Deceptive City (Band 3): Befreit - Stefanie Scheurich - E-Book

Deceptive City (Band 3): Befreit E-Book

Stefanie Scheurich

0,0

Beschreibung

Wenn ein Konstrukt aus Lügen in sich zusammenfällt und auf den Boden der grausamen Realität trifft, begräbt es auch das Letzte, was man noch besessen hat: die Hoffnung. Während Thya nun selbst am Sinn ihres Daseins zweifelt, versucht Mitchell mit letzter Kraft zu kämpfen. Für sich, für seine Freunde … doch die Gegenwehr scheint aussichtslos. Ist er doch dem einzigen Menschen, der ihn eigentlich beschützen sollte, und dessen Intrigen hilflos ausgeliefert. Was bleibt von einem perfekten Leben, wenn das Licht erlischt, das es hell hat erstrahlen lassen? Und wie stark muss ein Mensch sein, um trotz allem durch die entstandene Dunkelheit zu tappen und nach einem Ausweg zu suchen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 478

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Thomas

Kapitel 2 - Mitchell

Kapitel 3 - Aus dem Archiv der Opfernden

Kapitel 4 - Mitchell

Kapitel 5 - Thomas

Kapitel 6 - Mitchell

Kapitel 7 - Aus dem Archiv der Opfernden

Kapitel 8 - Mitchell

Kapitel 9 - Thomas

Kapitel 10 - Sanni

Kapitel 11 - Thya

Kapitel 12 - Thomas

Kapitel 13 - Sanni

Kapitel 14 - Mitchell

Kapitel 15 - Thomas

Kapitel 16 - Thya

Kapitel 17 - Sanni

Kapitel 18 - Mitchell

Kapitel 19 - Thomas

Kapitel 20 - Sanni

Kapitel 21 - Mitchell

Kapitel 22 - Thomas

Kapitel 23 - Thya

Kapitel 24 - Sanni

Kapitel 25 - Thya

Kapitel 26 - Thomas

Kapitel 27 - Thya

Kapitel 28 - Thomas

Kapitel 29 - Sanni

Kapitel 30 - Thomas

Kapitel 31 - Sanni

Kapitel 32 - Thomas

Kapitel 33 - Mitchell

Kapitel 34 - Thya

Kapitel 35 - Thomas

Kapitel 36 - Mitchell

Kapitel 37 - Thya

Kapitel 38 - Thomas

Kapitel 39 - Sanni

Kapitel 40 - Thomas

Kapitel 41 - Mitchell

Kapitel 42 - Aus dem Archiv der Opfernden

Kapitel 43 - Thya

Kapitel 44 - Sanni

Kapitel 45 - Mitchell

Kapitel 46 - Thya

Kapitel 47 - Sanni

Kapitel 48 - Thomas

Kapitel 49 - Thomas

Kapitel 50 - Sanni

Kapitel 51 - Mitchell

Kapitel 52 - Aus dem Archiv der Opfernden

Kapitel 53 - Thomas

Kapitel 54 - Thya

Kapitel 55 - Thomas

Kapitel 56 - Sanni

Kapitel 57 - Mitchell

Kapitel 58 - Thya

Kapitel 59 - Mitchell

Kapitel 60 - Sanni

Kapitel 61 - Thya

Kapitel 62 - Thomas

Kapitel 63 - Mitchell

Kapitel 64 - Thya

Kapitel 65 - Thomas

Kapitel 66 - Sanni

Kapitel 67 - Mitchell

Kapitel 68 - Thya

Kapitel 69 - Mitchell

Kapitel 70 - Sanni

Kapitel 71 - Thomas

Kapitel 72 - Mitchell

Kapitel 73 - Sanni

Kapitel 74 - Thya

Kapitel 75 - Sanni

Kapitel 76 - Mitchell

Kapitel 77 - Sanni

Kapitel 78 - Mitchell

Kapitel 79 - Sanni

Kapitel 80 - Thya

Kapitel 81 - Mitchell

Kapitel 82 - Sanni

Kapitel 83 - Mitchell

Kapitel 84 - Thya

Kapitel 85 - Sanni

Kapitel 86 - Thomas

Kapitel 87 - Mitchell

Kapitel 88 - Sanni

Kapitel 89 - Mitchell

Kapitel 90 - Aus dem Archiv der Opfernden

Kapitel 91 - Thomas

Kapitel 92 - Thya

Kapitel 93 - Sanni

Kapitel 94 - Mitchell

Dank

 

Stefanie Scheurich

 

 

Deceptive City

Band 3: Befreit

 

 

Fantasy

 

Deceptive City (Band 3): Befreit

Wenn ein Konstrukt aus Lügen in sich zusammenfällt und auf den Boden der grausamen Realität trifft, begräbt es auch das Letzte, was man noch besessen hat: die Hoffnung.

Während Thya nun selbst am Sinn ihres Daseins zweifelt, versucht Mitchell mit letzter Kraft zu kämpfen. Für sich, für seine Freunde … doch die Gegenwehr scheint aussichtslos. Ist er doch dem einzigen Menschen, der ihn eigentlich beschützen sollte, und dessen Intrigen hilflos ausgeliefert.

Was bleibt von einem perfekten Leben, wenn das Licht erlischt, das es hell hat erstrahlen lassen? Und wie stark muss ein Mensch sein, um trotz allem durch die entstandene Dunkelheit zu tappen und nach einem Ausweg zu suchen?

 

 

Die Autorin

Stefanie Scheurich wurde 1997 in Esslingen am Neckar geboren. Durch Reihen wie ›Harry Potter‹ und ›Gregor‹ entdeckte sie ihre Leidenschaft für Bücher und schon bald mussten eigene Geschichten auf Papier gebannt werden. Erst nach dem Abitur begann sie allerdings, sich aktiv dem Schreiben von Romanen zu widmen, und veröffentlichte 2016 ihre ersten Geschichten.

Sie lebt zusammen mit ihrer Familie in einem kleinen Stadtteil von Esslingen, besucht regelmäßig den Ballettunterricht und widmet sich nebenbei ihrem Studium.

 

 

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, April 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Sarah Buhr | Covermanufaktur & Stefanie Scheurich

Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

Titelillustrationen: Eky Chan | fotolia.de

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-123-9

ISBN (epub): 978-3-03896-124-6

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Wenn man dem Zufall nur genügend Gelegenheiten bietet,

wird er irgendwann eine davon nutzen.

Kapitel 1 - Thomas

 

Vor 21 Jahren

 

Ich wage, ein wenig daran zu zweifeln, ob Sie sich Ihrer Stellung und der Verantwortung, die Ihnen obliegt, in ihrem gesamten Ausmaß bewusst sind.« Nach oben gekrümmte Mundwinkel, ein angedeutetes Lächeln.

Ich starre die weiß manikürten Nägel der Dame an, die hinter dem breiten Glastisch sitzt und ihre ineinander verschlungenen Finger vor sich abgelegt hat.

Ihr Tonfall ist freundlich. »Sind meine Zweifel gerechtfertigt?«

Mein Kopfschütteln ist mechanisch. Ich reagiere, wie es von mir erwartet wird, und bekunde nicht, was ich wirklich denke. Dass die Unsicherheit an mir nagt. Tag und Nacht. Dass ich mich frage, ob ich meiner Aufgabe in dieser Gesellschaft gewachsen, ob ich wirklich bereit bin, das Opfer zu bringen, das von mir verlangt wird. Obwohl es kein Zurück, keine Alternative für mein Leben gibt. Es hat sie nie gegeben. Da ist nur dieser eine Weg. Ein anderer existiert nicht.

»Dann will sich mir nicht erschließen, ob Sie aus Dummheit oder absichtlicher Ignoranz die Regeln missachten«, fährt die Dame ungerührt fort und streicht sich in einer eleganten Bewegung das spiegelglatte Haar hinter ein Ohr. »Können Sie in dieser Angelegenheit Licht ins Dunkel bringen?« Sie sieht mich auffordernd an. Ihr Blick ist keinesfalls feindselig oder gar provozierend. In gewisser Weise wäre es mir allerdings lieber, die Menschen in meinem Leben würden öfter ihre wahren Gefühle zeigen und sie nicht hinter einer Maske seriöser Professionalität verstecken, denn dann müsste ich selbst nicht so tun, als wäre ich nur eine Maschine, die ihren Zweck erfüllt.

Bevor ich spreche, muss ich ein nervöses Räuspern hinunterschlucken. »Bei allem nötigen Respekt, Madam, ich verstehe nicht, was ich mir vorzuwerfen habe.« Die Worte gehen mir flüssig über die Lippen. Innerlich recke ich die Faust in die Luft und beglückwünsche mich zu diesem Erfolg. Unsere intensive Ausbildung geht eben an niemandem spurlos vorüber. Nicht einmal an mir.

Die zarte Augenbraue der Dame zuckt nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch dieser Moment ehrlicher Verwunderung entgeht mir nicht. Am Ende des Tages kann niemand leugnen, dass er doch nur ein Mensch ist. Und es ist auch egal, wie oft man diese Tatsache verdrängt, sie wird deshalb nicht weniger wahr.

»Möchten Sie die nächsten Sekunden nutzen, um sich an Ihren Regelbruch zu erinnern, oder bleiben Sie bei der Behauptung, sich keines Fehltritts bewusst zu sein?« Ihre Stimme klingt sachlich und beherrscht. Für jemanden, der uns nur aus der Ferne betrachtet, würde diese Unterhaltung sicher einem banalen Geplänkel unter Bekannten gleichen. Distanziert, aber höflich.

»Für die Bedenkzeit bedanke ich mich, doch ich sehe keine Veranlassung, sie zu nutzen. Ich habe mir nichts vorzuwerfen«, erwidere ich, ohne zu zögern.

Nun steht ihr Wort gegen meines.

Die Frau hat keine Befehlsgewalt über mich. Das hat niemand. Theoretisch befinden wir uns beide auf derselben Stufe des Systems, deshalb kann sie mich für mein Verhalten oder etwaige Verstöße weder einsperren noch aussortieren lassen. Allerdings ist es ihr erlaubt, einen Misstrauensantrag gegen mich einzureichen, wenn sie meint, einen Grund dafür zu haben.

Doch das ist noch nie geschehen, soweit ich weiß. Abgesehen davon würde es ihrer Generation wohl missfallen, wenn die Gefahr bestünde, einen aus der neuen zu verlieren. Und solange die Treffen mit Nicci keine Auswirkungen auf das Gerüst dieser Gesellschaft haben, wieso sollte ich dann auf sie verzichten?

Niemand kommt deshalb zu schaden. Erst recht nicht die Frau hinter diesem Schreibtisch, deren Leben ohnehin in wenigen Jahren beendet ist. Vor der Gen-Revolution hätte man ihr das Alter von über einhundert Jahren deutlich angesehen. Uns wurde Bildmaterial von biologisch alternden Menschen gezeigt. Außerdem habe ich sehr bald jederzeit Zugriff auf das Überwachungssystem der Bezirke, auf Niccis Heimat, in der die Menschen ebenfalls noch der Zeit zum Opfer fallen.

Mit dem Klackern ihrer Fingernägel auf dem Glas holt mich die Frau in die Gegenwart zurück. Für einen ungeübten Beobachter würde ihr Blick einem emotionslosen Gemälde gleichen. Doch ich nehme die minimalen Anzeichen von Wut deutlich wahr. Dass sie seit mehreren Sekunden nicht geblinzelt, dass sie ihr Kinn einen Hauch nach vorn geschoben hat und ihr Atem unregelmäßiger geworden ist.

Wir wissen beide, ein Mensch kann das ›Menschsein‹ niemals vollständig ablegen. Das haben wir bereits als Kinder gelernt. Und da das nun mal der Fall ist, muss man manche Situationen anders handhaben als geplant, indem man entweder überzogen reagiert oder seine Strategie ändert. Zusätzlich kann man aktiv auf eine andere Person eingehen.

Ich entscheide mich spontan, sie aus der Fassung zu bringen, indem ich die kurze Lebenszeit in den Vordergrund rücke, die ihr noch bleibt. Auch wenn viele nach über hundert Jahren Existenz froh über ihr Ableben sind, gibt es dennoch eine Handvoll, die sich dieser Verantwortung lieber entziehen würden. Im Moment spekuliere ich darauf, ein Mitglied dieser kleinen Gruppe vor mir zu haben.

»Ich verstehe Ihre Sorge. Es ist äußerst lobenswert, dass Sie die Ihnen verbleibende Zeit nutzen, um die Fähigkeit der Nachfolger Ihrer Generation zu überprüfen, indem Sie sie infrage stellen. Doch ich versichere Ihnen, dass ich meine Verantwortung ernst nehme und nur auf den Erhalt des Friedens bedacht bin.«

Ebenso wie ich bei ihr die Wut gesehen habe, wird sie meine Zweifel bemerken, doch das ist egal. Denn allein meine winzige Bemerkung wird sie dazu bringen, unvorsichtig zu werden. Und sobald sie merkt, wie ihr die Kontrolle entgleitet, wird sie mich wegschicken. Eine Blöße würde sich keiner von uns geben.

Ihr linker Mundwinkel bewegt sich. »Gut, das ist schön zu hören. Sie können gehen.«

Sobald ich mich bedankt und ihr den Rücken zugewandt habe, lasse ich meiner Freude freien Lauf und steuere lächelnd den Ausgang an.

Kapitel 2 - Mitchell

 

Ich frage mich, ob ein Mensch das Recht haben sollte, über seinesgleichen zu urteilen. Zu entscheiden, wer gut und wer böse ist. Wer es verdient hat, beschützt zu werden, und wer seinen Lebensumständen schutzlos ausgeliefert sein soll.

Ich frage mich, ob ein einziger Mensch die Fähigkeit besitzen kann, sich selbst Absolution zu erteilen. Ob er sich einzureden vermag, seine Taten seien einzig und allein aus Zwang entstanden, dass er nach einer schlichten Ideologie handelt, die seine Entscheidungen rechtfertigt. Wenn ihm das gelingt, kann dieser Mensch dann überhaupt noch menschlich sein?

Ich glaube nicht an eine höhere Macht, die am Ende für Gerechtigkeit sorgt und unserem Leben einen Sinn gibt. Aber ich glaube an Trost und Vergebung. Ich glaube daran, dass wir für bestimmte, manchmal zu kurze Momente leben, die uns für alles Schlechte und Schmerzhafte entschädigen. Ich glaube an Liebe und an Freundschaft. Daran, dass es möglich ist, Glück überall zu finden.

Und ich bin der Meinung, dass niemand anderes beurteilen kann, was das Beste für mich ist. Erst recht nicht ein Vater, den ich nie gekannt habe.

Im Geiste sehe ich die Dokumente in dem abgeriegelten Raum der EfiA vor mir. Die Buchstaben brennen in meiner Erinnerung nach wie ein Lichtfleck auf der Netzhaut, nachdem man zu lange in die Sonne gestarrt hat. Ich verstehe, was ich eben erst dort gelesen habe, und doch auch wieder nicht.

»Du bist so still.«

Weil es nichts mehr gibt, was ich noch sagen könnte. Es ist bereits mehr als genug geredet worden.

»Sollen wir das Treffen verschieben, damit du zuvor deine Gedanken ordnen kannst?«, fragt Thomas.

Als ich aus meiner Versunkenheit auftauche, stelle ich fest, dass wir uns nicht mehr bewegen. Das Auto hat am Straßenrand gehalten und mein biologischer Vater blickt mich besorgt von der Seite an. »Deine Mutter wird auch noch einen Tag länger warten können.«

Auf keinen Fall. Abgemacht war, dass ich sie heute sehen werde. Jetzt. Und ich weiß auch, dass sie nicht warten kann. Ebenso wenig wie ich.

Mein Kopfschütteln lässt keinen Raum für Diskussionen. »Nein. Ich muss sie jetzt sehen.«

Vielleicht verschwindet dann auch dieses Gefühl in mir. Diese Stumpfheit, in der sich mein Geist zu befinden scheint, weil er mit all den Wahrheiten und Nicht-Wahrheiten, die ich in der letzten Stunde erfahren habe, nicht umgehen kann. Ich dachte immer, Wissen befreit. Jetzt kapiere ich jedoch, dass es eher belastet.

Seufzend befiehlt Thomas dem Wagen, weiterzufahren.

Wir haben uns von seiner Einrichtung entfernt. So weit, dass ich sie schon nicht mehr sehe, wenn ich einen Blick aus dem Fenster werfe. Wir fahren ein paar Querstraßen parallel zur Mauer entlang.

»Mitchell.«

Ich reagiere nicht, sondern denke nur an das bevorstehende Treffen mit Mum.

»Der Tag ist noch nicht vorbei.«

Das mag sein. »Machen Sie sich Sorgen?«, frage ich in Richtung Scheibe. Sorgen, dass ich ihm nicht glaube und unsere Abmachung somit hinfällig ist. Was trotz der Asse, die er aus dem Ärmel geschüttelt hat, durchaus vorstellbar ist.

»Tatsächlich weiß ich seit sehr langer Zeit das erste Mal nicht, was ich denken soll. Du hast nicht sehr viel geredet. Kaum Fragen gestellt …«, bemerkt er.

Mit dem Fingernagel kratze ich über den Lederbezug meines Sitzes.

»Darf ich dir eine stellen?«, fährt er fort.

Ich schnaube verächtlich. »Das hier ist Ihre Stadt. Wer könnte Sie davon abhalten, zu tun, was Sie wollen?«

Nur zu gern würde ich ihn vorwurfsvoll anfunkeln, aber ich schaffe es nicht, denn ich will ihn nicht ansehen müssen. Ich will nicht unterbewusst nach Ähnlichkeiten zwischen uns suchen. Und ich will mir auch nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, meine Zweifel endgültig zu verlieren. Sie sind alles, was ich im Moment noch habe.

»Diese Stadt gehört niemandem, Mitchell. Sie gehört sich selbst.«

Ich hasse seine Ausdrucksweise.

Thomas räuspert sich auffordernd, doch ich ignoriere es. Anschließend versucht er mit dem Schnalzen seiner Zunge und einem unüberhörbaren Husten meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch diese Bemühungen lassen mich kalt.

»Na schön«, kapituliert er endlich. »Auch wenn du dich weigerst, mich anzusehen, werde ich dich dennoch fragen.«

Stille. Lediglich durchbrochen von dem leisen Surren des Autos. Von draußen dringen keine Geräusche zu uns herein. Weder das Zwitschern der Vögel, die von einem Baum auf den anderen springen, noch die Stimmen der Passanten und Kinder, die ab und zu an meinem Fenster vorüberfliegen.

Als Thomas weiterhin schweigt, wird mir klar, dass das ein Trick ist. Darauf werde ich sicher nicht hereinfallen. Es ist schwer, nicht nachzuhaken, was zum Teufel er fragen möchte, aber nicht unmöglich. Meine Lippen sind versiegelt. Es bleibt ruhig im Auto, bis wir unser Ziel erreichen.

 

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Mum auf der anderen Seite dieser Tür wartet. Noch schwerer kann ich mir allerdings vorstellen, wie zum Teufel sie hergekommen ist.

Wir befinden uns irgendwo innerhalb der Mauer. Das letzte Mal, als ich mich hier aufgehalten habe, war Snobby bei mir. Jetzt, da ich weiß, dass wir Thyas Rettungsaktion nur wegen Thomas unbeschadet überstanden haben, fühle ich mich noch unbehaglicher.

Misstrauisch sehe ich mich um. »Warum treffen wir uns hier mit ihr? Ist das Ihr Werk?«

Thomas entgeht meine Nervosität keinesfalls. Er rückt seine Krawatte zurecht, die natürlich akkurat sitzt, und bedenkt mich mit einem nachsichtigen Blick. »Mitchell, du kannst dir denken, dass wir uns am Rande der Legalität bewegen. Ich bin für dich verantwortlich, das ist mir bewusst, aber ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meiner Aufgabe.«

Ja! Eine Aufgabe, die daraus besteht, dafür zu sorgen, dass die Menschen dort draußen auch weiterhin draußen bleiben und hier drinnen keiner etwas von ihnen mitkriegt. Sehr lobenswert.

»Dass das keine richtige Antwort auf meine Frage ist, wissen Sie aber, oder?«

Daraufhin tut Thomas etwas, das hier und in Anbetracht der Umstände völlig fehl am Platz ist. Er lächelt. »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Mitchell. Ich kann wirklich stolz sein.«

Weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Abscheu, spucke ich auf den Boden. Ein Verhalten, das nicht zu mir passt, aber sehr wohl ausdrückt, was ich auf seine Meinung gebe. »Sparen Sie sich Ihr Gesülze für die, die sich die Scheiße anhören möchten. Ich will jetzt meine Mutter sehen.«

»Eine letzte Sache noch.« Mit diesen Worten hält er mich davon ab, gegen die in die Metallwand eingelassene Tür zu springen.

Durch das orangene Glimmen der Wände werfe ich einen Blick zurück zu dem Fahrstuhl, der uns hierhergebracht hat.

Ob ich es von hier aus schaffe, Snobby zu finden?

Die Ungeduld kribbelt unter meiner Haut. »Was?«, blaffe ich und fahre mir mit zitternden Fingern durch die Haare.

Irgendwie habe ich das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein.

»Deiner Mutter geht es gut, auch wenn du womöglich gleich einen anderen Eindruck bekommst«, rückt Thomas endlich mit der Sprache heraus.

Meine Stimme schneidet wie ein Messer durch die Luft. »Was?«

»Es ist alles in Ordnung.«

»Was soll das heißen?«

Statt zu antworten, schiebt er seine Hand an mir vorbei, um irgendetwas zu berühren, und dann gleitet plötzlich ein Teil der Wand zur Seite.

Ich brauche eine Sekunde, um den Kopf herumzudrehen und einen Blick auf das zu werfen, was hinter dieser Tür liegt.

Meine Sicht verschwimmt, ehe ich Thomas aus dem Weg stoße. »Mum!«

Kapitel 3 - Aus dem Archiv der Opfernden

 

‒ geschlossene Abteilung der EfiA ‒

 

[…]

Man ist sich einig über die Ungerechtigkeit des Zufalls. Ebenso ist man sich einig über die Grausamkeit des Schicksals – sein Vorhandensein vorausgesetzt –, wobei niemand sicher weiß oder berechtigt anzweifeln kann, inwiefern beides ein und dasselbe ist. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, die Gerechtigkeit auf einer philosophischen Ebene zu erörtern, sondern ihr lediglich eine vereinfachte Existenz zu ermöglichen. Auf diese Weise werden wir Frieden, Glück und Zufriedenheit in einem Maße und mit einer Genauigkeit bestimmen können, wie es der Menschheit nie zuvor gelungen ist.

[…]

 

Kapitel 4 - Mitchell

 

»Mum!«

Mindestens eine Ewigkeit. So lange, kommt es mir vor, habe ich sie nicht mehr gesehen. Dabei waren es lediglich zwei Tage. Oder …?

Ich bekomme Panik, als ich meine Mutter an mich ziehe. Kann ich überhaupt sicher sein, dass ich nur einen Tag in der dunklen Zelle verbracht habe? Was, wenn ich dort viel länger gewesen bin, als mir bewusst ist?

Dass meine Mutter nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, weckt in mir die schlimmsten Befürchtungen. Ihre Umarmung ist fest und voller Verzweiflung, doch lange nicht so stark, wie ich es von ihr gewohnt bin. Ich spüre jede einzelne ihrer Rippen.

»Mum«, sage ich atemlos und in diesem einen Wort liegen alle Fragen, die zu stellen ich aktuell nicht imstande bin.

Geht es dir gut? Was ist passiert? Wie kommst du hierher?

Wir befinden uns in einem kleinen Raum in der Mauer. Die Bildschirme und Schaltvorrichtungen an den Wänden erinnern mich an Snobby. Das Licht ist künstlich und brennt in meinen Augen. Mum ist bei meinem Eintreten von einem seltsamen Bett aufgesprungen, das aus der Wand ragt wie ein mit Seilen befestigtes Regalbrett.

Ein letztes Mal drücke ich sie nun an mich, bevor ich sie loslasse. Dann stelle ich die Frage, deren Antwort mir am meisten Angst macht. »Wie lange war ich weg?«

Tränen tropfen von ihrem Kinn auf den metallenen Boden. Sie legt ihre Hand auf meine Wange, tastet mein Gesicht mit ihrem Blick ab. Ihre Finger berühren mich immer wieder fahrig. An den Schultern, am Kopf, an den Händen, Armen. So als wollte sie sichergehen, dass ich tatsächlich vor ihr stehe. Ein liebevolles Lächeln schleicht sich in ihr von Sorgen zerfurchtes Gesicht. Sie sieht so viel älter aus, als sie eigentlich ist.

»Drei Tage.«

Meine Erleichterung lässt sich nicht in Worte fassen. Ich stoße eine Ladung Luft aus meinen Lungen, die sämtliche Ängste kurzzeitig davonspült, und ziehe meine Mutter für eine weitere Umarmung an meine Brust. »Es tut mir leid.«

Mit den Händen streicht sie beruhigend über meinen Rücken. »Entschuldige dich nicht, Mitchell.«

»Das alles ist nur meinetwegen geschehen. Hätte ich Thya nicht …«

»Dann wärst du nicht mein Sohn. Ich bin unendlich stolz auf das, was du getan hast.« Ich spüre ihr Herz an meinem schlagen. »So stolz …«

Ein Räuspern reißt uns in die Realität zurück. Thomas. Ich hatte ihn fast vergessen.

Ich lasse Mum ein zweites Mal los und drehe mich um.

Er steht da und beobachtet uns mit offenem Interesse. Nach ein paar Sekunden wandert sein Blick von mir weiter zu Mum, deren Gesichtszüge eingefroren sind.

Nicht nur seine Anwesenheit ist mir entfallen, ich habe in den letzten Minuten auch vergessen, weshalb ich überhaupt hier bin. Weshalb er mich hergebracht hat.

»Nicci.« Thomas tritt einen Schritt vor. Seine Bewegungen sind fließend und selbstsicher, fast schon feierlich. Er deutet sogar eine Verbeugung an.

Ich knirsche mit den Zähnen, schlucke das Bedürfnis hinunter, ihn zum Teufel zu schicken.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dich zu sehen«, sagt er.

Mums Miene ist unergründlich. Angespannt warte ich darauf, was als Nächstes geschieht.

Wenn Thomas wirklich mein Vater ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder fällt sie ihm um den Hals, weil sie tatsächlich angenommen hat, er sei tot, oder …

Die Sekunden verstreichen, in denen ich nur das leise Surren irgendeines elektrischen Gegenstandes hier drinnen höre. Die Tür, durch die wir den Raum betreten haben, ist geschlossen. Es ist, als würde die Welt um uns herum nicht mehr existieren. Als wären wir ganz allein. Nur Mum, Thomas und ich.

Je länger die Stille andauert, desto stärker nehme ich an, dass Mum diesem Mann nie zuvor begegnet ist, doch dann bewegt sie sich auf einmal. Ihre Hände zittern. Die Lippen beben und ein paar Muskeln in ihren Wangen verspannen sich. Sie presst die Kiefer aufeinander, stakst auf Thomas zu, der ebenso schweigt wie sie.

Aus einem Impuls heraus trete ich einen Schritt zurück, gehe ihr aus dem Weg, sodass sie ungehindert zu ihm gelangen kann. Mum blinzelt nicht, als sie einen Arm hebt.

Die Ohrfeige kommt für Thomas wohl genauso überraschend wie für mich. Das Geräusch, das der Schlag verursacht, hallt in meinen Ohren nach.

Sprachlos stehe ich da und sehe meine Mutter an.

Da habe ich meine Antwort! Sie hat mich angelogen.

»Warum?«, frage ich und ignoriere meinen Vater, der sich fassungslos über die Wange reibt. »Warum hast du mir erzählt, er sei tot?«

Mums Gesicht ist vor Wut völlig verzerrt. Doch es ist nicht der Zorn, der mir Angst macht, sondern der Schmerz darin.

»Du hast mich angelogen«, stelle ich möglichst sachlich fest, doch der Verrat quetscht mein Herz zusammen. »Du hast mich wissentlich angelogen.« Ich kann den vorwurfsvollen Ton nicht überspielen. »Wieso?«

Wenn ich davon ausgegangen bin, dass sie sich verteidigen oder eine Entschuldigung, eine Ausrede, für ihr Verhalten suchen würde, lag ich falsch. Ohne zu zögern, antwortet sie: »Ich weiß es nicht.« Ihr Blick ruht noch immer auf Thomas.

»Hast du dich geschämt?«, fange ich an zu spekulieren. »Oder dachtest du, ich wäre deswegen sauer auf dich? Dachtest du, ich ertrage die Wahrheit nicht?«

»Mitchell …«, grätscht Thomas beruhigend dazwischen, doch ich fahre ihm grob über den Mund.

»Nein, Sie halten sich da gefälligst raus!« Mein Körper bebt, weil ich mit den übersprudelnden Emotionen nicht umgehen kann.

Die letzten Tage bin ich bereits an meine Grenzen gestoßen. Wie viel kann ich noch aushalten, ehe ich durchdrehe?

Mum schlingt die Arme um ihren Oberkörper. »Mitchell, du hast jedes Recht, verletzt zu sein …«

»Wieso hast du mir nie die Wahrheit gesagt?«, unterbreche ich sie.

»Vielleicht wollte ich verhindern, dass du deinen eigenen Vater verabscheust, weil …« Sie stockt. »Ich kann es nicht erklären, aber ich kann es auch nicht mehr ändern.«

»Du hättest mir die Wahrheit sagen müssen«, werfe ich ihr vor. »Du hättest mir die Entscheidung selbst überlassen müssen, wie ich damit umgehe.«

»Es tut mir leid.«

Ich möchte ihr verzeihen, doch plötzlich wird mir klar, was gerade passiert ist. »Nein«, krächze ich benommen.

Der Boden beginnt zu schwanken. Ich falle und da ist nichts, woran ich mich festhalten könnte.

Mums Augen füllen sich wieder mit Tränen. Sie versteht nicht, worauf meine Äußerung bezogen ist. »Bitte, verzeih mir …«, schluchzt sie und schlingt ihre kalten, dünnen Finger um meine Handgelenke. Als sie mich näher zu sich zieht, lasse ich es geschehen.

Ihre Lüge tut weh. Es schmerzt, dass Mum mich mein ganzes Leben lang belogen hat, aber das ist es nicht, was mir gerade den Atem raubt und Krämpfe im Magen beschert.

Thomas war sicher, mich überzeugen zu können. Wir haben eine Abmachung getroffen, eine Abmachung, die ich selbst vorgeschlagen habe, weil ich fest daran geglaubt habe, dass es nicht wahr sein kann. Doch jetzt ist genau das eingetreten, wovon ich dachte, dass es Blödsinn ist. Thomas hat gewonnen.

Er ist mein Vater.

 

Die Stimmung zwischen uns ist seltsam. Und das nicht nur, weil mein tot geglaubter Vater anwesend ist, sondern auch, weil ich nicht weiß, wie ich mich Mum gegenüber verhalten soll. Dass sie mich belogen hat, setzt mir schwerer zu, als ich es für möglich hielt. Tief im Innern war ich felsenfest von ihrer Version der Vergangenheit meines leiblichen Vaters überzeugt. Dass ich sie falsch eingeschätzt habe, dass sie tatsächlich gelogen hat, macht mir … Angst.

Wie konnte sie mir das so erfolgreich verheimlichen?

»Du bist vollkommen verrückt. Du wirst das wieder rückgängig machen.« Mum wird seit einer Weile mit jedem Wort, das ihren Mund verlässt, immer hysterischer.

Während Thomas ihr die Lage geschildert hat – dass er mich gerettet und dann zu einem von ihnen gemacht hat –, stand ich teilnahmslos, fast schon apathisch, neben den beiden und habe Löcher in die Luft gestarrt.

Nun sind wir an dem Punkt angelangt, an dem er ihr von unserer Abmachung erzählt, von meinem Versprechen, dass ich bei ihm bleibe, sollte es ihm gelingen, mich von einer Lüge, die gar keine ist, zu überzeugen. Und ausgerechnet Mum hat ihm dabei geholfen. Aber ich kann deswegen nicht sauer sein, denn genau genommen ist es meine Schuld. Ich hätte ihm dieses Angebot nicht unterbreiten dürfen.

»Du wirst mir nicht meinen Sohn wegnehmen!«, kreischt Mum. Den letzten Rest an Selbstbeherrschung hat sie schon vor ein paar Sekunden über Bord geworfen.

Sie prescht vorwärts, ballt die Hände zu Fäusten und fängt an, auf Thomas einzuschlagen. Sie trifft ihn am Schlüsselbein und auf der Brust, ehe er ihre Hände packt und festhält.

Ich sehe zu, wie sie sich mit aller Macht wehrt, wie sie strampelt, um sich tritt, und ich denke: Wer ist diese Frau überhaupt? Das Gefühl, meine eigene Mutter plötzlich nicht mehr zu kennen, kommt mir vor, als trüge ich ein Kleidungsstück, das mir über Nacht zu klein geworden ist. Etwas, das ich das allererste Mal in den zwanzig Jahren meiner Existenz erlebe.

»Nicci, bitte beruhige dich. Ich will ihn dir doch nicht wegnehmen.« Thomas spricht leise, eindringlich. Wie jemand, der ein hysterisches Kind beruhigen möchte.

»Nichts anderes tust du gerade! Ich hasse dich. Ich hasse dich abgrundtief.« Sie spuckt ihm ins Gesicht.

Und ich kann es nicht verhindern, ich schäme mich für sie.

Thomas atmet tief durch, lässt Mum jedoch nicht los. Stattdessen ignoriert er den Speichel, der an seinem Kinn und zum Teil an seiner Unterlippe hängt, und sagt: »Das kann ich verstehen.«

Vielleicht sollte ich einschreiten, irgendetwas tun, einem von beiden helfen, aber wozu? Ich wurde mein Leben lang nicht in diese … Beziehung, oder was auch immer die beiden verbindet, miteinbezogen, warum also sollte ich mich jetzt einmischen?

»Ich verstehe, wie du dich fühlen musst, und es tut mir von ganzem Herzen leid. Ich wollte dich niemals verlassen.«

»Lügner«, zischt Mum, dabei muss sie die Ehrlichkeit und das Bedauern in seiner Stimme auch gehört haben.

»Nicci …«

Als er das sagt, nein, vielmehr haucht, verändert sich etwas. Als würde sich ein Knoten lösen. Mum fängt an zu weinen und bricht zusammen. Da Thomas sie noch immer an den Händen hält, hängt sie halb in der Luft.

Vorsichtig geht er in die Hocke, kniet sich vor sie und lässt eine ihrer Hände los. Schnell wischt er sich die Spucke aus dem Gesicht, bevor er nach dem Kinn meiner Mutter greift und es anhebt.

»Nicci«, säuselt er wieder und presst die Lippen aufeinander.

Mum schüttelt den Kopf, schnieft.

Da sitzen zwei völlig Fremde und ich weiß nicht, wohin mit mir.

»Warum bist du nicht fortgeblieben?«, verlangt sie nach Antworten. »Warum musstest du wiederkommen?«

Ich weiß nicht, wovon sie spricht, und ich erkenne auch ihre Stimme nicht. Zitternd verschränke ich die Arme vor dem Oberkörper. Obwohl es hier drinnen nicht kalt ist, friere ich.

»Hättest du in dem Fall nicht auf einen wunderschönen Teil deines Lebens verzichten müssen?« Thomas’ Blick zuckt zu mir hinauf. Er meint mich.

Mums Arme fallen kraftlos hinab, als er sie gänzlich freigibt. Langsam richtet er sich auf.

Gleichzeitig setze ich mich mechanisch in Bewegung. Ich lasse mich neben Mum auf dem Boden nieder, nehme sie in die Arme, wiege sie wie ein kleines Kind, tröste sie.

»Ich liebe dich so sehr«, dringt ihre dünne Stimme an mein Ohr. »Ich liebe dich.«

Mir ist klar, dass sie mit mir redet, aber ein seltsam losgelöstes Stück von mir bezieht die letzten Worte auf Thomas. Mum hat ihn damals geliebt, da bin ich mir nach diesem Auftritt ziemlich sicher, und vielleicht tut es ein selbstzerstörerischer Teil von ihr sogar immer noch.

Ich fühle mich seltsam. Meine Emotionen sind vorhanden, aber es wirkt nicht so, als würden sie zu mir gehören. Ich weiß, dass sie da sind, und gleichzeitig bin ich mir sicher, dass sie es nicht sind. Wahrscheinlich würde ich auf der Stelle verrückt werden, wenn ich die jüngsten Entwicklungen aktiv wahrnehmen müsste. Mein Verstand schützt mich auf diese Weise vor mir selbst.

Das ist vielleicht auch der Grund, warum die praktischen Fragen immer mehr in den Vordergrund rücken. »Was ist passiert, nachdem ich weggebracht wurde?«, will ich wissen.

Mum ist noch dabei, sich zu sammeln.

»Wie genau bist du hergekommen und wo« – ich sehe mich um, als wäre mir ihre Abwesenheit eben erst aufgefallen – »wo ist überhaupt Thya, wenn du hier bist?«

Bei der Erwähnung ihres Namens zieht Mum kaum merklich den Kopf ein. Mittlerweile hat sie sich wieder auf die Füße gerappelt und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

Thomas betrachtet sie aufmerksam. »Es tut mir leid, dass euer Leben so aus den Fugen geraten ist. Aber, Nicci, du musst verstehen, dass ich, selbst wenn ich es wollte, Mitchell nicht zu dir in die Bezirke zurückschicken könnte.«

»Wieso nicht?«, werfe ich stirnrunzelnd ein.

Er streicht eine Strähne hinter das Ohr meiner Mum, die daraufhin angewidert zurückzuckt. Er ignoriert ihre Reaktion. »Überleg doch mal. Offiziell bist du gefasst worden. Wenn du dort draußen frei herumläufst, werden sie dich nur wieder einfangen und im schlimmsten Fall mir auf die Schliche kommen. Und wenn das passiert, kann ich dich nicht noch mal retten.«

Mum schlägt Thomas’ Hand zur Seite und sieht mich so intensiv an, als würde sie mich dazu auffordern, ihre Gedanken zu lesen.

»Mitchell, du musst mir gut zuhören«, raunt sie eindringlich. »Ich war drei Tage lang hier eingesperrt.« Ihre Augen zucken für den Bruchteil einer Sekunde vielsagend zu Thomas. Er hört uns zu. Sie deutet damit vermutlich an, dass sie fest davon überzeugt ist, dass das sein Werk ist. Die ganze Situation lässt auch kaum eine andere Schlussfolgerung zu. »Ich weiß nicht, ob Thya noch bei Maikel ist.«

Was sollte Thya bei Mister Springer zu suchen haben? Er ist ein Spitzel der Snobs.

»Erinnerst du dich, wie du reagiert hast, als ich wollte, dass wir uns bei dieser bestimmten Person verstecken?« Ihre Sätze werden immer verwirrender.

Ich nehme mal an, dass sie von Mister Springer redet, jedoch vermeiden will, dass Thomas unserer Unterhaltung folgen kann.

Der unterbricht uns jedoch, indem er Anstalten macht, den Raum zu verlassen. »Ich denke, ich sollte euch vielleicht ein bisschen Privatsphäre geben. Ich warte vor der Tür auf euch.« Dann verlässt er den Raum.

Sobald er verschwunden ist, entkrampft sich Mums Haltung. Erschöpft schleppt sie sich zu dem Bett, das aus der Wand geklappt über dem Boden schwebt, und lässt sich darauf sinken. Ihre Arme zittern, als sie die Hände auf den Knien abstützt.

»Jetzt ergibt alles einen Sinn«, murmelt sie abwesend und wischt sich den dünnen Schweißfilm von der Stirn. »Er hat mich hier eingesperrt.«

Nach einem letzten Blick zu der geschlossenen Tür setze ich mich neben Mum. Der Raum ist nicht wirklich klein, trotzdem fühlt sich meine Brust beklemmend eng an. Ich hatte vorgehabt, etwas zu sagen, doch als ich den Mund öffne, wollen sich keine sinnvollen Sätze bilden.

Mum lächelt mich traurig an. »Es tut mir wirklich leid, Mitchell. Ich hätte niemals gedacht, dass es irgendwann eine Rolle spielen könnte, wer dein Vater ist. Ich habe …« Sie stockt.

Also zwinge ich mich doch, etwas zu sagen. »Mein Vater kommt also weder aus den Bezirken, noch ist er in der Fabrik bei einem Unfall gestorben.«

»Nein. Aber dein Großvater kam auf diese Weise ums Leben.«

Das würde die Glaubwürdigkeit erklären, mit der Mum mir diese Geschichte aufgetischt hat.

Ich nicke steif. »Und was ist nun passiert, nachdem wir getrennt wurden?«

Mum knetet die Finger. Ich nehme an, dass sie mich gern berühren würde, sich aber wegen meiner abweisenden Haltung zurückhält. Und ich möchte im Moment auch gar nicht von ihr angefasst werden. Dafür schmerzt ihre Lüge zu sehr.

Schließlich beginnt sie, zu erzählen.

Kapitel 5 - Thomas

 

Vor 21 Jahren

 

Für Egoismus und Eigennützigkeit gibt es keine Entschuldigung. Erst recht nicht, wenn man meine Stellung in der Gesellschaft innehat. Ich habe kein Recht, meine Wünsche und Bedürfnisse über die eines anderen Städters zu stellen. Und ich habe auch immer geglaubt, dass ich dazu überhaupt nicht fähig wäre. So wurde ich erzogen.

Doch wie es aussieht, braucht es nur den richtigen Menschen, um seine Ideale zu verwerfen.

Kapitel 6 - Mitchell

 

Er hat es also zugegeben und trotzdem vertraust du ihm noch?« Ungläubig sehe ich meine Mutter an. Das kann nicht ihr Ernst sein.

»Ich kenne Maikel bereits mein ganzes Leben. Er würde mich niemals anlügen oder mir bewusst Tatsachen vorenthalten«, beteuert Mum.

Das habe ich von dir auch gedacht, würde ich ihr am liebsten antworten, doch ich beiße mir auf die Zunge. »Er könnte euch auch geholfen haben, weil es ihm so aufgetragen wurde. Vielleicht war das nur ein Vorwand, um denen die Arbeit zu erleichtern«, gebe ich zu bedenken.

»Nein«, widerspricht Mum. »Er wollte mich davon abhalten, kopflos nach dir zu suchen. Er hat uns sogar von Susis Auftrag erzählt.«

Mein Herz macht einen Satz, bevor es aus dem Takt geraten weiterschlägt. »Wie meinst du das, Susis Auftrag?«

Mum hat die Hände zwischen die Oberschenkel geschoben. Sie zittert noch immer, was aber kaum an der Raumtemperatur liegt. »Susi war nicht zufällig in unserem Bezirk. Den Brief, den sie dir geschrieben hat …«

»Was ist damit?«

»Sie kommt aus der Stadt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Maikel wusste zwar nicht, wer sie geschickt hat, aber jemand von hier hat sie auf dich angesetzt.«

Ich zucke zusammen, als hätte sie einen Eimer Wasser über mir ausgeschüttet. »Und du glaubst, dass es Thomas war«, vollende ich ihren Gedankengang. Dann stehe ich ruckartig auf und durchquere den Raum.

»Mitchell«, versucht Mum meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, »überleg doch mal … das würde sogar Sinn ergeben. Die Bezirke werden bewacht und dank Susi konntest du in die Stadt gelangen, was bedeutet …«

»Was soll das bedeuten?«, unterbreche ich sie. »Meinst du, Thomas hat sie auf mich angesetzt, nur um darauf zu hoffen, dass sich irgendwann die Gelegenheit ergeben könnte, an mich heranzukommen?«

»Das ist durchaus …«

»Nein«, fahre ich kopfschüttelnd fort. »Das ist kompletter Schwachsinn. Die Wahrscheinlichkeit für diesen Zufall liegt bei null, Mum. Außerdem hat Thomas längst zugegeben, dass er uns beobachtet hat, aber nicht um mich auszuspionieren, sondern um mich zu beschützen. Und wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt vielleicht tot oder irgendwo unter der Erde eingesperrt.«

Was ich sage, meine ich ernst, aber ich vertraue Thomas lange nicht so sehr, wie es gerade den Anschein erweckt.

»Und wie erklärst du dir, dass ich hier bin?«, hält sie dagegen. »Er hat mich einsperren lassen, damit ich ihm nicht im Weg bin.«

»Nein.«

»Nein?«, wiederholt sie mit zusammengezogenen Brauen.

Ich zögere, bevor ich leise gestehe: »Du bist vermutlich hier, weil ich ihn irgendwie darum gebeten habe.«

»Was?« Mums Augen weiten sich fassungslos.

Die Haare raufend bleibe ich ein paar Schritte vor der Tür stehen, mit dem Rücken zu meiner Mutter. »Ich hatte Angst, dass du etwas Dummes tust, um mich zu finden«, erzähle ich gequält, »daraufhin hat er mir versprochen, er habe sich darum gekümmert, dass das nicht passiert.«

»Indem er mich hier festhält?«

»Wie hätte er es sonst bewerkstelligen sollen, dass wir uns treffen können?«, verteidige ich einen Mann, der mich gegen meinen Willen … ja, was eigentlich? Gerettet hat? Dafür sollte ich eigentlich dankbar sein.

Mum fällt darauf keine Erwiderung ein. Schweigend sitzt sie da, vermutlich ebenso überfordert wie ich und damit beschäftigt, Thomas in ein Licht zu rücken, in dem sie ihn gänzlich betrachten kann. Aber das wird nicht funktionieren. Teile von ihm liegen im Schatten und nur er selbst kann daraus hervortreten.

Seufzend überbrücke ich erneut die Distanz zwischen uns und nehme endlich ihre kalten Hände in meine. Ein trauriges Lächeln umspielt ihre Lippen.

»Was machen wir jetzt?«, frage ich leise. »Auch wenn er uns an der Nase herumführt, hat er trotzdem recht. Ich kann nicht gefahrlos zurück in die Bezirke. Was du von Mister Springer erfahren hast, bekräftigt das nur.« Mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen, als Mum lautlos zu weinen beginnt.

»Das ist alles meine Schuld«, wirft sie sich vor.

»Genau genommen ist es immer noch meine«, erwidere ich. »Schon vergessen? Ich bin in die Stadt eingebrochen.«

Mum zieht die Nase hoch. »Aber nur, um mich zu retten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich …«

Verärgert drücke ich ihre knochigen Finger und bringe sie mit einem wütenden Schnauben zum Verstummen. »Lass das gefälligst«, schimpfe ich, mehr hilflos als sauer, weil sie einfach nicht verstehen will, dass ich sie genauso sehr liebe wie sie mich. »Krieg endlich in deinen Dickschädel, dass du dich nicht für mich opfern musst. Ich treffe eigene Entscheidungen und ich bin es auch, der anschließend die Konsequenzen trägt.« Ich mache eine kurze Pause, um das Gesagte wirken zu lassen, ehe ich vollende: »Ich bleibe hier.«

»Nein«, hält sie entschlossen dagegen »Das kann ich nicht …«

»Ich bleibe«, unterbreche ich ihren Einwand, »und du gehst zurück und passt auf Thya auf. Sorg dafür, dass das alles nicht umsonst war.«

Mum schüttelt vehement den Kopf. »Maikel kann sie bei sich verstecken. Sie ist bestimmt noch dort. Ich war allein, als die Männer mich auf dem Weg zu Theresas Wohnung abgefangen haben.«

»Mum, bitte«, flehe ich. »Lass mich das tun. Ich werde herausfinden, wer mein Vater wirklich ist, und dann werde ich zurückkommen.«

Schwere Tränen landen auf ihrer Hose. »Und wenn er dich nie wieder gehen lässt?«

»Ich finde einen Weg.«

»Mitchell …«

»Bitte. Kümmere dich um Thya. Sie braucht dich im Augenblick mehr als ich.«

Ihr Blick verrät mir, dass sie dieser Behauptung keinerlei Glauben schenkt.

»Mir geht es hier fantastisch«, bekräftige ich bemüht zuversichtlich. »Ich bin nun einer von denen.« Schlechten Gewissens halte ich ihr meinen Daumen vor die Nase. Der rote Punkt in der Falte ist beinahe verblasst. Obwohl ich mich schäme, sage ich unbekümmert: »Ich lebe im Luxus. Es wird mir blendend gehen.«

Ich sehe in ihren Augen, dass es meinen Argumenten an Überzeugungskraft mangelt, doch mein Entschluss steht fest. Außerdem fällt mir keine Alternative ein.

»Ich kann dich nicht verlieren. Er hat kein Recht, dich mir einfach wegzunehmen.« Mum schluchzt und fährt mir durch die Haare, bevor sie mein Gesicht zwischen die Hände nimmt. »Ich liebe dich. Vergiss das niemals.«

Als ob ich das nicht wüsste. Als ob sie mir das nicht mein Leben lang jeden Tag gesagt hätte. Ich beuge mich vor und drücke ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich liebe dich auch.«

Ob Mum klar ist, welche Aufgabe Thomas in dieser Welt hat?

Kapitel 7 - Aus dem Archiv der Opfernden

 

‒ geschlossene Abteilung der EfiA ‒

 

In apokalyptischen Geschichten ist immer vom großen Untergang die Rede. Von Seuchen und Naturkatastrophen. Von Tod und Verderben. Von Gewalt und dem rauen Willen zu überleben, der sich in den Menschen manifestiert.

Wenn die Erde den Versuch unternehmen möchte, ihren parasitären Bewohner loszuwerden, bleibt ihr kaum etwas anderes übrig, als sich roher Gewalt zu bedienen. Aber warum sollten wir tatenlos auf ein solches Ereignis warten?

Die Reduzierung der Bevölkerung sollte man nicht dem Planeten überlassen. Man sollte dieses Vorhaben auch nicht mit einem gewaltigen Knall in Angriff nehmen. Die Erde wurde nicht an einem Tag erschaffen und sie wird auch nicht an einem Tag untergehen. Daher ist es sinnvoller, langfristige Ziele zu setzen. Ziele, die man kontrollieren, Wege, die man notfalls umgehen kann.

Was ist die wichtigste Komponente, die das Überleben einer Art sichert?

Die Fortpflanzung.

Damit lag die Lösung von Beginn an auf der Hand. Und mit dem medizinischen Durchbruch von Dr. Dr. Karl Feres lässt sie sich realisieren.

Nimm der Menschheit die Fähigkeit, sich zu vermehren, und sie wird, ohne größeres Leid als gerade notwendig, schrumpfen. Nimm den Kranken und Todgeweihten die Chance auf eine medizinische Behandlung und sie werden sterben, so wie der natürliche Lauf es für sie vorgesehen hat.

Was übrig bleibt, sind Individuen, deren Schicksal es ist, Glück zu haben.

Und enthält man auch nur der einen Hälfte von ihnen weiterhin die Fähigkeit zur Fortpflanzung vor und bietet ihnen gleichzeitig alle Annehmlichkeiten der modernen Technik, werden sie niemals auf die Idee kommen, Ersteres zu vermissen.

Kapitel 8 - Mitchell

 

Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich bald mit meinem Vater bei den Snobs leben würde, hätte ich ihm mitfühlend die Schulter getätschelt, nachsichtig genickt und ihm ans Herz gelegt, unserem Bezirksarzt Tony einen kleinen Besuch abzustatten. Ich hätte vermutlich mich selbst für psychisch instabil erklärt, wenn mein Unterbewusstsein den Versuch unternommen hätte, mir diese Zukunft zu zeigen. Schließlich war mein Vater tot und die Wahrscheinlichkeit, an den Ort innerhalb der Mauer zu gelangen, lag bei null.

Das Leben kann tatsächlich eine Hundertachtzig-Grad-Wende machen.

Thomas hat sich wieder zu uns gesellt. Während ich ihm erkläre, dass ich mich an unsere Abmachung halte, tötet Mum ihn mit Blicken. Er würde sich wahrscheinlich stöhnend auf dem Boden winden, wenn es nach ihr ginge. Ich kann ihr diesen Wunsch nicht verübeln, gleichzeitig frage ich mich aber, was das Glitzern in ihren Augen zu bedeuten hat. Vielleicht hätte ich es noch vor wenigen Tagen deuten können, doch jetzt bin ich mir nicht mehr sicher.

»Und Sie versprechen, dass ihr nichts geschieht? Auch in den Bezirken!«, verlange ich mit Nachdruck.

Thomas legt sich eine Hand auf die Brust, genau über sein Herz. »Ich verspreche es. Nicci wird ihr Leben wie gehabt weiterführen können.«

»Was ist mit unserer Wohnung?«, hake ich nach.

»Ich werde mich um alles kümmern«, versichert er.

Mum verzieht missbilligend die Lippen. »Wo ist der Beweis, dass du uns nicht in die Irre führst? Dass du uns nicht irgendwie schaden willst? Dass du deinen Sohn nicht nur loswerden willst?« Sie steht neben mir, schiebt sich während des Sprechens allerdings beschützend vor meinen Körper. Weder Thomas noch ich weichen zurück, weshalb wir drei nun auf engstem Raum beieinanderstehen, obwohl es hier genügend Platz für alle gäbe.

»Was ist mit Geld?«, frage ich. »Wenn ich nicht mehr in der Fabrik arbeite, bleibt Mum nicht genügend, um über die Runden zu kommen.«

Erstaunlich geduldig hört sich Thomas unsere Bedenken an. Er wird nicht wütend oder aggressiv, er verhält sich weder wie jemand, der überzeugend sein will, noch wie jemand, der Angst hat, seine Wünsche nicht erreichen zu können. Sein Pokerface sitzt perfekt. Den Neid, den ich dabei empfinde, schiebe ich weit von mir. Ebenso wie die Faszination für sein Verhalten. Schließlich ist es von dort kein weiter Weg bis zum Respekt oder – was viel schlimmer wäre – zur Zuneigung.

»Ein Beweis?«, wiederholt er. »Nicci, ist dieses Treffen zwischen uns drei nicht Beweis genug? Wenn mir euer Wohlergehen egal wäre, hätte ich Mitchell nicht gerettet. Und dich hätte ich nicht hergebracht. Ihr wart beide in Sicherheit und werdet es, solange ich lebe, immer sein. Genauso wie ich mich um deine existenzielle Grundlage kümmern werde, Nicci.«

»Wieso sollte ich dir glauben?«, zischt Mum. Angriffslustig reckt sie das Kinn nach vorn, ihr Gesicht nur faustbreit von Thomas entfernt.

Aus einem Impuls heraus möchte ich ihr beschwichtigend die Hände auf die Schultern legen, doch ich entscheide mich in letzter Sekunde dagegen.

Als Thomas leise und – wenn ich mich nicht irre – eindringlich »Nicci« raunt, schlägt mein Magen unruhig gegen benachbarte Organe.

Ich presse die Zähne aufeinander und meide den Blick in die Richtung der beiden, entferne mich zusätzlich ein bisschen von ihnen.

»Ich kann verstehen, warum du mir nie verziehen hast«, fährt Thomas mit rauer Stimme fort.

Da ich weder ihre Gesichter noch Gesten sehe, müssen die Pausen zwischen den gesprochenen Worten und die Art, wie etwas gesagt wird, ausreichen, um die Reaktion meiner Mutter zu deuten. Im Grunde warte ich nur auf einen Beweis für die Vermutung, die ich hege.

»Ich hätte dich niemals verlassen, Nicci.«

Jemand zieht scharf die Luft ein. Mum.

Ich balle die Hände zu Fäusten.

»Warum hast du es dann getan?«, will sie mit zitternder Stimme wissen.

Ich gehe noch ein Stückchen weiter weg, kneife die Augen zusammen. Ich will es nicht sehen. Und hören ebenso wenig.

»Auch wenn du mir das nicht glaubst: Ich hatte keine Wahl«, bringt er die Entschuldigung hervor, die er bereits mir aufgetischt hat.

Wenn er jetzt noch anfängt, von Notwendigkeit und Vernunft zu faseln, werde ich mir das mit unserer Abmachung noch mal gründlich überlegen.

»Aber ich habe dich nie wirklich alleingelassen«, säuselt Thomas. »Ich habe auf euch aufgepasst. Von hier aus. Ich habe Mitchell aufwachsen sehen, gesehen, wie sehr du ihn liebst, was für eine wundervolle Mutter du bist.«

Mir wird übel, während er immer weiter Süßholz raspelt.

»Nicci, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde das nichts ändern. Ich müsste wieder gehen und ich würde wieder gehen, aber trotzdem würde ich nicht auf unsere gemeinsame Zeit verzichten. Ich würde in dieser einen Nacht wieder eingreifen. Ich würde wieder nach dir suchen. Ich würde dich wieder lieben.«

Bei seinen letzten Worten schnellt mein Kopf herum. »Okay, das reicht.« Die Luft hier drinnen ist stickiger geworden. Ich werfe Mum einen Blick zu, die mit aufeinandergepressten Lippen und bebendem Kinn vor Thomas steht und ihn anstarrt. »Mum?« Vorsichtig lege ich eine Hand auf ihre Schulter und drehe sie zu mir herum. »Du musst dir das nicht anhören.« An Thomas gewandt fahre ich fort: »Sie werden sie jetzt gehen lassen.«

Er nickt. »Gut. Wir werden sie nach draußen begleiten.«

 

Wir fahren mit demselben Aufzug hinunter, der uns in der Mauer nach oben gebracht hat. Nur sind wir dieses Mal zu dritt. Die Gänge, die wir entlanggehen, sind leer. Thomas schreitet voran und führt uns, ohne einmal überlegen zu müssen, zu einem der Tore, durch die man nach draußen gelangt.

Alles hier erinnert mich an die Begegnungen mit Snobby. Wenn er wüsste, dass ich mich gerade nur unweit von ihm entfernt aufhalte, dass wir uns womöglich bald in der Stadt begegnen könnten, würde er mir sicher ein herablassendes Lachen schenken, mir »Ja sicher, Freundchen« an den Kopf werfen und mich kopfschüttelnd davonscheuchen. Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr ich davon überzeugt bin, ihn zu kennen.

Als Thomas anbietet, Mum in die Bezirke fahren zu lassen, wehren wir gleichzeitig ab. »Auf keinen Fall setze ich mich freiwillig in einen von euren Transportern«, ist ihre giftige Antwort.

»Nur über meine Leiche«, sage ich zur selben Zeit.

»Na schön«, erwidert Thomas. »Und ich nehme an, Proviant oder Wasser möchtest du von mir auch nicht haben, Nicci.«

Mum nickt bestätigend.

»Wir befinden uns hier am westlichen Teil der Mauer«, erklärt Thomas ohne Umschweife, »wenn du immer der Nase nach gehst, brauchst du etwa dreieinhalb oder vier Stunden.«

»Schaffst du das?«, werfe ich besorgt ein. Ihrem physischen Zustand nach könnte sie statt einer langen Wanderung eher ein paar Stunden Schlaf gebrauchen.

»Keine Sorge.« Mum nimmt meine Hand in ihre. »Ich bin viel robuster, als ich im Moment aussehe.« Ihr tapferes Lächeln zeugt von Zuversicht, nur mein Bauch wendet berechtigte Zweifel ein. Ich ziehe sie für eine letzte Umarmung an meine Brust. Mum ist kleiner als ich. Mein Kinn ruht auf ihrem Kopf, während ich versuche, den Kloß in meiner Kehle hinunterzuschlucken. »Wir sehen uns bald wieder.« Ob ich es ihretwegen oder meinetwegen sage, kann ich nicht beurteilen.

Das hier fühlt sich wie ein Abschied auf lange Zeit an. Dabei leben wir nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Das Problem ist diese Mauer. Und der Chip in meiner Hand.

Thomas hat in der Zwischenzeit das Tor geöffnet, doch er wartet geduldig, bis sich Mum von mir gelöst hat. »Ich werde mich um Thya kümmern«, verspricht sie. »Und Theresa zur Schnecke machen.«

Ich seufze tief. »Nimm es ihr nicht allzu übel.« Dasselbe werde ich auch versuchen, denn sie hat auf keinen Fall aus Bösartigkeit gehandelt. »Ich glaube, sie wusste einfach nicht, was sie tun soll.«

Das kann ich plötzlich sehr gut nachvollziehen.

Mum nickt tapfer und wirft Thomas einen undeutbaren Blick zu, ehe sie sich umdreht und im grellen Licht des Tages verschwindet.

Als das Tor die Welt wieder aussperrt, wird mir erst richtig bewusst, was ich soeben verloren habe.

»Alles in Ordnung?«, will mein Vater wissen.

Ich sehe ihn nicht an, hypnotisiere lediglich das Metall vor meiner Nase. Vielleicht war es ein Fehler, mich dem Willen eines Snobs zu beugen. Allerdings bleibe ich nicht nur hier, weil ich seine Einwände gegen meine Rückkehr in die Bezirke berechtigt finde. Nein.

»Mitchell?«

Ich bleibe, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich es mit seiner Hilfe schaffen kann, Fletcher und Benny zu finden.

Kapitel 9 - Thomas

 

Vor 21 Jahren

 

Mord geschieht aus eigennützigen Gründen, das mit dem Töten ist dagegen eine kompliziertere Sache. Das Leben eines anderen zu verkürzen, sollte niemals erstrebenswert sein. Schließlich sind es die Menschen und ihr Wohlergehen, denen wir uns verschrieben haben oder es vielmehr mussten.

Doch natürlich könnte es vorkommen, dass man dazu gezwungen wird, ein Leben zu beenden, wenn man die Ansicht vertritt, die betroffene Person wäre eine Gefahr oder könnte es noch werden.

Ich bin befugt, eine solche Entscheidung zu treffen. Allerdings beschränkt sich diese Befugnis auf die Menschen außerhalb der Sicherheitsgrenze. Und zusätzlich ist sie im Grunde nur eine Regelung, die die Gesetze vervollständigt.

Ich kenne niemanden, der sie je in Anspruch genommen hat. Weshalb auch? Gewalttätige Menschen zu töten, wäre eine Verschwendung. Was wir mit ihnen machen, ist sehr viel sinnvoller. Wenn man es genau nimmt, sorgen wir sogar dafür, dass sie noch einen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich niemals einen Menschen töten werde.

Welchen Grund sollte ich dafür auch haben?

 

Kapitel 10 - Sanni

 

Zeit ist relativ. Eben noch war ich im westlichen Bezirk, habe Mitchell in einem Brief mein Herz ausgeschüttet, um anschließend wie ein Feigling davonzulaufen, und jetzt bin ich hier. In der Wohnung eines Fremden, der kein Fremder mehr ist, denn es fühlt sich so an, als wäre Willy schon länger als nur drei Tage ein Teil meines Lebens – unsere Begegnung vor acht Jahren nicht mitgezählt. Er ist klug und aufmerksam, sensibel, was er wahrscheinlich niemals zugeben würde, und nennt die Dinge beim Namen, ganz egal wie unangenehm oder verletzend das sein kann. Ich behaupte sogar, er ist brutal ehrlich. Das muss nicht immer gut sein – angenehm ist es oftmals nicht –, aber tatsächlich kann ich mit seiner Art besser umgehen, als es bei jedem anderen Menschen bisher der Fall war, weil ich genau weiß, woran ich bei ihm bin. Er teilt einem seine Gedanken mit, wenn man danach fragt. Und er teilt einem seine Gedanken mit, wenn man nicht danach fragt.

Überhaupt sind mir nur wegen seiner Offenheit Vermutungen in den Sinn gekommen, die ich schon in Vergessenheit wähnte. Zum Beispiel, dass die Frauen in der Stadt unfruchtbar sind. Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich hierbei nicht falschliege.

Die ganze Nacht habe ich damit verbracht, diese Annahme und passende Argumente im Kopf umherzuwälzen.

»Das wundert mich irgendwie nicht«, nimmt Willy den Faden unseres Gesprächs auf. Er stochert in seinem Haferschleim herum, den er heute schon wieder als Frühstück aufgetischt hat, und verzieht abschätzig das Gesicht. »Ihr könnt euch eure Kinder ja zusammenbrauen, da kann man auf ein paar monatliche Beschwerden verzichten und es sich grundsätzlich ein bisschen leichter machen, ne?«

Vielleicht war ich etwas zu voreilig mit der positiven Meinung über meinen Gastgeber. »Ich hab mir nichts davon ausgesucht. Und ich gehöre auch nicht mehr zu denen. Würdest du also bitte …«

Willy unterbricht mich, bevor ich zu viel Spucke verschwende. »Natürlich, Sannilein«, feixt er und macht dabei ein mitleidiges Gesicht. »Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Mein Fehler.«

Energisch versenke ich meinen Löffel in der braunen Pampe, die die Schüssel vor meiner Nase füllt, fange jedoch an zu grinsen, als ich erwidere: »Hat dir mal jemand gesagt, dass du manchmal ein riesiger Arsch bist?«

»Ein Arsch, dem du ein Dach über dem Kopf zu verdanken hast«, kontert er sofort und wackelt provozierend mit den Augenbrauen.

Mir kommt es in Anbetracht der Umstände und meines Vorhabens fast surreal vor, so viel Spaß zu haben. Herumzualbern wie damals mit Theo. Doch ich kann nicht bestreiten, dass ich es genieße, unbeschwert zu sein, Scherze zu machen, zu lachen. Und solange ich nicht an Fletcher denke, gelingt mir das erstaunlich gut.

»Erzählst du mir eigentlich noch, was das gestern sollte?«, wechselt Willy unvorhergesehen das Thema. Der neckende Ton ist verschwunden. Doch erst als er erklärend hinzufügt: »Was auf dem Feld passiert ist«, verstehe ich, wovon er spricht.

Einen Aufseher zu provozieren und ihn aufzufordern, mich zu erstechen, ist vermutlich ein triftiger Grund für Willy, sich Sorgen zu machen. Nicht unbedingt um mich, sondern darum, dass er eine gestörte Psychopathin bei sich beherbergt, die ihn irgendwann womöglich mitten in der Nacht im Schlaf mit einem Kissen erstickt. Seine Neugier ist daher absolut verständlich.

Ich seufze dennoch, weil er mit seiner ernsten Frage die lockere Stimmung killt, bevor ich mich überhaupt richtig an sie gewöhnt habe. Soll ich deswegen sauer sein?

»Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich selbst keine eindeutige Erklärung dafür finde?« Ich verzichte darauf, mir den Brei auf meinem Löffel in den Mund zu schieben.

Seine Braue wandert nach oben. »Was ist die uneindeutige?«

»Die vage.«

»Was?«

»Du willst wissen, was die vage Erklärung dafür ist.«

Seine Lippen formen ein spöttisches Lächeln. »Warst du schon immer eine nervige Klugscheißerin?«

So kommen wir nicht weiter. Zumindest nicht in einem angemessenen Tempo. »Schön, wenn unsere Rollen dann verteilt sind, können wir vielleicht ein zusammenhängendes Gespräch führen.«

»Du hast damit angefangen«, verteidigt sich Willy wie ein Fünfjähriger und schiebt angesäuert die Schüssel von sich.

Ich kann nicht anders, als darüber zu lachen. »Tut mir leid. Ich wollte nur ein Gefühl festhalten.«

Willy verdreht die Augen. »Seit du hier aufgetaucht bist, frage ich mich ernsthaft, ob du verrückt bist oder ob ich es schon immer war und dank dir nun bemerkt habe.« Obwohl er noch nicht fertig ist, steht er mit einem Blick auf die alte Uhr an der Wand, auf der bereits etliche Zahlen fehlen, auf und bringt sein halb aufgegessenes Frühstück in die Küche. »Wir müssen sowieso los«, ruft er mir von der Spüle aus zu.

Schnell schaufle ich mir ein paar Löffel von dem Brei in den Mund, dann bringe ich ihm mein Geschirr und verschwinde kurz ins Badezimmer.

Als wir gemeinsam die Wohnung verlassen, zögert Willy einen winzigen Moment, ehe er die Tür abschließt.

»Was ist?«, will ich wissen.

Er beißt sich auf die Unterlippe. Ein Muskel in seiner Wange zuckt. »Das hier hat keinen Bestand, oder?«

Bevor ich fragen kann, wovon genau er spricht, redet er einfach weiter. »Du bist nicht für Feldarbeit und einen griesgrämigen Typen hergekommen.«

»Willy …«

»Das soll kein Vorwurf sein«, presst er zwischen den Zähnen hervor. »Ich will nur wissen, wie lange ungefähr, damit ich mich nicht zu sehr an dich gewöhne.«

Diese Situation bestätigt mir schon wieder, was ich zu vermeiden hoffte. Man kann einem anderen Menschen nicht mit Gleichgültigkeit begegnen. Das schwache, aber vorhandene Stechen in meiner Brust ist der Beweis.

»Können wir ein anderes Mal darüber reden?« Ausgerechnet ich bin jetzt diejenige, die vergessen will, wozu ich eigentlich hergekommen bin.

Willy zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht. »Gut.« Dann nimmt er die Treppe nach unten in Angriff. Zuvor dreht er sich jedoch noch einmal zu mir herum. »Klugscheißer ertrage ich ohnehin nicht sehr lange.«

Ich stoße ein Lachen aus, das sogar meinen Kopf in den Nacken drückt. »Wir werden sehen.«

 

Als wir das Gebäude verlassen, ist mir bereits wieder leichter ums Herz. Diesen Tag werde ich so genießen, als hätte ich keine Vergangenheit, die es zu ertragen gilt. Und daran ist absolut nichts Verwerfliches. Dafür kann mich niemand verurteilen. Erst recht nicht ich selbst.

»Aber sein Gesicht war schon zum Schießen«, befindet Willy und drückt die zerkratzte Metalltür hinter uns in den Rahmen. »Er sah aus, als hättest du angeboten, ihm die Zähne auszuschlagen.«

Mein anfängliches Grinsen verwandelt sich in ein Lachen, als ich den schockierten Blick des Aufsehers innerlich vor mir sehe, nachdem ich ihn aufgefordert hatte, zuzustechen. »Je größer die Klappe, desto weniger ist vermutlich dahinter.« Ich zucke die Schultern und setze mich in Bewegung.