Dash & Lily – Vorsicht, Glatteis! - Rachel Cohn - E-Book

Dash & Lily – Vorsicht, Glatteis! E-Book

Rachel Cohn

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Beschreibung

Dash und Lily wagen den Sprung über den großen Teich und kämpfen in London um ihre Liebe

Dash und Lily fühlen sich einander so nah wie nie … wäre da nicht ein ganzer Ozean, der zwischen ihnen liegt. Denn Dash besucht seine Traum-Uni, die Oxford University, während Lily ihre Zeit allein in New York verbringt. Sie tröstet sich mit dem Gedanken, dass sie Dash an Weihnachten sehen wird. Doch dann lässt Dash die Bombe platzen: Er wird die Feiertage in England verbringen. Nach dem ersten Schock fährt Lily kurzerhand nach London, um Dash zu überraschen und mit ihm eine unvergessliche Adventszeit zu verbringen. Doch das stellt ihre Beziehung unverhofft auf eine harte Probe. Wird London die beiden wieder zusammenbringen – oder wird es das Aus für Dash und Lily bedeuten?

Alle Bände der »Dash & Lily«-Reihe:
1. Dash & Lily – Ein Winterwunder
2. Dash & Lily – Neuer Winter, neues Glück
3. Dash und Lily – Vorsicht, Glatteis!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rachel Cohn ♥ David Levithan

Aus dem Amerikanischen

von Bernadette Ott

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Erstmals als cbt Taschenbuch November 2021 © 2020 by Rachel Cohn & David Levithan

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel Mind the Gap, Dash & Lily bei Alfred A. Knopf, einem Imprint von Random House Children’s Books, einer Sparte von Penguin Random House LLC, New York.

© 2021 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Bernadette Ott

Lektorat: Regine Teufel

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Umschlagmotive: © Getty Images (SimonSkafar)

KH · Herstellung: ik

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-28063-5V001

www.cbj-verlag.de

Allen Leser*innen gewidmet, die schon einmal eine Wallfahrt zur New Yorker Buchhandlung Strand unternommen haben.

einsLILY

21. Dezember

Ich bin erst dann glücklich, wenn Dash an Weihnachten schlecht drauf ist. Weil ich dann diejenige sein kann, die auf sein Weihnachtshasser-Gesicht ein Lächeln zaubert.

Eine Smiley-Miene ist bei Dash nämlich die absolute Ausnahme. Dinge, die einen normalerweise zum Lächeln bringen – wie ein großer Hund, süße kleine Zwillinge, die im Sandkasten wie betrunkene Piraten herumtapsen, oder eine nass geregnete Person, die es endlich schafft, ein Taxi herbeizuwinken –, lassen seine Mundwinkel noch lange nicht nach oben gehen. Was dagegen bei ihm ein Hochziehen der Mundwinkel auslöst: ein großer Hund, der mit seiner Hundescheiße bewirkt, dass ein Insta-Hipster bei seinem Spaziergang im Park live ausrutscht; süße kleine Zwillinge, die ihre Trinkflaschen zu Keulen zweckentfremden und aufeinander losgehen, was in einer allgemeinen Rauferei mit viel Sand und jeder Menge wütender Eltern endet; ein Taxi, das einen arroganten Wall-Street-Banker direkt neben einer knöcheltiefen Pfütze absetzt.

Ich will ja nicht wie jemand wirken, die so was nötig hat, aber für solche Momente lebe ich: wenn auf dem Gesicht von Dash ein Lächeln zu sehen ist. Was leider selten genug vorkommt. Sein Lächeln ist so rein und hell, vielleicht weil es so unerwartet ist und unverfälscht. Glaubt mir, damit könnte man jeden Weihnachtsbaum beleuchten. (Wenn er mich das sagen hören würde, würde es sofort verschwinden und wahrscheinlich nie mehr zurückkehren.)

Ich bin wild entschlossen, ihm zu Weihnachten dieses Lächeln ein paar Mal zu entlocken. Und überhaupt ist es viel zu lange her, dass ich sein Gesicht gesehen habe, egal ob mit Lächeln oder ohne! Im Frühjahr, noch bevor wir beide unseren Highschool-Abschluss in der Tasche hatten, eröffneten sich ihm bereits zwei tolle Möglichkeiten. Sie hatten ihn an der Columbia genommen, was hieß, dass er in New York bleiben konnte – worüber ich mich total freute. Und er war tatsächlich in Oxford in England genommen worden, was ihn als anglophilen Literaturliebhaber und Büchernarren superglücklich machte, mitsamt der Tatsache, dass zwischen ihm und seinen Eltern ein ganzer Ozean liegen würde, sozusagen als Riesenzugabe obendrauf. (Ich finde ja, dass sie ganz nett sind. Aber kompliziert. Und auf die nicht witzige Weise.)

Dash und ich sind jetzt seit zwei Jahren zusammen, und obwohl ich normalerweise nicht sehr selbstlos bin, wenn es darum geht, Menschen oder Tiere, die ich liebe, loszulassen, habe ich ihm zugeredet, nach Oxford zu gehen. Es war immer sein Traum gewesen – und jetzt konnte er ihn wahr werden lassen! Ich selbst hatte meine Einschreibung am Barnard College um ein Jahr verschoben. Ich wollte die Zeit nutzen, um mich erst einmal auf mein Dogwalking-Business zu konzentrieren und als ehrenamtliche Helferin in der Einrichtung für betreutes Wohnen zu arbeiten, in der Grandpa jetzt lebt. Der Riesenbonus für mich – für uns beide, für Dash und mich – war dabei, dass ich mehr Zeit haben würde, ihn in England zu besuchen, weil ich ja nicht in die Uni gehen musste. Das machte für ihn und mich die Entscheidung für Oxford und die Trennung leichter, als es so weit war.

So hatten wir uns das jedenfalls gedacht. Aber dann übertraf das Wachstum meines Dogwalking-Business meine wildesten Erwartungen und beanspruchte mehr von meiner Zeit, als ich mir das jemals ausgemalt hätte. Ich habe Dash seit August nicht mehr gesehen. Ich möchte mit den Händen durch seine Haare fahren, die noch länger als vorher sind, weil er in Oxford so viel studieren muss, dass er keine Zeit für den Friseur hat. Er scheint auch nicht genug Zeit zu haben, um sich jeden Morgen zu rasieren. Ich konnte mir bisher nie vorstellen, dass ein ungepflegter, unfrisierter Look mir mal bei Männern gefallen würde, und es hat auch nicht nur damit zu tun, dass ich Dash so sehr vermisse – aber ich mag Dreitagebärte plötzlich. Ich kann es kaum erwarten, seinen Stoppelbart zu küssen.

Sein neues Leben in England scheint aber auch anders zu sein, als Dash es sich vorgestellt hat. Ich hab das Gefühl, dass es ihm nicht so gefällt, wie er dachte. Oder vielleicht hat es ja auch mit Oxford zu tun, mit den vielen Regeln und Traditionen, die sie dort haben. Dash spricht das nicht so aus, aber ich bin seine Freundin, ich spüre so was. (Sein Gemurmel, dass er sich nächstes Jahr möglicherweise irgendwo anders einschreiben will, war natürlich ein starker Hinweis. Ich bin schließlich keine Hellseherin. Obwohl ich das gerne wäre!)

Ich dachte immer, dass wir über das alles reden würden, wenn er über Weihnachten nach Hause käme. Aber zwei Wochen vor Thanksgiving hat er dann die Bombe platzen lassen. Er rief mich wegen »eines Gesprächs« an. Die Sorte Gespräch, der eine schriftliche Ankündigung vorausging. Deshalb wusste ich davor bereits, dass es kein gutes Gespräch sein würde. Obwohl ich ja noch Glück hatte, denn es handelte sich wenigstens nicht um den Typ Gespräch, den laut Robyn, einer unserer Lieblingssängerinnen, manche Jungs mit ihren Freundinnen haben. Oder um ein »Vielleicht ist es besser, wenn wir beide uns auch mal woanders umsehen«-Gespräch. Dafür ließ Dash die Weihnachtsbombe platzen. Die »ICH WERDE WEIHNACHTEN BEI MEINER GROSSMUTTER IN LONDON VERBRINGEN, STATT NACH HAUSE ZU FLIEGEN, UM BEI DIR IN NEW YORK ZU SEIN«-Bombe.

Triggerwarnung: kompletter Lily-Zusammenbruch.

Tief durchatmen. Lang und tief. Yoga. Soul Food.

So schaffte ich es, erst mal über die Runden zu kommen. Als ich nach dem Schock wieder ins Leben zurückkehrte, wurde mir klar, dass ich zwei Möglichkeiten hatte. Erstens, mich vernünftig verhalten, seine Entscheidung akzeptieren und Weihnachten zu Hause mit meiner Familie verbringen wie jedes Jahr, was ja eigentlich das Schönste ist, obwohl ich Dash dieses Jahr dann doch sehr vermissen würde.

Ich hasse es, vernünftig zu sein.

Oder zweitens, ich könnte …

»Ein grässlicher Einfall, Lily Bear«, sagte mein Cousin Mark, als wir beide mit Sorgenfalten auf der Stirn zur Wanduhr hinter der Ladenkasse schauten. Es war zehn nach sechs p.m. oder 18:10 Uhr, wie sie in England sagen, weil sie aus irgendeinem Grund die Zeitangaben benutzen, die beim Militär üblich sind. »Das ist nicht die Sorte Überraschung, die Männer bei Frauen lieben, glaub mir. Und erst recht nicht ein Junge wie Dash. Ich hätte dir besser nicht anbieten sollen, dass du bei uns übernachten kannst, während du dich auf deinen Überfall vorbereitest.«

Oder zweitens, surprise surprise, ich könnte einfach in London auftauchen!

Es war eine total spontane Last-Minute-Entscheidung von mir, die jede Menge Terminjongliererei und wütende Textnachrichten von meiner Mutter zur Folge hatte, in deren Vorweihnachtsplanung nicht gehörte, dass ich ihre Erwartung an mich, 24 Stunden pro Tag verfügbar zu sein, um ihr beim Putzen, Einkaufen und Kochen für den großen Tag zu helfen, vollständig sabotierte. Aber vielleicht war sie auch genauso erleichtert wie ich, dass wir mal eine Pause voneinander hatten. Seit ich beschlossen hatte, das College um ein Jahr zu verschieben, hatte Mom es sich zur Aufgabe gemacht, mich ständig daran zu erinnern, dass ein Sabbatjahr »auch wirklich nur ein Sabbatjahr ist, Lily, nicht mehr«. Man sollte meinen, dass sie mir applaudieren würde, weil ich ein erfolgreiches Dogwalking-Business betrieb, mitsamt Social-Media-Präsenz – und als Spin-off gerade mit einer Kollektion von selbst gefertigtem Hundezubehör gestartet hatte, die echt gut lief. Aber Mom hält meine unternehmerischen Aktivitäten für eine »Ablenkung«. Sie hört nicht auf, mir in Erinnerung zu rufen, dass es mein vordringlichstes Ziel sein sollte, einen College-Abschluss zu machen. »Jede Menge Likes anzuhäufen und Pullover für Chihuahuas zu stricken, bereitet dich nicht darauf vor, eigenständig denken zu lernen, Lily.«

Ich denke nicht nur, dass sie damit falschliegt. Ich weiß es.

Außerdem wusste ich, dass ich unbedingt meinen Freund wiedersehen musste, je früher, desto besser! Meiner Mutter zu entkommen und unserer gemeinsamen Wohnung, die mir in letzter Zeit sehr, sehr klein vorkam, war da nur noch das Sahnehäubchen.

»Er wird bestimmt kommen«, sagte ich zu Mark, obwohl ich allmählich daran zu zweifeln begann. »Und bitte nenne mich im Ausland nicht Lily Bear! Ich will hier ein neuer Mensch sein, nicht mehr das Baby in unserer Familie.«

Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass ich in London war! Noch nie hatte ich so eine weite Reise gemacht und ich war total begeistert. Die Londoner U-Bahn! Dieser Akzent! Die Cadbury-Schokolade! Natürlich war ich mein Leben lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen, hatte schon immer Englisch gesprochen und war eine Schokoladenexpertin, aber hier in London fühlte sich alles so neu und aufregend an. Ich liebte es, wenn die U-Bahnfahrer den Fahrgästen, die aus- oder zusteigen wollten, warnend zuriefen: »Mind the gap!« Achtung, Lücke! Fallstrick! Vorsicht, Glatteis! Stolpergefahr! Jedes Mal hatte ich dabei das Gefühl, dass dies mit einem heimlichen Augenzwinkern an mich verbunden war. Einem geheimen Einverständnis, dass London vielleicht der Platz sein würde, an dem ich definitiv herausfinden würde, was ich nach diesem Lückenjahr mit meinem Leben anstellen wollte. Nicht was andere für mein Leben planten – sondern was ich selbst wollte. Achtung, Unterschied! Hörst du, Mom?

Das Event sollte um sechs Uhr starten, also ich meine um 18 Uhr. Richtig? Puuh, immer diese Umrechnerei! Mark versicherte mir, dass Veranstaltungen in Buchhandlungen nie pünktlich anfingen, aber der Raum war bereits voller Leute, die darauf warteten, dass es losging, und Dash war nirgendwo zu erblicken. Trotz meiner sehr speziellen Einladung, die in meinem Adventskalender an diesem Tag als Geschenk auf ihn wartete. Nur eine kleine Notiz, nichts weiter.

Daunt Books / Marylebone, 6 p.m., 21. Dezember

Um des reinen, alle Widerspenstigkeit überwindenden Begehrens willen.

Wie würde Dash da widerstehen können? Er liebt Schnitzeljagden und Schatzsuchen. Vor allem, wenn es dabei um Literatur geht. Unsere Beziehung begann damit, dass wir uns gegenseitig in einem roten Moleskine-Notizbuch, das wir zwischen den Büchern in einem Buchregal bei Strand versteckten, kleine Rätselaufgaben stellten. Das war an Weihnachten vor zwei Jahren. Dieses Jahr, so hatte ich beschlossen, wollte ich die Tradition fortsetzen, allerdings mit britischem Flair. Direkt nach Thanksgiving schickte ich Dash ein Päckchen mit einem selbst gebastelten Adventskalender. Ich liebe es, eine neue Weihnachtstradition einzuführen, und ich liebe die Engländer für ihre Adventskalender, die am 1. Dezember anfangen und am 24. Dezember aufhören. Man kann damit so schön die Tage bis Weihnachten zählen. Ehrlich gesagt, war es nicht ohne, so einen Adventskalender zu basteln, schließlich gibt es ja hunderteins Möglichkeiten, wie man so was machen kann. Danke, Pinterest – durch dich habe ich auf der Suche nach Bastelideen eine Woche meines Lebens verloren. Aber das Ergebnis war dann wunderbar.

Mein Adventskalender für Dash bestand aus einer hölzernen Buchattrappe. Schlug man das Buch auf, kamen darin vierundzwanzig selbst gebastelte Schächtelchen zum Vorschein, jedes mit einer Ziffer beklebt. An diesem Kalendertag durften sie geöffnet werden. In jeder Schachtel steckte ein kleines Geschenk, meistens so Sachen, wie man sie auch in Weihnachtsstrümpfe steckt, Tee, Schokolade, Kekse, aber andere waren persönlichere Geschenke, zum Beispiel:

Am 1. Dezember ein Gutschein über 50 £ für Pret a Manger, Dashs englische Lieblingsmittagslocation. Er ist süchtig nach ihren Cheddar-und-Chutney-Sandwiches und behauptet, sie seien in London viel besser als die, die Pret in seinen Läden in NYC verkauft.

Am 5. Dezember eine Kinokarte für den diesjährigen Weihnachtsblockbuster-Film, Cyborg Santa, in 3-D. Dashs lakonischer Kommentar dazu: »Stirb langsam mal, Santa.«

Am 8. Dezember ein Geschenkgutschein für unendliches Nackenkraulen. Ich weiß, dass er so ein albernes Geschenk nie zu schätzen wissen wird. Aber allein die Vorstellung, wie er beim Anblick des Gutscheins das Gesicht verzieht, ließ mich bereits kichern.

Am 14. Dezember mein persönliches Lieblingsgeschenk, einen Mini-USB-Stick mit einer Fotoserie, die ich meinem Hund Boris abgerungen hatte (und damit meine ich wortwörtlich abgerungen, mit vollem Körpereinsatz). Boris ist ein riesiger Bullmastiff, der es nicht mag, in ein Weihnachtskostüm gesteckt zu werden, um dann vor Dashs Lieblingsorten wie Strand, dem Prospect Park Bandshell und der New York Public Library zu »posieren«.

Am 17. Dezember eine Mini-Legofigur von Truman Capote.

Und heute die Einladung zu Daunt Books. Als ich den Adventskalender bastelte, hatte ich ursprünglich nur im Kopf, Dash zu einer Veranstaltung nach London zu locken, von der ich durch meinen Cousin Mark wusste – und von der ich mir sicher war, dass sie ihm gefallen würde. Da hatte ich noch nicht gewusst, dass das eigentliche Geschenk für Dash an dem Tag in meinem höchstpersönlichen Aufkreuzen dort bestehen würde!

Viertel nach sechs.

Marks frischgebackene Ehefrau Julia kam zu uns an die Kasse. »Ich glaube, wir sollten jetzt bald anfangen«, sagte sie.

»Bitte, können wir noch ein paar Minuten warten?«, fragte ich. »Ich weiß, dass er gleich kommen wird.«

»Vielleicht hat die U-Bahn ja Verspätung«, sagte Julia, weil sie nett zu mir sein wollte. »Na gut, ich geb noch ein paar Minuten drauf.«

Sie schien zu zögern, was bei jemandem, der so selbstbewusst war wie sie, überraschte. Aber ich wusste, dass sie nervös war. Nicht wegen Dash natürlich, nicht ob er nun kam oder nicht. Als ich gestern Abend in der Wohnung von den beiden aufkreuzte, ging sie mit Mark gerade alle Details der literarischen Leichenfledderei durch, die sie sich ausgedacht hatte. Ob ihre Schnitzeljagd wohl funktionieren würde? Meine Meinung, nachdem ich mir das alles angehört hatte? – Da wäre ich an ihrer Stelle auch nervös.

Mein Cousin Mark, der viele Jahre bei Strand gearbeitet hat, kam vor einem Jahr auf die Idee, mal Urlaub in England zu machen. Und eine der Sehenswürdigkeiten, die er in London ansteuerte, war die Buchhandlung Daunt Books, die ihm als besonderer Tipp von anderen Bücherfreaks ans Herz gelegt worden war. Dort würde es ihm gefallen, hatten sie zu ihm gesagt. Und tatsächlich wurde ihm dort ganz warm ums Herz. Bei Daunt Books im Londoner Stadtteil Marylebone, untergebracht in einem dreistöckigen Haus im Stil von King Edward, innen mit Eichenbalustraden und blaugrünen Wänden, mit einem Glasdach wie ein Gewächshaus und mit bunten Glasfenstern, lernte er nämlich Julia Gordon kennen, eine jamaikanisch-jüdische Londonerin, die nach ihrem Literaturwissenschaftsstudium mitsamt Doktortitel in Cambridge gerade einen Marketingjob bei Daunt angenommen hatte. Wir können es alle immer noch nicht fassen, dass sie Mark dazu gebracht hat, nach London umzuziehen und sie dann sogar noch zu heiraten.

Julia träumt von einer Agentur für literarische Stadtspaziergänge und außerdem wollte sie vor Weihnachten Extrawerbung für die Buchhandlung machen. Deshalb launchte sie die erste Daunt-Books-Bibliophile-Cup-Challenge. Was Dash erfahren würde, wenn er im Laden aufkreuzte, so wie es ihm der Adventskalender sagte. Es war nicht mein Jetlag, was mich daran zweifeln ließ, ob Julias Plan wirklich aufgehen würde. Ich machte mir eher Sorgen, dass sie zu den Leuten gehörte, die zwar geniale Einfälle haben, aber überhaupt keinen Sinn für die praktische Durchführung. Ich stamme aus einer Akademikerfamilie – ich kenne diesen Typ Mensch. Als sie mir erklärt hat, wie ihre Schnitzeljagd funktionieren sollte, fiel mir sofort auf, dass es da jede Menge Details gab, über die sie sich überhaupt keine Gedanken gemacht hatte. Zum Beispiel, ob es an dem Tag einen Staatsbesuch gab, der Verkehrsstaus verursachen konnte. Oder vielleicht gab es dann ja auch Demos? Und was ist überhaupt mit Tarifverträgen bei Weihnachtsmännern? Darf von ihnen verlangt werden, dass sie sich in einem solchen Fall zu Fuß fortbewegen? Und dazu noch anspruchsvolle, unberechenbare Kundinnen und Kunden. DAS WETTER. Ich bin eine Dogwalkerin in New York. Ich muss andauernd über solche praktischen Fragen nachdenken. Julia lebt ganz in ihren Büchern. Sie ist es nicht gewohnt, sich so wie alle anderen Menschen andauernd der Wirklichkeit zu stellen. Aber ich habe sie unterstützt, weil ich es gut finde, dass sie was Eigenes auf die Beine stellen will – und mir wünsche, dass Mom mich bei meinem Dogwalking-Business auch unterstützen würde.

»Hat doch gut funktioniert«, sagte Mark stolz und erleichtert zu seiner frisch angetrauten Ehefrau. Julia hatte über verschiedene soziale Medien zu ihrer Daunt-Books-Challenge aufgerufen. Aber woher wollte sie wissen, ob so kurz vor Weihnachten irgendwer überhaupt Lust auf eine literarische Schnitzeljagd hatte?

Ungefähr zwanzig Leute standen bei dem angegebenen Treffpunkt im Laden. Dann setzte mein Herz einen Schlag lang aus. Nicht, weil Dash immer noch nicht da war. Sondern, weil zwei andere Personen da waren. Ich erspähte ein Paar, das mir bekannt vorkam. Ganz sicher war ich mir zuerst noch nicht. Aber dann sagte das Mädchen – sie trug einen wunderschönen, smaragdgrünen Seidenschal in den Haaren, genau so einen, wie ich ihn auf den Fotos gesehen hatte, die Dash mir aus Oxford geschickt hatte – laut zu dem Jungen: »Team Brasenose wird nicht aufzuhalten sein. Hab ich recht, Olivier?« Woraufhin der Typ namens Olivier sie anlächelte, als ob ihm sowieso die ganze Welt gehören würde, und antwortete: »Stimmt, Azra-Darling. Geschenkt.« So hatte Dash mich noch nie angelächelt.

SO VERY SNOBISTISCH BRITISH!

Bei den beiden handelte es sich um Olivier Wythe-Jones und Azra Khatun, die mit Dash in Oxford studieren. Sie verkörpern für ihn alles, was er an Oxford nicht mag.

In England funktionieren die Unis vollkommen anders als bei uns in Amerika. Schon allein die Bezeichnungen. Du studierst kein Fach, du »liest« es. Du machst auch keine Prüfung, sondern du »sitzt« sie ab (und trägst dabei eine akademische Robe!). Studienanfänger heißen »Frischlinge«. Und du studierst auch nur ein Fach, nicht mehrere. Statt Semestern gibt es drei achtwöchige Studienabschnitte pro Jahr, die lustig klingende Bezeichnungen haben: Michaelmas, Hilary und Trinity. (Macht ungefähr so viel Sinn wie die Uhrzeitangaben der Briten oder eine Währung, bei der das Geld nach Gewicht sortiert wird.) Die Unis bestehen in Wirklichkeit aus einer Ansammlung verschiedener Colleges, die alle ihren sehr eigenen Charakter haben, wie die Häuser in Hogwarts, was ich echt cool finde. Dash hat sich in Oxford am Brasenose College eingeschrieben, für den »Klassik-Kurs« in Englischer Literatur, er »liest« also nicht nur Englisch, sondern auch Latein und Griechisch, was ziemlich mühsam sein muss. Der Hauptvorteil daran ist, dass sie dort im Wohnheim nur Einzelzimmer haben. Einen Mitbewohner hat er also verhindern können, nicht aber das tägliche enge Beisammensein mit seinen Mitstudierenden, auf die er keine große Lust hat. Das Alphapärchen am Brasenose war das absolut nervige Duo aus diesem Olivier Wythe-Jones und dieser Azra Khatun – oder wie Dash sie beschrieben hatte: »Stell dir vor, Draco Malfoy verbündet sich mit Fleur Delacour.«

Fast hoffte ich schon, dass Dash nicht mehr kommen würde.

Aber ich war allmählich auch verwirrt. Keiner kennt Dash besser als ich – oder jedenfalls hatte ich das bisher gedacht. Niemals würde er so eine Herausforderung nicht annehmen: eine literarische Schnitzeljagd! Dazu ist der Nerdfaktor in ihm viel zu stark. Und dafür liebe ich ihn ja auch so sehr. Außerdem waren wir wie gesagt schon seit zwei Jahren zusammen. Sollte er nicht irgendwie spüren, dass ich in der Nähe war? Sollte er nicht spüren, wie viele Opfer ich gebracht hatte, um ihm diese riesengroße Weihnachtsüberraschung zu bereiten? Ich hatte mein Dogwalking-Business zur hektischsten Zeit des Jahres im Stich gelassen! Ich erlaubte meinem Bruder, für mich den Job zu übernehmen, während ich fort war! Ich hatte Langston so sorgfältig wie möglich eingewiesen, trotzdem machte ich mir Sorgen. Wie viele Dogwalking-Kund*innen würden mir bei meiner Rückkehr noch geblieben sein?

Ein Mann mit Glatze und Regenmantel, der schon ziemlich weit in seinen besten Jahren war, kam auf mich zu. »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie das jetzt frage«, sagte er. »Aber dürfte ich vielleicht ein Foto von Ihnen und mir machen?«

Mein Cousin Mark, der gerne den großen Bruder spielt, beäugte ihn misstrauisch. »Warum wollen Sie ein Foto von sich und ihr haben?«

Der Mann antwortete: »Sie sind Lily, die Dogwalkerin, richtig?«

Ich nickte. Das passiert mir inzwischen manchmal. Ich werde von wildfremden Leuten erkannt. Seit diese superbekannte, hundenärrische Social-Media-Celebrity meinen Account auf Instagram beworben hat, ist die Anzahl meiner Follower*innen explodiert. Außerdem bin ich in der letzten Ausgabe des Dog-People-Magazins, die der Mann in der Hand hatte, als eine/r der Top Ten Dogfluencer*innen genannt, die noch von sich reden machen werden. Auf meiner Website habe ich seit einiger Zeit ja auch angefangen, selbst gefertigtes Hundezubehör zu verkaufen – und zu meiner großen Überraschung läuft das Geschäft. Die Sachen verkaufen sich sogar richtig gut!

Mark machte brummend ein Foto von mir mit dem Mann, der mich fragte: »Sind Sie für die CSWED in der Stadt?«

»Ich wünschte, es wäre so«, sagte ich. Die CSWED – Canine Supporters World Education Conference – ist die weltweit größte Konferenz zu Hunderechten. Da gibt es so großen Nachholbedarf! Aber ich musste zurück nach Hause. Meinen Rückflug hatte ich am sehr frühen Morgen des 26. Dezember gebucht. Auch wenn die Woche vor Weihnachten bei mir zu den hektischsten Arbeitswochen zählte, konnte ich es mir da so gerade noch mal erlauben, nach London zu entfliehen. Aber die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr ist wirklich die Hochsaison der Hochsaisons für alle Dogwalker*innen. Da konnte ich unmöglich weg – und ausgerechnet in der Woche fand in London die GOADC (Greatest of All Dog Conferences) statt.

Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht diesem fremden Mann gegenüber auszuplaudern, was ich noch nicht einmal Dash oder meinen Eltern erzählt hatte. Die Organisation, die hinter dieser Konferenz stand, war nämlich das Pembroke Canine Facilitator Institute (PCFI), und dieses weltberühmte Lehrinstitut hatte mir für das kommende Studienjahr einen Platz angeboten! Das PCFI ist so etwas wie das Harvard der Hundeerziehungsschulen. Wenn ich bisher noch niemandem davon erzählt hatte, dann deshalb, weil ich zuerst wissen wollte, ob mir London gefiel – und weil ich mir sicher war, dass meine Eltern mich umbringen würden, wenn ich da hinging. Sie waren ganz klar dagegen gewesen, dass ich Barnard um ein Jahr verschob, und falls ich einen Jahreskurs am PCFI belegte, würden sie das als Zeichen auffassen, dass ich mich vor dem College weiter drücken oder sogar ganz auf einen Collegeabschluss verzichten wollte.

Womit sie recht hätten.

Zwanzig nach sechs.

»Ich muss jetzt anfangen, Lily«, sagte Julia. »Tut mir leid.«

Wo war er? »Ja klar, verstehe ich«, sagte ich. Frustriert war ich trotzdem. Ich hatte mich so auf den Moment gefreut, wenn Dash mich in der Buchhandlung entdecken würde. Und jetzt war er gar nicht aufgetaucht. Aber vielleicht kam er ja noch. Ich war wild entschlossen, jetzt nicht alles zu ruinieren und die Überraschung total kaputt zu machen, indem ich ihm Wo bist du? textete.

Julia sprach in ein Mikrofon. »Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind! Ich bin Julia Gordon, die Marketingmanagerin hier bei Daunt, und heiße Sie herzlich willkommen bei unserer ersten Daunt-Books-Bibliophile-Cup-Challenge, die von nun an hoffentlich jedes Jahr stattfinden wird!«

Es war totenstill. »Warum ruft keiner etwas oder applaudiert?«, flüsterte ich Mark ins Ohr.

»Engländer machen so was nicht. Das ist typisch amerikanisch.«

»Und was ist bei den Fußballspielen?«

»Okay, du hast recht, da jubeln und singen sie. Aber nicht ohne vorher jede Menge Bier getrunken zu haben.«

Julia sprach weiter und hielt ein iPad in die Luft. »Ich habe hier die Namen aller Teams, die sich angemeldet haben. Wenn Ihr Team aufgerufen wird, bitte ich jeweils ein Mitglied nach vorne, um meine Hinweise für die erste literarische Station entgegenzunehmen. Es gibt Punkte für jede literarische Stätte, die Sie richtig erraten haben, und Zusatzpunkte für Teammitglieder, die vor Ort zusätzliche Wissensfragen beantworten. Sobald Sie mir Ihre Antworten geschickt haben, wird Ihnen die nächste Rätselfrage gestellt. Die letzten Hinweise erhalten Sie am Morgen des 23. Dezember. Hier auf meinem iPad werde ich die Punkte zusammenzählen. Meine Kolleginnen werden mich darüber informieren, wer vor Ort jeweils die Zusatzfragen beantwortet hat. An Heiligabend erhalten die beiden Gewinnerteams dann von uns Geschenkgutscheine in Höhe der erreichten Punktzahl. Viel Glück! Und Danke an alle, die teilnehmen.«

»Und dann ist da noch was!«, rief Mark.

Julia seufzte unmerklich. »Ja. Mein amerikanischer Mann beharrt darauf, dass es einen echten Preis geben muss, damit alle ihr Bestes geben …«

Mark zog unter einem Tisch mit Mysterythrillern etwas hervor und brachte es zu Julia, die mit ihrem Mikrofon vor den versammelten Teams stand. Es handelte sich um eine riesige Trophäe, noch größer als mein riesiger Bullmastiff, und zwar nicht wie üblich in Form eines Pokals, sondern es war eine Bücherstapelskulptur. »Der Daunt-Books-Bibliophile-Cup!«, rief Mark in die versammelte Stille hinein.

Im Kopf jubelte ich Mark zu: Wow, eine Trophäe! Aber die englischen Literaturfans waren total unbeeindruckt. Oder falls sie doch beeindruckt waren, dann zeigten sie es verdammt noch mal nicht.

Julia händigte allen Teams Umschläge mit den ersten Hinweisen aus. Mark kehrte zu mir zurück, in der Hand den Umschlag, der für mich und Dash bestimmt war. Wir sollten das Team Strand bilden. »Na, dann werden halt du und ich uns auf die Schnitzeljagd machen«, sagte Mark.

Er öffnete den Umschlag und wir lasen den verrätselten Hinweis auf den ersten literarischen Ort:

In der Nähe der Heide,

Wo Badende so manchen Teich finden.

Hier ruht einer, dessen Name in Wasser

geschrieben war.

»Kinderleicht«, sagte Mark.

»Stimmt.« Ich fand überhaupt nicht, dass es kinderleicht war. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was damit gemeint war. Aber ich wusste inzwischen, dass Mark mit seiner Meinung über Dash recht gehabt hatte. »Ich hätte nicht versuchen sollen, ihn zu überraschen.«

Ich liebe meinen Cousin. Aber ich hatte diese weite Reise gemacht, um mit meinem Freund auf Schatzsuche zu gehen, nicht mit Mark.

Ich hatte mich schon so lange danach gesehnt. Ich wollte Dashs strubbelige Haare und seinen strubbeligen Bart sehen. Sein schräges, ironisches Lächeln. Seine schwarze Röhrenjeans und welchen Pulli von bester Qualität auch immer er im Moment bevorzugte. Weihnachten war noch nicht verdorben. Ich werde Dash finden, und es wird sich herausstellen, dass das alles ein großes Missverständnis war und …

Plötzlich ging die Tür der Buchhandlung auf und eine ältere Dame in einem eleganten Hosenanzug kam herein, eine Katze an der Leine. Uaaah. Katzenmenschen. »Kommen wir zu spät?«, fragte die Dame laut mit einem so übertriebenen britischen Upperclass-Akzent, wie ihn sich auch gut jemand zugelegt haben kann, der in Wirklichkeit aus Sheepshead Bay, Brooklyn, stammt. Ein Gentleman in elegantem Anzug mit Zylinder folgte ihr. Er nahm den Hut mit schwungvoller Geste ab und wandte sich zu ihr. »Niemals, meine Liebe«, sagte er. »Die Welt wartet auf dich.«

Der Gentleman war Dash. DASH! Mein Liebster! Seine langen Haare waren verschwunden, Kinn und Wangen waren glattrasiert. Er blickte fröhlich drein. Lächelte.

Und plötzlich wurde mir klar: Der Mensch, von dem ich dachte, ich würde ihn am allerbesten kennen ... Ich kannte ihn überhaupt nicht.

zweiDASH

21. Dezember

Dies ist die Geschichte von einem Jungen, der etwas verlor, dann etwas fand und danach herausfinden musste, was er als Nächstes tun wollte.

Es beginnt, was denkwürdig genug ist, mit einem Sweatshirt in Kindergröße.

Ich war damals sieben, vielleicht acht. Ich kam aus der Schule, stapfte für einen kleinen Nachmittagsimbiss in die Küche, und da stand auf dem Küchentisch eine große Pappschachtel, über und über mit Briefmarken beklebt. Sie zeigten alle eine Frau, in der ich undeutlich eine Königin erkannte. Obwohl sie vielfach abgestempelt und von der langen Reise etwas mitgenommen war, hatte die Königin von ihrer königlichen Haltung nichts eingebüßt. Ich bewunderte sie deswegen. Als ich das Päckchen genauer studierte, entdeckte ich erschrocken und erfreut, dass darauf mein Name stand: Was bedeutete, dass es für mich war.

»Das ist von deiner Großmutter«, sagte meine Mutter, als sie mich bei meinem neugierigen Studium überraschte. Ihre Stimme klang eher zu Tode erschrocken als erfreut.

Sofort stellte mein junges Gehirn eine neue Synapse her, und ein paar Jahre lang – mindestens – hatte meine Großmutter für mich das Gesicht der Queen von der Briefmarke. Es handelte sich um die Mutter meines Vaters, an die ich keinerlei Erinnerung hatte. Auf das, was meine Eltern über sie erzählten, konnte ich mir keinen rechten Reim machen. Es fing schon damit an, dass sie meinen Großvater angeblich verließ, weil sie sich in einen Stein verliebt hatte. So hörte ich es meine Mutter immer ihren Freundinnen und Freunden erklären, wenn mein Vater gerade nicht im Zimmer war. Meine Großmutter hatte es angeblich nach England verschlagen, weil sie unsterblich in einen Stein verliebt war. Das mit dem Stein hatte nicht sehr lange angehalten (das leuchtete mir schon eher ein), aber die Geschichte war für sie der Anstoß gewesen, nach London umzuziehen, um dort »ein neues Leben zu beginnen«, wie meine Mutter es nannte. Irgendeine Freundin fragte dann jedes Mal, welcher Stein denn, und meine Mutter antwortete, sie sei sich da nicht sicher, das alles habe sich abgespielt, lange bevor sie selbst auf der Bildfläche erschienen sei. Erst als ich Jahre später, mit ungefähr zwölf, wieder einmal eines dieser Gespräche mitbekam, kapierte ich, was damals wirklich geschehen war. Meine Großmutter war nicht in einen Stein verknallt gewesen, sondern in ein Mitglied der Rolling Stones.

Einmal im Jahr rief sie bei uns an, zum Geburtstag meines Vaters. Pflichtbewusst, ohne Begeisterung beantwortete er ihre Fragen. Der Hörer wurde danach erst an meine Mutter weitergereicht, dann an mich. Meine Großmutter schien immer entzückt zu sein, dass sie eine Weile mit mir sprechen konnte. Aber ich wusste nie, was ich zu ihr sagen sollte.

Zu meiner Geburt hatte sie Spielsachen und Plüschtiere geschickt, und später entdeckte ich sogar ein Foto von ihr, auf dem sie mich als Säugling, in eine Decke gewickelt, auf dem Arm hält. Bei uns an der Wand aufgehängt war das Foto nicht; ich fand es, als ich einmal das Babybuch Mein erstes Jahr in Bildern durchblätterte. Ein zweites Foto von ihr stöberte ich im Hochzeitsalbum meiner Eltern auf. Mit strahlendem Lächeln und in einem rosa Kleid mit Paisleymuster legt sie darauf die Hände meines Vaters und meiner Mutter ineinander. (Mein Großvater und seine neue Frau waren zur Hochzeit nicht gekommen, weil sie da schon Besseres vorhatten, nämlich Golfen, und weil sie meinem Vater nicht wirklich zutrauten, mit seiner Frau die richtige Wahl getroffen zu haben.)

Ich hatte noch nie zuvor ein Päckchen von meiner Großmutter bekommen, und der Zeitpunkt (meilenweit von meinem Geburtstag entfernt) machte es besonders spannend. Mit Klebeband war sie überaus großzügig gewesen, deshalb hatte ich ohne die Hilfe meiner Mutter und ihres scharfen Küchenmessers keine Chance. Die Tatsache, dass das Päckchen übers Meer zu mir gekommen war, verstärkte noch den Zauber, und der Inhalt enttäuschte mich auch nicht – was vermutlich heißt, dass meine Großmutter sich mit Kinderträumen nach wie vor auskannte: Ganz oben lagen mehrere Tafeln Cadbury-Schokolade, so etwas Schokoladiges hatte ich noch nie kennengelernt. Dann zog ich mehrere englische Roald-Dahl-Taschenbücher hervor, die ganz anders aussahen als die amerikanischen Roald-Dahl-Bücher. Danach einen Spielzeuglaster, von dem ich zuerst dachte, er würde Laurie heißen, bis meine Mutter mich aufklärte, dass man es anders aussprach. In das Feuilleton der Sonntagsausgabe des Guardian eingewickelt, entdeckte ich ein Stück roten Filz, das sich als hervorlugender Hut von Paddington entpuppte, der mein Lieblingsbär wurde. Und ganz unten lag ein Sweatshirt mit dem aufgedruckten Wappen der Oxford University. Ich zog es sofort an und es passte wie angegossen.

Auf dem Sweatshirt war mit einer Stecknadel ein Zettel befestigt, und darauf stand:

Könnte dir gefallen, hab ich mir gedacht.

Einfach so, als Geschenk für dich.

Herzlich, Oma

Ich war beglückt.

Mein Vater reagierte ungläubig und bissig, als er nach Hause kam. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«, fragte er, als ich ihm von dem Päckchen erzählte.

Meine Mutter beharrte darauf, dass ich mich für die Geschenke bedankte, und ich strengte mich an und schrieb Großmutter in meiner schönsten Schönschrift einen Brief. Und so begann ein ritueller Austausch, der sich zehn Jahre lang nach demselben Muster abspielte: Aus heiterem Himmel heraus schickte mir meine Großmutter ein Päckchen, immer mit mehreren Tafeln Cadbury-Schokolade und immer mit Büchern, und ich antwortete darauf mit einem Dankesbrief, aus dem sie das Allernotwendigste über mein Leben erfuhr. Zu den Büchern, die sie mir geschickt hatte, schrieb ich ihr dafür umso mehr. Das war unser alljährlicher Briefwechsel. Für unsere Beziehung war das ausreichend, und wir waren damit zufrieden, so wie es war.

In der Zwischenzeit wuchs und gedieh meine Oxford-Fantasie von Jahr zu Jahr. Oxford war mein literarisches Utopia. Ein Leuchtturm der Gelehrsamkeit inmitten einer Welt, die solches Wissen zunehmend zu verachten schien. Jedes Mal, wenn ein Klassenkamerad mich nicht verstand oder sich über mich lustig machte, träumte ich davon, dass es in Oxford jede Menge Leute geben würde, die genau wissen würden, was ich meinte. Jedes Mal, wenn mein Vater oder meine Mutter mich mit einem Blick ansahen, als wollten sie sagen: Wie konnte unsere gemeinsame DNA nur so einen pedantischen Besserwisser hervorbringen?, malte ich mir einen Oxford-Professor aus, der meine beharrliche Nachfragerei bewunderte, statt sich dadurch befremdet oder angegriffen zu fühlen.

Der Nachteil meines Traums von diesem real existierenden besseren Ort war mein ständig nagender Zweifel, ob ich auch wirklich gut genug sein würde, um zu dieser ehrwürdigen Institution zugelassen zu werden. Was, wenn meine Gedanken, die ich für tiefe Einsichten hielt, sich als bloßes Geschwafel entpuppten? Was, wenn ich zwar die richtigen Bücher las und mich mit den richtigen Denkern beschäftigte, es aber nicht fertigbrachte, auch selbst die richtigen Worte für alles zu finden? Zwischen Begabung und Anmaßung verläuft eine dünne rote Linie, die sich in meinem Kopf so oft verschob, dass ich mir nie sicher war, wo ich stand. Während des Bewerbungsprozesses hatte ich das Gefühl, mich auf die schlimmste Prüfung überhaupt eingelassen zu haben – ich konnte es ertragen, wenn meine Klassenkameraden mich für einen intellektuellen Snob und sonderbaren Kauz hielten, solange mein Do-it-yourself-Gelehrtentum von den Leuten anerkannt wurde, die ich selber anerkannte und schätzte. Aber was, wenn Oxford mich ausmusterte? Das wäre für mein Selbstbewusstsein verheerend gewesen – und war genau das, was ich in meinem unsicheren, zweifelnden, trüb gestimmten Herzen befürchtete.

Zu meiner eigenen großen Überraschung wurde ich genommen.

Meine Mutter war zufällig bei mir, als ich es erfuhr, und wir umarmten uns und weinten Freudentränen und fühlten uns einander so nahe, wie wir es nie gewesen waren. Stunden später ging ihr auf, wie weit weg von zu Hause ich sein würde, was ihre aufgeregte Vorfreude etwas dämpfte, und seither umwehte sie ein Hauch von Eau de Solitude. Ich ließ zwei Tage verstreichen, bis ich meinem Vater die große Neuigkeit mitteilte, und tat es auch nur, weil es unumgänglich war. Er führte inzwischen sein eigenes Leben, ohne meine Mutter und die allermeiste Zeit auch ohne mich. Ab und zu brach ich in seine Welt ein und musste dann seine tapsigen Versuche, für mich ein guter Vater zu sein, über mich ergehen lassen. Als ich ihm erzählte, dass sie mich in Oxford genommen hatten, gratulierte er mir – nicht mit einer Umarmung, nur mit diesem einzigen Wort: Glückwunsch. Dann fragte er mich fast im selben Atemzug, wie viel ihn das kosten würde. Als ich ihm den Betrag nannte, murmelte er etwas, das ich hier nicht wiedergeben möchte, und fragte mich dann, wo ich mich sonst noch beworben hatte. Bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen hatte ich ihm die ganze Liste vorgebetet, aber ich wiederholte ihm die Namen der anderen Unis noch einmal. Dabei schilderte ich ihm die Alternativen so freudlos wie möglich, damit er auch wirklich kapierte, wohin ich zum Studieren wollte.

Mein Glück war, dass die Freunde meines Vaters offensichtlich stark beeindruckt waren, als er ihnen erzählte, dass sie seinen Sohn in Oxford angenommen hatten; wo ich mir eine Bastion für Dichter vorstellte, mit ihrer eigenen Niedergeschlagenheit kämpfend, weil sie vergebens die Welt aus dem Sumpf zu ziehen versuchten, in dem sie immer stärker versank, sahen mein Vater und seine Freunde eine Talentschmiede für future leaders. Als ich spürte, dass aus dieser Richtung für mich eine günstige Brise wehte, betonte ich meinem Vater gegenüber immer wieder die Perspektive der künftigen Leadership, und nach mörderischen Verhandlungen, die viel persönlicher wurden, als es in der Sache nötig gewesen wäre, regelten meine Eltern die Sache mit den Studiengebühren.

Erst danach, erst als ich mir sicher war, dass mein Traum tatsächlich wahr wurde, erzählte ich es Lily. Wir waren beide stillschweigend davon ausgegangen, dass wir in New York bleiben würden – sie war am Barnard genommen worden und ich an der Columbia. Jetzt vermasselte ich das natürlich. Aber mir lag sehr viel daran, unsere gemeinsame Zukunft nicht auch zu vermasseln.

Ich verabredete mich mit ihr im Elephant & Castle, um ihr dort die Neuigkeit bei Scones und Tee möglichst schonend beizubringen. Vielleicht lag es daran, dass ich für mein Geständnis eine Lokalität mit britischem Touch gewählt hatte, jedenfalls wirkte sie nicht sonderlich überrascht. Im Ernst, es war unglaublich: Sie begriff sofort, wie viel Oxford mir bedeutete, war total aufgeregt und freute sich für mich. Auf eine Art und Weise, wie es kein anderer Mensch in meinem Leben tut.

»Aber was ist damit, dass wir in derselben Stadt leben wollten?«, fragte ich.

»Das kriegen wir schon hin«, versprach sie mir. Und ich glaubte es ihr, wie ich es mir selbst nie geglaubt hätte. Weil Lily alles einhält, was sie verspricht. Selbst wenn sie dafür das Gewicht der Welt auf den Schultern tragen und die Zeit krümmen muss.

Wir wussten, dass das mit der großen Entfernung hart sein würde. Meine Abneigung gegenüber dem digitalen Gezwitscher kam erschwerend hinzu. Ich wollte nicht immer wieder durch Textnachrichten, FaceTime oder Skype und witzige, süße Kommentare unter unseren jeweiligen Posts unsere Liebe am Köcheln halten müssen.

»Weil ich alles an dir liebe, deine ganze Person«, sagte ich zu Lily, und es war die Wahrheit. Ich versprach, ihr Briefe zu schreiben und zu planen, wie wir gemeinsam in einem Jahr eine Reise quer durch Europa machen konnten, bevor sie dann am Barnard anfing und ich in mein zweites Jahr startete. Mir die Hörner abzustoßen, wie man so schön sagt, oder mich mal so richtig auszutoben, hatte ich nicht vor. Lily war für mich alles und sie konnte von mir alles haben. In mein neues Leben würde sie nicht perfekt passen, aber das Schöne an unserer Beziehung war, dass sie auch in mein altes Leben nicht perfekt gepasst hatte. Liebe lehrt dich, dass das total überschätzt wird. Du musst dein Leben ändern, um eine echte Verbindung zu einem anderen Menschen herzustellen. Wir hatten das bereits einmal gemacht; wir würden es wieder machen.

Am Anfang war es echt hart. Ich hockte in meinem Zimmer und hörte immer wieder und wieder »Transatlanticism« (den Song, nicht das Album) von Death Cab for Cutie.

I need you so much closer …

Ich schrieb ihr auf der Rückseite von Postkarten lange Briefe.

I need you so much closer …

Ich rief sie an, um ihre Stimme zu hören, um zu hören, was sie mir zu sagen hatte, um zu spüren und mich zu vergewissern, dass sie mich hörte.

Das war während der ersten beiden Wochen. Dann drängte sich Oxford unerbittlich und unaufhaltsam in mein Leben.