Defense of Love - Arizona Moore - E-Book

Defense of Love E-Book

Arizona Moore

3,3

Beschreibung

Um den stressgeplagten, erfolgreichen und attraktiven Baseballprofi der Nashville Defenders, Mason Campbell, auf andere Gedanken zu bringen, beschließen seine Freunde, ihn auf einen Wochenendausflug nach Las Vegas zu entführen. Dort angekommen, bricht direkt das Chaos los. Addison Johnson, der vorlaute Wirbelwind der jungen Clique, und Mason müssen sich ein Zimmer teilen und eine ausschweifende Partynacht, jede Menge Drinks und etliche Stunden später, ist das Desaster perfekt. Mason und Addy müssen feststellen, dass die Zimmersituation nicht ihr größtes Problem ist. Krampfhaft suchen die zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nach einem Ausweg aus ihrem Dilemma. Wobei sie allerdings übersehen, dass Amor gepaart mit ihrer eigenen Leidenschaft vielleicht andere Pläne hat.

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Defense of Love

Defense 1

Arizona Moore

Defense of LoveArizona Moore © 2020

© 2020 Sieben Verlag, 64823 Groß-Umstadt© Covergestaltung Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864438936ISBN eBook-mobi: 9783864438943ISBN eBook-epub: 9783864438950

www.sieben-verlag.de

Inhalt

Prolog Addison

Kapitel 1 Mason

Kapitel 2 Addison

Kapitel 3 Mason

Kapitel 4 Addison

Kapitel 5 Mason

Kapitel 6 Addison

Kapitel 7 Mason

Kapitel 8 Addison

Kapitel 9 Addison

Kapitel 10 Mason

Kapitel 11 Addison

Kapitel 12 Mason

Kapitel 13 Addison

Kapitel 14 Mason

Kapitel 15 Mason

Kapitel 16 Addison

Kapitel 17 Mason

Kapitel 18 Addison

Kapitel 19 Mason

Kapitel 20 Addison

Kapitel 21 Addison

Kapitel 22 Mason

Kapitel 23 Addison

Kapitel 24 Mason

Kapitel 25 Mason

Kapitel 26 Addison

Kapitel 27 Mason

Kapitel 28 Addison

Kapitel 29 Mason

Kapitel 30 Addison

Kapitel 31 Addison

Die Autorin

Prolog

Addison

Ich sitze auf meinem Bett, halte das Schwarz-Weiß-Bild in den Händen und streichele immer wieder mit der Fingerspitze über den dunklen Punkt. Obwohl ich schon Unmengen an Tränen vergossen habe und eigentlich sämtliche Tränenflüssigkeit aufgebraucht sein müsste, weine ich dennoch unablässig. Ich kann einfach nicht aufhören, auch wenn meine Wangen schon wund sind.

Zum ersten Mal bin ich verdammt froh darüber, dass Olivia und Evelyn, zwei meiner besten Freundinnen, mit denen ich mir diese Wohnung in der Nähe des Campus unseres Colleges teile, heute ohne mich unterwegs sind. Die beiden sollen nicht mitbekommen, wie schlecht es mir geht. Könnten sie mich jetzt hier sitzen sehen, würden sie mich bloß mit Fragen löchern, auf die ich ihnen keine Antworten geben mag. Nicht, weil ich ihnen nicht blind vertraue, sondern weil mir meine Situation schrecklich peinlich ist. Ich schäme mich für das, was ich getan habe, so sehr.

Rücklings lasse ich mich auf die Matratze fallen und massiere mir die pochenden Schläfen, da ich das Gefühl habe, dass mir der Kopf jeden Moment explodiert. Dabei schließe ich die Augen und versuche, mich zu beruhigen. Vergebens.

Mein Handy beginnt zu vibrieren. Ich öffne die Augen, hole das Telefon vom Nachttischschränkchen zu meiner Linken und öffne die Nachricht. Sie ist von Mason Campbell.

Mason ist der Captain des hiesigen Baseballclubs meiner Heimatstadt Nashville. Wir, meine Mädelsclique und ich, haben ihn und seine Jungs vor ein paar Wochen auf dem Campus kennengelernt. Sein Team ist an unserem College unterwegs gewesen, um für den Sport zu werben. Evelyn, unsere Vorlauteste in der Runde, hat die Jungs kurzerhand angequatscht, um sie auf unsere Studentenparty einzuladen. Entgegen meiner Vermutung, dass sie ablehnen werden, hatten sie zugesagt. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig und sind seit diesem Abend zu einer großen Clique zusammengewachsen.

Mason: Hey Addy, wo bleibst du? Wir vermissen dich hier. Geht es dir gut? Ich würde mich freuen, wenn du noch rumkommst. Liebe Grüße, Mason.

Ohne seine Nachricht zu beantworten, lasse ich das Telefon neben mir aufs Bett fallen.

Keine zwei Minuten später vibriert es erneut. Ohne einen Blick auf das Display zu werfen, weiß ich, dass es erneut Mason sein wird. Schließlich kenne ich ihn mittlerweile ganz gut.

Ich glaube, dass er etwas für mich übrighat. Zumindest sendet er mir eindeutige Signale. Schon ein paar Mal hat er mich um ein Date gebeten. Auch wenn ich ihn echt süß finde und er wirklich verteufelt attraktiv ist, kann ich mich derzeit mit niemandem treffen. Ich habe soeben erst eine Beziehung beendet, die mir alles abverlangt hat, und absolut keine Kraft, mich in die nächste zu stürzen. Außerdem würde ich niemals einen Kerl aus meinem engeren Freundeskreis daten. Diese Regel ist mir heilig. Immerhin habe ich schon oft erlebt, wie Cliquen auseinandergebrochen sind, weil Liebesbeziehungen scheiterten. Sollte ich mich nämlich auf Mason einlassen und es würde schiefgehen, will ich meine Freunde nicht in die Bredouille bringen, sich auf eine Seite schlagen zu müssen. Es ist nämlich ein Irrglaube, dass Verflossene hinterher Freunde bleiben können. Außerdem steht mir nicht mehr der Sinn nach etwas Festem. Beziehungen sind scheiße. Zumindest hat mich das meine jüngste Erfahrung gelehrt.

Während ich hier liege und über all das nachdenke, fasse ich einen Entschluss, der mir schon länger auf der Seele liegt. Ich werde nie wieder mein Herz verschenken. Ab sofort zähle nur noch ich. Ich werde mein Leben so führen, wie ich es für richtig halte. Das Studium mit Auszeichnung beenden, mir einen gut bezahlten Job suchen und die Karriereleiter erklimmen. Bei diesem Plan bleibt kein Platz mehr für einen Mann an meiner Seite. Außerdem brauche ich keinen Kerl, um glücklich zu sein.

Das mag jetzt vielleicht nach verbitterter Jungfer klingen, doch so werde ich garantiert nicht enden. Nur, weil ich keine langfristigen Beziehungen mehr möchte, heißt das nicht, dass ich mich ab sofort der Abstinenz verpflichte. Nein, ich werde meine Sexualität voll ausleben und mich ausprobieren. Unverbindliche Abenteuer, ja. Große Liebe, nein.

Kapitel 1

Mason

„Verfickte Drecksscheiße, ist das deren fucking Ernst? Was hab ich diesen Flachwichsern von Journalisten getan, dass sie sich mal wieder das Maul über meinen Beziehungsstatus zerreißen?“ Ich schlage das Klatschmagazin zu und pfeffere es in die Ecke. „Mir platzt gleich der Arsch. Es geht mir mächtig auf die Eier, dass die Presseheinis nur noch ein Thema zu haben scheinen: Mit wem vögelt Mason Campbell? Männlein oder Weiblein? Als ob es nichts Wichtigeres gibt als mein Privatleben. Was ist nur aus der guten klassischen Berichterstattung geworden? Sollen sie doch über die Trennung von Jennifer Aniston und Jamie Mazur herziehen.“

„Keine Ahnung, Kumpel“, nuschelt Logan, mein bester Freund und Mannschaftskamerad beim Topteam in der Major League Baseball, den Nashville Defenders, und dreht den Kronkorken von seinem Bier. „Was hast du denn jetzt vor? Ist nun endlich der Zeitpunkt gekommen, an dem du die Ärmel hochkrempelst, um dagegen vorzugehen, den Bastarden einen Maulkorb zu verpassen und Stellung zu beziehen, oder wirst du dich weiterhin ohne Gegenwehr vernichten lassen?“

Tja, das ist eine gute Frage. Irgendwie kann ich mich derzeit zu keiner konkreten Aussage hinreißen. Zwar hat mir der PR- und Imageberater des Teams, Jonathan Ward, diverse Vorschläge zum weiteren Vorgehen unterbreitet, doch gefiel mir keiner so recht. Am liebsten würde ich die Zeitungen wegen Verleumdung oder Diskriminierung verklagen, aber mir fehlt einfach die Zeit für einen langwierigen Prozess. Außerdem herrscht freie Meinungsäußerung in den USA. Meine Chancen, dass ich einen solchen Rechtsstreit gewinne, sind eher gering. Hinzukommt, dass es mir widerstrebt, mich vor einem Richter und Anwälten für etwas zu rechtfertigen, was niemanden etwas angeht. Nur weil ich Dauersingle und nicht der Typ für bedeutungslose One-Night-Stands bin oder mich nicht mit wechselnden Frauen am Arm schmücke, soll ich automatisch auf Männer stehen?

Und selbst wenn dem so wäre, hat das niemanden zu interessieren. Ich meine, wo liegt das Problem, wenn ein Kerl einen Kerl oder eine Frau eine Frau liebt? Oder beides? Hallo, wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert. Es gibt Bewegenderes als Homosexualität. Kriege, Mord und Totschlag. Darüber sollte die Presse berichten und Aufklärungsarbeit leisten, anstatt mich und meine vermeintlichen Vorlieben auseinanderzunehmen.

Wenn ich schwul oder bi wäre, würde ich mit Stolz zu meiner Sexualität stehen. Wieso sollte ich mich auch verbiegen?

Eigentlich würde ich dem Gerücht überhaupt keine Beachtung schenken. Sollen die Leute doch von mir denken, was sie wollen. Doch leider kann so ein Gerücht meine Karriere dem Erdboden gleichmachen. In der Sportlerwelt ist Homosexualität noch immer ein rotes Tuch. Jason Collins, ehemaliger NBA-Basketballer, war im Jahr 2013 der erste Profi, der sich öffentlich zu seiner Liebe zu einem Mann bekannte. Heilige Scheiße, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, was das für einen Shitstorm ausgelöst hat. Ich zolle ihm meinen Respekt für seinen Mut, doch besiegelte das Coming-out gleichzeitig das Ende seiner sportlichen Laufbahn. Da ich Baseball über alles liebe und mir ein Leben ohne den Sport nicht vorstellen kann, nervt es mich, dass neuerdings über meine Vorlieben öffentlich diskutiert wird.

„Hier, nimm eins. Ich habe mir sagen lassen, dass ein kühles Blondes dabei hilft, den Frust herunterzuspülen.“ Logan reißt mich aus meinen Gedanken und schiebt eine geöffnete Flasche zu mir herüber.

Nickend greife ich nach dem Bier, proste meinem Freund zu und leere es zügig, ohne es auch nur einmal abzusetzen. Anerkennend grinsend schaut Logan mich an, nimmt dann selbst einen Schluck und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

„Die Presseleute sind und bleiben Mistkerle. Wenn sie eine gute Story wittern, beißen sie sich fest wie lästige Zecken. Ihrer Fantasie setzen sie keine Grenzen, und es ist ihnen Latte, ob sie die Wahrheit schreiben oder eben nicht. Die Hauptsache ist, dass die Verkaufszahlen stimmen und die Leser glücklich sind. So läuft nun mal das Business.“

„Wahre Worte.“ Ich seufze, stehe auf und gehe an den Kühlschrank, um mir ein weiteres Bier zu holen. Tief durchatmend lehne ich mich gegen die Küchenzeile und exe auch diese Flasche. Mit dem Handrücken wische ich mir den Mund ab und stelle das leere Behältnis in die Spüle.

„Wenn du in dem Tempo weitertrinkst, dauert es nicht lange, bis du aus den Latschen kippst. Okay, soll nicht mein Problem sein.“ Logan zuckt kurz mit den Schultern. „Heul mir dann aber nicht die Ohren voll, wie beschissen es dir mit deinem Kater geht“, meint er lachend.

„Manchmal bist du eine richtige Nervensäge mit deinen Moralapostelpredigten. Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß und geh mir nicht auf die Eier. Soll der Kater doch kommen, mir egal“, erwidere ich. „Momentan ist es mir echt alles vollkommen schnuppe, das kannst du mir glauben.“

„Spinn nicht rum, denn dem ist nicht so, Bro. Ich kenne dich nun schon eine halbe Ewigkeit, Mason, und daher weiß ich, dass dir diese Behauptungen den letzten Nerv rauben. Damit du endlich mal wieder gute Laune hast, solltest du den Gerüchten ein Ende setzen. Angriff ist manchmal die beste Verteidigung.“

„Und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen?“, frage ich ihn und hole mir ein weiteres Budweiser aus der Kühlung.

„Sei doch mal ein wenig kreativ und streng deinen Gripskasten an“, schlägt er in Klugscheißermanier vor. „Nur weil du nicht in festen Händen bist, musst du dich doch nicht automatisch wie ein Priester im Zölibat verhalten. Geh aus, hab deinen Spaß und lass dich hin und wieder mit einer heißen Blondine sehen. An Angeboten sollte es dir doch nicht mangeln, Mason. Die Frauen fliegen auf dich. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass du, wenn du es darauf anlegen würdest, niemals einen Club ohne eine Begleitung an der Hand verlassen müsstest.“

„Mag schon sein, will ich aber nicht. Ich bin keiner dieser Möchtegernplayboys, die jede Woche eine andere flachlegen und sich mit ihren Erfolgen brüsten. Halte mich gern für eine Pussy oder einen Schlappschwanz, aber bei mir gehören Sex und Gefühle irgendwie zusammen.“

„Du hast echt Probleme, Mason.“ Logan verdreht die Augen.

Mir hätte klar sein müssen, dass er meine Einstellung nicht teilt. Immerhin genießt er einen gewissen Ruf und vögelt alles, was ihm vor die Flinte läuft.

„Weißt du was? Wir entfliehen dem Bullshit für eine Weile und resetten unsere Köpfe. Ich glaube, dass uns eine Auszeit guttun würde.“

„Und wie sehen deine Pläne aus? Eine Reise zum Mond?“ Stirnrunzelnd betrachte ich meinen Kumpel. Wenn Logan einen Einfall hat, endet das in der Regel nicht gut. Auch wenn er laut Pass als Erwachsener gilt mit seinen knapp dreißig Jahren, schlummert tief in ihm verborgen ein unvernünftiges Kind, das er von Zeit zu Zeit von der Leine lässt.

Aufgeregt springt er von seinem Stuhl und klatscht in die Hände. „Lass dich überraschen. Ich gebe dir bis morgen früh, um deinen Koffer zu packen. Plane Klamotten für circa drei Tage ein. Ich trommele die anderen zusammen, kümmere mich um alles und hole dich gegen zehn Uhr ab. Halte dich bereit, Mason.“

„Aber …“, möchte ich intervenieren, werde jedoch sofort von ihm unterbrochen.

Er gibt mir ein eindeutiges Handzeichen, weshalb ich meine Bedenken vorerst hinunterschlucke.

„Keine Widerrede. Du tust genau das, was ich dir gesagt habe. Wir haben noch eine Woche Urlaub, bevor wir wieder ins Training einsteigen, und die wird ausgenutzt. Also, lass mich in Ruhe machen und vertraue mir. Bis morgen.“

Bevor ich die Gelegenheit bekomme, meine Einwände anzubringen, ist Logan auch schon durch meine Küchentür verschwunden.

Heilige Scheiße, auch wenn mir seine Ideen regelmäßig Magenschmerzen bescheren, gibt es kein Entrinnen. Dafür kenne ich Logan schon viel zu lange. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es auch knallhart durch. Alles, was man in einer solchen Situation tun kann, ist, sich zu fügen, wenn man keine Energie oder Lebenszeit vergeuden möchte. Aus diesem Grund bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten und Tee zu trinken.

Ich setze alles auf eine Karte und vertraue darauf, dass die anderen ihm den Wind aus den Segeln nehmen. In den vergangenen Wochen ist Logan nämlich ein wenig von der Rolle. Mal wirkt er total depressiv und in sich gekehrt und im nächsten Augenblick wie ein Eichhörnchen auf Speed. Keine Ahnung, was derzeit in seinem Leben abgeht, da er sich mit Informationen bedeckt hält, aber irgendwas ist faul. Ich werde aber schon noch herausfinden, was mit ihm los ist.

Kapitel 2

Addison

„Sind irgendwelche Anrufe für mich eingegangen, während ich zu Tisch war?“, erkundige ich mich bei unserer Empfangsdame. Um während des Essens meine Ruhe zu haben, stelle ich für die Dauer des Lunchs immer meinen Apparat auf sie um und lasse sogar mein heiß geliebtes Handy auf dem Schreibtisch zurück.

Ich bleibe vor ihrem Tresen stehen und warte in Ruhe ab, während sie ihre handschriftlichen Notizen durchgeht.

„Mr. Richards aus der Marketingabteilung bittet um einen Rückruf. Außerdem hat es Amelia Wright mehrfach bei Ihnen probiert. Ich habe sie nach ihrem Anliegen gefragt, doch sie meinte, dass sie dieses nur mit Ihnen persönlich besprechen könne. Mrs. Wright hat versprochen, sich wieder zu melden.“

„Dankeschön, Mrs. Clarkson“, sage ich mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und mache mich auf den Weg in mein Büro.

Seit knapp drei Jahren, sofort nach dem Abschluss meines Studiums, arbeite ich nun schon bei Hammersmith & Woehrl als Business Development Managerin Hand in Hand mit dem Vorstand des weltweit agierenden Wirtschaftsunternehmens zusammen. Ich bin eigenverantwortlich für die Entwicklung, die Ausrichtung und die Integration neuer Strategieprozesse. Fortlaufende Markt- und Konkurrenzanalysen sind ein äußerst spannender Teilbereich meines Aufgabenfeldes, den ich sehr liebe. Vor knapp sechs Monaten habe ich die Leitung unserer Abteilung übertragen bekommen und besitze seither ein schnuckeliges Einzelbüro.

Mit etwas Zeitdruck im Nacken biege ich in mein Büro ein, schließe die Tür hinter mir und verharre einen kurzen Moment auf der Stelle. Dann fahre ich mir mit beiden Händen durch meine dunkelbraune, schulterlange, leicht wellige Mähne, massiere mir die Schläfen, da ich neuerdings immer öfter unter Kopfschmerzen leide, und steuere dann auf meinen Schreibtisch zu, um mich auf meinem Drehstuhl niederzulassen. Ich ruckele kurz an der Maus, um meinen Rechner aus dem Schlummermodus zu holen, und öffne nach der Eingabe meines persönlichen Mitarbeiterpasswortes meinen Kalender. Für heute stehen noch zwei wichtige Termine auf der Agenda, bevor es in das wohlverdiente Wochenende geht.

Gerade, als ich mein E-Mail-Programm starte und mich auf die Arbeit stürzen möchte, klingelt mein Telefon.

„Addison Johnson hier“, nehme ich ungezwungen den Anruf entgegen, da ich anhand der Anrufercodierung erkenne, dass es sich um ein internes Gespräch handelt.

„Hallo Ms. Johnson, Leila vom Empfang hier. Ich habe erneut Mrs. Wright für Sie in der Leitung. Ist es in Ordnung, wenn ich sie an Sie durchstelle?“

„Selbstverständlich.“ Es klickt in der Leitung und schon habe ich meine Freundin Amelia an der Strippe.

„Hey Süße, wie geht es dir?“, fragt Amelia mich. „Mann, war das ein Akt, dich ans Telefon zu bekommen. Scheinbar bist du schwieriger zu erreichen als der Präsident. Ich habe es mehrfach auf deinem Handy probiert, durfte aber nur deiner lieblichen Stimme auf der Mailboxansage lauschen.“

„Du weißt doch, bösen Mädchen geht es immer hervorragend“, erwidere ich kurz angebunden. Ein notweniges Übel, da meine Freundin in der Regel literweise Sabbelwasser intus hat. Kommt sie erst in Fahrt, kann man sie nur schwer wieder abschütteln. Normalerweise genieße ich unsere stundenlangen Gespräche, aber heute habe ich verdammt wenig Zeit. In wenigen Minuten startet ein wichtiges Meeting im Konferenzraum, bei dem ich den Vorsitz führe. „Ich war in der Mittagspause und gehe immer ohne mein Telefon in die Kantine“, rechtfertige ich mich dafür, dass sie mit meiner Voicebox vorliebnehmen musste. „Was hast du auf dem Herzen, Liebes?“

„Da du mal wieder unter Starkstrom zu stehen scheinst, fasse ich mich kurz, versprochen. Logan hat sich bei mir gemeldet. Er plant einen Wochenendausflug nach Las Vegas, um Mason auf andere Gedanken zu bringen. Der Arme ist total fertig, weil ihm die Presse mit fragwürdigen Gerüchten das Leben schwer macht. Mit Harper, Evelyn und Olivia habe ich bereits gesprochen. Evelyn und Olivia sind mit von der Partie, Harper muss leider passen, da sie Dienst im Krankenhaus hat. Jetzt fehlt mir nur noch deine Zusage. Also, bist du dabei?“

Gott, manchmal überschlägt sich Amelia, die wir meistens Lia nennen, regelrecht, wenn sie aufgeregt ist. So wie ich sie verstanden habe, plant Logan einen Cliquenausflug, an dem wir alle teilnehmen sollen. Die Jungs, die wir seinerzeit auf einer Werbeveranstaltung unseres ehemaligen Colleges kennengelernt haben, sind seitdem ein fester Bestandteil unseres Freundeskreises. Irgendwie hat die Chemie zwischen den Baseballern und uns direkt gestimmt. „Moment mal, Las Vegas? Was ist denn mit Mason? Ich komme gerade nicht ganz hinterher.“

„Liest du denn gar keine Gossipmagazine? Seit Wochen kursiert das hartnäckige Gerücht, dass Mason sich von Männern angezogen fühlt. Er ist völlig geknickt, weil diese unwahren Behauptungen Gift für seine Karriere sind. Logan meinte, er könne im schlimmsten Fall seine Sponsoren samt der hoch dotierten Werbedeals verlieren.“ Amelia holt kurz Luft und fährt dann fort. „Selbst, wenn die Berichterstattungen wahr wären, was sie unseres Wissens nach nicht sind, könnten sie seiner Laufbahn einen erheblichen Knacks verpassen. Zwar geben sich die Menschen immer offener und lockerer im Umgang mit Homosexualität, doch bleibt dieses Thema im Sportlerbusiness ein absolutes Tabu.“

„Absolut lächerlich“, platzt es ungehalten aus mir heraus. „Es geht mir total auf den Keks, wie verklemmt und spießig unsere Gesellschaft noch immer ist, obwohl wir permanent betonen, modern, aufgeschlossen und weltoffen zu sein. Meine Güte, was ist denn schon dabei, wenn eine Frau eine Frau oder ein Mann einen Mann liebt? Hilf mir mal eben auf die Sprünge, denn ich kann da gerade absolut nichts Verwerfliches finden. Haben wir nicht alle das Recht, so zu leben, wie wir es für richtig erachten? Unabhängig vom Geschlecht, der Hautfarbe oder des Alters? Sorry für meine Ansprache, aber bei diesem Thema könnte ich regelmäßig aus der Haut fahren.“

„Echt jetzt? Gut, dass du das sagst, denn mir wäre es gar nicht aufgefallen, dass du emotional reagierst. Vielleicht solltest du über einen Jobwechsel nachdenken und dich politisch engagieren. Die Menschen lieben Kämpfernaturen, die sich für andere starkmachen“, flachst sie. „Also, was ist nun? Kann ich Logan sagen, dass er dich einplanen soll?“

Oh Mann, was ist nur aus mir geworden? Vor einem halben Jahr wäre ich die Erste gewesen, die ganz laut hier gekreischt hätte, wenn es um einen Trip in die Wüste Nevadas gegangen wäre. Eine solche Gelegenheit hätte ich mir nie und nimmer durch die Lappen gehen lassen. Da ich jedoch weiß, wie sehr ich nach einem durchzechten Wochenende leide und ich am Montag pünktlich, fit und im vollen Besitz meiner geistigen Fähigkeiten einen Vortrag vor der Geschäftsleitung halten muss, zögere ich. Blöde Zwickmühle.

„Gib Logan Bescheid, dass ich dabei bin“, antworte ich aus dem Bauch heraus und ignoriere die Vernunft. Vermutlich die falsche Entscheidung, aber hey, man lebt schließlich bloß einmal. Später kann ich mich immer noch darüber ärgern, dass ich nicht auf meinen Verstand gehört habe.

„Echt jetzt? Cool, ich freue mich“, sagt Amelia überschwänglich. „Es ist viel zu lange her, dass wir alle zusammen auf der Piste waren. Gott, ich spüre es, Addy, das kommende Wochenende wird legendär!“

Amalia hat vollkommen recht. In der letzten Zeit ist es wirklich eine Seltenheit geworden, dass wir alle zusammengekommen sind. Das mag allem voran daran liegen, dass jede von uns eine Menge um die Ohren hat. Harper und Amelia schieben unglaublich viele Stunden im Krankenhaus, um ihre Facharztausbildung voranzutreiben, Evelyn hechtet von einem Casting zum nächsten, um endlich Fuß in der Modelbranche zu fassen, und Olivia paukt wie verrückt für eine Zusatzqualifikation zur Massagetherapeutin.

„Sorry, Liebes, aber ich muss dich jetzt leider abwürgen. Wenn ich zu meinem Meeting nicht in den nächsten Sekunden dazustoße, wird mich mein Chef zu Brennholz verarbeiten“, erkläre ich ihr, als ich einen Blick auf meinen Bildschirm werfe, um die Zeit zu checken. „Schick mir doch später einfach eine SMS mit allen relevanten Details, okay?“

„So wird’s gemacht.“ Zufrieden seufzt Amelia in den Hörer.

Bevor ich mich endgültig von ihr verabschieden kann, klickt es auch schon in der Leitung, was bedeutet, dass sie aufgelegt hat. Kopfschüttelnd erhebe ich mich von meinem Stuhl, schnappe mir die Projektmappe, die neben der Tastatur liegt, und eile regelrecht aus dem Büro. Während ich zum Konferenzraum sprinte, was auf High Heels mit dünnen Pfennigabsätzen und engem Bleistiftrock mit Minischlitz alles andere als einfach ist, muss ich lächeln. Die Aussicht auf ein Wochenende mit der ganzen Clique hebt meine Stimmung immens. Am liebsten würde ich die Richtung wechseln, meinen Transponder vor die Stempeluhr halten und mich mit einem Gläschen Champagner auf das bevorstehende Wochenende einstimmen. Leider geht das nicht. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Kapitel 3

Mason

„Wie bitte? Wir machen was?“

Diese Frage habe ich meinen Freunden nun schon gefühlt zum tausendsten Mal gestellt. Eine Menge Augenpaare sind auf mich gerichtet, die nur darauf warten, dass ich mich in Bewegung setze und in eins der Autos steige, die vor meinem Wohnhaus parken. Noch immer bin ich total perplex und halte Logans Ansage für einen dummen Scherz.

„Ich hoffe, du hast letzte Nacht ausreichend Schlaf getankt, denn jetzt geht die Post ab, mein Lieber“, meint William Harris, unser First Baseman, und vollführt einen regelrechten Freudentanz auf dem Gehsteig. Als er diesen beendet hat, geht er auf mich zu und nimmt mir meinen Koffer ab, um ihn in seinem Pick-up zu verstauen.

„Leute, ich finde es klasse, dass ihr euch alle Zeit genommen habt, um das Wochenende mit mir zu verbringen, aber muss es unbedingt Las Vegas sein?“, frage ich in die Runde. Auch wenn man mich gern anders einschätzt, bevorzuge ich es lieber ruhig und vor allem gesittet. Klar, ich bin für jeden Spaß zu haben und gehe gern auf Partys, aber die Stadt der Superlative scheint mir doch eine Nummer zu übertrieben. Für mich wäre es perfekt gewesen, wenn wir uns in eine nette Blockhütte am Rand der Stadt einquartiert, den Grill angeschmissen und gemütlich am Lagerfeuer ein paar Bierchen gezischt hätten.

Aufgrund von Logans enttäuschtem Gesichtsausdruck schlussfolgere ich, dass ihm meine Reaktion auf seine Überraschung nicht gefällt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er sich den Arsch aufgerissen, um ein unvergessliches Wochenende auf die Beine zu stellen, wofür ich meinem Kumpel echt dankbar bin, aber muss es ausgerechnet Vegas sein?

Mein bester Freund ist ein Hammertyp, auf den ich mich blind verlassen kann. Wenn man ihn um einen Gefallen bittet, ist er sofort zur Stelle und hilft aus. Mir hat er noch nie eine Bitte abgeschlagen. Klar, er mag so seine Ecken und Kanten haben, wer hat die nicht, und mit seiner forschen, draufgängerischen Art ab und an anecken, aber dennoch ist er ein Mensch, den man nicht in seinem Leben missen möchte.

Bester Beweis hierfür ist die Tatsache, dass er unsere Freunde zusammengetrommelt hat, in weniger als vierundzwanzig Stunden, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Alle sind hier. Meine Teamkollegen Jacob Adams, Noah Scott, William Harris und an vorderster Front Logan Carter. Auch die Mädels, Olivia Turner, Amelia Wright, Evelyn Hall und Addison Johnson konnte er motivieren. Bloß Harper Robinson fehlt, die vermutlich mal wieder in der Klinik schuftet.

Apropos Addy! Addison ist eine Wahnsinnsfrau, für die ich schon seit Monaten heimlich schwärme. In all ihrer Schönheit steht sie neben Evelyn. Verflucht, Addy ist wirklich eine Augenweide. Ihre langen, dunklen, leicht lockigen Haare liegen auf ihren schmalen Schultern. Sie trägt ein weißes Sommerkleid, das ihre weiblichen Kurven und Rundungen perfekt in Szene setzt. Der Kontrast der hellen Farbe auf ihrer sonnengebräunten Haut lässt sie noch strahlender als sonst erscheinen. Immer wenn sie lächelt, bilden sich kleine Fältchen um ihre leuchtend grünen Augen, was sie ungemein sympathisch und herzlich wirken lässt.

Sobald sie in meiner Nähe ist, verabschiedet sich meine Coolness in den Feierabend. In ihrer Gegenwart werde ich nervös, bekomme schwitzende Hände, was nicht nur am heißen Wetter liegt, und bringe keinen sinnvollen Satz zustande. Ein paar Anläufe habe ich in der Vergangenheit schon unternommen, um sie um ein Date zu bitten, doch hat sie mir immer wieder einen nett verpackten Korb erteilt. Sie hat mir mehrfach durch die Blume zu verstehen gegeben, dass wir Freunde sind und sie es dabei belassen möchte. Mittlerweile habe ich meine Hoffnungen auf dem Grund des Ozeans versenkt, dass sie doch noch eines Tages mehr in mir sehen könnte als nur einen guten Kumpel.

Indirekt hat Amelia, eine ihrer engsten Vertrauten, mir vor ein paar Wochen den Kopf gewaschen, als wir unseren Stammclub, das StepIn, besucht haben. Wir saßen zusammen an der Bar und haben uns unter anderem über Addy unterhalten, als sie mir ans Herz legte, ich solle meine Energie nicht verschwenden. Als wäre mir das selbst noch nicht in den Sinn gekommen. Hallo, ich bin nicht blind und habe auch Augen im Kopf.

Es geht mir tierisch auf die Eier, dass Addison keine Gelegenheit auslässt, um sich einen Typen an Land zu ziehen, mit dem sie die Nacht verbringen kann. Sie ist definitiv kein Kind von Traurigkeit. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es verdammt hart ist, es mit anzusehen. Sie ist unkonventionell, lässt sich nicht in eine Schublade einsortieren. Müsste ich sie kategorisieren, würde meine Wahl auf ungezähmtes Wildpferd fallen. Meiner Meinung nach braucht und liebt sie ihren Freiraum, lässt sich von nichts und niemanden an die Leine legen und bricht nur allzu gern aus dem Alltag aus. Aus diesen Gründen habe ich lange mit mir selbst gerungen und entschieden, dass ich mir Addy ein für alle Mal aus dem Kopf schlage.

„Yep, es muss zwingend Las Vegas sein und wird durchgezogen“, reißt Logan mich aus meinen Gedanken und geht damit auf meine vorangestellte Frage ein. „Alter, ich habe mir die Finger wund telefoniert, um uns Flugtickets und ein Hotel zu organisieren. Weißt du, was das für ein Aufwand war? Ach, ist jetzt auch vollkommen egal, weil du deinen Hintern nun ohne zu murren in Williams Wagen schwingen, dich brav auf den Rücksitz setzen und dich darüber freuen wirst, dass wir dieses Wochenende bis in die letzten Haarspitzen auskosten. Ich möchte kein Gemecker mehr von dir hören, oder ich lege dich übers Knie und versohle dir deinen Allerwertesten. Kapiert?“

Sein überaus ernster Blick lässt mir keinen Spielraum für Verhandlungen, weshalb ich rasch nicke und auf Williams Pick-up zugehe.

„Na also, geht doch. War das jetzt so schwer?“, ruft Logan mir lachend hinterher.

Kopfschüttelnd, allerdings zugleich schmunzelnd, steige ich in den Wagen ein. Als Olivia, Evelyn und der Besitzer des Fahrzeugs ebenfalls ihre Plätze eingenommen haben, düsen wir auch schon los.

Vor heute Abend werden wir auf keinen Fall in der Stadt der Sünde und Verlockungen ankommen, da die Flugzeit ab Nashville circa fünf Stunden beträgt. Aus diesem Grund lehne ich mich zurück und probiere die Anreise, so gut es eben geht, zu genießen.

Am späten Nachmittag erreichen wir endlich unser Hotel, das Cosmopolitan of Las Vegas. Das Fünfsternehaus empfängt uns im edlen Design mitten am belebten Strip mit elegantem, luxuriösem Ambiente. Es befinden sich insgesamt sechzehn Bars, Cafés und Restaurants mit internationaler Ausrichtung, die rund um die Uhr geöffnet sind, im Gebäude verteilt, das sich wiederum auf zwanzig Etagen erstreckt. Eins muss ich Logan lassen, seine Wahl ist auf einen echt coolen Schuppen gefallen.

Ein wenig geschlaucht von der langen Anreise schlendern wir auf den Empfangstresen zu. Unsere Koffer wurden uns bereits am Eingang von einem freundlichen Pagen abgenommen und auf einen Rollwagen verfrachtet. Der zuvorkommende Bedienstete kommt hinter uns her und wartet geduldig auf weitere Instruktionen seitens der Hotelrezeption. Da Logan der Organisator dieses Ausflugs ist, tritt er an den Tresen und übernimmt den Check-in.

„Guten Tag, Sir, mein Name ist Logan Carter. Ich habe gestern noch ganz kurzfristig Zimmer bei Ihnen reserviert, die wir nun gerne beziehen möchten.“ Er kramt sein Handy aus der Hosentasche, entsperrt das Display mittels Daumenscanner und startet seine Mail-App, um die Reservierungsbestätigung vorzuzeigen. Der Empfang überprüft kurz die Bestätigung und programmiert dann die Schlüsselkarten.

Als er damit fertig ist, nennt er uns noch ein paar weitere Fakten, die das Frühstück, die Nutzung des Wellnessbereiches und Regeln des hausinternen Casinos betreffen, doch ich habe längst auf Durchzug geschaltet, da mein Handy in der Hosentasche vibriert. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, das Telefon zu Hause zu lassen und das Wochenende in vollen Zügen zu genießen, konnte es aber nicht lassen.

Ein kurzer Blick auf das Display zeigt mir den Eingang einer E-Mail unseres PR-Beraters. Ich öffne sie und entferne mich ein paar Meter von der Gruppe, um sie zu lesen, wobei ich noch mitbekomme, wie Olivia „Zimmeraufteilung“ ruft und auf den Tresen zugeht. Sie schnappt sich die erstbeste Chipkarte. „Evelyn, schlafen wir zusammen?“, erkundigt sie sich.

Ich beantworte John seine Frage und stecke das Telefon wieder weg.

„Bleiben wohl nur noch wir zwei übrig“, meint Addy mit einem Blick auf den letzten verbleibenden Schlüssel. Sie wirkt nicht besonders glücklich darüber. Sie runzelt die Stirn, den Mund presst sie so fest aufeinander, dass er zu einem schmalen Strich zusammengekniffen ist.

Erst jetzt registriere ich, dass sie mit mir redet. Verdutzt schaue ich Addison an und ärgere mich, dass ich die Zimmeraufteilung verpasst habe.

„Gibt es keine andere Option?“ Fragend blicke ich in die Runde. Nicht, weil ich etwas gegen Addison habe oder mir nicht mit ihr das Zimmer teilen möchte, sondern weil ich weiß, dass ihr die Situation nicht behagt. Dafür muss ich kein Hellseher sein. Ihre Mimik verrät sie.

„Ich schlage vor, dass ich mit Addy tausche“, bietet Jacob an. „Für mich ist es vollkommen in Ordnung, wenn Mason und ich in einem Bett pennen.“

„Auf gar keinen Fall“, entgegne ich und verschränke die Arme vor der Brust. „Sorry, Alter, aber du schnarchst so laut, dass die Wände wackeln. Als wir uns in New York ein Zimmer geteilt haben, habe ich kein Auge zugetan. Holy shit, ich habe noch nie zuvor einen Menschen getroffen, der einem Sägewerk spielend Konkurrenz machen könnte. Andere Vorschläge?“

Als niemand auf meine Frage eingeht, stöhnt Addy und verdreht die Augen. „Belassen wir es doch einfach dabei. Wir werden in den kommenden Nächten mehr unterwegs sein als in unseren Zimmern. Da werden wir uns als Freunde doch problemlos ein Zimmer teilen können.“ Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Okay, zum Schlafen ist es definitiv noch zu früh, was machen wir jetzt?“ Damit ist für Addison das Thema Raumaufteilung beendet, ohne dass sie sich mein Einverständnis eingeholt hat.

„Stimmt“, pflichtet Evelyn ihr bei. „Lasst uns ausgehen. Wir sollten die Zeit in Las Vegas effizient nutzen.“

„Das klingt nach einem ausgefeilten Plan“, meint William und gibt ihr für diesen Vorschlag ein High five. „Wie wäre es, wenn wir uns den Besuch eines Casinos für morgen aufsparen und uns heute auf das Abchecken der Bars und Clubs beschränken? Ich habe gehört, dass es keine Sperrstunde gibt.“ Zufrieden wackelt er mit den Augenbrauen.

„Oh ja, das machen wir“, beteiligt sich nun auch Olivia an der Unterhaltung. „Allerdings erst, nachdem ich eine gründliche Restauration an meiner optischen Erscheinung vorgenommen habe. Immerhin waren wir mit Anreise, Sicherheitscheck, Flughafen und so weiter fast acht Stunden unterwegs. Mein Körper verlangt, nein er schreit, nach einer Dusche. Ich habe das Gefühl, dass ich wie ein Stinktier rieche.“

Niemand widerspricht ihr. Vermutlich, weil wir es alle ähnlich sehen. Eine Dusche täte jedem gut. Wir beschließen uns in einer Stunde wieder in der Lobby zu treffen.

Während sich die Gruppe in Bewegung setzt, bleibe ich noch einen Moment stehen. Kräftig atme ich durch, um mich mental darauf vorzubereiten, die kommenden achtundvierzig Stunden Addison Johnson als meine Zimmergenossin zu haben.

Verdammt, neben ihr im Bett zu liegen, ihre Wärme zu spüren oder den betörenden Duft ihres Parfüms riechen zu müssen, wird es mir nicht gerade leichter machen, an meinem Entschluss, sie mir endlich aus dem Kopf zu schlagen, festzuhalten.

Es ist hiermit amtlich: Es war eine verdammt beschissene Idee von Logan, mich nach Las Vegas zu verschleppen.

Kapitel 4

Addison

Unter den Augen umstehender Schaulustiger schwinge ich meinen Hintern, den ich in einem knappen Minirock verpackt habe, in die Limousine, die Logan organisiert hat und vor dem Hotel abfahrbereit auf uns wartet. Die Luxuskarosse ist mindestens fünfzehn Meter lang und das Innere ähnelt einer perfekt ausgestatteten Bar auf Rädern. Die hellen Ledersitze haben die gleiche Farbe und Material wie die Verkleidung. Höhepunkt des feudalen Interieurs sind allerdings die unzähligen Schnapsflaschen, die definitiv keine Wünsche offenlassen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Schlagartig fühle ich mich in meine Zeit als Studentin zurückversetzt und Halleluja, ich liebe es. Während meines Studiums bin ich zwar nicht mit Luxusschlitten durch die Gegend kutschiert worden, der Alkohol floss dafür öfter in rauen Mengen. Auch wenn ich die Universität hinter mir gelassen habe und nun ein ernsthaftes Erwachsenendasein führe, lebe ich noch immer einen ungezwungenen Lifestyle – von den wechselnden Männern ganz zu schweigen – erfolgreich aus. Gott, ich werde wohl nie zu alt sein für eine gehörige Portion Spaß.

„Probiere mal, Süße!“

Olivia hält mir ein Glas unter die Nase, das mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit befüllt ist, und ich greife zu. Wie von ihr gefordert, koste ich den Whiskey, der sich seinen Weg meine Speiseröhre hinunterbrennt, während sich Logan um die Partymusik kümmert. Nach einer kurzen Unterhaltung mit unserem Chauffeur beschallen die harten Klänge von Rockmusik das Innere des Schlachtschiffes. Da ich mich selbst am besten kenne und mich Erfahrungswerte noch nie im Stich gelassen haben, weiß ich, dass es ungefähr drei weitere Gläser von dem Whiskey bedarf, bevor ich mich vollends entspanne.

Auch wenn ich es bei den anderen nicht angesprochen habe, finde ich es noch immer nicht prickelnd, mir ein Zimmer mit Mason teilen zu müssen. Immerhin habe ich mich auf ein zügelloses Wochenende voller Drinks, Freiheiten, Feierei und Männer gefreut und kann mir nun den Part mit den Jungs von der Backe wischen. Jetzt, wo ich einen Bettkumpanen habe, kann ich schlecht auf die Jagd gehen. Da geht sie hin, die Aussicht auf ein leidenschaftliches Abenteuer mit einem Fremden.

Da ich nicht als Oberzicke dastehen wollte, habe ich mich mehr oder weniger damit arrangiert, dass meine Pläne den Fluss abwärtstrieben. Aber egal, Mason ist ein verdammt netter Kerl. Vielleicht ein wenig verklemmt, aber dennoch überaus liebenswert. Manchmal frage ich mich, warum er so verteufelt introvertiert dem weiblichen Geschlecht gegenüber ist. Hat er schlechte Erfahrungen gemacht, ist er einfach bloß schüchtern, oder steht er doch insgeheim auf Männer?

Wenn er mit seinen Jungs abhängt, ist er nicht auf den Mund gefallen und benimmt sich genauso vorlaut wie die anderen. Doch sobald ihn eine Frau anspricht, erstarrt er und verstummt. Sein Verhalten ähnelt ein wenig der Figur des Rajesh Koothrappali aus der Serie The Big Bang Theory, der ebenfalls in Gegenwart des weiblichen Geschlechts ein völlig anderer Kerl ist. Dabei müsste er doch gar nicht so zurückhaltend sein. Durch seine sportlichen Erfolge sollte er ein gefestigtes Ego besitzen. Immerhin jubeln ihm wöchentlich Tausende von Fans zu, Frauen kreischen seinen Namen oder bemalen Plakate mit Botschaften für ihn. Ich kann nur von mir sprechen, aber mein Selbstwertgefühl würde Saltos schlagen, wenn ich an seiner Stelle wäre.

Außerdem braucht er sich nicht zu verstecken. Rein optisch betrachtet ist er ein wahrer Hingucker. Mason ist mindestens zwei Meter groß und äußerst durchtrainiert. Wenn er in seinem eng anliegenden Trikot auf dem Feld steht, bleibt kein Spielraum für Fantasie. Mehr als deutlich zeichnen sich seine Muskelstränge unter dem Stoff ab. Sein Gesicht ist äußerst markant und hat dadurch einen hohen Widererkennungswert, was bedeutet, dass er kein Nullachtfünfzehn-Typ ist. Masons dunkle, leicht lockige kurze Haare umrahmen seine männlichen Züge. Ein leichter Dreitagebart ziert seine Kinnpartie und seine warmen braunen Augen sind von einem feinen Kranz Lachfältchen umgeben. Wenn ich jemand wäre, der auf eine feste Beziehung aus ist, wäre Mason, natürlich bloß dem optischen Aspekt geschuldet, ein sicherer Kandidat für meine Datingliste. Allerdings müsste ich zusätzlich noch meinen Vorsatz über Bord werfen, dass ich niemals einen guten Freund date.

Olivia, die nur darauf lauert, dass ich mein Glas leere, schenkt sofort nach, sobald das erreicht ist.

„Was ist los mit dir? Bist du noch immer angekekst wegen der Zimmeraufteilung? Komm schon, lass die Grübeleien sein, stoß mit mir an und genieß den Abend.“

„Entschuldige, ich habe an die Arbeit gedacht“, flunkere ich. Seufzend beschließe ich, mich nur noch auf das Feiern zu konzentrieren und alles andere zu verdrängen, denn dafür sind wir schließlich hier. Um unsere Festplatten zu formatieren. Ich halte ihr meinen Becher entgegen und proste ihr zu. Zufrieden mit meinem Vorsatz lächele ich.

„Logan? Ich nehme an, du hast eine Location im Auge, die wir austesten müssen?“

„Logo, du bist nicht mit einem Amateur auf Tour, sondern mit einem Vollprofi“, entgegnet er, reckt seinen Daumen in die Höhe und nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.

Wesentlich entspannter lehne ich mich zurück, sinke tiefer in den bequemen Sitz ein, genieße meinen Whiskey, der mittlerweile gar nicht mehr so stark in meinem Rachen brennt, und lasse die ausgelassene Stimmung der anderen auf mich überspringen. Auch wenn das Wochenende nicht ganz optimal begonnen hat, werde ich ab sofort das Beste aus dem verbleibenden Rest machen und mich nicht mehr von meinen Gedanken ablenken lassen. Wir sind hier, um zu feiern, und genau das werde ich auch machen.

Es ist gar nicht so einfach, eine Bar zu finden, die den Ansprüchen aller genügt. Nicht, dass es uns in Las Vegas an Alternativen mangelt, aber an jeder Lokalität nörgelt jemand. Es ist zum Verrücktwerden. Wäre ich allein auf der Piste, hätte ich mich schon längst irgendwo eingefunden. Doch wie sagt man so schön? Viele Köche verderben den Brei.

„Ich verstehe es nicht, echt nicht. Warum trug der letzte Schuppen den Namen Bar, wenn sie doch bloß eine abgewandelte Version einer Spielhölle ist?“, beschwert sich Evelyn, als wir wieder in der Limousine sitzen. „Davon gibt es hier doch wahrlich genug, oder etwa nicht?

„Mag sein“, murmele ich kurz angebunden, da ich wirklich genervt davon bin, dass wir uns nirgends länger als fünf Minuten aufgehalten haben.

„Bist du mies drauf?“ Aufmerksam mustert Olivia mich, die mich selbst im Sitzen um mindestens zwanzig Zentimeter überragt, was auch nicht besonders schwer ist. Von den Mädels bin ich mit Abstand die Kleinste.

„Ich dachte, du willst einen Mann abschleppen? So wird das nichts. Mit einem solch griesgrämigen Gesichtsausdruck bekommen die Typen höchstens Angst vor dir und suchen das Weite. Lächeln, Süße, lächeln.“

„Dir scheinen falsche Informationen vorzuliegen. Heute will ich einfach nur meinen Spaß haben und mich betrinken. Das schaffe ich glücklicherweise ganz allein. Außerdem teile ich mir ein Zimmer mit Mason, was ein potenzieller Liebhaber mit Sicherheit nicht gerade antörnend finden würde. Daher werde ich mich mit Anschauen zufriedengeben müssen.“ Ich klinge wesentlich schlechter gelaunt, als ich eigentlich bin.

„Logan! Sag dem Fahrer, dass er hier anhalten soll“, brüllt Amelia über die Musik hinweg. Sie presst ihre kleine Stupsnase gegen die Fensterscheibe des Wagens und deutet mit dem Zeigefinger auf einen in Blitzlicht getauchten Club. „Wow, seht euch die Lichtershow an. Ist das nicht abgefahren?“

Damit ist mein Gespräch mit Olivia beendet, da die Limousine wenige Augenblicke später zum Stehen kommt. Bevor ich mich für meine patzige Antwort bei meiner Freundin entschuldigen kann, verlassen wir auch schon geschlossen den Wagen, um das Seductive Freedom