Death de LYX - Totenstarr - Jo Nesbø - E-Book
Beschreibung

Death de LYX - die besondere Thriller-Reihe geht weiter! Jo Nesbø, Camilla Läckberg und viele andere große Stimmen des nordischen und deutschen Thrillers führen zu dunklen Tatorten in eiskalten Gefilden! Mit Kurzgeschichten von René Appel, Jo Nesbø, Carmen Korn, Camilla Läckberg, Carla Vermaat, Gunter Gerlach, Inger Jalakas, Boris Akunin, Tove Klackenberg, Lawrence Block, Jacob Vis, Jürgen Ehlers, Josh Pachter und Bernhardt Jaumann. Death de LYX - regelmäßig spannende Kurzgeschichten mit Nervenkitzel-Garantie als E-Book. Stöbern Sie auch in den anderen Titeln der Reihe!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:299


Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

René Appel - Die Aushilfe

Jo Nesbø - Serum

Carmen Korn - Unter Partisanen

Camilla Läckberg - Ein richtig beschissener Tag

Carla Vermaat - Aus heiterem Himmel

Gunter Gerlach - Hochzeit in Voerde

Inger Jalakas - Als er endlich auftauchte

Boris Akunin - Tischgespräch, 1882

Tove Klackenberg - Das Engelskind

Jacob Vis - Das Duell

Jürgen Ehlers - Die Sache mit den Rolltreppenstehern

Josh Pachter - Das Schwert Gottes

Bernhard Jaumann - Nacht über Unna

Lawrence Block - Dollys Schrott und Schätze

Acknowledgements

Impressum

Titel

MAXIM JAKUBOWSKI (HRSG.)

JO NESBØ, CAMILLA LÄCKBERG ET. AL.

TOTENSTARR

Ins Deutsche übertragen von

Rebekka Rohleder

Zu diesem Buch

Jo Nesbø, Camilla Läckberg und viele andere große Stimmen des nordischen und deutschen Thrillers führen zu dunklen Tatorten in eiskalten Gefilden!

Mit Kurzgeschichten von René Appel, Jo Nesbø, Carmen Korn, Camilla Läckberg, Carla Vermaat, Gunter Gerlach, Inger Jalakas, Boris Akunin, Tove Klackenberg, Lawrence Block, Jacob Vis, Jürgen Ehlers, Josh Pachter und Bernhardt Jaumann.

RENÉ APPEL

Die Aushilfe

Die füllige Frau im blassblauen Kittel stellte sich als Anja vor. Sie blickte sich um und kicherte verlegen, offenbar unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Kein Mann würde auf diese Art lachen.

»Ki–« Ich unterbrach mich und tat so, als müsste ich husten. »Marjolein.« Sie gab mir die Hand. »Ich führe dich erst mal herum und zeige dir alles«, sagte sie, und ihre Mundwinkel hoben sich ein ganz klein wenig. »Das hier sind die Kassen, wie man sieht, und oben« – sie zeigte zu einer schmalen Tür in der gegenüberliegenden Wand und ging mit mir darauf zu – »ist die – nun ja, wir nennen es die Lounge. Da kannst du Mittagspause machen und deine Jacke aufhängen. Hast du deinen Code schon bekommen? Nicht? Dann gebe ich ihn dir nachher.«

Anja tippte ihren eigenen Code ein, und die Tür öffnete sich. Oben zeigte sie mir noch eine Tür, auch geschlossen, aber ohne Verriegelungsmechanismus. »Das ist Herrn Hovenkamps Büro. Der Chef.« Sie warf mir einen bedeutsamen Blick zu – aber ich hätte nicht sagen können, was genau der bedeutsame Blick zu bedeuten hatte.

Sie klopfte an und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten und mit schweren Schritten, als ob sie Gepäck hereintrüge. Ich folgte ihr. Hovenkamp blickte erschrocken von den Papieren auf seinem Schreibtisch auf, als wenn er ein Gespenst gesehen hätte. Vielleicht versteckte er ja irgendwelche Geheimnisse in seinem Aktenstapel, oder wir hatten ihn einfach beim Playboy-Lesen überrascht.

»Das ist Marjolein«, sagte Anja, »die neue Aushilfe.«

»Aushilfe?«, fragte Hovenkamp, der weiter mit seinem Papierkram beschäftigt war.

»Hast du das vergessen? Sie hat heute ihren ersten Tag.«

Hovenkamp stand auf. »Ah ja, sehr gut, wir brauchen auf jeden Fall Verstärkung. Im Sommer ist das hier das reinste Irrenhaus. Dreimal so viel Kunden wie außerhalb der Saison. Anja, kümmerst du dich um sie? Zeigst ihr alles?« Er wischte sich mit einem riesigen Taschentuch über die Stirn. »Heiß hier, nicht wahr?«

»Bin schon dabei«, sagte Anja.

Wir gingen aus dem Büro, über den schmalen Korridor und in einen sterilen kleinen Raum: ein Tisch, ein paar Stühle, ein halbes Dutzend blassblaue Kittel auf in die Wand geschraubten Haken.

Ich hatte Anja am Telefon schon gesagt, dass ich dringend einen Job brauchte, weil ich praktisch pleite war. »Ich habe hier mein kleines Zelt auf dem Campingplatz. Ich dachte, ich hätte genug Geld für den ganzen Sommer, aber wie das halt so ist. Man geht hier mal essen und trinkt da mal ein bisschen zu viel in der Disco, und auf einmal ist das Geld schon alle. Das kennst du ja bestimmt.«

»Nein«, sagte sie, »ich selber spare jeden Cent.« Sie lachte kurz auf. »Ich heirate nämlich nächstes Jahr.«

»Glückwunsch! Wie heißt er denn?«

»Gerard.«

»Heiraten, meine Güte! Nichts für mich. Aber jedenfalls, ich kann jetzt kein Geld mehr abheben, mein Konto ist ziemlich überzogen. Das heißt, ich brauche einen Job. Ich möchte nämlich den Rest des Sommers gern hierbleiben. Ich habe da diesen Typen getroffen, Marcel …«

Ich überlegte kurz, ob ich schon zu viel verraten hatte.

»Und jedenfalls habe ich in Rotterdam mal in einem Supermarkt gearbeitet, ich habe also Erfahrung. Ich könnte sofort anfangen.«

Ein Supermarkt in Rotterdam, das war vage genug.

Anja erklärte mir kurz die Abläufe im Laden, was man bei Problemen mit der Kasse machte und wo sie das Geld ließen.

»… und am Ende kommt es in Herrn Hovenkamps Büro. Da drin ist der Safe, so ein altmodischer, kein Zeitschloss und nichts« – sie legte verschwörerisch eine Hand auf meinen Arm –, »aber das habe ich nie gesagt.« Sie trug einen Ring, einen Verlobungsring wahrscheinlich. Sie hatten bestimmt eine große Feier veranstaltet, stellte ich mir vor, mit haufenweise Geschenken von den Familien und Freunden, als Starthilfe für ihr gemeinsames kleines Leben. Ich gab mir alle Mühe, Interesse zu heucheln.

Das hier war ganz offensichtlich eine deutlich primitivere Gegend als Rotterdam. Die Saison dauerte bestenfalls zehn Wochen, und danach war hier wieder der Hund begraben. Was Hovenkamp und Anja sicherlich völlig recht war.

»Nur zur Sicherheit«, sagte Anja, »und nicht, dass so was hier jemals vorkäme, klopf auf Holz« – sie klopfte genau auf die gleiche Art auf den Tisch wie vorher an Hovenkamps Bürotür –, »aber falls der Laden je überfallen wird, dann übergibst du einfach alles, was du in der Kasse hast, ohne Diskussion. Hier, guck, das steht so in den Regeln.« Sie zeigte mir den Absatz in den kopierten Seiten, die zwischen uns auf dem Tisch lagen.

Ich las ein paar Zeilen über »die Sicherheit der Angestellten und Kunden«.

»So«, sagte sie und reichte mir einen der Kittel von der Wand, »bist du so weit?«

Anja stand dann noch eine Weile direkt hinter mir und erklärte mir dies und das. Nach kurzer Zeit lief die Arbeit, und nach einer halben Stunde ließ sie mich allein. Es war nicht weiter schwierig. Schließlich war der Ablauf immer der gleiche.

»Hätten Sie vielleicht dreizehn Cent klein?«

»Hier.«

»Danke sehr. Einen schönen Tag noch.«

Ich sollte jedem Kunden einen schönen Tag wünschen. Die einzige Variation dieses Themas kam von einer sechzehnjährigen Punkerin mit zwei Lippenpiercings, die mich anblaffte: »Das interessiert Sie doch einen Scheiß, was ich für einen Tag habe!«

Ich widersprach nicht.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu häufig auf die Uhr zu sehen, aber es musste schon auf das Ende meiner Schicht zugehen, als ich auf einen jungen Mann aufmerksam wurde, der sich hinter den Kassen herumdrückte, bei den leeren Pappkartons und der Pinnwand mit den lokalen Ankündigungen und Anzeigen. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille und dazu trotz der Sommerhitze eine Lederjacke. Ich schwitzte schon beim Hinsehen. Er steckte die Hände in die Taschen und ging mit langen Schritten auf mich zu.

Marcel schaute auf die Uhr. Viertel nach fünf. Noch eine Stunde. Er streckte sich wie eine Katze, dann griff er nach der Bierflasche, die im Schatten unter dem Sonnenschirm stand, und nahm noch einen erfrischenden Schluck.

Sie zu treffen, das war wie sechs Richtige im Lotto. Er hatte sie gleich bemerkt, im DaDa Dance. Sie hatte allein in einer Ecke gestanden und die Leute beobachtet. Er hatte sich neben sie gestellt. Er hatte sie angeschaut und sie ihn, und beiden gefiel sehr gut, was sie da sahen.

Er hatte gleich verstanden, dass er es am ersten Abend gar nicht erst zu versuchen brauchte: Sie war nicht die Art Mädchen, das war unübersehbar. Sie hatten sich für den nächsten Abend verabredet, und schon die bloße Erinnerung an diese zweite Begegnung erregte ihn wieder. Verdammt noch mal, sie wusste, was sie hatte, und sie konnte es einsetzen. Natürlich wohnte sie von da an nicht mehr auf diesem bescheuerten Zeltplatz. Seine casa war sehr schnell ihre casa geworden. Das hier sollte ein denkwürdiger Sommer werden und am Ende auch noch ein lohnender. Sie war schon eine, mit ihrem Plan, den sie ganz allein ausbaldowert hatte.

Er trank sein Bier aus. Zehn Monate im Jahr war es hier unglaublich öde, aber das hier: Das würde ihn für vieles entschädigen. Für alles.

Der Mann in der Lederjacke schien zu zögern, schaute zu den anderen Kassen herüber, aber dann machte er noch einen Schritt auf mich zu.

»Entschuldigung … darf … darf ich Sie etwas fragen?«, stotterte er.

Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, und scannte eine Flasche Cola und zwei Tüten Chips für einen Mann mit Sonnenbrand auf der Stirn und einem T-Shirt, auf dem in großen Buchstaben NOBULLSHIT stand. »16,44 bitte«, sagte ich und dachte darüber nach, ob der Spruch ein Codewort zwischen ihm und seiner Frau sein könnte und ob er ihn dann zu ihr sagte oder sie zu ihm.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich den Mann mit der Lederjacke, der nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Warum ging er nicht einfach zu einer der anderen Kassen? Was wollte er denn ausgerechnet von mir? Vielleicht nahm er gerade seinen Mut zusammen für einen Überfall; vielleicht sah er, dass ich die Neue war und auf Notfälle nicht vorbereitet. Das ist deine Chance, Mensch, die weiß nicht, was sie tut, mit der kannst du’s machen! Verdammt, so was konnte ich überhaupt nicht brauchen und gerade jetzt schon gar nicht.

»Kann ich –?«, setzte er noch einmal an. Er wurde tatsächlich rot. Ja großartig! Der ist auch noch schüchtern?

Ich wedelte ihn weg. NOBULLSHIT gab mir fünfundzwanzig Euro.

»Haben Sie vielleicht noch zwei Euro klein?«

Er kramte in seinen Taschen und fand nichts. Ich schaute mich im Laden um, aber niemand schenkte uns die geringste Beachtung. Anja tippte Preise ein, als ob ihr Leben davon abhinge, und die andere Kassiererin, Rachida, verabschiedete gerade einen Kunden. Ich zählte dem Mann sehr langsam sein Wechselgeld ab.

Als ich damit fertig war, wandte ich mich dem Lederjackenmann zu. »Ja?«

Er lächelte, und ich sah seine schiefen Zähne. »Ich wollte Sie etwas fragen.«

»Dann fragen Sie halt«, sagte ich ungeduldig. »Hier warten Leute.« Ich sah zu der Frau hinüber, die als Nächstes dran war. Sie hatte ein sonnenverbranntes Gesicht, und ihr übertriebenes Make-up betonte die Erschöpfung in ihren Augen noch, statt darüber hinwegzutäuschen. Sie blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wie ein junges Mädchen in einem Werbespot im Fernsehen.

»Diese Kartons.« Und er zeigte auf den Stapel von leeren Pappkartons gegenüber von den Kassen. »Kann ich – wenn Sie sie nicht mehr brauchen, kann ich ein paar davon haben? Ich ziehe nämlich um, und –«

»Klar«, unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie ruhig so viele, wie Sie brauchen.«

Er lächelte dankbar und nickte. Es hätte mich überhaupt nicht überrascht, wenn er versucht hätte, mir die Hand zu küssen. Gruseliger Typ. Ich sah, dass ihm mehrere Zähne fehlten.

»Der arme Kerl«, sagte die Frau mit dem roten Gesicht, als ich mich ihr zuwandte. »Lebt bestimmt von Sozialhilfe. Unsere Steuern in Aktion. So ist das heutzutage wohl …«

Ich nickte, antwortete nicht und griff nach dem ersten Artikel auf dem Band.

Den Rest des Nachmittags arbeitete ich völlig automatisiert. Ich wusste nicht genau, wie lange ich das durchhalten konnte. Aber es war ja für einen guten Zweck. Den besten Zweck. Für meine eigenen Zwecke, heißt das. Dutzende Liter Limonade, tütenweise Chips und Erdnüsse, massenhaft Weinflaschen, Bierflaschen, Keksschachteln gingen über mein Band. Ich hatte den Eindruck, diese Leute nähmen überhaupt keine richtigen Mahlzeiten zu sich. Sie aßen nur Snacks, und sie soffen. Eine blonde Frau schob einen fetten kleinen Jungen im Einkaufswagen herum. Sie legte Brot, Gemüse, vier Hamburger und Bananen aufs Band, aber als das Kind gierig auf das Süßigkeitenregal zeigte und einen markerschütternden Schrei dazu ausstieß, legte sie noch ein paar Mars dazu, nahm eins davon aus der Verpackung und gab es ihm direkt in die Hand. Das Kind triumphierte.

Als ich die Kasse an die nächste Schicht übergeben konnte, war ich todmüde. Meine Finger wollten noch weiter scannen, und vor meinen Augen tanzten Münzen und Scheine. Ich blinzelte sie weg. Ich musste nur meinen Kittel wieder aufhängen, und dann konnte ich nach Hause gehen, wo Marcel auf mich wartete. Ich gab den Code ein, den Anja mir gegeben hatte, und ging nach oben. Vor der Tür der Lounge legte mir plötzlich jemand die Hand auf die Schulter. Ich unterdrückte einen Schrei.

»Marjolein«, sagte Hovenkamp. »So heißen Sie doch, nicht wahr?«

Ich nickte.

»Sie müssten da noch ein paar Formulare ausfüllen. Können Sie kurz in mein Büro mitkommen?«

Ich folgte ihm. Mir fiel auf, dass sein Hosenboden schlaff über seinem flachen Hintern hing. Kein Arsch, aber ein deutlich beginnender Bierbauch, über dem sich sein gestreiftes Hemd spannte. Warum sammelte sich bei Männern so oft alle Masse auf der falschen Körperseite?

»Setzen Sie sich doch.« Er wies auf einen Stuhl, legte ein Formular vor mich auf den Tisch hin und beugte sich über mich. Ich konnte seinen Atem im Nacken spüren und roch eine traurige Mischung von Schweiß, Rasierwasser und lange nicht gelehrtem Aschenbecher. Dieser Bestandteil seiner Ausdünstungen war mir am lästigsten, wahrscheinlich weil ich selber erst vor ein paar Monaten das Rauchen aufgegeben hatte – was mir deutlich schwerer gefallen war, als ich vorher erwartet hatte.

Ich füllte das Formular aus. »Das ist natürlich meine richtige Adresse«, sagte ich, »nicht die Urlaubsadresse. Ich kann ja nicht gut den Campingplatz angeben. Ich glaube, das Finanzamt würde das nicht mögen.«

»Natürlich.« Hovenkamp kam einen Schritt näher heran und legte mir schon wieder die Hand auf die Schulter. Sogar durch den Kittel und durch mein T-Shirt spürte ich, wie warm und schwitzig seine schwere Pranke war. »Und hier noch Ihre Steuernummer.« Er zeigte hin.

»Meine Güte, die kann ich nicht auswendig. Reicht es, wenn ich die morgen eintrage?« Ich lächelte zuckersüß. Dabei stellte ich mir gerade vor, ihm mit dem Ellenbogen die Fresse einzuschlagen. Viel Blut, eine gebrochene Nase, und er würde sich vor Schmerz krümmen. Er knetete meine Schulter, ganz sachte, sodass ich es kaum spürte. Ich hörte ihn seufzen und dachte an Frau Hovenkamp, wo auch immer sie sein mochte.

»Kein Problem«, sagte er.

Ich stand auf. »Dann kann ich ja gehen.«

Unsere Gesichter waren eng beieinander.

»Vielleicht«, fing Hovenkamp an, »vielleicht könnten wir ja mal –«

Aber da klopfte es.

Anja stand in der Tür. »Wendy ist krank«, sagte sie. »Sie muss nach Hause. Vielleicht kann Marjolein –?«

»Ich? Nein, wirklich, ich kann nicht. Ich bin völlig durch, und außerdem bin ich verabredet.« Ich schaute Hovenkamp flehend an. »Mit meinem Freund. Den kann ich doch nicht warten lassen.«

»Hm, dann … dann müssen wir das anders machen«, sagte Hovenkamp. »Dann muss ich wohl selber an die Kasse. Ist viel los?«

Anja nickte.

»Schönen Abend noch, Herr Hovenkamp«, sagte ich so freundlich wie möglich. »Bis morgen.«

»Bis morgen, ja.«

Um halb sechs war ich bei Marcel angekommen. Seine Eltern waren für einen Monat nach Südfrankreich gefahren, hatte er mir erklärt, und er hatte so lange sturmfreie Bude. Er hatte sich auf einem Liegestuhl hinter dem Haus ausgestreckt. Auf dem Tisch neben ihm drei leere Bierflaschen. Er konnte es sich ja leisten, herumzuliegen und Bier zu trinken, während ich die ganze Arbeit machte. Aber bald würde er an der Reihe sein.

Ich kam aus der Küche in den Garten. Er stand auf. Wir umarmten uns. Seine Hände schoben sich suchend und streichelnd in meine Jeans. Seine Finger wollten offenbar noch tiefer.

Ich spannte die Arschbacken an, um ihn loszuwerden, aber er beachtete das nicht, oder vielleicht bildete er sich ein, ich würde schon vor Lust zittern.

»Nein«, sagte ich entschieden, »jetzt nicht. Ich bin völlig fertig. Ich muss mich erst mal frischmachen und was trinken. Das ist alles kein Spaß, verstehst du? Acht Stunden hinter dieser verdammten Kasse.«

Er nickte, als ob er wüsste, was ich meinte. Tat er aber nicht. Ein reicher Junge wie Marcel, der nie etwas Anstrengenderes hatte machen müssen, als irgendwie durchs Gymnasium zu kommen und ein bisschen vor sich hin zu studieren, der hatte doch überhaupt keine Ahnung!

»Ich halte das nicht lange aus«, sagte ich. »Noch einen Tag höchstens.« Warum sollte ich die Angelegenheit nicht ein bisschen beschleunigen? Je länger ich hierblieb, desto schlimmer würde es werden. »Morgen, o.k.? Der Chef nervt schon wegen meiner Steuernummer.«

»O.k., gut«, sagte Marcel, »wir ziehen das morgen durch.«

Mein zweiter Tag im Supermarkt war ziemlich genau die Wiederholung des ersten. Für Rachida und Anja war das der Normalzustand. Sie kannten es ja nicht anders. Aber für mich war das alles jetzt schon zum die Wände Hochgehen.

Außerdem war es noch ein paar Grad heißer als am Vortag, und das hatte mindestens zwei Wirkungen auf unsere Kunden. Sie waren ungeduldiger, regten sich deutlich schneller auf. Einmal musste Hovenkamp selbst in einen Streit zwischen zwei Typen eingreifen, von denen der eine sich die letzte Packung Beer Nuts gegriffen hatte, gerade als der andere auch die Hand danach ausgestreckt hatte – oder aber er hatte sie dem anderen aus der Hand gerissen, je nachdem wessen Version der Geschichte man hörte. Die zweite Wirkung der Hitze war, dass die Kunden deutlich leichter bekleidet in den Laden kamen. Fette, kahlköpfige Männer mit dicht behaarter Brust und dicht behaarten Armen tauchten in Badehose an der Kasse auf. Ich fragte mich, bei welcher Außentemperatur die erste Frau oben ohne hereinkommen würde. Hovenkamp wäre selig.

In meiner Mittagspause saß er in der Lounge neben mir und laberte mich voll mit seinen Erkenntnissen über die wunderbare Welt des Supermarkts. Was man da alles lernen könne über die Menschen, ihre Merkwürdigkeiten und ihr Verhalten! (Als ob ich mich darum scheren würde – zumal die Merkwürdigkeiten eigentlich ziemlich banal ausfielen, wenn es ums Einkaufen ging.) Was für Gestaltungselemente man im Laden einsetzen konnte, um eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen und Kunden anzulocken. Dass die Beschäftigen alle eine große glückliche Familie seien und es ihn sehr freuen würde, wenn ich mich als Teil davon verstünde. Er legte mir die Hand auf den Arm, und ich musste mich sehr beherrschen, um meinen Arm nicht wegzuziehen oder ihm eine zu klatschen. Aber ich brauchte Hovenkamps Wohlwollen, zumindest noch für ein paar Stunden.

Nach der Mittagspause malochte ich weiter an meiner Kasse. Je ernster ich die Arbeit nahm, desto schneller würde mir die Zeit vergehen. Gegen halb vier – kurz vor Schichtende – schaute mich ein junger Mann beim Bezahlen auffallend aufmerksam an. »Kennen wir uns nicht von irgendwoher?«, fragte er.

»Wohl kaum«, sagte ich, ohne aufzublicken.

Er war hartnäckig: »Doch, ich habe mich doch im Night Town mit dir unterhalten, vor ein paar Wochen. Wie heißt du gleich noch, irgendwas mit K?«

Ich schüttelte den Kopf und tippte auf das Namensschildchen, das Anja mir am Morgen gegeben hatte.

»Marjolein? Dann hast du irgendwo da draußen eine Zwillingsschwester«, sagte er und bezahlte.

»Interessant.« Ich gab ihm sein Wechselgeld.

Um kurz vor vier wurde ich langsam nervös, und das aus gutem Grund.

Um punkt vier holte ich einmal tief Luft und schloss meine Kasse.

Als ich meinen Code eingab, tauchte er plötzlich neben mir auf. »Ich komme mit nach oben«, flüsterte er in bedrohlichem Ton.

»Aber –«

»Du tust, was ich sage!«

Er schloss die Tür hinter sich, packte mich am Arm und schob mich die Treppe hinauf. Oben zog er sich eine Balaklava über, holte eine Pistole aus der Tasche und drückte sie mir an die Schläfe. Ich spürte das kalte Metall auf der Haut. Ich senkte den Blick und sah dabei, dass er rote Nike-Schuhe trug. Das war wirklich bescheuert von ihm. Aber mir würde es wahrscheinlich noch nützen.

Er schubste mich mit Schwung in Hovenkamps Büro. Der Chef begriff offenbar nicht sofort, was los war. »Was …?« Er wollte aufstehen und sank dann zurück auf seinen Stuhl.

»Das Geld. Her damit! Sonst erschieße ich erst die Frau und dann dich. Verstanden?«

Es klang ziemlich überzeugend.

Er riss das Telefonkabel aus der Wand, hielt dem Chef die Pistole vors Gesicht und verlangte den Schlüssel zum Safe. Meine Güte, Hovenkamp schwitzte wie ein Schwein. Ich kannte diese Art Mann. Das typische Arschloch. Neue Eigentumswohnung, Opel Corsa und dann Frau und Kinder, die zu Hause brav auf ihn warteten oder den Tag schön am Strand verbrachten.

»Wir können bestimmt –«

»Halt die Fresse, sonst schieße ich dir die Eier weg!«

Er hatte offenbar wirklich Spaß an solchen Ausdrücken und benutzte sie, um den Chef zu verunsichern – um ihn fürchten zu lassen, dass er gleich durchdrehen und um sich ballern würde. Eigentlich schießt man bei solchen Gelegenheiten ja auch einmal in die Decke. Aber besser nicht mit dieser Pistole. Die war nämlich bloß ein Spielzeug.

»Aber«, sagte ich.

»Du auch, du Schlampe.« Er holte mit der Pistole aus, als ob er mich gleich damit schlagen würde.

Ich wich zurück und duckte mich an die Wand, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte hemmungslos. »Nein! Bitte nicht!«

Er ging mit den beiden gefüllten Taschen in den Händen rückwärts aus dem Büro; dann schloss er von außen ab.

Ich hielt den Atem an. Hovenkamp zögerte einen Moment, als ob er befürchtete, der Räuber könnte wiederkommen. Es sah so aus, als wollte er gleich anfangen, an die Tür zu hämmern, aber ich warf mich ihm in den Arm, klammerte mich an ihm fest, legte ihm die Arme um den schweißnassen Rücken, drückte meinen Kopf an seine Schulter.

»Ich habe Angst! Er wird uns erschießen – ich habe solche Angst!« Und so ging es weiter. »Oh, Herr Hovenkamp, bitte halten Sie mich fest, ich habe solche Angst!« Ich überlegte, ob ich mir in die Hose machen sollte; das würde ihn noch eine Weile aufhalten, aber dann war mir die Vorstellung doch zu widerlich. Obwohl ich zu gern Hovenkamps Gesicht dabei gesehen hätte.

»Ganz ruhig«, sagte er und streichelte mir mit seinen fetten Händen zärtlich den Rücken. »Beruhigen Sie sich. Er ist weg. Alles ist gut.«

»Oh, Herr Hovenkamp! Wenn er – wenn er wiederkommt –«

»Der kommt nicht wieder«, sagte er beruhigend, und dann: »Ich heiße übrigens Theo.«

»Theo«, wiederholte ich schniefend.

Nach etwa fünf Minuten, als ich mich wieder beruhigt hatte, fing Hovenkamp an, wie ein Wilder gegen die Tür zu hämmern. Dann fiel ihm sein Computer ein, und er verschickte schnell eine Mail. Bald danach kam Anja nach oben. Sie musste erst den Ersatzschlüssel finden, und bis sie den hatte und uns befreien konnte, war es schon halb fünf.

Hovenkamp rief vom Telefon in der Lounge aus die Polizei an. Anja war überfürsorglich und bot mir Wasser, Kaffee, Cola, Kekse, alles Mögliche an. Ich telefonierte mit Marcel, um ihm zu sagen, dass ich später nach Hause kommen würde. Er antwortete, er hätte schon so eine Ahnung gehabt.

Die Polizei kam erst nach fast einer Viertelstunde an: zwei junge, braun gebrannte Polizeibeamte. Sie befragten mich freundlich und mitfühlend zu dem Überfall. Ich erzählte ihnen, wie der Räuber in dem Moment neben mir aufgetaucht war, als ich gerade meinen Code eingab. Ob ich sein Gesicht gesehen hätte? Nein, er trug eine Balaklava. »Drei kleine Löcher, zwei für die Augen, eins für den Mund.« Ob mir sonst irgendetwas an ihm aufgefallen sei, irgendwelche besonderen Kennzeichen? »Nein, tut mir leid, gar nichts.«

»Und er hat Sie mit einer Pistole bedroht?«

»Ja, und er hat –« Die Erinnerung überwältigte mich. Ich vergrub das Gesicht in den Händen und überließ mich den Tränen.

Hovenkamp legte mir väterlich den Arm um die Schulter. »Hat sie nicht schon genug durchgemacht? Da arbeitet sie erst ein paar Tage hier, und dann passiert ihr so was. Das ist unser erster Überfall überhaupt. Ach, Holland wird von Tag zu Tag unsicherer.«

Mir gefiel diese Darstellung nicht: Ich bin neu im Laden, und auf einmal wird er überfallen. Hoffentlich würden die Bullen aus dem Zusammentreffen keine Schlüsse ziehen.

»Es ist ja vorbei«, sagte einer der Beamten.

»Aber wenn er …« Ich beendete den Satz mit noch mehr Tränen.

So verging eine halbe Stunde, dann durfte ich gehen. Der Laden war geschlossen. Anja und Rachida machten große Augen und bemitleideten mich: »Und es war doch erst dein zweiter Tag!«

Die Polizisten nahmen mich im Auto mit. Ich hoffte ein bisschen, dass Marcel mich aus dem Polizeiauto steigen sähe, aber er saß mit einem Bier am Küchentisch. Ich beschloss, nichts von seinen Turnschuhen zu sagen.

Er umarmte mich.

»Wo?«, fragte ich.

»Wie du gesagt hast. Im Tiefkühlfach.«

Er hatte keine Ahnung, wie sie das angestellt hatte. Vielleicht war auch alles nur Zufall. Auf jeden Fall war sie mit fast dem gesamten Geld abgehauen. Aber sie würden sie schon noch kriegen.

Er lief in seiner Zelle auf und ab und starrte wütend auf seine Füße, die jetzt in alten weißen Gefängnisturnschuhen steckten. Die verdammten roten Nike-Schuhe. Die hatten ihn verraten. Es war dumm gewesen, sie anzuziehen. Und sie hatte kein Wort davon gesagt.

Klar hätte er alles abstreiten können. Aber eine Balaklava? Im August? Wie sollte er das plausibel erklären? Noch so ein blöder Fehler. Er hätte das Ding gleich wegschmeißen müssen.

Durch das vergitterte Fenster ganz oben konnte er die Sonne erahnen. Er sah sich noch, wie er sich im Garten seiner Eltern in der Sonne räkelte, im Liegestuhl, mit einem Bier neben sich auf dem Tisch.

Verdammt, wann würde er je in diese Welt zurückdürfen?

Die Sonne in Spanien war viel schöner als die Sonne in Holland. Ich streckte mich genüsslich und schaute über den Tisch zu Ivo. Wir saßen bei Alfonso auf der Terrasse. Ich war vor drei Tagen hergekommen, und am Vortag hatte ich Ivo in der Disco getroffen. Sein Vater schwamm im Geld, ein stinkreicher Holländer, der hier sein Luxusleben führte.

Ivo lehnte sich zu mir herüber. »Gehen wir nachher noch aus?«

»Vielleicht.«

Er lächelte. Vorige Nacht hatte er mich schon mit nach oben nehmen wollen, aber ich hatte auf nette Art abgelehnt. »Ich habe nicht viele Grundsätze«, sagte ich, »aber an eine Regel halte ich mich wirklich immer: Ich gehe niemals mit einem Mann gleich am ersten Abend ins Bett.«

»Und am zweiten Abend?«

»Das hängt davon ab.«

»Von was?«

»Du wirst schon sehen.«

Ich schlürfte mein Perrier. Ivos Blick traf meinen, und wir lachten. Ich hatte ihn, das spürte ich.

Am Abend musste er bis zehn Uhr arbeiten. Als er Feierabend hatte, trafen wir uns wieder auf Alfonsos Terrasse. Er bestellte Cola Rum. Ich trank ein schönes Glas Weißwein. Ich ließ ihn eine Weile im Ungewissen, aber wir landeten am Ende doch bei ihm zu Hause. Vorher schauten wir bei mir im Hotel vorbei.

»Gar nicht schlecht«, sagte Ivo, als er sich in meiner Suite umsah.

»Ich kann es mir eben leisten.«

Später lag ich in seinen Armen – der Sex war unspektakulär gewesen, aber man kann halt nicht alles haben –, und wir unterhielten uns noch. Manche Männer schlafen ja gleich ein, andere wollen gern reden, hatte ich festgestellt. Marcel zum Beispiel. Der kaute einem ein Ohr ab. Und ich hatte bloß dagelegen und zugehört, den Kopf an seiner Schulter und die Hand auf seinem Bauch.

Ich ließ Ivo also angeben: seine Arbeit, seine Ziele, seine hochfliegenden Pläne. Dann erzählte ich ihm aus meinem Leben, und ich konnte nicht anders, als meinerseits auch ein bisschen anzugeben. Und als ich einmal damit angefangen hatte, konnte ich ihm genauso gut die ganze Geschichte erzählen, dachte ich mir. Außerdem konnte ich in Ivos Augen sehen, wie fasziniert er davon war. Ich wollte ihn beeindrucken, und das war gar nicht mal besonders schwierig. Und jetzt würde er mir unbedingt vertrauen.

»Ich hatte alles mit ihm – Marcel hieß er – geplant. Er ging mit mir nach oben. Ganz einfach. Nein, das war keine echte Pistole, das war bloß eine Spielzeugpistole, aber das wusste der Chef ja nicht.«

Was Ivo nicht ahnte: Ich hatte die Pistole dabei. Sie lag in meinem Koffer im Hotel. Man lässt seinen Goldesel schließlich nicht zurück, wenn es nicht sein muss. Die Polizei hatte auch so genug Beweise. Und Marcel würde im Verhör bestimmt schnell zusammenbrechen.

»Sie haben ihn gekriegt?«

»Mit ein bisschen Unterstützung meinerseits, ja. Der Blödmann hatte rote Turnschuhe an. Und dann habe ich auf dem Weg zum Flughafen anonym bei der Polizei angerufen: Ich hätte diesen verdächtig aussehenden Mann in roten Schuhen da und da rauskommen sehen. Ich wolle in die Sache nicht reingezogen werden, sagte ich, aber es sei meine Bürgerpflicht, bei ihnen anzurufen. Fünf Minuten später standen sie bei ihm vor der Tür und holten ihn zum Verhör ab. Um das ganze schöne Geld wäre es schade gewesen, also habe ich den größten Teil davon mitgenommen. Kannst du dir vorstellen, wie komisch sich gefrorenes Geld anfühlt?«

Ich rollte mich auf die andere Seite und gab Ivo einen leidenschaftlichen Kuss. Sein zufriedener Seufzer hatte beinahe etwas Tierisches.

»Ich habe Marcel ein bisschen was dagelassen. Keine Ahnung, ob er es je ausgeben kann.«

Ivo setzte sich auf. »Willst du noch was trinken, Aletta?«

»Weißwein«, sagte ich.

Er stand auf und ging in die Küche. Er spielte den starken Mann, aber ich sah schon an seiner Art zu gehen, dass ich mit ihm genauso leichtes Spiel haben würde wie mit Marcel.

Ja, der würde es eine Zeit lang tun.

Und ich hatte zur Abwechslung mal einen Helfer mit eigenem Geld. Wie schön!

JO NESBØ

Serum

Irgendwo kreischte ein Vogel. Es klang rau und hässlich. Oder vielleicht war das gar kein Vogel, vielleicht war es irgendein anderes Viech. Ken hatte keine Ahnung. Er hielt das Glasröhrchen gegen das gleißende Sonnenlicht, drückte die Nadel durch das Plastiksiegel und zog den Kolben nach oben, sodass die gelbliche Flüssigkeit in die Spritze floss. Ein Tropfen Schweiß rann zwischen seinen dichten Augenbrauen hindurch, und er fluchte leise, als er das Salz in seinen Augen brennen spürte.

Das Summen der Insekten war schon die ganze Zeit ohrenbetäubend gewesen, aber nun wurde es noch lauter. Er sah zu seinem Vater hinüber, der an einen grauen Baumstamm gelehnt saß und dessen Haut eins mit der Rinde zu sein schien. Lichtreflexe spielten auf seinem Gesicht und seinem Khakihemd, als säße er unter der Discokugel in einem von Kens Lieblingsclubs in London. Er saß aber an einem Fluss im Osten Botswanas und schaute in die Baumkrone, und das Sonnenlicht schien durch die bebenden Blätter eines Baumes, von dem Ken Abott nicht wusste, dass er sich Acacia xanthophloea nannte, Fieber-Akazie. Ken Abott wusste überhaupt nicht viel über diese glühend heiße grüne albtraumhafte Welt um ihn herum. Er wusste nur, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, um das Leben des Menschen zu retten, den er auf der Welt am meisten schätzte.

Stan Abott hatte nie große Pläne für seinen Sohn gemacht. Er hatte viel zu viele tragische Beispiele dafür gesehen, was der Druck elterlicher Erwartungen aus Kindern der Oberschicht machen konnte. Er musste gar nicht lange nach solchen Fällen suchen. Nicht einmal bis zu seinen Freunden aus dem Internat musste er zurückgehen, zu denen, die nicht so erfolgreich gewesen waren, wie sie es hätten sein sollen. Die eine Flasche nach der anderen geleert hatten, um sich genug Mut anzutrinken, aus ihren Penthouse-Wohnungen in Kensington oder Hampstead aus dem fünften Stockwerk zu springen, auf das Pflaster, das dort genauso hart war wie in Brixton oder Tottenham. Er musste noch nicht einmal seinen Neffen Archie als Beispiel heranziehen, den er zuletzt in einem Hotelzimmer in Amsterdam gesehen hatte, zwischen blutbespritzten Laken und Einwegspritzen. Archie machte bereits den Eindruck eines Todgeweihten. Er weigerte sich, nach Hause zu kommen, und zielte mit einem Revolver nachlässig in Stans Richtung, aber auf eine Art und Weise, dass Stan klarwurde, dass es Archie vollkommen gleichgültig war, auf wen der Revolver gerichtet sein würde, wenn er abdrückte.

Nein, Stan brauchte überhaupt nicht lange nach Beispielen zu suchen. Er musste nur in den Spiegel schauen.

Fast dreißig Jahre lang war er ein unglücklicher Verleger gewesen, der Bücher veröffentlicht hatte, die von Idioten geschrieben waren, von Idioten handelten und von Idioten gekauft wurden. Und es gab offensichtlich eine Menge Idioten auf der Welt, denn Stanley hatte sein vorher schon beachtliches ererbtes Vermögen in diesen dreißig Jahren verdreifacht. Seine Frau Emma hatte sich darüber weitaus mehr gefreut als er selbst. Er erinnerte sich noch gut an den warmen Sommertag in Cornwall, als sie sich das Jawort gegeben hatten, aber er wusste überhaupt nicht mehr, warum. Vielleicht war sie einfach im richtigen Moment am richtigen Ort gewesen, und natürlich kam sie aus der richtigen Familie. Nach gar nicht langer Zeit hatte er ernsthaft darüber nachgedacht, was ihn eigentlich am wenigsten interessierte: das Geld, die Bücher oder seine Frau. Er hatte von Scheidung gesprochen, mit dem Erfolg, dass sie drei Wochen später freudestrahlend verkündet hatte, dass sie schwanger war. Stans tiefempfundenes Glücksgefühl über diese Nachricht hielt die nächsten zehn Tage lang an. Als er dann im Warteraum des St Mary’s Hospital saß, war er wieder genauso unglücklich wie vorher. Das Kind war ein Junge. Sie nannten ihn Ken, nach Stans Vater, übergaben ihn einem Kindermädchen, schickten ihn auf Internate, und eines Tages stand er auf einmal im Büro seines Vaters und wollte ein Auto haben.

Stan hatte überrascht aufgeschaut und sich den jungen Mann, der da vor ihm stand, genau angesehen. Das Pferdegesicht und die schmalen Lippen hatte Ken von der Mutter, aber der Rest kam offensichtlich vom Vater. Die lange, schmale Nase bildete mit den dichten Augenbrauen darüber ein »T« mitten im Gesicht, umgeben von zwei gelangweilten blauen Augen. Seine Eltern waren immer davon ausgegangen, dass sein blondes Haar aus der Kindheit irgendwann zum Straßenköterblond seiner Mutter nachdunkeln würde, aber das war nie passiert. Ken hatte bereits den skurrilen und selbstironischen Sinn für Humor entwickelt, der die Briten so charmant erscheinen lässt, und man konnte in seinen Augen sehen, dass ihn die Verwirrung seines Vaters gerade sehr amüsierte.

Stan dachte sich, dass er gar nicht dazu gekommen wäre, irgendwelche ehrgeizigen Pläne für seinen Sohn zu entwickeln, wenn er das denn vorgehabt hätte. Wie hatte sein Sohn nur erwachsen werden können, ohne dass er je etwas davon mitbekommnen hatte? War er zu sehr damit beschäftigt gewesen, unglücklich zu sein und sich so zu verhalten, wie er meinte, dass seine Umgebung es von ihm erwartete? Und wieso hatte es nicht zu diesen Erwartungen gehört, dass er seinem einzigen Sohn ein guter Vater war? Das schmerzte ihn. Oder vielleicht auch nicht. Er dachte kurz nach. Doch, stellte er fest, es tat ihm tatsächlich ziemlich weh. Er zuckte hilflos mit den Schultern.

Es ist schwer zu sagen, ob Ken mit dem schlechten Gewissen seines Vaters gerechnet hatte. Das Auto hatte er jedenfalls bekommen.

Als Ken zwanzig wurde, besaß er das Auto schon nicht mehr. Er hatte es bei einer Wette verloren. Er hatte mit einem Kommilitonen gewettet, dass er aus einer der langweiligen Oxforder Kneipen am schnellsten zurück zum Campus fahren könnte. Man muss dazusagen, dass Kirk einen Jaguar fuhr. Aber Ken war eben überzeugt gewesen, eine Chance zu haben.

Im nächsten Jahr hatte er sein gesamtes Jahresstipendium aus dem Fonds, den sein Vater für seine Ausbildung gebildet hatte, an einem einzigen Abend verloren. Er hatte betrunken gegen den Erben des Roland-Vermögens Karten gespielt. Ken hatte drei Buben auf der Hand gehabt und war überzeugt gewesen, eine Chance zu haben.

Mit vierundzwanzig hatte er wundersamerweise die Dokumente bekommen, die ihm bescheinigten, dass er sich in englischer Literatur und Geschichte auskannte. Dann hatte er ohne Schwierigkeiten eine Stelle als Trainee in einer englischen Bank gefunden. Die Bank war eine dieser altehrwürdigen Institutionen, deren Leitung einen Mann aus Oxford, der seinen Keats und seinen Wilde kannte, zu schätzen wusste. Die Fähigkeit, Geschäftsbücher zu lesen oder die Kreditwürdigkeit eines Kunden einzuschätzen, sei jemandem aus Kens Familie ohnehin in die Wiege gelegt, nahm man an, oder er würde es eben noch lernen.

Ken landete an der Börse, und er machte zweifellos gute Arbeit. Er rief jeden Tag die wichtigen Anleger an, um sie über die Entwicklungen des Marktes auf dem Laufenden zu halten. Er ging mit den noch wichtigeren Anlegern essen und in Striplokale. Und mit den allerwichtigsten Anlegern fuhr er auf den Landsitz seines Vaters, wo er sie sehr betrunken machte und manchmal mit ihren Frauen schlief, wenn sich die Gelegenheit bot.