Dead Heat - Tödliche Lügen - Darian North - E-Book
SONDERANGEBOT

Dead Heat - Tödliche Lügen E-Book

Darian North

0,0
1,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ist sie Opfer oder Täterin? Der packende Thriller »Dead Heat – Tödliche Lügen« von Darian North jetzt als eBook bei dotbooks. Als der berühmte New Yorker Künstler Bram Serian bei einem rätselhaften Feuer ums Leben kommt, fällt der Verdacht sofort auf seine Frau Lenore. Aber könnte diese zarte asiatische Schönheit wirklich zu so einem schrecklichen Verbrechen fähig sein? Zunächst ist es nur der ungewöhnliche Gerichtsfall, der den ehrgeizigen Schriftsteller Owen in die Stadt zieht – in der Hoffnung, hier Inspiration für sein erstes Buch zu finden. Doch als er Lenore das erste Mal gegenübersteht, ändert sich alles: Unfähig, ihrer mysteriösen Anziehung zu widerstehen, wird er in eine dunkle Affäre mit der jungen Witwe hineingezogen. Aber je weiter der Prozess voranschreitet, desto mehr quälen Owen Zweifel – ist Lenore wirklich die Frau, die sie vorgibt zu sein… oder eine eiskalte Killerin? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Psychothriller »Dead Heat – Tödliche Lügen« von Darian North wird alle Fans des Bestsellers »Gone Girl« und des legendären Blockbusters »Basic Instinct« begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1028

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Über dieses Buch:

Als der berühmte New Yorker Künstler Bram Serian bei einem rätselhaften Feuer ums Leben kommt, fällt der Verdacht sofort auf seine Frau Lenore. Aber könnte diese zarte asiatische Schönheit wirklich zu so einem schrecklichen Verbrechen fähig sein? Zunächst ist es nur der ungewöhnliche Gerichtsfall, der den ehrgeizigen Schriftsteller Owen in die Stadt zieht – in der Hoffnung, hier Inspiration für sein erstes Buch zu finden. Doch als er Lenore das erste Mal gegenübersteht, ändert sich alles: Unfähig, ihrer mysteriösen Anziehung zu widerstehen, wird er in eine dunkle Affäre mit der jungen Witwe hineingezogen. Aber je weiter der Prozess voranschreitet, desto mehr quälen Owen Zweifel – ist Lenore wirklich die Frau, die sie vorgibt zu sein… oder eine eiskalte Killerin?

Über die Autorin:

Darian North ist das Pseudonym einer renommierten amerikanischen Spannungsautorin. Bekannt wurde sie vor allem für seine psychologischen Thriller, die besonders durch ihren fesselnden Schreibstil und außergewöhnlichen Fälle bestechen.

Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die psychologischen Thriller:

»Dead Heat – Tödliche Lügen«

»Cold Bones – Dunkle Wahrheit«

***

eBook-Neuausgabe November 2022

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1993 unter dem Originaltitel »Criminal Seduction« bei Dutton, New York Die deutsche Erstausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Die Hitze des Todes« bei Droemer Knaur, München.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1993 by Darian North

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1995 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-98690-396-1

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Dead Heat« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Darian North

Dead Heat – Tödliche Lügen

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Helga Augustin

dotbooks.

Für Michael Bradley

Der steigt durch Schuld, der muß durch Tugend fallen.

Shakespeare

Danksagung

Mein Dank gilt dem hervorragenden Strafverteidiger Charles Fiore für seine Hilfe und Beratung in juristischen Fragen und Gail Fiore für ihre Geduld; der Journalistin Bryna Taubman für ihren großzügigen Beistand; Frances und Jim Bagley, Jack Bradley, Darwin und Carolyn Gidel, Lance und Arlene Gidel, Robert Tine und Karen Day, Judy Wall sowie Abby und Don Westlake für ihre Unterstützung und Ermutigung in schweren Zeiten; den Mitarbeitern der New Yorker Medien – Carol, Ellen, Lisa, John, Amy, Sharon, Chris und anderen –, die meine Fragen beantwortet und mir Einblick in ihre Welt gewährt haben, sowie David Lewis von der Firma Lewis and Fiore, dessen Geschichten über rechtliche Auseinandersetzungen mich sehr inspiriert haben; und ein herzliches Dankeschön an Audrey LaFehr, meine Lektorin bei Dutton und Freundin.

Zurückblickend erkannte er, daß er schon immer auf sie gewartet hatte. Gewartet, von ihr umschlungen und vom Dunkel ihrer Augen verschluckt zu werden.

Sie hatte ihn zu Fall gebracht, hatte die brennende Sehnsucht geweckt, die alles zunichte machte, was er einmal gewesen war, und ihn dann mit einem faden Geschmack zurückgelassen. Aber jetzt, im nachhinein, wußte er, daß er es nicht anders gewollt hatte.

Daß er schon immer darauf gewartet hatte.

Kapitel 1

Die Zeit vergeht langsam in den Flint Hills von Kansas. Es ist ein einsames Stück Land. Ein wogendes Meer aus Gras auf einem Gebirgszug, der so alt ist, daß die einst mächtigen Gipfel zu Hügeln abgeflacht sind. Es ist Weideland, ungeeignet für den Pflug. Schnee- und Staubstürmen, Tornados und Dürren, faustdickem Hagel, gewaltigen Winden und in Flußnähe regelmäßiger Überflutung ausgesetzt.

Wenn Owen Byrne über die Hügel ritt, hatte er manchmal das Gefühl, auf dem Weg in die Vergangenheit zu sein – daß er schon bald auf Siedler, Büffel und Scharen von Osage-Indianern treffen würde, auf Dinosaurier und schließlich auf die Gletscher und Vulkane, die diesem Land seine ursprüngliche Form gegeben hatten. Hin und wieder hielt er sein Pferd an und lauschte den Stimmen der Vergangenheit, überzeugt, daß sie existierten und ihr Flüstern überall zu hören sei. Und manchmal, während sein Pferd und seine Hunde ihn erwartungsvoll beobachteten, setzte er sich auf den Boden und versuchte, sich all das vorzustellen, was im Laufe der Zeit auf diesem Stück Erde passiert sein mochte: jedes Insekt, das einmal darübergekrochen war, jeden Samen, der einmal aufgegangen, und jeden Blutstropfen, der bei Geburt oder Tod hier einmal geflossen war.

Aber heute nicht. Schon seit Monaten nicht mehr. Sorgen hatten ihn von seinen müßigen Tagträumen geheilt.

Das Fohlen glitt im weichen Trab rasch über den Boden. Owen versuchte, bis auf die regelmäßigen Schläge der Pferdehufe und den beißenden Wind in seinem Gesicht, alles auszublenden; er wollte die kräftigen, graziösen Schritte genießen, die ihn dem Horizont entgegenbrachten. Aber es gab kein Entrinnen, beharrlich verfolgten ihn seine Sorgen. Er wollte sich gern blindem Optimismus hingeben, redete sich ein, daß alles schon wieder in Ordnung käme ... irgendwie. Irgendwie. Das Wort schien ihm so nichtssagend.

Hoch über ihm glitt ein Flugzeug vorbei, und er zügelte das Fohlen, um ihm nachzublicken. Sonnenstrahlen funkelten auf dem silberfarbenen Rumpf. Aus dieser großen Entfernung kam ihm das Flugzeug eher wie ein Vogel als wie eine Maschine vor. Ein riesiger, gleitender Vogel auf dem Weg zu einem exotischen Ziel. Er war noch nie geflogen und hatte das Gefühl, daß sich das auch niemals ändern würde – daß sein Leben festgeschrieben und er im Alter von zweiunddreißig Jahren an einem Punkt angelangt war, an dem er schon alles erlebt hatte, was es für ihn zu erleben gab.

Wie er dort verharrte – ein großer Mann auf einem schlanken Falben inmitten der hügeligen Weite –, hätte Owen Byrne selbst eine Erscheinung aus vergangenen Zeiten sein können. Mit dem langen Segeltuchmantel, den abgewetzten ledernen Hosenschonern und dem verbeulten schwarzen Cowboyhut war er der Inbegriff des einsamen Reiters. Bestandteil eines Pferdes, eines Landes, eines Traumes aus einer längst vergangenen Zeit. Aber Owen war weder ein Traum noch eine Erscheinung. Er war lediglich ein Mann, der seiner alltäglichen Arbeit nachging.

Das Fohlen warf nervös den Kopf herum und verfiel in einen seitlichen Cakewalk. Es war noch nicht lange gezähmt, und seine Ausdauer im Stillstehen hatte Grenzen. »Ruhig«, flüsterte er, zog die Zügel fester an und zwang es, einen Moment stillzustehen, bevor er ihm den langsamen Trab gestattete, den es mochte. Beim Reiten hielt er nach weiteren toten Kälbern Ausschau.

Erst heute morgen hatte er wieder einen ausgestoßenen Fötus gefunden. Das erhöhte die Zahl seit Thanksgiving auf dreißig. Seine anfängliche Hoffnung, daß nur ein kleiner Teil der Herde infiziert sei, schlug allmählich in Resignation um.

»Es ist ein neuer Virus aus Südamerika, ähnlich der Bangschen Krankheit«, hatte der Tierarzt erklärt. »Er wird bei der Paarung übertragen. Den Bullen passiert nichts, aber jede infizierte Kuh verliert ihr Junges, noch bevor es lebensfähig ist.«

Da die Ranch von der Kälberzucht lebte, war das eine vernichtende Nachricht. Owen hatte sie noch nicht ganz verkraftet, als der Tierarzt fortfuhr und sagte, daß den Bullen nichts passiere, wenn sie unter Quarantäne gestellt und mit Antibiotika behandelt wurden, daß die Kühe durch den Virus allerdings unfruchtbar würden. Sie könnten also nie mehr Kälber austragen. Die Byrne-Shamrock-Ranch würde daher nicht nur weniger Kälber auf dem Markt anbieten können, sondern auch eine beträchtliche Anzahl guter Mutterkühe verlieren. Und da der Fleischpreis für ausgewachsene Kühe nicht sehr hoch war, würden sie vom Schlachthof nicht annähernd soviel bekommen, wie es kostete, um die infizierten Kühe zu ersetzen. Erst heute morgen war die erste Ladung kranker Kühe abgeholt worden. Als der Lastwagen kam, hatte er sie selbst aufgeladen und dabei all seine Qual und Verzweiflung in körperlicher Anstrengung erstickt. Nicht nur der finanzielle Verlust war vernichtend. Die Tiere auf dem Weg ins Schlachthaus waren Mutterkühe gewesen, um die er sich jahrelang gekümmert und die er selbst gefüttert hatte. Mutterkühe in ihren besten Jahren.

Aber sie mußten damit anfangen, das zuchtuntaugliche Vieh auszusondern. Sie konnten es sich nicht leisten, unfruchtbare Kühe den ganzen Winter durchzufüttern. Verdammt, so wie es im Moment aussah, war es nicht einmal sicher, ob sie es sich leisten konnten, genug Futter für die fruchtbaren Kühe zu kaufen. Die Rechnungen stapelten sich in den Fächern des alten Rollpults. Futterrechnungen. Tierarztrechnungen. Transportrechnungen. Bald waren auch die Steuern fällig, und am Ende des Sommers würden die Rückzahlungsforderungen für die Bankkredite wie Bomben auf sie herabfallen.

Sie brauchten Geld. Er konnte das Fohlen verkaufen, sobald er es ganz zugeritten hatte. Und da waren auch noch die vier jungen australischen Schäferhunde, die er gerade abrichtete. Gute Herdenhunde brachten immer viel Geld. Er hatte eigentlich vorgehabt, das Pferd und die Hunde zu behalten, aber das war jetzt nicht mehr so wichtig.

Er dachte an das Jahr zurück, in dem Diebe an Heiligabend eine halbe Wagenladung Rinder gestohlen hatten. Damals hatten sie den Verlust auch überlebt. Irgendwie würden sie es schon schaffen.

Irgendwie. Da war es wieder, dieses Wort.

Er ritt mit dem Fohlen über einen Hügelkamm, und die weitläufigen Viehgehege, die Hütten der ehemaligen Siedler und das Skelett eines riesigen Birnbaums kamen in Sicht. Seine Mutter hatte den Baum nach der Beerdigung seines Bruders fällen wollen, aber Owen hatte es ihr ausgeredet. Nicht nur, weil Bäume in diesem Teil des Landes selten waren, sondern auch, weil Terry den Baum geliebt und zu seinem Schutz eine Anlage aus Gehegen und Laufgängen außen herumgebaut hatte.

Für Owen war das die wahre Gedenkstätte seines Bruders – nicht die prunkvolle Granitplatte auf dem Friedhof von Cyril. Das hier war Terrys Meisterwerk. Er hatte die Anlage so gebaut, daß die Arbeit mit dem Vieh – das Brandmarken, das Enthornen, das Kastrieren und Impfen – wesentlich schneller und einfacher vor sich ging als mit der alten Methode. Jetzt, wo Owen einen Großteil dieser Arbeiten allein machte, war das eine unschätzbare Erleichterung, ohne die er es wahrscheinlich nicht geschafft hätte. Deshalb betrachtete er diesen Arbeitsbereich als Terrys Vermächtnis an ihn.

Bei den Gedanken an den Tod seines Bruders hatte er das Gefühl, sich einem gewaltigen Dunkel zu nähern, vor dem er zurückscheute. Er verdrängte sie so schnell wie möglich, indem er dem Pferd freien Lauf ließ. Sofort verfiel es in einen schnellen Galopp, so daß die jungen Hunde, die neben ihnen herrannten, kaum mithalten konnten.

Vor ihnen lagen die Gehege, in denen sich die Bullen der Byrne-Ranch befanden. Owen trennte sie jedes Jahr für ein paar Monate von der Herde, um sicherzustellen, daß keine Kuh mitten im darauffolgenden Winter ein Junges bekam, dessen Überleben – und in einigen Fällen auch das der Mutterkuh – gefährdet wäre. Wegen des Virus war die Trennung in diesem Jahr natürlich noch notwendiger geworden.

Er hatte schon fast die Hütte erreicht, als das Fohlen plötzlich schnaubte, scheute und seitwärts ausbrach. Vielleicht hätte er es weiter vorwärtsgetrieben, wenn sich nicht auch die jungen Hunde auf einmal merkwürdig benommen hätten. Und dann bemerkte auch er ihn, den schwachen, aber unverkennbar scharfen Geruch von Blut.

Er stieg ab und band das Pferd hinter der Hütte fest. Dann ging er zu den schnaubenden und drängelnden Bullen, die um einen Platz am Futtertrog kämpften und ihm wie eine Wand aus muskulösen Körpern die Sicht verbauten. Sie waren immer hungrig, wenn sie eingesperrt waren. Gierig nach Futter. Und unglaublich erregt. Er hatte sich oft gefragt, wie ein Sozialwissenschaftler das Verhalten der Bullen deuten würde. Wenn sie nämlich mit der Herde zusammen auf die Weide getrieben wurden, gingen sie sich immer aus dem Weg, obwohl es dann manchmal tagelang oder gar wochenlang keine Kühe zu decken gab. Aber wenn sie vorübergehend im Gehege eingesperrt waren, erregten sie sich gegenseitig und besprangen einander, wobei eine ganz klare Hierarchie herrschte, die durch Macht und Größe festgelegt war. Sein Bruder hatte dieses Verhalten immer als Hackordnung bezeichnet.

»Hey, Jungs, sagt mal«, meinte er, während er sie sorgfältig nach Verletzungen absuchte. »Wer blutet denn hier?«

Sie streckten ihm ihre großen, feuchten Nasen entgegen und schnüffelten geräuschvoll in der Hoffnung, Kraftfutter oder Getreidekörner zu riechen. Er kletterte den Zaun halb hinauf, woraufhin die muskulöse Masse mit Unruhe reagierte. Aus der höheren Position konnte er über die breiten Rücken der vorderen Tiere hinwegsehen und einen Blick auf die jüngeren, kleineren Tiere werfen, die nach hinten gedrängt worden waren. Und er sah, daß sie um ein Tier herumgingen, das auf dem Boden lag.

»Großartig«, rief er laut, denn er wußte genau, daß der Bulle am Boden der neue war, den sein Vater gerade gekauft hatte.

Owen holte einen Sack mit Kraftfutter aus der Hütte und füllte damit einen Trog am entgegengesetzten Ende des Geheges. Wie erwartet stampften die Bullen brüllend in Richtung des Futtertrogs und stießen sich im Kampf um den besten Platz gegenseitig zur Seite. Er schloß das Tor, damit sie nicht zurückkommen konnten, und ging zu dem Tier, das am Boden lag.

Der kleine Bulle war wirklich sehr schön, sogar jetzt noch, wo er in einer Lache aus Blut und Mist lag und mit glasigen Augen ins Leere starrte. Owen kniete sich neben ihn und hörte ein leichtes, rasselndes Atmen aus den blutverkrusteten Nüstern. Er streichelte den Rücken des Tieres, flüsterte »ruhig, Kleiner, ruhig«, aber nicht einmal auf die Berührung reagierte es. Owen spürte, wie sich eine tiefe Verzweiflung in ihm ausbreitete.

Sein Vater war letzte Nacht von einer Auktion gekommen und hatte mit seinem großartigen Kauf geprahlt und wie er jemanden überredet hätte, ihm seine Neuerwerbung gleich in das Gehege zu bringen. Owen war so sprachlos über das Verhalten seines Vaters gewesen – das knappe Geld für einen Bullen auszugeben, den sie nicht brauchten –, daß er sich nicht weiter nach Einzelheiten über das Tier erkundigt hatte. Wie zum Beispiel dessen Alter. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß sein Vater ein junges Tier zusammen mit den großen Bullen in das Gehege stecken würde. Genau das hatte Clancy Byrne getan, der in letzter Zeit seinen gesunden Menschenverstand, den er einst wohl besessen hatte, zunehmend verlor. Er hatte den kleinen Burschen zu den großen Kerlen gesteckt, und der Kleine war die ganze Nacht über besprungen, umgeworfen, gestoßen und niedergetrampelt worden.

Owen ging zurück zu seinem Pferd, nahm das Gewehr aus der Sattelscheide, kletterte wieder in das Gehege und schritt über den festgetretenen Boden. In der Ferne trieben Zirruswolken über die braunen Hügel hinweg. Die Bullen hatten das Futter aufgefressen und starrten ihn nun zwischen dem Zaun hindurch an. Die jungen Hunde rannten ungeduldig hin und her und hofften auf ein Jagdzeichen.

Er drehte sich um und zielte in einem Bewegungsablauf. Ein Schuß krachte. Das Tier am Boden bäumte sich kurz auf. Die jungen Hunde machten sich davon. Aus dem Loch zwischen den glasigen Augen sickerte Blut. Er beendete die Fütterung der Bullen und ging weg.

Danach ritt er hart und rücksichtslos, bis der Wind beißende Tränen in seine Augen trieb und er langsamer werden mußte, um sehen zu können. Er war von einer Wut erfüllt, die ihn so vollkommen erfüllt hatte, daß es ihm Angst einjagte. Er stieg ab und führte das Fohlen am Zügel, zwang sich auf diese Weise, Ruhe zu bewahren. Es gab keine Erklärung für seine extreme Wut. Sein Vater hatte über die Jahre sicherlich schlimmere Dinge angestellt. Auch er selbst war schon gezwungen gewesen, Schlimmeres zu tun.

Beim Gehen atmete er tief durch, bekämpfte mit jedem Atemzug die Wut und zwang den Dämon zurück in seinen Käfig. Als es endlich vorbei war, fühlte er sich ausgelaugt. Er hatte seine Stimmungen und dieses andere diffuse Gefühl gründlich satt. Diese vage, unbenennbare Unruhe, die ihn von allen Seiten bedrängte.

Als er glaubte, ein Läuten zu hören, schwang er sich wieder in den Sattel. Er hielt das Fohlen an und lehnte sich etwas nach vorn, um genau hinzuhören. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Jemand läutete die große Glocke am Haus. Der dumpfe Klang wurde vom Wind herübergetragen, manchmal tief und klar, manchmal kaum hörbar. Nach kurzer Überlegung war er sicher, daß das Läuten nicht einen Notfall bedeutete, sondern ihm einfach nur mitteilen sollte, nach Hause zu kommen. Er setzte sich im Sattel auf, dachte einen Moment über die Zaunreparaturen am Bach nach, die er überprüfen wollte, war aber neugierig, zu erfahren, warum er gerufen wurde.

Er lenkte das Pferd in Richtung Scheune auf das Haus und die Glocke zu. Den Zaun konnte er auch später noch überprüfen. Wenn es sein mußte, ging das auch noch im Dunkeln mit dem Scheinwerferlicht des Pick-ups.

Bis er zurückgeritten war, sein Pferd versorgt und in den Stall gebracht hatte, war die Wintersonne schon fast untergegangen. Er verließ die alte Scheune und ging hinunter in Richtung Haus. Da er weder Besucher noch fremde Autos sah, konnte er sich nicht erklären, weshalb man ihn gerufen hatte. Etwas unterhalb lag das Haus still vor ihm, ein schmales Rechteck aus dem handgehauenen Kalkstein der Umgebung, das den Stürmen der Flint Hills seit einem Jahrhundert standhielt. Eingebettet zwischen zwei Hügeln, war die Vorderseite nach Osten zu der entfernten Straße hin ausgerichtet, während die Rückseite nach Westen in Richtung der Scheunen und Gehege wies. Sowohl die Nord- als auch die Ostseite bestanden aus einer massiven Wand ohne Fenster und Türen, so daß die heftigen Nordoststürme nicht ins Haus eindringen konnten.

Die Glocke befand sich nahe der Hintertür, eine schwere Schiffsglocke aus Messing, die die ersten Siedler dieser Gegend mitgebracht hatten. Sie war zwischen zwei großen Stahlrohren aufgehängt und hatte an der einen Seite eine lange Schnur zum Ziehen. Sie wurde nur noch selten benutzt, da die Pick-ups alle mit Funk ausgestattet waren.

Das dürre Gras und der vereiste Schnee knirschten unter seinen Schritten, als er an dem verlassenen Gerippe der Windmühle, an dem Schlafhaus, das früher den Cowboys und heute ihm selbst als Schlafstätte diente, und an dem hohen Drahtzaun des Gemüsegartens vorbeiging. Vor dem Hintereingang des Hauses machte er auf dem metallenen Schuhabtreter seine Schuhsohlen sauber und betrat die Glasveranda.

Drinnen nahm er sofort die Sporen ab und steckte die Handschuhe in die Jackentasche. Dann zog er den langen Mantel, das schwere wollene Überhemd und die ledernen Hosenschoner aus und hängte alles an die Haken an der Wand. Zum Schluß setzte er seinen Hut ab und fuhr sich mechanisch durchs Haar, um die Druckspuren vom Hutband zu beseitigen. Im Gegensatz zu seinem Vater trug er im Haus nie einen Hut, denn für Owen war der Hut lediglich ein Teil der Arbeitskleidung, mit dem er seinen Kopf bedeckte und sich vor grellem Sonnenschein schützte.

Ohne das ganze Drum und Dran seiner Cowboymontur hatte er sich von einer historischen Erscheinung in einen modernen Mann verwandelt – einen Mann mit dunkelbraunem Haar und tiefblauen Augen, die er von der väterlichen, irischen Seite der Familie geerbt hatte, sowie der verschlossenen, nachdenklichen Art, die seit jeher in der Familie seiner Mutter typisch war.

»Ich bin hier«, rief er auf dem Weg von der Veranda zur Küche. Wie eine Welle schlug ihm die Hitze aus dem alten Ofen entgegen, und er hörte die Nähmaschine im vorderen Raum surren.

Er ging durch die Küche, beugte sich durch die Tür ins Wohnzimmer und sah seine ältere Schwester über die alte schwarze Nähmaschine gebeugt. »Ellen!« rief er über das Geklapper der Maschine hinweg.

Sie nahm den Fuß vom Pedal und blickte durch den Vorhang ihres Ponys zu ihm auf. Ihr mit Strähnchen aufgehelltes Haar war zerwühlt, und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie war fünfunddreißig, sah aber erheblich älter aus.

»Du hast gerade einen Anruf von Mike verpaßt«, sagte sie ärgerlich. »Ihr Vater ist mal wieder auf Sauftour und hat sich mit dem Wagen davongemacht. Sie hat Angst, daß er heute nacht irgendwo umkippt und erfriert.«

Owen war überrascht, daß seine Schwester ihn vorzeitig von der Weide zurückrief, um den Wheelers zu helfen. Sie verachtete den alten Wheeler zutiefst. Außerdem konnte er sich auch nach dem Abendessen noch darum kümmern, mit dem Scheinwerferlicht des Pick-ups. Trotzdem sagte er nur: »Okay, ich werd’ ihn suchen.«

Er ging zurück in die Küche und schenkte sich Kaffee ein. Ellen folgte ihm, und er hielt die Kanne hoch. »Willst du auch?«

Sie winkte ab. Ihre Nägel waren vollkommen abgekaut. Er erinnerte sich an die Zeit, als ihr Haar noch glänzte, ihre Hände gepflegt waren und ihr Gesicht noch nicht von scharfen Linien gezeichnet wurde.

»Stimmt was nicht?« fragte sie, während sie ihn eindringlich anblickte.

Er starrte in seine Tasse. »Ich hab noch einen ausgestoßenen Kälberfötus gefunden. Und es gab Ärger mit den Bullen.«

»Was ist denn passiert?«

»Der Bulle, den Clancy gekauft hat, ist fast zu Tode besprungen worden.«

»Ist er schwer verletzt?«

»Er ist tot, ich mußte ihn erschießen.«

»Scheiße!« Sie schlug mit der Faust auf den Küchentisch. »Wir sollten Daddy sagen, er soll das Ganze hier doch einfach verpokern. Das ginge schneller und wäre lange nicht so zermürbend.«

Draußen auf der Schottereinfahrt war ein Auto zu hören, und dann platzte Meggie durch die Tür herein. Mit sechsundzwanzig war Meggie die Jüngste der Byrne-Geschwister. Sie arbeitete drei Tage die Woche in einem K-Markt und würde das wohl noch ein paar Jahre lang machen müssen, um den Kredit für den Wagen, den sie fuhr, abzubezahlen. Aber das Auto war ihr und Ellen wichtig. Ohne dieses Auto würden sie hier jedesmal festsitzen, wenn die Männer mit den beiden Pick-ups unterwegs waren.

»Hallo, ihr beiden«, sagte Meggie und kämpfte sich mit den zwei vollen Einkaufstaschen durch die Tür. Der Wind hatte ihre roten Haare zerzaust, die nun wie wild in alle Richtungen abstanden.

Owen lief zu ihr hin, um ihr die Taschen abzunehmen.

»Erinnerst du dich an den schönen und teuren Bullen, den Vater letzte Nacht auf einer Auktion gekauft hat?« fragte Ellen, noch bevor Meggie ihren Mantel ganz aufgeknöpft hatte. »Er ist tot.«

»Nein!«

»Doch!« Ellen klang beinahe selbstgefällig. »Mitten im Gehege von ’ner Horde Bullen bestiegen. Ich sag’s euch. Wir landen noch alle im Armenhaus, und diese Ranch wird jemand anderem gehören.«

Meggie blickte von Ellen zu Owen. »Weiß Daddy das schon?« Owen schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn heute noch nicht gesehen.«

»Ich weiß, wo er ist«, sagte Ellen. »Als ich mit Mike telefonierte, sagte sie, daß sie ihn heute morgen in der Bank gesehen hat. Er war auf dem Weg zu einem Nachlaßverkauf, um sich ein paar Jagdhunde anzusehen.«

»Sie hat ihn in der Bank gesehen?« fragte Owen.

Ellen nickte. »In der Warteschlange vor dem Schalter hat er davon geredet, Jagdhunde kaufen zu wollen.« Sie betonte jedes Wort.

Meggie biß sich auf die Lippe und sah Owen an. Einen Moment lang herrschte bedrücktes Schweigen. Dann sagte Meggie: »Nun, es ist ja vermutlich sein Geld.«

»Klar«, sagte Ellen bitter, »und es ist auch seine Ranch. Aber ich würde sagen, daß wir uns hier alle ein Mitspracherecht verdient haben. Besonders Owen. Er arbeitet sich krumm, um das Ganze hier in Gang zu halten.«

»Nuuun ...« Meggie strich mit der Hand über ihr Haar und zuckte lässig mit den Schultern. »Wenn Daddy wirklich ein paar Hunde kauft, werden wir sicher genug frisches Bullenfleisch haben, um sie zu füttern, oder?«

»Großartig!« Ellen rollte mit den Augen und stolzierte aus dem Zimmer.

Owen trank seinen Kaffee, dachte an Mike Wheeler und daran, wo ihr Vater wohl hingefahren sein könnte.

»Oh ... Owen ...« Ellen kam zurück in die Küche und reichte ihm einen zerrissenen Briefumschlag. »Tut mir leid, aber ich hab’ ganz vergessen, dir zu sagen, warum ich dir geläutet habe. Da kam ein Ferngespräch für dich aus New York. Die Frau sagte, es ginge um deine Geschichten und daß du sie noch heute zurückrufen sollst.«

Meggie runzelte die Stirn. »Du mußt den Leuten sagen, daß sie hier nicht solche Nachrichten hinterlassen können, Owen. Stell dir mal vor, daß Daddy ans Telefon geht und es ist so ein Yankee dran, der in New York zurückgerufen werden will!«

»Daddy geht nie ans Telefon, Meg«, sagte Ellen. »Er wartet immer, daß es einer von uns abnimmt. Und außerdem wird er früher oder später doch herausfinden, was Owen macht.«

»Wir hatten uns darauf geeinigt ...« sagte Meggie langsam und betont, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, »nach Daddys letztem Krankenhausaufenthalt ... daß wir jede Aufregung von ihm fernhalten. Und ihr wißt genau, wie er auf die Schriftstellerei und die vielen Anrufe von und nach New York reagieren würde.«

»Es ist ja nun wirklich nicht so, daß Owen ein Verbrechen begeht«, erklärte Ellen. »Und ich habe die Nase wirklich voll, Daddy immer vor allem und jedem beschützen zu müssen. Vor was hat er uns eigentlich jemals beschützt?«

»Oh, natürlich ... das ist also deine Art, dankbar zu sein ... kommst hierher zurück und liegst Daddy auf der Tasche, nachdem du keinen Ehemann mehr hast und nicht weißt, wo du hin sollst und ...«

»Das reicht jetzt.« Owen schob seinen Stuhl vom Tisch zurück und stand ruckartig auf.

»Was?« fragte Meggie aufgebracht. »Ich versuche nur, euch an Daddys Gesundheit zu erinnern. Menschenskind, ich hatte gedacht ...«

»Genug!« Owen hielt beide Hände vors Gesicht und preßte seine Handballen so fest gegen die geschlossenen Augen, bis er merkwürdige, losgelöste Formen tanzen sah. Als er wieder aufblickte, starrten ihn seine beiden Schwestern an. Wie immer, wenn es um ihren Vater ging, hatten sie einen nervösen, fast ängstlichen Ausdruck im Gesicht. Owen haßte es, der Grund dafür zu sein, konnte sich aber nicht – wie sonst oft in solchen Momenten – zu einer versöhnlichen Geste durchringen.

»Ich werde jetzt zurückrufen«, teilte er ihnen ungeduldig mit.

Beide Frauen nickten und gingen zurück ins Wohnzimmer. Er wußte, daß sie zuhören würden. Die Privatsphäre war in diesem Haushalt noch nie für wichtig gehalten worden, und es gab auch nur das eine Telefon an der Wand neben dem Herd. Er überlegte, vom Münztelefon in der Drogerie von Cyril aus anzurufen, aber dafür hätte er dreißig Minuten mit dem Auto fahren müssen. Er starrte auf den Namen und die Telefonnummer auf dem zerrissenen Briefumschlag. Bernadette Goodson. Seine Agentin. Ihren Namen von Ellen hingekritzelt zu sehen, ließ ihm ganz flau im Magen werden. Gewöhnlich verkehrte Bernie Goodson schriftlich mit ihm; daher bedeutete ein Anruf Neuigkeiten.

Er atmete tief ein, nahm den Hörer ab und wählte. Es dauerte lange, bis die Verbindung zustande kam. Schließlich antwortete jemand, und dann kam Bernie ans Telefon.

»Owen! Wie geht es Ihnen? Wie lebt es sich in Kansas?« Bernie stammte von einer Insel, auf der sie britisches Englisch sprachen, und der Akzent ihrer Kinderjahre war auch noch heute ein kleines bißchen herauszuhören. Er mochte den unverwechselbaren Klang ihrer Stimme und die ungewöhnlichen Formulierungen.

»Ach, wie immer«, sagte er.

»Hoffentlich habe ich Sie nicht von was Wichtigem weggeholt.«

»Nein.«

»Gut. Also, erinnern Sie sich noch an die Lektorin, die mich Ihnen empfohlen hatte? Die, die Ihre anderen Arbeiten mochte? Ich hatte heute morgen ein langes Gespräch mit ihr über Ihr Manuskript, und ich wollte gleich mit Ihnen darüber sprechen.«

»Die mit dem passenden Namen?«

Bernie lachte. »Ja. Arlene Blunt.«

»Natürlich erinnere ich mich an sie. Ihre Absagen hängen aufgereiht bei mir an der Wand.«

»Nun, Owen, Lektoren können auch nicht immer kaufen, was sie gern wollen. Das habe ich Ihnen schon erklärt.«

»Ja. Das haben Sie mir schon gesagt.« Owens Herz schlug wie wild, als hätte er gerade einen Langlauf hinter sich. Er wagte es nicht, irgendwelche Hoffnungen in dieses Telefongespräch zu setzen ... und trotzdem fühlte er einen gewissen Auftrieb.

»Also, Arlene hat mich heute morgen wegen Ihres neuen Manuskripts angerufen. Sie war sehr beeindruckt. Sie findet, daß Sie großes Talent haben.

Sie hat es zwar noch nicht geschafft, ihre Vorgesetzten für Ihre Arbeiten zu interessieren, aber sie versucht es weiter. Das Problem mit dieser Geschichte ist im wesentlichen das gleiche wie mit Ihren anderen. Erstens: Obwohl alles so miteinander verwoben ist, daß es zunächst wie ein Roman scheint, ist es dennoch eine Sammlung von Kurzgeschichten. So was läßt sich nun mal sehr schwer verkaufen. Zweitens: Ihre Geschichten sind zu düster. Selbstmorde und Frauen, die auf ihren Ranchs festsitzen, und Ihre Vision von der sterbenden Natur ... Das klingt alles so ungeheuer bitter. So verletzlich. Ich finde, daß sogar Ihre Tiere ... nun ... irgendwie zu animalisch sind. Die Menschen wollen nun mal, daß Tiere knuddelig und lieb sind, oder wenigstens gutmütig.«

Seine Hoffnung schwand. Dieses Manuskript war wie all die anderen abgelehnt worden und würde ebenfalls in der Schublade seines Wandschrankes landen.

Bernie schwieg, als erwarte sie eine Antwort von Owen. Als nichts kam, sprach sie weiter. »Natürlich werde ich das Manuskript noch an andere Verlage schicken, aber wir müssen realistisch sein. Arlene war unsere größte Hoffnung, weil sie Ihrer Arbeit gegenüber sehr positiv eingestellt ist. Unbekannte Schriftsteller haben es nun mal sehr schwer. Der Markt ist schlecht, und Verleger wollen auf Nummer Sicher gehen. Sie scheuen das Risiko. Sie wagen es einfach nicht, etwas zu veröffentlichen, das zu beunruhigend ist oder so ganz anders als das, was sich gut verkaufen läßt.«

»Vielleicht sollte ich dann einfach versuchen, Drehbücher für Fernsehkomödien zu schreiben«, sagte er.

Sie lachte. »Niemand will, daß Sie so weit gehen. Aber ich rufe an, um Sie zu ermutigen, mit der nächsten Arbeit doch einfach mal eine andere Richtung zu versuchen. Vielleicht könnten Sie die Tiere weglassen. Und wie wäre es, wenn Sie mal einen Roman statt Kurzgeschichten schreiben?«

Er lehnte mit der Schulter an der Wand mit dem verblichenen Muster aus tanzenden Hähnen.

»Arlene meint, Sie sollten vielleicht etwas mehr daran denken, was sich heutzutage verkaufen läßt. Nicht, daß irgend jemand will, daß Sie Ihren persönlichen Stil ändern, aber ...«

»Ich weiß, wie Bestseller aussehen, Bernie. Ich mag zwar in einer gottverlassenen Gegend wohnen; aber gelegentlich komme ich doch noch in eine Bücherei oder einen Buchladen.« Owen sah zu der fleckigen Decke hoch. »Von mir wird nie ein Buch veröffentlicht werden, stimmt’s?«

»Owen! So pessimistisch habe ich Sie noch nie erlebt. Irgendwann wird sicherlich was von Ihnen veröffentlicht werden, und nach dem ersten Mal wird es ganz bestimmt einen Markt für Ihre Bücher geben. Bei Ihrem Talent müssen Sie einfach nur durchhalten, bis Sie endlich einmal eine Chance kriegen.«

»Genau«, sagte er.

Sie lachte sanft. Dann hörte er ein Rascheln, als hätte sie sich anders hingesetzt. Er nahm an, daß sie an einem Schreibtisch arbeitete. Er hatte sie sich immer als ergraute und bebrillte Bibliothekarin hinter einem großen Eichenschreibtisch vorgestellt.

»Ich fürchte, ich muß es jetzt kurz machen. Arlene und ich haben gerade ein ziemliches Problem am Hals. Hat aber nichts mit Ihrem Manuskript zu tun«, fügte sie schnell hinzu. »Es ist eine wirklich traurige Geschichte. Einer unserer langjährigen Autoren hatte bei DeMille einen Vertrag für einen Tatsachenbericht über ein Verbrechen, den Arlene lektorieren sollte, und der arme Mann hatte gestern einen Herzinfarkt und kann ihn jetzt nicht schreiben.«

»Ein Tatsachenbericht über ein Verbrechen?«

»Ein Sachbuch. Sie wissen schon ... Nur ein Tropfen Blut, Kaltblütig, Savage Grace. Mord auf höchstem Niveau. Tiefgründiges, monumentales Zeug. DeMille steht auf amerikanische Tragödien – reißerisch aufgemacht, aber trotzdem intelligent und mit Substanz.«

»Ich habe Nur ein Tropfen Blut und Savage Grace gelesen«, sagte Owen. »Ich war fasziniert.«

»Ja. Bücher, die auf wirklichen Verbrechen basieren, können sehr gut sein.« Bernie seufzte auf. »Dieser arme Autor ist leider völlig weg vom Fenster, aber DeMille will trotzdem, daß das Buch gemacht wird, und zwar schnell. Deshalb suchen Arlene und ich dringend nach einem Ersatz. Bis jetzt arbeiten alle Autoren, die wir kontaktiert haben, entweder gerade an einem anderen Projekt oder sie können nicht zum vorgegebenen Zeitpunkt – der unbedingt eingehalten werden muß – anfangen.«

Owen schlug das Herz bis zum Hals, und seine Hand, die den Hörer festhielt, war feucht geworden. Er schluckte schwer.

»Wie wär’s mit mir, Bernie?«

»Was?«

»Wie wär’s, wenn ich das Buch über das Verbrechen schreibe?«

»Aber das ist kein Roman und außerdem ein Thema, über das Sie absolut nichts wissen.«

»Bernie ...« Sorgfältig überlegte er seine Argumente, denn jetzt zählte jedes Wort. »Vieles von dem, was ich schreibe, hat unmittelbar mit meinem Leben hier zu tun. In gewisser Weise habe ich also schon einige Sachbücher geschrieben.«

Sie schwieg.

»Ich kann das, Bernie. Truman Capote war ein Novellist, als er Kaltblütig schrieb, stimmt’s?«

»Nun, ich habe schon immer gesagt, daß Ihre Arbeiten so viel Tiefe haben, daß ich beim Lesen Kartoffelchips essen muß, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. DeMille würde so was gefallen. Aber Sie haben keinerlei Erfahrung mit Prozessen oder juristischen Verfahren.«

»Dann wird meine Herangehensweise neu sein. Und ich werde den Lesern die Dinge besser erklären können, weil ich sie gerade erst selbst verstanden habe.

Denken Sie mal darüber nach, Bernie ... Ein Mord ist nicht so weit von dem entfernt, was ich bisher geschrieben habe. Zu versuchen, die Lebensumstände von Menschen zu verstehen, die zu Mördern werden, hat sehr viel mit dem zu tun, was ich schon gemacht habe. Ich könnte mich niemals hinsetzen und einen Spionagekrimi oder eine Liebesgeschichte schreiben, aber das ... ein Buch über die elementarste aller dunklen Taten ... Ich glaube, ich kann das machen, Bernie.«

»Hm.«

Owen verspürte einen unermeßlichen Hunger, der ihn aufzufressen drohte. Diese Geschichte schien wie für ihn bestimmt. Irgendwie mußte er sie davon überzeugen.

»Ich kann das, Bernie. Ich muß es machen. Bei uns hier sieht es schlecht aus. Vielleicht verlieren wir sogar die Ranch. Wahrscheinlich würde ich mich nicht mal trauen, Sie darum zu bitten, wenn ich das Geld nicht so dringend bräuchte. Aber ich brauche es nun mal. Und ich frage Sie. Ich bitte Sie inständig, mir die Chance zu geben.«

Einen Moment lang war es still. »Der Prozeß findet hier in New York statt, Owen. Nicht direkt in Manhattan, sondern etwas außerhalb, nördlich von New York City in Upstate New York. Wie wollen Sie das denn machen? Letztes Jahr, als ich vorschlug, daß Sie herkommen und Arlene kennenlernen sollten, haben Sie mir einen langen Vortrag darüber gehalten, wie unmöglich es für Rancher ist, ihre Ranch allein zu lassen.«

»Mir wird schon was einfallen«, sagte er. Zwar hatte er noch keine Vorstellung, was das sein könnte, war aber fest entschlossen, nicht zuzulassen, daß sich ihm irgend etwas in den Weg stellte.

»Und wie können Sie es sich leisten, hierherzukommen und während der Gerichtsverhandlung hierzubleiben, wenn Sie finanzielle Probleme haben?«

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Bernie. Ich nehme den Bus, bringe meinen Schlafsack mit und werde mich von Fast food ernähren.«

Sie lachte mitfühlend. »Sind Sie schon jemals aus Ihren Hügeln dort rausgekommen?«

»Ja.« Glücklicherweise fragte sie nicht, wie weit.

»Meine Güte. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich werde mit Arlene sprechen und Sie dann zurückrufen. Sie ist diejenige, die die Entscheidung treffen muß. Wer weiß? Verzweifelt, wie wir bei unserer Suche nach einem Autor sind, und die Tatsache, daß Arlene Ihre Arbeit wirklich mag – vielleicht läßt sie sich darauf ein.«

»Versuchen Sie, sie zu überzeugen, Bernie. Sie werden es nicht bedauern. Das verspreche ich.«

»Hm. Also, ich versuche, Sie noch heute zurückzurufen.«

»Gut.«

»Und, Owen. Ich bin wirklich auf Ihrer Seite, das wissen Sie. Ich will einfach nicht, daß Sie sich auf etwas einlassen, womit Sie nicht fertig werden.«

Er legte auf und starrte ins Leere. Es verging einige Zeit, bevor ihm bewußt wurde, daß Meggie und Ellen im Flur standen und ihn mit großen Augen beobachteten.

»Was ist los?« fragten sie gleichzeitig.

***

Owen fand Michelle Wheelers Vater bewußtlos in seinem Pick-up unterhalb der Pappelreihe am Bach, der zwischen der Wheeler-Ranch und der Byrne-Shamrock-Ranch dahinfloß. Er lud wie ein Feuerwehrmann seinen reglosen Nachbarn huckepack auf den Rücken und verfrachtete ihn auf den Beifahrersitz seines Wagens. Sandy Wheeler würde diese Nacht sicher in seinem Bett verbringen, anstatt zu erfrieren, aber morgen früh würde er sich wie ein Bär aufführen, besonders wenn er erfuhr, daß ein Byrne ihn nach Hause gebracht hatte. Sandy Wheeler und Clancy Byrne haßten sich seit fünfzehn Jahren.

Owen nahm den kürzesten Weg zum Haus der Wheelers, der über das weite Land führte. Auf der Fahrt dachte er über die Ironie nach, daß seine Schriftstellerei vielleicht die Byrne-Ranch retten könnte. Sein Vater fand, daß intellektuelle Arbeit absolut wertlos war und daß ein Mann, der Zeit mit Büchern verbrachte, an Männlichkeit einbüßte. Ab und zu einen Western zu lesen war okay, alles andere jedoch mehr als verdächtig. »Zuviel rumsitzen und nachdenken macht aus einem Mann ’nen Schwulen«, war eine von Clancy Byrnes Weisheiten.

Clancy hatte keine Ahnung von Owens schriftstellerischen Ambitionen oder den Manuskripten in der Schublade. Meggie hatte entschieden, daß solche schockierenden Eröffnungen möglicherweise tödliche Auswirkungen haben könnten. Deshalb hatte sie darauf bestanden, dies zu verheimlichen. Was Owen nur recht war. Er hätte es keineswegs genossen, ständig von seinem Vater lächerlich gemacht zu werden oder dessen Schadenfreude über jeden Mißerfolg erleben zu müssen.

Und Mißerfolg war bislang alles, was Owen vorzuweisen hatte. Einen nach dem anderen. Obwohl sich mittlerweile eine Lektorin für seine Arbeiten interessierte und er von der Literaturagentur Bernadette Goodson vertreten wurde, war noch immer kein einziges Wort von ihm veröffentlicht worden.

Aber jetzt, nach all den Ablehnungen und der Geheimniskrämerei, bot sich ihm vielleicht wirklich eine Chance. Dieser Fall könnte ihm den Weg für weitere Publikationen ebnen. Er wußte, daß er es schaffen würde. Wenn sie ihm nur die Möglichkeit gaben, es zu versuchen.

Owen fuhr um die Kurve, hinter der die Gebäude der Wheeler-Ranch lagen. Seine Sorge über die bevorstehende Entscheidung, die man vielleicht gerade jetzt in New York fällte, wurde augenblicklich verdrängt von dem Wissen, daß Michelle auf ihn wartete und er ihr alles erzählen mußte. Er mußte ihr verständlich machen, welche Bedeutung das für ihn hatte.

Die Gebäude der Wheelers waren ihrer eigenen Ranch sehr ähnlich, nur daß sie sich in einem noch fortgeschritteneren Stadium des Verfalls befanden – als hätte man sie bereits aufgegeben. Und in gewisser Weise stimmte das ja auch. Mrs. Wheeler war eines Nachts davongelaufen, als ihr Jüngstes noch in den Windeln lag. Und alle acht Kinder der Wheelers hatten sich auf und davon gemacht, sobald sie alt genug dazu waren. Jetzt wohnten auf der Ranch nur noch Sandy Wheeler und sein Bruder, Onkel Kaye, beide in den Sechzigern, Großmutter Wheeler, die betagte Familienmatriarchin, und Michelle, die nach sieben Jahren in Kansas City nach Hause zurückgekehrt war, um für alle zu sorgen. Sie überlebten, weil die Ranch schuldenfrei war, weil Großvater Wheeler eine Lebensversicherung gehabt hatte, als er starb, und weil bis jetzt das Glück auf ihrer Seite gewesen war.

Sobald sich Owen dem Haus näherte, kam Mike herausgerannt. Als sie ihren Vater im Wagen sah, zeigte sich Erleichterung auf ihrem Gesicht. Mike war siebenundzwanzig, hatte glattes, honigbraunes Haar, klare Augen und die ruhige Gelassenheit eines Menschen, der keine Ungewißheit kannte. Owen fiel es oft schwer, die Mike, die er tagsüber kannte, mit jener in Zusammenhang zu bringen, die er nachts liebte.

»Wo hast du ihn denn gefunden?« fragte sie.

»Am Bach.«

Sie schüttelte den Kopf. »Seine Trinkerei wird immer schlimmer, aber er hört einfach auf niemanden. Heute, als Großmutter versuchte, mit ihm zu reden, haute er einfach ab. Wir hatten furchtbare Angst um ihn. Onkel Kaye ist mit dem anderen Wagen weggefahren, so daß ich ihn nicht selbst suchen konnte.«

Owens Blick fiel auf Onkel Kayes Schlafhaus. Der Mann, der dort schon als Teenager allein geschlafen und seit jeher seinem älteren Bruder bei der Arbeit geholfen hatte, wurde nun immer exzentrischer. Manchmal befürchtete Owen, daß auch er selbst so ein schrulliger alter Mann, der in einem Schlafhaus wohnte, werden könnte. Er mußte sich dann immer wieder selbst versichern, daß seine Situation völlig anders war als Kayes. Owen führte die Byrne-Ranch. Er wohnte in dem Schlafhaus, weil er es so wollte. Mike und er wollten heiraten, Kinder haben und in einem eigenen Haus wohnen.

»Wo ist Onkel Kaye?« fragte er.

Mike stöhnte wütend auf und rollte mit den Augen. »Wenn ich das wüßte.«

Owen nahm Sandy wieder huckepack auf den Rücken, und Mike hielt die Türen auf dem Weg zu Sandys Schlafzimmer auf. Sie zogen ihm die Stiefel und die Jeans aus und steckten ihn unter die Decke.

»Was geht denn hier vor sich?« rief Großmutter Wheeler aus ihrem Zimmer.

»Owen hat Daddy gefunden. Wir bringen ihn ins Bett.«

»Ist er besoffen?« wollte die alte Frau wissen.

»Ja.«

»Ist Kaye nach Hause gekommen?«

»Nein, Großmutter.«

»Ich werde dem Jungen mal ordentlich meine Meinung sagen.«

»Ja, Großmutter. Ich bin jetzt eine Weile weg. Owen fährt mich, um Daddys Pick-up zu holen.«

Auf der Fahrt zum Bach war Mike ausgesprochen redselig. Sie sprach über dieses und jenes, über die Küken, die sie im Frühjahr von der Brutstätte bestellen wollte, die Samen, die sie hatte schicken lassen, und über das Obst und Gemüse, das sie später einmachen wollte, wenn alles im Garten wuchs und gedieh.

Owen erinnerte sich an die Zeit, als Mike Wheeler noch ein Teenager gewesen war. Damals hatte sie das Leben auf dem Land gehaßt und davon geträumt, genau wie ihre Schwestern und Brüder dem Ganzen hier zu entfliehen. Einen Tag nach ihrem High-School-Abschluß war sie nach Kansas City gegangen, was Owen gar nicht überrascht hatte. Um so mehr war er dann überrascht, als sie vor zwei Jahren plötzlich wieder auf die Ranch zurückkam und sich leidenschaftlich dem Landleben widmete. Was immer ihr in der Stadt passiert war, es hatte aus der Mike, die er früher gekannt hatte, einen völlig anderen Menschen gemacht. »Mike ...«, sagte Owen und unterbrach ihren Monolog, als er neben dem Wagen ihres Vater hielt. »Ich muß mit dir reden.«

Ihr Gesicht wurde sehr ruhig. »Über was?«

Er zögerte, wußte nicht, wie er anfangen sollte. »Ich krieg vielleicht einen Job.«

»Was?« stieß sie hervor, eher verwirrt als fragend.

Er erzählte ihr alles in vereinfachter Version. »Ich müßte so lange in New York bleiben, bis der Prozeß vorbei ist«, gab er dann zu.

»Nach New York gehen? New York City?«

Er nickte.

»Das kannst du nicht machen, Owen! Das willst du doch gar nicht! Bitte, glaub mir das doch!« Sie griff nach seinem Arm, als könne sie ihn am Weggehen hindern, wenn sie einfach nur seinen Arm festhielt. »Menschen wie du und ich sind nicht für die Stadt geschaffen. Wir gehören da nicht hin!«

»Es ist doch nur für ein paar Wochen, Mike. Vielleicht einen Monat. So lange werde ich damit schon fertig.«

»Woher willst du das denn wissen? Du hast doch gar keine Ahnung davon!« Sie ließ seinen Arm los, um ihr Gesicht in den Händen zu vergraben. »O Owen ... an so einem Ort kann so vieles passieren. Du bist viel zu gutgläubig ... zu ...«

»Michelle, Michelle ...« Er zog sie sanft an sich. »Mir wird schon nichts passieren. Ich geh doch nur, um dort zu arbeiten. Ich verspreche auch, daß ich mich nicht mit Drogenbossen, Juwelendieben oder gedungenen Mördern einlassen werde.«

Seine Neckerei zeigte keine Wirkung. Sie kauerte ein paar Minuten in seinen Armen, umklammerte mit den Fingern die Vorderseite seines Mantels. Dann stieß sie sich von ihm weg.

»Wer wird dann die Arbeiten auf der Ranch erledigen?« fragte sie.

»Wir denken gerade darüber nach.«

»Dein Vater mit seiner angegriffenen Gesundheit kann es nicht. Und du hast nicht genug Geld, um jemanden einzustellen, der diese Art von Arbeit machen würde.« Ihre Stimme festigte sich, als sie an all die Gründe dachte, warum er unmöglich weggehen konnte. »Es gibt niemanden, auch wenn du es dir leisten könntest. Die einzigen Leute, die man in diesem Land noch findet, sind entweder alt oder wollen lieber etwas machen, das leichter ist als Rancharbeit und besser bezahlt wird. Und du hast nicht genug Zeit, um ein paar illegale mexikanische Einwanderer aus dem Süden kommen zu lassen.«

Er wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte, bevor er sagte: »Meggie kennt jemanden, von dem sie glaubt, daß er es machen wird.«

»Wirklich?« fragte Mike mit dünner Stimme.

»Rusty Campbell. Seine Familie besitzt eine Ranch nahe Junction City. Er ist der jüngste von vier Brüdern, die sich alle zu Hause niedergelassen haben. Meggie glaubt, daß er schon allein deshalb annehmen würde, um mal von zu Hause wegzukommen und eine Zeitlang sein eigener Boß zu sein. Wenn ich kann, werde ich ihn entweder bezahlen, oder er kann sich ein paar Kälber aussuchen.«

»Das klingt mir alles ziemlich verdächtig, Owen. Ich wette, daß er in Wirklichkeit nur wegen Meggie kommt.«

»Das mag schon stimmen, aber das ist auch in Ordnung.«

»Sicher ... Und bevor du dich besinnst, will Meggie heiraten.«

Owen sah sie stirnrunzelnd an.

»Du bist als nächster an der Reihe mit Heiraten, Owen!«

»Aber Mike, wir können nicht heiraten, stimmt’s? Dein Vater würde es niemals zulassen, daß ich zu euch ziehe, und du willst nicht mit mir im Schlafhaus wohnen. Und ...«

»Es ist ja nicht so, daß es mir was ausmachen würde, in deinem Schlafhaus zu leben«, meinte sie beharrlich. »Aber ich kann nicht dort wohnen und dann immer rüber ins Haupthaus gehen, um zu waschen oder zu kochen. Das ist das Territorium deiner Schwestern ...«

»Weißt du ...« meinte er zögernd, »wenn das jetzt klappt, könnte das vielleicht der Anfang einer Karriere sein ... bei der ich unabhängig von der Ranch Geld verdiene. Vielleicht genug, damit wir uns ein eigenes Haus bauen können.«

Diese Vorstellung munterte sie sofort auf.

»Wo würden wir es denn bauen?« fragte sie.

»Wie ich deinen Vater kenne, müßte es auf Byrne-Land sein.«

Sie starrte aus dem Fenster. »Wann mußt du fort?«

»Der Prozeß beginnt nächste Woche. Wenn sie sich für mich entscheiden, muß ich sofort abreisen.«

Einen Moment lang betrachtete sie eindringlich sein Gesicht, als wollte sie etwas sagen; dann drehte sie sich abrupt um und stieg aus. Owen wartete, bis sie Sandys Pick-up gewendet hatte und sicher auf dem Weg nach Hause war.

***

Sobald Owen das Haus betrat, drängte Meggie ihn in Richtung Telefon mit der Nachricht, daß Bernadette Goodson noch einmal angerufen hatte und wollte, daß Owen sie sofort in ihrem Büro zurückrufe. Meggies Augen leuchteten. Sie drückte ihm die Daumen und wünschte viel Glück.

Owen wählte. Meggie setzte sich auf einen Küchenstuhl und wartete ungeduldig. Ellen kam aus dem Wohnzimmer und lehnte im Türrahmen. Er versuchte die beiden zu ignorieren, aber das machte ihn nur noch nervöser.

»Endlich«, sagte Bernie, als sie seine Stimme hörte. »Ich befürchtete schon, ich müßte gehen, ohne Ihnen die Neuigkeiten mitteilen zu können.«

Owen hielt den Atem an.

»Arlene gefällt die Idee. DeMille ist zwar nicht überzeugt, daß Sie es schaffen werden, aber er ist offen dafür. Der Deal ist, daß Sie den Gerichtsverhandlungen beiwohnen und innerhalb von zwei Wochen ein detailliertes Exposé vorlegen. Wenn es ihnen gefällt, haben Sie den Vertrag in der Tasche.

Und jetzt kommt gleich was eher Ungewöhnliches ... Da das doch eine recht ungewöhnliche Situation ist, haben Arlene und ich es geschafft, den Verleger zu überzeugen, Ihnen zweitausend Dollar Vorschuß zu geben ... sofort ... als Unkostenvorschuß. Wenn Sie das Buch dann tatsächlich machen, wird das auf Ihr Honorar angerechnet. Wenn Ihr Exposé nicht akzeptiert wird, werden die zweitausend abgeschrieben und Sie brauchen sie nicht zurückzuzahlen. Arlene will nicht, daß Sie den Bus nehmen. Sie sollen einen Teil des Geldes für ein Flugticket benutzen und so schnell wie möglich nach New York kommen, damit Sie sich treffen und Sie mit Ihren Recherchen beginnen können. Geht das?«

Eine ungeheure Freude überkam Owen, und er wollte Bernie und seinen Schwestern und allen, die in Hörweite waren, vor Glück zurufen; er schluckte aber alles hinunter und hielt sich zurück, damit nichts passierte – damit sich ja nichts in Luft auflöste, bevor er es fest in den Händen hielt.

»Das ist kein Problem«, sagte er ruhig.

Er wandte sich seinen Schwestern zu und nickte, um ihnen Bescheid zu geben. Meggie streckte ihre Arme in klassischer Siegerpose in die Höhe und formte ein lautloses ja! mit den Lippen. Ellen grinste.

»Ich habe noch mehr gute Nachrichten für Sie«, sagte Bernie. »Ich habe ein Apartment gefunden, in dem Sie wohnen können. Kostenlos. Die Leute sind für drei Monate in Kalifornien und können es nicht untervermieten, weil sie dann ihren Mietvertrag verlieren. Na, wie klingt das?«

»Großartig. Aber sind Sie wirklich sicher? Ich hätte nie erwartet, daß Sie soviel für mich tun.«

»Ich will für Sie, daß es klappt, Owen.«

»Ich weiß. Danke. Ich werde gute Arbeit leisten, Bernie. Es wird Ihnen nicht leid tun.«

»Ich hoffe nur, daß es Ihnen nicht leid tut.« Jemand rief Bernie aus dem Hintergrund etwas zu, und Owen hörte ein schwach klirrendes Geräusch zusammen mit ihrer leisen Antwort. »Hier geht’s drunter und drüber«, sagte sie entschuldigend. »Also, ich schicke Ihnen per Expreß ein Päckchen mit Zeitungsausschnitten und Hintergrundmaterial über den Fall. Dann können Sie die Sachen während des Flugs lesen und sind schon ein wenig auf das Treffen mit Arlene vorbereitet. Es geht um den Serian-Mord, der hier der ›Mord der Schwarzen Witwe‹ genannt wird. Er hat in Kansas wohl kaum Schlagzeilen gemacht, aber in New York ist er in aller Munde und erregt großes Aufsehen.«

»Okay.«

»Das Ganze ist keine sichere Sache, Owen. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar, oder? Sie könnten hierherkommen und Ihr gewohntes Leben unterbrechen, nur um die bittere Erfahrung zu machen, daß Ihr Exposé abgelehnt wird.«

»Das ist mir klar«, sagte er, aber vor ihm hatten sich bereits viele neue Möglichkeiten aufgetan. Alles andere zählte nicht.

Kapitel 2

Auf dem Flug nach New York herrschte klares Wetter. Owen bot seinen Fensterplatz einem Jungen in seiner Sitzreihe an, da er fand, daß ein Kind die Aussicht sehen sollte. Der aber meinte nur, daß ihn die Aussicht schon lange nicht mehr interessiere, da es ja immer nur das gleiche, langweilige Zeug zu sehen gäbe.

So eine Einstellung konnte Owen nicht verstehen. Schon gar nicht aus dem Mund eines Kindes. Der Junge wandte sich wieder seinem Computerspiel zu. Owen betrachtete ihn einen Moment lang, rückte dann so dicht an das kleine Fenster, daß seine Stirn das Plexiglas berührte und er in alle Richtungen sehen konnte. Er beobachtete das uniformierte Bodenpersonal bei dem geschäftigen Treiben, das dem Abflug vorausging. Als sie in die Startposition rollten, sah er ein Kaninchen über die Rollbahn hoppeln, und dann beobachtete er fasziniert, wie der Boden unter ihnen verschwand, als sie in die klare Nachmittagsluft abhoben.

Ein ehrfürchtiges Staunen erfüllte ihn. Er hatte nicht nur seine Heimat hinter sich gelassen, die Flint Hills, den Bundesstaat Kansas – er war jetzt nicht einmal mehr mit der Erde verbunden. Fast hatte er das Gefühl, in eine andere Dimension einzutreten. In eine andere Wirklichkeit.

Plötzlich wurde er von Erinnerungen an Terry übermannt. Sein Bruder hatte Flugzeuge geliebt und jahrelang gespart, um privaten Flugunterricht auf dem Behelfsflugplatz nahe Strong City nehmen zu können. Er erinnerte sich, wie Terry in einer kleinen, rotweißen Maschine über der Ranch kreiste, plötzlich ganz tief geflogen war und dann wieder hoch in die Luft stieg, so daß das Dröhnen des Motors durchs ganze Haus schallte. Mit stolzgeschwellter Brust war Owen hinaus in den Garten gerannt und hatte dem blitzblanken, weißen Bauch des Flugzeugs nachgesehen, als es in Richtung Himmel aufstieg. Das dort oben war sein Bruder. Sein Bruder, der alles konnte.

Schon bald danach hatte Terry aufgehört zu fliegen. Den Grund dafür hatte Owen niemals erfahren.

Als er jetzt auf das Farmland hinabblickte, das sich tief unter ihm wie eine riesige, an den dünnen, geraden Linien der Schotterstraßen zusammengenähte Patchwork-Decke ausbreitete, dachte Owen daran, wie sehr sich sein Bruder nach dieser Aussicht gesehnt hatte. Er fragte sich, was Terry wohl hier oben gefunden hatte. War es einfach nur das Neue, das ihn fasziniert hatte? War es der Nervenkitzel, den das Gefühl der Kontrolle und der Gefahr mit sich brachte? Oder hatte es die totale Befreiung von dem Land bedeutet, auf dem er lebte? Hatte Terry das gesucht? Diese Fragen würden für immer unbeantwortet bleiben. Owen konnte nur Vermutungen darüber anstellen, welche Träume und Ängste seinen Bruder angetrieben hatten. Und wie schon so viele Male zuvor wünschte er, daß der Altersunterschied zwischen ihm und seinem Bruder nicht so groß gewesen wäre. Daß er ein Freund statt nur einfach ein kleines Kind gewesen wäre. Denn er war sicher, daß sein Bruder heute noch leben würde, wenn er sein Freund gewesen wäre.

Ein leiser Gong ertönte, und die »Bitte anschnallen«-Anzeige erlosch. Owen schob seine beunruhigenden Erinnerungen beiseite. Diese Reise übte eine seltsame Wirkung auf ihn aus, rief Gedanken wach, die er gewöhnlich zu vermeiden suchte. Er stand auf, um Bernies Päckchen aus der Gepäckablage über ihm zu nehmen. Obwohl er auf den Inhalt sehr gespannt war, hatte er bis jetzt noch keine Zeit gehabt, es zu öffnen. Es war gerade noch rechtzeitig auf dem Postamt in Cyril angekommen, um es auf dem Weg zum Flughafen abzuholen.

Er legte das Päckchen auf den leeren Sitz zwischen sich und dem Jungen, während er nach Lesebrille, Notizblock und Stift suchte, die er zu Hause eingepackt hatte. Der wattierte Umschlag war voller DRINGEND- und ÜBERNACHT-EXPRESS-Aufkleber. Eine Welle des Zweifels durchfuhr ihn und hinterließ Beklommenheit. Hatte er sich da auf etwas eingelassen, dem er nicht gewachsen war?

Er öffnete das zugeheftete Ende des Briefumschlags und schüttete unzählige Zeitungsausschnitte, Kopien von Artikeln und ganze Zeitschriftenseiten auf den Sitz. Schlagzeilen sprangen ihm entgegen.

SERIAN-FEUER – UNFALL ODER SELBSTMORD?

KÜNSTLER VON SPUKHAUS INS UNGLÜCK GETRIEBEN

SERIAN TOT, BEVOR FEUER AUSBRACH – POLIZEI VERHÖRT WITWE

BRUTALER AXT-MORD DURCH FEUER VERTUSCHT?

SEXORGIE VOR INFERNO – SIE SAH ZU, WIE ER BRANNTE

BERÜHMTER KÜNSTLER SAH TOD VORAUS

MYSTERIÖSE EHEFRAU WIDERSETZT SICH POLIZEI

ZEUGE VERSCHWINDET

VERSCHWUNDENER PRIESTER LIEBHABER DER WITWE?

SCHWARZE WITWE PRAKTIZIERT

VOODOO-FEUERRITUALE

HAUSHÄLTERIN BEHAUPTET, WITWE VERFÜHRTE FREUNDE DES EHEMANNS

Er las. Von einem Bericht zum nächsten getrieben, las er wie unter Zwang immer weiter und hatte schon fast den ganzen Stapel geschafft, als ihm plötzlich klar wurde, daß er sich keinerlei Notizen gemacht hatte. Er setzte die Brille ab und lehnte sich zurück. Trotz der reißerischen Schlagzeilen und versteckten Anspielungen war nicht zu übersehen, daß es sich bei dieser Geschichte um eine große Tragödie handelte.

Owen konnte sich Bram Serian gut vorstellen, den Künstler, der als junger Mann den ärmlichen Verhältnissen auf dem Land entflohen und mit nichts anderem nach New York gekommen war als mit Talent und Entschlossenheit.

Er konnte sich sogar in Serian hineinversetzen, denn auch er kannte das rastlose Verlangen, die Sehnsucht und das Bedürfnis, das diesen jungen Mann getrieben hatte. Serian hätte Owens andere Hälfte sein können: eine entschlossenere, rücksichtslosere und ehrgeizigere Version seiner selbst. Obwohl es keine Anzeichen dafür gab, daß Serian rücksichtslos gewesen war, als er sein Zuhause verließ. Es gab überhaupt nur wenige Informationen über seine frühen Jahre. Sogar in den verschiedenen Nachrufen war sein Leben, bevor er zu Ruhm gelangt war, nur sehr vage und widersprüchlich beschrieben. Beinahe so, als wäre die Ankunft in New York die wahre Geburt des Mannes gewesen, oder sogar noch später der Tag seiner ersten erfolgreichen Ausstellung in einer Galerie.

Serians meteorhafter Aufstieg in der Kunstwelt der siebziger Jahre mußte phantastisch gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen waren seine Werke gefragt. Die New Yorker Gesellschaft hofierte ihn. Frauen wollten mit ihm ins Bett gehen.

Die meisten jungen Männer hätten sich von alledem sicherlich schnell verführen lassen, nicht aber Bram Serian. Dieser große, kräftige Mann, der einmal von einem Reporter als Mischung von Outlaw Butch Cassidy und dem biblischen Moses beschrieben worden war, verhielt sich weiterhin eher abweisend, mied die Medien und blieb unnahbar; er legte eine Bestimmtheit an den Tag, die von einigen Leuten bewundert und von anderen verflucht wurde.

Owen wünschte sich, Bram Serian gekannt zu haben. Er schien ihm wie ein entfernter Verwandter, den er zwar niemals getroffen hatte, mit dem er sich aber trotzdem verbunden fühlte. Wie konnte ein so vitaler, begabter Mann im Alter von nur sechsundvierzig Jahren einen so sinnlosen Tod sterben?

Natürlich gab es darauf keine Antwort. Owen dachte über das nach, was er gerade aus den Berichten erfahren hatte. Neben der Karriere des Künstlers, die ihre Höhen und Tiefen gehabt hatte, ging es in den Artikeln im wesentlichen noch um zwei weitere Themen. Das erste war Serians Zuhause, Arkadien.

Nach seiner Ankunft in New York hatte Serian zunächst in einem Loft in Manhattan gewohnt und gearbeitet. Nachdem er berühmt geworden war, hatte er zwar das Loft behalten und noch einige Zeit dort verbracht, aber sein eigentliches Zuhause war ein Haus geworden, das er nördlich von New York gekauft hatte. Auf dem Grundstück befand sich auch eine riesige Scheune, die er in ein komplett eingerichtetes Studio umbaute, in dem alle seine Skulpturen, Gemälde und Holzarbeiten untergebracht werden konnten. Dieses Studio weckte allgemein großes Interesse, aber niemand außer seinem Assistenten durfte es jemals betreten.

Nachdem das Studio fertiggestellt war, begann Serian mit der Renovierung des baufälligen Haupthauses. Die Arbeiten daran wurden im Laufe der Zeit immer komplexer, und Serian erzählte seinen Freunden, daß das Haus selbst ein Kunstprojekt sei. Jahre vergingen. Serian widmete einen Großteil seiner Zeit und seines Geldes dem Haus, wohnte in den fertiggestellten Teilen und baute gleichzeitig weitere Flügel an. Freunde wurden als Arbeiter eingespannt und Besucher ermuntert, mit Hand anzulegen. Das Ergebnis war Arkadien, das legendäre, unvollendete Meisterwerk, das von einem Kritiker als das Kunstgebäude des Jahrhunderts bejubelt und von einem anderen als Bram Serians »persönliches Geisterhaus« beschrieben wurde.

Dann war da natürlich noch Serians Frau. Mit »Schwarze Witwe« in den Schlagzeilen der Boulevardpresse tituliert, war sie in den sieben Monaten seit seinem Tod Zielscheibe so mancher Spekulation geworden. Serian war dreiunddreißig gewesen, also ein Jahr älter als Owen, als er geheiratet hatte. Man war allgemein über seine Wahl schockiert gewesen. Anscheinend hatten weder seine Freunde noch Kollegen die Braut gekannt, und das sollte sich auch nicht ändern.

Lenore lebte zurückgezogen, war unnahbar und mysteriös – eine Kombination, die unter Serians phantasiebegabten Anhängern so manches Gerücht ins Leben rief. Man munkelte, sie sei die heimliche Tochter eines hochrangigen Amerikaners und einer Vietnamesin, die aus einer alteingesessenen Familie stammte; daß sie während des Krieges eine Spionin und entweder in Gefahr oder möglicherweise gefährlich war und daß ihre Flucht in die Staaten dramatisch und gewalttätig verlaufen war. Einige meinten, sie habe Serian in Vietnam das Leben gerettet, weshalb er sie aus Pflichtgefühl geheiratet hätte. Inmitten all der Gerüchte und Spekulationen gab es aber auch einige Fakten: Lenore Serian war Amerasierin, die Tochter einer asiatischen Mutter und eines angloamerikanischen Vaters, und sie war völlig mittellos in die Staaten gekommen.

Aufgrund der Berichte schloß Owen, daß sich das Leben Bram Serians nach seiner Heirat in keiner Weise geändert hatte. Es schien, als habe Serian an seinem Haus gearbeitet, seine Kunst geschaffen und genauso weitergelebt wie vor der Ehe. Er hatte seine Zeit weiterhin in Manhattan und auf Arkadien verbracht, noch immer die Medien gemieden und niemals ein Interview gegeben. Er hatte sich nicht fotografieren lassen und diejenigen seiner Bekannten auf die schwarze Liste gesetzt, die seinen Namen gegenüber der Presse erwähnt hatten.

Gegen Ende der achtziger Jahre war Serian in Vergessenheit geraten. Zunächst hatte man angefangen, sich über ihn lustig zu machen, bis er dann endgültig in die Bedeutungslosigkeit abgeglitten war. Aber selbst in jener schwierigen Zeit hatte er noch immer eine loyale Schar von Anhängern um sich versammelt. Sechs Monate vor seinem Tod hieß es dann, daß Serian ein Comeback plane, und schließlich kündigte man eine Ausstellung seiner Werke an, die seinem Comeback den Weg bereiten sollte. Die Vernissage war für Anfang September geplant.

An einem Wochenende im August hatte Serian Gäste nach Arkadien eingeladen, um gemeinsam mit ihnen am Haus zu arbeiten und zu feiern. Bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags dauerte das Fest, bei dem sich offensichtlich alle sehr wohl fühlten.