36,99 €
Diplomarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Organisation und Personal), Sprache: Deutsch, Abstract: In der ökonomischen Diskussion hat sich hinsichtlich des optimalen vertikalen Integrationsgrades eines Unternehmens im Laufe des letzten Jahrhunderts ein fundamentaler Paradigmenwechsel vollzogen. Für den Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet der Wirtschaftshistoriker Chandler von einer großen Zahl von Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, welche einen möglichst hohen vertikalen Integrationsgrad anstreben. Bekannt geworden ist dabei vor allem das Beispiel der Ford Motor Company, die in dieser Zeit nahezu alle Inputs ihres legendären „Model T“ selbst herstellte. Scheinbar diametral hat sich diese Beurteilung der optimalen Leistungstiefe zum Ausgang des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Strategische Allianzen, virtuelle Unternehmen, (strategisches) Outsourcing oder die vielbeschworene Konzentration auf die Kernkompetenzen des Unternehmens sind nur einige der Schlagworte, die heute in diesem Zusammenhang propagiert werden und gleichzeitig von der wieder auflebenden Brisanz dieser prinzipiell zeitlosen Entscheidungsaufgabe zeugen. Seit einiger Zeit bestimmt offensichtlich die Desintegration und der Fremdbezug von Leistungserstellungsaktivitäten das unternehmerische Handeln. Nach einigen grundsätzlichen Ausführungen zur Positionierung auf der Wertschöpfungskette als strategisches Entscheidungsproblem der Unternehmung wird das empirische Entwicklungsmuster des vertikalen Integrationsgrades im Zeitablauf analysiert. Im Anschluss betrachtet der Autor anhand von verschiedenen ökonomischen Theorien, welche Faktoren zu der zu beobachtenden Bewegung der Verringerung der Leistungstiefe geführt haben bzw. wie die veränderte Einschätzung in Wissenschaft und Praxis zu begründen ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2002
Page 1
Page 5
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1: Beispiele für Entscheidungsalternativen der Leistungstiefenkonfiguration ........ 6 Abb. 2: Unterschiedliche Fertigungstiefen in der europäischen Automobilindustrie
(1985-1995)............................................................................................................. 14 Abb. 3: Der Einfluss von Informations- und Kommunikationstechnik auf die
Transaktionskostenverläufe .................................................................................... 36 Abb. 4: Die überschneidenden Entwicklungen des technischen Fortschritts von Produkten und des anteiligen Absorptionsgrades der Produktnutzer ..................... 59 Abb. 5: Der Zusammenhang zwischen Kundenbedürfnissen, Produktbeschaffenheit und
Wettbewerbsbedingungen....................................................................................... 62
Page 6
BCG (The) Boston Consulting Group bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise c.p. ceteris paribus ggf. gegebenenfalls IKS Informations- und Kommunikationssysteme o.g. oben genannte(n) PDA Personal Digital Assistant s.o. siehe oben sog. so genannte usw. und so weiter z.B. zum Beispiel
Page 1
„[.] Old Economy or New, vertical empires don’t work. For the likes of General Motors, Ford, and Lockheed Martin, it’s a case of been there, done that. They spent decades combining suppliers and manufacturing operations to cut costs. It turned out to be an expensive failure. Big manufacturers are now shedding everything but their core businesses, replacing the old model of vertical integration with a lean, mean approach based on outsourcing.”1Business Week, June 12, 2000
Der obenstehende Ausschnitt aus einem Zeitschriftenartikel fasst prägnant den fundamentalen Paradigmenwandel zusammen, der sich in der ökonomischen Diskussion hinsichtlich des optimalen vertikalen Integrationsgrades der Unternehmung im Laufe des letzten Jahrhunderts vollzogen hat.
Für den Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet der Wirtschaftshistoriker CHANDLER von einer großen Zahl von Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, welche einen möglichst hohen vertikalen Integrationsgrad anstreben. Bekannt geworden ist dabei vor allem das Beispiel der Ford Motor Company, die in dieser Zeit nahezu alle Inputs ihres legendären „Model T“ selbst herstellte.2Scheinbar diametral hat sich diese Beurteilung der optimalen Leistungstiefe zum Ausgang des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Strategische Allianzen, virtuelle Unternehmen, (strategisches) Outsourcing oder die vielbeschworene Konzentration auf die Kernkompetenzen des Unternehmens3sind nur einige der Schlagworte, die heute in diesem Zusammenhang propagiert werden und gleichzeitig von der wieder auflebenden Brisanz dieser prinzipiell zeitlosen Entscheidungsaufgabe zeugen. Seit einiger Zeit bestimmt offensichtlich die Desintegration und der Fremdbezug von Leistungserstellungsaktivitäten das unternehmerische Handeln.
Hier drängt sich die Frage auf, welche Faktoren zu dieser empirischen Bewegung der Verringerung der Leistungstiefe geführt haben bzw. wie die veränderte Einschätzung in Wissenschaft und Praxis zu begründen ist. Die Verwendung des Terminus der „Dekonstruktion“ von
1Crock (2000).
2Vgl. Chandler (1964), S. 14; Chandler (1990), S. 90ff, S. 208ff.
3Vgl. z.B. Picot et al. (1996), S. 66; Quinn, Hilmer (1995), S. 48ff; Prahalad, Hamel (1990), S. 79ff.
Page 2
Wertschöpfungsketten in diesem Kontext geht auf das gleichnamige Konzept der Unternehmensberatungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) zurück, welches für die vorliegende Arbeit titelgebend war und deshalb den Ausgangspunkt der Betrachtungen bilden soll.
Die übergeordnete Zielsetzung der folgenden Ausführungen ist die theoretische Fundierung des empirischen Phänomens der Dekonstruktion von Wertschöpfungsketten im Allgemeinen bzw. der Verringerung von Leistungstiefen im Besonderen. Daraus lassen sich mehrere Teilziele ableiten.
Zum einen soll die Deconstruction-Entwicklung im Lichte verschiedener Theorien betrachtet werden und gleichzeitig die Erklärungskraft der ausgewählten theoretischen Ansätze geprüft werden. Hier ist zu beachten, dass die optimale Leistungstiefe und damit auch ihre Veränderung im Zeitablauf grundsätzlich immer spezifische Aspekte einzelner Branchen bzw. Unternehmen aufweist. Dennoch soll hier eine generische Betrachtung im Vordergrund stehen. Ferner kann und soll nicht die ganze Vielfalt der in der Literatur im Zusammenhang mit der Leistungstiefen-Entscheidung diskutierten Variablen einbezogen werden.4Vielmehr erfolgt eine Konzentration auf diejenigen Variablen, deren Veränderungen im Zeitablauf einen Erklärungsbeitrag zur Deconstruction-Entwicklung leisten.5Weiterhin sollen auf Grund der zeitunabhängigen Gültigkeit der Prämisse gewinnmaximierenden Verhaltens seitens der Unternehmen besonders diejenigen Faktoren ausgeklammert werden, die allein mit dem Hinweis auf eine zunehmende Wettbewerbsintensität die empirisch vorzufindende Tendenz zur Verringerung der Leistungstiefe zu erhellen vermögen.6Gleichwohl kann dem zunehmenden Wettbewerbsdruck regelmäßig eine verstärkende Wirkung beigemessen werden. Ein weiteres Teilziel ist die kritische Hinterfragung der Annahmen und Aussagen des BCG-Konzepts.
4Vgl. für einen Überblick Bohr, Weiß (1994a), S. 341ff; Bohr, Weiß (1994b), S. 437ff.
5So kann etwa die Steuergesetzgebung in einem Land sehr wohl die Leistungstiefenentscheidung von Unternehmen bestimmen. Vgl. Bohr, Weiß (1994b), S. 439. Angesichts der Heterogenität der im internationalen Kontext vorzufindenden Steuersysteme stellt dies aber keinen befriedigenden Ansatz zur Erklärung der Deconstruction-Entwicklung dar.
6Bspw. kann der Übergang von Eigenfertigung zu Fremdbezug den Zugang zu Marktinformationen verbessern. Vgl. Porter (1997), S. 394f. Fundierte Informationen über Beschaffungs- und Absatzmärkte sind aber vielmehr aus der übergeordneten Zielsetzung der Gewinnmaximierung abzuleiten, als dass diese Notwendigkeit originär aus dem Umstand einer zunehmenden Wettbewerbsintensität erwächst.
Page 3
Um die weiteren Ausführungen in ihren betriebswirtschaftlichen Zusammenhang einordnen zu können, soll zunächst das grundsätzliche strategische Entscheidungsproblem der Positionierung auf der Wertschöpfungskette näher beleuchtet werden. Den eigentlichen Ausgangspunkt der Analyse bildet dann die Vorstellung des Deconstruction-Konzepts der BCG. Daran anschließend soll dieses Konzept einer ersten Prüfung unterzogen werden, indem die empirische Evidenz der getroffenen Prämissen und Aussagen betrachtet wird. Den Kernabschnitt der vorliegenden Arbeit stellt dann die Diskussion ausgewählter ökonomischer Theorieansätze und die Erörterung der jeweiligen Erklärungsbeiträge zur Deconstruction-Entwicklung dar. Hierzu sollen verschiedene auf Produktionskosten abstellende Ansätze, die Transaktionskostentheorie, ein marktorientierter Ansatz, Konzepte der ressourcenorientierten Strategielehre, ein kapitalmarktorientierter Ansatz und ein modelltheoretischer Marktphasenansatz herangezogen werden.
Den Abschluss bilden eine knappe Zusammenfassung bzw. Integration der Einzelansätze und ein Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungsrichtungen.
2. Positionierung auf der Wertschöpfungskette als strategisches Entscheidungsproblem der Unternehmung
Die Erstellung und Distribution eines industriellen Produkts stellt einen mehrstufigen Prozess mit zahlreichen ineinander greifenden materiellen und immateriellen Wertschöpfungsstufen dar.7Dieser beginnt mit der Urproduktion, setzt sich mit der Erstellung von Vor-, Zwischen-und schließlich Endprodukten fort und endet mit der Übermittlung an den Kunden bzw. mit After Sales-Leistungen („[...] from ultraraw materials to ultimate consumers“8). Anzahl und Ausmaß der durchzuführenden Teilprozesse werden dabei bestimmt durch die Komplexität des Gesamtproduktionsprozesses9und diese(r) wiederum durch die Beschaffenheit der zu erstellenden Leistung.
7Für nicht-industrielle Leistungen gilt das Grundprinzip der mehrstufigen Leistungserstellung analog.
8Harrigan (1985a), S. 398.
9Vgl. Bohr, Weiß (1994a), S. 345.
Page 4
Der Begriff „Fertigungs-“ bzw. „Leistungstiefe“10 11umschreibt in diesem Zusammenhang das Entscheidungsproblem, welcher Anteil der sukzessive anfallenden Teilprozesse von einem Unternehmen durchgeführt und welcher Anteil von anderen Unternehmen zugekauft wird („Phasenanteil am gesamtwirtschaftlichen Leistungsprozess“12). Die Leistungstiefe nimmt daher mit zunehmender (abnehmender) Anzahl von Leistungsstufen, die ein Produkt in demselben Unternehmen durchläuft, zu (ab).13
Verändert ein Unternehmen seine Leistungstiefe und damit die Positionierung auf der Wertschöpfungskette, so werden Bewegungen in konsumfernere Wertschöpfungsstufen als Rückwärtsintegration (backward oder upstream integration), Bewegungen in konsumnähere Stufen als Vorwärtsintegration (forward oder downstream integration) bezeichnet. Vertikale Integration ist damit der Zusammenschluss von Unternehmen, die auf sukzessiven Wertschöpfungsstufen stehen und in einem Zulieferer/Abnehmer-Verhältnis stehen. Vertikale Desintegration meint die Verringerung der Betriebstiefe durch Ausgliederung von Leistungserstellungsaktivitäten aus dem eigenen Unternehmen bei gleichzeitigem Übergang zum Bezug dieser Leistungen über den Markt.14Von vertikaler Desintegration im engeren Sinne wird gesprochen, wenn unternehmensinterne Zulieferer organisatorisch so verselbständigt werden, dass sie eigenständig auf dem Markt agieren.15
Die empirische Messung der Leistungstiefe ist mit erheblichen Problemen verbunden.16Zur Operationalisierung werden üblicherweise die Größen Wertschöpfung und Wertschöpfungsquote herangezogen. Dabei berechnet sich die Wertschöpfung als Differenz zwischen der Gesamtleistung (Umsatzerlöse, Bestandsveränderungen) abzüglich der Summe aller Vorleistun-
10Inder deutschsprachigen Literatur geht der Begriff „Fertigungstiefe“ üblicherweise über eine einseitige Betonung von im Produktionsbereich erstellten Leistungen hinaus. Vgl. z.B. Dichtl (1991), S. 54. Dennoch soll in der vorliegenden Arbeit aus Gründen der Anschaulichkeit der Begriff „Leistungstiefe“ (oder synonym: „Betriebstiefe“ bzw. „Wertschöpfungstiefe“) Verwendung finden.
11In der angelsächsischen Literatur wird der Sachverhalt der Leistungstiefe unter dem Stichwort der „vertikalen Integration“ diskutiert. Vgl. z.B. Harrigan (1985a), S. 397ff. In Abgrenzung dazu soll im folgenden von „vertikaler Diversifikation“ gesprochen werden, wenn eine Unternehmung Vor- bzw. Zwischenprodukte zusätzlich zur unternehmensinternen Weiterverarbeitung als Endprodukte verkauft (eigenständige Markttätigkeit). Vgl. z.B. Bohr, Weiß (1994b), S. 440.
12Schäfer (1974), S. 103.
13Vgl. Picot (1991), S. 337.
14Vgl. Bohr, Weiß (1994a), S. 342.
15Vgl. Wittke (1996), S. 8.
16Vgl. z.B. George et al. (1991), S. 64f; Bohr, Weiß (1994a), S. 342; Ihde (1988), S. 14f und besonders Scherer (1980), S. 78ff; Caves, Bradburd (1988), S. 265ff.
Page 5
gen (zugekauftes Material, fremde Dienstleistungen, Zinsen). Die Wertschöpfungsquote ergibt sich aus dem Verhältnis von Wertschöpfung zu Gesamtleistung.17
2.2 Die Optimierung der Leistungstiefe und Optionen zur Konfiguration der Wertschöpfung
Der komplexen Entscheidung der Unternehmung über die optimale Positionierung auf der Wertschöpfungskette wird in der Literatur strategische Bedeutung beigemessen.18Der Grad vertikaler Integration wirkt sich ganzheitlich und funktionsbereichsübergreifend auf alle Unternehmensaktivitäten aus und gilt daher als kritische Größe zur Erklärung des Unternehmenserfolgs.19
Als übergeordnete Ziele dieses Entscheidungsproblems werden üblicherweise die Maximierung des Unternehmensgewinns und die Reduktion von Unsicherheit (Versorgungsrisiko) genannt.20Da mit unterschiedlichen Leistungstiefen unterschiedliche Erreichungsgrade dieser Ziele verbunden sind, kann die Festlegung des vertikalen Integrationsgrades als Optimierungsproblem formuliert werden. Optimierung meint dabei das Auffinden des betriebsoptimalen Verhältnisses von Eigenerstellung und Fremdbezug.21
Hier ist gleichzeitig die Abgrenzung zum Begriff des “Outsourcing“22zu sehen. Während Outsourcing nämlich auf die Entscheidung über Eigenerstellung oder Fremdbezug einzelner Leistungserstellungsaktivitäten abstellt (Partialoptimierung), umfasst die Wahl des vertikalen Integrationsgrades die ganzheitliche Entscheidung über alle Leistungserstellungsaktivitäten hinweg (Totaloptimierung). Somit stellt das Outsourcing lediglich eine Facette des grundsätzlichen Problems der Optimierung der Betriebstiefe dar.23
Ferner stellt die Optimierung der Leistungstiefe kein statisches Problem im Sinne einer einmaligen Entscheidung dar. Vielmehr handelt es sich um ein ständig virulentes Problem, welches somit kontinuierliches Überdenken und ggf. Anpassungsmaßnahmen erforderlich macht. Dabei zu berücksichtigende Einflussfaktoren stellen die grundlegenden Ansatzpunkte für die Erklärung der Deconstruction-Entwicklung dar und sollen im weiteren Verlauf diskutiert werden.
17Vgl. Picot (1991), S. 337f.
18Vgl. z.B. Foss (2001), S. 99f; Benkenstein, Henke (1993), S. 77; Mahoney (1992), S. 559.
19Vgl. Ihde (1988), S. 13.
20Vgl. Bohr, Weiß (1994b), S. 439.
21Vgl. Picot (1991), S. 339ff; Bohr, Weiß (1994a), S. 341ff; Bohr, Weiß (1994b), S. 437ff.
22Das Akronym Outsourcing steht für Outside Resource Using.
23Vgl. Bogaschewsky (1996), S. 125f.
