David Copperfield - Dirk Walbrecker - E-Book

David Copperfield E-Book

Dirk Walbrecker

4,8

Beschreibung

Wie schwer und dramatisch kann das Leben als Kind, als Jugendlicher sein? Ein prügelnder Stiefvater, ein ungerechter Direktor im Internat, der frühe Tod der geliebten Mutter - David muss all dem entfliehen in die Großstadt London, in alle möglichen Jobs, ins Verliebtsein. Welchen Freunden kann man vertrauen? Ab wann wird das Leben kriminell? Gibt es ein Happy End? Einer der spannendsten Romane der Weltliteratur, von einem der berühmtesten Autoren: Charles Dickens!

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Titelei

Dirk Walbrecker

David Copperfield

Reihe: Walbreckers Klassiker

Kuebler Verlag

Das Buch

Wie schwer und dramatisch kann das Leben als Kind, als Jugendlicher sein?

Ein prügelnder Stiefvater, ein ungerechter Direktor im Internat, der frühe Tod der geliebten Mutter … David muss dem allen entfliehen: in die Großstadt London, in alle möglichen Jobs, ins Verliebtsein … Welchen Freunden kann man vertrauen? Ab wann wird das Leben kriminell? Gibt es ein Happy End??

Einer der spannendsten Romane der Weltliteratur, von einem der berühmtesten Autoren: Charles Dickens.

Der Autor

Dirk Walbrecker, geboren in Wuppertal, seit 1965 in München und jetzt in Landsberg am Lech lebend, Vater von 3 leiblichen Töchtern und inzwischen auch von zahlreichen literarischen Kindern.

Nach diversen Studien (u.a. Germanistik und Pädagogik) viele Jahre beim Film und einige Jahre in der Schule gearbeitet.

Seit 1986 freiberuflicher Autor: Drehbücher, Hörspiele, Hörbücher sowie Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane. Zahlreiche Auszeichnungen und in 15 Sprachen übersetzt.

In den letzten Jahren häufig auf Lesereisen, um jungen Menschen live und lebendig Freude an Literatur und allem Musischen zu vermitteln.

Zudem Schreibwerkstätten verschiedenster Art und Thematik für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Nähere Informationen, Unterrichts-Materialien etc. unter: www.dirkwalbrecker.de

Walbreckers Klassiker für die Familie

David Copperfield

Neu erzählt von Dirk Walbrecker

Walbreckers „Klassiker für die ganze Familie“ im Internet:

www.klassiker-fuer-die-familie.de

Impressum

Neu vom Autor durchgesehene Ausgabe

© 2016 Kuebler Verlag GmbH, Lampertheim

Alle Rechte vorbehalten

Korrektorat: Dr. Rainer Noske

Bildmaterial: © sborisov, © alain wacquier – fotolia.de

ISBN Printausgabe 978-3-86346-027-3

ISBN Digitalbuch 978-3-86346-277-2

Kapitel 1 Verwirrende Ereignisse

Ich kann es vorwegschicken: Mein Leben war schon aufregend, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Ich war noch im Bauch meiner lieben Mutter, als ein unerwarteter Besuch im Krähennest – so nannte man mein Geburtshaus – für Schrecken sorgte. Es war ein Freitag im März, an dem es – wie meistens im Westen von England – kräftig windete: Da erschien ein seltsames Gesicht am Fenster des Wohnraums.

„Ich glaube“, flüsterte meine Mutter, „das ist Miss Trotwood.“ Dabei legte sie beschützend ihre Hände auf die Stelle, an der ich nur noch wenige Stunden verbringen sollte.

„Sie meinen diese Miss Betsy, die Tante Ihres verstorbenen Gatten?“, fragte Peggotty, die gute Seele des Hauses.

„Ja“, hauchte meine Mutter.

Wenig später stand eine ziemlich mürrisch wirkende Person im Zimmer. Mit argwöhnischem Blick beäugte sie zuerst die Einrichtung, dann Miss Peggotty und zuletzt meine verschüchterte Mama.

„Mrs. Copperfield!“, sagte sie in herrischem Tonfall, „ich hoffe, Sie wissen, wen Sie vor sich haben! Ich würde gern erfahren, welchen Namen Ihr Mädchen tragen soll.“

„Ich weiß doch gar nicht, ob es ein Mädchen wird“, antwortete meine Mutter zitternd und einer Ohnmacht nahe.

„Es ist ein Mädchen!“, erwiderte Miss Betsy und befahl der verwirrten Miss Peggotty, meiner Mutter umgehend eine Tasse Tee zur Erfrischung zu servieren. „Im Übrigen möchte ich Sie bitten, mir nicht zu widersprechen! Ich habe mich entschieden, die Patenschaft für das Mädchen zu übernehmen. Es soll Betsy Trotwood Copperfield heißen und wird bestens erzogen und behütet. Dafür werde ich Sorge tragen.“

Nach diesen Sätzen schien ich erst einmal genug zu haben von meiner zukünftigen Großtante. Ich gab zu verstehen, dass ich endgültig ans Licht dieser seltsamen Welt wollte und verursachte meiner Mutter dabei wohl einige sehr schmerzhafte Wehen. Jedenfalls schickte man schleunigst nach Doktor Chillip, der mir schon bald darauf ins Freie half.

„Ist das Mädchen wohlauf?“, erkundigte sich Miss Betsy sogleich nach meinem Befinden.

„Es ist ein Junge“, belehrte sie Doktor Chillip mit Nachdruck.

Meine Tante nahm schweigend ihren Hut und machte Anstalten, dem guten Doktor Chillip für seine unverfrorene Auskunft damit eins überzuziehen. Im letzten Moment zog sie es aber vor ihn aufzusetzen und entschlossenen Schrittes das Krähennest zu verlassen.

Für lange Zeit sollte dies der letzte Auftritt meiner Tante sein. Zu ihrer Ehrenrettung muss man allerdings erwähnen, welch bittere Erfahrungen sie schon damals hinter sich hatte: Ihr Ehemann hatte nicht nur eine beachtliche Summe ihres Besitzes verprasst, sondern sie des Öfteren verprügelt und sie, bevor er sich nach Indien absetzte, bei einem Streit um Geld fast aus dem Fenster geworfen. Diese Erlebnisse schienen nicht spurlos an meiner Tante vorübergegangen zu sein. Schließlich galt sie früher als die ehrenhafteste Person in der Familie meines Vaters.

Doch zurück zu den Personen, die mir in den nächsten Jahren helfen wollten, ein anständiger Junge zu werden: Da ist natürlich zuerst einmal meine Mutter, die bei meiner Geburt gerade zwanzig Jahre alt war und die wohl sehr darunter litt, ihren Mann und meinen Vater verloren zu haben, noch bevor wir eine richtige Familie waren.

Ich habe sie als eine ungewöhnlich hübsche, meist blasse und ungemein sanfte Person vor Augen, die – wenn sie sich überhaupt um mich kümmern durfte – sehr lieb zu mir war.

Ganz anders das zweite weibliche Wesen in unserem Haus, Miss Peggotty oder ganz einfach Peggotty, wie ich sie nenne. Meine erste Erinnerung an sie ist die an ihren Zeigefinger, der vom ständigen Nähen so rau wie ein kleines Muskat-Reibeisen war. Dann sehe ich ihre tiefdunklen Augen, ihre roten drallen Wangen und Arme und fühle mich ziemlich derb von ihr gepackt und liebevoll an ihren fülligen Leib gepresst. Dabei sehe ich jedes Mal ein paar Knöpfe durchs Zimmer fliegen, die bei einer starken Körperbewegung hinten von ihrem Kleide abzuspringen pflegten.

Aus all dem Nebel, der meine frühe Kindheit ansonsten umgibt, taucht unser Haus auf mit einem Hinterhof, in dem es zwar ein Taubenhaus, aber keine Tauben gab. Dann ist da eine Hundehütte – allerdings ohne Hund. Dafür sehe ich einen bunten Hahn auf einem Pfahl sitzen und mich mit grimmigem Blick mustern. Irgendwo im Hof stolzieren ein paar Hühner und vor der Seitentür watscheln einige Gänse mit ausgestrecktem Hals. Dann ist da ein langer Gang, der von Peggottys Küche zu einer dunklen Vorratskammer führt. Dort, wo sich zwischen Tonnen, Kisten und Krügen vielleicht eine unheimliche Gestalt verborgen hält, riecht es dumpfig nach Seife, Pfeffer, Kerzen, Kaffee und vielem mehr.

Viel wohler wird es mir gleich, wenn ich an die beiden Wohnzimmer denke – das eine für den Abend, wo ich aus einem Buch über Krokodile vorgelesen bekomme. Und das andere, in dem meine Mutter, Peggotty und ich nur am Sonntag sitzen. Oder ich gehe hinaus in den Garten, blicke zu den zerzausten und verlassenen Krähennestern hinauf. Dann gehe ich weiter zu einem hohen Zaun, wo meine Mutter von den üppig behangenen Sträuchern Beeren pflückt. Mit einem Mal kommt ein starker Wind auf, der Sommer ist vorbei, wir sitzen im Winterzwielicht oder tanzen vergnügt in der Stube herum.

Dieser und andere Winter verschwinden im Dunkel, ein neuer Sommer – mit Krokodilen und jungen Gänsen, aber wieder ohne Krähen – zieht auf. Vom Kleid der guten Peggotty sind schon Dutzende von Knöpfen abgesprungen und umgehend durch neue ersetzt worden. Meine Mutter ist jetzt noch schöner als früher. Und ich fühle mich manchmal schon wie ein richtig fertiger Mensch … da tauchen seichte schwarze Augen an unserem Gartenzaun auf. Ich höre eine tiefe Stimme und viele süßliche Worte und bin sehr misstrauisch und schrecklich eifersüchtig. Ein gewisser Mr. Murdstone scharwenzelt immer öfter in der Nähe meiner Mutter herum, setzt mich einfach auf sein Pferd und erzählt mir Dinge, die mich überhaupt nicht interessieren. Ich will nicht höflich sein und mich schon gar nicht von diesem Fremden anfassen lassen.

Da, eines Tages, scheint die Rettung zu kommen: Peggotty schlägt mir eine Reise nach Yarmouth zu ihrem Bruder vor. Wir packen und steigen in eine Kutsche und meine Amme scheint mindestens so froh wie ich, diesem Mr. Murdstone ein paar Wochen entfliehen zu können.

Die Wochen sind wie Jahre. Ich höre das Meer rauschen, den Wind pfeifen, fühle meine Füße im Dünensand versinken und betrete ein Boot. Kein gewöhnliches Boot auf dem Wasser, sondern eines mit einer richtigen Eingangstür und drinnen mit allem, was man für ein gemütliches Leben braucht. Ich werde herzlich begrüßt und die Menschen, die in dem Bootshaus wohnen, reden in einer Art, wie ich sie von zu Hause nicht kenne. Plötzlich habe ich richtige Freunde: den an seiner Pfeife nuckelnden Mr. Peggotty, der mich seltsamerweise mit Sir anredet. Sein Neffe Ham, der mich Master Davy nennt, blondes lockiges Haar hat und gerne Karten legt. Die über alle Maßen höfliche Mrs. Gummidge, die uns gekochte Schollen, Kartoffeln mit geschmolzener Butter und mir ein Hammelkotelett extra serviert. Und – und jetzt bekomme ich fürchterliches Herzklopfen – Mr. Peggottys Nichte Emily, mit der ich auf einer alten Seemannskiste oder einem Fischerkörb sitze …

Ich verbringe eine wunderbare Zeit. Ich renne mit Emily am Strand entlang und sie erzählt mir ganz vertraulich, dass sie keinen Vater mehr hat wie ich und dass auch ihre Mutter schon lange tot ist. Und dann erklärt sie mir etwas, über das ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht habe:

„Dein Vater war ein vornehmer Mann und deine Mutter ist eine feine Dame. Mein Vater war ein Fischer und meine Mutter die Tochter eines Fischers und mein Onkel Dan ist auch nur ein Fischer.“

Ein bisschen begriff ich, was Emily mir damit klarmachen wollte. Meiner Liebe zu ihr aber tat dies keinen Abbruch.

Der Abschied von Yarmouth tat weh. Und die Ankunft im Krähennest?

Sie war voller Überraschungen: Als erstes wurde ich von einer mir unbekannten Magd begrüßt. Als nächstes hielt ich vergeblich nach meiner Mutter Ausschau. Und dann sagte Peggotty einen mehr als merkwürdigen Satz:

„Master Davy, du hast einen Papa bekommen!“

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diese Nachricht reagiert habe. Jedenfalls war von diesem Tag an mein Leben auf den Kopf gestellt. Es kam mir so vor, als ob man mir meine Mutter genommen hätte. Und damit nicht genug: Ich musste auch mein geliebtes Zimmer räumen. In der Hundehütte saß plötzlich ein riesiger Hund, der mich jedes Mal wütend anbellte, wenn ich aus dem Haus kam. Und zu alledem tauchte auch noch eine Person auf, die für mich der Gipfel an Gemeinheit war: Miss Murdstone, die Schwester meines „Vaters“.

„Im Allgemeinen kann ich Knaben nicht leiden“, beleidigte sie mich gleich zur Begrüßung und übernahm fortan die Macht im Haus.

Ich war verzweifelt, warf mich weinend auf mein Bett und suchte Trost bei Peggotty. Ich versuchte, Hilfe bei meiner Mutter zu finden. Doch entweder war sie mit Mr. Murdstone irgendwohin verschwunden oder sie wurde von dessen Schwester „bewacht“. Und dann passierte das, was mich noch heute schmerzt:

Dieser Mann, der mein Vater sein wollte und meine Mutter wie seine kleine Tochter behandelte, schlug mir für nichts und wieder nichts mit einem Buch auf den Kopf!

„David“, sagte er mit zusammengepressten Lippen, „wenn ich ein ungehorsames Pferd oder einen unfolgsamen Hund habe, was meinst du wohl, was ich mit ihm mache?“

„Das weiß ich nicht“, war meine Antwort.

„Ich prügle ihn, bis er sich krümmt und windet. Und wenn er das nicht begreift, dann tue ich es so lange, bis er es begreift.“

Ich … ich wollte nicht begreifen. Ich konnte nicht begreifen. Dieser Mann, der vorgab, meine Mutter sehr gern zu haben, wollte aus mir einen anderen Menschen machen. Kein Tag verging mehr, an dem ich nicht beschimpft und gequält wurde.

Ich musste lernen und lernen. Und niemand fragte mich, warum ich irgendwas nicht so schnell verstand, wie es mein Ziehvater von mir forderte. Entweder quälte er mich höchstpersönlich mit mathematischen Aufgaben, bei denen es um mindestens fünftausend Doppel-Gloucester-Käse zu viereinhalb Pence das Stück ging. Oder er mahnte meine Mutter: „Clara, sei streng mit dem Knaben! Entweder er kann seine Aufgaben, oder …“

Und wenn solche Drohungen nichts fruchteten, so erschien Miss Murdstone und gab meiner Mutter gute Ratschläge: „Liebe Clara, es geht nichts über Arbeit. Gib deinem Knaben etwas auf!“

So verging ein halbes Jahr oder mehr und ich wurde immer stumpfer und verstockter. Wären da nicht Robinson Crusoe, Tom Jones, Gil Blas, der Vikar von Wakefield, Don Quijote und alle die anderen gewesen … ich weiß nicht, wie ich diese Quälereien hätte aushalten sollen.

Meine Mutter, von der ich mir eigentlich Hilfe erwartete, war seit ihrer Heirat noch schüchterner und hilfloser geworden. Und Peggotty, die früher viel zu sagen hatte in unserem Haus, konnte mir jetzt nur noch heimlich Trost spenden.

Und dann kam der Tag der Wahrheit:

Ich bekam wieder einmal Aufgaben gestellt, die ich beim besten Willen nicht lösen konnte. Die schwarzen Augen von Mr. Murdstone waren auf mich gerichtet. Der verächtliche Blick von Miss Murdstone ruhte auf mir. Und meine Mutter schien zu ahnen, welches Drama bevorstand – sie weinte.

„David“, sagte Mr. Murdstone mit seiner herrischen Stimme, „ich glaube, wir müssen mal nach oben gehen.“ Kaum eine Minute später fühlte ich mich gepackt und festgehalten wie in einem Schraubstock. Ich hörte mich um Schonung flehen und dann spürte ich einen Schlag, der so unendlich schmerzte, dass ich einfach nur zubiss.

Kapitel 2 Ein neues Leben beginnt

Ich beiße heute noch die Zähne zusammen, wenn ich an Mr. Murdstones Hand denke und die Schläge spüre, die meinen Rücken, meine Arme und mein Gesicht blutrot anschwellen ließen. Dann musste ich büßen: Ich wurde eingesperrt. Ich wurde behandelt wie ein verwildertes Tier. Ich musste fünf Tage darben und beten und schließlich flüsterte mir die gute Peggotty durch dass Schlüsselloch zu: „Du kommst in eine Schule!“

Die Abschiedsworte, die wenige Tage später meine Mutter mit verweinten Augen zu mir sprach, klingen mir noch heute in den Ohren: „O Davy! Dass du jemandem weh tun konntest, den ich liebe! Bemühe dich, besser zu werden. Bete zu Gott, damit er dich bessert.“

Und dann die Reise. Eine lange Reise …

Sie begann damit, dass mir der Kutscher, ein gewisser Mr. Barkis, einen wichtigen Auftrag gab, nachdem ich ihn von Peggottys Kuchen hatte probieren lassen: „Wenn Sie Miss Peggotty schreiben, bestellen Sie ihr, Barkis will.“

Ich verstand zwar nicht, was er damit meinte. Aber ich erfüllte später seinen Auftrag und ich konnte nicht ahnen, welche Folgen dies einmal haben sollte.

Was ansonsten in den nächsten Tagen und Wochen über mich hereinbrach, kann ich hier nur zusammenfassen: Mit einem Mal spürte ich eine große Freiheit. Obwohl ich ein Kind war, fühlte ich mich nicht mehr wie ein solches. In einem Gasthof unterwegs trank ich mein erstes Maß Ale. In einem anderen Wirtshaus wurde ich bedient wie ein Herr und gab dem Kellner ein Trinkgeld.

Bald darauf London, diese Wahnsinns-Riesenstadt London … und dann, dann war ich mit einem Mal wieder ganz klein!

Mr. Creakle, der Leiter von Salem House, dessen Frau und Tungay – eine Art Schuldiener mit Stiernacken und Holzbein – hießen mich nicht gerade willkommen.

„Dieses Schild musst du auf Wunsch deines Vaters auf deinem Rücken tragen“, verkündete man mir und die Folgen lassen sich erahnen:

„Er beißt! Er beißt!“, hörte ich fortan und es brauchte einige Zeit, bis ich mich nicht mehr wie ein räudiger Hund fühlte.

Glücklicherweise war ich kurz vor Ferienende eingetroffen. Meine Mitschüler und die Lehrer tauchten erst nach und nach auf und so konnte ich mich langsam an sie gewöhnen … an Mr. Mell, den Unterlehrer, und an Mr. Sharp, den Oberlehrer, und an all die Jungen, mit denen ich in Zukunft in einem Haus leben sollte.

Und dann kam er: großgewachsen, blondlockig, über alle Maßen selbstbewusst und stark … Steerforth mit Namen.

„Wieviel Geld hast du dabei, Copperfield?“, nahm er sich meiner an. „Ich schlage vor, du gibst mir alles in Verwahrung, okay?“

Er wartete gar nicht auf meine Antwort. Er nahm mir einfach alles ab: „Für Biskuits. Für Mandelkuchen. Und für eine Flasche Johannisbeerwein. Okay?“

Ich hatte sehr schnell gelernt, wer in Salem House die Befehle gab und wer gehorchen musste: Ganz oben stand natürlich Mr. Creakle. Er nannte sich selbst einen Tartaren und zog nicht nur mich schmerzvoll am Ohr, sondern er schlug auf alles ein, was Widerspruch wagte. Dann, weit, weit unter ihm standen dieser Stiernacken Tungay und Mr. Sharp. Der eine wiederholte regelmäßig Mr. Creakles Befehle und war sein zweibeiniger bissiger Wachhund. Der andere war nur ein strenger und stets gehorsamer Befehlsempfänger, der aber immerhin am Tisch des Schulleiters speisen durfte.

Ganz anders Mr. Mell, der Hilfslehrer: Er stand tief unten auf der Rangleiter. Ich hatte gleich zu Anfang gemerkt, dass er mich mochte. Aber seine Zuneigung war viel weniger hilfreich als die eines anderen. Steerforth war eigentlich derjenige, der gleich nach Mr. Creakle die geheimen Fäden in Salem House in der Hand hielt. Wer ihn als Freund und Beschützer hatte, konnte nicht untergehen in dieser Aufbewahrungsanstalt, die sich Schule nannte.

Und eines Tages hatte sich der große Blonde, der mir so gut wie noch keiner zuvor gefiel, an mich gewandt und verkündet: „Kleiner Copperfield, ich will dich unter meinen Schutz nehmen.“

Dies war – das kann ich hier schon vorwegnehmen – der Anfang einer langen, langen Freundschaft. Sie sollte erst Jahre später auf eine ziemlich tragische Art und Weise zerbrechen.

Wie groß die Macht von Steerforth in der Schule war, zeigte sich eines Tages, als Mr. Sharp seinen freien Tag hatte und Mr. Mell den Unterricht allein bestreiten musste.

Es ging drüber und drunter. Und Mr. Mell hatte mich zu sich an die Tafel gerufen, um etwas zu erklären. „Ruhe!“, rief er nicht zum ersten Mal und schlug mit einem Buch kräftig auf sein Pult. „Auch Sie dahinten, Mr. Steerforth, bitte ich um Ruhe!“

„Selber ruhig!“, scholl es durch den Klassenraum und Steerforth kam gemessenen Schrittes nach vorne.

„Setzen Sie sich!“, sagte Mr. Mell.