Deadfall - Anna Carey - E-Book + Hörbuch

Deadfall E-Book

Anna Carey

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13,99 €

Beschreibung

Der einzige Weg zu gewinnen, ist zu überleben

Nachdem Ben sie verraten und ihr Herz gebrochen hat, ist Sunny wieder auf der Flucht. Sie verlässt Los Angeles und fährt nach New York. Begleitet wird sie dabei von Rafe, dem Jungen aus ihren Träumen. Er behauptet, sie zu kennen und dass sie sich einmal geliebt haben. Und er verrät ihr ihren richtigen Namen: Lena. Gemeinsam wollen sie ihre Verfolger zur Strecke bringen und das grausame Spiel ein für alle Mal beenden. In New York treffen sie auf weitere Zielobjekte. Und auch Ben taucht plötzlich auf und versucht alles, um Lenas Liebe und Vertrauen zurückzugewinnen. Auch wenn der Preis, den er dafür zahlen muss hoch ist. Denn jetzt steht auch er auf der Abschussliste.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 247




Aus dem Englischen

von Tanja Ohlsen

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

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Copyright © 2015 by Alloy Entertainment and Anna Carey

All rights reserved

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»Deadfall« bei HarperTeen,

an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Tanja Ohlsen

Umschlaggestaltung: © semper smile, München

unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock

(Globe Turner, KatarinaF, i3alda)

jb · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-15568-1V002

www.cbt-buecher.de

Für meine Studenten am CJH

1

»Der Zug nach Chicago steht in fünf Minuten zum Einsteigen bereit«, verkündet der Lautsprecher. Ein paar Leute stehen auf und ziehen ihre Taschen hinter sich her.

Dir gegenüber siehst du einen obdachlosen Jungen, der sich unter drei Sitzen zum Schlafen gelegt hat. Einer der Männer steckt sein Telefon weg und steht auf. Er zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. Doch der Gang ist so schmal, dass er nicht an ihm vorbeikommt.

»Was machst du denn da unten? Du versperrst den ganzen Weg!«

Der Mann bückt sich, um seinen Koffer aufzuheben, und schimpft leise.

Der Junge schiebt sich unter den Sitzen hervor und nimmt seine Tasche. Er klopft sich den Staub von der Kleidung und steht auf, nimmt ein Ticket aus der Tasche und sieht nach oben auf die Anzeigetafel. Eure Blicke treffen sich und plötzlich gibt es nur noch euch beide. Es sind seine Augen – braun und warm. Die beiden Schönheitsflecken auf der rechten Wange. Sein Haar ist länger und bedeckt seine Brauen, doch du würdest ihn überall erkennen.

Der Saum seines T-Shirts ist zerrissen, seine Hose verdreckt. An seinem rechten Handgelenk erkennst du das tätowierte Rechteck unter einer Plastikuhr. Er hat seine eigene Nummer, sein eigenes Symbol, genau wie du.

Du ziehst das Lederarmband zurück und zeigst ihm dein Tattoo, doch du hältst die Hand so, dass sie niemand anderes sehen kann.

»Du«, sagt er schließlich. »Du bist es.«

Dann lächelt er. Du kannst kaum atmen, so viel empfindest du für diesen Menschen, diesen Fremden, den Jungen aus deinen Träumen.

»Du bist hier«, sagst du und er kommt auf dich zu. »Du bist real!«

»Ich dachte, du wärst tot. Als du nicht gekommen bist …«

»Wohin gekommen bin?«

Überrascht sieht er dich an. Auf seiner Iris sind goldene Fünkchen. In deinen Erinnerungen von der Insel war sein Kopf kahlrasiert. Jetzt ist sein dichtes schwarzes Haar gewachsen. Er tritt zurück.

»Kommt es bei dir nicht zurück?«, fragt er.

Sein Blick macht dich nervös.

»Doch«, antwortest du. »Aber nur teilweise. Träume … Erinnerungsfetzen. Kannst du dich an alles erinnern? Auch an vorher?«

»Bei mir hat es auch so angefangen«, sagt er. »Dann begannen die Erinnerungen einen Zusammenhang zu ergeben. Es wurde leichter, die Dinge miteinander in Verbindung zu bringen.«

Du willst mehr wissen, doch unwillkürlich siehst du dich im Bahnhof um. Auf der anderen Seite des Ganges sitzen zwei Männer Mitte vierzig und sehen auf die Anzeigetafel. Gleich darauf bemerkt einer von ihnen deinen Blick.

»Wir sollten nicht hierbleiben, das ist nicht sicher. Man sollte uns nicht einmal zusammen sehen.«

Er sieht erneut zur Anzeigetafel.

»Wann geht dein Zug?«

»In fünf Minuten.«

»New York?«

»Chicago.«

»Das ist derselbe Zug. Ich will nach New York, das ist der der letzte Halt. Du solltest mit mir kommen ….«

Du siehst ihn an, denn du weißt nicht, ob du ihm trauen kannst. Instinktiv möchtest du es, doch nach den Ereignissen der letzten beiden Wochen kannst du nicht sicher sein. Ben hast du vertraut, dem Jungen, der dir geholfen hat, an dem Tag, als du auf den Schienen aufgewacht bist und keine Ahnung hattest, wer du warst und wie du dorthin gekommen bist. Ihr seid Freunde geworden, dann mehr als Freunde. Er wollte mit dir fliehen. Doch es war alles eine Lüge – die ganze Zeit hat er dir nur etwas vorgemacht.

Mit einem Auge achtest du immer noch auf die Leute um euch herum. Du setzt deinen Rucksack auf, prüfst, ob das Armband deine Tätowierung verdeckt und der Schal die Narbe an deinem Hals.

»Reden wir im Zug weiter.«

»Okay. Ich sitze in Wagen fünf.«

Du nickst und gehst zum Bahnsteig.

Ein Seil sperrt den Zugang ab, vor dem ein Bahnangestellter die Tickets prüft. Du gibst ihm deines und tust dann so, als seist du durch ein kleines Mädchen abgelenkt, das im Wartebereich spielt, um ihn nicht ansehen zu müssen. Aus dem Augenwinkel siehst du, wie sich die Männer in die Reihe stellen. Der Bahnangestellte prüft den Strichcode deines Tickets und du eilst zum Zug.

Du siehst nicht nach, ob der Junge auch da ist, sondern läufst direkt weiter und tauchst in einer großen Gruppe von Teenagern unter, von denen einige rote T-Shirts mit der Aufschrift JEFFERSON HIGH tragen. Dort wartest du, bis die beiden Männer an dir vorbei sind. Es sieht zwar nicht so aus, als würden sie nach dir suchen, aber ganz sicher kannst du nicht sein.

Vor kaum zwei Wochen bist du mitten in Los Angeles auf den Gleisen der U-Bahn aufgewacht und hattest keine Ahnung, wer du bist und wie du dorthin gekommen warst. Gleich nach deinem Aufwachen wurdest du gejagt – man hat versucht, dich zu töten. Nach und nach kommen Erinnerungen zurück und du hast versucht, so viel wie möglich über die Leute herauszufinden, die hinter dir her sind. Jetzt weißt du von A&A Enterprises – AAE –, der Gesellschaft, die ein krankes Spiel betreibt, indem sie ihren Mitgliedern dabei hilft, heimlich Menschen zu jagen, die ultimative Beute. Du bist eine Beute. Man hat dir einen Code eintätowiert – die einzige Möglichkeit für sie, dich zu identifizieren. Sie haben dich erst auf einer abgelegenen einsamen Insel gejagt und dich dann mitten in Los Angeles ausgesetzt, wo das Spiel weiterging und dein Jäger dich durch die Straßen der Stadt verfolgt hat.

Vor ein paar Stunden hast du für Celia, deine Kontaktperson bei der Polizei, Beweise hinterlegt, in der Hoffnung, dass es ausreicht, dass sie die richtigen Schlüsse zieht. Hoffentlich hat sie mittlerweile Goss, deinen Jäger, festgenommen. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, könnte es sein, dass sie dich jemand anderem zugewiesen haben. Vielleicht wirst du schon wieder verfolgt. Soweit du weißt, ist das Spiel erst vorbei, wenn du tot bist.

Du findest Wagen fünf und betrittst einen langen Gang mit vielen Türen. Deine Fahrkarte hast du mit Bargeld von Bens Kreditkarte gekauft: $450 für einen Sitzplatz nach New York. Aber in Wagen fünf gibt es nur Schlafwagenabteile mit Klappbetten und Waschbecken. Die Fahrgäste sehen wohlhabend aus. Im ersten Abteil, an dem du vorbeikommst, sitzt eine ältere Frau mit einer Lederhandtasche auf dem Schoß und einer goldgeränderten Sonnenbrille in der akkurat gelegten Frisur. Der Mann ihr gegenüber trägt ein gestärktes Hemd.

Irgendwie hat der Junge das Abteil vor dir erreicht und verschwindet ein paar Türen weiter darin. Einen Augenblick noch zögerst du und siehst dir die Fahrgäste an, die ihre letzten Gepäckstücke verstauen und durch die Schiebetüren schlüpfen. Niemand wirkt fehl am Platz. Niemand ist dir gefolgt. Mit einem Seufzer setzt sich der Zug in Bewegung.

Im Schlafwagenabteil stellt der Junge seinen Rucksack unter einen der Sitze. Du trittst nach ihm ein und schließt die Tür hinter dir. Zwei Sitze stehen einander gegenüber, über euch ist ein Bett. Du stellst dich an das kleine Waschbecken und siehst hinaus, wo der Bahnsteig hinter euch verschwindet.

»Hast du das Abteil für dich?«, fragst du.

»Ja. Ich habe vorsichtshalber zwei Tickets gekauft.« Als du deinen Rucksack absetzt, geht er zum Fenster und zieht die Vorhänge zu, sodass es dunkel wird.

»Kleiner Verschwender, ja?«

»Ich bin gut in vielen Dingen …« Er tritt vor und rempelt dich mit gesenktem Kopf kurz an. Als du dich wegdrehst, hält er das Bündel Geldscheine hoch, das du in deiner Hosentasche hattest. »Aber richtig gut bin ich darin, zu kriegen, was ich brauche.«

Grinsend gibt er dir das Geld zurück. Du bemerkst den Schorf an dem Knöcheln seiner rechten Hand. Ihr setzt euch einander gegenüber, die Knie nur wenige Zentimeter auseinander.

»Gib mir einen Grund, dir zu trauen«, sagst du mit hoher brüchiger Stimme. Es ist schrecklich, dass du so nervös klingst.

Er stützt die Ellbogen auf die Knie.

»Du glaubst, du kannst mir nicht vertrauen? Ich soll es beweisen?«

»Wenn du das kannst.«

Er sieht auf und deutet auf die rechte Seite deines Halses, wo der Schal deine Narbe verdeckt.

»Sie reicht von hinter deinem rechten Ohr bis kurz über die Schulter. In der Mitte geht sie leicht nach links. Auf dem Rücken, knapp über der linken Hüfte, hast du ein Muttermal, das ein bisschen aussieht wie ein Auto.«

Er erwartet, dass du dich umdrehst und nachsiehst. Doch das musst du nicht. Du kennst die Muttermale und Narben in- und auswendig, denn dein Körper ist das Einzige, das dir aus dem Leben davor geblieben ist.

»Was noch?«

»Du öffnest nicht gerne den Mund, wenn du lächelst. Wenn es regnet, wird dein Haar oben ganz kraus. Und wenn du Angst hast, dann zupfst du an der Haut an deinen Daumen. Das ist echt eklig.«

Unwillkürlich musst du lachen.

»Du kannst schneller rennen als ich, schneller als überhaupt jemand, den ich kenne«, fährt er fort. »Die Nummer auf deinem Tattoo ist FNV01298. Du …«

»Stopp, das reicht! Ich glaube dir!«

Er lächelt und sieht dich unverwandt an.

»Gut. Solltest du auch.«

Das hast du dir anders vorgestellt. Du wolltest ihm begegnen und es als leicht und angenehm empfinden, wie in deinen Träumen. Aber er ist immer noch ein Fremder. Du gewöhnst dich gerade erst an den leisen ungleichmäßigen Ton seiner Stimme. Wenn er eine Augenbraue hebt, zieht er den Mundwinkel hoch. Doch du kannst darin nichts Vertrautes wiedererkennen.

»Wann haben wir geplant, uns zu treffen?«

»Auf der Insel.«

Plötzlich verändert sich sein Gesicht, er sieht weg, nach unten.

»Wo wollten wir uns treffen?«

»In San Francisco, am Freitag der zweiten Woche … falls wir es bis dahin schaffen sollten. Ich habe mich rechtzeitig daran erinnert. Du nicht.«

Er zieht die Knie an die Brust, was den Abstand zwischen euch vergrößert. Sein Bizeps spannt sich unter dem T-Shirt, als er mit der Uhr spielt und die Tätowierung sichtbar wird.

Du musst an den Morgen am Busbahnhof denken. Du hast auf die Anzeige über dem Schalter gesehen. Chicago, New York, Austin, Las Vegas. San Francisco ist dir aufgefallen. Wusstest du es irgendwie, bevor du dich erinnert hast? Hast du versucht, zu ihm zurückzukommen?

»Wo in San Francisco? Warum da?«

Er starrt dich abwartend an … was erwartet er? Als er schließlich wegsieht, legt er den Kopf in die Hände und flüstert kaum hörbar: »Lena …«

»Lena?«

Du erstarrst. Der Name. Dein Name. Es gab eine Zeit, da wolltest du unbedingt wissen, wie du heißt. Jetzt weißt du es. Aber er löst nichts aus. Keine Assoziationen, keine Gefühle. Du wiederholst leise Lena, Lena, Lena, doch es klingt einfach nur wie ein Wort.

Er schweigt und beobachtet, wie du diese so grundlegende Information über dich aufnimmst.

»Wieso ist es bei dir schon passiert und bei mir nicht? Warum ist deine Erinnerung wieder da?«, fragst du. Die Frage hängt in der Luft, doch er hat keine Antwort darauf.

Nach ein paar Minuten hebt er den Kopf und zieht den Vorhang auf. Der Zug hat die Stadt hinter sich gelassen und die Häuser ziehen sich die Hügel hinauf.

»Du erinnerst dich an nichts«, stellt er leise fest.

»Es tut mir leid …«, ist alles, was du sagen kannst. »Du wirst es mir erzählen müssen. Alles. Von Anfang an. Was weißt du? Was habe ich dir erzählt?«

Sein Blick wird weicher und ein leichtes Lächeln überfliegt sein Gesicht.

»Nun, zunächst einmal«, sagt er und streckt mir die Hand hin, »ich bin Rafe.«

»Na endlich!« Du nimmst seine Hand und lässt ihn deine einen Moment lang halten, bevor du sie wegziehst. »Ein Name.«

»Zwei, wenn man es genau nimmt …«

»Also, ich bin Lena.«

»Wir waren zusammen auf der Insel.«

»So viel weiß ich schon.«

Du erwähnst die Träume nicht … es sind Erinnerungen, das weißt du jetzt … die du hattest, seit du aufgewacht bist. Sein Gesicht über deinem, seine Stimme in deinem Ohr, sein Körper an deinem. Du kennst die beiden Schönheitsflecken über seinem rechten Auge und den Kratzer auf seiner Stirn, der jetzt verheilt und nur noch ein blasser rosa Strich an seinem Haaransatz ist. Du warst bei ihm. Du hast ihn geliebt.

Er betrachtet deine nackten Beine, die glänzenden Riemchenschuhe, die du gefunden hast. So etwas würdest du normalerweise nicht tragen. Du löst den Schal, denn auf einmal merkst du, wie albern das für ihn sein muss. Er trägt Kapuzenjacke und Jeans.

»Du … in einem Kleid«, er lächelt dich an.

»Was soll das denn heißen?«

»Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal zu sehen kriege. Aber es gefällt mir.«

Du willst nicht lächeln.

Du tust es trotzdem.

2

Eine Stunde ist vergangen und die Bewegung des Zuges beruhigt dich etwas. Während du die Berge betrachtest, die am Fenster vorüberziehen, fühlst du dich in dem kleinen ruhigen Raum sicher.

»Du hast mir noch nicht geantwortet. Warum San Francisco? Warum wollten wir uns dort treffen?«

Rafe zögert ein wenig, bevor er antwortet.

»Weil du dort Leute kanntest. Du hast dort vier Monate lang gewohnt, nachdem du von deiner Tante weg bist, bevor du in die Wüste zurückgekehrt bist …«

»Nach Cabazon? Da wohnen meine Mutter und mein Bruder, oder?«

»Sie haben da gewohnt, ja. Etwas außerhalb.«

Er rutscht unruhig herum und sieht an die Decke.

»Was ist passiert?«

Du versuchst, deine Stimme ruhig zu halten, doch es gelingt dir nicht. Du bist dicht davor, etwas über deine Familie zu erfahren. Etwas Reales.

Er holt tief Luft und hält den Atem ein paar Sekunden lang an.

»Als dein Dad gestorben war, bist du eines Tages nach der Schule nach Hause gekommen und deine Mum war weg. Also hast du auf sie gewartet. So lange es ging, hast du versucht, dich um deinen Bruder zu kümmern. Ein paar Wochen hast du gehofft, sie würde zurückkommen, aber dann ging dir das Geld und das Essen aus. Du musstest ihn zu einer Tante bringen, die du kaum kanntest, und ihrem beschissenen Freund, den du gehasst hast.«

Du denkst wieder an die Erinnerung von der Beerdigung. Die Frau neben dir hat ihr Gesicht bedeckt. Die Haut an ihren Händen ist so dünn, dass du die Adern darunter sehen kannst. Dein Bruder ist deutlicher, aber nur als Kind. Du erinnerst dich an kaum mehr als an sein Lachen.

»Habe ich dir den Namen meines Bruders genannt?«

»Chris. Chris Marcus. Das ist auch dein Nachname.«

»Lena Marcus.«

»Lena Marcus«, wiederholt er, setzt die Kapuze auf, verschränkt die Arme und beobachtet dich. Du weißt, dass du ihn in eine unangenehme Lage bringst, indem du ihn zwingst, dir all das zu erzählen. Es gefällt dir nicht, dass es so ist, aber du musst es wissen.

»Wo ist mein Bruder jetzt? Weißt du das?«, fragst du.

»Du warst dir nicht sicher.«

»Wie ist mein Dad gestorben? Wann?«

»Du warst fünfzehn. Ein Herzinfarkt. Du hast ihn in seinem Auto gefunden.«

Du erwartest, ein Ziehen zu verspüren, dass eine Erinnerung in dir aufsteigt. Du willst dich daran erinnern, was du gesehen hast, was du gefühlt hast, egal, wie schrecklich es auch gewesen sein mag. Doch nichts geschieht. Du erinnerst dich an nichts von dem, was Rafe erzählt. Er könnte über jeden beliebigen Menschen sprechen.

»Schau Lena …«, sagt Rafe und sieht dich an. »Wir müssen nicht darüber sprechen.«

»Vielleicht sollten wir das wirklich nicht. Vielleicht ist es besser, nichts zu wissen.«

In diesem Moment klopft es an die Abteiltür und sie gleitet auf. Ein Mann in einer blauen Uniform steht in der Tür und lehnt einen Arm an den Rahmen. Sein weißer Bart ist kurz geschoren.

»Die Fahrkarten bitte!«

Er sieht Rafes schmutzige Sachen an. Als dieser ihm die beiden Erster-Klasse-Tickets reicht, begutachtet er sie sorgfältig. Dann locht er sie und geht weiter. Deine Fahrkarte nach Chicago ist noch in deiner Tasche.

Du beugst dich zu Rafe.

»Du weißt, ich habe nicht gesagt, dass ich mit dir gehe. Es könnte zu gefährlich sein für uns beide, wenn wir zusammen bleiben. Warum überhaupt New York?«

Rafe faltet die Tickets und steckt sie ein.

»Ich will andere Zielpersonen finden.«

Andere Zielpersonen. Du weißt natürlich, dass es sie gibt – da war dieses verlassene Haus, in dem du Mitglieder von AAE gesehen hast, eine Art Hauptquartier, in dem Bilder an der Wand hingen und Codenamen wie auf deinem eigenen Tattoo – ein Falke, eine Kobra, ein Hai. Und daneben andere Städte. New York, Los Angeles, Miami. Aber ehrlich gesagt hast du nicht viel an die anderen gedacht. »Wie willst du sie finden?«

Er spielt mit seinem Uhrenarmband, sodass du den schwarzen Kasten sehen kannst. Darin erkennst du ein Tier, das wie ein Elch aussieht, und den Code KLP02111.

»Als ich dich in San Francisco gesucht habe, war ich auf verschiedenen Websites, weil ich wusste, dass es da draußen noch weitere Zielpersonen geben muss.«

»Und hast du sie gefunden?«

»Ich habe einen gefunden. Einen Jungen, der sich Connor nennt. Er hatte auf Craigslist gepostet und wir haben einmal ein paar Minuten über Skype miteinander telefoniert. Er hat mir erzählt, dass er bereits eine andere Zielperson gefunden hat und nach weiteren sucht. Er sagte, in New York gäbe es Orte, an denen er sich mit ihr treffen könnte. Wir wurden unterbrochen, aber ich hatte genug erfahren, um einen Entschluss zu fassen.«

»Und was ist, wenn das eine Falle ist? Wenn er nur versucht, dich aus deinem Versteck zu locken?«

»Es ist ein Risiko«, gibt Rafe zu. »Aber ich habe mit ihm gesprochen. Ich habe seine Stimme gehört. Er hatte Angst.«

»Du willst ihn also suchen, wenn du da bist. Wie denn?«

»Das weiß ich noch nicht«, antwortet Rafe. »Für den Anfang werde ich an die Orte gehen, die er mir genannt hat. Es scheint mir einen Versuch wert zu sein. Ich habe es satt, wegzulaufen. Und ich habe es satt, allein zu sein.«

Du starrst deine Hände an. Unter den Nägeln sind noch rötlichbraune Ränder. Izzys Blut. Sie war Bens Nachbarin und deine erste wirkliche Freundin. Sie ist dir an jenem Tag zu Goss’ Haus gefolgt, weil sie wissen wollte, ob es dir gut geht. Als er auf dich losging, geriet sie ins Kreuzfeuer.

Nachdem sie angeschossen worden war, hast du dir geschworen, allein zu bleiben, um für niemanden verantwortlich zu sein. Aber jetzt bist du dir nicht mehr so sicher. Du hast geglaubt, du könntest in irgendeine unauffällige Stadt in der Nähe von Chicago flüchten, versuchen, unterzutauchen und dich zu verstecken. Aber dieser Plan erscheint dir jetzt naiv. Bei Rafe zu bleiben, ist ein Risiko … doch allein zu bleiben ebenso.

Die Abteiltür ist noch einen Spalt offen. Du stehst auf und schiebst sie zu.

»Dann lass uns also andere Zielpersonen finden. Wenn sie sich an etwas mehr erinnern als wir, finden wir vielleicht heraus, wer AAE leitet. Dann könnten wir das Ganze stoppen.«

Rafe sieht dich an.

»Wir könnten mit Connor anfangen.«

»Wir müssen vorsichtig sein.« Doch du weißt nicht, wen von euch du ermahnst.

Rafe sieht zu Boden und lächelt, als sei ihm gerade etwas eingefallen.

»Auf der Insel war es nicht gerade die Vorsicht, die uns am Leben erhielt«, sagt er.

3

Der Raum riecht nach schimmeligem Brot und Bleichmittel. Du hältst den Arm unter dem Tisch, wo sie ihn nicht sehen können. In langen, dünnen Spiralen ziehst du die Spitze des Stiftes über dein Handgelenk bis zu dem Punkt unter dem Ellbogen, wo du ein paar schwarze Sterne zeichnest. Es fühlt sich gut an, etwas Verbotenes zu tun.

»Marcus.«

Du machst weiter. Ein Herz, noch ein Stern.

»Marcus, ich rede mit dir!«

Du hörst sie, aber es ist dir egal. Soll sie es doch noch einmal sagen, soll sie doch versuchen, dich dazu zu bringen, aufzusehen. Neben dir sitzt Joy. Sie stößt dich sachte an und flüstert: »Williams sieht dich. Sei doch nicht blöd!«

»Markus, ich rede mit dir!« Williams steht jetzt neben dir und nimmt dir den Stift aus der Hand. »Woher hast du den?«

Den hast du vom katholischen Dienst. Du hast ihn dir ausgeliehen, um eine Postkarte zu schreiben, und nicht zurückgegeben. Aber das sagst du nicht. Du sagst gar nichts.

»Steh auf, Marcus. Du bleibst heute Abend auf deinem Zimmer!«

Du bleibst einfach sitzen auf diesem dämlichen Plastikstuhl, in den zu weiten Hosen, ohne Schnürsenkel in den Schuhen. Du rollst das Sweatshirt über den Arm, während ein Betreuer an deiner anderen Seite auftaucht und dich hochzieht.

Als du die Augen aufmachst, siehst du die Decke des Zugabteils. Das obere Bett ist eng und die Matratze zu weich, um bequem zu sein. Der kleine Raum wird von der Sonne erhellt. Um ein Uhr morgens hast du dich hingelegt, vielleicht auch später, und du weißt nicht genau, wie lange du geschlafen hast.

»Bist du wach?«, fragt Rafe von unten.

»Woher weißt du das?«

»Du hast dich in der letzten Stunde mindestens zwanzig Mal herumgewälzt. Es ist der Rücken, oder? Zu lange draußen geschlafen.«

»Es ist alles. Ich habe geträumt.«

»Eine Erinnerung?«

»Ja.«

»Ging es um mich?«

Man kann ihn förmlich lächeln hören.

»Sehr witzig.«

Du lehnst dich über den Bettrand. Er sitzt unter dir. Das Bett hat er bereits eingeklappt und wieder zu zwei Sesseln umgebaut. Er isst ein Sandwich aus einem Plastikbehälter.

»Ich habe von dir geträumt, bevor meine Erinnerungen zurückkamen.«

Die Aussage bleibt im Raum stehen. Er wartet ab und du weißt, er möchte gerne wissen, ob es bei dir genauso war.

»Es ging um mein Leben davor«, sagst du, schiebst dich hoch und stellst die Füße auf den Sitz darunter. Dein Kleid ist zerknittert, das Haar platt am Kopf angedrückt. »Wie spät ist es?«

»Fast zwei Uhr. Sie kamen schon mit dem Mittagessen.«

Er nimmt ein halbes Sandwich aus der Box und hält es dir hin. Erst jetzt merkst du, wie hungrig du bist, du hast fast einen ganzen Tag lang nichts gegessen.

Als du hochsiehst, merkst du, dass Rafe dich ansieht. Er hat seine Kapuzenjacke ausgezogen und nur ein T-Shirt spannt sich über seine breite Brust. Er ist so groß, dass sein Kopf im Sitzen fast auf Augenhöhe mit deinem ist. Lichtflecken huschen über sein Gesicht, fangen sich in seinen dunklen Wimpern und werfen schnelle, vergängliche Muster auf seine dunkle Haut.

»Ich habe es vorhin ernst gemeint«, sagt er. »Ich hatte echt lebhafte Träume von uns auf der Insel.«

»Ich weiß«, sagst du.

»Dann hattest du die auch?«

»So habe ich dich erkannt.«

Du setzt dich und hältst den Blick auf die Landschaft gerichtet, die draußen vorüberzieht. Überall sind Bäume und in den Hügeln dahinter liegen vereinzelt Häuser. Die Bäume sind tiefrot, manche golden. Der Himmel ist weiß und leer.

Mit gesenktem Kopf sagt er: »Die ersten Tage, nachdem ich aufgewacht bin, als ich noch gar nichts wusste … da hat es mich davor bewahrt, durchzudrehen, an diese Träume zu denken.«

Draußen im Gang hörst du Leute reden. Du isst den Rest des Sandwiches und genießt jeden Bissen.

»Ich wusste nicht, ob sie real waren.«

»Mir kamen sie immer real vor.«

»Es ist immer noch verwirrend«, sagst du.

Er lehnt sich an das obere Bett und stützt das Kinn auf die Fingerknöchel.

»Diese Träume sind das Einzige, was nicht verwirrend ist.«

Seine Worte sind leise und sanft. Er nimmt deine Hand, hält sie vor deinem Körper, dreht sie um und streicht mit dem Daumen über deine Handfläche. Unter seiner Berührung wird deine Haut heiß. Doch es ist zu viel.

»Ich bin noch nicht so weit, Rafe«, sagst du und entziehst ihm deine Hand. »Ich kenne dich nicht. Ich möchte gerne, aber ich kann nicht. Noch nicht.«

»Schon gut«, erwidert er und setzt sich auf einen der Sitze.

Das war nicht real. Das hier ist real. Aber es wird immer schwerer, den Unterschied zu erkennen. Du kletterst vom Bett und setzt dich ihm gegenüber.

»Ich möchte deine Geschichte wissen.«

»Meine Geschichte …«

Du lehnst die Stirn ans Fenster und siehst hinaus.

»Wie AAE dich gefunden haben, wo du herkommst … wie du deine Erinnerung zurückerlangt hast. Du hast mir noch nichts darüber erzählt.«

Er stützt die Ellbogen auf die Knie. Seine Nase ist ein wenig schief, als wäre sie einmal gebrochen worden. Er sieht dich nicht an, sondern studiert das Muster auf dem Sitz.

»Meine Geschichte ist … dass ich nie über die elfte Klasse hinausgekommen bin. Meine Geschichte ist … dass ich meinen Vater nur zweimal gesehen habe und meine Mutter hat mit Meth angefangen, als ich sechs war. Eine meiner ersten Erinnerungen ist die, dass ich sie bewusstlos in der Garage gefunden habe. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen.«

Du ziehst die Knie an und beobachtest ihn.

»Wo bist du aufgewachsen?«

»Außerhalb von Fresno.« Er klingt leicht gereizt. »Das habe ich dir doch alles schon erzählt!«

»Erzähl es noch einmal!«

»Es ist immer noch nicht alles klar.«

»Versuche es.«

»Ich habe das Gefühl, als würden einige Teile fehlen. Aber ich weiß, dass ich oft zu diesem Boxstudio gegangen bin. Der Manager war ein Freund von meinem großen Bruder und ließ mich manchmal gratis mitmachen, wenn nicht so viele Leute da waren. Er hat mich kämpfen sehen. Dann hat er mich über meine Familie ausgefragt und wo ich herkomme. Ich hielt die Fragen für blödsinnig. Dann hat er gesagt, dass er mir einen Flug nach Texas bezahlt, dass er da einen Kampf für mich arrangiert hätte. Als ob ich so gut gewesen wäre.«

»Ich frage mich, was er für sie getan hat … klingt nicht, als sei er ein Beobachter oder ein Tracker«, sagst du.

Rafe lässt die Hand vom Gesicht fallen.

»Was ist das denn?«

»AAE teilt jeder Zielperson einen Tracker zu, der dem Jäger einen Tipp gibt, wo er seine Beute finden kann, und stellt hinterher sicher, dass es keine Spuren von der Jagd gibt. Sie haben mir eine Falle gestellt, damit ich nicht zur Polizei gehe – sie haben es aussehen lassen, als sei ich in ein Büro eingebrochen. Beobachter sind Leute, die dich überwachen und dafür sorgen, dass du innerhalb eines gewissen Radius bleibst und dass du gesund bist. Sie berichten der AAE. Das sind die, die uns die Ortungsgeräte verpasst haben – du bist deines doch losgeworden, oder?« Rafe nickt und du fährst fort: »Das habe ich herausgefunden, als ich meinem Jäger, Goss, zu seinem Haus gefolgt bin. Er hatte in einem seiner Schränke Dokumente versteckt, in denen genügend Informationen standen, um einiges herauszufinden.«

Rafe lehnt den Kopf zurück.

»Der Mann, der mich zuerst angesprochen hat … ich weiß nicht, wie der für sie gearbeitet haben soll. Curt. Ein riesiger Filipino, der stundenlang über Boxen und Football reden konnte. Hasste die Jets und liebte die 49ers.«

Rafe hält inne und wartet, dass du etwas sagst.

»Wahrscheinlich hat er das Studio eine Zeit lang beobachtet, um zu sehen, wen sie vielleicht rekrutieren könnten«, vermutest du. »Du solltest ihm vertrauen.«

»Ich komme mir so dumm vor. Als ob das so eine große, aufregende Sache gewesen wäre. Ich habe allen erzählt, dass ich gehe. Ich konnte nicht aufhören, von der Boxmeisterschaft zu erzählen, an der ich teilnehmen sollte, und von dem Geld, das ich dabei verdienen würde. Meine Großmutter war zu der Zeit krank und ich dachte, ich würde einfach nur da hingehen und …«

Er bricht ab und sieht zur Decke. Seine Hand streicht über sein Gesicht und er reibt sich mit den Fingerspitzen die Schläfen.

»Curt sagte, wir hätten einen Sponsor und würden einen Privatflieger nehmen. Ich war zuvor noch nie geflogen. Wir sind von einem kleinen Flugplatz gestartet und als wir oben waren, bin ich fast ausgeflippt. Es war ein irres Gefühl. Dann bin ich eingeschlafen. Und als ich aufgewacht bin, war ich auf dieser Insel.«

»Wie ist das passiert?«

»Zwanzig Minuten nach dem Abheben hat er mir etwas zu trinken gegeben. Wahrscheinlich hat er etwas hineingetan.«

»Und als du auf der Insel aufgewacht bist, konntest du dich da noch an alles erinnern?«

»Ja, auf der Insel wussten wir noch alles. Ich weiß nicht, wie lange ich dort ohne meine Erinnerungen durchgehalten hätte.«

»Wie meinst du das?«

»Sich an Dinge … Menschen zu erinnern, hat geholfen. Es hat mir immer geholfen, noch mehr zu kämpfen. Es gab mir einen Grund zu überleben. Wenn ich auf der Insel drauf und dran war, aufzugeben, stellte ich mir immer vor …« Er lacht leise auf und wendet den Kopf ab. »Ich habe an die Eier gedacht, die meine Großmutter mir gemacht hat. Sie hat sie mit scharfer Soße gewürzt und mit Cheddarkäse verrührt. Es klingt vielleicht albern, aber ich habe so oft daran gedacht, dass sie das jeden Morgen macht. Nur für mich. Sie selbst mochte sie nicht. Diese Erinnerung hat mich am Leben erhalten.«

Irgendetwas in dir zerbricht. Du wischst dir die Augenwinkel und möchtest, dass er sich dir zuwendet, wieder deine Hand nimmt. Als er es tut, ergreifst du sie.

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