DasVirus des Drachen - Ralf Oswald - E-Book

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Ralf Oswald

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Beschreibung

Ein europäischer Geheimdienst erkennt mit Hilfe eines Supercomputers durch die Analyse von Trenddaten und Statistikauswertungen eine weltweite Gefahr, die ihren Ausgangspunkt in China hat. Schnell wird klar, dass zum Erreichen der Ziele eine Biowaffe geplant ist, deren Hauptbestandteile in mikroskopisch kleiner Form über die Luft verbreitet werden sollen. Mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit berechnet das System die Quellen der Bedrohung, deren Spuren zu einem Labor im Hunsrück führen.

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jessica
Kastellaun
Patrik
Besuch
Alex
Panne
SHINTAO
Aufbruch
Broome
Roadtrain
Suche
SIRNA
ASJ-1
Krank
Gibson Dessert
Feuersturm
Quarantäne
Erik
Warten
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Flugroute
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Kurskorrektur
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Auszug aus MIDGARDS Personalunterlagen: Alexander Wolf
Auszug aus MIDGARDS Personalunterlagen: Jessica Fuchs
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Impressum neobooks

Australien – Gibb River Road

„Gibst du sie mir mal rüber?“

Jessica drehte ihren Kopf zur Seite. Die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen trat nun stärker hervor und verklebte Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht.

„Was is’?“, nuschelte sie verwirrt und blickte auf Hellens ausgestreckte Hand. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, setzte sie ein schiefes Grinsen auf und deutete auf die Flasche im Gepäcknetz.

„Wasser“, kam Jessica träge in den Sinn. Wann hatte sie das letzte Mal etwas getrunken? Vor einer Stunde, oder war es bereits länger her? Sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern. Jessica beugte sich vor und griff nach der Plastikflasche.

„Uhh“, stöhnte sie „mein Tee heute Morgen war kälter.“

„Macht nix, Hauptsache, es ist was zu Trinken. Sag mal, wann hast du denn zuletzt was getrunken?“

Als keine Antwort kam, blickte sie kurz zu ihrer Beifahrerin und zog besorgt eine Augenbraue hoch.

„Jessica, wie oft soll ich es noch sagen. Das ist wichtig, gerade hier draußen. Los, du nimmst jetzt einen Schluck.“

„Ja, ... Dad, mache ich“, leierte sie und schenkte ihrer Freundin ein Lächeln. Sie hatte ja recht. Seit sie heute in Morgen Broome aufbrachen, waren über vier Stunden vergangen.

Obwohl es noch nicht einmal Zehn Uhr war, herrschte eine mörderische Hitze. Hin und wieder legte Jessica aus Gewohnheit ihren Unterarm auf dem geöffneten Fenster ab, wobei sie das blanke Türblech berührte. Sofort zuckte sie zusammen und riss ihren Arm zurück. Das Blech hatte inzwischen sicherlich eine Temperatur von über 60 Grad Celsius erreicht. Gestern versuchten sie zum Scherz, ein Spiegelei auf der gereinigten Motorhaube zu braten. Zu Ihrer Überraschung war es innerhalb zwei Minuten gar.

Der Reiseveranstalter hatte Jessica das „ultimative Abenteuer“ versprochen, als er ihnen in höchsten Tönen die Tour durch das australische Outback beschrieben hatte. In Australien gab es laut Meinung der Aussies nur drei Arten von Landschaften: Ortschaften, Gewässer (Flüsse und Wasserlöcher), und den Busch.

Der Busch.

Das, von dem es hier am meisten gab. Egal ob stark bewachsen, felsig oder staubig ... alles war bei den Aussies einfach „der Busch“.

Obwohl sie sich erst seit wenigen Stunden im sogenannten Busch befanden, und so sehr die karge Landschaft auch faszinierte, sehnte sich Jessica nach Schatten und Abwechslung, vor allem weil die befestigten Straßen bereits eine halbe Meile hinter Broome endete, und seitdem befuhren sie einen der holperigsten Wege, den Australien zu bieten hatte.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ihr Wasser übers Kinn rann und sich mit dem Staub auf Hals und T-Shirt zu einer rötlichen Schicht vermischte.

„Das geht mir inzwischen ziemlich auf den Zeiger“, sagte Jessica und reichte Hellen die Wasserflasche. „Sag mal, wann genau erreichen wir die nächste Ortschaft?“

Hellen verschluckte sich und begann zu husten.

„Liebchen, die nächste Ortschaft ist Darwin, und bis dahin sind es über zwölfhundert Kilometer. Aber in zwei Stunden kommen wir in die Nähe der Smithfield-Farm. Vielleicht haben die einen Mechaniker, der uns weiterhelfen kann. Möglicherweise ist ja nur ein Keilriemen gerissen.“

Skeptisch sah Jessica sie an: „Ich bin sicher, das Arschloch hat gewusst, dass die Klimaanlage kaputt ist. Hast du gesehen, wie der gegrinst hat?“

„Komm schon, der Kerl war doch ganz in Ordnung. So was kann passieren“, entgegnete Hellen und tätschelte ihren Oberschenkel, wobei sich eine rote Staubwolke bildete. Jessica schnaufte, verschränkte ihre Arme und blickte aus dem Seitenfenster. Hin und wieder war ein Baum zu sehen, jedoch kaum höher als zwei Meter. Der Rest bestand aus hüfthohem Gebüsch, vertrocknetem Gras - und natürlich dem roten Sand, soweit das Auge reichte.

„Was ist das da vorne? Siehst du das?“, fragte Jessica und deutete mit ihrer rechten Hand zum Horizont. Die Trasse, auf der sie fuhren, zog sich schnurgerade durch den Busch. Vor über einer Viertelstunde hatten sie zuletzt eine Kurve durchfahren, doch wie es nun aussah, würde die Straße endlos geradeaus gehen.

Am Horizont war ein nebliger Tupfen zu erkennen. Hellen kniff die Augen ein zusammen, um ihre Kurzsichtigkeit auszugleichen, und antwortete: „Nein, keine Ahnung. Vielleicht ein Feuer?“

„Hmm ...“, war Jessicas einzige Antwort. Schweigend ging die holprige Fahrt weiter. Wenige Minuten später bemerkte Hellen: „Jessica, ich bin mir sicher, dass das Ding größer wird.“

„Also doch ein Feuer?“

„Nein, dann würden wir eine dunkle Wolke sehen. Aber das hier ist heller. Vielleicht ist es eine kleine Windhose?“

„Du willst mir Angst einjagen, habe ich recht?“

„Nein, Jess, ehrlich nicht. Aber du musst zugeben, dass es schon ein wenig seltsam aussieht.“

Nach einigen Minuten rief Hellen plötzlich: „Mein Gott, ich glaube, ich weiß, was das ist.“

Jessica warf ihr einen überraschten Blick zu.

„So?", grinste sie. „Was denn?“

„Fällt dir auf, dass die Wolke zwar größer wird, sich aber immer noch genau vor uns auf der Straße befindet? Ich wette, das ist ein Roadtrain.“

Jessica pfiff durch die Zähne und sagte: „Hier draußen? Meinst du? Andererseits ist das fast so etwas wie die Hauptstraße nach Darwin.“

Die Wolke vor ihnen hatte mittlerweile beträchtliche Ausmaße angenommen.

Jessica grinste: „Ich hab‘ auf Discovery gesehen, wie gewaltig die Dinger sind. Die Bremsen für gar nichts. Ich glaube, du fährst besser mal links ran.“

„Gute Idee.“

Hellen hielt den Atem an, als sie sich an das erinnerte, was sie über Roadtrains wusste. Die gewaltigen Zugmaschinen bewegten mehr als 150 Tonnen und hatten eine Länge von über 50 Meter.

Behutsam nahm Hellen den Fuß vom Gas und ließ den Wagen langsamer werden. Sofort, nachdem der optimale Geschwindigkeitsbereich unterschritten wurde, begannen sich die typischen Querrillen auszuwirken, indem die Räder in die Schlaglöcher krachten und die Insassen durchrüttelten, bis der Jeep letztendlich zum Stillstand kam.

Langsam nahm Hellen wieder Fahrt auf und stellte das Fahrzeug drei Meter neben dem Weg ab. Schließlich streckte sie sich, legte die Hände aufs Lenkrad und begann mit den Fingern einen unbekannten Rhythmus zu trommeln.

Die Wolke wurde inzwischen schnell größer, man konnte deutlich die rote Zugmaschine als kleinen, roten Punkt ausmachen. Hellen' Augen weiteten sich.

„Siehst du das, hast du eine Vorstellung, wie groß die Wolke ist?“

„Ach du Scheiße“, entfuhr es Jessica. „Du hast recht. Wir kurbeln besser schon mal die Scheiben hoch.“

Wie gewohnt suchte sie nach dem Knopf zum Heben- und Senken der Fenster, fand jedoch nur die angerostete Kurbel. Mit deutlicher Anstrengung begann sie, die Scheibe hochzukurbeln.

„So ein Mistding“, fluchte sie. „An der Kiste geht doch gar nichts mehr richtig.“

Diesmal versuchte Hellen nicht, sie zu beschwichtigen. Mit zusammengebissenen Zähnen zerrte sie an der Kurbel, die sich kaum bewegte. Schließlich ruckelte sie die Scheibe nach oben, erst ein Zentimeter, dann zwei Zentimeter. Mit einem Knirschen brach die Kurbel ab und Hellen starrte auf das rostige Metallstück in ihrer Hand.

Mittlerweile hörte sie ein Donnergrollen und ihr Blick richtete sich nach vorne. Sie schätzte, dass die Staubwolke eine Breite von mehreren hundert Metern hatte. Deutlich erkannte sie im Zentrum der Wolke die Turbulenzen, die der gewaltige Truck hinter sich herzog. Hellen ahnte, dass der Monstertruck schneller als einhundert Kilometer in der Stunde fuhr. Jessica riss die Augen auf und starrte Hellen an.

„Los, los, weg von hier“, schrie sie.

Hellens Hand zuckte zum Zündschlüssel. Der Anlasser gab ein würgendes Geräusch von sich, doch der Motor sprang nicht an. Jessica spürte, wie ihr Herz zu rasen begann. Wild schlug sie aufs Armaturenbrett.

„Du Scheißkiste, spring endlich an.“

Hellen drehte erneut den Zündschlüssel, und der Motor erwachte zum Leben. Der Truck war keine hundert Meter entfernt. Die brodelnde Wolke füllte fast ihr gesamtes Gesichtsfeld, als Hellen das Lenkrad herumriss und nach links in die Wildnis schoss. Der Roadtrain raste heran, nur ein Teil der Zugmaschine war zu erkennen, der Rest steckte in der undurchdringlichen Wolke, die sich ebenfalls mit über 100 km/h näherte.

„Gib Gas“, schrie Jessica. „Gib Gas, schaff uns hier weg.“

Der alte Landrover preschte durch die dünn bewachsene Landschaft. Kleinere Gewächse wurden einfach niedergewalzt, die größeren zersplitterten oder wurden ausgerissen. Obwohl der Jeep mit größter Beschleunigung raste, näherte sich unaufhaltsam die Staubwolke.

Noch 20 m, noch 10 m ..., dann verschluckten sie die riesigen Staubschwaden.

Instinktiv schloss Hellen die Augen, als Unmengen Staub und Dreck ins Fahrzeuginnere geschleudert wurden. Hellens Hals brannte mörderisch, beide rangen nach Atem, ein starker Hustenreiz setzte ein, der Bruchteile später in ein Keuchen überging. Der Jeep beschleunigte immer noch, beide Insassen wurden wild hin- und her geschmettert. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich die Wolke lichtete und sie einigermaßen normal atmen konnten.

Keuchend brachte Hellen den Landrover zum Stehen. Sie schnaufte, blickte zu Jessica, die sich ihr T-Shirt über Mund und Nase gezogen hatte. Ihr dunkles Haar war nun Rot, wie der Rest des gesamten Innenraums.

„So eine Scheiße, ich wollte ja auf die Malediven“, röchelte sie.

Unwillkürlich begann Hellen zu lachen. Jessica kniff die Augen zusammen, doch dann kam auch ihr die komplette Situation sehr komisch vor und sie lachte lauthals mit. Ihre Hand klatschte auf Hellens Oberarm, wobei ein Teil ihrer normalen Hautfarbe sichtbar wurde.

Der Truck war inzwischen nicht mehr zu erkennen, da die nachfolgende Wolke alles verdeckte. Hellen schätzte, dass ihre Flucht sie mehrere hundert Meter von der Straße entfernt hatte. Sie legte den ersten Gang ein und wendete den Jeep. Nur sehr widerspenstig griffen die Räder, begleitet von einem schmatzenden Geräusch.

Hellen sah aus dem immer noch geöffneten Fenster. Irgendwie erinnerte sie das, was sie sah, nicht an Wüstenboden.

„Was ist los?“, fragte Jessica.

Hellen stoppte den Jeep.

„Keine Ahnung. Irgendwie macht das hier einen seltsamen Eindruck. Ich sehe mir das mal an.“

„Hier gibt’s Schlangen“, warf Jessica ein, doch Hellen hatte die Tür bereits geöffnet. Sie stieg aus und ging zum Vorderrad. Jessica erkannte, wie sich ihre Augen weiteten. Hellen blieb stehen und starrte zu Boden. Mehrere Sekunden konnte sie nicht begreifen, was sie sah. 


Dann schien eine riesige Faust ihren Magen zu umschließen.

Fünf Tage zuvor – AIRBUS (Hamburg/Finkenwerder) – 16. April

„Aktuelle Höhe?“

„Knapp über Sechs-Zwo“.

Der AIRBUS Experimentaljet mit der Kurzbezeichnung ASJ-1 zog seine vierte Runde über der Nordsee. Aus dem Seitenfenster konnte man St. Peter-Ording erkennen, Regen prasselte gegen die Scheibe und verschlechterte die Sicht. Das gleichmäßige Dröhnen der Turbofan Triebwerke war deutlich leiser als bei allen anderen Flugzeugen, erstmals wurden neuen Materialien eingesetzt, wodurch die Geräuschentwicklung auf über sechzig Prozent reduziert wurde, doch darauf achtete im Moment keiner der Piloten. Im Moment befand sich der Jet im Landeanflug, und das bei extrem ungünstigsten Bedingungen. Erneut zuckte ein Blitz und erhellte das Cockpit.

„Herr Wolf“, erhob der Mann auf dem dritten Sitz seine Stimme. Sein französischer Akzent war unüberhörbar. „Bitte lassen Sie uns den Flug professionell durchführen. Ich bin nicht daran interessiert, einen weiteren Bericht zu verfassen.“

Der Pilot räusperte sich: „Die aktuelle Flughöhe beträgt 6210 Fuß über Grund … SIR", antwortete er in akzentfreiem Englisch.

Ein Seufzen ging durch die Kopfhörer. Der Testpilot Alexander Wolf sah aus den Augenwinkeln, wie ihm sein Copilot einen Blick zuwarf.

Starke Turbulenzen durchrüttelten den Prototypen. Zwei, drei, vier … fünfmal schüttelte eine Riesenfaust die drei Piloten.

„Ho-hoo …, ganz ruhig …”, raunte Alexander. Er versuchte, die Maschine unter Kontrolle zu halten.

Er schaltete das Funkgerät auf Senden und sprach ins Mikrofon: „Flightcontrol, hier ist die ASJ-1.“

„ASJ-1, hier ist Flightcontrol“, hörte man eine andere Stimme in den Kopfhörern.

„OK, Flightcontrol, wir haben Probleme mit der hydraulischen Ansteuerung. Außerdem braut sich hier extrem was zusammen. Was sagt euer Wetterradar? Bis in welche Höhe reicht das Gewitter?“

„Hmm, mal sehen …, ich habe schlechte Neuigkeiten. Der Basis-Nimbus erreicht eine Höhe von 36000 Fuß. Den könnt ihr nicht überfliegen“.

Wieder rüttelte eine unsichtbare Faust das Flugzeug durch, was Alexanders Antwort wie „Flai-ai-ait-control“ klingen lies.

„Flightcontrol, hier ASJ-1“, wiederholte er. „Die Bedienung reagiert außergewöhnlich zäh. Wir scheinen Probleme mit der neuen Hydraulik zu haben. Ich möchte um alles auf der Welt vermeiden, in noch stärkere Turbulenzen zu geraten. Ich bitte um einen alternativen Anflugvektor nach Finkenwerder.“

„Verstanden …“, war der Anfang der Antwort.

„Flightcontrol, wir benötigen keine Ausweichroute“, unterbrach Kapitän Paul Enculant. „Kapitän Wolf, halten Sie den alten Kurs.“

„Aber …“, entgegnete Alex.

„Ja, Herr Wolf, möchten Sie mir wieder etwas mitteilen? Ich warte …“

„Nein … SIR.“

„Und ich sage es zum letzten Mal: Nennen Sie mich nicht Sir. Wenn Sie irgendwelche Probleme haben, höre ich sie mir später gerne an, doch im Moment haben Sie sich darauf zu beschränken, meinen Anweisungen zu folgen, und sonst nichts. Haben Sie mich verstanden?“

Alex hob die rechte Hand und schnippte den Daumen nach oben und ergänzte monoton,

„Ja, SIR.“

„Als Aufzeichnung für die Blackbox möchte ich erwähnen, dass Kapitän Wolf soeben seine Zustimmung versicherte“, belehrte Enculant.

Der sechzigjährige Franzose rümpfte die Nase, um die Brille höher zu schieben. Das machte er jedes Mal, wenn er seiner Äußerung eine besondere Note verpassen wollte. Dabei zog er die Oberlippe hoch und entblößte eine Reihe gelber Zähne. Ihm war nicht bewusst, dass er in solchen Momenten wie ein Pitbull wirkte, der sich auf sein Ziel fixiert.

„Also gut, Flightcontrol, wir kommen jetzt rein“, sprach Alex ins Mikrofon. „Verständigen Sie die Werksfeuerwehr, es wird eine harte Landung geben.“

Schräg vor ihnen war die Elbmündung zu sehen. Er drückte den Stick nach links. Der Airbus reagierte viel zäher als gewohnt, da die Navigationscomputer des Flight Control Systems versuchten, die enormen Windböen auszugleichen.

Man konnte die Häuser von Cuxhaven erkennen. In manchen Stadtteilen brannte die Straßenbeleuchtung, obwohl es erst früher Mittag war.

Ein Blick auf die elektronischen Instrumente bestätigte ihm, dass Kurs und Höhe für den geplanten Landeanflug stimmten. Heftige Gewitterböen schüttelten die Maschine, und Alex’ Zähne schlugen aufeinander.

„Flightcontrol, ich fahre die Slats und das Landefahrwerk etwas später als geplant aus, das gibt uns eine bessere Stabilität im Anflug.“

„Abgelehnt“, war von Enculant zu hören, „wir halten uns an die normale Prozedur. „Herr Wolf, wie ich sehe, erreichen wir gleich Waypoint 624. Fahren Sie nun die Slats aus ... jetzt!“

„Aber …“, begann Alex, hielt kurz inne und fuhr fort, „… Slats werden ausgefahren“.

Im selben Moment reduzierten die Computer die Geschwindigkeit und vergrößerten die Fläche der Tragflächen, um mehr Auftrieb zu erzeugen. Ein weiteres Mal schien eine riesige Faust das Flugzeug zu rütteln, doch im Unterschied zu vorher ließ sie nicht mehr los. Drei Sekunden später setzte der akustische Alarm ein, begleitet vom Blitzen der Warngeber. Auf einem der zehn Displays erschien eine Warnmeldung, welche eine Beschädigung des hydraulischen Systems meldete.

„Haben Sie sich das in etwa so vorgestellt, Monsieur Enculant?“, presste Alex hervor. Das Flugzeug durchrüttelte die Piloten so stark, dass die Gurte einschnitten und für blaue Flecken sorgen würden.

„ASJ-1, hier ist Flightcontrol“, war in den Kopfhörern zu vernehmen, „wir bekommen über unsere Simultanauswertung Störungen gemeldet. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

„Nichts ist in Ordnung“, brüllte Alex, „wenn wir so weitermachen, schlagen wir vor Himmelpforten auf. Na ja, das passt ja. Wir haben nur eine Chance, wenn wir erst kurz vor der Landebahn mit einer harten Landung runtergehen.“

„ASJ-1, Flightcontrol hat verstanden. Wir halten den Luftraum vor Ihnen für Sie frei, ändern Sie ihre Höhe nach eigenem Ermessen.“

„Flightcontrol, wir melden uns nach der Landung, over and out“, war von Enculant mit näselnder Stimme zu hören. „Herr Wolf, Sie wissen, was Sie zu tun haben.“

Plötzlich sackte die Maschine etliche Meter durch, fing sich wieder, um erneut durchzusacken. Gleichzeitig sprangen mehrere Alarmsysteme an. Rote Warnblitzer meldeten den anstehenden Strömungsabriss, „WARNING - STALL - WARNING - STALL“, schnarrte die Stimme des Bordcomputers.

Die extremen Sturmböen zerrten an den Tragflächen und die eher schwerfällige Maschine bäumte sich auf. Für einen kurzen Moment zeigte die Nase steil nach oben. Einen Augenblick später kippte der Airbus über die rechte Tragfläche nach vorne ab und begann, in einen schroffen Fall überzugehen.

Genau so begann ein unkontrollierter Absturz, in den meisten Fällen blieben nur wenige Sekunden, um einen katastrophalen Strömungsabriss zu verhindern.

Alex riss mit einem Ruck die Hebel nach hinten, mit denen die Slats eingefahren wurden.

„Ja, SIR, ich weiß genau, was ich zu tun habe …“, setzte er an.

„Herr Wolf“, rief Enculant ins Mikrofon, „ich entscheide, was zu tun ist. Wie können Sie es wagen …“. Der Rest des Satzes ging im Scheppern und Dröhnen des trudelnden Airbusses unter. Die ganze Maschine schlug und zitterte, als ob sie jeden Moment auseinanderbrechen wollte.

„Und ich bin für unser Überleben verantwortlich …“, presste Alex zwischen den Zähnen hervor. Er riss den Schubregler auf der Mittelkonsole nach vorne, um den Schub der Triebwerke zu erhöhen. Dröhnend erwachten die Rolls Royce Aggregate aus ihrem Halbschlaf und beschleunigten den Experimentaljet, der mittlerweile kopfüber in Richtung Boden raste. Der Höhenmesser zeigte 6100 Fuß Höhe an und veränderte ständig die Zahlen.

Alex' Copilot las die Werte vor: „5900 Fuß ..., 5500 Fuß …, 5100 Fuß …, Kapitän Wolf, wir fallen viel zu schnell.“

Er nickte nur, seine Blicke huschten über die verschiedenen Instrumente, dann erklärte er laut: „Ich fahre das Fahrwerk aus.“

„Das werden Sie nicht tun, Kapitän Wolf“, setzte der Chefpilot an, doch Alex hatte bereits den Fahrwerkhebel umgelegt. Trotz der heftigen Vibrationen spürte man, wie sich die Servomotoren bewegten als er den Hebel zur Steuerung des Fahrwerks in seine untere Position legte.

Gleichzeitig konnte man spüren, dass die Maschine nicht mehr so stark schlingerte, tatsächlich wurde es in jedem Sekundenbruchteil ruhiger und die Nase des Jets begann sich wieder langsam nach oben zu neigen.

„Höhe bei 2800 Fuß ... 2200 Fuß ... 1900 Fuß ... 1400 Fuß ... 1380 Fuß ... stabil bei 1370 Fuß“, gab Alex’ Copilot von sich und schnaufte. „Alex, gute Arbeit, du hast sie im Griff - ich dachte schon, dass wir gleich aufschlagen. Das war extrem knapp!“

„Danke, Martin, das kannst du nachher nochmals wiederholen“, erwiderte Alex mit einem Seitenblick auf seinen Copiloten, „lass uns jetzt erst einmal die Mühle runterbringen. Da vorne sehe ich bereits Finkenwerder. Halt dich fest, wir werden schnell und hart reinkommen.“

„Verstanden!“

Paul Enculant sprach kein Wort.

Doch Alex und sein Copilot wussten, dass er längst Rachepläne schmiedete.

Die Landebahnbefeuerung kam rasch näher. Alex musste den Airbus stark nach unten drücken, um schnell auf der Landebahn aufsetzen zu können. Es gab in solchen Augenblicken nur eine einzige Möglichkeit: so rasch es geht festen Bodenkontakt zu bekommen. Und das bedeutete, schnell und hart aufsetzen. Nichts wäre schlimmer gewesen, als bei diesen Sturmböen quer über die Landebahn geblasen zu werden. Das war der kritischste Moment der kompletten Landung. Unter normalen Umständen wäre der Autopilot in der Lage gewesen, selbstständig zu landen, aber dies war alles andere als eine normale Landung.

Martin begann, die absolute Höhe abzulesen: „Abstand 110 Fuß …“.

Nach all den Jahren war die Information "110 Fuß" in Alex Gedanken automatisch gleichbedeutend mit zirka 35 Meter.

„80 Fuß, 50 Fuß, 25 Fuß, 10 Fuß …“, wenige Sekunden später vernahm man in den Kopfhörern ein lautes Ächzen der Besatzung, als der Airbus hart auf die Landebahn knallte. Die Stoßdämpfer waren nicht mehr in der Lage, die Belastung komplett abzufangen. Metall krachte auf Metall und ein Schlag wie von einer riesigen Faust durchzog die gesamte Maschine. Die Geschwindigkeit des Airbusses betrug noch immer über 300 km/h. Die Reifen hatten keine Chance, sich so schnell an das Tempo anzupassen. Gummifetzen wurden aus dem Profil gerissen als die Reifen quietschend über den Beton radierten, sofort stieg Qualm auf. Unmittelbar danach federten die Räder wieder zurück. Es hatte den Anschein, dass die Maschine in die Luft zurückgeworfen wurde. Die rechten Räder hingen in der Luft und der Jet begann, über die Landebahn zu schlingern. Alex hatte das Gefühl, als ob sein Herz gefror.

Keine zwei Sekunden später hatten die rechten Räder festen Kontakt zur Landebahn. Im Anschluss daran setzte das Bugrad auf.

Er hatte extreme Mühe, die Maschine auf der Landebahn zu halten. Der Jet schlingerte quer über die Piste, während er gleichzeitig Umkehrschub gab und mit aller Kraft bremste.

Der Bremsvorgang schien ewig zu dauern, immer noch waberte Qualm aus den Reifen und verwirbelte sich mit den gischtartigen Fontänen, der durch das aufspritzende Wasser erzeugt wurde. An den Räder spritzten Unmengen an Wasser in einer zehn Meter hohe Wasserwand empor, stellenweise verloren die Räder durch die Wassermassen den Bodenkontakt und die Maschine drohte erneut zu schlingern, doch der Jet wurde langsamer und hatte keine zehn Sekunden später eine Rollgeschwindigkeit von unter 100 km/h.

Obwohl starke Sturmböen das Flugzeug erzittern ließen, erkannte Alex, dass die größte Gefahr vorüber war. Doch er war sich auch sicher, dass zumindest das Fahrwerk enorme Schäden genommen hatte.

Die Maschine befand sich nun im Ausrollvorgang auf der Landebahn, es war ziemlich klar, dass es nun keine weiteren Probleme mehr geben könnte als wenige Sekunden später Enculant an seiner Station ein paar Einstellungen vornahm. Sofort erfolgte der Sprung in die Realität, als helles Licht im Cockpit aufflammte und das Geräusch der Turbinen schlagartig verstummte. Schlagartig verschwand auch das Brüllen des Sturms und die Fenster färbten sich tiefschwarz, die Hydraulikmotoren brachten die Kabine in eine waagrechte Position und senkten sie ab in die Ruheposition.

„Programmende“, leierte Enculant. Er löste den Gurt, erhob sich von seinem Stuhl und eilte zum Ausgang des Simulators.

„Übrigens, Herr Wolf, ich habe jetzt gleich ein Gespräch mit Herrn Montillon, und wir werden in jedem Fall heute noch unsere Abschlussbesprechung durchführen. Unter Umständen mit anderen Teilnehmern als üblich.“

Mit diesen Worten verließ der Franzose den Simulator.

Ein paar Techniker stürmten ins Cockpit und grinsten Alex an. „Nicht schlecht, Alter, ich glaube, dass ich mich schon viel früher mit diesem Blödmann angelegt hätte.“

„Der hat ja so einen Knall, echt“, ergänzte der zweite Techniker.

Alex setzte ein gequältes Grinsen auf und erhob sich von seinem Stuhl.

„Jungs, redet nicht in diesem Ton über unseren Chef-Testpiloten.“

Im Rausgehen klopfte er einem der Kollegen auf die Schulter und dachte: „Das ist meine Sache.“

Er drehte sich um und ließ seinen Blick durch die riesige Halle wandern. In der Neusten der insgesamt vier Simulatorhallen standen sechs der typischen schneeweißen Kuppeldome, jeder der Dome beinhaltete einen anderen Full Flight Flugsimulator.

Alex drehte sich zu seinem Copiloten um und fragte: „Martin, kommst du mit, ich brauch jetzt einen Kaffee. Oder möglicherweise mehr!“

„Nimm noch nicht einmal im Scherz solche Worte in den Mund. Ich hab‘ da so ein Gefühl, dass du in allem, was du nun sagst, ganz sauber bleiben solltest.“

Alex und Martin saßen keine zehn Minuten in der Cafeteria, als Frau Franke, die Sekretärin des Chefs erschien.

„Herr Wolf, Herr Montillon möchte gerne mit Ihnen reden.“

Wildenburg (Hunsrück) – 16. April

Die Steine knirschten bei jedem Schritt unter den Sohlen der Nike Runners und stellten das einzige wahrnehmbare Geräusch dar. Nein, das stimmte nicht ganz - denn im selben monotonen Rhythmus, den die Schuhe erzeugten, war das fauchende Ein- und Ausatmen zu vernehmen.

„Ein-ein-ein-aus - ein, ein, ein, aus - ein, ein, ein, aus …“, das war alles, was dem Mann durch seine Gedanken ging.

Seit fast fünfzig Minuten war William B. Guardian beim Lauftraining auf seiner Lieblingsstrecke, die durch den Wald über den Felsenpfad an der Wildenburg führte. Er musste sich auf jeden Schritt konzentrieren, da die Strecke in diesem Bereich über eine unebene Geröllhalde ging, wobei an der linken Seite ein steiler Hang nach oben ragte. Rechts hingegen ging es fast hundert Meter bergab, und der Weg war kaum breiter als dreißig Zentimeter. Eine fantastische Aussicht öffnete sich von hier aus, doch William wusste, dass er in wenigen hundert Metern eine Pause einlegen konnte, um die Aussicht zu genießen.

Im Moment war es nur wichtig, zu atmen und zu laufen. Es gab nichts anderes.

Er bemerkte, wie der steinige Boden weicher wurde, und bereits nach wenigen Metern tauchte er in dichtes Laubwerk von alten Buchen und Eichen ein. Der Weg war von Moos bewachsen, was jedes Geräusch reduzierte. Eine letzte Kurve, dann hatte er sein gesetztes Ziel erreicht. Er atmete tief ein und erlaubte sich zum ersten Mal, über die Weiten der Landschaft zu schauen. Egal, zu welcher Jahreszeit er hier vorbeikam, es war immer wieder anders. Bei klarem Wetter reichte die Aussicht fast fünfzig Kilometer weit, doch wenn man seinen Sehgewohnheiten Glauben schenkte, verloren sich die Hügellandschaften irgendwo in unendlicher Tiefe, es schien endlos so weiterzugehen.

Guardian blickte auf das Multifunktionsdisplay seiner Armbanduhr, um seinen Puls zu überprüfen. 110 BPM stand auf dem Display.

„Gar nicht schlecht für 58 Jahre“, dachte er, wenige Sekunden später hatte ihn der Alltag wieder eingeholt.

Guardian starrte in die Ferne, als er ein Piepsen in seinem Ohrhörer vernahm.

Er tippte mit dem Zeigefinger auf den kleinen Knopf im Ohr, keine Sekunde später hörte er eine bekannte Stimme.

„Hallo, Sir, wie geht‘s ihnen? Sportlich, sportlich, gut sehen sie aus!“

„Hmmm, Markus, danke, gut geht‘s. Aus irgendeinem Grund war ich in dem Glauben, heute meinen freien Tag zu haben, doch scheine ich mich getäuscht zu haben.“

Er musste grinsen und seine Gedanken sprangen einen Schritt weiter.

„Woher wissen sie, dass ich am Joggen bin?“

„Nun, Sir, das ist nicht schwer. Jeden Morgen zwischen Neun und Zehn spulen Sie ihre Runden ab, das weiß so ziemlich jeder. Übrigens, Sir, das Union Jack Shirt steht ihnen echt gut!“

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Markus, was soll das? Wo sind sie?“

„Hier oben, Sir“, vernahm er in seinem Knopfohrhörer und sah nach oben.

„Nein, hier, weiter rechts“, hörte er und drehte seinen Kopf.

Keine zwei Sekunden später piepste seine Armbanduhr, und auf dem Display stand „Incoming Link“.

Er bestätigte mit einem Fingertipp und starrte auf das Display.

Auf dem kleinen Monitor erkannte er einen Mann, der mit der rechten Hand sein Ohr berührte, den Kopf in den Nacken legte und nach oben in den Himmel direkt in die Kamera blickte. Dann wurde das Life-Video vergrößert und er erkannte sogar Details des Displays seiner Armbanduhr.

„Markus … wie habt ihr denn das hingekriegt? Die Auflösung ist fantastisch“, erwiderte er.

„Nun, Sir, das lassen Sie sich besser von Andi erklären. Aber der eigentliche Grund für den Anruf ist die Tatsache, dass Blue eine 93-prozentige Wahrscheinlichkeit für Phase 1 vorausgesagt hat.“

„93 Prozent?“

Guardian verstummte.

„Ich bin in zwei Stunden im Center. Leiten Sie die Phase 1 unverzüglich ein!“

„Ja, Sir, verstanden. Doch im Ernst, wir bekommen das alleine hin. Genießen Sie ihren freien Tag.“

„Danke, das glaube ich gerne, ich hätte nichts anderes erwartet. Noch etwas: nehmen Sie Kontakt mit unserem Kollegen in Hamburg auf. Er soll sich morgen hier melden.“

„Soweit ich weiß, hat Blue bereits alles eingeleitet“.

Er zog die linke Augenbraue hoch und nickte:

„Ja, ich kann mir gut vorstellen, wie sie das gemacht hat. OK, dann bis später“.

Börfink (Hunsrück) – 16. April

Der Regen hatte endlich aufgehört, und die Straße schien sich in eine Moorlandschaft zu verwandeln. Dichte Nebelschwaden zogen auf und bildeten in den Senken bizarre Seen. Walter Ruppert steuerte seinen beigefarbenen Mercedes Kombi über die alte Verbindungsstraße von Morbach nach Börfink, die selbst Einheimische nur noch selten als Abkürzung benutzten. Auf dem Dachgepäckträger war ein Taxischild mit einer grauen Hülle abgedeckt - wie immer, wenn er seinem Zweitjob als Installateur nachging.

Die Straße war in den späten Sechzigern erneuert worden, als der Bunkerkomplex aus dem 2. Weltkrieg als Vermittlungsknoten der Nato genutzt wurde. Doch damals hatte man aus irgendeinem unbekannten Grund die Fahrbahn einspurig angelegt, so dass entgegenkommende Fahrzeuge sich auf den wenigen Ausweichstellen arrangieren mussten.

Mittlerweile war es eine Zumutung, die Schlaglochpiste zu benutzen. Seit Jahren schien die Straßenwacht einen großen Bogen um diese Piste zu machen. Nur der dichte Tannenwald war in der letzten Zeit näher an die Fahrbahn herangerückt.

Früher hatte Walters Mutter ein kleines Lebensmittelgeschäft in Börfink. Viele Soldaten des nahegelegenen Bunkers kauften dort ein. Walter hatte mit seinem Handwerksbetrieb für Sanitärinstallationen, Heizungs- und Klimatechnik sehr gut verdient, als der Bunkerkomplex in den achtziger Jahren um eine weitere Ebene ausgebaut wurde, doch diese guten Zeiten waren vorbei.

Daher war er froh, dass ihm wenigstens sein Serviceauftrag in dem Gebäudekomplex geblieben war. Im Prinzip war es schnelles Geld. Im Monat musste er, wenn es hochkam, fünfundzwanzig Stunden Arbeit investieren, und dafür kassierte er satte 600 Euro. Zusammen mit den unregelmäßigen Einkünften des 1-Mann-Taxiunternehmens und dem, was er im Installationsbereich nebenbei machen konnte, verdiente er genug, um hier draußen ein sorgloses Leben zu führen.

Walter bemerkte am Ende der Straße eine Bewegung und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Ja, tatsächlich, da kam jemand entgegen. Schon der Dritte in dieser Woche. Er schüttelte seinen Kopf.

Die alte Römerstraße von Hermeskeil nach Kastellaun zog einige Stadtbewohner an, welche in der Abgeschiedenheit des Hunsrücks ihre Ruhe suchten, und dadurch wurde der alte Parkplatz vor dem Bunker immer noch von Wanderern benutzt.

Er konnte nicht verstehen, wieso jemand freiwillig die Einöde aufsuchte. Diese Städter blockierten doch sowieso nur die Straßen und ließen kaum Geld in der Gegend. Städter! Sollen sie doch bleiben, wo sie herkommen. Andererseits, wenn sie nicht wären, müsste er möglicherweise sein Taxiunternehmen schließen.

Er wartete auf der letzten Ausweichstelle, bis der Wagen vorbeifuhr. Wenige Hundert Meter später bog er ab, um über eine kurze Schotterstraße zum Parkplatz zu gelangen.

Der Schotterweg verschlechterte sich. Bei jedem Schlagloch polterten seine Werkzeuge und Messingrohre auf der Ladefläche seines Mercedes um die Wette. Am Rande des Parkplatzes erkannte er einen Transporter der Telekom. Ein Mann, der neben dem Lieferwagen stand, drehte sich zu ihm um.

Der Mann kniff die Augen zusammen und kam näher.

Walter stellte den Motor ab und kramte in der Tasche auf dem Beifahrersitz nach einem Serviceblock. Einen Moment später öffnete sich seine Fahrertür.

„Hallo, Walter, wie geht‘s denn so?“, fragte der Telekom Techniker und hielt ihm seine Hand entgegen.

Für Walter war es ungewohnt, jemanden die Hand zu geben. Selbst die Begrüßung seiner besten Kumpels lief normalerweise nur mit einem langgezogenen „Jouh“ ab. Was ebenfalls mit einem „Jou’sche“ oder der einfachen Kurzform „Jou“ erwidert wurde - gefolgt von kurzen Phrasen wie zum Beispiel: „… unn, wej?“ und „… ai joo, muss!“