vollen roten Lippen …“ Er verdrehte träumerisch die Augen. „Und alles ungeschminkt. Mit diesem Antlitz wird es die Tochter weit bringen. Wenn Er sie gut behandelt und gut verheiratet.“ Der Schmeichler zwinkerte Grete verschwörerisch zu, bevor er Meyer an seine Seite winkte und sagte: „Binde Er den Knaben vom Wagen los und gebe Er ihm ein Plätzchen im Heu oben auf dem Wagen. Dann kommt er auch schneller vorwärts.“ Darauf rief er in die Menge: „Der randalierende Pöbel entferne sich, sonst lasse ich den Platz mit Gewalt räumen!“

Nachdem seiner Anordnung unterwürfig Folge geleistet wurde, begab er sich zur Kutsche und rief Meyer beim Einsteigen zu: „Beeile Er sich! Wir fahren ihm voraus zum Spital, um den seltsamen Fund eingehend zu inspizieren!“

Du bist ein Mensch, Peter

Das Armenhaus St. Spiritus war ein abgeschlossener Gebäudekomplex außerhalb der Stadt mit mehreren kleinen Steinhäusern und einer eigenen Wasserversorgung. Die düsteren Mauern, die es wie ein Kloster umschlossen, erzählten eine Jahrhunderte überdauernde Geschichte von den Leiden und dem Siechtum der Bettler und Armen. Die kleine Siedlung verfügte über eine eigene Kapelle, einen Friedhof und einen eigenen Wirtschaftshof und wurde viele Jahre finanziell und seelsorgerisch von der Kirche betreut. Nach dem großen Krieg hatte sich die Stadt gegen die Kirche durchgesetzt und nun stand das Spital unter der alleinigen Aufsicht des Bürgermeisters.

Der elternlose August Müller war als junger Mann in das Armenhaus gekommen und hatte dort eine winzige Kammer bewohnt. Der intelligente junge Mann begann sich rasch im Armenhaus nützlich zu machen. Dem Schreiben und Lesen zugetan, verwaltete er schon bald die Bierspende, die 30 Tonnen jährlich erreichte, den Mai- und Herbstlachs vom Kurfürsten, die zehn Klafter Buchen- und Eichenholz vom Rat und die Gelderträge aus den Armenstöcken am Hause und an der Kapelle, sowie die Sammelbüchsen, mit denen wöchentlich in der Stadt gesammelt wurde. Das brachte ihm ein großes Ansehen beim Bürgermeister ein, der den fleißigen, aber armen jungen Mann zum Dank mit einer Hugenottin verheiratete und seinen Aufstieg in die Schuhmachergilde förderte. Dieser bezog alsbald mit seiner Familie das neu errichtete Haupthaus steuerfrei und erhielt zu den Kammern einen Stall und einen Garten vom Bürgermeister, der dem aufstrebenden jungen Gildemeister nun die gesamte Leitung des Armenhauses überantwortete.

Doch die Französin, die mit ihrer Familie vom Kurfürsten nach Hameln geholt wurde, war nicht treu. Müllers Weib gehörte zu den 114 Flüchtlingen des Pfarrers Dubrue aus Lausanne, der aufgrund der Aufhebung des Ediktes von Nantes in Frankreich, wie zahlreiche andere hugenottische Geistliche, des Landes verwiesen wurde und dem seine Gemeindemitglieder wie treue Schafe gefolgt waren. Müller betonte seitdem immer wieder auf seinen zahlreichen Saufgelagen: „Ach, wären doch diese Hugenotten hier niemals angekommen. Dann hätte ich mir nicht so ein zügelloses Hurenweib ins Haus geholt.“ Sein Weib war nämlich schwanger gewesen, von einem Unbekannten. Man vermutete allgemein, dass ihre Älteste, Grete, das Kind des Koloniedirektors Ponnier sei, eines herrschsüchtigen, mit jedem Handel anfangenden Franzosen, der so gar nicht zu den arbeitsamen, strebsamen Hugenotten passen wollte.

Müllers Weib wohnte zuvor an der Kleinen Straße, die von allen nur „La rue francoise“ genannt wurde. Sie hatte es Müller nie verziehen, dass er sie aus der Hugenottenkolonie herausgeholt hatte. Dabei war ihm bekannt gewesen, dass die Hugenotten ihre Bräuche gern unter sich feierten und die eigene Geselligkeit den Hamelner Bürgern vorzogen. Das Weib fühlte sich schnell einsam und um ihr Leben betrogen. Von rassiger Schönheit, mit einem wilden Temperament ausgestattet, verdrehte sie allen vorbeiziehenden Männern, ob Hugenotten oder Hamelner, alsbald den Kopf. Sie bekam rasch ein Kind nach dem anderen und Müller kam ins Zweifeln, ob die Bälger alle von ihm waren. Zudem war sie zänkisch und sprach kein Wort Deutsch mit ihm. Im Laufe der Jahre zog es Müller mehr und mehr in die Wirtshäuser, wo er sich seinen Kummer von der Seele trank. Er kam jedes Mal unzufriedener nach Hause, vernachlässigte seine Aufgaben im Spital und war manchmal tagelang nicht aufzufinden. Dann sah man ihn an den Spieltischen bei dem Versuch sein Glück beim Spiel herauszufordern. Doch das ersehnte Glück war ihm nicht hold. So haderte er mit dem Schicksal und seiner Familie, und Grete, mit der das Gerede begann, wurde zum Sündenbock.

Müller fühlte sich durch die Bemerkungen des Schulzen geschmeichelt und versuchte nun den fürsorglichen Vater zu mimen. Er schlang seinen Arm um Gretes Schultern und führte sie fast schon behutsam zu seinem Wagen, der mit Bierfässern beladen war. Er hatte die Bierspende kurz zuvor vom Brauer abgeholt, als er aufgrund des Spektakels um den Knaben anhalten musste. Mit einem sichtbaren Grinsen auf dem Gesicht tätschelte er dem Esel die Hinterbacken, bevor er Grete die Hand zum Aufsteigen reichte. „Glaub ja nicht, dass du mir ungeschoren davonkommst“, zischte er ihr dabei ins Ohr, als sie auf den Bock kletterte. „Verheiraten werde ich dich. Ich weiß auch schon mit wem …“, grinste er triumphierend.

Grete nahm auf dem Bock die Haltung ein, die sie schon als Kind angenommen hatte. Sie schlang die Arme um die angezogenen Knie und presste diese fest zusammen. Den Blick hielt sie auf den Boden gerichtet und hob ihn nur, wenn der Vater etwas von ihr wollte. Sie sprach kein Wort, denn das war ihr nicht erlaubt, auch nicht, als die Bäckersfrau mit hochrotem Gesicht heranwirbelte, dem Esel in die Zügel griff und zu Müller hinaufrief: „Ihr braucht gar nicht so scheinheilig zu tun, Gevatter. Wenn ihr zum Tor hinaus seid, dann zeigt Ihr wieder Euer wahres Gesicht. Wehe ich erfahre, dass Ihr sie wieder geschlagen habt, dann werde ich dafür sorgen, dass man Euch die Bierspende streicht und Ihr keinen Fuß mehr in die Stadt setzt!“

„Geh mir aus dem Weg, alte Vettel!“, brüllte Müller vom Wagen. „Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir dein Geschwätz anzuhören! Außerdem werde ich vom Bürgermeister erwartet.“

„Der Bürgermeister hat Euch längst durchschaut. Aber jetzt bekommt Ihr ja ein neues Prügelopfer. Ich hoffe, dass es Euch die Kehle durchbeißt!“, rief sie ihm wütend hinterher. Doch Müller störte sich nicht daran. Er trieb den Esel an und malte sich in Gedanken eine goldene Zukunft aus. Denn sobald er an das wilde Kind und die Grete dachte, klingelten Münzen in seinen Ohren und türmten sich zu Bergen vor seinen Augen. Die Tochter neben sich hatte er über der Träumerei vergessen. Nur einmal erinnerte er sich an sie, als er ihr vor einer steilen Anhöhe befahl, vom Bock zu klettern und den Esel am Halfter hinaufzuführen.

Als sie im Armenhaus ankamen, warteten die zwei herrschaftlichen Kutschen bereits vor dem Eingang zum Haupthaus und Meyer trieb gerade seine Ochsen an ihnen vorbei. Er rief ihnen zu: „Ihr werdet schon ungeduldig erwartet, Gevatter! Sie sind alle im Waschhaus versammelt!“

Müller beeilte sich, den Esel auszuschirren.

Die Worte des Brauers waren nicht notwendig gewesen. Ohrenbetäubendes Geschrei wies ihnen den Weg zum Waschhaus, welches im Untergeschoss lag. Grete quetschte sich hinter dem Vater durch die Tür, der sie über ihren Kopf hinweg achtlos hinter sich zuknallte und sich hastig für sein Zuspätkommen bei den Herrschaften entschuldigte. Nicht ohne dabei die Schuld auf den lahmen Esel und die Tochter abzuwälzen.

„Lasse Er das Gestammel und helfe Er uns endlich“, wurde er vom Bürgermeister unterbrochen, einem greisen, würdigen Mann mit wallender, brauner Allongeperücke, der auf einen mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Stock gestützt neben dem Waschzuber stand und seine Anweisungen gab, während ein Knecht den Holzzuber mit heißem Wasser befüllte. Er hatte dabei große Mühe das heiße Wasser mit einem Eimer aus dem Wasserkessel über dem Feuer zu schöpften, denn das wilde Kind machte es den Anwesenden nicht leicht. Anstatt sich säubern zu lassen, wie man es vorhatte, versuchte es dem zu entkommen und war dabei flink wie ein Wiesel.

Grete drückte sich neben der Tür hinter einen Schrank und beobachtete das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Zum einen empfand sie erneutes Mitleid mit dem seltsamen Geschöpf, zum anderen war sie neugierig zu erfahren, was sich wohl unter der ledernen Haut verbarg, wenn sie erst mit dem Wasser in Berührung gekommen war. Doch der Knabe, den nun vier kräftige Männer einzufangen suchten — der Schulze, der Aufseher, ein Knecht und ein von Kopf bis Fuß in schwarz gekleideter Fremder — gebärdete sich schlimmer als ein Raubtier. Er sprang die Wände hinauf und flitzte an ihnen entlang wie eine in die Enge getriebene Katze. Man hätte die Töne, die er ausstieß, auch mit einem Fauchen vergleichen können. Jedenfalls sprangen seine Häscher abwechselnd vor ihm zurück und fluchten derb, wenn einer von ihnen in den Finger gebissen wurde oder das Gesicht zerkratzt bekam.

„Er benimmt sich wie ein junger Wolf“, stellte irgendwann der Schulze außer Atem fest und wischte sich mit einem Spitzentuch über die schweißnasse Stirn. Er atmete schwer, die Leibesfülle machte ihm zu schaffen und so sah er hilflos zu dem Bürgermeister, der Müller heranwinkte und ihm befahl: „Hole Er die Peitsche, das kann Er doch am besten. Gerbe Er ihm beim nächsten Fluchtversuch ordentlich das Fell.“

Grete sah den triumphierenden Zug im kantigen Gesicht des Vaters, sah das Leuchten in seinen Augen, während er vor dem Bürgermeister kuschte und ihm beipflichtete: „Ja, Euer Wohlgeboren, schon der Volksmund sagt, gehe nie ohne Zucker und Peitsche zu deinem Weib oder deinem Pferd.“

„Wo hat Er denn das wieder her?“, murrte der Bürgermeister, den die Angelegenheit schon viel zu lange in Anspruch nahm. „Sicher vom Spieltisch. Die Kreatur ist weder ein Weib noch ein Pferd. Sie benimmt sich eher wie ein wildgewordener Affe. Sie hat ganz sicher unter Wölfen gelebt. Ich habe mal gelesen, dass diese Rudel schon ausgesetzte Kinder aufgezogen haben sollen! Was mein Ihr dazu, Meinke Rechtern?“

„Er muss erst in den Waschzuber, dann werden wir sehen, um was für ein Wesen es sich handelt“, keuchte der angesprochene Stadtschulze und gab Müller, der die Lederpeitsche einsatzbereit in Händen hielt, das Zeichen sie anzuwenden.

Müller schlug zu, als der Knabe wieder unter ihren Händen davonflitzte, und traf die Wand. Als er erneut zum Schlag ausholte, kam von dem Schwarzgekleideten ein schwacher Einwand. „Meine Herren, ich weiß nicht, ob das klug ist. Die Kreatur weiß doch gar nicht, was mit ihr geschieht. Sie hat vielleicht noch nie Wände von innen gesehen, geschweige denn Menschen, noch dazu welche mit solchen Werkzeugen in den Händen.“

Der Mann im schwarzen Rock stand vornübergebeugt vor dem Knaben, der in einer Ecke unter sich machte und Müllers Hand mit weit aufgerissenen Augen fixierte. „Er ängstigt das Kind doch nur. Gibt es denn nichts anderes, mit dem wir ihn fangen können? Vielleicht ruft Er Sein Weib herbei, Müller. Frauen bewirken manchmal Wunder.“

Er sprach Grete aus dem Herzen. Um in das Gesicht des Mannes zu sehen, der offenbar als Einziger Mitleid für das Kind empfand, trat sie einen Schritt aus ihrem Versteck hervor. Der Mann bemerkte es und drehte sich nach ihr um. „Da ist ja ein Weib …“, stellte er erstaunt fest. „Und was für eine Schönheit sie ist.“

„Sie ist noch ein Kind und meine Tochter“, knurrte Müller ärgerlich über ihr Auftauchen und herrschte Grete augenblicklich an. „Was hältst du hier Maulaffen feil? Gibt es keine Arbeit im Haus?“

Grete nahm sofort eine Demutshaltung ein und wollte sich gehorsam zurückziehen, als der Mann nach ihrer Hand fasste und sie an seine Lippen zog. „Wie kann man die Jungfer nur so zurechtweisen. Ich denke, sie ist Seine Tochter. Er sollte dem Herrgott für diese schöne Gabe danken“, sagte er, während seine Augen Grete anlächelten. Es waren diese himmelblauen Augen, umgeben von tausend kleinen Lachfältchen, unter einem Kranz fein geschwungener Brauen, die ihn sympathisch machten. Eine leicht gebogene Nase und schmale Lippen über einem energischen Kinn gaben dem Männergesicht mit der vornehmen Blässe zudem eine gewisse Verwegenheit.

„Herr Burchardy, können wir nicht weitermachen?“, tönte es ungeduldig aus dem Hintergrund. „Euch, in Eurer Eigenschaft als kurfürstlicher Kommissar, sollte es ein Bedürfnis sein, die Sache schnell zu Ende zu bringen. Die Jungfer ist uns keine Hilfe und kann gehen. Sie wurde schon auf dem Markt von der Kreatur gebissen.“

Grete versuchte rasch die verletzte Hand auf dem Rücken zu verstecken und blieb an den Augen des Kommissars hängen. Sie hoffte auf seine Fürsprache. Mit ihrem kindlichen Herzen im Körper einer jungen Frau hatte sie sofort Vertrauen zu dem Mann gefasst. Der Kommissar dachte auch nicht daran, Grete hinauszuschicken. Stattdessen rief er überrascht: „Seht nur, meine Herren, die Kreatur! Welch seltsame Wandlung!“

Während sich auf den Gesichtern Überraschung breitmachte, führte er Grete ein Stück auf den Knaben zu, der sich vor ihnen wie eine schwarze Spinne mit angezogenen Beinen, in eine Ecke hinter dem Schornstein zurückgezogen hatte. Als er das Mädchen bemerkte, kam er vorsichtig witternd aus seinem Versteck heraus und kroch, seine Peiniger dabei ängstlich im Auge behaltend, einen Schritt auf sie zu. In sicherer Entfernung ließ er sich auf dem Boden nieder, zog erneut die Beine an und starrte Grete unverwandt von unten herauf in das Gesicht.

„Was für ein Kuriosum“, stellte der Bürgermeister überrascht fest. „Ich sagte doch – ein Weib und alles regelt sich wie von selbst. Weiber haben schon die Politik verändert, meine Herren. Vielleicht hatte er eine Mutter und erinnert sich an sie.“

„Oder er will sie noch mal beißen, Euer Wohlgeboren!“, grinste Müller und fügte hinzu: „Wir sollten die Gelegenheit nutzen und der Kreatur den Zuber überstülpen, bevor das Wasser ganz kalt wird.“

Grete war ebenso fasziniert wie die Männer von dem veränderten Gebaren des tierischen Knaben. Gleichzeitig ließ sie aus Mitleid alle Vorsicht außer Acht und nutzte die kurze Verwirrung, um vor ihm in die Hocke zu gehen. Als sie auf Augenhöhe mit dem Wilden war, lächelte sie ihm zuversichtlich zu.

Wie ein kleines, mageres Fellbündel hockte er vor ihr auf dem Steinfußboden und verfolgte jede ihrer Bewegungen. In dem Blick seiner braunen Augen stand keine Panik. Eher war es Neugierde und so etwas wie blindes Vertrauen, das sie seltsam berührte. Der Kommissar flüsterte ihr zu: „Der Wilde hat keinerlei Erfahrung mit Menschen. Es sieht wahrscheinlich zum ersten Mal eine Frau. Sie beeindrucken ihn, Jungfer.“ Seine Worte schmeichelten ihr. Gleichzeitig spürte sie, dass der Knabe in seiner Hilflosigkeit nach etwas suchte, woran er sich orientieren konnte, dass er am Ende seiner Kräfte war und Hilfe bei ihr suchte.

Wie gern hätte sie die Hände nach ihm ausgestreckt und ihn von diesem traurigen Ort weggeführt. Doch ein schmerzlicher Stich in der Bisswunde erinnerte sie daran, es nicht zu tun. Stattdessen hegte sie die Hoffnung, dass er sie verstehen möge, obwohl sie einsah, dass ein Bad für ihn wichtiger war, ebenso ein Bett und etwas zu essen. Leise redete sie zu ihm: „Gib deinen Widerstand auf, Peter. Dir wird nichts geschehen, solange ich bei dir bin. Ich verspreche dir, dich zu beschützen.“

Die Männer waren inzwischen nicht untätig gewesen und hatten die Ablenkung genutzt, um rasch einen Holzbottich über seinen Kopf zu stülpen. Die Antwort war Geschrei und Gepolter, und Grete wurde unsanft zur Seite gestoßen. Die strampelnde Kreatur wurde an Armen und Beinen unter dem Bottich hervor gezerrt und kopfüber in die mit Wasser gefüllte Wanne getaucht. Der Knabe gurgelte und spuckte. Doch all seine Abwehr half ihm nun nichts mehr. Mit vereinten Kräften wurde er solange unter Wasser gehalten, bis er aufgab und unter den kräftigen Händen ganz ruhig in dem Zuber zum Sitzen kam.

„Habe ich gerade ‚Peter‘ gehört? Hat das Kind einen Namen oder hat Sie ihm diesen gerade gegeben, Jungfer?“, vernahm Grete wie versteinert den Bürgermeister in ihrem Rücken.

„Ja, Euer Ehren. Ich habe ihm den Namen gegeben. Mein kleiner Hund fiel mir ein, der Pepe hieß“, antwortete sie, noch verwirrt über die brutalen Maßnahmen.

„Hat Sie ihn noch, Jungfer?“

„Nein, Euer Ehren. Er ist an Altersschwäche gestorben“, log sie und schlug demütig die Augen nieder, als sie den warnenden Blick des Vaters bemerkte.

„Dann hat Sie ihn jetzt wieder, Ihren Pepe. Peter ist ein guter Name. Sie hat großen Einfluss auf ihn. Möge Sie mithelfen, dass aus ‚Peter‘ ein menschliches Wesen werde und später einmal ein wohlerzogener junger Mann. Ich stelle ihm eine Leibrente zur Verfügung, die zunächst alle seine Kosten decken wird. Dafür wird er hier im Spital gut versorgt“, entschied er mit einem wohlwollenden Blick auf Grete und einem entsprechenden in Müllers Richtung, während er noch ganz außer Atem seine Perücke zurechtrückte.

Inzwischen war Müllers Eheweib herbeigerufen worden. In der Tür des Waschhauses erschien ein schwarzhaariges, hochgewachsenes Weib mit früh gealterten Zügen. Ihre Röcke waren geflickt und ihr Mieder nachlässig geknöpft. Sie brachte eine Bürste aus Schweinsborsten mit und ein großes Stück Seife, das man zum Waschen der Wäsche verwendete. Mit einer Verbeugung sank sie vor den Herren nieder wie eine Königin in ihren Lumpen.

„Mach schon, Weib, schrubb das Balg endlich von oben bis unten ab!“, herrschte Müller sie an, als er sah, dass sie sich vor dem wilden Tier im Zuber fürchtete. Der folgende drohende Blick genügte, um sie an ihre Pflicht zu erinnern. Mit saurer Miene und zwischendurch immer wieder zurückschreckend, packte sie den Knaben und schrubbte ihn, bis dem Kommissar überrascht entschlüpfte: „Seine Haut ist ja weiß wie die eines Fürstensöhnchens …“

Der Junge verhielt sich während des Schrubbens seltsam ruhig. Mit wachen Augen verfolgte er den Weg der Bürste und es schien offenbar, dass er die Behandlung genoss. Nur einmal begehrte er auf, als der herbeigerufene Barbier ihm das lange, verfilzte Haar entfernte. Er ging dabei nicht zimperlich vor und entfernte zusätzlich mit einem Messer die wolfsähnlichen Haare, die ihm an manchen Körperstellen wie Borsten aus der Haut wuchsen. Bei jedem Haar, das man ihm entfernte, zuckte und strampelte der Knabe. Letztendlich half ihm alles nichts und die Anwesenden staunten nicht schlecht, welche Verwandlung Wasser, Seife und Schere bei ihm bewirkten.

Befreit von Haaren und Schmutz, barfuß auf dem kalten Steinfußboden, wurde er wie ein frisch geschuppter Fisch von sechs Augenpaaren eingehend begutachtet. Er war von kleiner Statur, aber nicht verwachsen. Mit einem kräftigen Brustkorb, einer schmale Taille, dunklen Locken und einem schön geschwungenen Mund gab er den Männern erneut Rätsel auf. Nach der ersten Verblüffung rief Grete überrascht: „Warum hat er überall Narben auf der Haut?“

„Es stimmt!“, bestätigte der Kommissar und griff nach der Kerze auf dem Tisch. „Die schöne weiße Haut ist voller Narben. Eine geht sogar vom Mund bis zum Hals. Es sieht aus, als stamme sie von einem Messer.“ Er reichte das Licht dem Stadtschulzen, der dem Jungen am nächsten stand. Interessiert zog der sich einen Stuhl heran und begann die weiße Knabenhaut genauer abzuleuchten. Sofort kam wieder Bewegung in den Jungen. Äußerlich ein ansehnlicher Knabe, innerlich aber immer noch ein Wilder, antwortete er in Wolfsmanier und bleckte die Zähne abwehrend gegen den Schulzen. Diesmal schlug Müller rechtzeitig zu und traf den Jungen an der Schulter. Der Schlag bewirkte Wunder. Offenbar schien er mit dieser Art der Züchtigung schon Erfahrung gemacht zu haben. Denn wie vom Blitz getroffen, sackte der Wilde in die Knie und berührte wie schon zuvor auf dem Markt, den Steinfußboden mehrmals kurz hintereinander mit den Lippen.

„Welch seltsames Gebaren“, murmelte der Bürgermeister kopfschüttelnd, suchte nach seinem Vergrößerungsglas im Rock und begann, als er es gefunden hatte, die tiefen Narben auf dem gebeugten Rücken eingehend zu inspizieren.

„Na, zumindest scheinen Schläge das Einzige zu sein, was bei ihm wirkt“, bemerkte Müller triumphierend.

„Ich glaube, er will etwas sagen“, bemerkte der Schulze und ging zum besseren Verständnis neben dem Knaben in die Hocke.

„Ja, es hört sich an wie ‚Ala, Ala‘. Diese seltsamen Laute hat schon Braumeister Meyer beschrieben. Entweder ist es eine fremde Sprache oder es sind tierische Laute. Beides ergibt aber keinen Sinn“, antwortete Burchardy vom Tisch aus, wo er sich Notizen in ein kleines Buch mit goldenem Einband machte. „Aber ich werde es herausfinden, ich schwöre es, meine Herren. Was sagt Ihr zu den Wunden, Euer Ehren?“