Dein eines, wildes, kostbares Leben - Jessi Kirby - E-Book

Dein eines, wildes, kostbares Leben E-Book

Jessi Kirby

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Beschreibung

"Sag mir, was hast du vor mit deinem einen, wilden und kostbaren Leben?" Diese Frage stellt ein Englischlehrer seiner Abschlussklasse. Die Antworten darf jeder in ein Tagebuch schreiben, das danach eingesammelt und zehn Jahre unter Verschluss gehalten wird. Die 17-jährige Parker Frost weiß zumindest, was man von ihr erwartet: zum Medizinstudium nach Stanford. Am besten mit dem Stipendium, das zu Ehren von Julianna und Shane eingerichtet wurde, die vor zehn Jahren nach einem Autounfall verschwanden. Als Parker durch Zufall das Tagebuch von Julianna findet und darin liest, ist sie erschüttert. Denn deren Leben stellt sich plötzlich ganz anders dar. Was geschah damals, in der Nacht des Unfalls? Und ist es möglich, dass Julianna noch am Leben ist? Das Ergründen von Juliannas Geheimnis bedeutet für Parker letztlich eine Reise zu ihrem innersten Selbst und zu dem, was sie wirklich will. Aus dem Englischen von Anja Herre.

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Seitenzahl: 361

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Jessi Kirby

Dein eines, wildes, kostbares Leben

Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Anja Herre

KOSMOS

Umschlaggestaltung Henry’s Lodge, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von

© Subbotina Anna/Shutterstock

Titel der amerikanischen Orginalausgabe: Golden

Original English language copyright © 2013, by Jessi Kirby

Published by arrangement with Simon & Schuster Books for Young Readers, an imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division.

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele

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Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und

Aktivitäten findest du unter kosmos.de

© 2014, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-440-14432-9

Übersetzung: Anja Herre

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Für meine Großmutter Marietta, die mich mit der einfachen Schönheit der Worte von Robert Frost bekannt gemacht hat, und meinen Großvater Gerard, der immer an meine eigenen Worte geglaubt hat.

Das Leben besteht aus vielen flüchtigen Momenten. Und aus Entscheidungen. Nicht alle sind wichtig oder von dauerhafter Bedeutung. Den Unterricht sausen lassen, um stattdessen das Gefühl von Freiheit zu schmecken, dieses eine Kleid für den Abschlussball auswählen, weil du darin einfach umwerfend aussiehst. Sogar die Nächte, in denen du dich von einem offenen Fenster wegstiehlst, auf Zehenspitzen zur Straße schleichst, wo ein Paar abgedunkelte Scheinwerfer und die Anziehungskraft von etwas Unentdecktem verlockend warten. Das alles sind eigentlich kleine Entscheidungen. Bedeutungslos, sobald man sie getroffen hat. Unschuldig.

Aber dann.

Dann gibt es diese andere Art von Moment. Die, in der unsere Entscheidung die Dinge unwiderruflich ändert. Ein Moment, den wir in einsamen Nächten wieder und wieder im Kopf durchspielen und nach einem Anzeichen dafür suchen, dass wir richtig gehandelt haben. Irgendein kleines Zeichen, das uns zeigt, dass die Wahrheit lange nicht so furchtbar ist, wie sie sich anfühlt. Oder so schlimm, wie sie jemand finden könnte, wenn er davon wüsste. So reden wir sie uns schön, rechtfertigen sie gerade genug, um einzuschlafen. Und dann vergraben wir sie tief, so tief, dass wir beinahe so tun können, als sei nie etwas passiert. Aber sosehr wir uns auch wünschen, es wäre anders: In Wahrheit schwankt unsere Welt zwischen den Entscheidungen, die wir treffen, und den Geheimnissen, die wir für uns behalten.

1

– To a Thinker, 1936

In unserer Stadt gibt es so etwas wie Geheimnisse nicht. Aber dieses hier behalte ich für mich, wenigstens für heute. Einmal, zweimal, dreimal falte ich den Brief und schiebe ihn in meine Hosentasche wie eine unendlich wertvolle Fahrkarte. Denn genau das ist er. Eine Fahrkarte in die Freiheit. In die Endauswahl für das Cruz-Farnetti-Stipendium zu kommen, ist meine Version eines Lottogewinns. Er bedeutet: Medizinstudium in Stanford und alles, wofür ich gearbeitet habe.

Eisiger Wind brennt meine Wangen rot, als ich über den Schulparkplatz laufe, und ich verfluche den Wetteransager Johnny Mountain dafür, dass er recht hatte, als er den verspäteten Frühlingssturm vorhersagte. Wenn der beißende Wind und die wirbelnden weißen Flocken irgendeine Ankündigung sind, könnte es sein, dass wir unseren Abschluss im Schnee feiern. So hatte ich mir das eigentlich ganz und gar nicht vorgestellt. Aber heute finde ich es nicht so schlimm. Heute platzen der Wind und ich zusammen durch die Flügeltüren, und er trägt mich wie jemanden, der Großes vorhat. Denn jetzt ist es offiziell. Ich bin so jemand.

Kat steht schon vor meinem Spind, als ich ankomme, und ich zögere einen Moment lang. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Ihre Augen wandern an mir herab und sie fängt an zu lächeln. »Du siehst aus, als wärst du gut drauf.« Es ist mehr freundlicher Vorwurf als lässige Begrüßung, und sie betont es, indem sie sich an das blaue Metall der Schließfächer lehnt und erwartungsvoll guckt.

»Was? Darf ich nicht gut gelaunt sein?« Ich greife um sie herum, drehe am Schloss, ohne auf die Zahlen zu sehen, und versuche, mein Lächeln zu verbergen.

Sie zuckt mit den Schultern und geht beiseite. »Ich nicht. Dieses Wetter kotzt mich an. Mountain sagt, das wird der schlimmste Sturm seit zehn Jahren oder irgend so ein Mist. Ich hab so die Nase voll von Schnee. Es ist Mai. Wir sollten kurze Hosen und Tops tragen anstatt … so was.« Voller Verachtung betrachtet sie ihr Outfit.

»Ach komm schon«, sage ich und versuche, die Gedanken an die roten Dächer und den schneefreien Wind von Stanford zu verdrängen, »du siehst trotzdem süß aus.«

Kat verdreht die Augen, aber ihre Schultern straffen sich ein kleines bisschen, und deshalb weiß ich, dass sie genau das hören wollte. Wie sie lässig dasteht, in ihren hautengen Jeans, den hohen Stiefeln und einem Top, dessen einer Träger perfekt über ihre Schulter rutscht und einen schwarzen Spitzen-BH-Träger enthüllt. Eigentlich ist süß nicht der richtige Ausdruck. Süß war sie wahrscheinlich das letzte Mal in der Grundschule. Als wir in die Siebte kamen, war sie scharf in sämtlichen Variationen, nicht nur wegen ihrer langen, kastanienbraunen Haare. In dem Jahr taufte Trevor Collins uns »Feuer und Eis« und der Name blieb hängen. Erst dachte ich, die ganze »Eis«-Sache hätte was mit meinem Nachnamen zu tun (Frost) oder vielleicht mit meiner Augenfarbe (blau), aber im Laufe der Zeit wurde immer klarer, dass er das nicht meinte. Überhaupt nicht.

Kat klappt meine Spindtür mit einer sekundenschnellen Drehung ihres Handgelenks zu, sobald ich sie aufgeschlossen habe. »Also. Heute ist ein Aushilfslehrer für Peters da, ein echt schnuckliger, für den ich normalerweise sogar hierbleiben würde. Aber ich hab Hunger und Lane arbeitet heute im Kismet. Lass uns abhauen und was essen gehen. Er spendiert uns Getränke und ich bring dich pünktlich zur zweiten Stunde wieder hierher. Versprochen.« Gerade will sie ein weiteres Argument anführen, warum ich mit ihr schwänzen sollte, als Trevor Collins auftaucht. Selbst nach Jahren nenne ich ihn in Gedanken immer noch so. Trevor Collins. Es war die Art, wie er sich vorstellte, als er mit einnehmendem Lächeln, natürlichem Charme und dem dazu passenden Selbstbewusstsein in die siebte Klasse der Lakes High kam. Sein Blick streift mich, nicht Kat, und Hitze wallt in meinen Wangen hoch. »Hey, Frost. Siehst ja unverschämt aus heute. Lust auf ein Abenteuer?« Er lässt ein Schlüsselband vor meinem Gesicht baumeln und um seine Mundwinkel zuckt ein Lächeln. »Ich hab die Schlüssel zum Kunstkabuff und ich könnte dich zurückbringen, noch bevor die erste Stunde anfängt. Versprochen.« Sein Lächeln zeigt mir, dass er Witze macht, aber eine Sekunde lang frage ich mich, was passieren würde, wenn ich tatsächlich irgendwann mal Ja sagte.

Ich erwidere seinen Blick, ganz kurz nur, bevor ich meinen Spind aufmache, sodass die Tür eine Wand zwischen uns bildet, und liefere die beste Nachahmung von desinteressiertem Sarkasmus ab, die ich hinbekomme. »Verführerisch.« Aber mit seinen schwarz gefärbten Haaren und seinen stahlblauen Augen ist es das tatsächlich irgendwie. Ich habe keinerlei Zweifel, dass ein Abstecher mit ihm ins Kunstkabuff eine Erfahrung wäre. Die Hälfte der Mädchen an der Lakes High würde das wahrscheinlich bestätigen, und genau aus diesem Grund wird es niemals passieren. Ich betrachte es gern als eines meiner Prinzipien. Und als Anspruch an mich selbst. Außerdem ist das unser Spielchen, seit wir an dieser Schule sind, und ich mag es, dieses Gefühl von Möglichkeit, das zwischen uns steht. Meiner Erfahrung nach ist das fast immer besser als die Wirklichkeit.

Kat wirft ihm eine Kusshand zu, um ihn zu verabschieden. »Sie kann nicht. Wir gehen Kaffee trinken. Außerdem ist sie zu gut für dich. Und du hast eine Freundin, Arschloch.« Das kommt noch hinzu, erinnere ich mich selbst. Aber ich habe Trevors Freundinnen noch nie ernst genommen, weil sie in der Regel nicht bis zu dem Zeitpunkt existieren, an dem man sie so bezeichnen könnte.

»Nein, bin ich nicht«, sage ich ein wenig zu abrupt. »Beim Kaffeetrinken dabei, meine ich.« Ich mache mein Schließfach zu. Trevor hebt eine Augenbraue und klimpert mit den Schlüsseln. »Ich, äh … ich kann Kinney heute nicht schwänzen. Er hat irgendein wichtiges Projekt für mich.« Gott, wie lahm.

Kat verdreht mit Nachdruck die Augen. »Du musst da nicht zwingend hin, wenn du die Hilfskraft des Lehrers bist und es nur noch ein paar Wochen bis zu den Ferien sind. Das ist dir schon klar, oder?«

»Du vielleicht nicht«, sage ich und mache dabei ihren klugscheißerischen Ton nach, »weil Chang keinen blassen Schimmer hat, dass sie überhaupt eine Hilfskraft hat. Kinney weiß aber ganz genau, dass ich da sein sollte.«

Es klingelt. Trevor macht einen Schritt zurück und klimpert wieder mit den Schlüsseln. »Die besten vier Minuten deines Lebens, Frost. Zum Ersten, zum Zweiten uuund …«

Grinsend winke ich ab und drehe mich wieder zu Kat, die mich mit ihrem Du-weißt-doch-dass-du-eigentlich-willst-Blick taxiert. »Niemals«, sage ich. Ich weiß, was als Nächstes folgt, und ich hoffe, das reicht aus, um es im Keim zu ersticken.

Tut es aber nicht, denn als wir gehen, stößt sie mit ihrer Hüfte gegen meine. »Komm schon, P. Du willst es doch auch. Er will schon ewig.«

»Nur, weil ich nicht will.«

»Vielleicht.« Sie zuckt mit den Schultern. »Trotzdem. Die Schule geht zu Ende und du wirst dir wünschen, du hättest wenigstens einmal etwas getan, was ich machen würde.«

An Mr Kinneys Tür bleibe ich stehen. Jetzt grinse ich. »Du meinst wohl eher, was du gemacht hast, oder? Denn ich erinnere mich sehr deutlich an meine beste Freundin, die als erstes Mädchen hier Trevor Collins geküsst hat.«

»Das war in der Siebten. Das zählt überhaupt nicht.«

Langsam breitet sich ein Grinsen in ihrem Gesicht aus. »Obwohl er für einen Siebtklässler ziemlich gut küssen konnte.«

Ich schaue sie nur an.

»Schon gut«, sagt Kat auf ihre melodramatische Art, die ihre permanente Enttäuschung ausdrückt, wann immer ich Entschlossenheit demonstriere. »Geh in den Unterricht. Verbring das letzte Jahr damit, den Typen anzuschmachten, den du innerhalb einer Sekunde haben könntest, wenn du bloß wolltest.« Als sie weggeht, haut sie mir auf den Hintern, genau auf die Stelle, wo der Brief steckt. Ganz kurz fühle ich mich schuldig, weil ich ihr nicht gesagt habe, dass aus der weit entfernten Möglichkeit Stanford eine ziemlich wahrscheinliche Wirklichkeit geworden ist. Aber Kat zu verlassen ist damit auch Wirklichkeit und ich glaube, keine von uns beiden ist bereit, darüber auch nur nachzudenken.

Als ich den Raum betrete, die Zukunft zusammengefaltet in meiner Hosentasche, kommt Kinney mit einer uralt aussehenden Kiste in den Händen auf mich zu. »Parker! Sehr gut. Ich bin froh, dass du kommst. Halt das mal.« Er wirft mir die Kiste praktisch in die Arme.

»Die Tagebücher der Abschlussklasse, von denen ich dir erzählt habe. Es ist an der Zeit, dass wir sie verschicken.« Seine Augen blitzen auf, als er das sagt. Deshalb lieben ihn seine Schüler. Er hält seine Versprechen.

Ich nicke. Zu mehr reicht es nicht, bevor er weiterredet. Kinney trinkt viel Kaffee. »Ich möchte, dass du sie durchsiehst, wie wir es besprochen haben. Vergleiche die Adressen mit dem Verzeichnis, was vermutlich die ganze Woche in Anspruch nehmen wird, dann besorg die Briefmarken, damit ich sie bis Ende des Monats verschicken kann, okay?« Als er den Satz beendet, ist er ein bisschen außer Atem. Aber so ist er immer, ein wenig nervös im besten Sinne: Ständig volle Geschwindigkeit, bereit, auf den Tisch zu springen, um seinen Standpunkt klarzumachen.

Bevor ich auch nur irgendeine Frage stellen kann, ist er schon an mir vorbeigelaufen, um seinen verschlafenen Schülern die Tür aufzuhalten. Die meisten sehen nicht gerade begeistert aus, aber Mr Kinney steht da mit seinem breiten Lächeln, schaut jeden einzelnen an und sagt »Guten Morgen«, und selbst die größten Muffel mit ihren Kapuzen auf dem Kopf grüßen zurück.

»Mr Kinney?« Ich schiebe die Kiste ein Stück beiseite, damit sie nicht im Weg steht. »Macht es Ihnen was aus, wenn ich die hier mit in die Bibliothek nehme und sie dort durcharbeite?«

»Ganz und gar nicht.« Er zwinkert mir zu und geleitet mich mit einer schwungvollen Geste hinaus. »Wir sehen uns nach der Stunde.« Wie aufs Stichwort klingelt es zum letzten Mal und ohne ein weiteres Wort schließt er die Klassentür.

Einen Moment stehe ich auf dem jetzt leeren Flur und sehe durch das schmale Fenster in der Tür, wie die Schüler ihre Hefte hervorholen, um die tägliche Schreibaufgabe zu bearbeiten, an die sie sich mit der Zeit gewöhnt haben. Manchmal ist es ein Kunstwerk, manchmal eine Frage oder ein Zitat, das er in den Raum wirft, damit sie es erläutern. Heute ist es ein Gedicht, eines, das mir zutiefst vertraut ist, weil mein Vater immer behauptet, dass wir irgendwie, vielleicht, über viele, viele Ecken mit dem Dichter verwandt seien.

Langsam lese ich die acht Verse, obwohl ich sie auswendig kann. Aber heute bleiben sie in meinem Kopf hängen – schwer. Vielleicht liegt es am kalten, wirbelnden Wind draußen oder an der Tatsache, dass so viele Dinge in meinem Leben sich bald ändern werden. Aber während ich sie lese, möchte ich mich fast selbst daran erinnern, dass die Dinge noch lange nicht wahr sind, nur weil jemand sie aufgeschrieben hat. Ich würde niemals glauben wollen, dass sie wahr sind. Denn um es mit Robert Frost zu sagen, »nichts ist von Dauer«.

2

»Der Wind blätterte in meinem offenen Buche, als ob er darin nach Worten suche.« – A Cloud Shadow, 1942

Das Klebeband, das die Kiste mit Tagebüchern versiegelt, reißt mit einem krachenden Geräusch, als ich mit dem Kugelschreiber hineinsteche. Ms Moore, die Bibliothekarin, blickt kurz von ihrem Computerbildschirm hoch und scannt dann weiter Bücher in einem schnellen Rhythmus von Pieptönen, wie im Supermarkt. Ich war schon oft hier, um Projekte für Mr Kinney zu bearbeiten, deshalb fragt sie nicht weiter nach. Ich mache es mir gemütlich, freue mich über diese kleinen Freiheiten, aber als ich die geöffnete Schachtel vollgestopft mit Briefumschlägen sehe und mir aufgeht, wie nervig es sein wird, jede einzelne Adresse herauszufinden, wünscht sich eine Hälfte von mir, ich hätte Kats Angebot angenommen.

Die andere Hälfte hätte gern Mr Kinney in Englisch, anstatt nur seine Hilfskraft zu sein. Dann wäre ich Teil des Ganzen. Jedes Jahr macht er eine Riesensache daraus, seinen Schülern im Abschlussjahrgang nach den Frühjahrsferien ein schwarz-weiß gemasertes Notizbuch zu schenken. Die einzige Aufgabe für den Rest des Jahres besteht darin hineinzuschreiben. Es mit Worten zu füllen, die ein Bild davon vermitteln, wer sie sind, mit Dingen, die sie später vielleicht vergessen werden und auf die sie nach vielen Jahren zurückschauen können. Eine Art Brief an ihr zukünftiges Ich. Das weiß ich, weil Kat Kinney gekriegt hat und von dem Tag an, als sie ihr Notizbuch bekam, wie besessen hineinschrieb, was komisch ist, weil ihr Hausaufgaben, die benotet werden, ziemlich egal sind, ganz zu schweigen von Arbeiten, die keine Punkte einbringen.

Aber genau darin zeigt sich Mr Kinneys Genie. Ihm ist bewusst, dass wir alle ein bisschen egozentrisch sind. Das ist menschlich. Wenn also seine Schüler eine Möglichkeit sehen, etwas zu bewahren, was ihnen an sich selbst wichtig und wertvoll erscheint, dann tun sie das. Am Tag der Abschlussfeier geben sie die Notizbücher ab, versiegelt mit Hoffnung, Stolz und Verschwiegenheit. Und zehn Sommer später erhalten eben jene Jugendlichen, aus denen dann ernst zu nehmende Erwachsene geworden sind, ein kleines Kapitel aus ihrem Teenagerleben per Post.

Ich weiß, wenn ich ihn fragen würde, würde er mir auch ein Buch geben und mich mitmachen lassen, damit ich in einem Jahrzehnt die Worte meines siebzehnjährigen Ichs lesen könnte. Ich habe schon oft darüber nachgedacht. Aber jedes Mal ende ich wieder beim selben Gedanken – was, wenn ich in zehn Jahren die Möglichkeit habe zu lesen, wer ich war, und es bereue? Wenn ich es lese und durch all die Erfolge hindurch die Dinge sehen kann, die ich verpasst habe, während ich damit beschäftigt war, ebenjenen Erfolgen nachzujagen? Vielleicht würde ich mir wünschen, ich hätte es anders gemacht.

Die Umschläge in der Kiste sind ordentlich aufgereiht und mit intaktem, durchsichtigem Klebeband über jeder Klappe verschlossen. Mr Kinney macht dieses Projekt schon so lange, dass, selbst wenn er anfänglich neugierig gewesen sein und einen Blick hineingeworfen haben sollte, die Ergüsse seiner Schüler vermutlich nicht allzu lange seine Aufmerksamkeit gefesselt haben.

Ich greife mir den ersten Stapel, trage ihn zum Computer und gebe Kinneys Passwort ein. Sobald ich im Alumniverzeichnis bin, gehen die ersten paar Adressen schnell, da sie alphabetisch sortiert sind und es sich um Postfächer handelt, die sich laut Computer nicht geändert haben. Das ist keine große Überraschung, denn viele Leute ziehen nie ganz aus der Stadt weg. Ein oder zwei Namen kommen mir vage bekannt vor, aber ich könnte keine Gesichter zuordnen. Hier ist zwar alles klein, aber nicht klein genug, um jeden zu kennen. Andererseits kann es sich so anfühlen, als würde einen jeder kennen. Oder, wie in meinem Fall, meine Mutter.

Ich gehe die ersten paar Namen durch und ziemlich bald habe ich einen Rhythmus und ein System und kann Adressen prüfen und gleichzeitig vor mich hin träumen. Abgesehen davon, dass Stanford jetzt gerade nicht als Tagträumerei durchgeht. Seit gestern, als ich den dünnen Umschlag von der Cruz-Stiftung im Briefkasten fand, fühlt es sich unendlich viel realer an. Ganz anders als die schriftliche Zusage der Stanford-Universität, die vor Monaten kam. Die Aufregung und Erleichterung, die dieser Brief brachte, wurden von dem Wissen getrübt, dass hunderttausende von Dollar zwischen dem Angenommenwerden und der Möglichkeit stehen, auch tatsächlich dort zu studieren. Aus diesem Grund verbrachte ich jede wache Minute meines Lebens damit, nach Wegen zu suchen, um diesen Traum wahr zu machen.

Und jetzt habe ich einen Weg in meiner Hosentasche. Deshalb spiele ich, anstatt Zahlen in meinem Kopf zu addieren oder mich zu fragen, ob ich den Bewerbungsaufsatz noch einmal hätte überarbeiten sollen, die Begegnung mit Trevor heute Morgen noch einmal durch. Und überarbeite stattdessen sie. In dieser neuen Version bin ich diejenige, die eine Augenbraue hochzieht, als er mit den Schlüsseln vor meinem Gesicht wedelt. Ich nehme sie ihm aus der Hand und führe ihn, der sprachlos ist, zum Kunstkabuff.

Ich war noch nie da drin, aber in meinem Kopf ist es nur schwach beleuchtet, mit Farbtuben und Kaffeedosen voller Pinsel aufgereiht in den Regalen – Dinge, die auf den Boden krachen würden, wenn ich den Mut besäße, seinen Blick länger als eine Sekunde zu erwidern. Und da es mein Tagtraum ist, bin ich das und tue es. Trevor lächelt mich in Zeitlupe an, während er seinen Kopf neigt, um mich nach sechs Jahren voller verpasster Chancen zu küssen, und –

Der Name auf dem nächsten Umschlag reißt mich wie ein Gummiband zurück in die Gegenwart. Ich starre. Atme. Starre weiter.

Julianna Farnetti.

Ich sehe mich um, mir ist kalt. Das kann nicht stimmen. Aber da liegt er vor mir, mit schwarzer Tinte in großen Bögen geschrieben, genauso wundervoll, wie sie war. Mein erster Impuls ist nachzuschauen, ob es irgendjemand gesehen hat. Die Uhrzeiger schieben die Sekunden weg. Ein paar jüngere Mädchen tun so, als würden sie in einer Reihe von Stapeln nach Büchern suchen. Ms Moore beobachtet sie von ihrem Platz hinter dem Computer und die Bibliotheksaushilfe, ein geradezu tragisch nerdiger Junge namens Jake, stellt ein Buch ins Regal zurück und streicht zum millionsten Mal ordnend über die Bücher drum herum. Niemand beachtet mich, aber plötzlich bin ich nervös, weil ich etwas in den Händen halte, das ich besser nicht hätte. Als hätte ich mit den Fingern einen Geist berührt. Und das habe ich definitiv.

Jede Stadt hat ihre Geschichten. Geschichten, die schon so oft und von so vielen verschiedenen Menschen erzählt wurden, dass sie sich als die Wahrheit ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben. Julianna Farnetti ist eine dieser Geschichten. Shane Cruz ist die andere. Und ihre gemeinsame Geschichte ist eine der Vollkommenheit, verloren auf einer vereisten Straße. Sie waren eines dieser perfekten Paare, die Art von Leuten, die man gleichzeitig bewundert und beneidet. Dafür bestimmt, bis in alle Ewigkeit zusammen zu sein. Ein wahr gewordener Teenagertraum.

Und die Zeit steht still auf dem großen Plakat am Stadtrand, wo jeder sie sehen kann. Hinter einer dicken Schicht aus Plexiglas, die alle paar Jahre ausgetauscht wird, lächeln sie von ihren Abschlussklassenporträts, als wüssten sie nicht, dass die Leute aufgehört haben, nach ihnen zu suchen. Irgendwann wechselte die Inschrift von VERMISST zu IN LIEBEVOLLER ERINNERUNG AN und ich kann mich daran erinnern, wie traurig das war, aber es musste sein. Ihre Eltern beerdigten leere Särge.

In der Sporthalle hängt immer noch die Gedenkplatte mit einem Bild von Shane und Julianna. Er hat seine in die Robe gehüllten Arme um ihre Schultern geschlungen und ihre Kappe sitzt schief auf ihrem blond gelockten Haar, und sie lachen beide, als wäre dies der Anfang ihres Lebens. Seine Familie gründete die Stiftung. Ihre verließ die Stadt. Und noch immer, nach zehn Jahren, lächeln sie diese gefrorenen Lächeln, die niemals älter werden. Gefangen hinter Glas und in den Geschichten, die wir uns ausdenken, darüber, was passiert sein könnte.

Wieder schaue ich nach unten, um sicherzugehen. In meiner Hand liegt Julianna Farnettis Abschlussklassentagebuch. Seiten, die sie schrieb, bevor all das passierte. Als die Welt ihr noch zu Füßen lag. Als Mr Kinney ihr aufgab, sich selbst in Worte zu fassen, die sie später lesen könnte.

Auf dem Umschlag steht ein Postfach, aber das ist wertlos. Keiner aus ihrer Familie lebt mehr hier und ich kann es ihnen nicht verdenken. Noch lange danach redeten die Leute. Spekulierten. Forschten nach. Schließlich wurde der Fall zu den Akten gelegt und aus ihr und Shane wurde eine weitere Stadtgeschichte, die in stürmischen Winternächten den Weg zurück an die Oberfläche findet. Und vor jeder Abschlussfeier natürlich. Wenn die Summit Times ihrer in der Ausgabe gedenkt, in der es um die aktuelle Abschlussklasse geht. Eben dann erinnern sich die altgedienten Rettungskräfte bei einer Tasse Kaffee an den heftigen Sturm in jener Nacht, als die beiden verschwanden. Diejenigen, die Shanes zerquetschten Jeep am Boden der Schlucht entdeckten, halb im eisigen Fluss versunken, erzählen von ihren Füßen, die in der Sekunde fast erfroren, als sie hineinsprangen, um die Teenager zu retten, die bestimmt noch im Auto eingesperrt waren. Dabei schütteln sie die Köpfe, murmeln vielleicht: »So schrecklich«, und gehen wieder ihrem Alltagsgeschäft nach, weil sie nicht zu lange in der Erinnerung daran verharren wollen.

Ich atme langsam, drehe den Umschlag in meiner Hand um und schaue prüfend die Klappe an, die noch immer versiegelt ist. Wieso hat niemand daran gedacht, danach zu fragen? Warum hat Mr Kinney ihn nicht aufgemacht? Nicht einmal aus Neugier über dieses Mädchen, das zu einer Legende geworden ist. Vielleicht war ihm gar nicht klar, dass er bei den anderen lag. Oder vielleicht doch, aber er ließ es sein, aus Respekt, als die offizielle Bekanntmachung kam, sie seien den Fluss hinab- und in den Summit Lake getrieben worden, wo die Suche wegen der stechenden Kälte und der steil abfallenden Wassertiefe beendet werden musste. Danach war es sicher zu traurig. Wie Romeo und Julia lesen und die ganze Zeit über wissen, wie es ausgeht.

Wieder drehe ich den Umschlag auf die Seite mit ihrem Namen und fahre mit dem Finger darüber, bin hin- und hergerissen. Das einzig Richtige wäre, ihn Mr Kinney zu geben und ihn entscheiden zu lassen, was er damit machen will. Ich erlaube mir nicht einmal, darüber nachzudenken, es tatsächlich zu lesen. Das wäre aus so vielen Gründen falsch.

Oder?

Es ist wie Geschichte in einem wattierten Umschlag. Etwas, das bewahrt werden sollte. Mein Herz schlägt ein wenig schneller.

Wenn Kat hier wäre, würde sie ihn innerhalb einer Sekunde an sich nehmen. Sie würde nicht mal mit dem Öffnen abwarten. Ich wäre diejenige, die darauf bestehen würde, ihn wieder zurückzulegen, denn so bin ich. Dies ist meine Rolle – das Gewissen ihrer Verführungen, die Vernunft ihrer Impulsivität. Von dieser Rolle soll ich immer Abstand nehmen, wenn es nach ihr geht, wenigstens ein bisschen. Ständig redet sie über die entscheidenden Augenblicke im Leben – winzige Momente, die entweder an einem vorbeiziehen oder an irgendeinem Punkt eine dramatische Veränderung auslösen, je nachdem, was man daraus macht. Das hier ist einer dieser Momente.

Ich weiß, dass es falsch ist, ihn mitzunehmen. Aber etwas in mir entscheidet sich dennoch dafür, und zwar so schnell und entschlossen, dass ich keine Zeit habe, meine Meinung zu ändern. Die Stunde ist fast vorbei, also schiebe ich Juliannas Tagebuch ganz unten in den Stapel und trage diesen zurück zu dem Tisch, auf dem die Kiste und mein Rucksack unbehelligt liegen. Höflich lächle ich Ms Moore an, als sie aufschaut. Und als sie sich wieder ihrer Arbeit widmet, atme ich tief durch, lasse den untersten Umschlag in meinen Rucksack gleiten und mache rasch den Reißverschluss zu. Das Klingeln besiegelt meine Entscheidung und ich muss mich beeilen, um die übrigen Notizbücher wieder in die Schachtel zu packen und sie Mr Kinney zurückzubringen, so als sei dies ein ganz normaler Tag und ein ganz normales Projekt. Aber als ich mit der Kiste in den Händen und dem gestohlenen Umschlag in meiner Tasche auf den Flur trete, habe ich das Gefühl, als ginge ich einen neuen Weg. Einen, den ich noch nie zuvor gegangen bin.

3

»Dem Leben gebieten, das Jetzt zu fassen? Ist es doch kaum im Hier zugegen, träumt von zukünftigen Tagen, doch noch weniger kann es lassen, am Vergangenen sich zu laben.« – Carpe diem, 1938

Ich ziehe einen roten Stuhl mit einem aufgemalten Sonnenwirbel heran und setze mich mit meinem Chai hin. Versuche, beiläufig zu klingen. »Weißt du, wo Julianna Farnettis Familie hingezogen ist?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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