Das Wunder der kleinen Dinge - Audrey Burges - E-Book
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Das Wunder der kleinen Dinge E-Book

Audrey Burges

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Beschreibung

Manchmal musst du die Grenzen deiner Welt sprengen, um die Liebe hineinzulassen »Das Wunder der kleinen Dinge« ist ein modernes Märchen voller Herz und ein tragisch-schöner Roman um Liebe, Familie und das große Wunder im Kleinen. Vom Dachboden ihres Häuschens in den Bergen Arizonas verzaubert die 34-jährige Myra tausende Menschen mit ihrem Blog über ihr Miniatur-Herrenhaus. Seit einem Unfall in ihrer frühen Kindheit lebt Myra zurückgezogen und steckt all ihre Zeit und Liebe in die "Villa Liliput", die ein seltsames Eigenleben zu führen scheint. Auf der anderen Seite der USA entdeckt der Möbelhändler Alex eines Tages durch Zufall Myras Blog – und ist wie vom Donner gerührt: Bis ins kleinste Detail gleicht das Modell seinem Elternhaus, das seiner Großmutter gehörte, bevor sie vor Jahrzehnten unter mysteriösen Umständen verschwand. Welches Geheimnis vereint die beiden Häuser – und welche Geschichte kann Myra und Alex verbinden? Mit ihrem Debüt-Roman hat die amerikanische Autorin Audrey Burges eine große Geschichte in der Tradition des magischen Realismus geschrieben. »Ein Volltreffer – lebhaft, stilsicher und voller Herz.« Bestsellerautorin Sarah Addison Allen

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Audrey Burges

Das Wunder der kleinen Dinge

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vom Dachboden ihres Häuschens in den Bergen Arizonas verzaubert die 34-jährige Myra Tausende Menschen mit ihrem Blog über ihr Miniatur-Herrenhaus. Seit einem Unfall in ihrer frühen Kindheit lebt Myra zurückgezogen und steckt all ihre Zeit und Liebe in die »Villa Liliput«, die ein seltsames Eigenleben zu führen scheint. Auf der anderen Seite der USA entdeckt der Möbelhändler Alex eines Tages durch Zufall Myras Blog – und ist wie vom Donner gerührt: Bis ins kleinste Detail gleicht das Modell seinem Elternhaus, das seiner Großmutter gehörte, bevor sie vor Jahrzehnten unter mysteriösen Umständen verschwand. Welches Geheimnis vereint die beiden Häuser – und welche Geschichte kann Myra und Alex verbinden?

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Danksagung

Diskussionsthemen

Für meine Eltern Dennis und Jená, denen ich meine ersten Geschichten, die ersten Blicke in dieses Buch und die ersten Anmerkungen dazu verdanke – und außerdem auch meine erste große Liebe.

 

Und für Nina, unsere eigene Trixie, die wir bis ans Ende unserer Tage vermissen werden.

1

Ein Aufbruch ins Ungewisse
(Aus Die Villa Liliput der Myra Malone,2015)

Es war einmal … ein Haus.

Bevor Sie weiterlesen, halten Sie bitte einen Moment inne. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung, wenn Sie sich damit wohlfühlen, und denken Sie gründlich nach. Ich möchte, dass Sie den Ort besuchen, der Ihnen beim ersten Satz auf dieser Seite spontan eingefallen ist, denn mit ihm beginnt fast jede Geschichte, die ich als Kind gehört habe. Wenn Sie also ein wenig Zeit mit der Villa Liliput verbringen möchten, sind diese Worte ein guter Anfang: Es war einmal ein Haus.

Was für ein Haus sehen Sie, wenn Sie die Augen schließen? Wie viele Zimmer hat es, und wie ist es eingerichtet? Wo würden Sie schlafen, wenn Sie dort wohnen würden, welche Farbe hätten die Gästehandtücher, und wie würden Sie am liebsten Ihren Tee trinken? Welche Musik würde von den Wänden widerhallen? Kommt sie aus einer schicken Stereoanlage oder einem alten Grammofon?

Falls Sie Märchen lieben, haben Sie sich vielleicht ein Steinhäuschen mit einer schmalen Rundbogentür ausgemalt. Einer, wo man sich ducken muss, damit man sich nicht den Kopf am hölzernen Rahmen stößt. Und wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man möglicherweise die winzige Delle oben im Holz, wo zahlreichen Gästen ebendas passiert ist. Vielleicht steht ja deshalb gleich neben der Tür eine mit Polsternägeln beschlagene gemütliche Ottomane, auf die man sich fallen lassen und sich ein wenig den Schädel reiben kann, während man sich umsieht.

Es könnte natürlich auch sein, dass Sie rein gar nichts für Märchen übrighaben. Das ist völlig in Ordnung. Meine Freundin Gwen hält auch nichts von Feenstaub und Lebkuchenhäuschen, und deshalb ist das Haus in ihrem Kopf eben ein mondänes Anwesen am Strand mit vielen Glasfronten. Nichts als glatte Flächen und helles Licht, etwa so wie Supermans Festung der Einsamkeit, nur mit einer ordentlichen Portion Prada und außerdem ein paar knackigen Poolpflegern als Dreingabe. Aus irgendeinem Grund hält Gwen einen Delfin als Haustier. Also lassen Sie Ihrer Fantasie ruhig freien Lauf. Schließlich hat jeder Mensch das Recht, sich seine eigenen vier Wände und die Schätze darin vorzustellen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wie sich Delfinkacke von italienischem Leder entfernen lässt. (Nein, ich habe keine Ahnung, warum der Delfin auf ihr Sofa darf, aber ich fühle mich der Neutralität verpflichtet.)

Wie dem auch sei: Ganz gleich, was Sie sich für ein Haus ausdenken, in dem Sie Ihre »Es-war-einmal«-Zeit verbringen möchten, es gehört ganz allein Ihnen, und zwar, weil Sie das so beschlossen haben. Sie haben freie Wahl, was Möbel, Bilder, die Konservendosen in den Schränken und auch die Knäufe an den Türen dieser Schränke angeht, denn nur Ihre Fantasie zählt – und sie allein setzt Ihnen Grenzen.

Bei mir ist das genauso. Nur mit einem einzigen großen Unterschied: Ich darf meinen Traum verwirklichen.

Vermutlich bin ich da nicht die Einzige, denn manche Leute verfügen über beliebig viel Zeit und Geld, um ihre Wünsche wahr zu machen. Bei mir ist das anders. Ich besitze ein Haus im Miniaturformat, und zwar ein ziemlich großes. Eine Villa, um genau zu sein. Die Villa (wenn ich sie im Text nicht hervorhebe, wird sie sauer). Diese Villa dient mir praktisch als Leinwand für eine ganz besondere Form der Kunst. Sie ist eine Galerie winziger Träume, einige davon meine eigenen, andere geerbt und manche mir von Dritten – Freunden, Angehörigen und Menschen wie Ihnen – großzügig überlassen. Mit diesen Träumen darf ich eine ganze Welt bevölkern. Ich kann ein winziges Badezimmer mit einer Löwentatzenwanne voller Meerschaum erschaffen. Wenn ich den richtigen Geschirrschrank fürs Esszimmer nicht finde, mache ich mir einfach selbst einen. Denn meine Lehrmeister – mein Opa Lou und seine Frau Trixie – haben all ihre Kenntnisse im Schnitzen, Malen, Bildhauern und Nähen an mich weitergegeben. Und was ich nicht von ihnen habe, habe ich mir selbst beigebracht. Ich weiß, welche Edelsteine wie Wasser aussehen und mit welchem Stift man am besten täuschend echte Stiche auf einen Waschlappen zeichnet, der zu klein zum Besticken ist. Ich kann Stilrichtungen bunt zusammenwürfeln und, wenn ich will, traditionell, modern oder romantisch sein. In der Villa ist Platz für all meine Träume.

Zunächst war ich nicht sicher, ob und wie ich diese Träume anderen Menschen vermitteln soll. Aber ich bin bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

2

PARKHURST, ARIZONA, 2015

Diese Teekanne will Teil des Zimmers sein, wird sich jedoch niemals richtig integrieren.

Myra hörte auf zu tippen und wartete, den blinkenden Cursor starr im Blick, auf die nächste Eingebung. Jedes Wort war wohl gewählt, und jeder Buchstabe leuchtete kreischrosa. Wenn Myra die Augen schloss, sah sie unzählige Bildschirme mit ebenso vielen Gesichtern vor sich, deren Besitzer alle darauf brannten, das winzige Zimmer zu betreten, um das es hier ging. Myra stand vom Schreibtisch auf, kauerte sich vor die Villa Liliput, die auf dem Dachboden des Hauses auf einer gewaltigen Plattform ruhte, und spähte in die Miniaturbibliothek im hinteren Teil. Vorsichtig angelte sie mit den Fingern nach der mit Gänseblümchen verzierten Teekanne aus Porzellan und schob ein silbernes Tablett darunter, ein Versuch, sie besser in die Kaminatmosphäre des Zimmers einzufügen. Dann stellte sie zwei Schaukelstühle links und rechts des gemalten Kaminfeuers auf.

Falsch. Schrecklich falsch. Oder noch schlimmer: absolut unter ihrem Niveau.

»Die da passt einfach nicht rein.« Auf den Fersen hockend, musterte Myra weiter den Raum. »Ich gebe der Sache noch eine Minute, doch ich glaube, meine Entscheidung steht fest.«

Gwen schaute von ihrem Laptop auf, ohne im Tippen innezuhalten. Ihre Miene war bemüht neutral. Myra merkte ihr an, welche Anstrengung es sie kostete, nicht die Augen zu verdrehen. »Wie viele Wochen räumst du jetzt schon an der Bibliothek herum? Und wie lange, meinst du, kannst du die Leute noch mit Die Meisterdetektivin und der Fall der irrlichternden Teekanne bei Laune halten?«

»Du wolltest, dass ich sie benutze. Es war deine Idee, nicht meine.« Myras Arbeit an der Bibliothek war, so wie alles andere an der Villa, einzig und allein für sie selbst bestimmt. Eigentlich. Nur dass ihre Geschichten, die Fotos und die geschmackvolle Gestaltung des Hauses immer mehr Follower anlockten. Erst waren es Hunderte, dann Tausende gewesen. Und inzwischen (wie hatte das geschehen können?) fieberte eine in die Hunderttausende gehende Gemeinde jedem neuen Post von Die Villa Liliput der Myra Malone entgegen. Die Webseite war Gwens Idee gewesen. Und als ein paar Wochen nach der Freischaltung die ersten Miniaturen auf ihrer Türschwelle gelandet waren, war Myras anfänglicher Schreck rasch einem massiven Unbehagen gewichen. Die Villa gehörte nur ihr. Sie hatte keine Gäste eingeladen. Gwen hingegen öffnete jedes Wochenende die Päckchen und aktualisierte den Auftritt der Villa in den sozialen Medien mit überschwänglichen Dankeshymnen für den winzigen Porzellanclown oder ein Paar kleiner Kaminböcke aus Messing, die unaufgefordert mit der Post gekommen waren.

»Ich habe nur gesagt, dass du irgendwann wenigstens einem einzigen dieser Geschenke eine Chance geben solltest«, widersprach Gwen nun. »Lediglich als Experiment. Du musst ja nicht alles verwenden – das wäre auch keine gute Idee, denn je exklusiver du dich gibst, desto mehr Leute werden unbedingt reinwollen. So kriegen wir mehr Feedback.«

»Ich räume alles wieder genauso ein, wie es war. So geht das nicht.«

Gwen, die auf dem Boden saß, stellte den Laptop mit Nachdruck auf den breiten Dielenbrettern ab. »Niemals würde ich es wagen, der allmächtigen Myra Malone ins Handwerk zu pfuschen. Aber lass mich mal etwas nachschauen.« Sie stand auf, marschierte zu Myra hinüber, schnappte sich die Teekanne aus der Villa und begutachtete das zarte Porzellanobjekt auf ihrer Handfläche.

»Echt?« Myra blickte erleichtert auf. Es kam selten vor, dass Gwen wirklich verstand, was von derartigen Entscheidungen abhing.

»Ja. Es ist nämlich nur eine gottverdammte Teekanne, kein uralter Talisman der Mayas, den man genau an der richtigen Stelle platzieren muss, wenn man nicht von einem gewaltigen Felsbrocken zermalmt werden will. Du schiebst das Ding jetzt seit zwanzig Minuten hin und her, weshalb ich beinahe gehofft habe, dass es tatsächlich wichtig sein könnte.«

»Niemand zwingt dich zu bleiben. Warum gehst du nicht wieder in dein Büro und lässt mich arbeiten, Gwen?«

»Ich liebe dich auch, Myra.« Als Gwen ihr die Zunge herausstreckte, war sie sofort wieder sieben Jahre alt und hänselte ihre Sandkastenfreundin, obwohl sie inzwischen beide vierunddreißig waren. »Außerdem haben wir Samstag. Und am Samstag aktualisieren wir unsere Webseite. Vergiss nicht, dass ich auch Geld in die Villa Liliput gesteckt habe. Und ich bin noch immer überzeugt, dass es eine große Sache wird. Das Wortspiel war meine volle Absicht.« Sie schnappte sich ein winziges Schaukelpferd, das in einer Ecke der Bibliothek stand, ließ es auf ihrer Handfläche wippen und nickte im Gleichtakt nachdenklich mit dem Kopf. Das Licht fing sich im abblätternden Rot seines Sattels, während Gwen wortlos Ideen hin und her wälzte. Wenn man sie beobachtete, fühlte man sich wie die Zuschauerin bei einem Tennisspiel, das außer einem selbst niemand sah. »Du könntest Wohnraum versteigern. Platz in der Villa verkaufen. Ganze Zimmer, die die Leute selbst einrichten können.« Sie holte Luft. »Ich hab’s, ein Schreibwettbewerb!«

»Nein.« Myra hielt eine weitere Erklärung für überflüssig. Sie nahm Gwen das Schaukelpferd ab und stellte es zurück in seine Ecke in der Bibliothek. »Bitte sei vorsichtig damit«, sagte sie. »Dieses Pferd habe ich mit Trixie und Opa gemacht.«

Gwen verzog missmutig das Gesicht, was eher der Ablehnung ihres brillanten Einfalls als der Rüge wegen des Schaukelpferds geschuldet war. Das Planen lag ihr eben im Blut. Auch die kleinste Idee war nicht sicher davor, von ihr aufgegriffen und vertieft zu werden. In ihrem Kopf entstanden bereits gewaltige Multimedia-Imperien. Manchmal bereute Myra, dass sie Gwen die Villa überhaupt gezeigt hatte. Doch dieser Zug war schon vor vielen Jahrzehnten abgefahren. Nämlich damals, als sie beide sieben Jahre alt gewesen waren und Gwen, gerade neu zugezogen, sich in Myras Dachkammer gedrängt und verkündet hatte, ab jetzt würden sie beste Freundinnen sein.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Myra schon seit fast achtzehn Monaten nicht mehr das Haus verlassen. Sie war fünfeinhalb gewesen, als das Krankenhaus sie endlich nach Hause entlassen hatte. Ein halbes Jahr lang hatte sie dort um ihr Leben gerungen, und dann, als sie nach langem Kampf zurück in der Welt war, stellte sie fest, dass alles sie plötzlich überragte und ihr Angst machte. Nur im Haus ihrer Eltern fühlte sie sich sicher. Und zwar deshalb, weil Opa Lou die Balken und Wände lange vor ihrer Geburt eigenhändig zusammengefügt und ihm dieselbe Ruhe eingehaucht hatte, die er selbst verströmte. Ein weiterer Grund war, dass der Dachboden dieses Hauses die Villa Liliput beherbergte. Sie hatte Trixie gehört, Opas Frau. Das war vor dem Unfall gewesen, der sie getötet hatte und Myra beinahe das Leben gekostet hätte. Im Haus war es sicher, weil die Villa Myras Seele ein Zuhause bot, und zwar auf eine Weise, die sie selbst nicht in Worte fassen konnte. Mit ihrer Hilfe hatte sie die Möglichkeit, neue Welten zu entdecken. In einem leichter zu handhabenden Maßstab. Und sie im Handumdrehen verschwinden zu lassen, ein Geheimnis, das Myra mit dem Haus teilte.

Für Myra waren die Wände dieses Hauses die Grenzen ihres Lebens. Sie verschloss sich wie die Villa selbst, und ihr eigener Körper diente als Tür. Ihre einzige Freundschaft existierte nur deshalb, weil Gwen sie mit schierer Willenskraft am Leben erhielt. Und auch mangels anderer Alternativen. Wenn Gwen – erst nach der Schule, später nach den Kursen am College und schließlich nach den Seminaren an der Universität – die Speichertreppe heraufgestürmt kam, traf sie Myra stets an genau demselben Ort an wie schon am Vortag: im Haus, auf dem Dachboden und beim Einrichten von Zimmern, die damals außer ihnen beiden nie ein Mensch sah.

Bis Gwen endlich, vor sechs Monaten, mit dem Fuß aufgestampft und verkündet hatte, die Villa sei zu schön, um sie dem Rest der Welt vorzuenthalten. Entnervt hatte sie den Ausdruck von Myras letzter Kurzgeschichte in die Luft geworfen und gebrüllt, es sei allmählich an der Zeit, den Hunderten von Textseiten ein Dasein unter Menschen zu ermöglichen, die sie auch lasen. Wenn du dich selbst schon nicht zeigen willst, zeig wenigstens deine Arbeiten. Erzähl die Geschichte deiner Projekte. Lade die Welt zu dir ein.

Nun war es zu spät, diese Einladung zurückzunehmen. Weder Gwen noch die unzähligen virtuellen Besucher, die sie angelockt hatte, würden sich wieder verscheuchen lassen. Und deshalb hatte Myra jetzt diese Teekanne am Hals. Nein, es waren sogar Unmengen von Teekannen in den verschiedensten Größen und Dekors. Kartons und Taschen, die von Teekannen, Kaffeekannen und Kakaokannen schier überquollen. Es befanden sich sogar zwei winzige Samoware aus Messing darunter. Und sie alle wetteiferten um einen Platz in der Villa. Geistesabwesend berührte Myra die Eichel aus Lapislazuli an ihrem Hals und ließ sie an ihrem Kettchen hin und her gleiten. Dabei musterte sie weiter die Bibliothek. In den auf Kirschbaumholz gebeizten Regalen standen die Werke von Plath und Baudelaire und warteten darauf, dass vor dem marmornen Kamin mit den fröhlich flackernden, aufgemalten Flammen der Teetisch gedeckt wurde.

Diese Teekanne will Teil des Zimmers sein, wird sich jedoch niemals wirklich integrieren.

Myra wusste genau, was diese Teekanne empfand.

Nachdem sie sie wieder eingepackt hatte, wischte sie sich die Hände an den Hosenbeinen ab, um auch die letzte Spur der Außenwelt von ihrer Haut zu tilgen. In der unteren Etage, einem Teil des Hauses, das sie nach Möglichkeit mied, stapelten sich windschiefe Stöße aus ungeöffneten Kartons und Kisten entlang der Wände, machten die Flure eng und ließen die Räume schrumpfen. Und inmitten dieses Kartonlabyrinths lauerten die Umschläge in immer schriller werdendem Gelb, Orangefarben und Rot, nicht minder bedrohlich als ein giftiges Tier: Warnung! Warnung! Ignorieren auf eigene Gefahr.

Deine Zeit wird knapp.

3

PARKHURST, ARIZONA,1987

Sind da wirklich keine kleinen Mädchen, die Geschenke wollen? Gar niemand? Na, dann muss ich dieses Schlachtschiff wohl zurück in den Geschenkeladen steuern.« Opa Lou hielt sich die Hand wie ein Visier vor die Stirn und wendete den Kopf hin und her, ein Periskop, scheinbar blind für das Paar blonder Zöpfe, das dicht unterhalb seines Gesichtsfelds auf und nieder hüpfte.

Myra wusste genau, dass er sie sehen konnte. Natürlich wollte er sie nur auf den Arm nehmen. Allerdings hatte ihr Großvater eine Art zu scherzen, die jederzeit von fröhlich zu selbstvergessen umschlagen konnte. Er brauchte zu lange, um zu bemerken, dass seine sechsjährige Enkelin keinen Spaß mehr an dem Spiel hatte.

»Opa, du siehst mich doch!«, rief Myra, als ihr klar wurde, dass alles Springen nicht reichte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. »Du siehst mich. Ich will meine Geschenke!«

»Du? Oh, nein. Du bist doch kein kleines Mädchen. Du bist doch schon fast alt genug zum Autofahren.«

»Opa! Nein. Ich bin erst sechs.«

»Ich bin ziemlich sicher, dass das alt genug ist, mein kleines Eichhörnchen.« Er hob Myra in seine Arme und strich mit rauen Fingern über die Halskette, die sie Tag und Nacht trug, seit Trixie sie ihr an ihrem fünften Geburtstag umgehängt hatte. »Eichhörnchen« war Trixies Kosename, der sich nach ihrer und Lous Hochzeit – Myra war gerade zwei gewesen – rasch in der gesamten Familie eingebürgert hatte. »Trixie würde sich so freuen, wenn sie sehen könnte, wie gut du auf diese Kette achtest, Myra.«

Als Myra den Kettenanhänger umfasste, war sie wie immer erstaunt, wie schwer und warm er sich anfühlte. »Er erinnert mich an sie. Muss ich deshalb traurig sein?«

»Sich an Menschen, die wir lieben, zu erinnern, ist immer ein wenig traurig, wenn sie nicht mehr am Leben sind. Aber es kann auch schön sein. Und jetzt fangen wir mit den Fahrstunden an.« Lou führte Myra zum Auto und öffnete die Fahrertür seines riesigen Lincoln, der in dieser Kleinstadt in den Bergen völlig fehl am Platz wirkte. Auf den staubigen Straßen der Siedlung, die sich an den Rand einer Bergkette namens Mogollon Rim schmiegte, waren sonst nur Pick-ups und SUVs zu sehen. Lou setzte Myra hinters Steuer und legte ihre Hände auf das große, wegen des eiskalten Metalls mit Leder bezogene Lenkrad. Myra hörte hinter sich einen Schrei.

»Dad? Was soll das werden?« Myras Mutter, die Lockenwickler noch im Haar und eine brennende Zigarette zwischen den makellos geschminkten Lippen, kam den Kiesweg entlang auf sie zugehastet. »Hol sie sofort da raus.«

»Du brauchst dich doch nicht gleich so aufzuregen, Diane. Ich tu doch nur, als würde ich ihr das Autofahren beibringen.«

»Wenn ich richtig informiert bin, ist Autofahren keine legale Freizeitbeschäftigung für Sechsjährige, Dad.«

»Und was, wenn sie ein Naturtalent ist? Ich habe ein paar Telefonbücher hier, um sie ihr unter den Hintern zu schieben. Außerdem kann ich ja notfalls auf die Bremse treten.«

Myra schaute zwischen den Erwachsenen hin und her und wartete auf die Pointe, die unweigerlich kommen würde. Lou war schon immer ein Witzbold gewesen, nur dass seine Fähigkeit, die Reaktionen seiner Mitmenschen auf diese Scherze einzuschätzen, durch den Unfall gelitten hatte. Trixie hatte einen mäßigenden Einfluss auf ihn ausgeübt und war wie ein Puzzleteilchen gewesen, welches Harmonie in das Familiengefüge gebracht hatte. Seit ihrem Tod waren die Beziehungen der einzelnen Mitglieder in Schieflage geraten.

»Was willst du eigentlich hier, Dad?«

Myra seufzte erleichtert auf. Eine Unterbrechung – zum Beispiel durch einen Themenwechsel – lenkte ihren Opa oft von seinem ursprünglichen Vorhaben ab und sorgte dafür, dass er sich einem anderen Gesprächsstoff zuwandte. Auch jetzt trat er ein Stück von der Autotür zurück, sodass Myra Gelegenheit hatte, hinter dem Lenkrad hervorzuschlüpfen. Sie rannte zu ihrer Mutter hinüber und zerrte an ihrer Hand. »Opa sagt, er hat Geschenke dabei und braucht jemanden, dem er sie geben kann, damit er sie nicht in den Geschenkeladen zurückbringen muss.«

»Geschenke?« Diane wies auf den Kofferraum der Limousine. »Was hast du denn diesmal angeschleppt?«

Lous Händereiben war offenbar eher ein Versuch, sich warm zu halten, als Ausdruck von Zufriedenheit. Als er, begleitet von einem leisen Pfeifen, ausatmete, entstand in der kalten Novemberluft eine Dampfwolke vor seinem Mund. Aus dem Norden wehte eine steife Brise heran und trug die Wolke weg, nach Süden, fort von den kühlen Ausläufern der Hügel Arizonas in die Wüste, in die Großvater später zurückkehren würde. »Dann wollen wir doch mal schauen.« Gemessenen Schrittes wie ein Quizmaster näherte er sich dem Kofferraum und hielt Myra den Schlüsselbund hin. »Mach schon auf, kleines Eichhörnchen.«

Myra holte tief Luft, bevor sie den schweren Schlüssel ins Schloss steckte und ihn umdrehte. Der Kofferraumdeckel sprang mit einem Knall auf, der sie jedes Mal aufs Neue überraschte. Da dieser Kofferraum stets unvorhergesehene Dinge enthielt, erinnerte er sie eher an das Zuhause eines Schachtelteufels als an ein Auto.

Diesmal war es nicht anders als sonst.

Lou lachte leise auf, ein tiefes Brummen, das seine lange, schlaksige Gestalt zum Vibrieren brachte. Dabei hakte er die Daumen unter seine Hosenträger wie Santa Claus. »Bei deinem letzten Besuch hast du doch gesagt, wie sehr du sie magst«, verkündete er. »Als Trixie den Auflauf gemacht hat, weißt du noch?«

Myra wusste es nicht mehr. Schließlich war sie nicht mit einem für sechsjährige Kinder – eine ohnehin nicht als Auflaufenthusiasten verschriene Bevölkerungsgruppe – überdurchschnittlichen Auflaufgedächtnis gesegnet. Und selbst wenn das anders gewesen wäre, hätte sie sich auf den Inhalt des Kofferraums keinen Reim machen können. Denn zwischen den Radkästen türmten sich mindestens fünf flache Kartons, voll mit dicken blauen Dosen. Und auf jeder dieser Dosen prangte eine identische Abbildung.

»Sind das … sind das Wiener Würstchen?« Dianes Fassungslosigkeit verwandelte ihre Stimme in ein Flüstern, das der immer noch in sich hineinlachende Lou anscheinend als Staunen missdeutete.

»Aber ja doch! So einem Sonderangebot konnte ich einfach nicht widerstehen, vor allem deshalb, weil Myra diesen Würstchenauflauf förmlich verschlungen hat. Sie konnte gar nicht genug davon kriegen, weißt du noch?«

»Dad.« Diane schüttelte den Kopf. »Ich kann mich selbst kaum noch daran erinnern. Wann soll das denn gewesen sein? An Neujahr? Vor zwei oder drei Jahren?«

»Tja, ich habe es noch deutlich vor Augen. Myra hat gefuttert wie ein Scheunendrescher. Trixie hat noch lange darüber geredet, stimmt’s?« Lou richtete die Frage an einen Punkt über Dianes Schulter, so als stünde ihre Stiefmutter direkt hinter ihr, anstatt in einem Eckgrab unter einer Trauerbirke auf dem Friedhof Saint Mark’s, etwa eine Autostunde von hier entfernt, zu liegen – so, als könnte sie ihre Hand mit der pergamentdünnen Haut in die Hüfte stemmen, nicken und sagen: Wie recht du hast, Lou. Und dann würde sie, begleitet vom Beifall der Beschenkten, die in den Genuss von Lous Großzügigkeit kamen, helfen, eine Kofferraumladung Wiener Würstchen auszupacken. Eigentlich war es ja auch nur logisch, also ebenso logisch wie alles andere an Trixie, im Zusammenhang mit Würstchen an diese Frau zu denken, die die Welt der Familie unerwartet und unter sonderbaren Umständen betreten und wieder verlassen hatte.

»Okay. Das ist … wirklich nett von dir. Myra, kannst du dich bei deinem Großvater bedanken?«

Myra starrte auf die kleinen blauen Dosen, erfüllt von der grausigen Gewissheit, dass ihre Eltern diese gehorsam in der Waschküche stapeln würden. Jeden Tag würden sie eine davon öffnen und neue Rezepte für Aufläufe und andere Gerichte erfinden, um die Würstchen zu verarbeiten, bis jede der glitschigen, gummiartigen Walzen vertilgt war. Unweigerlich würden die Würstchen auf Myras Regina-Regenbogen-Tablett landen, gleich neben einer der matschigen Dillgurken aus den riesigen Vier-Liter-Gläsern, die seit einem von Opas Ausflügen in einen Großmarkt die Speisekammer vollstellten. Myra nahm sich fest vor, während der nächsten Mahlzeit in Gegenwart ihres Großvaters die Mundwinkel entschlossen und angewidert nach unten zu ziehen. Schließlich konnte man nie wissen, mit welcher Überraschung der magische Kofferraum als Nächstes aufwarten würde.

Sie griff nach einer blauen Dose und hielt sie von sich weg wie ein faulendes Blatt oder einen ganz besonders schleimigen Wurm. »Danke, Opa.«

»Gern geschehen, mein Schatz. Lass es dir gut schmecken, ja?«

»Ja, Opa.«

»Möchtest du jetzt gleich etwas essen?«

»Nein, danke.«

»Übernachtest du heute bei uns, Dad?« Über Myras Kopf hinweg spähte Diane ins Auto, um festzustellen, ob Lous abgewetzte Reisetasche auf dem Beifahrersitz stand. Seit Trixies Tod war ihr Vater ein häufiger Überraschungsgast in ihrem kleinen Haus. Meist erschien er zum Abendessen und saß danach mit seinem Schwiegersohn im Gästezimmer, wo die beiden Spiele spielten, bis sie irgendwann einschliefen wie kleine Jungen auf einer Pyjamaparty. Dave war so wortkarg wie Lou redselig, und die beiden ergänzten sich so großartig, dass Diane sich manchmal in ihrer Ehe wie das fünfte Rad am Wagen fühlte. Aber zumindest gaben ihr seine Besuche Gelegenheit, mit einem anderen Menschen zu sprechen, was nicht zu verachten war, da Dave und Myra meist in ihrer eigenen Welt lebten.

»Nein, heute nicht. Es war nur ein Tagesausflug, um Vorräte aufzufüllen. Ich sollte aufbrechen, bevor die Straßen zu dunkel werden. Aber davor möchte Myra vielleicht noch einen Blick auf die Rückbank werfen.«

Myra, die noch immer angeekelt die Dose mit den Wiener Würstchen beäugte, sah ihre Mutter erschrocken an und stellte fest, dass deren Miene die gleiche Bestürzung widerspiegelte. »Wir haben wirklich genug zu essen im Haus. Wenn du uns weiter so viel mitbringst, müssen wir noch anbauen …«

»Es ist nichts Essbares.« Als Lou nach Myras Hand griff, streckte sie sie ihm widerstrebend hin. Die Würstchendose stellte sie auf den Boden, wo Opa sie, so das Glück es wollte, mit dem Lincoln überrollen würde. »Dann machen wir mal die Tür auf, ja, mein Schatz?«

Myra verabscheute die Autotüren ihres Großvaters. Sie waren schwer und schwangen von allein hin und her, sodass sie sich schon öfter den Finger eingeklemmt hatte. Also wich sie zurück und schüttelte den Kopf. »Darf ich fernsehen?«, fragte sie ihre Mutter.

»Myra, sei nicht so ungezogen.«

»Schon gut, Diane. Wahrscheinlich haben die Würstchen sie überwältigt. Moment, Myra, ich mache die Tür für dich auf.« Er nahm die Tür am verchromten Griff und riss sie weit auf wie ein Scheunentor. Dann vollführte er eine ausladende Handbewegung. »Das alles gehört dir, Schätzchen.«

Myra ließ Lous Hand los und trat zögernd einen Schritt vor. Dann noch einen. Bis sie schließlich auf dem kalten Ledersitz kniete.

Es waren zu viele Einzelheiten, um sie auf einen Blick zu erfassen, obwohl Myra so viele davon bereits kannte. Sie betrachtete die weißen viktorianischen Verschnörkelungen an den winzigen Giebeln der Villa, die sich in den Fenstern aus echtem Glas spiegelten, und fuhr mit den Händen über das breite Spitzdach, gedeckt mit Hunderten kleiner Schindeln. An einer Ecke erhob sich ein sanft geschwungenes Türmchen. Das Haus war gewaltig und thronte auf einer Plattform aus Pressspan, deren Kanten sich in die Lehne des Vordersitzes bohrten. Darum herum verlief ein schmiedeeiserner Zaun im Miniaturformat. Am Rand des mit Pflastersteinen bemalten Gartenwegs hing eine Laterne an einem Haken.

Myra hörte ihren Opa hinter sich auflachen. »Wahrscheinlich kriegen wir sie jetzt gar nicht mehr raus aus dem Auto, Diane.« Er steckte den Kopf in den Wagen. »Aber womöglich muss sie sowieso drinbleiben. Das Ding hat kaum reingepasst, und rauswuchten könnten wir es nur mit vereinten Kräften.«

Diane steckte ebenfalls den Kopf ins Auto und schnappte nach Luft. »Dad, das ist ja riesig.« Vorsichtig berührte sie den schmiedeeisernen Zaun. »Hast du … hast du das gemacht?«

»Ein paar Teile hier und da. Nur Kleinigkeiten. Früher war es nicht ganz so groß, weil es das hier noch nicht gab.« Zärtlich strich er über die Plattform. »Aber das Haus selbst gehörte Trixie. Sie hat es mit in die Ehe gebracht, und wir haben es gleich auf den Speicher gestellt, weil es so groß war. Manchmal ist sie mit Myra hinaufgegangen, um damit zu spielen. Ich glaube, sie hat es Myra sowieso eines Tages schenken wollen.«

Myra hatte ihrer Mutter nie von der Villa Liliput erzählt. Obwohl Trixie nicht ausdrücklich von ihr verlangt hatte, das kleine Haus geheim zu halten, hatte Myra ihr Wissen wie einen kostbaren Edelstein in ihrer Tasche versteckt. Die Villa war ein ganz besonderer Ort, den es nur auf dem Dachboden im Haus ihres Großvaters an der Flussbiegung gab. Es existierte in einer magischen Blase, die man nicht verpflanzen konnte. Nach Trixies Tod, als Myra endlich im Krankenhaus aus den Abgründen der Schmerzen und Verbände aufgetaucht war, hatten ihre ersten Gedanken ihrer Stiefoma und der Villa gegolten. Gefolgt von einer überwältigenden Trauer, weil sie beide nun nie mehr wiedersehen würde.

Diane fasste ihren Vater am Ellbogen. »Dad, wenn es Trixie gehört hat, solltest du da nicht besser …?«

»Was, es behalten? Darauf warten, dass ihre Leute antanzen und mit ihren fettigen Fingern etwas betatschen, das sie derart geliebt hat? Die Familie, die sich nicht einmal hat blicken lassen, als sie …« Lou zog ein Taschentuch aus der Tasche seiner Jeans und fuhr sich damit übers Gesicht, als müsste er sich trotz der Novemberkälte den Schweiß abwischen. »Als wir sie verloren haben? Nein, ich finde nicht, dass ich es behalten sollte. Myra soll es haben.«

Myra seufzte erleichtert auf, so leise, dass nur sie selbst es hören konnte. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Denn sie war so sicher gewesen, dass er das Haus behalten würde, allein und ungeliebt, aber zu sperrig, um es zu transportieren. Nun befürchtete sie, ihre Mutter könnte Nein sagen. Dann würde sie zuschauen müssen, wie Opa rückwärts aus der Auffahrt rangierte, das Haus eingeklemmt auf dem Rücksitz des Lincoln. Und Myra würde zurückbleiben ohne eine Gelegenheit, einen Blick ins Innere der Villa zu werfen und eine Bestandsaufnahme der Schätze durchzuführen, die sich, wie sie wusste, darin verbargen.

»Übrigens hat es Scharniere.« Lou wies auf die fest geschlossenen Messingbeschläge an der Rückseite des Hauses. Doch das war für Myra nichts Neues. »Es klappt seitlich auf wie eine Muschelschale, und drinnen hat es winzige Zimmer, ebenfalls mit Scharnieren. Es ist fast, als würde es sich entfalten. So was Verrücktes habe ich noch nie gesehen. Ich habe es bloß an der Plattform festgeklemmt, damit sie alle Teile bewegen kann. Außerdem ist da noch eine ganze Hutschachtel voller Zubehör. Die steht auf dem Vordersitz. Ein Glück, dass ich nicht vorhabe, bei euch zu übernachten, denn ich hatte nicht einmal mehr Platz für eine Zahnbürste!« Er ging zur Beifahrerseite und holte eine runde Hutschachtel heraus. Sie war mit zerschlissener Seide bezogen, die die Farbe welker Rosen hatte. »Keine Ahnung, was da alles drin ist. Möbel und Zeug. Myra hat bestimmt Spaß daran.«

»Und wo sollen wir es deiner Ansicht nach hinstellen, Dad? Ja, es ist wirklich sehr hübsch, und Myra wird sicher begeistert sein. Aber eigentlich ist es kein Spielzeug, sondern sollte besser in einem Museum stehen. Bist du sicher, dass …«

»Es hat Trixie gehört, Diane.« Sein barscher Tonfall ließ sie beide innehalten, und Myra sah, dass er sich mit der knorrigen Hand über die Augen fuhr. »Es hat Trixie gehört, und jetzt gehört es Myra. Du kannst es auf den Speicher stellen. Dann kann sie dort damit spielen. So hat sie es immer mit Trixie gemacht. Es nimmt euch keinen Platz weg.«

Myra überlegte, ob die Zeit jetzt vielleicht reif für Gebettel war. Würde es die Entscheidung in Richtung eines Ja beeinflussen oder ein Nein wahrscheinlicher machen? Sie beschloss, es zu riskieren.

»Ich habe das Haus so lieb, Mom«, verkündete sie mit einer Ehrfurcht, die sonst für Süßigkeiten reserviert war. »Ganz fest. Und ich werde mich sehr gut darum kümmern, versprochen.« Sie blickte Lou aus großen blauen Augen an. »Oma Trixie wäre so stolz auf mich, Opa. Ich bin bestimmt vorsichtig.«

Lou nickte. »Das weiß ich, mein kleines Eichhörnchen.« Er sah seine Tochter an und zog eine Augenbraue hoch. »Wie kannst du diesem Gesichtchen etwas abschlagen?«

Viele Stunden später – inzwischen hatten Opa, Mom und Dad das Haus samt Plattform aus dem Auto gewuchtet und es den Gartenweg entlang und die schmale Treppe hinauf bis in den Dachboden geschleppt – schaute Myra in den Spiegel, der über dem großen offenen Kamin der Villa angebracht war. Sie fragte sich, was genau an ihrem Gesicht es wohl so erschwert haben mochte, ihr etwas abzuschlagen, und stellte fest, dass ein blaues Auge ihr zuzwinkerte.

Es geschah so schnell, dass sie es sich bestimmt nur eingebildet hatte.

Denn schließlich konnte sie gar nicht zwinkern.

4

PARKHURST, ARIZONA, 2015

Als Myra die ersten bunten Umschläge fand, die eine sich von Gelb über Orange bis hin zu Rot steigernde Alarmstimmung verbreiteten und wie Herbstlaub an den ungewöhnlichsten Stellen herumlagen, war es fast zu spät. Diane hatte stets alles vor Myra geheim gehalten, um ihre Tochter vor der Wirklichkeit und der Welt da draußen zu schützen, als wäre sie noch ein Kind und keine relativ selbstständige Frau von Mitte dreißig. Wenn auch eine, die nie das Haus verließ.

Zu guter Letzt war es Gwen, die ihr die Hiobsbotschaft überbrachte. Die Räder ihres windschnittigen BMW knirschten auf dem Kiesweg vor dem Haus, dessen stabile Holzbohlen in den Jahrzehnten, seit Opa Lou es gebaut hatte, immer gleich geblieben waren. Myra ging nicht an die Tür, denn sie wusste, dass Gwen es genauso halten würde wie üblich: Sie würde einfach zur Haustür herein und schnurstracks herauf zum Dachboden marschieren, wie schon damals in ihrer Kindheit. Als sie oben ankam, war sie außer Atem.

»Wusstest du das?« Mit zwei Schritten durchquerte Gwen den Dachboden und ließ eine Zeitung vor der Villa auf den Boden fallen. Eine Annonce war rot eingekreist.

Myra griff danach. »Wieso sollte ich etwas über eine Zwangsversteigerung wissen?«

»Weil es sich bei dem zu versteigernden Objekt um dein Haus handelt.«

Myra studierte die kleine Schrift, denn bis jetzt hatte sie nur die Adresse des Amtsgerichts gesehen, wo die Auktion stattfinden sollte. Dass es die Immobilie mit dieser Adresse – ihr Haus, die Heimat der Villa Liliput und ihres gesamten Lebens – war, die hier zum Verkauf stand, fiel ihr erst jetzt auf. »Wie … wie kann das sein?« Myra starrte Gwen entgeistert an. »Hast du meine Mom gesehen?«

»Sie ist im Garten und gräbt.«

»Was auch sonst?« Diane ließ sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen, den in einer Hochwüste gelegenen Garten in eine üppig grüne, fruchtbare Oase zu verwandeln. Dass sie im Laufe der Jahrzehnte trotz Einsatzes eines Frühbeets nur etwa ein Dutzend Tomaten geerntet hatte, konnte sie nicht davon abschrecken. Ihre neueste Leidenschaft waren Rosen, die sie in großer Zahl auf der Südseite des Hauses pflanzte und ersetzte, wenn sie unweigerlich an Kälte und Lichtmangel im Schatten der Gelbkiefern eingingen.

»Wie lange bleibt sie denn normalerweise draußen?«

»Stundenlang.«

»Soll ich mit dir warten?«

»Ich habe nicht vor zu warten.« Myra stand auf und sah sich auf dem Dachboden nach ihren abgewetzten Clogs um, die einzigen Schuhe, die sie je trug, wenn sie überhaupt welche anzog. »Ich rede mit ihr.«

Gwen sah sie aus großen Augen an. »O-kaaay. Was du heute kannst besorgen … Ich komme mit.«

»Nein, du bleibst hier.« Myra wies auf die Speisekammer der Villa. »Staple diese Dosen.«

»Aber die sind ja so klein wie Fingerhüte.«

»Deshalb wird es auch eine Weile dauern. Tu es einfach. Ich bin gleich zurück.« Myra ging die Treppe hinunter und schlängelte sich zwischen gewaltigen Kistenstapeln in Richtung Garten durch. Unterwegs sammelte sie die bunten Umschläge ein, die sie in letzter Zeit immer wieder fand, und stürmte zur Fliegengittertür hinaus.

Erstaunt riss Diane den Mund auf. »Myra? Was machst du denn hier draußen?«

»Tja, Mom, offenbar werde ich jede Menge Zeit draußen verbringen müssen, wenn man uns das Haus unter dem Hintern wegverkauft. Deshalb habe ich es für eine gute Idee gehalten, mal rauszukommen und dich zu fragen, ob du vielleicht irgendwelche Vorschläge hast, die du womöglich mit mir teilen möchtest. In Sachen Haus. Das verkauft werden soll. In sechs Wochen.«

Diane presste trotzig die Lippen zusammen. »Ich habe nicht gedacht, dass es so schnell gehen könnte.«

»Das klingt nicht gerade nach einem Vorschlag, Mom.«

»Ich dachte, sie geben mir mehr Zeit.«

»Ich höre noch immer keinen Vorschlag, Mom.«

»Ich muss John anrufen und ihn fragen, ob wir bleiben …«

»Mom! Wo, verdammt noch mal, ist der Vorschlag? Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir Geldprobleme haben? Ich war in dem Glauben, dass das Haus abbezahlt wäre!«

»War es auch.«

»Die Vergangenheitsform gefällt mir irgendwie gar nicht. Was hat sich geändert?«

»Sie hat es beliehen«, verkündete Gwen, die gerade aus der Hintertür trat. »In der Ankündigung der Zwangsversteigerung wird die Bank als Gläubiger aufgeführt.«

»Warum, um alles in der Welt, musstest du das Haus beleihen, Mom?«

Diane schaute zwischen Myra und Gwen hin und her und ließ die Schultern hängen. »Ach, da war dieses und jenes …«

Gwen machte einen Schritt vorwärts und legte Myra eine Hand auf die Schulter. »Die Kartons, Myra.« Sie wies in Richtung Haus, wo sich Behältnisse aus Pappe stapelweise türmten, die Wände säumten und die Flure vollstellten. Myras Zimmer im ersten Stock und der Dachboden waren die einzigen kartonfreien Zonen im Haus. Obwohl Myra die Schachteln nur am Rande zur Kenntnis genommen hatte, war auch ihr aufgefallen, dass sie entweder nur ein einziges Mal oder gleich gar nicht geöffnet und auch nicht ausgepackt worden waren. Sie lief ins Haus und griff willkürlich nach einer großen Schachtel, die neben der Küchentür stand.

»Mom?« Myra förderte eine rosenrote Handtasche aus weichem Leder zutage, noch eingewickelt in Seidenpapier. Unter der Tasche trudelte ein Etikett hervor, das einen Verkaufspreis von 797,99 Dollar auswies. »Warum hast du eine Achthundert-Dollar-Handtasche in einer Schachtel?«

Gwen öffnete einen weiteren Karton und stieß einen langen, leisen Pfiff aus. »Stiefel von Frye. Oh, sind die schön. Sie sind sogar noch mit Papier ausgestopft …«

»Ich wollte nicht, dass sie kaputtgehen.« Diane stand, von hinten angeleuchtet wie ein Scherenschnitt, in der Küchentür. »Ich fand sie so hübsch, hatte aber nie die Gelegenheit, sie zu tragen.«

»Steht auf dieser Schachtel etwa Valentino?« Gwen klappte den nächsten Karton auf, worauf ein seidenes Gewand wie Sahne aus seiner Papierhülle floss.

»Mom, was ist das für Zeug?« Zum ersten Mal nahm Myra die Enge in den Räumen richtig wahr, die wenigen verbliebenen Laufwege zwischen windschiefen Türmen aus Paketen und ungeöffneter Post. Da sie so wenig Zeit unten oder überhaupt mit ihrer Mutter verbrachte, hatte sie den Krimskrams bis jetzt nicht wirklich bemerkt. Ihre Eltern hatten sich vor über zehn Jahren getrennt, als Myra gerade ein Fernstudium absolviert hatte. Ihre Arbeiten hatte sie auf immer leistungsstärker werdenden Laptops an einem alten Eichenschreibtisch geschrieben, der auf dem Dachboden stand. Irgendwann hatte unten in der Küche ein Streit stattgefunden. Myra hatte ihn zwar gehört, aber erst richtig davon Notiz genommen, als Dave ausgezogen war. Und da hatte es sich für sie schon so angefühlt, als wäre er bereits seit einer Ewigkeit fort. Eine Weile – eigentlich seit Jahren – hatte er versucht, Diane und auch Myra davon zu überzeugen, dass es an der Zeit sei, sich wieder in die Außenwelt hinauszuwagen. Myra müsse auf eine normale Schule gehen, die Familie in einem echten Restaurant essen. Oder Orte bereisen, die jenseits der gewaltigen Gelbfichtenwälder rings um ihr Haus lagen. Myra hatte so heftig den Kopf geschüttelt, dass es ihren gesamten Körper erschüttert hatte. Worauf Diane geschrien hatte, Dave rege Myra nur auf und sorge für Unruhe. Bis Dave eines Tages die Segel gestrichen und beschlossen hatte, nicht länger an dem Boot zu rütteln, in dem sie alle saßen und mit dem Diane einfach nicht in See stechen wollte. Er war ausgestiegen.

Inzwischen kam er nur noch selten zu Besuch und bewohnte zusammen mit seiner Freundin, die Myra nie kennengelernt hatte, eine schicke Eigentumswohnung in der Nähe des Skigebiets. Hin und wieder schickte er geschwätzige E-Mails, die sich eher wie Monologe lasen als wie Aufforderungen, ihm darauf zu antworten.

Im Laufe der Zeit hatten sich dann die Kartons und Einkaufstüten angesammelt. Und da Myra selbst jede Woche eine Unmenge an Päckchen erhielt – viel kleinere zwar als die von Diane, aber immerhin –, hatte sie sich nie gefragt, ob die Schachteln, die das Haus zunehmend verstopften, nicht eigentlich eine andere Art von Leere füllen sollten.

»Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.« Diane ging quer durch den Raum zu einer wasserblauen Schachtel mit weißer Schleife und reichte sie Myra. »Ich habe so viele schöne Sachen für dich gekauft, aber der Zeitpunkt passte irgendwie nie. Ich dachte, wir könnten uns eine Kleinigkeit gönnen, für die Zeit, wenn wir einmal das Haus verlassen und einen Weg zurück nach draußen finden werden …« Diane zeigte auf die hohen Berge hinter dem Haus. »Da draußen ist nämlich eine ganze Welt, die ich aufgegeben habe, Myra.«

»Soll das heißen, du hast das mit Absicht gemacht?«

»Nein.« Diane zwängte sich zwischen den Kartons in Richtung ihres Schlafzimmers durch, das hinter der Treppe lag. »Ich bin nur so müde, Myra. Ich lege mich eine Weile hin.« Sie schloss die Tür, bevor Myra etwas erwidern konnte.

Myra starrte Gwen an. »Was … was sollen wir jetzt tun?« Sie ließ sich schwer auf einen mit blaugrünem Samt bezogenen Lehnsessel fallen, der noch zur Hälfte in Luftpolsterfolie gewickelt war. »Was macht man in so einem Fall?«

Gwen setzte sich auf den Boden. »Ich bin nicht sicher. Es dürfte nicht schwierig sein, herauszufinden, wie hoch sie verschuldet ist, und sicher gibt es auch Mahngebühren und so weiter. Sie wird alles zurückzahlen müssen. Keine Ahnung, ob man da gleich ein Gericht bemühen muss oder ob du es besser telefonisch mit der Bank klärst. Aber ich kann mich informieren.«

»Warum tut sie so etwas?« Verzweifelt wies Myra auf die Kartons. »Sie braucht dieses Zeug doch gar nicht!«

»Sie brauchte, glaube ich, etwas anderes.« Gwen seufzte auf. »Ich hätte schon früher etwas sagen sollen. Es fällt mir nämlich schon länger auf, und mir war klar, dass du nichts gemerkt hast, weil du nicht auf solche Dinge achtest.«

»Was genau soll das heißen?«

»Das, was ich gesagt habe. Du achtest nicht sehr auf andere Menschen. Selbst wenn sie direkt vor deiner Nase sind. Es gehört viel dazu, über die Mauern zu springen, mit denen du dich umgibst, und ich vermute, dass deine Mom es einfach leid war. Sie ist schon sehr lange einsam. Manchmal, wenn ich herkomme, um an der Webseite zu arbeiten, sitzt sie unten und trinkt Tee, und ich lasse sie eine Weile monologisieren. Es ist wie ein Taifun aus Wörtern. Aber sie ist immer da, allein, Tag für Tag. Und zwar schon seit …«

»Wehe, wenn du es aussprichst.«

»Ich bin ja schon still. Schließlich hast du sie nie darum gebeten. Und du wärst sicher auch allein klargekommen, wenn sie gegangen wäre. Wahrscheinlich hat sie einfach vergessen, wie das funktioniert.«

Myra erinnerte sich an einen Geburtstag – irgendein längst vergangener Meilenstein, der sechzehnte oder der achtzehnte – und an eine Torte in Form eines Autos, die ihre Mutter gebacken hatte. An ihren hoffnungsvollen Blick beim Anzünden der Kerzen. Wir könnten irgendwo hinfahren, hatte Diane gesagt.

Myra hatte keinen Bissen angerührt. Sie verabscheute Torte. Und sie war wütend auf ihre Mutter gewesen, weil sie das vergessen hatte. Wieder ein Tropfen, der das Fass voller Missverständnisse irgendwann zum Überlaufen bringen würde. Myra begriff, dass es Diane offenbar gelungen war, eine neue Realität zu erzwingen. Jetzt müssen wir irgendwo hinfahren, denn hierbleiben können wir nicht.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wir können das lösen. Ich habe Geld.« Sie rechnete nach. Schließlich hatte sie ja ihre sich ständig vermehrenden Ersparnisse, die sie niemals anrührte. »Ich habe den Großteil meiner Honorare auf die hohe Kante gelegt.«

»Ich besorge dir die besten Aufträge, und unsere Kunden lieben dich. Allerdings glaube ich nicht, dass das Geld, das man als Werbetexterin verdient, genügt, um eine Bank zufriedenzustellen. Außerdem darfst du nicht all deine Reserven auflösen. Es muss einen anderen Weg geben.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»Komm mit rauf. Wir überlegen uns etwas.« Gwen winkte Myra zurück ins Haus, ein drastischer Widerspruch zu ihren üblichen Bemühungen, sie hinauszulocken. Myra folgte ihr, und die beiden durchquerten langsamen Schrittes das Kartonlabyrinth, bis sie wieder auf dem Dachboden waren.

Myra setzte sich neben die Villa und schlug die Hände vors Gesicht. »Ich habe keine Ahnung, wo wir anfangen sollen.«

»Irgendwo eben. Du hast keine andere Wahl. Lass mich nachdenken …« Gwen trat auf den anwachsenden Stapel aus Miniaturen in einer Ecke des Raums zu, alles Geschenke hoffnungsfroher Follower, die um einen Platz in der Villa Liliput wetteiferten. Sie suchte eine verzierte Schachtel heraus, kaum größer als ein Kartenspiel und noch in ihrer Zellophanhülle. Die winzige Porzellanpuppe darin versank fast in ihrem blonden Lockenschopf. »Außerdem würde ich mich freuen, wenn du dich von mir überreden lassen würdest, eine hübschere Puppe zu nehmen. Du hast so viele geschickt bekommen.«

»Eigentlich wollte ich nie Puppen verwenden, schon vergessen?« Myra griff in die Küche der Villa und versuchte wieder einmal, das hölzerne Wäscheklammerpüppchen vor dem blau emaillierten Herd gerade hinzustellen. Auf dem Herd stand ein winziger Schmortopf von Le Creuset, dessen satter Goldton um einiges überzeugender war als das struppige gelbe Garn auf dem runden Kopf des Wäscheklammerpüppchens. Myra gefiel dieser Kontrast, denn das Püppchen war ein Eindringling und deplatziert, was man ihm auch ansehen musste.

Gwen griff ebenfalls in die Küche, schnappte sich die Wäscheklammer, hielt sich das Püppchen neben das Gesicht und ahmte seine mürrische Miene nach. »Hallo, ich bin Myra. Meine supertolle beste Freundin ist ein Social-Media-Genie und sagt, dass die Leute sehen wollen, wie ich in meiner Villa Liliput lebe. Also habe ich mich für den passiv-aggressiven Weg entschieden und dieses jämmerliche Wäscheklammerpüppchen gebastelt, das aussieht wie eine Requisite aus Unsere kleine Farm. Ich kann nicht mal schicke Schuhe anziehen, weil ich keine Füße habe! Und meine Klamotten bestehen aus einem alten Taschentuch, wahrscheinlich einem benutzten. Kein Wunder, dass ich so ein muffiges Gesicht ziehe! Ich bin nämlich das einsamste vierunddreißigjährige Wäscheklammerpüppchen auf der ganzen weiten Welt!«

Myra riss Gwen das Püppchen aus der Hand. »Ich bin nicht einsam. Ich sagte nur, dass ich keine Puppen verwenden will, und das hier ist keine Puppe, sondern eine Nähübung. Das Taschentuch gehörte meiner Oma Trixie. Ich habe das Püppchen gemacht, als sie mir das Nähen beigebracht hat. In meiner Hutschachtel sind noch ein paar mehr davon. Nur dass ich diesem da Haare wie meine gegeben habe.« Sie fuhr sich mit den Fingern durch die strohblonde Krause auf ihrem Kopf. Diese war noch nie zu einer Frisur gebändigt worden, hatte eine gnadenlos kantige Form und erinnerte deshalb an eine Geometrieaufgabe, die kein Haarpflegemittel auf diesem Planeten je würde lösen können. »In der Villa Liliput geht es nicht um Menschen, sondern um Dinge. Um winzige Dinge. Um kleine Zimmer, die man gerne betreten würde, aber nicht kann. Nicht wirklich. Ungefähr so wie in diesen Einrichtungssendungen im Fernsehen. Man gestaltet etwas, in dem sich die Leute selbst sehen können. Und wenn es dort von anderen Menschen wimmelt, sehen sie sich eben nicht.« Sie hielt sich das Püppchen neben den Kopf und verzog, so wie Gwen vorhin, traurig das Gesicht. »Du wolltest eine Puppe, also habe ich eine Puppe hineingestellt. Aber mögen muss ich sie trotzdem nicht.«

Gwen seufzte kopfschüttelnd. »Myra, genau das versuche ich dir ständig zu erklären. Dir geht es um Dinge. Nur dass dir dein Geschöpf inzwischen über den Kopf gewachsen ist. Manche Leute haben überhaupt erst wegen dieser kleinen Dinge und der Geschichten, die du dazu schreibst, zu lesen angefangen. Doch sie sind nicht nur deshalb bei der Stange geblieben, sondern weil du dabei winzige Teilchen von dir selbst preisgibst, die Eingang in diese Geschichten finden. All die kurzen Blicke auf eine Person, die sie gern kennenlernen wollen. Eine Frau, mit der sie am liebsten Tee in der Bibliothek trinken würden, und zwar mit der Teekanne, die sie dir geschenkt haben. Eine Frau, der sie wünschen, dass sie glücklich ist. Deshalb kommen sie immer wieder.«

»Ich habe nicht um Aufmerksamkeit gebeten.«

»Aber du hast sie trotzdem bekommen. Meinst du nicht, dass du deinen Followern dafür ein bisschen Entgegenkommen schuldest? Ich weiß, dass du kaum vor die Tür kommst …« Gwen fuchtelte mit den Händen in Richtung der Dachgaubenfenster und zeigte auf die weite Welt. »Aber ich komme raus, Myra, und ich kann dir nur immer wieder bestätigen, dass die Menschen etwas mehr Leichtigkeit brauchen. Offen gestanden geht es da draußen meistens ziemlich übel zu. Also schenk uns ein bisschen Glück. Vielleicht sogar einen Hauch von Romantik!« Sie griff nach einer weiteren verzierten Schachtel mit einem Porzellanpüppchen darin, diesmal einem männlichen, das einen Frack trug. Dann hielt sie die beiden Püppchen aneinander und machte Kussgeräusche.

»Ich bin keine Einsiedlerin, Gwen, sondern lege nur Wert auf meine Privatsphäre. Mir ist bekannt, was sich draußen abspielt.« Sie ahmte Gwens Fuchteln zum Fenster hin nach. »Doch ich gebe mir Mühe, die Villa Liliput so zu erhalten, wie Trixie es wollte. Ich habe noch jedes Möbelstück, das sie mir geschenkt hat. Fast.« Mit finsterer Miene beäugte Myra ihre Wäscheklammer-Doppelgängerin. Seit einiger Zeit fehlten nämlich immer mal irgendwelche Stücke oder tauchten an neuen Orten wieder auf. Die türkisblau lackierte Kommode mit dem abgebrochenen Haarnadelbein und dem eingebauten Plattenspieler, ein Garderobenschrank aus Mahagoni, der ins Schlafzimmer im ersten Stock gehörte, und zwei mit Elefanten verzierte Schirmständer aus Porzellan. »Sie hat mir nie Puppen gegeben, und ich habe sie auch nicht vermisst. Ich hatte genug zu tun.«

Myra bemerkte, dass Gwen sich auf die Lippe biss und sich eine Antwort verkniff. Vermutlich handelte es sich um einen Kommentar zu dem Satz »Ich bin keine Einsiedlerin«. Myra konnte die Male, die sie in den letzten beiden Jahrzehnten das Haus verlassen hatte, abzählen, ohne all ihre Finger und Zehen zu benutzen. Und dennoch lehnte sie die Bezeichnung »Einsiedlerin« strikt ab. Schließlich hatte sie eine ganze Welt hier oben auf dem Dachboden. Und außerdem noch eine andere Welt, die da draußen, die sie mithilfe von Bildschirmen besuchen konnte, ohne je einen Fuß vor die Tür zu setzen. Nun aber drohten die Bewohner dieser anderen Welt, in Myras kleines Reich einzumarschieren. Sie war also das genaue Gegenteil von einsam.

Gwen formte die Lippen zu einem großen O. »Jetzt hab ich’s. Gerade hatte ich einen Geistesblitz. Was ist mit dem Wettbewerb?«

»Was für ein Wettbewerb?«

»Du erinnerst dich nie an meine besten Ideen. Der Schreibwettbewerb. Du hast Follower, die es kaum erwarten können, der Villa Liliput ihren Stempel aufzudrücken. Wir müssen sie nur lassen. Sie alle haben deine Geschichten gelesen. Gib ihnen Gelegenheit, selbst eine zu schreiben. Und der Sieger oder die Siegerin darf dann ein Zimmer im Haus einrichten.«

»Wir können keinen Hauskredit mit Aufsätzen abbezahlen.«

»Aber mit Eintrittsgeldern. Wir müssen nur ermitteln, wie viel wir brauchen. Und abhängig davon können wir dann Aktivitäten versteigern. Gib der Treppe einen Namen! Kauf dir eine Gartenbank! Wir könnten ein kleines Branding-Universum erschaffen.« Gwen schlug die Hände vor den Mund. »Ein Mittagessen mit dir! Der erste Preis könnte ein Mittagessen mit dir und eine persönliche Führung durch die leibhaftige Villa Liliput sein. Exklusiv und individuell.«

»Niemand wird Geld für ein Mittagessen mit mir ausgeben wollen.« Erschrocken hielt Myra inne. »Bitte zwing mich nicht, mit einem fremden Menschen zu Mittag zu essen.«

»Ich werfe im Moment nur mit Ideen um mich, Myra. Allerdings wirst du aus deiner Blase rauskommen müssen, wenn du dieses Problem lösen willst.« Gwen beschrieb eine ausladende Geste, die das Haus und die darin lagernden unbenutzten Konsumgüter einschloss. »Denn deine Blase wird nämlich bald versteigert.«

Myras Blick folgte Gwens Armbewegung bis zu den grob behauenen Bohlen, die ihr Großvater lange vor ihrer Geburt zusammengefügt hatte. Die Fenster boten einen Ausblick auf die Berge, die sich in der Ferne erhoben. Hier war alles, was ihr Schutz gewährte. Alles, was sie kannte. »Kapiert.«

»Wenigstens ist etwas zu dir durchgedrungen. Also. Nehmen wir mal an, wir lassen eine Leserin eines der Zimmer einrichten. Welches würde wohl am besten ankommen?«

Myra starrte sie entsetzt an. »Du würdest mich tatsächlich dazu verdonnern, Einrichtungsgegenstände zu benutzen, die jemand anderes ausgesucht hat?«

»Das ist die Bedeutung des Wortes ›einrichten‹, zumindest, als ich das letzte Mal nachgeschlagen habe. Wie oft hast du die Zimmer in den letzten Jahren eigentlich neu gestaltet?«

»Öfter, als ich zählen kann.« Myra erwähnte nicht, dass das Haus niemals fertig wurde, weil es unmöglich war, sämtliche Baustellen aufzuspüren. Manchmal erschienen neue Zimmer über Nacht, leere dreidimensionale Leinwände, einige nicht größer als ein Wandschrank, andere gewaltig wie ein Ballsaal. Myra verbrachte Tage und Wochen damit, sie fertig auszustatten. Nur, um am nächsten Morgen feststellen zu müssen, dass sie sich in Luft aufgelöst hatten. Jedes handgearbeitete Möbelstück, jedes bestickte Taschentuch oder bemalte Buch, jede Vase, jedes Dielenbrett, alles wurde irgendwann von der Villa verschluckt, für Myra eine endlose Reihe an Gelegenheiten, ihre Fähigkeiten im Gestalten, Nähen und Schreinern zu schulen, die sie vor so vielen Jahren von Trixie und ihrem Großvater erlernt hatte. Doch dass sie die Ergebnisse loslassen musste, transportiert in die Regionen, wohin die Villa Liliput Gegenstände verschwinden ließ, tat hin und wieder noch immer weh.

Als es zum ersten Mal geschehen war, war sie acht Jahre alt gewesen. Tagelang hatte sie geweint, worauf ihre Eltern ihr das Betreten des Dachbodens verboten hatten. Es sei wirklich an der Zeit, dass sie sich öfter im Freien aufhielte, dennim Garten ist nichts, was dir gefährlich werden könnte, Myra, und sehen kann dich dort auch niemand. Doch im Laufe der Jahre hatte Myra die abhandengekommenen Zimmer als immer weniger bedrohlich empfunden. Sie spürte es in ihrem Innersten, dass die Zimmer eigentlich gar nicht fort waren. Sie lebten nur an einem anderen Ort, wo jemand die Liebe fühlen konnte, die sie hineingesteckt hatte. Nie machte sie Fotos von den neuen Zimmern, bevor sie sich auflösten, und sie schrieb auch nicht über sie in ihrem Blog. Und trotzdem erinnerte sie sich mit fotografischer Genauigkeit an jedes einzelne.

»Wenn du sowieso die ganze Zeit neu dekorierst, sollte doch eine Umgestaltung durch deine Leserschaft kein Problem sein. Allerdings wird das bestimmt nicht die Hauptattraktion, wenn wir ein Mittagessen mit dir versteigern.«

Myra stöhnte auf. »Können wir bitte so tun, als wäre das nur ein Scherz gewesen?«

»Ich mache niemals Scherze, wenn es ums Geschäft geht.«

»Die Villa Liliput ist kein Geschäft.«

»Für dich vielleicht nicht. Aber die Sponsorenangebote, die ich ständig im Maileingang habe, sprechen eine andere Sprache.« Da Gwen die Organisation der Villa Liliput betreute, landeten sämtliche offiziellen Mails direkt bei ihr. In nur wenigen Monaten hatte sie ein Postfach eingerichtet und in Myras Namen eine GmbH gegründet, und alles lief so reibungslos, dass Myra es kaum zur Kenntnis nahm. Sie wusste zwar, dass es da noch etwas gab, das größer war als sie selbst und sie und die Villa Liliput einhüllte wie eine Blase, doch diese war so transparent, dass es ihr meistens gelang, sie zu ignorieren. Gwen, die bei der größten Marketingagentur von Phoenix tätig war, verstand etwas von diesem Metier.

»Ich will keine Sponsoren, Gwen.«

»Aber die Sponsoren wollen dich. Und wenn wir erst den richtigen gefunden haben, wirst du deine Einstellung ändern. Oder besser gesagt, die richtigen. Genauso machen wir es mit dem Buchvertrag.«

»Ich will kein Buch schreiben.«

»Du schreibst doch schon eines.« Gwen hielt ihr Smartphone hoch, auf dessen Display die Webseite der Villa Liliput prangte. »Wenn die richtigen Leute ein bisschen daran feilen und du dir vielleicht noch ein paar zusätzliche Texte einfallen lässt, wird es ein Knaller. Der Tisch im Eingangsbereich von Buchladenketten wie Barnes and Noble wäre dir sicher. Insbesondere dann, wenn wir ein paar gute Bewertungen von Promis kriegen.«

Myra hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und ihr Herz begann zu rasen. »Das ist mir zu viel, Gwen.«